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Full text of "Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft"

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— 


MUSKEGON, MICHIGAN 
May 25m 1888. 





NrAR I IDDADTS 


— 





Ber Salon 
für Lileralut, Kunſt und Geſellſchaſt 


Herausgegeben 


3. 8. Payne 


Sand 1. 1889. 


Seipzig- Reudnitz, 
Verlag von A. 9. Payne 
1889, 





Ss 144 Ar [a y Sülrenr, 


u 


/ 


Inhalt des erſten Bandes. 


Des {höne Wälberfind. Ein Lebenebilb von Benno Rüttenaner . . . 
Eine unkefannte Boffsliteratur. Bon Guſtav Karpeled. . . .... 18 














Bilder aus Weft-Gibirien. Bon Dr. Hermann —B nn 32 
Auferflanden. Novelfette von T. Tihärnan. . . Pa} 
Theodor Storm. Bon P. Aamufjen . - . ....68 
Unwiberftehlih. Gedicht von A. von Reigenau . ...78 
Die Berliner Kunſtausſtellung. Bon Robert Diette Pau ER 7T 
Lieb. Bon Rudolf Knuffert. . . . . Pa} 
Aus Defterreih. Reiſeſtige von * FH... ”“ 
Iagdglüd. Eine Sportgeihichte. Von Waldemar Stropp FE 121 
Rahllänge an Bayreuth. Bon Ferdinand Bfohl-keipig . - . . . . 134 
Das moderne nordiſche Drama. Bon Joh. Beterfen. . 2... . 155 
Ein Bogel. Cebit von Benno Rüttenaner . . 2 2 2 =... 167 
Cine vornehme Heirat. Bon Ludwig Haleoy . . 2... 168 
Logerfeben in den Prärien. Bon A. 9. son ven. 188 
Im Balve. Gediht von D. Saul . . EEE 
Ein Literarhiforiler. Bon Mar Bogler 2.22.0202... 206 
Meertraum. Gedicht von Hermann dirfhfeld. . 211 
Die Iubiliums-Gewerbe-Ausfellung in Wien. Bon Mar: » Beißentpurn 212 
Der Than. Gedicht von Rudolf Knuffert . . .. 218 
zu Kaſernengeſpenſt. Humoresle von Karl Georges en. 2a 
Die Berggnelle. Gedicht von Frida Schwab . 209 
Emf von Wildenbrud als dramatiſcher Dichter. Aritiſche Sri von aan 
Branfemetter . . . 2 
Die Iefpten Tage volieirts. Vor Richard George EEE 
Menjenthum. Gedicht von Alfreb Friedmann . . . 2.2... . 


Zaube Bliten. Bon Clara Müller-Colberg. 

Meflolins. Gedicht von Hermann Hirfhfeld . 

Ueber dwörter. Bon Dr. Karl Banli . . 

Bhotographien aus dem Offiziersleben. Bon A. von Geridorf 

Frida von Schüg. Bon Anna Löhn-Siegel . . . 

Münden im Jahre 1888. Bon Adolf Sleiigmann. 

Eine Beiberlaune. Bon Natalie Gluth . 

Karl Guttomw und das Gutztow · Dentmal Bon Dr. Aboiph eobut 

Zu dienen ber Kunſt. Gedicht von Wilhelm Arent . . 

Abmont. Bon A. €. 9. Röttinger . . 

Eine Mutter. Nah dem Dänifhen von A. Steenbuch 

Zauber der Weihenacht. Gedicht von Wilhelm Arent 

Auf Capri. Plaudereien von Anton Andrea . . 

Friedrich Hölverlin. Ein Lebensbilb von Dr. Emil Traut 

Sharon. Gedicht von Zantippus . . 

Beitskitner aus dem Südoflen Europas. Bon Some von Tolt- Boron 
auenhand. Bon Baronin Gildern 
g in Berlin. Eine Studie von C. Trog 
Schreiber. Roveliette von dermance » er 
12 — 1888. Bon . 
und Jung. Bon ©. Kalmar ! 
ber Scheidung. Novelle von Eduard Müller . 
drei Verbrechen. Gedicht von Benno Rüttenauer . 
"iler a aus dem Süboften Europas. don Ku, von Zreit voron 

aß). - 




















Stite 
Ein Genoſſe und Maler der Genies. Bon Dr. Adolph Kohut. ..*. 630 
Mumenſchanz. Gedicht von Rihard George . . . . 641 
Der Bater des modernen Klavierſpiels. Bon A. von Win terfel BD. 642 
Marianela. Novelle von Perez Goldos. Dem ‚Spanifen naderzäßtt ı von 
Emil Jonas. . . 649 
Henriette He. Bon Kigard George » 668 
Aus alter Zeit ber Fiſcherei B . 678 
&8 war ein Traum! Bon I. Engei “. . 684 
An Adalbert Mattomely. Bon W. Arent. 693 
B 64 


Die Soffioni. Bon P. Beterjen 
Am Kamin. 220. 
Neueſte Moden .. . 


"96. 219. 338." 453. 586. 699 
113. 233.. 353. 473. 593. 709 


Aunfblätter. 


Stilivergnügt. Nah einem Driginal- 
gemälde von Mathias Symib. 

Auf Recognoseirung. Nah einem Dri- 
ginalgemäfde von ‚Theodor Breid- 
w 

Bie mir, fo ih Dir! Nad einem 
Driginalgemälde von C. Reichert. 

Anfiht von Gahburg. 

Dirndl und Dadjferl, Nach einem Ori- 
ginalgemäfbe von Adolf Eberle. 
Allein zu Haus. Nad einem Driginal« 

gemälde von Th. Kleehaas. 
Unentfcieben. 
Die Befalin. 
Sonnenuntergang: Rach einem Original. 
gemäfde von R. Reinede. 
Eine Rovität. Nah eimem Drigmal- 
„gemälbe von 9. Kotfchenreiter. 
in Brü ch einem Original- 
—8 von H. Kotſchenreiter. 
Mutter und Kind. Nach einem Driginal- 
gemälde von’®. Laeverenz. 
Neujahrs- Bilder. Nah einer Original- 
jeihnung von Wilhelm Grögler. 





Im der Chriſtnacht. Nach einer Originaf- 
zeihnung von Wilhelm Grögler. 

Karl Gutzkows Porträtbüfte vom Ongkor- 
Dentmal in Dresden. 

Sefpenftergefhichten. Nach einem Ori- 
ginalgemälde von Alfred Seifert. 

Murillos „Unbefledte Eimpfängnig". 

Bor der Soiree. Nach einem Driginal- 
gemälbe von Fr. Sonberland. 

So zielte ich! Nach einem Originalgemälbe 
von Abolf Eberte. 

Die Berbfüfften. Nach einem Originale 
gemälbe von Mar Liebling. 

Einen Gruß an beinen Herm. Nah 
einem Driginalgemäfde von Carl 
Radler. 

Männertren, Nach einem Originalgemäfbe 
von Jac. Leiften. 

Neuigkeiten. Rad) einem Originalgemälbe 
von Heinz. Loſſow. 

Gemſen auf ber Flucht vor bem Adler. 
Nah einem Vriginalgemälde von 
Morig Müller. 


—— 


Deine, Google 








Das ſchöne Wälderkind. 
Ein Lebensbild von Benno Rültenauer. 
L 
ın jchrieb in der Chriftenheit 1789. In der Niefenmwelt- 
ftadt an der Seine, im Herzen der europäijchen Civilifation, 
wie fie ſich felber nennt, fündigten immer uneubigere Bulfe, 
immer aufgeregtere, ftürmifchere Herzichläge bereit# die 
Krifis einer gewaltigen Krankheit an. In dem heiter grünen Winkel 
des Schwarzwaldes, in der reinlichen, ländlich idylliſchen Stadt des 
Breisgaus |pürte man noch nichts davon. 

er blaue Himmel, eine goldene ——— und der Schloß⸗ 
berg mit ſeinen Blütenhecken lachten ſo freundlich als je über Frei— 
burg und ſeinem Münſter und ſchienen fo wenig als die harmloſen 
Leute unten in den Gafjen, Werkftätten, Schreibftuben und Wein- 
häufern eine Ahnung von ben welterfchütternden Ereignifjen zu 

haben, welche dieſer Menfchenwelt fo nahe bevorftanden. 


Die reinliche Salzgafje hinunter war fo heimlich), fo ftil. Der . 


are Rinnenbach, welcher von der Dreifam her hindurch fließt, machte 
zeitweilig das einzige Geräufch hier. - Die Straße hatte ein vor- 
nehmes Ausfehen, nicht weniger die Häufer darin, der PBalaft der 
Öfterreichifchen Regierung, die Stabthöfe derer von Kageneck und 
Zandenberg und beſonders der ſchwere, rothfandfteinerne Renaifjance- . 
bau des Sifingifchen Palais mit feinem antiken Giebel und feiner 
verſchwommenen, zwergartigen Rokokoſkulptur auf ber Höhe bes 
Firftes. Vornehm fahen auch die beiden Männer aus, die in der 
Rähe des Palais in einem bejcheibenen Bürgerhauſe am offenen 
jenjter faßen. 

Es war ein kindlich offenes, jonnigheiteres Geficht, das des 
inen Mannes. Der ſchöne Frühlingsmorgen war nicht freundlicher 
als die Züge in diefem Geficht, als diefe findlichen Augen, aus denen 
ine frohjelige, janfte Begeifterung ihre Reflexe ſpielen ließ, wie das 
Betterleuchten eines eben durch die Seele gezogenen Gedankens. Die 
ganze Haltung des ſchwächlich ſcheinenden Körpers, der im einen 

Der Salon 1889. Heft I. Banb IL ı 


Bas ſchõne Wälderkind. 


weichen Schlafrof mit rofarothen Umſchlägen 
einen altväteriihen Armftuhl Hingegoffen war, 
ck faft weiblicher Weichheit und einer gewiſſen pe 
gkeit. Wollendet wurde dieſes Bild häuslicher Be— 
ie grüne, wollene Mütze, die behäbig nad) hinten 
in ihrer Form nicht undeutlih an die Kopfbe- 
womit man ben Dichter Petrarfa abgebildet fieht 
auch daran erinnern follte; denn der Mann, der 
ein Dichter, der die Liebe befungen und der mit 
deutfchen Anakreon ſich wohl neben einen Petrarka 
Im gemeinen Leben war er der Hofrath und Pro- 
rg Jakobi. 

ver bildete einen durchgreifenben, ſehr interefjanten 
zierlih weichlichen Erſcheinung dieſes deutſchen 
it, Beſtimmtheit, und ein energiſcher Wille ſprachen 
erben, aber ungemein wohlwollenden männlichen 
anze Gejtalt uni ‚Saltung, die durch den kühnen 
tichen, j weren Ueberrods nur gewinnen konnten, 
ſich felbjt ruhenden, fertigen Charakter an. Diejer 
jeheimrath Koffer, markgräflich badifcher Ober» 


E en. 

lieber Schloffer“, fagte Jakobi, erwartungsvoll zu 

(idend, „Sie haben fie geſehen? Und ich genieße 

Glückes. Beneiden Sie mic, nicht darum, befter 

ıen mein Herz, Sie willen, daß ich nie mempfinb- 

3 Schöne, nie und doch — Sie werben vielleicht 

t Frevel gegen mein poetifcies Schaffen, gegen 

enius ift — feit ich dieſes Mädchen täglich ſehe, 

ichmal vor, als ob feither alles nur ein Spielen 1 

ngen geweſen wäre, ein leeres, lächerliches Spiel, { 

nich erſt gelehrt hätte, was es heißt, das Schöne 1 
feiner anyen Wahrheit und Unmittelbarfeit, in ! 

digen et ichfeit im warmen Herzen lebendig und 

pfinden.... Nein, feien Sie unbejorgt, ich bin 

er. Das Mädchen da drüben eh mic) ja eigent- 

[ber ift e8 meine Schuld, daß fie mir wie eine 

‚und e3 mir felig Bi Muthe wird, wenn ich ihr 

ht jehe? Das ift der Zauber des Göttlichen, er 
Zuthun, und fteht nicht in der Macht unferes 

3 jehen Sie, die Süße erfcheint oben am ſter 

, fie ſteigt auf das Geſimſe, welch ein Fuͤßchen! 

e ſtreckt ſich auf den Zehen in ihren grünen Pan-- 
Sie nur, die zierlichen Knöchel, und darüber, 

indung! Was fagen Sie, verehrtefter Freund?“ 

1", antwortete Schloffer lächelnd, „doch... .“ 

t Iakobi, „eine Chloe, eine Daphne, eine Naide ift 

yejehen, wie leicht, wie fylphenhaft fie die, Gaſſe 

Y 






Bas ſchõne Wälderkind. 3 


herauf fam? Sie ſchwebte nur, und feine Spur von Kunft in allem, 
nur Natur, eine keuſche, göttliche Natur. Wie A: iös fie ihren 
feinen, ſchlanken Körper trägt! Ihr Gang. ift Hi Und diejes 
jiebliche, Eleine Köpfchen, dieſe tiefen, blauen, himmliſchen Augen, ül 
die fie immer die großen Wimpern heruntergejenft Hat, wie heilige 
Vorhänge vor dem Allerheiligften eines ſüßen Gottesgeheimnifjes.“ 

offer Elopfte dem Profeffor leicht auf die Sehutter „Sie 
fchwärmen, beſter Freund“, fagte er fcherzend, „aber dafür find 
Mr Poet und fehen die Dinge anders als wir andern GSterb- 

en.“ 


„Nie“, entgegnete der deutſche Anafreon nicht ohne Anflug von 
Empfindlicheit, „nie ift es mir in den Sinn gelommen, zu meinen, 
daß ſolche Weſen, wie fie in unfern Poefien leben, je in der wirt- 
lichen vorfamen. Da Hätten wir fie ja nicht erfunden, nicht 
erdichtet; denn darin befteht gerabe das Wejen der Poefie, daß die 
Welt, die fie und vorführt mit allen ihren Geftalten und Bildungen 
ein nur aus dem Gehirn bes Dichter Hervorgegangen ift und mur 
im Gedanken, nur in der Phantafie eriftirt, fo Hatte ich wenigſtens 
gemeint. Dieje Wr Schäferin aber ift Wirklichkeit, ift Tebendig und 
wahr, aber iſt fie bewegen nicht ebenſo poetifch ſchön wie nur je 
unfere erdichteten Scheingeftalten? Aber vielleicht vermag nur ein 


poetijches uge dies zu jehen.“ 
BGewiß — ie recht, mein Lieber“, verſetzte Schloſſer; „mas 
wir überzeugungsvoll empfinden, ift für uns Wirklichkeit und 
Wahrheit.“ 
Hier Ienfte das Geſpräch der beiden Freunde von feinem bis- 
herigen Tontreten Gegenftand ab und ging in abſtrakte Erörterungen 
ber. Aber bald benußte Jalobi eine eingetretene Paufe, um auf 
feine geheimen Lieblingsgedanken zurüdzulommen. 
„Meinen Sie nicht, befter Freund“, fagte er plöglich, indem er 
ohne ittlung auf das verlaſſene a zurüdfam, „meinen Sie 
Vermittli If das { Thema zurüdfe inen Si 
nicht, daß in einem fo herrfichen Körper auch ein ſüßer Geift fchlum- 
mere, ben zum Bewußtſein zu erweden eine göttliche Miffion fein 
müßte? Sie verftehen mich nicht, Tiebfter Schloffer, jeßte er Hinzu, fo 
will ich Ihnen jagen, daß ich an unfere Hirtin drüben denke, denn 
es widerfteht mir, fie anders zu nennen; ic) habe einen geheimen 
Blan mit ihr, ſchon der Gedanke daran entzückt mich, es giebt ein 
Mittel, fie in meinen Umgang zu ziehen.“ 
„Freund, Freund“, droht Schloffer mit erheucheltem Ernſt. „Sie 
1 eben doch nichts leichtfertiges im Schild führen... .“ 
Liebſier Schloffer, bei meinem Alter!“ wehrte Jakobi ab, nicht 
ı ne leife Berlegenheit. 
„Na, na“, meinte jener lachend. 
„Ach, ich Habe Sie mißverſtanden“, rief der Dichter mit Befrie— 
i gung, „Sie ſcherzen, nım ja, Sie fennen mic, zu gut, verehrtefter 
: reund, Sie wilfen, daß ich felbft in jüngeren Jahren von der Uns 
huld gefungen habe: 
« ı* 


4 Bas [chöne Wälderkind. 


Did ſoll ein Dichter nicht entweihen, 
Der gerne mit bem Amor fpielt - 
Und boch den Werth der Meieheit fühlt.“ 
Im diefem Augenblick ertönte die Tifchglode im anftoßenden 
Zimmer, und die Freunde erhoben ſich von ihren Sigen. 


I 


Nun war es fpät in der Nacht, die Salzgaffe hinunter war eine 
Lampe nad) der andern an ihrer ſchweren Stette a len um 
vom Lampenwärter außsgelöfcht zu werben. Tiefe Stille lag in der 
Straße, nur hier und hörte man durch das Dichte Dunkel der 
mondlofen Nacht die unfichern Tritte eines fpäten Nachtwandlers, 
und ber Rinnenbach, den die Dreifam durch die Salzgaffe ſchickt, 
machte jegt mit feinem feifen, faum hörbaren Flüftern erit recht das 
einige Geräufch in der nachtitillen Straße. 

Auch, in dem Sikingijchen Palais waren die Lichter nah und 
nad erloſchen, mit Ausnahme in einer Dachfammer gegen den Hof 
hinaus. Das Singige Heine Fenſter, welches das einjame Lichtlein 
an die äußere Welt verrieth, jtand offen. Man jcheute fich drinnen 
nicht vor dem fühlen Odem der finitern Schwarzwaldmainacht, die 
mit Ye tiefjhwarzblauen Mantel über der Stadt und dem Schloß- 
berg ſchwebte und mit ihrem hellen, weitjtrahlenden Jupiterauge fed- 
lich durch die enge Luke fchaute. Auch die Fledermäuſe, Die, ange- 
zogen von dem milden Lichtbündel, der wie mit einem warmen Athem- 
pauch aus ber Fenſterſpalte drang, geſpenſtiſch vorüber Hufchten, 

tauchten Feine Umftände zu machen und konnten fich alles anfehen, 
was drinnen in ber ftillen Kammer vorging. Die Zledermäufe, eine 
Frühlingsnacht und eine „Hirtin“ find alte Bekannte. 

Drinnen auf ſchmalem niederm Bettlein faß, Halb entHleidet, ein 
gerabe zur Jungfrau entiwideltes Mädchen, eine liebliche Erfcheinung, 
die eilt in ihrem augenblidlichen Koftüm und der gegenwärtigen 
Beleuchtung, leicht um ein Beträchtliches weicher und zarter erſcheinen 
mochte als in Licht und Luft des nüchternen Tages. % 
einen Händchen, fonft vielleicht roth und rauf von Arbeit, ſchienen 
bfeich und weiß in dem matten, fahlen Schein ihres Lämpchens, und 
die Haut an Schultern und Bruſt war von delifater Feinheit, gegen 
das grobe hänfene Hemd und den plumpen wollenen Unterrod. 
Wenn man nicht allzugenau Hinfah, konnte man die Geftalt für eine 
ſchöne Komtefje aus der Bel-Etage de3 Palais drunten halten, die 
ſich den Scherz machen wollte, in der ftillen Nacht in verlafjener 
Dachtammer Märchen zu fpielen, und die ſich Fi dem Zwede in grobe 
Leinen und ein altfränkiſches bäuerliches Mieder geftedt Hatte. Das 
ganze Bild war von unleugbarem Liebreiz, und ß geſchaut, lich es 
die ſchwärmeriſche Zeiſrimng des Beofelfors Johann Deo Jalobi 
auch für einen Nicht-Boeten egreiflich erjcheinen. — Das Mädchen 
der Dachkammer war nämlich) die Naide des deutfchen Anafreon, der 


hre auffallend -- 


Y 





Bas [döne Wälderkind. 5 


Gegenftand des vormittägigen Geſprächs zwiſchen dem Profefjor und 
dem Amtmann. 

Marie nähte, fie befjerte an ihrem Rod. Dabei dachte fie an 
den, der am Morgen in der Küche Kienholz feilbot und ihr nichts 
gejagt hat, fein Bart, obgleich er, wie fie ſicher vermuthete, nur 
ihretwegen gelommen war. Sie hatte fich I" gefreut den Peter ein- 
mal wieder zu jehen, und e3 ihm auch gejagt. Er war aber fcheu 
und troßig geblieben, der hohe lange Menſch mit dev jchiefen linken 
Schulter, Taum, daß er fie recht angejehen. 

Umfonft zerbrad ſich Marie den Kopf, fie wurde nicht Hug aus 

Betragen bes Irummen Peter. Aber e3 war auch jehr ſpät in 
der Nacht, und nach und nad) verirrten fi ihr die Gedanken, das 
Heine Köpfchen twurbe immer ſchwerer und nicte immer tiefer auf 
die Bruft, die herabgeſunkenen Händchen ließen die Arbeit fallen. 

Ueber die großen ftillen Augen hatten fi lange ſchwarze Wim» 
pern inter geſenkt, die Stille der engen Kammer war nod) ftiller 
geworden, nichts bewegte fich mehr als leife fanfte Athemzüge, welche 
ein halb aufgefnöpftes Mieder in regelmäßigen Abfägen hoben und 
jenkten. Immer Fühler drang durch die offene Dachiuke der Hauch 

r Mitternacht, das tief heruntergefunfene Gefichtchen und der ent- 
blößte Hals und Naden des fchlafenden Mädchens waren noch blei- 
her und blaffer geworden in der Fühlen Nachtluft, faft marmorweiß, 
die Erſcheinung hatte jegt in dem Lichte des rußiggelben, ängſtlich 
flackernden Flämmchens im bfechernen Aempelchen wirklich etwas 
märchenhaftes. 


Es war wie in einem verwunjchenen Schlofje, wo droben unter 
dem höchſten Thurmdach ein böfer Alraum die ſchöne Königstochter 
in feinem umftridenden Zauber hält. Schlaf hieß er diesmal, der 
mãchtige Zauber, er war aber ganz und Bw gutartiger Natur und 
nicht einmal allmächtig. Nicht Marie, das Waldmädchen Ing in feinem 
Bann, nur ihre arbeitmübden Glieder fühlten feine Gewalt. Schlaff 
ineinander gejunfen, wie ohne inneren lebenwirfenden Zufammenhang 
Hingen fie da, als ob fie nie wieder aus dem lähmenden Zauber er- 
wachen follten. Die jchöne Marie aber war unterdeffen der fchlaf- 
umzauberten Kammer gleichjam wie durch ein noch mächtigeres Wunder 
entrüdt und befand fich weit fort in ihrer alten Wälderheimat. Da 
war fie wieber ein Fleines Mädchen, eine arme Tagtöhnermaile hin⸗ 
"m auf dem Saalgut an den füblichen Abhängen des Kandelbergs 

Und nicht Mai war's, grüner blühender Mai, fondern ein No- 

‚mbertag, falt und neblicht. Unfichtbarer, feiner Regen riefelte durch 

en grauen Nebel und machte den Iehmigen Boden naß und chlüpfrig, 

:aurig und verdrofien ſtanden die halblahlen Bäume, und es Fröftelte 

nen, wenn man fie anfah. Die Rinder ſchnoberten am naffen Gras 

zum, doch dafjelbe jchmeckte ihnen nicht, es war als wenn ein git 
ger Thau darauf liege, und eins ums andere blöfte unwillig 


6 Bas fchöne Wälderkind, 


naffen Nebel an ober gab durch ein leijeres weicheres Muhen dem Sehn⸗ 
ſuchtsgefühl feines Stallheimwehs einen rührenden Ausdrud. Die Schafe 
und Ziegen aber nahmen die Situation humoriftifch, fuchten fich unter 
Heden und Steingeröll trodene Gräschen und Blättchen, und wenn 
es ihnen zu langweilig werben wollte, trieben fie allerlei Spiele, 
. B. Engländers! Aufgepaßt! Kopf vor! los! bumms ftießen die 
Birnfehafen aneinander; das war gut gebozt. 

So machten fie fih warm, und das Mariele hätte beffer gethan, 
auch mit zu pielen, ftatt unter ben raffen Hafelbufch gefauert, ſtill 
da zu figen und mit ben Augen fo grad-in die Welt hineinzufehen, 
als ob e3 träume und die weißfleckige Gizzel, die braune Hattel. und 
feine Freundin Schönbärtle ganz vergejjen habe. 

Mariele ſchien Heute nicht aufgelegt, das begreift aber ein Thier 
nicht, und Schönbärtle, die kohlſchwarze Ziege mit ber weißen Stirne 
und dem weißen Bart, ber Liebling des Mädchens, das brolligfte 
Thier der ve fam immer und immer wieder vor den Hafelbujch 
und gudte feine ftille Kameradin fragend an, aufmunternd mit dem 
Kopfe nidend. Es half aber nichts, alles was fie mit ihren Heraus- 
forderungs- und Au fmunnterungaberfugien erreichte bejtand darin, daß 
das zujammengefauerte Menjchentind leiſe über feinen Liebling 
lächelte. Aber auch nur leife, faum fichtbar. Nur ein feiner Be— 
obachter gütte es verftanden, dieſes innere Lächeln der Seele, nicht 
um den Mund, fondern nur aus den Augen heraus. 

Ein folcher wäre vielleicht überrascht ftehen geblieben und Hätte 
das barfühige, barhäuptige Mädchen mit den najjen, froſtrothen 
Füßen und Talbnadten Beinen, mit dem zotteligen zerſchleißten, nach 
unten nafjen Rödchen und dem Löcherigen Schürzchen drüber, worunter 
das Kind die Händchen, fo gut es gehe wollte, verftedt hielt, ver⸗ 
wundert angefchen und fich gefagt, daß es ein ſchönes Kind fei, trotz 
dem nicht ganz faubern, verwetterten Gefichthen, und den nod) une 
fauberern braunen Haaren. Auf dem Schwarzwald wäſcht man ſich nicht 
jeden Morgen, wenn man ein armes Waiſenlind ift und frühe hinaus 
muß in Thau und Regen; da kann man draußen vom Regen genug ge 
wajchen werben, wenn man auch nicht beſonders ſauber dabei wird. Und 
wenn es dann da fit unter dem Hafelbujch, daS braune Haar aus den 
göpfehen losgelöſt und in zufammengeflebten nafjen Strähnen über 

ugen, Stine und Geficht hängend, — das ift nicht ſchön wie die 
achjäbrige Komtefje drumten in der Stadt im Palais und der fünf— 
jährige blonde Junge des Kaufherrn daneben, es iſt ein anderes 
Genre, man muß fi) darauf verftehen. Und wenn der ſchwärmeriſche 
Brsfeffer Johann Georg Jakobi von Freiburg jegt die ſchmierige 

jerghalde bahergefommen wäre und hätte das arme Sind gefehen, 
er möchte in feiner guten menfchenfreundlichen Seele vor biefer 
Armuth erſchrocken fein. Und, ohnmächtig zu helfen, hätte er ſich 
wohl raſch davon gewandt und wäre, weil es ihm auf die Nerven 
geihtagen, fiebernd und frank heimgefommen, um ein paar Tage daß 

jett zu hüten. 





Bas ſchõne Wälderkind. 7 


Huh!“ machte es plöglich hinter dem Hafelbufch, Marie und 
die weißbärtige, weiß geſtirnte Biege fuhren erichroden auf. Noch 
war das Thier ganz verwirrt, die junge Hirtin aber lachte ſchon. — 
„Das ift Dir gelungen, Peter“, rief fie, „ich bin auch leicht zu er- 
ſchrecken, doc fomm jegt nur. Haft Bunder?“ 

na“, vage der frumme Peter hinter dem Strauch hervortretend. 
Seine linfe Schulter war höher als bie rechte, drum hieß er fo. 
Er langte in jeine ale: 

„Siehft! der Großätti hat mir's geben, der Bauer war auf der 
Tenne. Und da hab’ ich dürres Holz, einen halben Sad voll.“ So 
jprechend entleerte er den Sad. 

PR ul Du follit die Kutte Haben“, fügte er Hinzu; „gelt e8 friert 


Das Mädchen lächelte wieder mit den Augen. Der Bub’ aber 

ftülpte die eine untere Sadede nad) innen. Das giebt warın, meinte 

Fi und drüdte ihn dem Mädchen auf den Kopf, e3 war eine rechte 
apuze. 

„Nun nichts als Feuer“, plauderte der Knabe, „das muß luſtig 
werden. — Erzählſt mir dann auch die Geſchichte vom Kandelgeijt 
und dem verfunfenen Schloß, willft? Oder nein, eine neue, Du halt 
mir's verfprochen, die von der rau Teufelinne und dem Ritter don 
Ufhaufen. Nun blas!" Peter hatte umterbeffen euer angejchlagen 
und ben Zunder in einen Strohwiſch gewidelt. Nun bliefen fie zus 
fammen. „Es brennt“, rief Peter; „fei froh Mariele, ſiehſt; ich weiß, 
es geht Dir nichts Über gebratene Erdäpfel, die da hab’ ich in der 
Küche ermilcht. Was haſt Du denn? Schüttelt's Dich, gelt Du 
frierſt? Willſt's immer nicht fagen.” 

* 


Und ſonderbar — auch drinnen in Freiburg in der dunkeln 
Dachkammer, wo das Dellämpchen unterdeſſen erloſchen war, auch 
hier ſchüttelte es die weißen halbentblößten Glieder. Und dann be— 
wegten ſich die nackten Arme, wie wenn fie etwas ſuchten, etwas an 
ſich ziehen wollten; ber gufammengefauerte Körper auf ber Bett 
feringe richtete fich auf, auch das Köpfchen hob fich ein wenig, doch 
ei ae nicht recht gehen, noch weniger wollten bie fehweren Liber 
ich öffnen. — 

In derjelden Stunde ſaß der Hofrath und Profeffor Johann 
Georg Satebi drüben an feinem Schreibtif und dichtete jein Gedicht 
rn die Hirtin“, worin es unter anderm heißt: 

Und eure Mädchen liegen 

Auf zartem Rafen weich 

Am Blütenbeum und ſchmiegen 
Bertranter fih an end. 

Und fern von euern Chören 
Erfgallt der Flöte Rlang, 

Unb Chloe Tommt zu hören 
Den lodenden Geſang. 


* 





Bas [cöne Wälderkind. 


tand er Marie, feine eingebildete Geliebte — 
‚ ftehend, mit Halblauter Stimme las er das 
nd, daß e3 gut fei. Dann fuchte er befriedigt 


IL 

ı unterbefjen Hingegangen — bie drei inhalts- 
ltgeſchichte 

opäiſchen Civiliſation, wie es ſich ſelber nennt, 
oloß krankhaft fieberheißen Schlägen, wie ein 
will. Der Riß war ſchon geſchehen, das Herz 
jum Vulkan geworden. In unheildrohenden 
vor den Augen der erfchrodenen Welt die 
ten zum Himmel empor. Immer höher ftiegen 
n, die weitleuchtenden Feuerkugeln einer trun- 
rung. Viele zerplagten als hohle Blaſen. 
am höchſten Horizonte der Menfchheit als 
ce neuen Zeit, al3 flammende Sonnen der auf- 
ie Nacht vom 4. Yuguft war hingezogen und 
rfreiheitstag aufdämmern laſſen, die Menjchen- 
worden. 
ler als Eonftituirende Verfammlungen und alle 
ber Welt Hatten zu allen Beiten — in geiftig 
ıfgeklärt fortjchrittlichen, in rohen, barbariſchen, 
iſirten und übercivilifirten — hatten andere, 
Bewalten Diefe einfachen Rechte der Menjchen 
tirt und werden fie ewig biftiren. 

die gewaltigfte diefer Gewalten ift die Schöns 
jeimnigvolle Zauberkraft der Liebe. 
vdringlicher, herzensinniger als in ber Geſchichte 
zn, und ohne den Schwall eines öffentlichen 
08 fprechen die Nechte des Menſchenthums oft 
tcht im Archiv der Weltgefchichte aufbewahrt 
unbeachteten Geſchichte eines armen Menſchen⸗ 
unpolitiſchen, ſtillen Winkel der Welt. 
liſcher Winkel war das Haus des Dichters 
Ruhe, ſtille Sammlung, behaglich häusliche 
er fromme Mir Penaten faßen mit dem 
ı an der freundlich fladernden Flamme feines 
‚ die fi dazu gefellte, war nicht weniger ftill 
lich, ja philifterlich deutſch wenn fie gleich in 
anakreontifch Tüfternem Koſtüm erſchien, das 
Aber eine andere — Mufe, Göttin, oder wie 
ıennen foll, fam dazu und war nicht poetiſch 
ein fehlichtes bürgerliches iskleid an, wie 
3 mit ſich brachte. Ste ſaß wohl von Zeit 
uch, aber die meifte Zeit war fie mit Kochen, . 





Bas ſchõne Wälderkind. 9 


Bembennähen und Strumpfftriden — Während der beiden 
jegten Hantirungen feb, wenn anders fein Beruf ihn nicht abhielt, 

jenige bei ihr, welchen die deutſche Nation ihren Anakreon nannte, 
und hielt ihr feine Privatissima aus den Kunft- und Wiffenfchafts- 
gebieten aller neun Muſen, wobei fie ihm mit großen, Eugen, mand)- 
mal aber aud) ungewiffen Augen zuhörte. 

Diefe leibhaftige fchlicht-einfache Poeſie, einem lebendigen Sym- 
bol des Volfsliedes vergleichbar, hieß Marie, und die Leute nannten 
fie das ſchöne Wälderfind. 

Jakobi hatte feinen Plan, den er feinem Freund Schloffer einft 
angebeutet, ausgeführt. Weber drei Jahre ſchon war Marie im Haufe 
des Profejfors und war feine Haushälterin und Gefelljchafterin, an 
deren Geijtesbildung zu arbeiten feitdem feine Tiebfte Sorge war. 

Die Leute mochten darüber allerlei denken und reden; fie moch- 
ten, wenn der Herr PBrofeffor und feine „Haushälterin“ fcherzend und 
plaudernd mit einander am offenen Fenſter ſaßen, oft deutlich die 
söpfe Thitteln. A Hofrat mb Profe lerd 5 

arie war dem Herrn ath und Profeſſor allerdings mehr 
als bloß Haushälterin, auch mehr als Gefechten. fie war ihm 
eine Freundin. Und es war ihm fehr ernſt mit dieſer Freundichaft. 
Er wußte zwar auch, daß Gleich⸗ und Ebenbürtigfeit die erſte und 
notömendiglte Bedingung jenes heiligen Bundes ijt. Doch äußere 
Standesunterfchiede galten ihm in einem ſolchen heiligen Verhältniß, 
ala welches er die Freunbfehaft auffaßte, nichts. Für ihn war Marie 
eine heilige Blüte der Menfchheit, ein Gedicht Gottes, welches ihn 
mit allen mern der Ehrfurcht erfüllte. Er hätte einer Gemalin 
ober Braut feine andere Behandlung angedeihen laſſen, als fie die 
Haushälterin von ihm erfuhr. 

Vielleicht Tiegt alles in dem einen Wort: er liebte. Schwär- 
meriſch liebte er, jo ſchwärmeriſch wie nur ein fentimentaler Fünf- 
iger, der zugleich ein Poet ift, lieben kann. Ein Fünfziger? Nein, 
ein Zwanziger. In diefem Stüd war er jung geblieben, ein echter 
deutſcher Jüngling. So überglüdjelig, fo ſelbſtvergeſſen, jo jentimental 
Ionnte er ſchwärmen, wie in ber Zeit der Lorenzodofen. 

Und er glaubte fic) geliebt. Warum follte er es nicht glauben? 
Marie war jo freundlich, jo hingebend, fo felbftlos. Sie zeigte ein 
fo feinfühliges Verftändniß für jein Weſen und feine Art. Sie er- 
rieth immer feine geheimften Wünjche, war nur freundlich und heiter 
in feiner Nähe und hatte immer ein bezauberndes Lächeln, wenn er 
Sn Schulftaub abjchüttelnd ins Haus zurückkam. Es Hatte ihr ja 

iemand Leftion darin gegeben, wenn nicht die Liebe. 

Nicht nur die Nachbarn und Nachbarinnen munfelten allerlei 

ber das Verhältniß oder blinzelten bei deſſen Erwähnung verftänd- 
ißvoll mit den Augen; auch die nächiten Freunde Jakobis fehüttel- 


m bedenklich bie Köpfe. ir der eine, Schloffer Tächelte darüber. 
Er fchmeichelte fi, einen Jakobi beffer zu kennen und gewiß zu 
ein, daß jelbe fein Zeus, weber ein Olympiſcher noch — ein 


Bas ſchõne Wälderkind. 


fondern ein Anakreon und zwar der beutfche Er 
reund, wenn bdiefer in feinem Lied: „An Belindens 
g: 

Did) foll ein Dichter nicht entweißen, 

Der gerne mit bem Amor fpielt 

Unb doc ben Werth ber Weißheit fuhlt. 


Nein, ungeküme Bünfge mist 
Soll biefer Meine Tempel hören, 
Nur Seufzer barf ich mir gewähren. 


ſchiedlich auch die Ausdrüde waren, in denen die ver— 
ſchbaſen weiblichen und männlichen Geſchlechts, über 
18 ſchöne Waldmädchen ſich ausfprachen, die Gevat- 
letzgers⸗, Schneibers-, Krämerfrauen einerfeit3 und die 
zunde und Freundinnen Jakobis andererfeits, darin 
e überein, dab fie Marie ftrenger tadelten und bitterer 
8 den Hofrath. Dod) auch in diefer Beziehung machte 
ahme; und das war der frumme Peter vom Saaihor. 
d zu einmal in das Jakobiſche Haus, welches indeß 
in der Salzgaffe, dem Palais gegenüber war, fondern 
aſſe lag und zwar an deren Ausgang, da wo fie am 
mit ber erjtern zufammen ftößt. Ber Peter mußte 
chen entweder vom Zufall außerordentlich begünftigt 
iber auflauernd zu Werke gehen; er kam immer, 
:ath ausgegangen war. Marie fah den Kindheitöge- 
gern, jo Gehe aud fein ganz und gar verändertes, 
» fcheues Weſen fie befremdete. Sie fuchte ihn oft zu 
Rüdfunft des Profeſſors abzuwarten, dem fie von ihm 
id ber ihn gern fennen lernen möchte. Aber da war 
erbar und hatte ein Art fie anzubliden, daß fie vor 
Und ſeltſame Worte ließ er fallen. „Habe fein Ver: 
fehen“, ftieß er hervor, „wäre wohl beffer, wenn d' 
'ſehn Hättft. Ich glaube nichts, aber ich Frieg einen 
Leut' fo... Ich will nicht drüber reden — am 
mich der Pfarr’ daheim, ich möcht ihm fein Maul 


tt, laß die Leute doch“, fagte dann Marie begütigend, 
leicht, weil der Herr Profeffor ein Lutherifcher iſt, er 
nenſch, bei dem man jein Chriftenthum einbüßt, und 
ch jo fromm, und kann jo hrijtlich veden, beffer wie 
crer auf der Kanzel.“ 

ıtgegnete ber Peter nichts, ſondern fah fie mit großen 
an, und ein faum bemerfbarer Glanz in feinem Blick 
thun, das ihm ihre Rede gefiel. 

mer bei ihm bleiben“, warf er dann gelegentlich einmal hin. 
ft mir“, gab fie zur Antwort, fein Menſch auf der 
> gut gegen mich wie der Herr Profeffor.“ 


Bas ſchõne Wälderkind. 1 


Gar finfter bfidte der Peter drein, wenn er ſich verabfdjicdete, 
alle Liebe und Freundlichkeit Marie fchienen nichts über ihn zu 
vermögen, auch fam er feit einiger Zeit immer feltener. 


W. 

Ta war's ber erjte Mai und ein Sonntag. Luftig und lärmend 
ging es in der Stadt (Freiburg her, befonders in ber font jo ruhigen, 
vornehmen Salzgaffe. Hier waren die Häufer befränzt und drapirt, 
Blumen und wehende Maien winkten von den Fenſtern und fanden 
vor den Thüren. Buntes Volt wogte durd) die Strafe, ftäbtifches 
und ländliches, Teßteres in mannigfaltig, auffallenden Trachten: 
Slotter- und Wildthälerinnen mit ihren hohen; cylindriichen Stroh- 
hüten, Dearfgräfferinnen, hohe dralle Geſtalten mit vollen runden 
Geſichtern und dem wehenden „heiligen Geift“ darüber, wie fie Die 
ſchwarze fchmetterlingsartige Zlügelfapuze mit den bis zur Erde 
mallenden breiten Bändern heißen, junge Bauern mit weißen Stittel 
und Fuchspelzmütze, Volt vom „Wald“, von St. Peter, St. Märgen 
und Eſchbach, mit flachen, abgebogenen Hütchen Die Frauen, mit 
mächtigen Dreimaftern die Männer, Elzthälerinnen mit den apfel- 
großen roth⸗, blau- und grünfarbigen Wollenballen auf freisrunden 
ten — alles bunt durcheinander, einzeln, paarweije und in 

ufen. 

In der Ferne Iujtige Mufil. Die tönt von Oberlinden, von 
dem freien Plag, in den die Salzgaffe und die Pfaffengaije zufam- 
menlaufen und wo an der Ede eine Linde ihre Aejte über einem 
Hohen, rothjanditeinernen Brunnen, den ein Muttergottesbild krönt, 
ſchůtzend ausbreitet. Der gange Play bis weit in die Pfaffen- und 
Salzgaffe hinein, und hinaus bis zuni Schwabenthor, das mit jeinem 
vierſchrötigen Thurm über die befcheidenen Dächer der Bürgershäufer 
hinweg, fühn in den Plag herein fehaut, ijt von Menjchen erfüllt, 
Um die Linde buntes, jauchzendes Leben. Ueber dem fanditeinernen 
Brummen auf einem hohen, hölzernen Gerüft thront eine Muſik— 
bande. Unter der Linde, rund um den Stamm herum, nur wenige 
Zuß über dem Pflafter, ift von blanken Brettern ein Tanzboden ge— 
zimmert. 

Mit rothem Band an den Stamm gebunden, ſteht in der Mitte 
der Bühne und recht wie ein Opferlamm dreingudend in all die Luft 
und ben Lärm, ein fauber gewafchener weißer Hammel. Auch ge— 

müdt iſt er wie ein Opferlamm mit farbigen Seidenbändern und 
em Kranz von rothen, blauen und gelben Wiefenblumen. Neben 
‚a auf einem Tifchhen brennt eine Kerze, in deren Mitte ungefähr 
‚ne dünne Silbermünze horizontal eingedrüdt ift. 

Zuftig walzt es um den Baum und den Hammel. Eines der 
fchmücten Paare ſchwenkt immer ein rothes Fähnlein mit herum, 
weimal, dann nimmt das folgende Paar cs ihm ab und jo weiter. 

Ein wildes Gewoge geht durch die zufchauende Menge, noch ift 


Bas ſchõne Wälderkind. 


Spannung, es kann noch lange dauern, bis das Licht 
e herunter gebrannt ift! 

der Maffe fchien fi) um dag ganze Treiben um ihn 
ı kümmern. An eine Hausede der Pfaffengaffe gegenüber 
nt, eine Hohe fräftige Geftalt mit verjchränkten Armen. 
ach dem offenen Fenſter bes zweiftöcdigen Haufes ihm 
in ältlicher Herr mit zarten, Keinen Zügen ftand dort 
ind neben ihm eine hochgewachfene weibliche Geftalt. 
ven hatte feinen Hut genommen, „adieu, Marie!“ fagte er 
Hänbedrud, dann war er weggegangen. Bu, —* ſich 
eitete der an der Straßenecke, wie eben der Bro rejfor 
ı aus ber Thüre fchritt, ſich mit beiden Ellenbogen 
die Menge. Das war fein Eleines, aber es ging. Wer 
f ober zwei über die Menge emporragt, ber läßt fich, 
uch bränge, nicht von ihr ſchieben und bahnt fich frei 
mmend eigene Wege, trog der Menge. 

and nun alfein drüben am Zenfter. Sie fchaute nicht 
elig drein wie vorhin im heitern Geſpräch mit Jakobi. 
eele jchien ein Gedanke zu ziehen und einen Anflug 
Schatten . über ihre vorher fonnenhellen Augen zu 
hatte ſich auf den Stuhl am Fenfter niedergelaffen, 
gen gefaltet im Schoß. 

tal fuhr fie feis zufammen, die Thüre ging auf und 
mn ber Hausecke drüben erfhien im Zimmer. 

du...” dann hielt fie erjchroden inne. Die Beiden 
am an. 

&, Peter“, fagte Marie dann, „ic, war erfchroden, Deine 
jo — ich habe gemeint, Du hätteft wieder — Seh. Dich 


tteft gemeint?" 

ih erjt! Du habeft einen Rauſch, hatt’ ich gemeint. 
irklich wahr, fie fanen, daß Du das Trinken anfangit. 
Gütchen geerbt, willft'3 vertrinfen und verfpielen?“ 
auf ankommen.“ 

auf anfommen? Peter, Du machft mir Angft, bift deß— 
1? Ich meinte, Du würdeft „nein“ jagen und „es ift 
ie Leute fügen“, Peter, ich verjtche Dich nicht mehr, 
als ich Dir draußen vor dem Thor begegnet bin, und 
habe, daß Du wieder einmal zu mir fommen mögft, 
iſt Du mir fo verwirrt vor. Du wirft doch fein böfer 
n wollen. Denk an den Heidenhofmarten, der auch 
ngefangen hat und Spielen und Schulden machen, Du 
3 mit ihm kam. Du warft ja immer brav gewejen, 
nicht mehr daran, da wir noch auf dem Saalhof beis 
. Haft mir ja oft genug die fchauerliche Gejchichte vom 
Ilt daß uns beiden gegrufelt hat, dent an den Karfunfel!“ 
ſchon daran, ich hab’ ihn ſelber Dadrin, den Karfuntel.“ 





Bas fdöne Wälderkind. 13 


n®ott, wie Du wieder red’it!” 

„om Teufel wird er nicht fein, wenn er ſchon brennt wie die Hölle.” 

Marie Ir} auf. Sie erſchrak, ber Peter fnitterte an jeinem 
Hut, feine ſtarke Fauſt ſchien leis zu zittern, fein Mund nad) Wor- 
ten zu ringen. 

„Marie, ſag', möchtet nicht — ich will jagen, willft nicht wieder 
heim kommen nad) St. Peter?“ 

„Ach Gott, ‘ habe ja niemand“, ftieß fie hervor. Peter ſah 
fie eine lange Weile an. 

„Sag, 1118 wahr, wirſt bald Frau Profefforin werben?“ 

„Sagen fie das auch in St. Peter?“ entgegnete Marie mit 
ſchmerzlichem Lächeln, „dann wiffen die mehr wie ich. Meinft, der 

— dent’ noch einmal and Heiraten? Und meinſt, ein ſolcher 

würde mich als Frau nehmen?“ 

„Und würbeft Du ihn nehmen?“ 

"Immer Deine fonderbaren Gefchichten, es ift ja zum Lachen, wer 
denft denn daran?“ 

„Würdeſt Du?“ 

Ich glaub’, ich thät’s“, antwortete fie nachdenklich, „ich könnt' 
ihm nichts abfchlagen, er it zu gut gegen mich, verlaffen bin ich Doch 


und niemand, und ob ich al3 Frau oder als Haushälterin ihm 
diene. Wenn er mich nicht weg ſchickt, werbe ich ja doch nie von 
ihm gehen.“ 


Auch nicht, wenn D’ Heiraten könnt'ſt? Aber eine Bauernfrau 
mögt ja nicht mehr werben.“ 
möcht'8 auch nicht, doch dafür ift geforgt. Was für ein 
Sau“ ſollt' mich denn heiraten, ein armes Ding, da dazu nod) das 
Schaffen verlernt hat, ein Bauer muß eine Bäuerin heiraten.“ 
„Haft am Ende recht.“ 

Peter fehrte fich um, als ob er gehen wolle. Un der Thüre blieb 
er ftehen, den Kopf auf die Bruft gefentt, I] er ftumm auf den Boden. 
Bin rm Augenblide ftand er da, dann hob er langjam den Kopf in 

ie Höhe. 

De Marie, wie mein Karfunfel heißt?“ begann er mit uns 
- fiherer Stimme, Du weißt'3 nicht, Du würdſt's aus nicht berftehen, 
wenn id, Dir’ fagen wollte. Peter griff nad, der Thüre. Ein 
unheimliches Stöhnen rang fi aus int Gehen Brut. Dann 
fehrte er ſich noch einmal um. 

„Weißt was, Marie; ich...“ ba hielt er an, „ich bin ein Bauer, 
Du haft gehört, daß ich den Hinterdorfforg beerbt Hab’, meines 
Vaters Bruder, und ich will — ich will Dich nehmen, Marie? — 
Du erfehridit! Ich wußte wohl, Du heirateſt feinen Bauern, ich 
5ab'3 ſchon en daß Du mich nicht magft, Du haft Angit 
vor mir. krumme Peter, meine Hände find auch immer 
zauher und N pe jer worden und mein Rüden immer frummer, und 
Du krumme Peter, aber wenn ich daran dachte, 
wie wir u miteinander geweſen find als Kinder und ſpäter, da 


Bas ſchõne Wälderkind. 


teft auch daran denfen, und 's könnt' vielleicht 
den. Wenn id) Dir dann aber unter die Augen 
r mir jah, da hatt! ich fein Herz, aber bin doch 
men; das war mein Karfunfel. Die andern haben 
m gewollt, fie haben mir fchlimmes von Dir 
uch geglaubt, aber den Karfunkel wurde ich nicht 
t fommen und hab' Dir frei ind Aug’ gegudt. 
’ ich da nicht ſehen können und ift mir wohler 


z in ber Stadt gehört hab’, der Profeffor wollt’ 
itt's dann wieder don neuem angefangen, dadrin- 
io arg wie noch nie. Und dann bin ich lang’ 
ſchaffen konnt' ich nichts mehr, dann hab’ ich 
Dich zu vergejfen, hab’ auch wieber Hoffnung 
wenn Du den alten Zipperleinsmann heiraten 
ı Ende auch der frumme Peter nicht Ein ſchlecht 
ch beſſer; Du habeſt ihn doch früher leiden mö- 
unfer Herrgott lieber fehen, als mit dem Alten, 
traurige Sache wär und ganz und gar, wie ich 
Sebot. So, nun iſt's raus, einmal hat's fein müſſen. 
hen, Du warjt nicht froh drüber, Du haft mich 
m... Hab’ feine Angft, ich geh‘, Du ſiehſt mic) 


ter ihre Hand ergriffen und in feiner umgefihlach- 
it jo gebrüdt, daß Marie unwillkürlich laut aufe 


unten in fieberhafter Spannung und lautlofeiter 
em Lichte jah, am welchem jeden Augenblick die 
ıllen mußte, um den Gewinn des Hammels für 
yeiden, welcher in dieſem Moment tanzend das 
ıenkte, hatte man den Schrei Mariens von dem 
inter gehört und der Hilferuf eines Webereifrigen 
than, um jo mehr als erfahrungsgemäß bei der: 
die allgemeine Freude und Aufregung und die 
ve Sorglofigfeit und Unachtſamkeit von Strolhen 
ı werben pflegt. Ein Dieb, ein Mörder, Hilfe, 
Seiten, und ehe Peter und Marie fich recht be 
was vorgegangen war, wurde aud) fchon die Thüre 
tänner und Bürger ftürzten herein, und von ber 
:oßer Tumult herauf. 

Einfprache gegen Peters Verhaftung zu erheben. 
und die Aufregung waren zu groß, man hörte 
ging’3 mit dem Peter, über den Play, durch die 
ngniß lag nicht fern. Die Menge war in fürchte 
Der böfe Peter, er hatte ihnen das Spiel ver- 
vüthend auf ihn. Alles fchrie: „Mörder, Dieb, 
it ihm, am Galgen mit dem Dieb.” 


Bas ſchõne Wälderkind. 15 


In bergmeiflun Bvoller Rathlofigkeit war Marie zurüdgeblieben, 
pm Glück fam Jakobi bald nach Haus, der, nachdem Marie ihm 
Vorgefallene mitgetheilt, fofort Schritte zu Peters Befreiung that. 
* * 

* 
Seit den Vorfällen beim Hammeltanz waren zwei Wochen hin- 
Marie hatte die frühere Heiterkeit nicht mehr erlangt, fie 
9 meiſt allein in ihrer Kammer und hing ihren Gedanken nad. 
Die gewaltige Macht einer leidenſchaftlichen Liebe hatte, wenn auch 
nur von augen her, ihr Herz berührt, und dieſe Berührung hatte 

genügt, dafjelbe tief zu erſchüttern. 

Peter Fam ihr nicht mehr aus dem Sinn. Sie wurde im- 
wer unruhiger und aufgeregter, immer geängjtigter, von Stunde 
zu Stunde, von Tag u Tag, bis fie ſich aid jagte, daß es ſo 
nicht fortgehen könne, daß fie von Peter etwas erfahren, daß fie ihn 
ieleigt Iehen, mit ihm reden müſſe und — ja, was weiter, das 
wußte fie nicht. . 

Da ſah fie nad) langer Zeit die Halden wieder, wo fie einft 
wit Peter gehütet hatte, und unter der Macht der Erinnerungen wid) 
die Beingfttgenbe Gegenwart nach und nad) in ihren Gedanken zurüd, 
fonnige Bil ſchoben ſich vor fie hin. Dann war fie wieder ein 
Kind, faß bei der Heerde und jätete im Kartoffelader und der Peter 
war immer um fie. 

Immer deutlicher und farbenreicher, immer lebensvoller ſtand 
bie Vergangenheit in ihr auf, und alles war fonnig und heiter darin. 
Das Shlimme und Schmerzliche, die Armuth und das Elend ftanden 
nicht mit auf, die waren begraben und vergeffen, und wo einft heiße 
Thränen Singefallen blühten leuchtende Blumen hervor. 

Immer deutlicher — und es war iht, ala ob fie gar nicht weg- 
gewejen wäre von Bergen und Halden. 

Es war mitten im Nachmittag, ala Marie nad, St. Peter kam. 
Was wollte fie hier? Sie wußte es kaum. Den Peter befuchen? 
Und was bei ihm thun? Nur hören wollte fie von ihm. Darauf 
brauchte fie nicht lange zu warten. Der Peter fei ganz aus dem 
Häusle, er komme aus dem Trinken und Spielen nicht mehr heraus, 
und wenn er feinen Rauſch habe, ſchweift er trübjelig umher, und 
nad) feinen Sachen ſehe er gar nicht und fümmere fi um nichts, 
auch heut’ fei er wieber weg, niemand wilfe wohin. 

Marie hatte noch eine entfernte Baſe in St. Peter, bie fuchte 
"af. Sie fand feinen freundlichen Empfang, es wurde ihr gleich 

jehalten, daß man nichts gutes von ihr fage. In einem andern 

I hätte es Marie weh gethan, heute hörte iM es nidt. 

Uebergeit, daß fie etwas thun müſſe, wollte fie bei der Baſe 

: Nacht bleiben am andern Morgen, bie Leute mochten jagen, 

s fie wollten, den Peter auffuchen. Sie durfte ihm doch nicht 

derben laſſen. 

Am andern Morgen war der Peter nicht da, er war die Nacht 





16 j Bas ſchõöne Wälderkind. 


nicht heim gekommen. Marie wollte das Herz brechen. Sollte fie 
auf ihn warten? Sie würde ihn gerne Fugen, wüßte fie nur wo. 
ann war auf einmal brüben bei der Slofterficche ein Bufam- 
menlaufen von Menfchen, und Frauen ftredten die Köpfe zufammen 
mit einem Ausdrud ihrer Gefichter, als ob fie ſich entfegliches be= 
Tichteten. 
Man hatte die Leiche Peters gebracht. Un der Wolfsſchlucht 
draußen, wo der FZußpfad von Wagenfteig herüber führte, hart an 
dem Zelfen vorbei, hatte man fie gefunden. 


* * 
* 


Ziemlich gefaßt war Marie nach) einigen Tagen in Jakobis Haus 
zurädgefommen, fie war ſehr bleich, fehr ftill. Weber bie Ereigniffe 
in ©t. Peter fam nie eine Silbe über Marie Lippen, und mit der 

eit wurde fie auch wieder heiterer. Jakobi hatte bald eine größere 

reude an Marie als je. Ihr Charakter ſchien noch wei 
worben zu fein, ihr Gemüth tiefer, fie fand ix noch mehr als Früßer 
Genuß an erniter Lektüre, befonder8 an der Bibel. Nur zog fie jegt 
das neue Teftament vor. Gegen Jakobi war fie von einer zart- 
fühlenden Aufmerkjamteit, daß er —— gerührt wurde und ſich immer 
gluͤcklicher ſchätzen mußte, dieſem herrlichen Mädchen begegnet zu fein. 

Da glaubte Jakobi mit der Ausführung eines län, faehegten 
Planes nicht mehr Länger zögern zu dürfen. Er hatte alle Hinber⸗ 
niſſe, deren Größe er zuerſt weit entfernt geweſen war, auch nur zu 
ahnen, und bie ihn auf eine Zeit lang eingejchüchtert hatten, aufept 
muthig überwunden; Schloffer Hatte ihn ftet3 aufgemuntert. 
hatte ıhm auch beigeftanden, feine Familie mit dem Vorhaben aus- 
uföhnen. Die Reden der Welt glaubte er verachten zu fünnen, er 
dat Marie um ihre Hand. 

Im November war die Hochzeit, ein ftilles, inniges Feſt. 

u Freiburg machte fie viel Redens. 

„Der Herr — jor Jakobi iſt doch ein Ehrenmann“, ſagte der 
Nachbar Schreiner. 

Pr vi , Tieh, eh fiat ai ER drüben bie 
uftersfrau; „wer hätt’ das gedacht, wird die doch noch Frau Pro- 
fefforin. Ja, wem das Glüd will!“ 9 

„Die hat das auch nicht verdient“, ſagte manche Betſchweſter, 
„ba mag wohl der Teufel mit im Spiel fein.” 

„Ob fie diefes Opfer werth ift, das unſer allzugroßmüthiger 
Jatobi dabei bringt!“ hüftelte der Hofrath Dingskirch 

„Was fo ein Dichter Grillen hat“, meinte der Herr Regierungs- 
rath Ypfelon, „nun, der Dirne kann man gratuliren, die braucht bie 
voranggegangenen Jahre nicht zu bereuen.“ 

an hatte in Freiburg lange über nichts mehr jo disfurirt wie 
über dieſe Hochzeit, und das aing fange fort, zulegt aber hörte es 
auf, und niemand ſprach mehr darüber. 





Bas ſchõne Wälderkind. 17 


Es gab andere Ereigniffe: Krieg, Belagerung, Ueberfälle, Rüd- 
zug des Moreau, Schlachten, Friede, Kongrefje, Wechſel des Landes 
heren, und wieder Krieg und wieber Friede und neue Revolutionen. 
— Die Frau Hofrath Jakobi Hatte einen Sohn geboren, hatte ihn 
groß wachen jehen, und dann ins Grab gelegt. 

Sie hat ihren Mann ins Grab gelegt, und dann noch lange 
gelebt — einfam, till, in einer fchönen, reichen Welt — in der Welt 
ihrer Erinnerungen, und dies jo ausichtichtig, daß fie mit der andern, 
die fich doch allein für die wahre umd wirkliche Welt hält, allen Zu- 
funmenhang verloren, jritben fie nichts mehr darin hatte, worauf fie 
ihre Empfindungen und Gedanken hätte beziehen fünnen. 

Sie that deßhalb, als ob diefe Welt gar nicht für fie da wäre, 
überhaupt gar nicht erifticte, oder wenigftens gar feinen Werth, gar 
feine Bedeutung hätte, neben „ihrer“ Welt, neben der Welt ihrer 
Erinnerungen. Das ärgerte die andere Welt, und aus Aerger fagte 
fie, die gute Frau fei verrüct und mieb fie. Für die vornchme 
Geſellſchaft, welche fie einmal dulden gemußt, war fie nicht mehr 
v . 


ein Geſpenſt die Pfaffengajfe hinunter taften. Es war, als ob fie 
niemand kenne, niemand redete fie an, niemand grüßte fie. Nur hier 
und da jahen ihr die Menjchen verwundert mad und dann gingen 
fie wieder weiter und fchüttelten die Köpfe. Die alte Frau gin 
dann auf den Kirchhof, hier konnte fie tagelang verweilen und felbit 
wenn es dunkel wurde und andere Menfchen ſich zwifchen ben Grab- 
fteinen unbehaglich fühlten, bfieb fie. 

Um fie herum war e8 Nacht, aber fie war doc, mitten im Son- 
nenjchein ihrer Welt, der fchönen Welt ihrer Erinnerungen. 

„Der guten Frau iſt's im Kopf mic echt”, fagten die Leute. 

„Ihr Geift ift leider getrübt", fagten die Bekannten und hatten Mit- 
leid mit ihr. Aber in den Bildern ihrer Vergangenheit war nichts 
getrübt, wenn auch die Geftalten ihres verftorbenen Sohnes, Arfobis 
und des frummen Peters in eine zılfammenfloffen, und aus einem 
einzigen Antlig ihr entgegen zu bliden dienen. . 
, Eine ganz neue Zeit war gefommen, die alte Frau ging nor) 
immer auf ben Kirchhof. Eines Tages aber ging fie nicht mehr 
hinaus, fie wurde Hinausgetragen, ruhig ausgeftreit zwiſchen ſechs 
ſchwarzen Brettern, imd faſt ſo einſam und allein, wie ſie vorgeſtern 
noch hinaus gegangen war. 

Einft hatte die Welt fie wohl einmal gefannt, aber das war 
I je her, und die Gefchichte des ſchönen Wäldermäbchens, welche der 
! It einmal fo interefjant vorgefommen, war längft vergeffen wie 
«altes Märchen. 


inden. 
Noch mande Jahre a man die alte, grau gewordene Frau wie 


9 — 


Der Salon 1889. Heft I. Band I. 2 








ine unbekannte Bolkstkiteratur. 


Bon Guflav Karpeles. 





n ber Literatur eines jeden Volfes begegnen wir neben 
den großen, mächtigen und für Die Stellung dieſes 
Volkes in der Weltliteratur ——— gebenden 
Strömungen gewöhnlich auch einer kleinen, gering- 
ES fügig jcheinenden Unterjtrömung, welche von ben 
Literarhiftorifern gar nicht beadhtet, von der Nach— 
welt gemeinhin vergeffen wird, aber doch in ihrem ganzen 
Verlauf wichtig und bedeutend genug ift, um die Aufmerfjam- 
feit jpäterer Generationen zu Seifen, Gerade in diefer un- 
beachteten Unterftrömung erfennen wir den Charafter eines Volkes 
beffer und deutlicher, als aus feiner Stunftliteratur, den Charakter 
jenes Volfes, aus deſſen Bewußtfein fie entſprungen ift, deſſen Wille 
fie trägt und in deſſen Leben fie einmündet. Cine folche geiftige 
Unterftrömung ijt auch im Judenthum von altersher vorhanden. In 
den Tagen, da die Propheten ihre Ermunterungen, ihre ftrafenden, 
mahnenden Reben in Iſrael Hielten, da ging neben dem Propheten 
der Pfalmijt einher und wenn der Prophet in feinen feierlichen Ge— 
fichten zum Wolfe gefprochen hatte, da fam der Pjalmift mit feinen 
teöftenden und aufmunternden Liedern; und als fein Prophet mehr 
auftrat in Iſrael, als die legten Pjalmenfänger ihre Harfen an Die 
Weiden Babels gehängt hatten, weil fie das Lied von Zion nicht 
fingen mochten auf fremder Erde, da machten fich zwei neue Strömun- 
gen in ber Literatur des jüdifchen Volkes geltend: Die eine Strö- 
mung, die das Geſetz nad) allen jeinen Verzmeigungen und Ummwa ": 
lungen normitende Halacha, und die freundlich wie ein Garten dieje : 
umgebende Hagada, Erzählungen, Fabeln, Räthfeljpiele, kleine Gedid 
- und derartiges enthaltend. Einer ähnlichen, ja vielleicht fogar v : 
wandten Strömung begegnen wir auch am Ausgang des Mittelalt« 
Denn um es von vornherein feftzuftellen: das juͤdiſche Mittelal 
dauert länger, wie das Mittelalter der andern Menſchheit, es dau 






| 


Eine unbekannte Bolksliteratur. 19 


fait bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts, und um die Seit, in 
welcher fich die Strömung, von der ich hier fprechen will, breit 
macht, um diefe Zeit ift das jübijche Mittelalter noch in dickſter 
Sinfterniß, während alfenthalben die Sonne der neuen Zeit bereits 
ſtrahlte 


Dieſe Unterftrömung, die ſogenannte jüdiſch-deutſche Literatur, 
entfpricht demſelben Bebürfniß, wie die Volksliteratur anderer Völker. 
Auch fie entipringt aus den Regionen der Phantafie gegenüber den 
einfeitig geltend gemachten Regungen des Verftandes, auch fie wendet 
I) zunaͤchſt an die „Armen im Geijte*, an die Frauen und Un- 
gelehrten und Kinder, aud) fie wird nicht von großen Gelehrten ge- 
führt, fondern zum Theil von anonymen Schriftftellern, zum Theil 
aud von recht unbebeutenden Geiftern und auch fie verfchwindet 
wieder, wie ſie gefommen ift, ſpurlos. Um aber das Bild des Stromes 
feftzuhalten: Wie gar oft ein Fluß, ber in feinem Anfang blühendes 
Wachẽthum und Gedeihen über Feld und Flur außbreitet, weiter 
hinauf Tod und Verderben bringt, wenn er über feine Ufer tritt, 
um ſchließlich an einer anderen Stelle ganz zu verfanden, fo hat 
and) dieje geiftige Strömung, — im Anfang ſo fruchtbar zu fein 
ſchien, in ihrem fpäteren Herta trübe ‘Fluten gewälzt und ihre 
legten. Spuren tragen nur nod) Sand und Gerölle in die Länder 
de3 ſlaviſchen Oſtens. Dieje jüdich-deutfche Literatur, über welche 
ich hier etwas näheres mitteilen will, ift vielleicht nicht mit Unrecht der 
gänzlichen Verachtung anheimgefalfen. Sie erinnert an die ſchlimmſten 

iten der Gheitos, des Drudd. Wen von uns hätte nicht diefer 

ialeft, dieſer jüdifch-deutfche Dialekt, auf der Straße und im Coupe, 
vielleicht ſogar manches Mal im Kaffechaufe, aufs empfindlichite ge- 
ftört? Es iſt eben etwas todtes und abgeftorbenes für una, während 
& zu jener Zeit fräftig und Iebendig war und eine Literatur her- 
Vochrachte, die ſich immerhin fehen laffen konnte unter den Voiks— 
bildungen der Weltliteratur. 

In deutſcher Sprache haben die Juden ſchon im zwölften und 
dreizehnten Jahrhundert gedacht und gefchrieben. In dem Rechts- 
gadten des Eliefer ben Jehuda finden wir verjchiedene beutjche 

usdrüde neben den hebräijchen Worten. Im dem Bibeltom- 
mentar, den einer ber größten Schriftgelehrten des jüdifchen Volkes 
gigrichen bat und der noch heute in jüdifchen Schulen zur 
ibeleregeje benugt wird, in dem Kommentar Raſchi's, finden wir 
neben vielen franzöfifchen auch deutjche Worte. Soweit es bis jept 
befannt iſt, iſt das ältejte deutſche Wort etwa im zwölften Yahı- 
bert bei Eliefer ben Jehuda zu finden, es heißt: „Spürhunt“. 
dem breizehnten Jahrhundert foll eine Bearbeitung der Sage 

König Artus egijtiren, in der vatifanijchen Bibliothek zu Rom. 

age Decennien fpäter lebte in einem fränfifchen Städtchen an ber 
ve Süßkind von Trimberg, ein Minnefänger, ein Jüde, deſſen 
itſch fo gut ift, wie das Deutſch Wolfram von Eſchenbachs und 

Ither8 von der Vogelweide; und anderthalb Jahrhunderte jpäter 

* 


20 Eine unbekannte Bolksliteratur. 


wirkt ein Jude, Samſon Pnie in Straßburg, neben dem M 
Gottfried don Straßburg und feinen Genoſſen. Eine Ji 
aus Regensburg, jchreibt eine Gejchichte Davids in der N 
ftrophe gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts, und 
andern Shin, Rahel Adermann, erzählen die Quellen, d 
8 zu Wien ſehr agefeben war, und dort einen Roma: 
jebicht gefchrieben habe: „Das Geheimniß des Hofes“. 
alfo, daß die deutſche Sprache, und zwar ber rein beutfd 
ausdrud, den Juden fein fremder war. Da, etwa um bie 
fünfzehnten Jahrhunderts, erbliden wir plötzlich eine geil 
mung, welche in einem beſonders an Die deutſche Schriftf 
anlehnenden Dialekt die tiefften Bedürfniſſe der Juden be 
haben foheint, wir fehen dieſe jüdiſch-deutſche Literatur c 
ohne daß wir zu fagen wüßten, welchem befondern Bet 
entfprungen ift. Immerhin aber dürfen wir annehmen, | 
Iebendiges, ein dringendes, ein tiefgefühltes war, welches 
rief. Und in jedem Fall ift fie ein Zeugniß von der Aſſi 
fähigkeit des jübifchen Stammes, welcher Kibıt zu einer Be 
ihn in enge Ghettomauern drängte, ihn mit einem gelb 
fleden verjah und das Sonnenlicht faum gönnte, in derjelbe 
Bi feine Dränger und Peiniger fprachen, dachte, ſchrieb 
ichtete. 
Treten wir nun dieſer Literatur näher und hören 
ein hervorragender Kenner berjelben von ihr zu berichten I 
Eigenthümliche des Jüdiſch-Deutſchen befteht nach den gen 
ungen von Leopold Zunz darin, daß hebräifche und 
örter ober Wortwurzeln mit Beutfihen Wörtern oder 
formen dadurch verbunden werden, Daß das hebräifche ! 
deutfche Endung erhält und in diefer Weife deutjch flektirt 
Konſtruktion, Verbindung, Betonung und Anwendung, wol 
Anderung und Abkürzung Pe Wörter hat dieſes eige 
Sprachgefüge gefchaffen, auf befjen Untergrunde aber — na 
Ermittlungen — ſehr werthoolles althochdeutfches und 
deutfches Sprachgut ruht, das aus dem deutſchen Sprc 
verfchwunden, hier aber fi, merkwürdig erhalten hat. € 
Judendeutſch jchließlich gar noch zu Ehren gefommen, und 
den Germaniften zur Erklärung der deutfchen Sprache, wi 
Kulturhiftorifern zur Kenntniß der Sittengefchichte des D 
herangezogen und eifrig ftubirt. Mit den Zügen und We 
der deutſchen Juden iſt natürlich ber jüdiſch-deutſche D 
durch alle Länder gezogen. Von Spanien zogen fie nad 
Iand, dann in Schaaren nach Polen, nachdem der ſchwarze 
ausgebrochen war. In Polen vermengt ſich dieſes Jüdiſe 
mit vielen polniſchen Sprachtwurzeln. Andere Juden 3 
Holland und vermengten es dort mit holländiſchen Spr 
theifen; wieder andere nad) dem Elſaß und Frankreich un 
dort franzöfifche Wortformen hinein, ja ſogar noch jept n 


ine unbekannte Bolksliteratur. 21 





Jüdiſch⸗Deutſche in der neuen Welt, mit englifchen Wörtern vermifcht 
geraden und hat auch dort Heute fchon eine ziemlich anjehnliche 
iteratur umd eine reiche periodifche Preffe hervorgerufen. Charak- 
teriftifch ift aber, daß, obwohl dieje Sprache in jedem Lande eine 
eigenthümliche Färbung erhalten hat, der Grundton doch immer 
deutſch bleibt — auch in der Miſchſprache, wie fie einerfeit3 in der 
neuen Belt und andererfeit3 in Polen und Rußland gefprochen wird. 
Das Juden⸗Deutſch beſteht nun nach den Forſchungen jenes Gelchr- 
ten, den ich fchon oben citirt habe, aus folgenden Hauptelementen: 
nömfich zuerft aus dem Hebräifchen, das für alle dem Sreife des 
teligiöjen Lebens entnommenen Begriffe und Ausdrüde angermenbet 
wurde, ſodann aus den wunderlichen Verbindungen des Hebräiſchen 
mit dem Deutſchen durch Zufägung bes ‚pilferonts „lein“ zu dem 
hebräiſchen Participium, durch deutſche Flexion Hebräifcher Wörter, 
burch willkürliche Zuſammenſetzungen oder Abbreviaturen, die dann 
als Wörter gelien, ferner aus der Anwendung von ungebräuchlichem 
und Tehferhoftem Deutſch und ſchließlich aus der Zufügung fremd- 
jprachlicher Worte oder einer derartigen Austpracie 
Ein beftimmtes grammatifches Geſetz in dies Sprachchaos hinein- 
gubringen, iſt bis jetzt nicht gelungen, obwohl ſich namhafte Forſcher 
darım bemüht. Auch die Prävalenz eines beſondern deutſchen Dialekts 
ift bis jegt micht herausgefunden worden; man nimmt gegenwärtig 
allgemein als Hauptbeftandtheile des Juden-Deutſch die ſübdeutſchen 
und fränkiſchen Dialekte an. So bietet dieſe ſeltſame Sprachmiſchung, 
beſonders in ihrem Vokalismus und Diphthongismus, der das volle Ge- 
präge des Althochdeutfchen trägt, ein eigenthümliches und intereffantes 
Gebilde, deſſen Bedeutung durch Die auf Demjelben ruhende Volfgliteratur 
womöglich noch verftärft wird. Ein hervorragender deutſcher Polizei- 
beamter, B. Ave-Lallemand in Lübeck, hat nt eingehende Studien 
über das deutſche Gaunerthum gemacht und ausführlich Darüber be— 
Tihtet, daß e3 im Anfang des vorigen Jahrhundert weit verzweigte 
iſche Diebesbanden in Deutichland gegeben hat. Sie 
h ſchen Dialelt in die Gaunerſprache eingeführt, und es 
iſt aus einigen Prozeſſen, die vor einigen Jahren in Berlin ſtattgefunden 
haben, ja befannt, in wie weit noch heute die Sprache der Gauner 
vom jüdiich-deutfchen Dialekt beeinflußt wird. Die Studien, die jener 
treffliche Forſcher auf diefem Gebiete gemacht, haben ihn aber jehr 
tief in die jüdische Literatur hineingeführt, fo daß er ihr einen anfehn- 
lichen Theil feines großen Werkes über dieſen Gegenſtand zu widmen 
loß. Sein Bud) über deutfches Gaunerthum " eine grundlegende 
it, welche aus vier Theilen bejteht. Im ihrem dritten Bande ent 
ſie eine ziemlich vollftändige Gefchichte der jüdifch-beutfchen Literatur, 
Nie ſich der Verfaffer mit einem Eifer und mit einer Sachlkenntniß 
! ingelejen hat, um bie ihn mancher germamiftische Forſcher benei= 
I möchte. Hören wir nun, welches Nefultat diejer bedeutende 
: her aus ber Kenntniß des Jüdiſch-Deutſchen zieht. Es bietet 
ihm den ficherften Beweis, wie tief das Judenthum fogleich, bei 












22 Eine unbekannte Bolksliteratur. 


feinem erften Srieinen auf deutjchem Boden in Wejen u 

deutfchen Volfes eingedrungen ift, und wie die wunder 
Zähigkeit und wiederum die ebenfo wunderbare Sefügigteit 
thums das auf deutfchem Boden Erworbene beftändig tr 
feftgehalten hat, jo daß man das in ber Derfehrsfprndie d 
Volkes längſt aufgegebene Althochdeutſch und Altnieder 
überraſchender Kundgebung im Jüdiſch⸗ Deutſchen aufbew 
Auf der andern Seite aber ift die jüdiſch-deutſche Sprache 
äußerfter Gefügigfeit der deutſchen hiſtoriſchen Sprachwe 
folgt, ſo daß man ebenſoviel Mittelhochdeutſches wie Neuh 
im Judendeutſch deponirt findet und ſomit das Juden! 
große Zuverläjligfeit in Bewahrung der deutſchen Spra 
gen aller Phaſen befigt, welche ſehr überrafcht und für 
Sprachforfihung von Wichtigkeit ift. 

Durch ſolche Vorarbeiten und MittHeilungen fint 
deutſchen Philologen auf das Jüdiſch-Deutſche aufmerkfam gı 
diefer verdorbene Dialekt der polnifchen Juden ift in 
Jahren bei den deutſchen Profefjoren hoch zu Ehren 
In der That, wenn in diefem Jüdiſch-Deutſchen verfpr 
bes Althochdeutſch und Mittelhochbeutich vorhanden fint 
es ja von bejonderer Wichtigkeit, daß daffelbe erforscht 
möchte da nur bemerfen, daß für den vorurtheilsfofen 
der in der Wiffenfchaft auch die Erfenntniß und die Wa 
die Thatfache, daß die Juden in Deutſchland im Mittele 
ihrer Vereinfamung Jahrhunderte lang diefen Dialekt ger 
doch wohl ein Zeichen tft, daß fie dem Geiftesfeben ber | 
den Welt doch nicht jo fern ftanden, als dies den Anj 
möchte. Von Spanien ift dies ja zur Genüge befannt 
vom deutſchen Geiſtesleben werde ich Gelegenheit haben 
weifen zu können. Es ift natürlich, daß diefe Literatur 
nale fein konnte; original nicht, aber originell ift fie u 
höchſten Grade originell — und man wird das leicht begreife 
und traurig, wie auch jener Franzofe in einem Roman 
meinte: die franzöfifche Sprache ſei doch eigentlich eine | 
Sprache; der Mann hatte das Franzöfifche nur im Gefän 
Man fann dafjelbe vom jüdifch-deutfchen Dialekte jagen. 
Ben oni, ein Kind de3 Elends, der elegiſche Charakt 
hebräifchen Literatur überhaupt aufgebrüct ift in allen 9 
Wandlung, ift auch ihm zu eigen. Aber er zeigt doch ei 
Geſicht; die Mutter nannte das Kind ben oni, Sohn 
der Toter ben jemini, Sohn meiner Rechten, Sohn des ( 
die jübifch-beutiche Poefie auf der einen Seite das Unglü 
und die Verzweiflung des Volkes wicderjpiegelt, fpricht fie au 
Seite wieder den Troft und die Hoffnung aus, welche If 
gefehlt haben, auch nicht in den trübſten Tagen des Mi 

Den Stoffen nad umfaßt nun dieſe jüdifch-deutjet 
von der wir heute etwa 5—6000 Bände fennen, zunäd 








Eine unbekannte Bolksliteratur. 23 


Lerfionen der Bibel, um die ſich ja alles gruppirt, was im Mittel: 
alter jüdijche Literatur heißt, Verſionen des Gebetbuchs, exegetiſche 
Baraphrajen der Bibel, aber auch ethijche Werke, Erörterungen über 
Ritualgejege, Bücher über jüdiſche und allgemeine Geſchichte, Romane, 
Geſchichten, Poſſen, Schwänfe, Räthfel, Schulbücher und andere Werte 
für die Jugend, im allgemeinen aljo alles, was das Leben des Men— 
ſchen und des Volkes zu jeder Zeit ausfüllen könnte. Entſpräche 
einem jo reichen Inhalt auch nur halbwegs der Geift diejes Schrift- 
thums, jo hätten wir es allerdings mit einer fehr bebeutungsvollen 
und originalen Literatur zu thun. Aber das ift eben nicht der Fall, 
& ift eine armſelige und dürftige Literatur. Sie ift intereffant und 
bedeutend nur durch die Zeit, in welcher fie entitanden, durch das 
Bedürfniß, welches fie befriedigt, und durch das Publifum, an welches 
fie fi wendet. Zunächit find es natürlich deutjche Verfionen des alts 
heifigen Bibelbuches, welche uns entgegentreten. Es ijt befannt, daß 
Luther, der Mann mit dem musfeljtarten, liebefräftigen Herzen zuerjt 
die Bibel verdeutjcht hat und dadurch die deutſche Schriftiprache in 
fo wunderbarer Weije ausgearbeitet und bereichert hat. Im Jahre 
1534 erſchien die gefammte Bibel von Luther — und die erjte jüdiſch— 
deutſche Pentateuchüberfegung fam im Jahre 1540 heraus, gewiß 
alfo ein Zeichen von Theilnahme des jüdiſchen Volkes und von Ver— 
ftändniß für das, was den Geift der Zeit bewegte, Allerdings 
wurde dieſelbe nicht in Deutfchland, fondern in Kremona gedrudt. 
Ein Jahr Später gab der befannte Paulus Aemilius eine ji 
Beutiee Verſion des Pentateuch® heraus, um den Beweis zu liefern, 
daß die Juden feineswegs, wie viele Chriften meinen, auch jet noch 
Hebrätich ſprechen“. Zu gleicher Zeit etwa erſchien aud) in Konſtanz 
eine jũdiſch⸗ deutſche Ueberjegung des Bentereue die ein getaufter 
Jude, Dice Aam — Leo Juda — ein Freund und Schüler 
Zwinglis, bei Paul Fagius herausgab. Dieſe Ueberfegung hat man 
fpäter jälfchlich dem berühmten hebräifchen Grammatifer Elia Levita 
zugefchrieben, von dem im darauffolgenden Jahre eine jüdiſch-deutſche 
Verſion des Pjalmbuches erjchien. 

Während aber das Werk Luther? in der proteftantifchen und 
tathofijchen Kirche fpäter vielfach vernachläſſigt wurde, jehen wir mit 
Erſtaunen innerhalb des eng umſchriebenen Schriftfreifes des Jüdijch- 
Deutfchen eine Bibelüberſetzung nach der andern erfcheinen. Im 
fiebzehnten Jahrhundert treffen wir ſogar zwei an, die eine von einem 
ewiſſen Sekuthiel Blig, die andere von einem jüdifchen Setzer in 

in, eine Konkurtenzarbeit; fein Name ift Joſel Wigenhaufen. 
lich, der Geſchmack war damals bereits verwildert, die Sprache 
iöchert und e3 lebte fein Geiſt in dieſen Ueberjegungen. Um 
ein Beiſpiel davon zu geben, in welcher Weiſe die ältejte be— 
ıte, alfo die Kremonejer Weberfegung, zu einer Zeit, da der 
chdeutſche, man Tann nicht fagen, Dialekt, aber da das Jüdiſch— 
uch noch ziemlich fchriftgemäß beſchaffen war, führe ich hier 
mie ein Vers der Bibel von ihr überfegt wird, und zivar der 









24 Eine unbekannte Bolksliteratur. 


Vers Gen. 25. 34: „Und Eſau verachtete die Erſtgeburt“. Di 
moneſer Weberjegung verbeutjcht diefen Ver folgendermaßen 
verſchmeth Esaw feine eritigkeit”. 

Ein Jahrhundert fpäter überfegt Blitz: „Aljo veradht Ejar 
erftgeburt“. — Und Wigenhaufen verdolmetiht: „Un Cjan 
ſchmeht die Bechora* — Bechora heißt nämlich hebräiſch „Erjtgı 

Als dann fpäter jene Weberfegungsweiie, welche in den jü 
Schulen gemeinhin zur Anwendung faın, die aber trogdem in 
erjtorbenen und verfnöcherten Weife noch) etwas ungemein gemüt 
hatte, verjpottet wurde, da charakterifirte man dieſe polniich=j 
Lehrmethode dadurch, daß man ben Say gemäß der üblichen 
ſprache in folgender Weije überfegte: „Un es hot mebasse 8 
Esaw die Bechoire.“ Alle diefe Weberfegungen, in denen die 
Sprache nur noch ein Lallen war, ja in denen oft aud) nicht einm 
einziges deutjches Wort vorfam, find natürlich für die höhere Erke 
jenes Schriftthums ohne Bedeutung. Einen ungleich höheren 
haben die Verfionen und poetijchen Amfehreißungen der Bibel, 
den ungemein charafterijtifchen Umftand, daß jene Bibelüberjet 
meift nicht in Deutſchland entftanden find. Es waren abe: 
deutſche Juden, welche aus Deutjchland aus irgend einem € 
fortgezogen oder, wollen wir jagen, vertrieben wurden, und 
auch in der Ferne der Heimat gedachten, die fich ihnen gegenü 
ſchnöde erwies, die fie aber fo lichten, daß fie in der Sprad 
jelben jchrieben und dichteten. Da begegnet uns denn zunäd 
jehr merfwürdiges- Bud), ein Buch, welches wohl das populä 
feiner Weife gewefen ift und in hundert Jahren 26 Auflagen e 
Die erjte, wie es heißt 1695 zu Wefel; jo viel ich Weiß, if 
nicht mehr vorhanden. Der Verfafjer diejes Buches hieß Ja 
at aus Janow in Polen. Nod in den erften fünfzig { 
unferes Jahrhunderts hat es in feinem jüdifchen Haufe gefehlt 
Titel lautet: „Zeena u-reena“, was fo viel heißt als: „Komn 
fchaut“, ihr Töchter Judas. Es wandte fi zunächſt an die $ 
und Jungfrauen des jüdifchen Volkes, wie denn dieje ganze Lil 
und Sprache nicht mit Unrecht „Weiberdeutjch“ genannt wurt 
fofern nämlich diefe verfchiedenen Bibefüberjegungen fich in 
Reihe an Frauen wandten. Dieſes Werk ijt von einer merfwü 
Naivetät; da treten römiſche Imperatoren auf, die die alte £ 
interpretiren, die Propheten und Pſalmiſten des alten Bundes } 
fo ungenirt, als wenn fie im fechzehnten Jahrhundert in ein 
ſteckten Judengaſſe von Frankfurt oder Nürnberg gelebt hätten. 
alledem liegt aber ein ſoicher Reiz von Anmuth, eine jo ungekü 
Liebenswürdigfeit ausgebreitet, daß ſich ſchon daraus die Verbi 
dieſes Buchs leicht erklärt. Diefes Buch hat Jahrhunderte fa 
Mütter Demuth, Beſcheidenheit, Refignation, Innigkeit und Im 
feit gelehrt. Nicht umfonft ift das Deutiche Sprichwort: „Unter die 
fommen“, von hervorragenden deutfchen Schriftlundigen auf jü 
Ursprung zurüdgeführt worden; infofern es als der Jungfrau 5 








Eine unbekannte Bolksliteratur. 25 


Preis galt, unter diefe Haube zu kommen, denn die Haube war 
damals ein Symbol der Züchtigleit und Beſcheidenheit. Das von 
der Haube eingerahmte Geficht bot einen Anblid des Friedens, der 
ruhigen Gemütlichkeit und Züchtigfeit dar, im Gegenjag zu den 
modernen Haarfrifuren, welche in ihrer phantaftifhen Wunderlichkeit 
den Kopf wohl von außen ſchmücken, zugleich aber aud) ein Symbol 
find von all den verjciedenartigen Wünjchen, Launen und Capricen, 
welche in dem fein frijirten Kopfe haufen. Die Jungfrau von damals 
trug aud) feine Zoden, fie ſollte eben nichts verlodendes und anloden- 
des haben, es fei denn für ihren Mann. Dafür aber waltete fpäter in 
ihrem Haufe ein Friede mit verfühnender Macht; mochten da draußen 
uno fo ftarfe Stürme toben, eijiger Hauch der Feindſchaft wehen, jo 
verbreitete fie innerhalb ihres Haufes, innerhalb der eng umfriedeten 
Mauern ihres Ghetto, eine jo wunderbare und idyllische Ruhe, einen 
ſolchen Gottesfrieden über alle, ihren Mann und ihre Kinder — und 
in diefem Haus las, wenn der Sabbath, kam, die liebe alte Groß- 
mutter mit der großen Hornbrille auf der Naſe und ben Tieben leiſe 
bebenden Lippen, ihren Enfeln, ihren Töchtern und Nichten, aus 
jenem alten, vergilbten Buche und aus dem denjelben ergänzenden 
deutſchen Chumeſch (Bibel), jene wunderfamen Geſchichten, jene Sagen 
und Legenden vor, die ſich um das Leben der Patriarchen, der Propheten 
und Gejegeslehrer gelagert haben, jene traurige Gejchichte von dem Eril3- 
gang des Judenthums durch bange und jchwere Jahrhunderte — und 
das alles war von einem fo inmigen Öottvertrauen biktirt, daß ein 
Zweifel daran weder in der guten alten Großmutter noch in den 
ſchönen Enfelinnen ke auftommen konnte. 

Daneben entfaltete fich eine reiche ethiſche Literatur, die alle 
Bedürfniſſe befriedigt, eine Literatur, die vielleicht das, was in der 
deutſchen Literatur in jenem Jahrhundert auf dieſem Gebiete geleiſtet 
wurde, wenn auch nicht in der Form, fo doch hinſichtlich feines In— 
halts wejentlich übertrifft. Da tft zunächit ein „Frauenſpiegel“ aus 
dem Jahre 1602, von dem der Autor fagt, daß fich die Leute ihn 
faufen jollen, fich zu jpiegeln darin, und der in anmuthiger Versform 
die feinjten Sittenlehren und Moralfprüche enthält. Ein folches 
Verf mußte natürli in den seien für die es beftimmt war, 
mächtig zünden. Es ift begreiffich, daß die Begeifterung, die in diefem 
Literaturfreis fich geltend macht, denjelben nad allen Richtungen 
mehr zu erweitern jucht. Das populärfte Buch diefer Richtung war 
aber das Bud): „Die Seelenfreude“, welches alle andern verbrängte und 
er ungeheuren Popularität fich zu erfreuen hatte. Aus diefem 

de möchte ich num doch einmal, um dieſen Kreis ber Literatur 

Harakterifiren, eine Heine Probe geben. Es ijt eine moralische 

zanwendung zu der Lehre des Talmud: „Die Leiden anderer find 
halber Troft“: 

„Wenn ein Menſch allein ift in feinem Leid, hat er noch mehr 

nmer, als wenn Leute zu ihm fommen und ihn tröften und er— 
fen von Leiden, die andere Menfchen haben ausgeftanden und 


Eine unbekannte Bolksliteratur. 


tröftet. Es iſt fein Menſch in der Welt, der nicht 
itte. Alſo hat Alerander von Macedonien feine 
Als er Sterben follte, hat er ihr diejen Brief ge— 
Mutter, den’: alles, was auf der Welt ift, ift ver- 
ı Sohn ft nicht gewefen ein Eleiner König, jondern 
Darum follft Du Dich benehmen wie die Mutter 
98. Und nad) meinem Tode follft Du lajjen bauen 
3 und folfft gebieten, es jollen zu Dir fommen alle 
Grafen und Fürften, an einem feftgejegten Tag 
ıftig und fröhlid) machen. Aud) (af ausrufen: Es 
ommen, dem ein Leid ijt widerfahren!... Nun, 
‚etommen, daß ihr Sohn Alerander der Große ge- 
feinen legten Willen erfüllt und hat eine gewaltig 
ıbereiten laſſen und einen za feftgefegt, wenn alle 
kommen follen. Nun, d er xp ijt gefommen ba 
finden follte, und fie hatte gemeint, e3 würden gar 
n, ift aber nicht einer gefommen; fie find alle aus- 
e gefragt ihre Diener: Warum kommen die Leute 
H1? Was bedeutet das? Haben die Diener gejagt: 
: habt lafjen einen Befehl ausgehen, es joll feiner 
ein Leid erlebt hat — und e3 iſt feiner vorhanden, 
ı Leid erlebt haben, darum fommt feiner nicht“... . 
s ift fein feichtes Moralifiren, fein trodener Pre- 
Exempel, Hiftorie; kräftig und naiv-geijtvoll wurde 
jonnen oder erdacht oder erzählt und daran eine 
vendung gefnüpft. Einen merkwürdigen Beitrag zu 
und Wandelungen, welche das Schriftthfum durch 
erfahren hat, bildet es aber, daß dieſe Geſchichte 
‚m Kopfe der guten Frau, die dieſes Buch gejchrie- 
igen iſt. Man findet fie ſchon ziemlich wörtlich 
aten klaſſiſchen arabijchen Schriftfteller, Majudi, 
idſtes Buch, „Die Goldwiejen“, fie enthält. 
te, welche fich wundern, daß die jüdiſche Literatur 
sine Gefchichtsbücher aufzuweiſen hat. Solche Men- 
Gang diejer Geſchichte nicht. Noch che die Juden 
Leiden aufzufchreiben, brachen neue Leiden über fie 
3 Vorangegangene verbuntelten. Der Weg der 
zehn Jahrhunderte hindurch geht über Blut und 
- und an der Quelle diefer Ylutjtröme und Thränen- 
:nius ber jüdiſchen Geſchichte. In folchen Tagen 
uſt am en da ſchweigt die Gejchichte, uı 
icht & fagen, fie hätten feine Gejchichtsbücher gehal 
en Schag bes jüdifch-deutichen Schriftthums findı 
Be Anzahl von Chroniken und Erzählungen, vo 
nden, welche ſich mit diefem Gejchichtsjtoff beſchäſf 
aächſt wieder ein altes Buch, deſſen Urſprung fid 
verliert, in jene Anfänge und Zufammenhänge be 











Eine unbekannte Bolksliteratur. 27 


itafienifch-fpanijchen Stufturen, der fogenannte Jofippon, weldyer von 
den alten Juden mit großem Fleiß gelefen wurde und aus dem fie 
alfe ihre hiſtoriſche Wifjenjchaft geichöpft haben. Wichtiger und be 
deutungsvoller aber als diejes it das jogenannte Maaſebuch (Ge 
ſchichtenbuch), ein Werk, welches jo populär wurde, wie nur je eines 
und welches feine Popularität auch verdient hat, denn der Charakter 
dieſes Buches ift ein äußert merfwürdiger. Es ift für uns ein Stüd 
von der Gejchichte der Weltliteratur, in dem ſich die Wanderungen und 
Bandelungen der Stoffe am beutlichften verfinnlichen. Es iſt be- 
fannt, daß man in der neueren Zeit darauf gefommen ift, die Quellen 
unferes Erzählungsftoffs, in dem Lande der Lotosblume zu fuchen, 
in Indien. Weniger befannt wird es aber fein, daß in den Tagen 
zwiihen dem elften und dreizehnten Jahrhundert, da der gefammte 
Erzählungsitoff aus Indien über Arabien nad) dem Occident fam, es 
vornehmlich Juden geweſen find, welche dieſe Stoffe nach dem Oe— 
cident gebracht haben, jo daß wir in ihren Werfen faſt alle Erzäh— 
lungen, welche fi im Defamerone und in den Gesta Romanorum 
und ähnlichen Werfen finden, ja man kann wohl jagen, den ganzen 
Grundſtock der modernen Erzählungsliteratur dort finden, der 
von Juden aus Arabien gebracht worden und in Imdien feinen 
Urjprung bat. Und wie wunderbar! Im jechzchnten Jahrhundert 
tritt ein jüdifher Mann auf, fein gebildeter Schriftiteller, der weder 
Arabien noch Indien kennt, und fchreibt ein Buch, in dem dieſe Er— 
lungen gar oft wieder aus den chriſtlichen Quellen recipirt wer— 
n. Und auch hier finden wir wieder fait den gejammten Erzählungs- 
off, ja man kann jagen, die Quellen der Fabeln aller modernen 
Romane und Erzählungen, die durch die ganze Weltliteratur gehen 
und deren Wanderungen zu verfolgen, eines der interefjanteften 
Kapitel der Literaturgejchichte ift. Es fei mir gejtattet, eine Probe 
diefer Wandlungen aus dieſem Maaſe-Buch zu geben, eine alte 
indische Gefchichte, deren Urjprung wir eigentlich gar nicht mehr 
wiſſen, die wir nur aus der hinejiichen Ueberfegung feunen. Es 
it die Gefchichte von der treulofen Wittwe, — eine Moral für 
viefe moderne Frauen, die Leferinnen find natürlich) ausgenom- 
men! — Diefe Gedichte ift von dem römifchen Schriftiteller Petro- 
nius zu jener wunderbaren Novelle, welche wir unter dem Titel: 
„Die Matrone von Epheſus“ fennen, verarbeitet worden. In Ucbers 
jegungen treffen wir dieſe Novelle in allen Literaturen der Welt an. 
Hören wir nun, wie diefer ältefte Ehebruchsroman fid in jüdiſch— 
Rowtfcher Bearbeitung fpiegelt: 
„Man jagt, die Weiber haben leichten Einn, fie feien bald zu 
‚reden. Denn es geſchah, daß einer Frau ihr Mann war ges 
sen. Und fie treibt großen Jammer und Klagen und wollt’ ihren 
m Mann gar nicht vergeifen und lag Tag und Nacht auf dem 
edhof und meinte und fchrie gar jämmerlicd um ihren lieben 
an. Da war ein Soldat, der war Wächter bei einem Galgen, 
hütet, daß man niemand joll herunter nehmen von dem Galgen 





ne unbekannte Bolksliteratur. 


nigs. Und derjelbe Galgen, der hat nicht weit 
iedhof, und derjelbe Wächter, der ging bei Nacht 
d redet fo lange mit ihr, bis er fie überredet, 
In der Zeit, da de bei ihm geweſen, ift einer 
den von dem Galgen, und wie der Soldat zu 
er nichts. Da fränkte er fich jehr und fürchtete 
: ihm Hängen lafjen, weil er nicht gehütet hat. 
frau und erzählte ihr fein Unglüd. Da fagte 
ürchte Dich nicht fo fehr, nimm meinen Mann 
äu ihn an deſſen ftatt.“ Da ging er Hin und 
ı Mann aus dem Grah und fie hängen ihn an 
t nun, wie die Frau gar fehr gejammert und 
Mann, und gleichwohl hat fie den böfen Trieb 
fich überreden lich von dem Soldaten. Deßwegen 
iber haben leichten Sinn und find zu überreden, 
Willen thun, wenn fie aud) traurig find.“ 
x frommen Lejerinnen bemerft der Autor in 
[ber doch findt man frume Weiber auch, die 
m ſolche Sachen nit thun!“ So ift der unge 
müthston, in dem dieje Erzählungen in der 
find, das für diefen Inhalt paſſendſte fehlichte 
jerwärtig und abjtoßend ſich in einer modernen 
ausnehmen würde, in jener alten Volksſprache 
it ihr vertraut ift, etwas traufiches und inner- 
fogar etwas unfagbar rührendes. Das Maaje- 
ht bloß Anklänge an indifche, arabiſche und 
n, an Märchen, wie wir fie in dem Märchen- 
zrimm leſen, fondern es ift ein Sammelwerf, 
ganz merkwürdig einheitlichen Charakter trägt, 
Sinfluß, den die deutſche Literatur jener Zeit auf 
te3 Zeugniß abfegt. Und diefer Einfluß erjtredt 
hnen. Er umfaßt nicht bloß die Formen dieſer 
ı%) Ihren Gehalt. Genau in gleicher Richtung 
ide geijtigen Strömungen. Dieje wie jene 
e wie jene Hr arınjelig in der Erfindung, wird 
geſchrieben. Beide verachten jedes Kunftgejeg 
ſiſtil iſt ihnen fremd; aber während die deutjche 
in Volfsbuch wie den Eulenfpiegel aufzuweiſen 
eutſche jo arm, daß fie aud nicht einmal mit 
fann und ſich mit den Nachbildungen bejfelben 
finden wir gegen Ende des fechzehnten Jahr: 
iſch⸗ deutſchen Literatur den ganzen Kreis der 
Voltsbücher in neuen Bearbeitungen vor: die 
, König Artus Hof, die Geſchichte des Fortu— 
fel und Wunfchhütlein, de3 Kaiſers Oetavianus, 
r einen geloblenen Diamant entdedt hat, der 
die ein Kind geftohlen (Preciofa), der Schild- 





Eine unbekannte Bolksliteratur. 29 


bürger ober Lalleburger, kurz, der gejammte Stofffreis der deutfchen 
Literatur findet fih in den jüdijch-deutfchen Volksbüchern wieder, 
Natürlich hatte fih von dieſen der Eulenfpiegel der größten Po— 
pularität auch in den Kreifen des jüdifchen Publikums zu erfreuen. 
Die_ältefte Bearbeitung (1600) wurde von Benjamin aus Tann- 
haufen zum Drud gebracht; der Titel lautet: „Wunderparlid) un 
jelgjame Hiftorie Til Eulenjpiegels, eines Pauern, pürtig aus dem 
land zu Braunfchweig, neilich aus ſechſiſcher ſprach auf ut hoch 
teutſch vertolmetſcht, jer furzweilig zu leſen. Itzund wieder frifch ge— 
fotten und neigebaden“. Auch }päter wurde das Buch wiederholt 
neubearbeitet. Eine zu Breslau in der Mitte des fiebzehnten Jahr- 
hunderts erjchienene Ausgabe trägt den Titel: „Eine wunberbahre 
Geſchichte von Eilenfpiegel, gedruckt in diefem jahr, wo das Bier 
teier war.“ u 





3 find echte Volkslieder nach bejtimmten populären Melodien ger 
ingen, bie weltlichen nach der Melodie des Babobuchs, die geiftlichen 


30 Eine unbekannte Bolksliteratur. 


nad) der des Samuelbuchs, dieſe wie jene der Ausdrud tiefen Em- 
pfindens und unüberwindlichen Gottvertrauens, das fich in diefen 
Xiedern immer manifeftirt hat. Die Dichter waren meiſt aud) die 
Sänger, die jogenannten Spielfeute, die vor den Feſttagen und zu 
Hochzeiten durch alle Lande — überallhin, wo ſie offene Ohren 
und offene Hände fanden. Natürlich fehlt es dieſen Liedern nie an 
rechter Veranlafjung aus der fo reichen Geſchichte des Judenthums; 
jedes Unglüd, da den Stamm oder eine Gemeinde traf, bot reich- 
lichen Stoff, nicht minder grobe Ralamitäten wie Feuersbrünſte, 
Judenverfolgungen und dergleichen; willkommeneren Stoff lieferten 
Hochzeiten und andere Familienfeite, hiſtoriſche Freudentage, und am 
meiften jene Lieber, melde bei hu eitsfeierlichleiten vorzugsweiſe 
von einem fogenannten Marichalt ( [fnarr) gefungen wurden 
und die dem jungen Ehepaar des Lebens Luft und Leid im bunten 
Spiegel der oe te vorzuführen hatten. 
; ber auch im Spiel der Scene blieb ihnen die Iuftige Perfon bes 
4 Narren nicht fremd. Denn, wie ic, ſchon im Eingang gejagt habe, auch 
: Poſſen und Schwänke haben wir in diefer Literatur aufzufuchen. 
Die ältefte derfelben behandelt die „Berfaufung Joſephs“, den viel- 
beliebten biblijchen Stoff, mit einem ſolchen Realismus, daß er ſelbſt 
der modernen franzöfiichen Dramatik nicht nachzuftehen brauchte. 
Die entſcheidende Scene zwifchen Jofeph und der frau von Potiphar 
ift aber gleichwohl von einer unerwarteten Diskretion. 
Es — auch in den jüdiſchen Schwänken nicht an Frivolität. 
Ich muß aber doch fagen, daß die Diskretion, welche der Dichter 
dieſes Schwanks gegen jeine verehrten Zuhörerinnen übt, nicht von 
allen Genoffen beliebt wurde. Es gab roch ein anderes Karnevalsſtück, 
das „Ahasverusfpiel“, das gleichfalls in Gegenwart eines weiblichen 
großen Publitums zu Frankfurt a. M. mit Pauken und Trompeten 
aufgeführt wurde, und das von einer Frivolität gewejen fein foll, vor 
der jelbft der moderne franzöfiiche Nealift zurücichreden würde, 
Hat nun aber diefe Literatur nicht auch wiſſenſchaftlichen Zwecken 

gedient? Allerdings, aber diefer wiffenfchaftliche Zwed war eben auch 
nur für populäre Bebürfnifje angewendet. Wir finden Lehrbücher der 
Geometrie und Arithmetif, der Aftronomie und anderer Discipfinen nad) 
dem damaligen Stand der Wiſſenſchaft in diefer Literatur überreich 
vertreten. Wir finden auch verfchiedenartige Auslegungen des Ge 
ſetzes, aber diefer Kreis tritt zurüd Hinter emjenigen, den ich eben 
zu fhildern unternommen habe, a inter der Ausgeſtaltung 
einer populären Volksliteratur, die den Bedürfniffen der Allgemein- 
- beit entgegenfam. 
j Es jei mir ſchließlich aber noch geftattet, einen Beweis 
jeben, was bie alten Juden gelefen und wieviel Bücher fie geka 

ben. Im Jahre 1787, aljo vor mehr als hundert Jah 
haben die Juden in Oeſterreich für 300,000 Gulden Bür 
getauft, aus dem Kreife ihrer Literatur und in däbiie-beutfe 

pprache. Diefe Ziffer bedarf feines Kommentars. öge fich je 

















Eine unbekannte Bolksliteratur. 3 


von und im ftillen prüfen, ob wir modernen Menfchen in diefer 
neuen Zeit in gleicher Weife, wie die Altvordern dafür Sorge tragen, 
daß das Schriftthum unterhalten und gefördert werde. Die jüdtjch- 
deutſche Literatur jelbit jchließt mit diejer Periode noch nicht ab. 
Ich habe bereits gejagt, daß ihre Ausläufer fich noch. weithin in 
unfer Jahrhundert erjtreden, daß fie heute noch ein reiches Schrift» 
tum im jlavijchen Dften hervorbringt. Für uns ift ihre Gelkung 
und Berechtigung abgefchloffen. Vor dem Poſaunenſchall der neuen 
Zeit, den ein Leifing und Mendelsfohn zuerjt ertönen ließen, find 
die Mauern des Ghetto zufammengeftürzt und fie werden nie wieber 
aufleben. So bietet diefer ganze Kreis nur noch ein Hiftorifches 
Intereffe, indem wir erfennen, daß dieje armjelige und bürftige 
Kiteratur troß aller Beſchränkungen und Hinderniffe doc, alle ig. 
tungen, die mit der Literatur der Menjchheit zufammenhängen, ver- 
folgt hat. Auch aus ihren Werfen fann man das Wehen des nach 
der Erkenntniß des Höchſten ringenden Geiftes verfpüren. 





Bilder aus Weft-Sibirien. 


Bon Dr. Hermann Roshofäug. 


I Ber Irtyfd. 
er_Dampfer, der una von Weften her in das Innere 
Sibiriens führt, gelangt zwar in_immer größere 
lüffe — aus der Tura in den Toböl, aus bem 
X Toböl in den Irtyſch und aus diefem in den „Va- 
ter der Flüffe“, den Ob — aber er bringt und auch 
immer troftlojfere Einöden. Tobolsk war eine freund- 
liche Dafe in der Wüfte, aber faum find die weißen 
Mauern feines Kreml im Morgennebel verjhwunden, fo befinden 
wir uns aud) ſchon wieder zwifchen öden, einfrmigen Uferftreden. 
Je mehr wir uns von Tobölsf entfernen, deſto jeltener werden Die 
Menſchenwohnungen, meift Tatarendörfer, Gruppen düfterer, alter- 
grauer Holzhäufer — nur felten ein ruſſiſches Dorf, das durch die 
große Kirche mit den Kuppeln und blendend weißen Mauern als 
ſolches kennbar ift. Meift find beide Ufer des Irtyſch bewaldet, das 
flache linke Ufer ift mit Birken, Talnik und Weiden verjchen, das 
ſchröff abfallende, Hohe rechte Ufer dagegen mit Tannenwald bebedt. 
Ueberall find auf dem rechten Ufer die Spuren der zerftörenden 
keit des Waſſers bemerkbar. ALS echter ruſſiſcher Fluß unter 
wühlt auch der Irtyſch unermüdlich fein rechtes Ufer, reift weite 
Streden Uferland in feine Fluten hinab und rüdt immer weiter 
nad) Often vor. Erdftürze, bei denen 10,000 und mehr Kubikklafter 














Uferland ins Waſſer ftürzen, gehören durchaus nicht zu den Gelten- 
heiten. Welch' gewaltige Revolution das im Waffer hervorbringt, 
Tanıı man fid, leicht vorftellen. Wo die Erdmaſſen niedergeftirzt 
find, dort weicht für einen Augenblick das Wafjer jo zurüd, daß das 
Zlußbett zu Tage tritt, und während das gegenüber liegende Ufer 
weithin überflutet wird, ftürzen ee Slutwellen flüßaufwärts 


und flußabwärts. Wehe den armen Fiſchern, die vielleicht in dieſem 
Augenblick ahnungslos in ihrer Hütte ſchlafen! Fünfzehn bis zwan- 
zig Kilometer weit macht ſich bisweilen ein folder Erdſturz bemerk— 


Deine, Google 





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Silder aus Weh-Sibirien. 33 


bar und bringt den Uferbewohnern Tod und Verderben. Wehe auch) 
jedem Schiffe, das fich in der Nähe befindet! Wenn c3 dem Steuer- 
mann nicht gelingt, raſch das Vordertheil des Bootes der anftürmen- 
den Woge entgegen zu fehren, wird daſſelbe umgeftürzt oder zer- 
jchmettert und die Mannſchaft ift in den meiften- Fällen rettungslos 
verloren. Kleine Fahrzeuge entrinnen in der Regel der Gefahr eher 
als große, welche viel ſchwerer lenkbar find und die zu ihrer Ret— 
tung unumgänglich nöthige Wendung nicht fo rafch ausführen kön— 
nen. Wenige Minuten nad dem Erdſturz fließt aber der Irtyſch 
wieder ruhig wie zuvor und nur die Unmajfen todter Fifche, welche 
feine Oberfläche und die Ufer bededen, verrathen dem Kundigen, daß 
wieder einmal ein Erdſturz ftattgefunden hat. 

Wenn der Strom in langer Minirarbeit das Ufer genügend 
unterwühlt hat und die Kataſtrophe endlich eintritt, dann reißt er 
alles, was fich auf der unterwühlten Strede befindet, Gebüjche, 
Bäume und Hütten mit ihren Bewohnern in da najfe Grab hinab. 
Auf weiten Streden bilden gejtürzte oder angejchwemmte Baum— 
ftämme einen dichten Zaun längs des rechten Ufers. Hier fchwebt 
ein Baum, nur noch loje in dem lockern Erdreich Hängend, faft wag- 
recht über dem Waſſer, ein dem Untergang Geweihter, den ſchon das 
nächſte Hochwafjer mit fortreißen wird — dort ijt eine ganze Erd» 
ſchicht zum Ufer hinabgerutſcht und die auf ihr ftehenden Bäume 
haben, obwohl wirt durcheinander geworfen, doc, noch einmal Wur- 
zel gefaßt zu einem furzen, ausfichtslojen Widerjtand. 

Nichts vermag bie verderbliche Minirarbeit des Irtyſch fo deut 
ich zu veranfchaulichen, als die Geſchichte der Ortſchaft Demjänst. 
Seit ihrer Gründung im Jahre 1637 mußte diefelbe bereit3 zweimal 
weiter landeinwärts verlegt werden und ift heute etwa 11, Kilo- 
meter von der Stelle entfernt, auf der fie urjprünglich ftand. Die 
Stelle, welche die ältefte Kirche von Demjansk einnahm, befindet ſich 
heute bereit3 auf dem andern Ufer, und über jene, auf welcher die 
Kirche der zweiten, bereit landeinwärts verlegten Nicberlajjung ſtand, 
fließt heute der Irtyſch. So weit ift derfelbe in 250 Jahren nad) 
Oſien vorgerüdt! Und namentlich bei Demjansk dringt er in ra 
chem, unaufhaltfamem Siegeslauf vorwärts, Uferftreden von 150 
bis 200 Meter Länge und bis 40 Meter Breite zum Sturze bringend. 
An Viderftand, an Abwehr ift gar nicht zu denken. Der Menſch ift 

ier im teten Rüdzug begriffen und er räumt feiner Ohnmacht ſich 
wußt, vor dem entfeffelten Element ohne Kampf eine Pofition 
ach der andern. 

Mit dem Waffer wetteifert das Feuer im Zerjtörungsmwerf, 
ann und wann verkünden große fahle Streden auf dem Hohen 
ten Ufer, daß hier einer der verheerenden MWaldbrände, wie fie 
des Jahr in Rußland zu Hunderten bringt, am Waſſer fein Ende 
funden hat. Nur wenige halbverfohlte Baumftämme tagen noch 
3 traurige Denkmäler der Verwüſtung über ſpärliches, niebriges 
kebüfch empor. Die Unfitte, die Felder abzubrennen, außerdem der 

Der Salon 1889. Heft. Band I. 3 


Bilder aus Wef-Sibirien. 


velchem beim eueranmaggen im Walde vı 
jaupturfachen der Waldbrände. Das Feu 
üſch, pflanzt fp von diefem zu den $ 
) hunderte von Morgen herrlichen Wald 
lammen. 
mit den mittleren Gouvernements bei 

in denen der Waldreichthum im legten 2 
ı 39 Prozent abgenommen hat, ift allerbi 
noch gut geftellt, aber je näher der Seen 
o größer ift die Waldverwiritung. Die 
fibirifchen Wälder überhaupt zeichnen ſich 
tigfeit der Holzarten aus. Die Birfe und 
tkontingent. Die Birke kann man als ein 
bezeichnen, denn man trifft fie überall, 
genden am Obiſchen Meerbufen und am 
3 ihre mannigfaltige Verwendbarkeit erwe 
glichiten Bäume. Sie liefert dem Sibirier 
Hütte, aus ihr verfertigt er Tiſche und 2 
seje fie als Brennmaterial und ihre Rint 
elei Gefäßen zu verarbeiten. Der Burak, 
iß, das in verjchiedenen Größen von etwa 
zum faßartigen von etwa 150 Centimeter 
timeter Durchmeffer verfertigt wird und 
biriens fehlt, hat ‚gro: einen hölzernen 2 
ı hölzernen Dedel geiätoffen, aber die 
tehen aus Birfenrinde, und die Fugen fi 
yerartige Gefäße als Waffereimer, zum Au 
w. benugt werben. 
ächthum, der troß der Verwüftungen dur 
ce noch vorhanden ift, zeichnet jedoch nur i 
3er von Tobölsf den Strom aufwärts 
Begenden, welche völlig verjchieden find ! 
Fahrt von Tobölst bis zur Vereinigung 
Kennen lernt. Der Irtyſch ändert über 
auf mehrmals feinen Charakter. Als wil 
such den Altai dahin, an deſſen ſüdweſt 
90 Grad öftl, Länge und 46 Grad nö 
vet als Schwarzer Irtyic in den Saifon 
its als breiter Fluß aus dieſem ausget 
irgslandſchaften zwiſchen Uft-Stamenogörzt 
n Schönheit mit den Ufern bes Rheins 
n er an Senipalätinsf und Pawlodar vı 
feine Wafjermafjen immer weiter aus, abı 
er nun fließt, nimmt immer mehr den € 
eiſt bededen Schilf und Weidengebüfc die 
Toboͤlsk vollzieht fi dann die legte | 
em mit Laubwald bededten flachen Ufer. ; 











Bilder aus Weh-Sibirien. 35 


und einem meift fteilen, mit Nadelholz bejtandenen rechten Ufer eilt 
der Irtyi feiner Mündung in den Ob zu. 
Gleit m letztern iſt der Sei übern) an köſtlichen Zifch- 
arten, doch jein ——— wird nur im obern und im untern 
Theil ſeines Laufes in größerem Maße ausgebeutet. Im untern 
Theil find zwar die Djtjafen noch im Beſitz des Fijchereirechtes, aber 
fie nugen dafjelbe nicht felbjt im großen aus. Biel ſchwächlicher als 
die Rufjen und feine Freunde kehwerer Arbeit, ziehen die Oſtjaken 
einen Kleinen, mühelos erworbenen Gewinn einem durd) Arbeit er= 
ngten großen Gewinn vor und verpachten das Fiſchereirecht an 
allge Unternehmer. Diefe erjcheinen dann mit Schaaren von Ar- 
beitern und laſſen zum: ade an einer günftigen Stelle die nöthigen 
Sebäube errichten: ein Wohnhaus für bie Arbeitey, eine Küche und 
Baditube, ein VBabehäuschen für die dem Ruſſen unentbehrlichen 
Dampfbäber, eine große Hütte, in welcher die Filche eingefalzen wer= 
den und mehrere Lagerräume. Das Leben, das die Grbeiter aul 
Äaheen Stationen, oft fern von jeder Niederlaffung, mitten im Sump 
ihren, ift nicht beneidenswerth: ſchwere Arbeit bei fehlechter, sinför- 
iger Koft — und Zifchfuppe, nur an Feſttagen auch Thee) und 
Bist ein Lohn, der nur in Sibirien möglich ift, wo das Geld 
erth Hat und die Nachfrage, nad) Arbeit größer ift als dag 
— Wenn die Zahl der Arbeiter groß ift, kheilen fie ſich ge— 
wöhnlich in zwei Parteien, welde abwechſelnd einen Tag arbeiten 
und einen Tag raften, oder auch einander nad) einer beftimmten An= 
— von Netzzügen ablöſen. In letzterem Falle iſt die Arbeit eine 
ſonders mühevolle. Bet günftiger Witterung braucht man zu einem 
Nepzug 4 bis 4, Stunden, bei ungünftiger vergehen qumeifen ans 
derthalb Tag und während diefer ganzen Zeit muB der Arbeiter faſt 
ununterbrochen aeftvengt thätig fein. Zum Ausruhen und zum 
Trodnen feiner Kleider bleiben ihm kaum 8 bis 10 Stunden. So 
verdient der Mann während bes ganzen Sommers etwa 40 Rubel 
und doc, fehlt es nicht an Arbeitern, welche jahraus jahrein fich 
wieder einfinden. Der geringe Lohn wird den mit ruſſiſchen Ver⸗ 
hältniſſen nicht Vertrauten umſomehr überraſchen, wenn er hört, wie 
rieſig die Fiſchausbeute iſt. Nach den Angaben der Fiſchereizüchter 
ſolien alfein im untern Irtyſch jährlich ein 100,000 Pud (etwa 
1,800,000 Kilogramm) Fiſche gefangen werden und noch viel größer 
iſt die Ausbeute im Ob. Dort liefert allein der Kreis Narym jähr- 
lich 100,000 Pud im Werte von etwa 400,000 Rubel. Trotzdem 
Haben aud) bie Pächter mit großen Schwierigfeiten zu kämpfen, denn 
gerade ein fiſchreiches Jahr kann für fie ein Dertuftbringendes wer⸗ 
ven. Zuweilen treten nämlich bie Fiſche in ſolchen ungeheuren Maf- 
ern daß ihr Preis tief Herabjinft und fie faft allen Werth 
‚erlieren. 

Für den Verfand werden die Fiiche auf viererfei Weiſe herge— 
ice, Die große Mehrzahl wird eingejalzen. Sobald fie ans Sand 
yebracht find, werden die Fiſche ausgenommen, gereinigt und gewa— 

ar 





Silder aus Welt-Sibirien. 


in eine Tonne gelegt, auf deren 3 
findet. Wenn die erjte Lage Fische uı 
lz bejtreut, auf dieſes eine zweite Lay 
mit Salz beftreut, und fo ahnt mar 
t, worauf man fie loſe mit einem Ded 
sicht gelegt wird, um den zur Erzeug 
ruck auszuüben. Je nad) der Witterı 
Tage in der Tonne, worauf man fie 
wäjcht und dann in das Vorrathshe 
fendung liegen bleiben. Bei diefem 
und gleichmäßig gefalzene Fifche und 
Pud (16,,, Kilogramm) Stör etwa 1 
dere Fiſche, welche Heiner find und 
bis 10 Pfund genügen. Auf vielen 
nn wohl fagen, auf ben meiften — 
eit nicht ſelbſt beauffichtigen, wird d 
ührt und e3 ift manche Unfjauberfeit 
ı aller Eile ausgenommen, oberflächlic 
t fchlechtem Salz gefüllt. So fdid 
äßt fie fieben Tage in ihr liegen. D 
„raſch gewafchen und der Größe n 
‘haus hufgehäuft, wo fie bis zur L 
n bleiben. Die fo zubereiteten Fiſche 
von fo geringer Qualität, daß fie 
1, welche auch mit der ſchlechteſten Kc 
ihr Preis ein geringer ift. Die eir 
enthalten wieder jo wenig Salz, daf 
vermag und fie in Fäufnih übergeher 
igsort erreicht geben. 
eiten üblichen Konfervirungsmethode, ! 
2 Fifche viel beffer. Die im Somn 
deren Setteichen oder fonftigen Waffı 
r bis Ende Oftober, zuweilen bis M 
ı herausgenommen und in geftorenem 
c ift jeboch die Rücfichtsfofigkeit zu ı 
pächter zu Werfe gehen: Die vielleicht 
iches oder wegen fhlechten Waſſers 
iſiandslos mit den anderen verfandt — 
inem Fifch anzufehen, ob er vor dem ( 
war? Nur bei den im Winter gefa 
befürchten, da folche Fiſche fofort gel 
herausfommen. 
geſalzenen und gefrorenen Fifchen wer 
ster verſandt. an jchligt die Fifd 
heraus, hadt Kopf und Schwanz ab 
Uen Einfchnitte, die leicht mit Salz e 
ı die Fijche auf Stäbe ftedt und an di 





' Silder aus Wef-Sibirien. 37 


läßt. Die vierte Art der Konfervirung beſteht darin, daß man die 
a bie vorbefchriebene Art hergerichteten Fiſche räuchert oder Leicht 
ratet. 

Das ganze Verfahren ift ein fehr primitives und große Werthe 
sg am Irtyſch alljährlich ungenugt verloren, theils aus Unkennt⸗ 
mß, theils wegen der Indolenz der Bevölkerung, welche gar fein 
Verlangen nach Verbefferung der bisherigen Methoden ber Fiichfang- 
verwerthung zeigt. Kaviar, Thran, Fiſchleim, Haufenblafe könnten 
bedeutende Erportartifel fein, aber fie kommen heute faum in Bes 
tracht. Der aus den fibirifchen Stören, der Nelma (fibiriichen Lachs) 
und anderen Fifchen gewonnene Kaviar könnte ganz gut mit dem 
aſttachanſchen wetteifern, da bie größere Entfernung von Niſchnij 
Nowgorod und die mit dem zweimaligen Umladen verbundenen 
Schwierigkeiten größtentheil® durch die billigeren Arbeitslöhne auf- 
ggnoen werben, aber infolge des unrationellen Verfahrens ift die 

tenge bes ſibiriſchen Kaviar fo gering, daf er gegenüber den Maj- 
fen des aftrachanfchen auf dem Marfte völlig verjchwindet, ganz ab⸗ 
gefehen davon, daß er infolge der nacjläffigen Reinigung an Qualis 
tät weit Hinter jenem zul bleibt. 

Jedenfalls ift es Ruffen bis heute noch nicht gelungen, aus 
dem Irtyſch (und ebenfo aus dem Ob) den vollen Nuten zu ziehen, 
ben derfelbe zu bieten vermag; fie haben das Pfund, das in ihre 
Hand gelegt wurde, nicht entjprechend verwerthet. 


! II. Ein Berbanntentransport. 


on in Moskau und auf der Fahrt von dort zum Ural hat 

der Reifende im Sommer häufig Gelegenheit, Gefangenentransporten 
zu begegnen, beren Endziel Sısirien iſt. Die zur Zwangsarbeit 
Katorſchnaja raböta) oder au nur zur Anſiedelung in Sibirien 
ilten werben pon Moslau, dem Hauptfammelplag, in ver 

i Eiſenbahnwagen nach Niſchnij Nowgorod gebracht, von wo 
— in eigens für ihren Transport hergerichteten großen Schleppbar⸗ 
bis fahren. Im Perm bejteigen fie wieder vergitterte 
Waggons der Uralbahn und fahren nach Katharinenburg und dann 
mit ber fibirifchen Eiſenbahn bis Tjumen. Dort liegen Dampfer 
mit Schleppbarfen bereit, auf meihen legteren fie auf der Tura, 
dem Toböl und Irtyſch in den Ob gelangen und nad) acht- bis 
neuntägiger ununterbrochener Fahrt Tomsk erreichen. In Tomsk 
—+-t der troß aller Strapazen und Unannehmlichfeiten immer noch 
Altnigmäßig erträgliche Theil der Fahrt, welche von Mosfau 
Tomsk etwa neunzehn Tage gedauert hat. Diejenigen, welche 
Oſt⸗Sibirien bejtimmt find, müffen nun den Weitermarſch auf der 
dſtraße antreten, bis wieder ein Fluß erreicht ift, ber Jeniſſei 
der Amur, ber ihren Transport zu Wafjer ermöglicht. Da 

lich Taufende nach Sibirien „verſchickt· werden, für ihren Trans⸗ 
aber nur eine furze Sommerszeit zur Verfügung fteht, hat jeder 


38 Bilder aus Wel-Sibirien. 


von Tyumen nad; Dften fahrende Dampfer eine Gefangenenbarfe im 
Schlepptau und der Neifende kann das Leben und Treiben auf einer 
ſolchen mit Muße betrachten. 

Da macht man fehon in den erſten Stunden die Wahrnehmung, 
daß der Transport der Gefangenen viel von den Schreden verloren 
hat, mit denen er noch vor wenigen Jahrzehnten umgeben war. Die 
gut ift vorüber, in welcher die Knute roher Kofafen die ermatteten 

jefangenen vorwärts trieb und viele unterwegs den Strapazen und 
der Kälte erlagen. Eine humanere Behandlung hat Plag gegriffen, 
aber trotzdem bietet fol’ ein Werbanntentransport immer noch ein 
ungemein abftoßende3, mit unferen Anſchauungen von Civilifation 
unvereinbares Bild. Der weitaus größere Theil der Gefangenen 
beftcht zwar aus Individuen mit echten Galgenphyfiognomien, im 
deren Zügen die moralifche Verworfenheit und die Vermwilderung 
ſcharf ausgeprägt ift, aber wenn auch für dieſe fein Mitleid in un— 
jerer Bruft rege wird, fo macht fich daſſelbe doch um fo lauter für 
die. Unglüdfichen geltend, welche nur cine übereilte That in dieſe 
Geſellſchaft gebracht hat. Namentlich) in bewegten Zeiten, wie wäh— 
rend der olenauffeinde und fpäter zur Blütezeit des Nihilismus, 
jenügte fehr oft ſchon ein nach unferen Anfchauungen geringfügiges 
Bergehen zur Verbannung nad) Sibirien und mancher junge Mann 
hat damals jchon wegen des bloßen Beſitzes verbotener Schriften 
jeine_beften Lebensjahre in unwirthlicher Gegend vertrauern müffen. 
g ſolchen Leuten gefellt ſich jahraus jahrein ein nicht geringes 
ontingent von Verbannten, welche mit der treuherzigften Miene von 
der Welt verfichern, daß fie nicht wiſſen, weßhalb fie verbannt find 
und die es aud) in der That nicht wiſſen. Da find Bauern, Die 
fid) bei maßgebenden Perfünlichfeiten in ihrem Heimatsdorfe miß— 
Tiebig gemacht — und die Gemeinde hat fie durch einſtimmigen 
Beſchluß ausgeſtoßen und an die Regierung den Antrag geftellt, fie 
in Sibirien anzufiedeln, wobei vielleicht aus Furcht vor gleichem 
Schickſal der eingefchüchterte Vater gegen den eigenen Sohn geftimmt 
hat; da find aber auch Vertreter all! der verjchiedenen nicht ſlavi— 
ſchen Völferfchaften des Rieſenreiches, der Tjcheremiffen, Tſchuwaſchen, 
Baſchkyren, Wotjafen, Permjaken u. a., welche, noch auf einer jehr 
niedern Kulturftufe ftehend, fein Verſtändniß für die Anforderungen 
haben, die ein moderner Staat an feine Bürger ftellt, und die deß— 
halb in ihrer Ummiffenheit bald gegen diefen, bald gegen jenen Ges 
jegesparagraphen verftoßen — Shfer ihrer Dummheit, möchte man 
jagen, wenn nicht zuweilen auch ein gut Theil Beamtenwillkür oder 
zum mindeften unverftändige Strenge der Beamten an ihrem Un— 
glüd ſchuld wäre. 

So ijt die Gejellfchaft, die fih auf der Gefangenenbarfe befin- 
det, aus den verfchiedenartigften Elementen zufammengefeßt, aber ihrı 
Behandlung bleibt jtet3 bie gleiche, mag nun die Urjache der Ver⸗ 
bannung ein Mord, ein politifches Vergehen, ein betrügerifcher Ban= 
ferott oder was immer fein. Bis vor etwa drei Jahren erfreuten 








Bilder aus Wef-Sibirien. 39 


ſich nur diejenigen, welche über reiche Geldmittel verfügten, einer 
Heinen Bevorzugung. Man geftattete ihnen, wenn jie die Koften 
einer befondern Eskorte bezahlten, die Fahrt nach dem Verbannungss 
orte, ſowohl auf der Eifenbahn, als auf den Dampfern abgefondert 
von den übrigen Verbannten in einer beliebigen Kaffe zurüdzulegen 
und fi) auch weiterhin entweder der Poft oder eines eigenen Wa— 
gend zu bedienen. Das hat aufgehört, ſeitdem eine Minifterialv 
ordnung verfügte, daß ein folcher Transport auf Koften des Ver— 
bannten nur noch dort erlaubt fein foll, wo weder Eifenbahnen noch 
Dampferverfehr vorhanden ift, daß aber auf den übrigen Streden 
I Derbannte ohne Unterfchied den allgemeinen Transporten zu 
folgen habe. 

Die Barken, in welchen fie die wochenlange Reife auf den eu— 
ropãiſchen und fibirifchen Flüſſen zurüdzufegen haben, find nicht Ei- 
genthum der Regierung. Die Regierung hat mit zwei Rhederfirmen 
Kontrafte geſchloſſen, durch welche dieſe ſich zur Stellung der nö— 
thigen Anzahl Barken befonderer Konftruftion verpflichteten. Die- 
felben find ebenjo groß wie ber Dampfer, der fie im Schlepptau hat 
und fcheinen ſich auf den erften Blick von einem folhen nur dadurch 
zu unterfcheiben, daß ihnen die Mafchine fehlt. Erſt wenn man 
näher fommt, erfennt man, daß ihre ganze Anlage eine andere ift. 
Das Verdeck des hell-tothhraun angeltrichenen Fahrzeuges iſt fait 
in der Kae Länge überdacht, und in dem überdachten Raum be- 

i 





finden am Vorder⸗ und Hintertheil des Schiffes durch einen 
ſchmalen dunfeln Gang getrennte Kajüten, in benen bie Offiziere 


mit der Wachmannſchaft und die Matrojen einquartiert find. Der 
weite Raum zwifchen ben beiden Kajütengruppen dient zur Aufnahme 
der Gefangenen und zerfällt in eine Abtheilung für Männer und 
in eine Abtheilung für Frauen, welche beide an den Längsjeiten 
durch ein jtarfes Gitter eingeichtoffen find. Ein fchmaler Gang führt 
wiſchen dieſem Gitter und dem Bordrand dahin, gerade breit genug, 
Ih dort ein Wachpoften patrouilliren kann. Droben auf dem Dache 
halten fich der Steuermann und das übrige Schiffsperfonal auf, 
welches zur Lenkung der Barke erforderlich iſt. Hinter dem Gitter 
aber fagern, dicht zufammengepfercht, 500 bis 600 Menfchen, Män— 
ner, Frauen und Kinder. 

Es ift ein Bild des Jammers und tiefiten Elends, das man 
da vor ich fieht. Nothdürftig mit einigen Lumpen bekleidete Kna— 
ben und Mädchen, bleich und abgehärmt ausfchende Frauen, darun- 
viele mit Säuglingen an ber Bruft, die ihren Männern freiwillig 

h dem Verbannungsort folgen — und das alles hockt und liegt 
ſchen den aufeinander gethürmten Ballen und Bündeln, in denen 
ihre ärmliche Habe mitführen, und wenn die Barfe irgendwo ans 
t, drängt fig altes zu dem Gitter vor, um neugierig die am Ufer 
ehenden zu betrachten ober, falls noch Geld vorhanden ijt, einige 
benämittel zu faufen. Nebenan in der Männerabtheilung gewahe 
ı wir wieder ein anderes Bild. Welch’ entjegliches Durcheinander 








Silder aus WeR-Sibirien. 


der verworfenften Phyfiognomien! Wie verfchieden bie ! 
auf uns gerichteten Augen! Theilnahmslos ftiert der ein 
Bin, die Fugen des andern verfolgen uns hinter dem € 
heimlich funfelnd gleich Raubtfieraugen; fein Kopf iſt g 
und nur in der Mitte deſſelben ein Streifen Haare ftehen 
welcher lebhaft an den nun glücklich zu Grabe getragenen | 
NRaupenhelm erinnert. Außer diefem Brandmal des Zuchth 
man bei vielen bemerkt, tragen alle leichte Ketten an di 
Den Unbilden der Witterung find Männer, Frauen u 
ziemlich ſchutzlos preisgegeben. In den drüdend heißen 
monaten gewährt ein Segeltuch, das Hinter dem Gitter her 
werden Tann, einigen Schuß gegen die Sonnenglut, wen 
Nächte fühl zu „werden beginnen und ein falter Wind t 
durch die Gitterftäbe peitjcht, wird die Lage der Eingeſchloſ 
ſehr traurige. Bei ſehr kalter Temperatur, unter welcher 
die erjten Transporte im Frühjahr, unmittelbar nad, dem 
zu leiden haben, werden die Gefangenen im untern Schiffs 
geiötoffen, wo alsdann durch die Ausdünftung fo vieler 
ald eine entfegliche Stidluft erzeugt wird. In dem v 
Raum befindet N auch eine Eleine Küche, d. h. ein Herd, 
chem die Frauen Fiſche oder Kartoffeln kochen können, u 
Röhren, an denen ſich mehrere Hähne befinden, leiten heiß 
zur Theebereitung in den Gefangenenraum. Daß in letz 
Reinlichkeit feine Nebe fein fann, ift jelbftverftändlich, 

fold' eine Barke an ihrem Beftimmungsort angelangt ift 
traurige Fracht abgeladen hat, erwartet die Matrofen die 
eines Augiasjtalles, aber die Gefangenen jcheint die Un 
ihres Aufenthaltortes nicht jonderlich zu berühren. Wenig 
ic) nie eine Klage über die an Bord herrſchende Unſaubert 
während jeden Augenblid Klagen darüber laut wurden, 
Raum für jechs- bis fiebenhundert Menfchen zu eng fei. 

Dies zeigt eben wieder nur, daß man — Verhä 
einem ganz andern Maßſtab meſſen muß als die unfrigen. 
fcheint dag Loos dieſer Leute während des Transportes v 
licher als die langen Jahre der Verbannung, welche fie 
Beſtimmungsorte werden zubringen müſſen. Der Rufje 
ſich in eine ſolche Lage viel leichter, ala wir es fir mögl 
Bei Tage der Sonnenglut, bei Nacht der Kälte und dem 9 
gejegt, auf hartem Boͤden fehlafend, auf fehlechte, wenig c 
Koft angewiefen, inmitten ber ihn umgebenden Unjaube 
Ungeziefers, der Ausdünjtungen, bleibt er ruhig und kalt 
geduldig und reſignirt über ſich ergehen, was zu änderr 
feiner Macht Tiegt. 

Auch bei dem Publifum bringen die Gefangenentran 
weitem nicht jenen Eindrud hervor, welchen der gefühlvol 
europäer für unausbleiblich hält. Von Jugend auf an da 
Schaufpiel gewöhnt, fieht der Ruſſe in den Gefangenentt 


Bilder aus Weh-Sibirien. 4 


durchaus nichts ſchreckliches. Und num gar in Sibirien, wo bie 
Mehrzahl der Bevölkerung aus Verbannten und deren Nachkommen 
oder ſolchen befteht, die nach Ablauf ihrer Strafzeit freiwillig am 
Verbannungsorte blieben, wo fie ſich indeſſen eine geficherte Exiſtenz 
geichaffen Hatten! Dort ift man gegen das Schaufpiel, das uns 
gräßlich jheint, völlig abgeftumpft. Im europäifchen Rußland kann 
man in allen Drten, durch welche Gefangenentransporte kommen, 
wahrnehmen, wie das Volk fich an fie herandrängt und ihnen milde 
Gaben zuſteckt — Geld, Lebensmittel, Kleidungsſtücke — wie & 
einem jeden einzelnen feine Mittel erlauben. Das Bolt im euro- 
pãiſchen Rußland fieht eben in jebem Gefangenen nur einen Un- 
glüdlichen, defjen trauriges Loos zu lindern Chriftenpflicht ift. Dies 
ändert ſich jeboch rajch, fobald die Gefangenen den Ural überſchritten 
haben. Das Mitleid ift vielleicht noch vorhanden, aber es giebt ſich 
nur felten zu erfennen. Das Publitum, an dem dieſe traurigen 
Bilder vorüberziehen, betrachtet fie ziemlich theilnahmslos und na- 
mentlich enthält es fich mit fcheuer Worficht jeder Aeußerung über 
die Gefangenentransporte. Einige Geftalten in dem vergitterten 
, deren Aeußeres auffallend von jenem ber anderen Gefangenen 
abfticht, veranlaſſen und vielleicht zu der Frage, ob dies politiſche 
Verbrecher ſeien — eine Sefeiedigenbe Antwort erhalten wir aber 
auf ſolche Frage höchft jelten. Achfelzudend wendet fid) der Ge- 
fragte von uns ab und brummt vor ſich Hin: „Arreftanten find’s!“ 
Arreftanten! Dies Wort muß ung genügen. Der fibirifche 
Rufje Spricht mit Leuten, die er nicht Fennt, nicht gern über dieſes 
und in feinen Augen find all’ die Leute Hinter dem Gitter 

nur furzweg „Arteftanten‘. Was fie dazu gemacht, kümmert ihn 
nicht; das zu unterſuchen ift nicht feine Sache. Und warum follte 
er ſich diefer Leute wegen aufregen, die felbft ihr Schichſal ruhig 
ertragen! Cine dumpfe Refignation hat fi) aller bemaͤchtigt. Sie 
wilfen, daß es für fie feine Gnade gicht und fie haben fi in ihr 
Schidjal ergeben, mit der Welt, die fie verlaffen, abgeſchloſſen. Au- 
blicklich iſt al ihr Sinnen und Trachten nur darauf gerichtet, 
ſoweit es das in ihren Händen gebliebene baare Geld geftattet, durch 
Einkauf von Lebensmitteln auf den Landungsplägen in ihre tägliche 
Koft — Brod und Fiſchſuppe — einige Äbwechſelung zu bringen. 
Niemand Hindert fie, über ihr Geld zu ſolchem Zwecke zu verfügen. 
Die Bauernfrauen, welche auf den Landungspfägen Lebensmittel al- 
fer Art — Brod, Fiſche, Eier, Milch, Himbeeren, Nüffe, zuweilen 
auch gebratenes Geflügel u. j. m. — den Paffagieren des Dampfers 
‚sten, werben auch auf der Barke im Schlepptau zugelaffen und 

en durch das Gitter mit den Gefangenen verhandeln. Iſt der 
ufte Gegenftand zu groß, um durch das Gitter gefteckt zu wer- 
übernimmt einer der draußen ftehenden Soldaten bereitwillig 
Beförderung in den Gefangenentaum. Der gutmüthige Soldat 

‚uch der Ueberbringer manchen Bündel mit Lebensmitteln, welches 
”h ein mildherziger Dampferpafjagier vielleicht einem BVefannten, 











KSilder aus Wel-Sibirien. 


den .er hinter dem Gitter entdedt hat, fenbet Die ange 
müthigleit der Ruſſen verfeugnet fich überhaupt auch uni 
daten nicht, welche die Gefangenen zu bewachen haben, 
Zeuge einer rohen Behandlung ber Iegteren geword 
in anbetracht ber vielen wilden Elemente unter ihnen 
Regiment nicht bloß gereätfertig, fondern unvermeidlich 
Die Tage, an denen die Barke anlegt, weil der Dan 

holz einnehmen muß, werden durch das Erfcheinen der 
nen von Lebensmitteln zu Feittagen für die Gefangen 
jehen fie ftatt der einförmigen, öden Waldufer zu beider 
luſſes wieder eine Stadt oder ein Dorf und Menjchen 
fer Verkehr mit der Außenwelt ift von furzer Dauer 
Dampfer ertönt die Signalpfeife zum dritten Dat und { 
drängen die fremden Befucher zum fchleunigen Zerlaffer 
Ten Ganges vor dem Gefangenenraum Schreiend flüchten 
frauen vor den handgreiflichen Scherzen der Soldateı 
ſchwanlende Brett, das die Barke mit dem Ufer verbinde 
wird eingezogen und ſchon eine Minute ſpäter ſpan 
Schlepptau, das Vordertheil der Barke wendet ſich vom! 
dieje folgt langſam dem voranfeuchenden Dampfer. Die 
nun wieder eine Welt für fich, welche die Wellen des 
ftarfen Eifengitter von der Welt der freien Menfchen | 
welcher diefe Unglüdlichen vielleicht für immer ausge 
Immer weiter geht die Zahrt. Die Sonne verjchwindet 
Wipfeln der Birken und Fichten, furze Zeit färbt noch 
Rott) den weftlihen Himmel, dann ſenken ſich die Schatti 
herab auf den Wald, auf den Fluß. Kein Laut ift v 
hören und auch auf der Barfe ijt es ftill geworden. 9 
mengebdrängt, um fich gegenfeitig warm zu halten, haben 
fangenen auf dem harten Boden zum Schlafe niedergele, 
ihr Bündel als Kopftiffen benugend, die anderen in C 
eines folchen das Haupt an die Bruſt des Nebenman 
Der Schlaf hat feine milde Hand auf fie gefenft und 
für einige Stunden Vergeffen ihres Elends. Nur dann 
verrathet noch leiſes Kettengeklirr, daß Leben auf der & 


‚ gleich einem unheimlichen Geiſterſchiff langſam über die 


dahingleitet . . . 


II. Sechs Zage auf dem 2b. 

Nach zweitägiger Fahrt von Tobölst auf dem Irtı 
nähern wir uns gegen Abend der Vereinigungsitelle des 
Ob. Das Dorf Samarowskoje, der nächſte Halteplag de: 
wird in der Ferne fichtbar, aber eine Viertelitunde nad, 
verrinnt und das Dorf fcheint immer noch gleich weit v 
fernt zu fein. Soeben jahen wir c8 gerade vor uns, j 
zu unjerer Rechten und im nächſten Augenblid wendet fi 
pfer noch weiter nach links, als wollte er fich völlig von 





| 
} 








Bilder aus Weh-Sibirien. 43 


Ioje abwenden. Diefe auffallende Erſcheinung findet eine fehr einfache 
Erklärung. Wir fahren im Flußbett des Ictyich, das ſich in weitem 
Bogen nad) Samaͤrowskoje hinwindet, die Wajlerfläche zwifchen ung 
und dem Dorfe dagegen, Die uns einzuladen ſcheint, geradenwegs auf 
daſſelbe loszuſteuern, ift überfchwemmtes Land mit nicht genügend 
tiefem Fahrwaſſer, das der Dampfer vermeidet. Nun bemerken wir 
auch die gewaltige Veränderung, die fich ringe um uns vollzogen 
* Die Breite des Irtyſch Hatte ſchon in den letzten Stunden 
änbig zugenommen; jegt ſchwillt er mit einem Mal fo gewaltig an, 
dab wie mit einem Schlage zur Rechten und zur Linken die Ufer 
verihwinden. So weit das Auge zu _bliden vermag, ift das Flach- 
Iand überflutet. Vor uns liegt ein See, win Meer, aus deffen Wo— 
gen nur hier und da, Heinen Infeln gleich, die Wipfel der Bäume 
emporragen, welche das überjchwemmte Land bededen. Nur nad) 
einer Seite gewahren wir noch Land, einen niedrigen Hügelrüden, 
der wie ein Kap in das Meer hinausragt und an deffen Fuße das 
Dorf Samarowskoje liegt. Nachdem wir um das Kap herumgefahren 
find, fehen wir nur Himmel und Waffer vor uns umd fteuern quer 
durch das überſchwemmte Land an ber Vereinigungsftelle des Irtyſch 
und Ob auf das Flußbett des letztern zu. Es % als führe man 
in einen weiten, mit unzähligen Infetigen bededten Golf hinaus. 
Die legten Strahlen der jcheidenden Sonne zittern über die Waffer- 
fläche und übergießen mit rofigem Licht die Baumwipfel, zwiſchen 
denen der Dampfer ſich hindurchwindet; aber allmählich verblaßt das 
Licht immermehr, die Schatten der Nacht jenfen fic) hernieder auf 
die St, nur in dunklen Umriffen find noch die Baumwipfel er= 
lenndar, über welche aus dem Kamin des Dampfers ein Fenemegen 
dahinjprüht, und Hinter und kommt wie cin Geiſterſchiff die große 
Barke im Schlepptau daher, auf welcher unfer Dampfer Hunderte 
von Berbannten einer büftern Zukunft entgegenführt. 

Die aufgehende Sonne, beleuchtet wieder ein ganz eigenartiges 


'umpfes, der noch wenig erforjcht ift, folfen hier und da_große, 
: Ditjafen bewohnte Inſeln liegen; längs der Ufer de Ob bes 





44 KSilder aus Wef-Sibirien. 


grenzen ben Ljamin Sor nur Bäume und Gebüſche, ? 
nungen erblidt man nirgends. 

Unter ſolchen Umftänden kann es nicht Wunder n 
ſchon nad) wenigen Stunden alles Interefje an den Uf 
erichöpft iſt. Ar Bord erwartet alles fehnfüchtig den nı 
plag, wo man doch wieder Menfchen jehen, wo wieder 
in das traurige Einerlei kommen wird. Die Halteplät 
am Ob bünn gefäet — auf der langen Strede von 
Tomsf liegen nur vier — und mit einer einzigen Yı 
auch diefe Ortichaften, bei denen der Dampfer anlegt, 
LZandungsplage entfernt, daß man troß des oft zwei ' 
länger dauernden Aufenthalts nicht daran denken kann 
derung nad) der DOrtjchaft zu wagen. Außer an diel 
mäßigen Halteftellen legt aber der Dampfer noch tägli 
einer Uferftelle an, wo große Stöße Brennholz zur Verf 
Dampfmafchine aufgehäuft find. Dort finden ſich alabal 
einem nahen, vom Schiffe nicht fichtbaren Dorfe Bauer 
rinnen ein, die allerlei Lebensmittel zum Verkauf brir 
Ufer entwidelt fich raſch ein reges, buntes Marfttreib 
Verbedpafjagiere, die ſich ſelbſt beföftigen, aber feine 
räthe mit fi) führen, find ſolche improvificte Märkte v 
ten Wichtigkeit, da fie ihnen Gelegenheit bieten, fich wie‘ 
Tag mit allem Nöthigen zu verjehen. Sobald man 
räthe an Bord zufammenjchmelzen ſieht, blickt daher allı 
ſtromaufwärts und fpäht, ob nicht bald ein Holzplag 
und namentlich die Verdeckpaſſagiere können den Augen! 
dung faum erwarten. Der Abend kommt heran, die 
ſchwindet Hinter den Baumwipfeln und noch immer ijl 
Stelle nicht in Sicht. Endlich, nad) langen Stunden 

rrens verkündet von ferne ein Lichtſchimmer, daß wi 

olzplag nähern. Das Licht vergrößert fich immer m 
unterjcheiden wir, daß auf dem hohen Ufer ein mächtig 
gezündet ift, von welchem dichte Rauchwolfen zum dur 
emporfteigen, gemifcht mit einem Funkenregen, den dei 
Hin über die Tannenwipfel trägt. Nun unterfcheiden 
reits die Geftalten, die rings um das Feuer thätig find, 
in den grellvothen Hemden, die weißen Gewänder der 
zwifchen hier und da Dftjafen mit dem verwilderten ü: 
wuchs. Der Dampfer nähert fich dem Ufer. Comman 
Ien vom Bord hinüber, dunfle Geftalten Elettern dai 
hinab und haſchen nad) den vom Schiffe ihnen zugewor 
Wenige Minuten fpäter liegt der Dampfer Te tgebunb 
zwei lange Bretter werden über ben Bordrand geſchoben 
ſchwankende ſchmale Brücke hergeftellt. 

Das Treiben, das ſich nun entwidelt, muß man gı 
bie lebhafteſte Schilderung vermag fein völlig zutreffen 
Getümmels zu liefern, deſſen Schauplag nun das U 








Bilder aus WeR-Sibirien. 45 








Verdeck wird. Bon allen Seiten ftürmen die Reifenden auf die unter 
ihrer Saft ſich biegende. und jchwanfende Brüde, denn jeder will 
der erjte drüben fein, um beim Einfauf nicht Ieer auszugehen. Vom 
Ufer her kommen aber jchon rafchen Laufes die Holzträger, welche 
je zwei auf langen Stangen die aufgefchichteten Holzfcheite tragen, 
und der gellende Barnungaruf: Beregis! (Nimm dich in acht!) ver- 
tündet ihr Nahen. Und da bemerfen vielleicht auch noch die Ma- 
trofen, daß das eine der Bretter zu dicht am Bordrand aufliegt und 
infolge der ſchwankenden Bewegung abzurutichen droht; raſch ent- 
ſchloſſen ergreifen fie den an dem Breit befeftigten Strid und reißen 
& zu ſich heran, unbefümmert um die darauf Befindlichen, die durch- 
einander taumeln und nur mit Mühe und Noth dem Sturz ins 
Bafjer entgehen. Mancher fucht fih in diefer Verwirrung durch 
einen fühnen Sprung ans Land zu retten, bringe zu kurz und fährt 
unter allgemeinem Hallo tief in den fumpfigen Boden hinein. Nun 
haben die Holzträger die Brücke erreicht, denken aber nicht daran, 

ft zu machen, trogdem es auf ber Brüde von Männern und 

rauen wimmelt, von denen bie einen raſch vorwärts drängen, wäh. 
rend die anderen ängſtlich Kehrt machen und wieder das Schiff zu 
erreichen fuchen. Nüdfichtslos bahnen die Träger ſich einen Weg; 
da geräth der Fr aufgefchichtete Holzſtoß ins Wanfen und mit 
Donnergepolter ftürzen die Scheite auf die Brücke nieder, die allge 
meine Verwirrung noch vermehrend. Eine Vauernfrau, die von der 
Menge an den Rand ber Brüde gedrängt wurbe, tritt fehl und 
ftürzt ins Waſſer. Ein gellender Hilferuf ertönt — dann wird es 
fell. Alles ſteht ſtarr und bliet auf die dunkle Waffermaffe und 
ſucht mit den Augen bie Finfternig zu durchdringen, aber feine Hand 
rührt fich, um Hilfe zu bringen. Der Kapitän, an ben ich mich mit 

r Frage wende, warum man fein Boot bemanne, zudt die Achfeln 
und wendet fid) ab. Der Strom ift reißend, das Waffer tief, fein 
Hilferuf mehr zu hören; wo foll man im Dunkel der Nacht die Ver— 
unglüdte ſuchen? Eine Minute fpäter wogt es wieder auf ber 
Brüde hinüber und herüber, alle {mb völlig durch die Einfäufe in 
Anſpruch genommen und erft auf der Weiterfahrt gedenkt vielleicht 
der eine oder ber andere, bei der Theefanne figend, der Verunglüd- 
ten. Wie ein Seufchwedenfmarm fällt indeffen die Menge über die 
zum Verkauf ausgeftellten Lebensmittel her. 

Es find überall biefelben: Sie, theils frifch gefangene, theils 
in Brod gebadene ober getrodnete, Milch, Kwas, rohe und gefochte 
=, Welß⸗ und Schwarzbrod, beide von fehr geringer Güte, ala 

be Seltenheit ein oder zwei gebratene Hühner, weiterhin auch 
obeeren und Himbeeren. Selten ift fo viel vorhanden, daß das 
gebot die Nachfrage überfteigt; binnen kurzem ift alles aufgefauft 
» e3 beginnt der Rückmarſch an Bord, wo es augenblidlic auf 
ı Berded recht ungemüthlich ift. Dort donnern die mächtigen 
(zElöge, die erſt in den Maſchinenraum und wenn diefer gefüllt 
auf Verdeck niedergeworfen werden. Ein ganzer Wald kommt 


46 KSilder aus Weft-Sibirien. 


an Bord und jedes irgendwie verfügbare Plägchen bet 
viefigen Holzſtößen. Zwei Stunden lang find die Soll 
die Bedeckung der Gefangenen-Barfe bilden, bejchäftigt, 
aufgefchichteten Holzvorräthe auf das Schiff zu bringen 
fen müſſen auch noch die Matrojen aushelfen, jo daß 
Dugend Menſchen in Thätigkeit ift. Dann ertönt in 
ſchenräumen die Signalpfeife dreimal, die noch am Ufe: 
Neifenden eilen jehleunigit an Bord, die Bretter werde 
die Seile gelöft, die Räder beginnen zu ſchaufeln und I 
det fi der Dampfer dom fer ab, um feine Fahrt 
Bald ijt das Feuer, das am Landungsplag brannte, ı 
dichtes Dunkel lagert wieder über dem Fluß und den 
nur umdeutlich unterjcheidet man noch die Umriffe dei 
Ufer und hinter uns die unheimliche Barke im Schlepp 
Auf dem Verdeck aber herricht troß ber fpäten 
noch reged Leben. Jene, welche Einkäufe gemacht ha 
voller Thätigkeit; Koffer, Tafchen und Säde werden bi 
um unter der Bank ein Plägchen frei zu bekommen, t 
rathskammer dienen fann, aber nachdem die gelauften 
untergebracht find, werden fie noch zehnmal Bern geh 
fie zu betrachten und mit dem Nachbar von ihrer Güte 
keit zu fprechen, bald um fie zu koſten. Die Käufer 
füllen die Heine Küche, welche den Verdedöreifenden zı 
fteht. Der Herd ijt mit Töpfen bededt, in denen Fila 
geftellt find, und jung und alt freut ſich ſchon auf bi 
andere figen beim Pribör (Zheegefiir) und geben fid 
Genuß ihrer Einkäufe hin: der Flaſche mit den friſchen € 
und einem Berg friiher Bulfi und Pljufchki, dem I 
ö Gebäd. Mitternacht iſt längft vorüber, wenn endlich t 
dem Verdeck verftummt und die legten Reifenden ihr La 
So ſchwand ein Tag der Obfahrt dahin und wi 
Tag, jo find auch alle anderen. Die Uferlandfchaften r 
nicht zu feffeln, an Bord kennt einer den andern, alle 
gen hir dem wer und woher und wohin find erjchöpf: 
weile ſchwingt unbarmherzig ihr Scepter. Anfangs hat 
Schiffebibliothet Zerjtreuung gejucht, aber man wirt 
überdrüffig; manche haben beim Damenbrett oder im 
Kartenspiel Schug gegen die Langeweile gefunden, abe 
s Tage haben fih auch die Reihen der Spieler gelichtet 
ü die Fahrt danert, deſto Tebhafter geht es beim Buͤffe 
j fpricht Bouffett“) zu. Jeden Mugenblid wendet ſich 
neuen Bekannten an uns mit der Mufforderung: „P: 
motschku!“ (Trinfen Sie gefälligjt ein Gläschen!) ur 
dung darf nicht abgelehnt werden. Bei dem einen G 
es aber nicht; auf einem Bein kann man ja nicht ſte 
Ruſſe jagt, auch fühlen wir uns verpflichtet, num unfer 
wirthen. Dem erſten Gläschen folgt ein zweites umd 














Bilder aus Wef-Sibirien. 47 


Negel — zu Ehren ber heiligen Dreieinigfeit — noch ein drittes. 
Allmählich finden es aber die Reiſenden 5 unbequem, jeden Augen- 
bfid zum Buffet zu wandern. En und da bilden ſich Gruppen, 
welche eine mehr oder minder große Branntweinflafche erworben und 
ſich mit derjelben an irgend einem Tijche niebergelafjen haben. Auch 
Frauen fieht man der Flaſche wader zufprechen. In Rußland, wo 
das Lajter der Trunkfucht fo ehr um fich gegriffen hat, Dies 
niemandem auf. Als wir das Schiff betraten, fielen uns jofort die 
an den iffewänden angeffagenen ‚Serorbnungen ins Auge, welche 
den Reifenden ftrengftens das Mitbringen von Branntwein verbieten, 
aber dieſe Verordnungen bezweden durchaus nicht, ber Trunkſucht Schran- 
ten zu fegen, fonbern fie entipringen uur der löblichen Abficht, die 
Neijenden zu zwingen, ben theuern Branntwein des Buffetiers zu 
trinfen. Die minder Bemittelten hält dies allerdings vom vielen 
Branntweintrinfen ab, jedoch der Buffetier macht doch immer noch 
ein gutes Geſchäft. Während der langen Fahrt ergreift bald dieſen, 
bald jenen die Luft, wieder einmal- gründlich auszutoben, er läßt eine 
Keiie nach der andern fommen, bewirthet alle Welt und feine 

mtweinrechnung beläuft fich fchließlich auf mehrere Rubel. Wenn 
der Abend kommt, kann man dann gar manden, ber tagesüber aus- 
gelafjen luſtig war, auf feinem Lager den nicht immer leichten Rauſch 
ausichlafen jehen. 

So vergeht ein Tag nad) dem andern, alle glei einförmig, 
bis am Morgen des fünften Tages der Obfahrt (bed fiebenten 
feit der Abfahrt von Tobölsk) die aufgehende Sonne endlid, ein 
völlig verſchiedenes Bild beleuchtet. Am linken Ufer ziehen fich bes 
waldete Hügel Hin, Dörfer werben fichtbar, dann und wann fieht 
man Menſchen oder Viehherden am Ufer. Nun beginnt aber auch 
der Strom feicht zu werden; obwohl er immer noch eine ftattliche 
Breite hat, find doch die gewaltigen Waffermafjen, die er uns eine 
Woche lang entgegenwälzte, erjchöpft und der Dampfer muß darauf 
achten, im Fahrwafjer zu bleiben und nicht auf Sandbänfe zu ge 
raihen. Wir fahren nur noch mit halber Kraft, und unabläffig iſt 
die Meßſtange in Bewegung, von ber ein Matroſe die Grade ablieſt 
und laut dem Steuermann zuruft. In der Nacht nehmen wir Ab- 
schied vom Ob und fabnen in ben Tom ein, an dem das Biel un- 
ferer Dampferfahrt, die Gouvernementsftadt Tomsk Tiegt. 


— 8ꝰ—ñ— 


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Auſer ſtanden. 49 


Es war einer jener Böfttichen Maitage, an denen man ſich nicht 
a enn, daß es irgend wo in der Welt verdrießliche Ges 
ichter giebt. 

Dr Baronin Bensberg lieferte den Gegenbeweis. 

Sie bejaß alles, was der großen Menge beneidenswerth fcheint; 
fie war umgeben von Reichthum und Luzus, ‘fie war jung, ſchön, 
vornehm und eine der gefeiertften Damen Wiens; fie hatte geftern 
bei dem Rout des Minijterd ihre Nivalinnen Buch ihre neuefte 
Barifer Toilette volltommen in den —S gedrängt, ſie war 
‚oon einem der Erzherzöge auf das Auffallendſte ausgezeichnet worden 
und dennoch ſah fie heut jo verdrieglih aus, wie ein Menſch nur 
überhaupt ausſehen fann. 

Bie langweilig das alles war — dieſer galante Mebdizinalrath, 
feine faden reicheleien und feine überflüffige Dienftfertigfeit; 

empfand einen gründlichen Widerwillen gegen dieſes ewige, Teere 
Süßholsgerafpel. Die vorgejchlagene Kur war ihr nicht minder wider 


wirt ala der Arzt, ber fie verichrieb. 

3 follte ihr diejes Neifen von einem Orte zum andern, da 
fie doch überall diefelben Menjchen und diefelben Phrajen vorfand! 
Fteilich hierzubleiben wäre noch viel fangweiliger gewefen! 

Meberdied ftand das ja aud) gung außer Frage; die Badefaifon 
war da, folglich mußte man reifen. Aber es war unerträglich. 

Die junge Frau verſchlang die erhobenen Hände Hinter dem 
teichen -bionden Haar und jah zornig grübelnd in die lichtgrünen 
Baumwipfel der Anlagen, die ein lauer Abendwind leiſe bewegte. 
Sie fuhr erft auf aus ihrer unerquidlichen Träumerei, als fie im 
Borzimmer eine tiefe Männerftimme hörte, die mit dem Diener ſprach. 

Sie ließ die erhobenen Hände finken, one ihre bequeme Stellung 
Bi geränbern, und ihr eben noch fo erregtes Gejicht nahm den Aus- 

einer ſiolzen Gleichgiltigkeit an. 

Ein feharfer Beobachter würde vielleicht gefunden haben, daß 
der Uebergang zu raſch fam, um ganz natürlich zu fein. Der Ein» 
tretende war telnet, elegant und ftattlich; er hatte ſcharfgeſchnittene 
Ein und ein Paar fühne, bligende Augen, denen man die Gewohn- 

it des Befehlens — 

So wie er war, konnte man wohl begreifen, daß die Damen der 
Laiſerſtadt für den ſchönen Gardeoffizier ſchwärmten wie die Herren 
für feine bezaubernde Frau. Er begrüßte feine Gattin mit ritter- 
tiger Höflichkeit, aber ohne jede Wärme, und fie erwiberte feinen 
Gruß nur durch ein kaun merkliches Neigen des reizenden Hauptes. 

„Haft Du den Geheimrath getroffen“, fragte de ein leichtes 
! nen Hinter ber vorgehaltenen Hand verbergend. 

Ich bin ihm auf ber Treppe begegnet.“ 

Sie wies nachläſſig auf einen Stuhl ihr gegenüber. 

„Willſt Du nicht Platz nehmen?“ . 

Berzeih', Marietta, ich Habe gerade jegt wenig Zeit. Einige 
€ Häftsfachen, die durchaus erledigt werden müſſen —“ 

= Salon 1889. Heft I. Band I. 4 


50 Auferftanden. 


„Ah — dann laß Di nicht abhalten.” Cie gr 
einem Buche, das neben ihr auf einem Fleinen Tiſchche 

„Ich Fam nur, um mich zu erkundigen, ob Du 
Dispofitionen für den heutigen Abend getroffen Haft.“ 

„Sch fahre nach der Oper und dann zu den Erbö 

„Dort treffe ich Dich jedenfalls gegen elf Uhr und 
möglich fein follte, mich früher frei zu machen —“ 

Sie ließ ihn nicht ausreden. 

„Bewahre“, fagte fie mit kühler Abwehr, „lege Dir 
feinen Zwang auf. Ich hole Wally ab. Ihr Brut 
begleiten.“ 

„Und diefe günftige Gelegenheit benügen, Dir auf 
Set zu machen. Du haft diejen armen Prinzen Niki 

erftand gebracht, Marietta. Er ift aus einem ganz pafja 
zum fehmachtenden Seladon geworben; ich habe ihn im 
er heimlich Verſe macht auf Deine goldenen Haar 
Nixenaugen.“ 

Dabei lachte er ſehr unbekümmert, aber ſeine He 
nicht anſteckend auf die ſchöne Frau. Sie zog vielm 
dunklen Brauen leicht zufammen und ihre vollen Lippe 
feft auf einander. Aber er fah dieje Negung des Zorn 
fe hatte fich gebüct und einen Eleinen Seidenpinjcher 
er zu einem formlojen Knäuel zufanmengeballt, auf 
zu ihren Füßen feinen Nachmittagſchlaf hielt. 

Im Spiele mit dem Hunde ſchien fie die Anm 
Gatten völlig zu vergeffen. 

„Es freut mid), daß der Geheimrath Dir Baden 
ordnet hat“, fagte diefer nach einer Heinen Paufc. „I 
werden uns amüfiren. Die Anwejenheit des Prinzer 
wird der Saiſon einen bejonderen Glanz verleihen un 
— Apropos, Wittgenftein hat feine Bladbird zurüdgezo 
geld gezahlt.“ 

„Wirklich?“ 

Sie gab ſich auch nicht die Leifefte Mühe, Anthei 
an einer Sache, die ihren Gatten offenbar lebhaft inter 
überhaupt aus, als ob das Geſpräch fie ganz außerordent 
ja fie warf fogar einen ungeduldigen Bike nach der | 
Baron nicht entging, und ihm auch nicht entgehen jolli 

Er folgte dem Winfe fofort, aber er wunderte ſich 
ein wenig über die lic wachjende Unart feiner Hüb! 

Einem ftummen Einverftändniffe gemäß, Hatten ſ 
äußeren Rückſichten gegen einander beobadjtet; feit_ € 
brach fie ihren Vertrag in einer herausfordernden, auffa 
die zu ihrer fonftigen vornehmen Ruhe durchaus nicht 
Imgrunde war e3 ihm freilich recht lieb, daß fic ihn jo 
Er hatte wirklich einige Gejchäftsbriefe zu fchreiben ı 





Auferftanden. 51 


hatte er ber Fifi verjprochen, fie in der neuen Operette zu bewun— 
dern, die heute zum erften Male gegeben wurde. 

Er ging aljo und die Baronin fand kaum ge, feinen Abſchieds⸗ 

zu erwidern, fo ganz war fie durch das Spiel mit dem Hunde 
in Anjprud) genommen. 

Dann, als er fort war, ſchob fie in plöglich erwachter Un- 
gebuld das Tierchen auf den Boden herab. 

Welch' ein endlofer Nachmittag? 

gei ſechs Uhr! 

blieben ihr noch mehr als zwei Stunden bis zum Theater. 

Sollte fie ausfahren! 

Nein, dazu war's zu fpät. Bei ber heutigen Galavorjtellung 
waren die Majeftäten anmejend; fie mußte aljo ihrer Toilette be 
ſondere Sorgfalt widmen. So fchellte fie denn, und befahl der Zofe, 
die nöthigen Vorbereitungen zu treffen. v 

Dazu gehörte unter anderem, daß man die Jaloufien des An- 
Hleidezimmers_feit ſchloß und den Raum hell etleuchtete, obgleich 
draußen die Sonne no hoch am Himmel ftand. 

Eine Toilette, die für den Abend berechnet war, fonnte nur bei 

venlicht richtig _beurtheift werden und die Baronin geftattete fich 
in Diefen wichtigften Angelegenheiten ihres täglichen Lebens feine 
Abweichung von dem, was fie für recht und angemeffen hielt. 

Während die date das prachtvolle Haar ihrer Gebieterin zu 
einer modernen Ballfrifur aufftecte und einen Tuff zarter Neiher- 
federn in der hochaufgebaufchten goldenen Fülle befelligte, ſaß die 
Baronin tief in Gedanken, ganz verfunfen, wie es jchien, in die Be- 
tracht ihres reizenden Spiegelbitbes. 

„Merkwürdig!“ hörte das Mädchen fie plöglich halblaut vor ſich 


en. 

fette war zu wohlgeſchult, um irgend welches Staunen merfen 

zu laſſen über eine Sherigaf ihrer Herrin, die ihr neu war. 
Ibſtgeſpräche hatte 

Bas war merkwürdig? 

Vielleicht die Zuftände im Haufe? Die hatte Lifette vom erften 
Tage ab merkwürdig gefunden. 

Barum liebte der Herr Baron feine wunderſchöne Frau nicht, 
um die alle ihn beneibeten, und warum war ihre angebetete Ge- 
bieterin, die auch für den Aermſten ein freundliches Wort Hatte, fo 
fremd und fühl gegen den eigenen Gatten? 

Ia, wahrhaftig, es war merkwürdig und zwar um fo mehr, ala 
Beiden zueinander paßten, als habe ber liebe Gott fie ganz 
reß für einander gejchaffen. 

&3 hatte eine Zeit gegeben, in der Marietta Bensberg genau 
ſſelbe gedacht Hatte, aber das war lange her, unendlich lange; der 
ıgen Frau ſchien es, als läge eine ganze Ewigfeit voll Leid und 
täufchung zwiſchen dem Einft und Set. 

Damals war fie ein glüdliches, übermüthiges, phantafievolles 

4# 


ie Gnädige bisher noch nie gehalten. 








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ETW TIER 


Auferftanden. 


Kind geweſen, voll glühender Begeifterung für alles Schöne und 
Gute; die Welt hatte vor ihr gelegen wie ein köſtliches Geheimniß, 
in deſſen Tiefe unergründliche Schäge von Liebe und Glüd und 
Herrlichkeit {hlummerten. 

Dann war er in ihr Leben getreten und die Welt war ihr 
ſchöner geworden mit jedem Tag. 

Wie ein Sturmwind war die heiße, zärtliche Liebe über fie ge- 
fommen und, wie fe damals meinte, auch über ihn. 

Jetzt freilich lachte fie darüber, und ihr Herz ſchwoll in unfäg- 
licher Bitterfeit. 

Aber damals — damals! 

Sie Hatte an ihn geglaubt, wie an Gott jelbft, und wenn er 
zu ihr ge gt pt: Folge mir an das andere Enbe ber Erde in ein 
wüſtes Land, laß die Heimat, die Deinen, allen Schmud und Reich— 
thum bes Lebens, fo würde fie mit ihm gegangen fein, ohne zu 
ögern; er war ihre —* ihre Welt, ihr Alles. „Mein Sonnen- 
Frapte jatte er fie oft genannt. 

Und gewiß! Damals war fie ein Sonnenftrahl gewefen, hell, 
licht, freubefpendend, alles burchleuchtend mit der eigenen Glüdfelig- 
keit, biß jene Stunde fam, jene furchtbare Stunde, die allem Glüd 
und aller Liebe ein jähes Ende machte. 

Noch jest nad Jahren ging ihr in der Erinnerung daran ein 
eifiger Schauer burı Glieder. 

Ein, herrlicher Maitag war's geweſen, gerabe fold ein Tag wie 
der heutige, als Marietta allein durch eine der einfamften Alleen bes 
Prater fuhr. 

Kaum eine Woche fehlte noch zu ihrem Hochzeitätage und daran 
dachte fie, während De nen Ir ben feidenen Kiffen des Wagens 
Tag und mit leuchtenden, glüdlichen Augen hinausblidte in die grüne 
Wildniß, die fie umgab. 

Bald würde fie fein Weib fein. 

Wie jeltfam das Hang — fein Weib; fie, das kindiſche, unge 
ftüme Mädchen, das kaum der Schulftube entlaufen war. 

Sie gab fi Mühe, würdevoll und gefest auszufehen, und 
= — fühlte fie ſich wieder verſucht Hell aufzulachen vor lauter 

ensfreude. 


Aber es kam nicht dazu; eine wunderbar feierliche Stimmung 
überwog. Es war fo Löftlich till und fehattig Hier unter den mäd- 
tigen Bäumen, deren bichtes Blätterwerk ſich über ihr zu einem 
tunen Netze verſchlang. Wie nedifche Geifter büpften die Sonnen 
Funten vor dem Wagen ber; fie Schienen zu loden und zu winken unl 
jo Iodten auch die Vögel, die broben in ben lichtgrünen Zweiger 
ihre Liebeslieder fangen. 

„Komm, komm.” 

Marietta fand es ganz unmöglich im Wagen zu bleiben, Hinter dieſem 
fteifen Bedienten, der mit über der Bruft gefreuzten Armen auf dem 





mr 





Auſerſtanden. 53 


Bode ſaß und ausfah, ala ob er Waldesgrün, fingende Vögel und 
hüpfende Sonnenfunten für fehr alltägliche Dinge halte. 

Sie ftieg aus und wies den Diener zurüd, der ihr folgen wollte. 
Allein ging fie einen der Fußwege entlang. 

Ihr war, ald habe ſie Flügel an den Sohlen; fie hätte mit 
den Vögeln um die Wette fingen und jubeln mögen. 

Ein ſchmaler, von Gebüſch umbegter Fußpfad öffnete fich feits 
wãrts. Marietta bog in ihn ein. 

Sie ſah durch das Blattwerk der Hafelftauden ihren Wagen, 
der drüben in einer Entfernung von kaum Hundert Schritten auf der 
breiten Hauptallee auf und nieder fuhr. 

Benige Schritte war fie erjt gegangen, als fie Stimmen hörte 
— eine hochliegenbe, helle Frauenſtimme und dann — 

geliger Gott, war es denn möglih? Träumte fie? 

fie mahufinnig? 

Da fan ihr Verlobter ihr entgegen — nicht allein; eine junge 
Dame in auffallender Toilette ging an feinem Arme. Das pilante 
Geſicht war ihr micht fremd; fie hatte die hübjche, mehr berüchtigte 
ala berühmte Sängerin ſchon zuweilen von ihrer Loge aus gefehen. 
Einen Moment lang wollte die Kraft fie verlaffen; fte griff frampf- 

ft in die Hafelftauden neben fih. Dann war die Schwäche vorüber; 
ie 30g mit einer fchnellen Bewegung den dichten Gacejchleier vor ihr 
Set und fchritt weiter, Stolz augerictet, ala fei der Mann da 
drüben ihr ein Fremder 

Sie fah, wie er erblaßte, aber fie ſah auch, daß er ihren Blick 
verftand. „Stein Laut, feine Bewegung“, befahl diefer Blick, „wir 
lennen uns nicht. Der Weg war jehr Sehmal; Marietta mußte Dicht 
an den Beiden vorüber; fie hielt den geöffneten Sonnenfchirm zwiſchen 
ſich und die Sängerin, obwohl fein Sonnenftrahl in die grüne Däm⸗ 
merung des Waldpfades drang. 

Hinter fich hörte fie die Begleiterin ihres Verlobten jagen: 

„Mir fcheint, die geht aus zu einem Stelldichein. Warum 
fäufit Du fo, Stephan? Nein, es ift zu toll. Ich...“ Das übrige 
verflang in der Ferne. 
dae Marietta fine eine kurze Beile Br — Sände vor 

wilbp: z gepreßt, dann bog fie die elſtauden aus⸗ 
emander au ine ah aber volltommen ruhig zu dem Wagen 


zurüd. 
„Nach Haufe“, befahl fie dem Diener. Sie fand viel Beſuch 
einm vor, jandte, indinnen, Sameraben ihres Verlobten. 
Man ftand und faß im Gartenfaale und auf der Rampe hinter 
Billa umher. Marietta mußte am Geſpräch theilnehmen, Neckereien 
atworten, von ihrem Socgeitsfeite reden hören und von „biejem 
en Stephan“, den heute der Dienft jo lange von feiner anges 
‚ten Braut fernhielt. 
Ihr Vater trat zu ihr heran, ein alter, hefdenhaft ausſehender 
inn in Generalauniform, deffen Abgott fie war, weil fie in_jebem 


54 ‚Auferfianden. 


Dune feiner frühgeftorbenen Gattin gli. Seine hellen Falkenaugen 
listen noch jcharf unter den bufchigen weißen Brauen hervor; ihm 
entging fo leicht nichts. . 

„Was giebt's Ria?“ fragte er, „Du fiehit verjtimmt aus.“ 

O nichts, Papa!“ 

Sie begriff, daß fie auf ihrer Hut fein müffe! 

Er durfte nichts erfahren — er um feinen Preis. 

Sie faßte fich gewaltfam, denn da fam eben ihr Verlobter, jtraff, 
ftattlich wie immer. 

Kein unbefangener Beobachter hätte eine Veränderung an ihm 
wahrgenommen. 

Sie begrüßten ſich zurüdhaltend wie immer, wenn andere zu= 
gegen waren. 

Er füßte ihre Hand und fie lächelte ihn an, aber es war ein 
ftarres, unnatürliches Lächeln und ihre Hand lag in der feinen, ſchwer 
und falt, wie die a enle Tptı n & vurch 

Dann nach einer Weile ſchlug er ihr einen Spaziergang bu: 
ben Park vor, das werde ihren Kopfichmerz befjern. Sie nidte ge- 
während und ging an feinem Arme die Stufen hinab, die von der 
Rampe zum Garten führten. Droben lachte man über bie Kriegsliſt 
des Brautpaares, und Fred, der Jüngite des Haufes, deklamirte hinter 
ihnen drein: „Sir, dieſer Kopfichmerz fam Euch fehr gelegen.” 

Sie hörten nichts, weber das Lachen noch Freds Spötterei. 

Stumm ſchritten fie neben einander her zwiſchen den Bosketts 
und Blumenanlagen hindurch bis nach der Terraffe im Hintergrunde 
des Parkes, auf der fie jo oft auf und nieder gegangen waren, en; 
verfchlungen, in ſüßem Licbesgefhwäg oder ftumm im ebermape 
des Glüdes. 

Hier z0g Marictta ihren Arm aus dem des Barons. 

- „Höre mich, ehe Du mich verurtheilit“, bat er flehend. 

Sie unterbrad) ihn mit einer herrijchen Bewegung, nicht? an 
ihr erinnerte mehr an das Liebliche, ſchüchtern gäntfige Kind, das fie 
noch vor wenigen Stunden gewejen war. 

Wie eine beleidigte Königin ftand fie ihm gegenüber, ftolz, kalt, 
unbewegt, als fei das, was fie ihm zu jagen habe, nur noch eine 
leere Zorm, bie feine ‘Fiber in ihrem Innern mehr bewegte. 

Sie war fertig mit ihm. 

Das ſprach fie ihm auch in kurzen, herben Worten aus. 

„Du begreift“, fagte fie, „daß zwiſchen uns alles zu Ende fein 
muß. Nein, nichts, bitte, fein Wort der Vertheidigung, e8 wi 
umſonſt. Was ich gefehen Habe, genügt mir vollfommen, um mei‘ 
Eniſchluß zu einem unerfdütterlihen zu machen.“ 

„Marietta, Gnade, verzeih” mir.“ 

Um ihre Lippen ging ein verächtliches Zuden. 

„O bitte, feine Scene“, k te fie in einem Tone, ber beleidigen 
noch war als die Worte fel of, „wozu aud die Komödie, fie w 
zwedios. Genug, daß wir gemöthigt fein werden, fie vor and 


E23 








rm — 
Auſerſtanden. 55 


weiter zu fpielen. Denn ich will nicht, daß unfere Verlobung gelöft 
wird, Mein Zurüdtreten jet, wenige Tage vor der Hochzeit, wäre 
gleihbedeutend mit einem öffentlichen Skandale, ein Duell zwiſchen 
meinem Vater und Dir die unausbleibliche Folge. 

Das darf nicht fein. Debbalb werbe ic) in Deinem Haufe leben 
und Deinen Namen tragen. iß in Wirklichkeit jedes Band zwi⸗— 
fen uns gelöft ift, braucht niemand zu ahnen. Ich denke, wir And 
beide u foh, um ber Welt das ufpiel einer unglüdlichen Che 
h e 2 Das iſt's, was ich Dir jagen wollte. Biſt Du einver- 
ta: 


Er athmete ſchwer; vor der Eiſeskälte diefes ſchönen Weibes 
erftarhen ihm die Worte ber Vertheidigung auf den Xippen. 

Ihre heftigften Vorwürfe, ihr mabofefter Zorn würben ihn bei 
weitem nicht 1 niedergefchmettert haben als diefe ftumme Ver— 


achtung. 
sine Du einverftanden?“ fragte fie nochmals — fcharf, unge 
duldig wie jemand, der ein läjtiges Geſchäft möglichft ſchnell er» 
fedigen will. h 
Er bejahte haſtig. 
Wenn fie nur ſein Weib wurde, wenn er fie nur nicht auf 
immer verlor. 
Nie hatte er fie glühender geliebt als in dieſer Stunde; fein 
Leben war ihm feinen Heller werth ohne fie. Und er hoffte feit 
auf eine Verſöhnung; er hatte ſich darauf gefaßt gemacht, daß fie 
i im erften Heftigiten Zorne ihr Verlöbniß werde loͤſen wollen und 
! alle die Vernunftgründe, die fie fo fühl vorbrachte, hatte er gegen 
| ihren gefürchteten entfoluh ing Feld führen wollen, jegt, da fie troß 
ailem einwilligte, fein Weib zu werden, fürchtete er nichts mehr. 
Sie konnte ja nicht immer umerbittlich bleiben, wenn er ihr 
Gatte war; ed -mußte ihm gelingen, ihre Liebe wieder zu gewinnen, 
um die ex werben wollte als um das höchſte, koſtbarſte Kleinod 
feines Lebens. 
Er war verwöhnt von ben Frauen und, ohne eitel zu fein, doch 
fi, feiner Vorzüge bewußt. 
Sollte er hier_vergeblich werben, wo er zum erften Male im 
Leben von ganzer Seele liebte, vergeblich werben um ein Herz, das 
ihm fo ausſchließlich gen hatte. Es war undenkbar. 
Diefe Starrheit Mariettad war zu unnatürlich, um andauern zu 
Können, früher oder fpäter mußte wieder ihr eigentliches Selbft zum 
Din tommen; er vertraute auf ihr weiches Herz, auf ihren 
verfinn, der noch jo biegfam war. \ . 
Hatte fie fich nicht bisher ganz von ihm leiten laſſen, war nicht 
r ihr eigener Wille ganz aufgegangen in dem feinen? 
Bie follte fie ihm widerjtehen können, wenn erft ihr Leben 
floslich an das feine gefejfelt war. Er mußte ihr nur Zeit 
n, ſich zu beruhigen, ſich wiederzufinden, ehe er den Sturm auf 
Herz wagte. Er fah ſich enttäufcht. * 





56 Auferftanden. 


‘ In diefem zarten, Findlichen Weibe wogte eine ı 
und ein Stolz, der durch nichts zu beugen war. 

Sie vergab ihm nicht, daß fie ihn mit einer D 
getroffen hatte, als er auf dem Punkte ftand, fie in 
führen als fein Weib. Wenn fie ihm wenigftens geſte 
zu verteidigen. B 

Er war ſchuldig, aber doch nicht fo fehr, wie fie 

Aber fie wollte feine Grflärung; fie wies jeden 
jochen, wie feine Bitten und Liebesbetheuerungen mit 
achtung zurüd. 

Er kämpfte ſich müde an ihrer Starrheit, ohne 
Geringfte zu erreichen. Wenige Monate nach ihrer Hoı 
Vater plöglih am Schlage. 

Sie hatte ihm zärtlich geliebt, aber fie verbarg 
Schmerz, um dem Mitleide ihres Gatten zu entgehen. 
der Baron an zu glauben, daß diefe ftarre Kälte 
Natur feiner Frau fei, empört über die rückſichtslos be 
in ber fie feine Liebe zurüdwies, meinte er ſich frühe 
jchaft verblendet, in ihr getäufcht zu haben und jegt erfi 
Charakter zu erkennen. Sein Stolz erwachte an t 
wurden fich fremd. 

Dann, eines Tages erzählte man fich Lächelnd, daß ! 
in den alten Ketten liege. Natürlich blieb das auch 
fein Geheimniß; es gab gute Freunde in Menge, di 
Pflicht hielten, die arme, — Frau von der Untreu 
in Kenntniß zu ſetzen. 

Aber die Baronin überhörte die verblümten Andı 
die zahlreichen anonymen Briefe ind Feuer und war | 
unbefümmert, daß niemand fi mehr die Mühe nahın, 
Thatſache zu benachrichtigen, die ihr offenbar jo gleich 

Marietta Bensberg gehörte m ben gefeiertjtei 
Wiens, fie brauchte nur den Schleier ihrer dunklen 
heben, um alt und jung, vornehm und gering zu il 
jehen. Ihre fühle, anmuthige Vornehmheit übte auf al 
Zauber und hielt alle in den gleichen Schranfen. 

Sie erregte Heftige Leidenjchaften, ohne kokett zı 
oberte die Herzen im Sturme, ohne ſich je auch nun 
Mühe deßhalb zu geben. 

Nicht der Heinfte Makel trübte ihren Auf und i 
Neiderinnen mußten ſich damit begnügen, ihr nachzu 
feine Spur von Herz und Gemüth habe. 

Daß es nicht fo war, wußten nur wenige, ihre 
wandten, ihre Dienjtleute, vor allem die Armen. 

Am Schmerzenslager eines Franfen Kindes, eines 
hen, eines armen, hilfsbedürftigen Weibes war fie w 
herzige, liebevolle Geſchöpf von ehedem. 

Aber was wußte die Geſellſchaft von ſolchen Saı 








Auferflanden. 57 


Die Baronin Bensberg gehörte nicht zu denen, die ihre Wohlthaten 
an bie große Glocke hängen. 

Ihr Gatte theilte das Urtheil der Welt. Er hielt fie für hoch- 
müthig und herzlos und fie gab ihm feine Urfache, anders zu denfen. 
Im jeiner Gegenwart war fie ftet3 die fühle oberflächliche Weltdame; 
er wußte nicht® von ihrem Geifte- und Seelenleben und hatte 
längft aufgehört, danach zu forfchen. In dem Haften und Treiben 
des Geſellſchaftslebens blieb fein Raum für die Erinnerung. 

Das Einft mit feiner Fülle von Glüd, mit jener tiefen, reinen 
Seligfeit, die nur bie echte Liebe giebt, war verfunfen, als hätte es 
nie eriftirt. Sie Iebten neben einander her, ohne fich zu bafien, 
ohne ſich zu Tieben, ohne fich mehr um einander zu kümmern, als 
eben nöthig war, um die Welt zu täufchen. 

Nun war es aber der ſchönen Baronin jeltfam ergangen. 

Bor einigen Tagen bei einer Spazierfahrt im Prater war ihr 
Bogen in jene einfame Allee eingebogen, in deren Nähe ſich damals 
vor zwei Jahren die Tragödie ihres Jungen Lebens abgejpielt Hatte. 

Sie Hatte den Ort feitbem fchon mehrmals wiebergejehen, aber 
nicht —— nicht in dieſer Beleuchtung, nicht gerade zu Biefer Tages: 
und Jal eit. 

ute Ser alles wie damals — die fiptgrünen Bäume, das 
Bogelgezwitfcher, die goldenen Streiflichter, Die an den Stämmen 
niederglitten und vor dem zuge herhüpften, jogar das gelangweilte 
Vebientengeficht auf dem Bode fehlte nicht. — Seitdem ließen ſich 
die Geiſter nicht bannen. 

Was fie fiegreich niedergefämpft zu haben meinte in biefen zwei 
langen Jahren, das wachte wieder auf, die Erinnerung an ihr einftiges 
Glüd, der Zorn über ihre verrathene Liebe, die Trauer um ihr ver- 
fehltes Leben. Sie hatte fich in dieſen legten Jahren eingerebet, 
daß fie vollfommen zufrieden ſei, daß dieſes glänzende Schmetter- 
lingsdaſein ihr ‚penüge, daß. fie nichts mehr wünſche, nichts erfehne. 
Sept auf einmal war die Täuſchung zerftoben. 

„Was ift mein Leben?“ fragte fie fi. „Ein Nichts, eine ftete 
Geſchäftigkeit ohne Zwed und Inhalt. Lohnt es ſich jo zu leben? 
Ber würbe mic, vermiffen, wenn ich ftürbe? Schade, würde es in 
der Geſellſchaft heihen, fie machte fo gute Figur in den Salons und 
im Balljaale. Mein Vater ift todt, meine Brüder zu jung und 
febenzftob, um lange zu trauern. Nach acht Tagen bächte fein 
Menfc mehr an mich, mein Gatte am wenigſten. Xielleicht wäre 
° ftoh, wenn ber Tod das ihm unbequeme Band vollends Löfte.“ 

letzte Gedanke verfolgte fie hartnädig. 

Wenn fie des Nachts fchlaflos in ihren Kiffen Tag, grübelte fie 

über und wenn eine lacjende, plaudernde Menfchenmenge fie um- 

‘, dachte fie unmillfürlich: „So würde auch er weiter lachen und 
udern, das Andenken an fein todtes Weib würde ihm nicht ein 
ziges Mal die Freude ftören.“ 

Sie Hatte Mühe, fich ‚ihrem Gatten gegenüber zu beherrichen. 


58 Auferflanden. 


Kalt und zurüdhaltend war fie immer gewvefen, aber nie unfreundlid) 
und gereizt wie jetzt. Wenn er fie verwundert anfah, wurde fie 
roth und zürnte fich ſelbſt 

Wa3 ging mit ihr vor? 

Wohin war ihre ſchwer erfämpfte Ruhe. Sie war frank, gewiß, 
nur förperliches Unwohlſein Eonnte dieſen Zuſtand feelifher Auf- 
regung erklären. Wie wäre fie fonft dazu gelommen, fich den Kopf 
zu zerbrechen um Dinge, die ihr doch fehr gleihgitig waren. 

Ja, jehr gleichgiktig; fie wiederholte ſich das, als könne fie da- 
durch die Thatſache noch uuumftößlicher machen. 

Schließlich Tieß fie den Geheimrath Holen. 

Er beftätigte ihre eigene Anficht, e8 waren die Nerven. Nur die Ner- 
ven! So recht einleuchten wollte ihr das aber doch nicht, jo gern fie auch 
an biefe ganz natürliche Erklärung ihres ſeltſamen Zuftandes geglaubt 
hätte. Sie war vollfommen gejund gewefen, bis zu jener Spazier- 
fahrt, das ftand feft. 

Noch am Abende vorher Hatte Wally Vrandenfels zu ihr ges 
jagt: „Wer doch Deine Nerven von Stahl hätte. Nichts ſchadei Dir. 
Nach zwei durchtanzten Nächten bift Du noch frifch wie eine Roſel“ 

Und nun jollten diefe ftählernen Nerven jo urplöglich ſchwach 
und frank geworben fein! 

Ienes „merkwürdig‘, das Lijette fo in Staunen gefegt Hatte, 
war das Endrefultat ihres Gebanfenganges gewefen. 

ALS die Baronin in den Wagen ftieg, der am Treppenaufgange 
ihrer wartete, entglitt die Schleppe des Kleides Lifettend Händen 
und blieb an einem ber eifernen Hafen hängen, mittels beren der 
Teppichläufer unter der legten Stufe befeitigt war. 

Che das Mädchen fich bücken konnte, war das Unglüd ſchon 
geiceber. Ein Rud, ein Knirjchen des Seidenftoffes — in ber foft- 

ven Schleppe Elaffte ein breiter Riß. 

Die Yaronin war fehr verdrießlich. Das Hatte noch eben ge 
fehlt, ihre fchlechte Laune zu vervollitändigen. Jetzt nochmals andere 
Toilette machen! Auf feinen Fall. 

Es wäre auch faum Zeit dazu gemwejen. Sie fandte eine Ab- 
fage an Wally Brandenfels und ging, von der erjchrodenen Liſette 
— nad) ihrem Ankleidezimmer zurüd. 
® —— am trotz alles Aergers ihre Herzensgüte doch wieder zum 

it . 

Sie nannte die Sache einen unglücklichen Zufall und ſprach das 
weinende Mädchen von aller Schuld frei. 

Lifette küßte dankbar ihre Hand. Ob e8 wohl auf der gan; 
Erde — eine zweite, jo gütige Herrin gab, als die ihre! 

Es dien ihr beinahe unmöglich. 

Als Marietta dann in einem Schlafrod von weichem, lichtblau 
Cachmir mit gelöftem Haar in ihrem traufichen Boudoir auf u 
nieder ging, war ihr fo behaglich zu Muthe, daß fie ihren Yerr 
darüber vergaß. 





Auferkanden. 59 


Solch einen ftillen, traulichen Abend daheim hatte fie lange nicht 
gehabt. Wenn nur die unbequemen Gedanken nicht gewejen wären! 

Aber e3 muß doch Mittel geben, fie zu verjcheuchen! 

Sie Öffnete ihren Screibtiih und ſchloß ihn wieber. 

Briefſchulden hatte fie in Menge, aber durchaus feine Luft, fie 
‚u tilgen. J 
* ollte fie muſiziren? Nein — fie war nicht in der Stimmung. 

Oder Iefen — es war das legte Hilfsmittel und zugleich das, 
welches ihr am meiften zufagte. 

Sie ging nach dem Bihliothetzimmer, um ſich Lektüre zu holen. 

Aber an der Schwelle befjelben blieb fie gögernb ftehen, am liebften 
wäre fie jchleunigft, wieder verſchwunden. Dazu war es leider ſchon 
zu ſpät. Ihr Gatie Hatte fie bereit gefehen und fam ihr entgegen. 

„AH — Du“, fagte er überrafcht. „Ich meinte, Du wärſt ind 
Theater gefahren? Kann ich Dir mit irgend etwas dienen?“ - 

„Nein, nein, ich danke. Ich wollte mir ein Buch holen und 
hatte feine Ahnung von Deinem Hierfein, ſonſt —“ . 

„Sonſt wärft Du nicht gefommen“, vollendete er, „das bedarf 
leiner beſonderen Verjicherung.” 

Seine Augen hafteten dabei auf ihr mit einem Ausdrucke, der 
ihre Verlegenheit nur erhöhte. 

— habe Unglück gehabt“, ſagte fie erröthend, „ich zerriß mir 
das Kleid beim Einjteigen, mußte umfehren, und da ic) glaubte, ganz 
allein zu Haufe zu fein, und mein Kopf —“ 

Er war wieder jo ungalant, fie zu unterbrechen. 

„Wozu alle diefe Entſchuldigungen“ ſagte er in einem Tone, ber 
koersens Fin follte, aus dem aber boch eine Teife Bitterfeit herausklang. 

an follte meinen, ich fei der erfte, befte Fremde und nicht Dein 
Gatte, der doc wohl das Recht hat, feine eigene Frau einmal im 
Morgenkleide bewundern zu dürfen. Oder geftehft Du mir auch 
dieſes Recht nicht zu?“ 

„D gewiß — warum nicht?“ 

Dabei ftrich fie mit reizender Verſchämtheit Die ſchweren Wogen 
ihres goldenen Haares aus Stirn zurüd und hatte feine Ahnung 
davon, dafs fie in dieſer Stellung, mit den emporgehobenen Armen, 
von denen die weiten Wermel beinahe bis zur Schulter zurüdfielen, 
bezaubernder al3 je ausfah. . 

Ihre holde Berwirrung gab ihr im feinen Augen einen neuen, 
ungeahnten Reiz. 

In diefen legten Jahren Hatte er fie immer nur fo süpt und 
itficher gefannt, fie war immer fo ganz bie vornehme blajirte 
me geween, die nichts aus ihrer formvollen Ruhe heraus bringt; 
ıte zum erjten Male jah er in ihr wicber jenes fühe, holdſelige 
ſchöpf, das einft fein flatterhaftes Herz gefangen genommen Hatte 
t erften Blid. Sie war jegt noch jchöner als einft, weit 
äner. 

Er wußte das längſt, aber es war ihm gleichgiltig geweſen; das 


Auferflanden. 


näschen der hübſchen Fifi und ihre ſchwarzen Schelmenaugen 
ihm weit anziehender als die ftolze, jeelenlofe, ftatuenhafte 
it feiner-vielbewunderten Frau. Heut jah er die Statue belebt; 
fin war von ihren Piedeftale herabgeftiegen und hatte ſich 
vunderholdes Weib verwandelt. 
ırietta ging zu einem der Bücherſchränke. Er folgte ihr und 
Bewegungen ihrer jchlanfen Hände zu, die bald den einen, 
\ rg and aufnahmen, offenbar, ohne finden zu können, 
uchten. 
rGeſicht war ihm halb abgewandt; er ſah nur ein roſiges 
d bie reizende Profillinie der Wange und des Kinnes. 
ie jung ſie ausjah mit dem gelöften Haar, das ihr wie ein 
ntel weit über die Hüften herabhing, genau jo jung und 
wie in jener glüdlichen Zeit, an die er jo lange nicht mehr 
hatte, und die nun auf einmal wieder vor ihm aufftieg mit 
anzen beftridenden Zauber. Er verjchränfte die Arme feit 
r Brut, um nicht der Verfuchung zu erliegen, feine Hand 
je duftende Porn gleiten zu laſſen. 

nnte er doch jehr genau ben eiskalten Blick der Zurückweifung, 
ı fie ihn für folche Kühnheit geftraft Haben würde. 

in, er wollte den Kampf nicht erneuern; er wollte fich nicht 
ue jenen Beleidigungen ausfegen, die ihn in ber erjten Zeit 
ihe oft dem —A nahe gebracht hatten, ſeinem elenden 
ech einen Piſtolenſchuß ein Ende zu machen. 

in Geſicht verfinfterte fich und feine Lippen preßten fich feſt 
ınder, aber er konnte nicht hindern, bob fein Herz ſtürmiſch 
nd daß feine Augen wie gebannt an der lieblichen Geftalt hingen. 
arietta hatte das Suchen aufgegeben und aus der Menge ber 
das erfte, beſte herausgegriffen, um nur fortzufommen. Der 
brannte ihr unter den Füßen. 
it einem flüchtigen „Entjchuldige die Störung“ wollte fie an 
datten vorüber. 

hielt fie nicht zurüd, aber er fagte ſpöttiſch: „Warum dieſe 
Sile? Iſt meine Gegenwart Dir gar jo furchtbar? Du 
doch wohl, ehe Du mich faheft, die Abficht hier zu bleiben?“ 
ein, nein!“ 

zudte die Achſeln. 
erzeib', wenn ich dennoch auf meiner Meinung beharre. Ich 
ih nun einmal des unangenehmen Gefühls nicht enthalten, 
e3 bin, der Dich vertreibt." 

ber, wenn ich Dir verfichere!“ 

Tächelte. 
erſichere mir lieber nichts, ſondern bleibe, das wird das beit 
fein, mic) vom Gegentheil zu überzeugen.“ 

wies auf einen Seſſel. 
darum follteft Du Dich nicht hier ganz bequem Deiner Lektür 
en können, während ich dort drüben meinen Brief vollende? 








Auferftanden, 61 


„Es wird doch ftören!“ 

„Richt im mindeften!“ 

Was blieb ihr übrig, als nachzugeben. Refignirt ließ fie fig 
in den Seffel finfen und ſchlug ihr Buch auf, in dem fie währen! 
der nächſten zehn Minuten fee zu lejen ſchien. 

In Wirklichkeit verftand fie fein Wort von dem, was fie las, 
ja fie ſah überhaupt faum, was die Blätter, die fie Haftig umwandte, 
enthielten. Die Buchitaben hüpften und tanzten vor ihr, als feien 
fie (ebenbig geworden. 

Dem Baron ging es nicht beffer. Er Hatte den Brief an feinen 
Güterdireftor ſchon zweimal neu begonnen, als auch der britte Ver— 
ſuch ſich als unbrauchbar erwies, jchob er. die Mappe von ſich. 

Es geht — erflärte er, „ich habe Heute ſchon — da — 
fünf Briefe gefchrieben, diefer ‚ee überfteigt meine Kräfte. Imgrunde 
iſt er ———— Es wird das Beſte ſein, daß ich morgen für 
ein paar Tage 3 Dietmannsdorf en um den Schaden feldft in 
"mt in zu nehmen.“ 


a, "ba zn wieder die egoiftifche Weltdame, die eine Störung 
ihres eigenen Behagens fürchtete. 

Er war vollfommen ernüchtert. 

„Sei ganz unbeforgt*, fagte er mit herbem Spott, „ruinirt bin 
ich nicht, As Einfchränkungen werben auch nicht nöthig jein. Nichts 
wird Dich hindern, in Deinem gewohnten Stile weiterzuleben.“ 

‚Marietta erröthete. 

Be niebrig er von ihr dachte! 

t deßhalb Fengte ich“, fagte fie, „ich wünfchte nur zu wiffen, 
ob u Ad brauchit?“ 

„Allerdings! Ich Habe bereits deßhalb an meinen Bankier ge- 
fohrieben.“ 


Vielleicht — Marietta ftodte verlegen und fuhr dann haftig 

— „vielleicht geftattejt Du mir, Dir die gewünfchte Summe 

uf. Di Der er Suftigeatb — mir heute, daß er einen Theil 

— 60,000 Gulden — anderweitig zu placixen 

ige, Bu Du —— mir einen großen Gefallen thun, wenn Du 

Ib benügen mwollteft!” 

Er Tefnte ehr liebenswürdig aber auch fehr entſchieden ab, ob⸗ 

ch ſie ſich ſogar herbeiließ, ihn zu bitten. 









2 Auferftanden. | 


„Ich weiß ja, daß mein Vermögen nicht für Dich eriftirt“ fagte 
fie zaghaft, „aber ich follte doch meinen, Daß Du in diefem bejon- 
deren alle eine Ausnahme machen könnteſt.“ 

„Es giebt feinen bejonderen Fall, ber mich veranlafjen könnte, 
Dein Vermögen anzutajten.“ 

Seine ri weckte ihren Trotz. 

„Dann wirft Du wenigſtens geftatten müſſen, daß ich meinem 
Stolz dem Deinen entgegenfegen, fagte fie und ihre Augen bligten 
ihn zornig an. 

„Du haft nie zugeben wollen, daß ich zu unferem koſtſpieligen 
Haushalte das meine beitrage. Won jet an werde ich e8 dennoch thun.“ 

„Das wirft Du nicht. Als mein Weib lebſt Du in meinem 
Haufe, nicht ich in dem Deinen.“ 

Er Hatte das fehr höflich gejagt, aber doch jo ernft und enereifl, 
daß fie nicht auf ihren Willen zu beharren wagte. Das rebellifche 
Blut ftieg ihr wieder ins Gefiht und um ihre Mundwinfel zudte 
die verhaltene Aufregung. 

Und da, ihr gegenüber faß er, und beobachtete fie ſcharf; fie wußte 
— genau, obwohl fie die Augen beharrlich auf ihr Buch ge 

ielt. 
u fein — das war zu viel. 

Sie wollte ihm wenigſtens nicht länger die Genugthuung laſſen, 
ſich an ihrem Aerger zu Auen. 

Entſchloſſen ſiand fie auf. 

„Du willft Pr fort?“ fragte er, gleichfalls aufftehend. 

Ich habe Liſette befohlen, den Thee in meinem Boudoir zu 
jerviren.“ 
h „Und wenn ic Dich bäte, mich zu Gafte zu laden?“ 

Sie verbeugte ich leicht und zuftimmend, aber fie war innerlich 
empört. Warum ging er nicht? 

Was fiel ihm eigentlich ein? 

„Es ift beinahe halb neun“, fagte fie, während er feine Briefe 
ufammenräumte. „Wenn ich mich nicht irre, fagteft Du mir heute 

achmittag, daß Du eine Verabredung hätteft für diefe Stunde?“ 

Diesmal lachte er hell auf. 

„Sch jehe ſchon, daß Du mich los werben willft“, fagte er be 
Kuftigt, „aber Heute follen Dir alle Deine Kriegsliften nichts nützen. 
Ih bin feft entjchloffen ® bleiben und mid in Deiner Tiebens- 
mürbigen Nähe von den Unannehmlicjkeiten des heutigen Tages zu 
erholen.“ 

Damit bot er ihr den Arm und jeßte durch feine Anmwejenhe 
im Boudoir der gnädigen Frau Lifette fo in Staunen, dap | 
beinahe die zweite Ungejchidlichteit des heutigen Abends begangı 

ätte, indem fie das Theejervice, das fie auf das Klingeln ihrer 
ieterin hereinbrachte, zu Boden warf. 

Etwas derartiges war während ihrer zweijährigen Dienftze 
hier im Haufe noch nicht dagewejen. 





Auferfanden. 63 


Die Gnädige mit einem Spigenhäubchen auf dem loſe aufge 
ftedten Haar, und da neben ihr ber Herr Baron, behaglich in feinen 
Seffel zurüdgelehnt, ſehr geiprächig, ſehr liebenswürdig und fo un- 

jezwungen, ala fei es bie alferjelbitverjtändlichite Sache von der 
Kat, dab er bier feinen Thee nahm und fi) von feiner jchönen 
Frau bedienen lieh. 

Marietta ging auf den leichten Plauderton ein, ohne doch ihre 
Befangenheit ganz überwinden zu können. 

Sie inte auf das lebhafteſte, daß er gehen möge, obwohl 
fie zugeftehen mußte, daß er ein vorzüglicher Unterhalter war, und 
daß er ihr auch nicht die leifefte Urjache gab, ihr Zugeftändniß zu 
bereuen. 

Aber ihre innere Unruhe ftieg, je mehr der Abend vorrüdte; 
fie fühlte fih aus der Bahn herausgedrängt, bie fie während diejer 
legten Jahre ftreng innegehalten hatte und je länger fie Das duldete, 
je fhwerer war dann das Einfenten. - 

Wie follten fie ben falt-fremden Ton ihres gewöhnlichen Ver— 
lehrs wieberfinden, nachdem fie während eines ganzen Abends mit 
einander geplaubert hatten wie zwei gute Freunde? 

—ã — neue ee en ih ß ten» 

uni war unmöglich zwiji ihnen; fie wußten das 
beide. — Ein heißer Groll jtieg in ihr auf, gegen den Mann, der 
ihr Leben vernichtet hatte und der jegt dort, ihr gegenüber jaß und 
fi) die Miene gab, als habe nie irgend etwas ihr gutes Einver- 
nehmen gejtört. Warum blieb er noch immer? 

Liſeite hatte den Theetifch längſt abgeräumt, der Vorwand feiner 
Anwejenheit war ihm damit genommen. Sie wurde ſchweigſam und 
ſah nicht mehr auf von der Arbeit, die fie in ben gärten hielt. 

Das war num freilich deutlich genug. Er erhob fi. 

„Berzeih! meine Unbefseibenbeit fagte er, „e& war fo traulich 
bei Dir hier. Ich danke Dir für den reizenden Abend.“ 

Er war ſchon im Gehen, als fein Blick auf den Flügel fiel, der 
m einen Ste ee — it meh ſ y f 

"Wie lange habe is i on nicht mehr fingen hören“ ſagte 
er. „Mache Deine Güte Al hr ® 

„Richt Heute.“ 

heute. Thue ed, Marietta! Ich verſpreche Dir feierlichit, 
nicht fo bald wieder Deine Geduld zu mißbrauchen. Gewähre mir 
diefe legte Gunft. Willft Du?“ 

Er Hatte fie ſchon zum Flügel geführt. 

Sie wiberjtrebte nicht länger. 

IHre Hände glitten prälubirend über die Taften und dann fang 

den Wanderer von Schumann. . 

Sie hatte einen weichen, wundervollen Alt von herzergreifendem 
ange, aber ſelbſt ihr Talent hatte in dieſen letzten Jahren unter 
m Zwange geftanden, unter dem fie ihr ganzes Selbſt hielt. Nur 
ten, auf dringende Bitten ihrer Gäfte oder Gaftgeber Hatte fie 


indig. Singe mir ein Lieb.“ 


64 Auſer ſtanden. 


gefungen und dann erfuhr die Welt chen nur, daß fie eine ſchöne, 
wohlgejchulte Stimme bejaß, nicht mehr. Sie gab auch Hier nur 
die äußere Zorm und gönnte niemandem einen Einblid in ihre tiefe 
verfchleierte Seele. Heute nun lag es auf ihr wie ein Zauber. 

Sie war unfähig, ſich u Sehereigjen wie font. 

Mit der Kraft der Naturgewalt brach ihre leidenfchaftliche 
Seele fi Bahn; es war die Klage um ihr eigenes verlorenes Leben, 
die in lebenden, rührenden, hinreißenden Lauten von ihren Lippen 
floß. Was fie. fo lange verborgen Hatte vor der Welt, vor ihm, 
vor fd ſelbſt, das verrieth fie nur unbemwußt, einer Gewalt erliegend, " 
gegen die fie Feine Waffen mehr hatte. 

Das Lied war zu Ende, mit bebenden Händen ftrich fie ſich 
über Stirn und Augen, umfonjt nach Faſſung ringend. 

Sie ftand auf; taftete aber unficher nach einem Halt; vor ihren 
Augen lag es wie ein Nebel und der Boden fchwanfte unter ihr 
wie ein wogendes Meer. 

Ihr Gatte wollte ihr zu Hilfe kommen; ſie wies ihn rauh 


de. 

„Nein — laß mich — gehe jegt — ich will allein fein!“ 

Er gehorchte nicht. 

„Sende mich nicht fort, Marietta‘, bat er in jenem bebenden 
Tone höchſter Leidenfchaft, mit dem er einft ihre Liebe geftohlen 
hatte, um fie dann zu verrathen. 

Bitterfter Haß ſprühte ihm aus ihren ſchönen Augen entgegen. 

„Was willit Du noch“, jtieß fie, faum ihrer Stimme mädtig, 
hervor, „Dich über Dein Werk freuen! Das fieht Dir ähnlich! 
ift Deiner würdig!” J 

Er achtete nicht auf ihre Beleidigungen. 

„So umgtictich bift Du geweſen alle dieſe Beit“, fagte er er⸗ 
ſchüttert, „und ich hielt Dich für alt und unempfindlich.” 

„Ja, unglüdlich“, wiederholte fie, „elend, o über alle Mafen 
elendi Wie wäre es auch anders möglich?! Kann der Bagnogefangene 
lütlich fein, der mit dem verhaßten Genoſſen an die gleiche ent- 
Folie ette gefchmiedet ift? Gieb mich frei! Ich Halte Diejes 
Leben nicht länger aus! Ich will es nicht länger ertragen!“ 

„Weil Du mic) fo fehr verabfcheuft?” 

„Sa, weil i ich, verabfchene!“ 

„Und weil Du einen andern liebjt — den Prinzen?“ 

Er athmete fehwer; um feine Lippen zudte es wie ein innerer 


„Wen? Was meinft Du?“ 

Sie jah ihn verftändniglos an. 

AAh Niki“, fagte fie dann. „Niki Wendenftein? Nein, ich liebe 
im nicht — nicht ihn — keinen — fie find mir gleichgiltig! Alles 
iſt mir gleichgiltig die ganze Welt und mein eigenes Leben! Ich 
wollte, es wäre tobt!“ 

Sie ſprach dumpf und tonlos; in ihrer ganzen Haltung lag 


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Anferftanden. 65 


eine tiefe Verzweiflung, die ihm das Herz zerriß und ihn haltlos zu 
ihren Füßen niederwarf. 

„Marietta” jtammelte er, „giebt es fein Mittel, Dich mir zurüd- 
Jugeminnen? Ich verdiene Deine Gnade nicht, aber, ich flehe Dich 

jennoch an, geh’ nicht von mir, ich fann Dich nicht entbehren, Du 
bijt mir nöthig, wie die Luft, die ich athme!“ 

Mit einem falten, unnatürlichen Lächeln auf den Lippen trat fie 
von ihm zurüd, 

„Zeit wann weißt Du das?“ fragte fie herb. 

Er war aufgefprungen und ftand dicht neben ihr. 

„Zeit heute“, fagte er, ſich mühjam beherrfchend, „feit dieſer 
Stunde! Ich verdiene Deine Gnade nicht, Marietta, ich bin ein 
Unmwürdiger, aber wenn die tiefite, bitterjte Neue Anſpruch auf Gnade 
giebt, jo darf ich auf die Deine hoffen. Höre mich wenigjtens an! 
Wan geitattet ja dem zum Tode verdammten Verbrecher fich zu ver- 
theidigen. Und ich — bei meiner Ehre, Marietta — ic) war leicht» 
finnig damals, aber doch nicht der Verbrecher, den Du in mir ſaheſt.“ 

Früher — im Beginn ihrer troftlofen Ehe — Hatte fie jeden 
Verſuch einer Vertheidigung im Keime zu erſticken gewußt, heute 
fand fie den falt verächtlihen Ton nicht, dem e3 immer gelungen 
war, ihn in die ern zu treiben; ihr ganzes Wejen war aus feinen 
digen und die hellauflodernde Empörung riß fie fort gegen ihren 

illen. 

„Kein Verbrechen?“ rief fie ganz außer fi. „Wie? Iſt es 
fein Verbrechen, wenn man einem Menfchen das Vertrauen auf die 
heilige Stimme der Natur aus der Seele reiht, wenn man ihn vor 
fich jelbft entwürdigt, wenn man hi den Olauben nimmt an alles 

ohe, Schöne und Gute? Du haft mid) zu dem gemad)t, was ic) 
in, Du Haft mir alles genommen, meine Liebe, mein Glück, meine 
Jugend, und jest kommſt Du und jagft: Vergiß, fei wieder mein! 
Durch ein paar Liebesworte glaubjt Du mich bejchwichtigen zu kön⸗ 
nen! — Natürlich, ich bin ja ein ſchwaches Weib, das einſt tHöricht 
gu war, Dich zu lieben! Aber das ift vorüber für alle Ewigfeit. 

ie ich Dich einft geliebt Habe, fo Haffe ich Dich jest! Spare Deine 
heuchlerifchen Betheuerungen! Ich fonnte mich) nicht täujchen Lafjen, 
jegt ift mir die Binde von den Augen geriijen, ich jehe Dich, wie 
Du bift Weiß ich etwa nicht, daß Du folche Worte und Blide auf 
ein gegebenes Stichwort immer bei der Hand haft, daß Du fie heute 
diefer, morgen jener ſagſt — Phraſe, Ton, Blid, alles dafjelbe, nur 
die Adreffe eine andere! — Verjuche an anderen Deine Eroberungs- 
t ifte, bei mir verfangen fie nicht mehr. Ich Habe nur den einen 
: mid, mein Leben zu löſen von Dem Deinen und wenn nod) ein 

afe von Ehre in dir lebt, jo wirft Du mir diefen Wunſch er= 
en!“ 


Sie wollte hinauseilen; er vertrat ihr den Weg. 

„Du bleibft*, herrſchte er ihr zu, und es war mehr noch in 
| em Blicke als in feinen Worten eine zwingende Gewalt, der fie 

der Salon 1889. Heft I. Band 1. 5 


66 Auferflanden. 


wider Willen gehorchte. „Du ſollſt und mußt mich hören“, fuhr er 
fort, „ich fordere e8 al3 Dein Gatte und Du wirft mir gehorchen, 
ob Du nun willft oder nicht!“ 

Er Defratete fie mit einem Ausdrud in feinen Zügen, ber jelt- 
ſam aus Groll und Liebe gemifcht war. 

„Wie zart und zerbrechlich Du da vor mir ftehft", fagte er 
finfter, „mit einem Drude meiner Hand könnte ih Di ten und 
ennod) habe ich nicht bie leiſeſte Gewalt über die fe, die in 
diefer Eindlichen Geftalt wohnt. Haft Du uns nod) nicht elend genug 

jemacht mit Deinem unverföhnlichen Stolze? Was hätte unfer Leben 

fein fönnen in diejen legten zwei Jahren und was war es?“ 

& „Für Did) doch wohl amifant genug“, fagte fie mit herbem 
poti 

„So — meinſt Du das? Ich dachte es ſelbſt manchmal. Jetzt 
weiß ich es beſſer — Was ſoll Hr thun“, rief er in ausbre 
Verzweiflung, „wie foll ich Di überzeugen, daß ich nie ein anderes 
Weib geliebt habe ala Dich allein, dak Dir immer mein Herz ge- 
hörte, Iamals — ala — Doch das ift's, wovon ich mit Dir ſprechen 
muß, wennfchon ich kaum hoffen darf, daß e3 mir gelingen wird, 
duch das wenige, was ich zu meiner Vertheibigung zu jagen weil 
Deinen unbändigen Stolz zu befiegen?! Ich war einer der flotteften 
Gardeoffiziere, als i & kennen lernte, ein mauvais sujet Der 
ſchlimmſten Sorte. Meine Liebesaffaiven zählten nach Dugenden — 
Strohfener, die eben fo fehnell auffladerten, als fie dann in vg 
qufammenfanten. Jene war zufällig die legte in der Reihe. Ich 

ch mit ihr und dachte kaum 108 an ihre Eriftenz, als ein au 
fall mich im Prater mit ihr zufammenführte. Sie fpottete über Den 
jeliben Bräutigam, den keuſchen Soferh — doch nicht? von dem 
odenlofen Leichtfinn, der mic, mein Lebensglüd gefoftet hat, ich will 
ai t einmal verfuchen ihn zu entjchuldigen — Du weißt das 
ebrige!“ 

„a jelbft den Umſtand, daß dieſe Paſſion "s nicht ala ein 
Strohfeuer erwieſen hat. Damals famft Du von ihr zu mir und 
dann — mit meinen Küffen auf den Lippen fehrteft Du zu ber 
Dirne zurüd! — Werde ich je das Brandmal der Schande nergeffen 
können, mit dem Deine Lieblofungen mich befledt Haben? Pfui ül 
Di, daß Du e3 tun fonnteft, pfui über Dich, daß Du es wagſt, 
von Deiner Geliebten zu mir, ber tiefbeleidigten Gattin zu fommen 
und um meine Liebe zu werben!! Gieb es auf und achte einen Stolz, 
ber e3 nicht über fich gewinnt, mit einer Dirne rivaliſiren zu wollen.” 

Er war jehr blaß geworden und jah finfter vor fich nieder. 

„Du Haft recht“, fagte er. „Ich bin Deiner unwürdig; nur e 
Weib mit einer großen, allgewaltigen Liebe im Herzen könnte ihrı 
Gatten das verzeihen, was ich Dir angethan habe. Und Du liel 
mich nicht, Du verabfcheuft mich, Du fehnft den Tag herbei, der D. 
don ne befreit! Ich Habe nichts anderes verdient und denno: 

enmoch ... 














Auferftanden. 67 


Er riß mit leidenfchaftlicher Gewalt ihre Hände an fi; er 
preßte fie an feine Lippen, am fein Herz, umd fie ließ es willenlos, 
wie betäubt, gefchehen; ihre körperliche Kraft war gebrochen, nicht 
aber bie ihrer ftolzen Seele. ö 

Alles Leben ſchien ſich aus dem entfärbten Antlig in die Augen 
geflüchtet zu haben, unb was er in biejen Augen las, das veranlaßte 
ihn mit emem tiefen Seufzer der Entmuthigung ihre Hände aus 
den feinen zu laſſen. 

„Es M umfonft“, fagte er, indem er mit einer verzweifelten 
Geberbe die geballte Hand vor die Stirn preßte. „Ohne Vertrauen 
feine Liebe! Und Du glaubft mir nicht, Du hältſt mich für einen 
Lügnet, einen Komödianten! Dan fagt, daß die Wahrheit ihre un« 
trügliche Stimme hat, aber Dein Ohr ift verſchloſſen, Du willit fie 
nicht hören. Warum Haft Du mich gewedt, warum überließeft Du 
mich nicht dem Leben, in das Du mich hineingeftoßen haft? Ja Du, 
— Du Marietta! Täufche Dich nicht darüber, Du bijt meine Mit 
ſchuldige! Erinnere Dich, wie Du mich) von Dir wiejeft mit eifiger 
Verachtung, wie Du den fünftlihen Wall zwifchen ung immer Höher 
eufthäiemteit bis ich Deine vergötterte Schalt nicht mehr fah! Sa, 
id) leugne nichts, u bin zu jener anderen zurüdgegangen, deren 
Inftiges inhaftlofes Geplauder wie Champagnerraufch auf mich wirkte 
mb die mir nie etwas anderes geweſen ift als ein amiljantes Spiel- 
zeug. Es war eine That der Verzweiflung und des bitterften Tropes! 
Du follteft nicht ahnen, was ic) litt, Du follteft nichts wiſſen von 
der troftlofen Leere, Die Dein Verluft in meinem Leben zurücges 
laſſen hatte. Und wie Dich, fo wollte ich auch mich felbft belügen, 
darım betäubte ich mich im Strubel eines wilden Lebens, darum 
gab ih mir feine Zeit, zur Befinnung zu kommen. Ich meinte, daß 
& mir gelungen jet, die Leidenſchaft ie Did mit allen ihren Wur- 
zeln aus meinem Herzen zu reißen und ich frohlodte darüber. S 
tedete mir ein, daß Du ber Reue nicht werth jeieft, die ich um Di 
gelitten hatte, ich nannte Dich ein herzlojes, oberflächliches Gefchöpf, 
ich begrub meine Liebe unter einem Wuft von Täufchungen, Groll 
und Verbitterung, tief, jo tief, daß ich meinte, fie fei erftorben. 
Jetzt ift das Blendwerk vernichtet, und jegt ſoll ich Dich aufs neue 
verlieren? — Nein, nein, e3 ift unmöglih! — Marietta, mein 
Kleinod, mein heißgeliebtes Weib, fomm zu mir, verlaß mich nicht, 
ih fann nicht leben ohne Dich!“ 

Sie wehrte feine Arme ab, die fie umfchlingen wollten. 

„Es ift zu ſpät“, ſagte fie tonlos. „Ich würde Dich elend 

zen und felbft elend fein! Wie ein Gejpenjt würde mein Miß— 

en zwifchen mir und Dir ftehen. Laß mich, laß mich, ich kann 

t mehr, meine Kraft ift erichöpft!“ 

Sie ging, aber an der Thür blieb fie ftehen — lauſchend, an 

ı Sliedern bebend, und dann war fie im Nu wieder neben ihrem 

ten, der wie gebrochen in einem Seſſel lag. Sein Kopf war 

‚ebeugt, das Geſicht in den Händen verborgen. 

br 


68 Auferflanden. 


„Stephan“, fagte fie leiſe und mit umficherer Stimme. 

Er ſah zu ihr auf; in feinen ftolzen Augen jtanden Thränen, 
die erften, die er jeit feiner Kindheit geweint hatte. 

„Was willſt Du noch?“ fragte er zornig. „Haft Du mid) nun 
genug N Biſt Du nun zufrieden? Geh, ich will Dein 

itleid nicht!“ 

Sie fand feine Worte; nur ihre Augen fprachen, diefe ſchönen, 
beredten Augen, die ihn jo oft ſtolz und verächtlich fortgewiefen 
hatten und in denen jegt eine Welt von Liebe lag. 

Noch wagte er nicht anf ein Glück zu glauben. Fragend, athem- 
los ſah er in ihr holdes, erglühendes Geficht, dann plöglich fprang 
er mit einem halberftidten Jubellaute au und zog fie ſtürmiſch an 
feine Bruft. 

„Mein Weib, mein Weib!“ , 


In den nächſten Tagen ſprach man in Wien viel von den Ver— 
Iuften des Grafen Bensberg, bie ihn gezwungen hätten, alle fojt- 
jpieligen Sommerpläne aufzugeben und fa mit feiner fchönen Frau 
auf feine Güter zurüdzuziehen. 

„Wie werden die Beiden ia} Iangweilen“, fagte Wally Branden- 
fels bedauernd, „hier haben fie ſich nicht geliebt, dort werden fie es 
binnen fürzefter Beit dahin bringen, fich zu hafjen. Ich prophezeie, 
daß fie es nicht zwei Wochen aushalten.“ 

Es verging aber Woche auf Woche, Monat auf Monat, ohne 
daß die Bensbergs in Wien oder in einem der großen Weltbä 
auftauchten, dägegen erfuhr man, daß der Baron feinen Abjchied ge- 
nommen habe, um fortan feine Güter felbft zu bewirthſchaften. 

„Sch muß diefer armen Marietta einen Bejuch machen“, fagte 
Wally Brandenfels im September, als fie aus Trouville heimfehrte, 
„fie wird meinen Troft brauchen.“ 

Nach drei Tagen war fie wieder ba. 

„Es ift unglaublich“, jagte fie ihrem Bruder. 

"Was?" 

„Sie find glücklich, ganz lächerlich glücklich!“ 

„Nicht möglich!“ 

„Es iſt aber jo. — Am erſten Tage hat es mich gerührt, denn 
die Beiden find wirttic) ideale Menfchen, am zweiten habe ich ge— 
gähnt und am dritten bin ich davongelaufen. Da haft Du das Re— 
ſultat meiner Reife!” 





Ian 2132754. a Se 





ne neue Trauerkunde durchfliegt Deutſchlands Gaue: 
Pr Storm, der gelejenften, der beliebteften, der 
beiten Dichter der Neuzeit einer ift am 4. Juli nach- 
mittags 5 Uhr zu Hademarfchen verfchieden. Wie er 
vor noch nicht 10 Monaten feinen 70. Geburtätag feierte, 
ein Tag, ber da zeigte, wie fehr von nah und fern 
aller Herzen ihm entgegenjchlugen in Liebe und Verehrung; wie er 
damals, freilic ein gealterter Mann, fich großer förperlicher und 
geliger Nüftigkeit erfreute: wer hätte es da ahnen können, daß fein 
de ihm fo nahe bevorftand? Und dennoch ift ihm der Tod ein 
Bote des Friedens geweien, denn er rief ihn ab aus einem Leben, 
da3 fortan nur eine Keite endlojer Leiden ohne Hoffnung auf Ge- 
nefung gewejen wäre, war er doch an einem unheilbaren Leiden, 
dem Sragentrebs, erkrankt. So müffen denn feine Angehörigen, 
feine Freunde und Verehrer ſich defjen getröften, daß ein gütiges 
Geſchick ihn abrief, bevor er den Kelch des Leidens bis auf den 
Grund geleert Hatte. 

Theodor Woldjen Storm ift am 14. September 1817 im 
ſchleswigſchen Landſtädtchen Hufum als Sohn eines Advolaten ge- 
boren. Hujum ift eine kleine Stadt in der Mari dem Meere 
nahe und in reizlofer Gegend belegen. Aber dem Dichter war fie 
ans Herz gewachfen, wie dem Schweizer feine Berge. Seine Novellen 
verherrlichen Stadt und Umgebung und ſchildern zum Theil Men- 
fen, wie er fie dort —* Stets war das den de3 Heimat- 
fernen voll Sehnfucht nach „der grauen Stadt am Meer“, und fein 

‚te Glück war immer, dorthin zurüdzufehren. So lieh er fich 
ı schließlich an dem Beamtenpoften in feiner Heimat genügen 
verihmähte es, feine Fa nad) lohnenderen und einträglicheren 
ten auszuſtrecken, die ficher ihm fo gut als manchem anderen zur 
Tügung ftanden. Auf der gelehrten Schule feines Heimatftädt- 
3 erwarb Theodor feine erften Kenntniffe. Won da fam er auf 
Brmnafinm zu Lübel. Dem Wunſche feiner Eltern und feiner 


70 Theodor Storm. 


eigenen Neigung gemäß, beſchloß er, die Rechte zu ftudiren und be 
30g zu dem Zwede die Univerfität zu Kiel. Hier traf er mit cinem 
leichalterigen Kommilitonen Theodor Mommſen, dem Sohn eines 
Baftors aus dem Hufum benachbarten Garding zufammen, dem jehi- 
en berühmten Geſchichtsſchreiber und Verfaffer der „Römifchen Ge— 
Wancd Mit ihm und feinem zwei Jahre jüngeren Bruder Tycho 
Mommfen ſchloß Theodor Storm bald das Band innigfter Freund 
ſchaft. Neben ihren Fachſtudien fuchten die Freunde den Umgang 
der Mufen und gaben gemeinfam das „Liederbud dreier Freunde” 
heraus. Nach Beendigung feiner Studien ließ ſich Storm als Ad- 
vofat in feiner Vaterſiadt nieder, wohin ihm einige Jahre darauf 
fein eeunb Tycho Mommfen als Gymnafiallehrer folgte. 

Nun kam das Jahr der Stürme, 1848, und mit ihm die Er- 
hebung Schleswig-Holfteind gegen Dänemark, Einem klarblickenden 
Nechtökundigen, wie Theodor Storm, dem dazu noch die Begeifte 
rung eines jungen Poeten ben Zuſen ſchwellte konnte es nicht un 
befannt fein, auf welcher Seite das Recht war und auf welcher 
Seite er im SKampfe zu ftchen habe. So -focht er in Wort und 
Schrift für die nationale Sache der Schleswig-Holfteiner, feſt über 
zeugt, daß das erwachte Deutſchland feine Norbmark zu (ie 
wiflen werde. Um fo jchmerzlicher traf der Schlag, da Preu 
ſich von der fchleswig-holfteinhen Sache zurüdzog, fein jugendlich 
warmes Herz. Daß fein und feiner Freunde Schidfal die Verban- 
nung fein werde, das wußte er. Aber cr war nicht der Mann, der 
voreilig die Flinte ins Korn warf. Seine Natur war nicht darnach 
angethan, durch Freiwilliges Meiden der Heimat jeglicher Gefahr aus 
dem Bege zu gehen. Dazu war auch wohl fein Heimatsgefühl zu 
ftarf, und er hatte ſchon damals für feine Familie zu forgen. 
ſelbſt in biefer ſchweren Zeit, der „Blütezeit der Schufte*, der „Reit 
von Salz und Brod“, wie er fie nennt, im Herbſt 1850, da bie 
Sache Schleswig⸗Holſteins endgiltig als eine verlorene betrachtet 
werden fonnte, da allenthalben die Reaktion die Srrungenfihoften 
des Jahres 1848 in Frage zu ftellen oder wenigſtens auf ein Mini- 
mum herabzudrüden fuchte, verzagte Theodor Storm nicht. 

Ih zage night, es muß fih wenden, 
Un heiter wirb bie Welt entfteh'n, 
€8 Tann der echte Reim bes Lebens 
Nicht ohne Frucht verloren geh'n. 
Der Klang von Frühlingsungewittern, 
Bon dem wir ſchauernd find erwacht, 
Bon dem nod alle Wipfel raufchen, 
Er tommt noch einmal iiber Nacht! 
Und durch ben ganzen Himmel vollen 
Bird diefer Iegte Donnerfätag; 
Dann wird es wirklich Frühling werben 
Und hoher, heller, golbner Tag. 





So fang er in diefen Tagen, und wie er an der Zukunft m 
verzweifelte, jo hoffte er auch für fein engeres Vaterland, 





! 
’ 
! 








Theodor Storm. 71 


Schleswig-Holftein. Im Geifte ſah er den Tag, da daffelbe denn: 
vom däniſchen Joch befreit werben und in Deutfchland eingehen um! 
mit Deutſchland vereinigt werden mußte: 


Kommen wird daß frifche Werbe 
Das aud) bei und Die Nacht befiegt, 
Der Tag, wo biefe deutſche Erbe 

Im Sing des grofen Reiches liegt. 


Die Hoffnung auf das Wiedererftehen bes alten deutfchen Reiches 
—* getröſtet in den ſchweren Tagen, die nun für ihn und ſeine 
teunde hereinbrachen, und ſein Blidk war klar genug, zu erkennen, 
dab ein neues deutſches Reich nur mit Preußen an der Spitze er- 
ftehen könne, und daß die jchleswig-holfteinifche Frage mit der deut- 
fen innig zufammenhänge. 

Seit 1852 benugten die Dänen ihre Macht in Schleswig einzii 
und allein zur Unterdrüdung des Deutſchthunis und fäeten — 
neue Erbitterung, anſtatt die jenſätze zu verſöhnen. Wer ſich in 
den vorhergegangenen Jahren als deutfcher Patriot hervorgethan u 
mochte fich nun vor ihrer Rache hüten. Auch Theodor Storm ſtand 
auf ihrer fchwarzen Lifte. Im Jahre 1852 ward er feines Poftens 
enthoben. hatte es vorausſehen fönnen und vorausgejehen, aber 
der Schlag traf ihn Hart, denn er zwang den Dichter, fein geliebtes 
Hufum zu verlafjen. Im Jahre 1853 fiedelte er nach Potsdam 
über, wo er eine Anftellung als Afjeffor befam. Was fein Herz 
bewegte, als er von ber theuren Heimat fehied, fpricht er in einem 
Gedicht aus, das wir im Auszuge wiederzugeben uns nicht verſagen 
tönnen. Es lautet folgendermaßen: 


Ich aber kann bes Landes nicht, bes eignen, 

In Echmerz verkummmte Klage mifverfteh'n; 

Ich kann die ſtillen Gräber nicht verleugnen, 
Bie tief fie jept in Unkraut aud) vergeh'n. 

Es firömt bie Luft; die Knaben ſteh'n und lauſchen; 
Bom Strand herüber dringt ein Möwenfchrei: 
Das ift die Flut, das ift des Meeres Rauſchen, 
Ihr lennt e8 wohl, wir waren oft babeil 

Bon meinem Arm in biefer legten Stunde 
Blidt noch einmal ins weite Land hinaus 

Und merkt es wohl: Es fleht auf biefem Grunde, 
Bo wir aud weilen, unfer Baterhaue. 

Bir ſcheiden jet, bis biefer Zeit Befhwerbe 
Ein anbrer Tag, ein befierer, gefühnt, 

Denn Raum ift auf ber heimatlichen Erbe 

Zür Fremde nur und was den Fremden bient. 
Doch iſt's das flehenbfte von ben Gebeten, 

Ihr mögt bereinfl, wenn mir e8 nicht vergönnt, 
Mit feftem Fuß auf biefe Scholle treten, 

Bon ber ſich jegt mein heiße Auge trennt. 
Unb bu mein Kinb, mein jüngfles, beffen Wiege 
Auch noch auf biefem theuren Boden fland, 
Hör’ mich, denn alles andere ift Lüge: 

Kein Mann gebeihet ohne Vaterland! 








72 Theodor Storm. 


So riß er fich los mit bfutendem Herzen, doch aber ſich deffen 
getröftend, daß er, oder wenn nicht er, jo doch feine Kinder dereinft 
qurlfehren wirden in das befreite Vaterland. Aber wie ſehr auch 

ie Trennungswunde fchmerzte, ihn Hat der Schmerz nicht nieber- 
gebeugt. Er glich ber Eiche feiner heimischen Wälder, der Sturm 
mag ihre Krone umtoben, ihrer Aefte da und dort einen fniden, der 
Stamm wurzelt feſt im Boden und — dem wüthenden Orkan. 
In Potsdam geftatteten ihm feine Berufsgeichäfte die ee 
feiner in Kiel begonnenen, in Hufum fortgejeßten dichteriichen Thä— 
tigfeit. 

; Mehr als das „Liederbuch dreier Freunde" fanden feine Ge 
Dichte und Die Erftlinge feiner Novellen Anklang, ſowohl bei Kennen 
der Kunſt als auch beim Publikum. Yon Potsdam aus unterhielt 
er einen regen perfönlichen Verkehr mit Berliner Dichterkreifen, denen 
er feiner offenen Geradheit und feiner biederen Geſinnung halber 
bald ein lieber Genofje wurde. Aus diefem Kreife riß ihn ſehr bald, 
ſchon 1856, feine Beriepung nad) Heiligenftadt, wo er den Poften 
eines Kreisrichters bekleidete. Mit feinen alten und neuen freunden 
blieb er im regſten Briefwechfel. Seine Zeit gehörte feinen Berufs 
geſchäften und der Dichtkunft. Allmählich wurde die Muje für ihn 
auch neben der „Hohen himmlischen Göttin“ „die nährende Kuh, die 
ihn mit Butter verjorgte”. Nicht daß er fie jo behandelte, daß er 
die Literarijche Produktion handwerksmäßig betrieb. Er wäre ficher 
ber letzte geweſen, der fich Dazu hergegeben hätte. Aber er jah von 
feiner bichterifchen Thätigfeit aus den pefuniären Nugen ſich a 
mad) einftellen, ſah fich in weiteren und immer weiteren Kreiſen be 
rühmt werden und hörte, wie fein Name einen immer befferen Klang 
befam in der Lefewelt. Aber wie ihn das nicht bewegen Tonnte, 
feiner beruflichen Stellung zu entjagen, um den Mufen zu leben; 
wie das wohl fein Seldftvertrauen und Selbftbewußtjein hob und 
den Glauben an jene dichteriſche Miffion ftärkte, ihm aber nie auf 
Kam Ruhm eitel zu machen vermochte: $ vergaß er auch in ber 

'temde, wo es ihm wohl ging, feiner geliebten ‚Beimat nicht. Wo 
er in feinen Novellen und Gedichten aut die Stadt mit den alters- 
grauen Häufern am Nordjeeftrande zu reden kommt, ſchlägt er alle 
mal Töne an, die feine tiefinnere Herzensſehnſucht wiederjpiegeln. 
Manchmal mashte es durch feine Seele ziehen, was er ausgeſprochen 
hat in dem Liebe: 


is 


Am grauen Strand, am grauen Meer 
Fr liegt bie, Stadt. 

tebel brüdt bie Dächer ſchwer, 
Und durd) bie Stille brauft das Meer 
Eintönig durch bie Stadt. 


Es rauſcht fein Wald, es ſchläagt kn Mai 
Kein Bogel on’ Unterlaß; 

Die Banbergans mit hartem Schrei 
Nur fliegt in Herbflesnacht vorbei, 

Am Strande weht das Gras. 





Theodor Storm. 73 


Doch hängt mein ganzes Herz an bir, 
Du graue Stadt am Meer. 

Der Jugend Zauber fir und fir, 
Der rubet lãchelnd doch auf bir, 

Du graue Stabt am Meer. 


Sein fernered Leben floß ruhig dahin. Bei der Neuordnung 
der Verhältniſſe Schleswig-Holfteins infolge der Einverleibung der 
Prosin, im Preußen erhielt er den Poſten eines Amtsrichters in 
feiner Vaterftadt, den er bis zum Jahre 1880 beffeidet Hat. Im 
Befige eines ihm zufagenden Poſtens, im Kreije lieber Serunbe und 
feiner Familie ift jem Leben ftill und ruhig dahingefloffen. Bis 
vor wenigen Jahren ift er noch unausgefegt poetiſch thätig gewefen; 
ia floß fein bichterifcher Born etwas fpärlicher. Nachdem er im 

ihre 1879 den Titel eines Amtsgerichtsraths erhalten, nöthigte ihn 
feine wanfende Geſundheit, im folgenden Jahre feine Entlafjung zu 
erbitten, die er auch erhielt. Den Abend feines Lebens gedachte er 
im holfteinifchen Dorfe Hademarfchen zu verleben. Das Dorf mit 
feiner Tieblichen Umgebung fonnte einem Naturfreunde, wie Storm 
immer einer gewejen iſt, wohl gefallen. Doch ermachte mit der Zeit 
wieder die Sehnſucht nach feiner Vaterſtadt. Noch diefen geihlin 
trug er ſich mit dem Gedanken, dorthin überzufiedeln, aber zoo 
Bat ihn am der Ausführung gehindert. Des Dichters 70. Geburtö- 
tag geftaltete fich im vorigen Jahre zu einem Feſt für das ganze 
Iterariiche und Itteraturfundige Deutſchland. Hätte er es früher 
wire, gewußt, fo hätte er e3 an bem Tage erfahren können, wie jehr 
ihn in der Nähe und Ferne liebte und verehrte. Und ficher 

& feinem Herzen wohlgethan, jo viele Zeichen von Liebe, Theil- 

ne und Verehrung zu empfangen. Damals erfreute er fich noch großer 

erlicher und geiſtiger Friſche, wenn auch die 70 Jahre nicht ſpur⸗ 

n ihm vorũbergegangen waren und feine Geſundheit zu Zeiten Feine 

war. Seine Frantheit, der Magenkrebs, hat feinem Leben 

siden bald ein Ende gemacht. Sein Ende war janft und ruhig. 





74 Cheodor Storm. 


Ueber Theodor Storm ald Dichter ift es eigentlich überftäfig 
etwas zu jagen. Seine Werke find durch gung Deut| land un 
über Deutfchland hinaus geleſen und_ beliebt. war fein Bahn⸗ 
brecher, der den Dichtern fünftiger Tage neue Bahnen wies. Er 
hat feine Werke von epochemachender Bedeutung hinterlaffen. Es 
war fein weiter Horizont, den fen Blick umfahte, feine Schöpfungen 
find fein Spiegelbild der großen Welt mit ihrem Kämpfen und 
Ringen. Nur die Novelle und die Lyrik hat er angebaut. Er war 
eben ein Mann, der die ihm gefegten Grenzen ſah und feinen Ver— 
fuch machte, fie zu überfteigen, Verſuche, Die jo mander andere 
machen zu müſſen glaubt und dabei zu Falle fommt. C find bie 
alten und doch ewig neuen Gedichten vom Scheiden und Meiden, 
vom Suchen und Finden und Verlieren auf ewig, vom Menfchen- 
herzen, dem troßigen und verzagten Ding, das niemand zu ergrün- 
den vermag. Dazu lebt des Dichters eigenjte Empfindung, die 
Sehnſucht nad) dem Gewefenen, nad) Heimatsglüd und Heimatzfrie- 
den in ihnen. Im Lied und Novelle darf Storm fich fühnlich neben 
den Beſten unferer Dichter ftellen. Der von ihm beherrfchte, eny 
umbegte Kreis wurde von jeiner Hand mit zarten Gebilden bevöl- 
fert. Ein — auf das Kleine, Verborgene zu achten, in die ver— 
borgenften ‘alten des Herzens zu fchauen, geht Durch feine Dich- 
tungen. Die unfcheinbaren Blüten, deren der Vorübergehende nicht 
acıtet, die des Wanderer Fuß zertritt, fammelt er zum reizenben, 
duftigen Strauß. Er fieht die erwachende Liebe und achtet auf ihr 
gerannadfen, ehe noch die Helden der Dichtung an etwas denken. 

fieht den Schmerz nicht nur in den Linien des Antliges, er fieht 
e3 der zarten Frauenhand an, daß fie in jchlummerlofer Nacht auf 
einem franfen ‚Herzen ruht, auch wenn das Auge nicht ſprechen will 
oder darf. Und diefes Achten auf das Stleine und feine, auf bas 
Geheime und Verborgene tft die Größe unferes Dichters. Da aller- 
dings fünnen noch denerationen von ihm lernen. Und wer mit 
menigen zarten Strichen ein ftimmungsvolles Naturbild will zeich- 
nen lernen, wer wifjen will, wie Naturgemälde und Menfcenf ickſal 
ſammn eulungen müſſen, um einen in der Seele nachzitternden Klang 
u erzeugen, kann auch von Theodor Storm lernen und wird's nicht 

uen, bei ihm in die Schule gegangen zu fein. Und noch eins 
predigt fein Vorbild dem jüngeren Dichter. Mand) einer meint, um 
berühmt Ei werden make man große Thaten thun, auch auf literari- 
ſcheni Gebiet, etwas daritellen, was zuvor noch feiner dargeftellt hat, 
wenigftend im Drama und hiftoriihen Roman etwas leilten, fonit 
tönne vom Verühmtwerben feine Rede fein oder man würde, € | 
traurigeres Loos, feinen Ruhm überleben. THeodor Storm hat n' 
mals große Thaten auf dem Gebiete der Literatur gethan, feiı 
Werke find alle in dünnen Bänden erſchienen. Er hat feine neu 
Wege eingeſchlagen; was er bejang, ift von hunderten früher b 
jungen worden; was er barjtellte, Ri von anderen fchon dr da 
äuftellen verſucht worden; jelbit feine Cigenthümlichfeiten Haben 





Theodor Storm. 75 


mehr oder minder großem Mae andere vor ihm. befefien — und 
dennoch ift er berühmt geworben, dennoch hat er feinen Ruhm nicht 
überlebt, jondern hat ihn Jahr für Jahr wachſen jehen. Das macht, 
er hat mit dem ihm anvertrauten Pfunde zu wuchern, das, was ihm 
geben war, auszunugen verftanden, und das macht den Mann zu 
, was er ijt und bahnt ihm den Weg zum Tempel des Ruhmes. 
Menſchlich betrachtet ift Theodor Storms Leben ein glüdliches 
gewefen. as feiner Jugend Wunſch war, fein Vaterland in den 
deutichen Reichsberband eingegliedert zu ſehen; was ber aus ber 
Heimat Verbannte erfehnte, dereinit in feine Heimat zurüdfehren zu 
dürfen; was der angehende Dichter erftrebte, daß fein Name genannt 
werden würde unter den Namen der Beiten feines Volkes; was der 
forgende und Tiebende Familienvater ſich wünſchte, feine Lieben in 
gejicherten Lebensverhältniſſen zu fehen: ein gütiges Geſchick hat es 
ihm gewährt; man darf wohl [m en, es hat ihm mehr gewährt, als 
er in feiner Beſcheidenheit zu hoffen wagte. Sein Name wird fort- 
leben, fo Iange der Funke edler Poeſie nicht von den Wellen des 
Materialismus ausgelöjcht wird, wird fortleben in feinen Werfen. 


—— 


Die Berliner Kunftausftellung. 
Bon Robert Mielke, 


n ein fpäterer Kufturhiftorifer es unternehmen wollte 

‚ie Jahrzehnte unferes Jahrhunderts nad) ihren charak⸗ 

eriſtiſchen Erfcheinungen zu bezeichnen, dann müßte 

r das gegenwärtige, das Jahrzehnt der Ansftellungen 

ıennen; nicht bloß folgt eine der andern mit einer 

deberhaftung, die nur ſchädigt, fondern wir finden 
auch andere zu derſeiben Zeit, mit denjelben Zielen, denfelben Er— 
folgen, was wiederum eine Berfplitterung ber Kräfte berbeitührt, und 
die idealen Ziele immer mehr aus den Augen verliert. Cs wird 
dadurch die Mittelmäßigfeit in einer Weife Begünftigt, die fich bitter 
rächen wird, beſonders auf dem Gebiete der bildenden Kunft. Wer 
no) daran zweifelt, der gehe nad Berlin, dort fann er fich durch den 
Augenſchein von dem Gefagten überzeugen. 

Waren ſchon vorher Stimmen laut geworden, die einen geringen 
Erfolg ſich von der diesjährigen Ausſtellung verſprachen, jo hat die 
Eröffnung am 15. Juli dieſen nur allzujchr Recht gegeben. Kein 
einziges Werk ragt befonders hervor, wie im vorigen Jahre z. B. Die 
Thumannſchen Parzen, die Charitas von Knaus oder die Porträts 
von Herfomer und Guſſow auf der Jubiläumsausftellung. Selbit 
Meifter, die wir ſtets als Zierden der Berliner Ausstellung begrüßen, 
ſind außgeblieben oder ſehr ſchwach vertreten; unter anderen vermifjen 
wir Lenbach, Kaulbach, Angely, Gabriel Mar, ſelbſt Anton von 
Berner u. ſ. w., was bei den gleichzeitigen Ausſtellungen in 

hen und Wien leider nur zu ertärtih ift. — Unbedingt ift die 

€ hier mit weit mehr Glüd vertreten als wie ihre Schweiterfunft. 
ne Betrachtung der erwähnenswertheften Werke wird das eben 

„prochene Urtheil beftätigen. Das höchſte Ziel der bildenden 

ſt war und iſt jtet3 der Menfch mit feiner Größe und Schwach- 

Die Thaten der Vergangenheit, das Wirken ber Gegenwart, 
te Ideen und Vorftellungen werben in den meijten Fällen 


78 Bie Serliner Aunftausftellung. 


nur durch Darftellung der menschlichen Figur wiederzugeben fein, 
und in der Pflege, welche dieſe in der Kunjt findet, wird fich dann 
auch der Höhepunft einer Kunft wiederfpiegeln. Auf der diesjährigen 
Auzftellung ift fie, wenn man von der Menge mehr oder min! 

guter Porträts abfieht, jehr vernachläſſigt. Eigentliche Hiftorienbilder 
ſind nur wenig ausgeftellt. Im Vordergrunde des Intereſſes fteht 
Arthur Kampfs „Nacht vom 13. zum 14. März im Dom zu Berlin". Wir 
ſehen den greifen todten Kaifer auf dem Paradebett, im Hintergrund 
die ſchwarz verhüllten Säulen des Domes. Das Ganze iſt höchſt 
virtuos in einem ftumpfen, ſchweren Farbenton gehalten, der das 
wachsbleiche Antlig des Todten, vom Scheine der Kerzen beftrahlt, 
nur um fo wirkungsvolle zur Darftellung bringt. Volle Unerfen- 
nung verdient die davorftehende Gruppe der Befchauer. Alle Stände 
find hier vertreten, um den ehrwürdigen Todten zum legten Male zu 
betrachten. Stille Einfalt, Verehrung, Bewunderung und Neugier! 

find mit einer padenden Realität Bargeftett die von dem ernften 
Studium ihres Schöpfers ein rühmendes Zeugniß ablegen. Ernſt 
Hildebrandt ift mit feinen beiden Bildern aus Luther Leben gut 
vertreten, wenigftens fünnen wir das eine, Luther als Chorknabe als 
jelungen bezeichnen. Schon das Motiv für ich ift anſprechend und 
Fir und Deutſche verftändnißvoller, als jene wiberliche Tulfia, die 
derfelbe Künftler uns vor einem Jahre vorfegte. Bon einer Schaar 
gleichaltriger_Genofjen umgeben, ijt der junge Luther dargeftellt, wie 
er in den Straßen ala Kurrendeſchüler fing. Vor dieſer Gruppe 
fteht eine junge Mutter mit ihrem Eleinen Töchterchen, während ber 
Sohn fie) gteisjem bittend an die Mutter fehmiegt umd fie fo ver- 
anlaft, der Schaar ein Almofen zu reichen. Glücklich iſt diefe 
Gruppe erfunden und mit eilterfegnft dargeftellt. Jedenfalls für 
ein Öymnafium beftimmt, hat der Künstler darauf verzichtet durch 
ein vaffinirtes Können zu glänzen, und hat in breitem Bon den 
Bildern eine energijche Wirkung verliehen, die von dem bisfreten 
Zarbenton auf das Glücklichſte unterftügt wird. Won bemfelben 
Meijter wollen wir gleich noch einen Entwurf zu einem Thenter- 
vorhang erwähnen und das Bildniß einer Dame, welches zu dem 
beiten der Ausstellung gerechnet werben muß. Für durchaus ver- 
fehlt müffen wir ein Bild, „Zrau Hadwig“ von Ernft Hausmann 
bezeichnen. Dafjelbe ftellt die Herzogin bei der Tafel vor, ihr zur 
Seite figt der junge Eckehard, und das Gefolge vervollftändigt die 
Runde. Die Fülle des arhäologifchen Details kann uns nicht fiber 
die Hohlheit dargeftellten Gegenftandes Binmegeäfehen. Auch 
iſt der Künftler in Vertheilung der Farben und Maffen nicht fe 

llücklich geweſen, wodurch das Bild etwas Unruhiges enthält Er 

‚hiedene Begabung verräth Alberto Geßner mit jeiner Herodias, t 

leider an ſehr ungünftiger Stelle hängt. So muß das furienhaf 

Weib auögefehen haben, als fie Vefehl zur Enthauptung des I 

— gab. Die Grauſamkeit und Rachſucht iſt durch das unheimli 

ſunkelnde Auge gut wiedergegeben. Nur eins fehlt biefer Herodic 





| 
| 


mo 





Bie Serliner Kunftausfellung. 79 


und das ift das Särigtice, das wir auf alle Fälle bei ihr voraus: 
fegen müfjen. Karl Beder fteht mit jeiner Thisbe und „Sci ver- 
Kniegen“ auch nicht auf der Höhe feines Koͤnnens. Das junge 

ädchen, welches er mit einer Kanne an einer Quelle Taufienb 
darſtellt, kann ebenjo gut eine beliebige Griechin fein, Die auf ihren 
Schatz wartet. Hier iſt feine Hindeutung auf das frasiſche Geſchick, 
das die Unglückliche und ihren Pyramus ereilen foll. — Das eigent⸗ 
lie Gebiet des Meiſters iſt das vergangene Venedig, welchem er 
auch den Stoff zu feinem andern Bilde „Sei verſchwiegen“ verdantt. 
Ein Edelfräulein flüftert einem Pagen, der die Portiere zurüdjchlägt 
und ihr fo den Weg zu einem jedenfalls verbotenen Stelldichein frei 
macht, diefe Warnung zu. Becker hat uns daran gewöhnt, an ihn 
die höchſten Forderungen zu ftellen; umfomehr überrafht das Be— 
deutungsloſe des Vorgangs. In ber Klarheit der Farbe und ber 
Friſche der Kompofition ift der Meifter fich treu geblieben. Als 
en bizarre Kompofitionen find die von dem in Paris lebenden 

;panier Atalayo auögeftellten Illuftrationen zum achten Kapitel des 
Don Duichote zu erwähnen. Was den Maler veranlaft hat, die 
Mühlen im Thale fich zu denken, ift uns unerfindlich. 

Bon dem jüngft veritorbenen Adam befindet ſich auf der Aus- 
ftelung ein „Angriff bei Mars la Tour“. Wenn auch unvolfendet, 
fo bezeugt es doch, daß fein Schöpfer bis ins hohe Alter derſelbe 
Meifter geblieben tft. Ungetheilte Bewunderung erregen in dem 
militäriſchen Berlin bie „erfprengten Küraffiere bei Sedan“ von 

Koch und de3 Düffeldorfer Rocholl „Angriff der 7. Küraffiere 
bei Vionville“. Erſteres zeigt neben voller öriihe der Farbe ein 
hochdramatiſches Leben. Koch ift Realiſt, doch wirkt fein Realismus 
burchaus nicht abſtoßend, da er durch feines künſtleriſches Empfinden 
gi jet wird. Noch mehr ift dies bei Rocholl der Fall, der noch 

die Einheit der Kompofition die Bedeutung des Moments auf 
das Söäte fteigert. Louis Kolitz malt mit Vorliebe Nachtfcenen 
aus großen Kriege. Sein „Kronprinz Friedrich Wilhelm bei 
BVörth“ reiht ſich feinen legten Werfen würdig an. 

Von den Heiligenbildern Tann nur das von Anton Dietric) 
Anſpruch auf Bedeutung machen. „Kommet her zu mir alle, die ihr 
mübjelig und belaben feid, ich will euch erquiden“ Seicht fein Chriſtus, 
der leider nicht dieſes ſchöne Wort repräfentirt. Bei allen Vorzügen 
iſt berjelbe zu einfeitig aufgefaßt; die I Bedeutung tritt 
bier ganz zurüd, und fo wird er zum palfiven, energielofen Träger 
einer Idee. Diefer Chriftus ift weder der geſchichtliche noch der 

itionelle, daher wirkt er fremd auf und. Gelungen find die Per— 

n, die Troſt und Grauiung fuchen; einzelne, ein junges Weib 

weinen Füßen und ein alter Mann im Hintergrund, ragen jogar 

5 überrafchende Charakteriftit hervor, wie wir fie bei Uhde zu 

a gewohnt find. Anzuerkennen ift das Beſtreben das Traditionelle 

vermeiden umd wirkliche Denioen darzuftellen. Trotz dieſer 

nächen dürfen wir nad) dem Geleiſteten zu größeren Erwartun— 


80 Bie Serliner Kunftausfellung. 


gen berehtigt fein. Paul Händfer mit feinem „Eece homo“ bewegt 
ſich vollftändig in Pfannſchmidtſcher Richtung. Das „Tijchgeber” 
von Karl Jakoby erinnert an Uhdes „Komm Herr Jeſu, jei unſer 
Saft“. Rudolf Poffin hat ein „Märtyrer“ betiteltes Bild ausge 
jtellt, das mit einem folhen nur den Namen gemein hat. Abgejehen 
von ber unwahrjcheinlichen Haltung wirkt die Fi ur faſt humoriſtiſch. 
Wohin die impreſſioniſtiſche Richtung unter Umſtänden führen kann, 
eigt und Hermann Prells „Ruhe auf der Flucht“. Das Bild ftellt 
* Ehepaar Maria und Joſeph dar, wie es unter einem Baume 
Raſt Hält. Vollftändig wie aus dem Leben gegriffen, auch in der 
Nahahmung bes Jemntiogn Kleides, fünnte man die Figuren für 
ſich allein gelten lafſen. Was mag fi) aber der Maler dabei ge 
dacht haben, als er davor einen mufizirenden Engel malte, der voll- 
ftändig den Eindrud des virtuos fopirten Modells macht. Soll es 
originell fein? Nicht allein, daß die Farbe abſtoßend wirft und ber 
Körper des halbnadten Engels in feiner plumpen Natürlichkeit auch 
nicht den geringften Anſpruch auf Schönheit machen kann, fondern 
der Realismus wird durch die angebrachten häßlichen Flügel wieder 
eftört. Diefer Engel ift ein Zwitterding zwiſchen Naturleben und 
dealweſen und wirkt auf dieſe Weife geradezu abftogend. Mit mehr 
Glück Hat William Shade daffelde Motiv geſtellt, nur ift fein 
Joſeph nicht befonders gelungen. 

Hermann Clement hat ein „IUufion“ betiteltes Bild ausgeftellt, 
dem man Originalität nicht abfprechen kann. Er denkt fich diejelbe 
als ein nadtes Weib, das auf einer Seifenblaje figt. Seltſam und 
fremdartig wirft das Kolorit, das theilweife hart ift. „Der Tod 
und dag Mädchen“ nennt Max Ebersberger jein vorzüglich gemaltes 
Bild. Wir fehen ein blühendes junges Mädchen, dem noch bes 
Lebens ungetrübte Sonne lacht und dem jegt plöglich der Tod in 
der Geftalt einer alten Frau naht. Hilflos Hieht ie Is derſelben ver- 
fallen, hier giebt es fein Entrinnen. Die furchibare Erkenntniß, fo 
früh in voller Jugendſchöne das Leben verlaſſen zu müſſen, das 
hoffnungsloſe Entjegen fpiegelt fich in dem Tieblichen Geficht, in dem 
ebrochenen Auge wieber, was der Künftler mit einer erfchütternden 

ahrheit auf die Leinwand gezaubert hat. Das Troftlofe dieſer 
Scene wird durch nichts gemildert, die herbe Miene der alten Frau 
deutet weder Erlöfung noch Hoffnung an, fie ift nur das umerbitt- 
liche Naturgefeg und darin Tiegt auch der Fehler des Bildes Es 
fehlt der Kompofition das Verjühnende. Der Beſchauer verläßt daS 
Bild mit dem Gefühle des Bedauerns für das jurige Mädchen, das 
er hoffnungslos verloren ficht. Neu und eigenartig tft die Auffaffı 
des Todes als alte Frau, die unferes Titten zuerft bei Thumar, 
Atropos in den „Barzen“ auftritt. Dieſes Bild fcheint den Ma 
überhaupt beeinflußt zu haben, denn aud) im Kolorit zeigt fich e 
gewälfe Uebereinftimmung. Trotzdem bleibt das Bild eine bebeuter 
eiitung. Sofeph Lied hat feine Leiftung mit dem „Mofelblünche 
auf ber Jubiläumsausftellung nicht wieder erreicht, weber im leh 





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| Bie Berliner Aunfausflellung. 81 


Jahre mit feinem „Bor dem Tanz“ noch heute mit dem „Träume“ 
genannten Bild auf der diesjährigen Ausitellung. In einem violett- 
grauen Atfastifjen ruht das Hanpt eines jungen Mädchens, deffen 
dunfler Teint durchaus T mit der Kiſſenfarbe harmoniren will. 
Eigenthümlic und ftörend find die hellen Lichter, die das Tageslicht 
auf dem Atlas hervorbringt. Das ganze wirft unruhig und zerriffen. 
— Barum Cäfar Philipp den „Pommer“ nur als nadtes, mäßig 
gemaltes Weib, das in ein Bad fteigt, ſich vorftellen Tann, ift nicht 
zu erfehen. Maz Biegra’s, „Frühling, Sommer, Herbit und Winter 
it ein Anafronismus. Ueberaus fteif in der Kompofition, befriedigt 
er auch in feiner Weife mit dem Kolorit. 

Die Genremaler und Landfchafter ftellen auf der diesjährigen 
Ausſtellung das größte Kontingent. Bei den erfteren frägt man Ha 
oft vergeblich, warum ber Maler den dargeftellten Gegenstand gemalt 
hat. ade die plein-air-Daler haben eine Virtuofität darin, das Ab- 
foßendfte und Unwefentlichfte zu malen. Hatte früher die deutfche 
Genremalerei eine bedeutende Sir erreicht, fo ift das jegt Dank 
dem unheilvollen Einfluß der Kealiften anders. Wirkliches Empfin- 
den und poetifches Verflären eines einfachen Vorganges findet fich 
in ausnahmäweife, dafür aber Plattheit und Nohheit um fo 

er. 

in Künſtler, der fich jelbit treu geblieben, ift Amberg. Unter 
feinen diesjährigen Werfen ift befonders das, „Die Eleinen Gratu- 
lanten“ genannte, bemerkenswerth. Unfprechend ift auch Martha 
Aronfon-Danzig mit „Die legten Blumen‘. Ein Heines Mädchen 
ingt einem jüngft Verftorbenen ein paar Blumen nach dem Grabe. 
ſeſſor Biermann, der beliebte Homätitt bringt ein „Songe 
’amour“ getauftes Bild zur Austellung Die Schöne, die wir auf 
demfelben Feen, träumt jedenfalls etwas Pilantes, während ein Amor 
Ur Die Dede fortnimmt und fo ihren prachtvollen Körper entblößt. 
iel Vertheidiger wird das Motiv nicht finden. 

Blunds „Tafs Bauer“ erregt nur durch das Porträt Menzels, 
der an einem Tifche fit, Auffehen. Gut in Charakteriftit und Farbe 
ift der „Raucher“ von dem Bolognefer Bortignone. Der „Arzt“ von 
Hans Bachmann läßt auf bedeutendes Können ſchließen. Cs ſtellt 
einen Sandarzt vor, der im Begriff ift, feinen Wagen zu befteigen 
und eben dem armen Weibe, dem er eine entjegliche Wahrheit gejagt 
hat, das hohle Bedauern eines Menſchen ausdrüdt, den bie Sache 
eigentlich nichts angeht. Beſonders iſt bie Frau gelungen. Schmerz 
oh Verzweiflung lagert auf ihrem Geficht, während ein zweites 

m, vermuthlich die Tochter, an der Thüre lehnt und die thränen- 

Augen in der Schürze verbirgt. Mit feinem Gefühl hat der 

a ben Schmerz der Jugend und bes Alter angedeutet. Ein 

er Bintertag lagert über dem Ganzen und harmonirt glüdlich 

dem dargeftellten Motiv. — Aus der guten alten Zeit hat 

&-2ajos aus London feinen Gegenjtand Bergehoft. „Der Herr 

'meifter“, ein Beitgenoffe Ludwigs XIV., figt Hinter feinem Fenfter 

Galon 1889. Heft I. BanbI. 6 


82 Die Serliner Kunftausftellung. 


und jchneibet fi in größter Gemüthgruhe feine Gänfefeder, während 
eine tar Landleute auf Erledigung ihrer Angelegenheit wartet, 
dabei alle Stadien des Grolls, der Ungeduld, der Entrüftung über 
den im Bewußtſein feiner Autorität dafigenden Pojtmeifter auf ihren 
Gefichtern zeigend. In der Schärfe der Charafterijtit und dem ge- 
funden Humor erinnert Brud-Lajos bisweilen an den verjtorbenen 
Hafenclever. 

Ian von Chelminsfi wirkt in feinem Vortrage troden. Seinem 
„Nachmittag im Super iſt alles Leben fern; die Figuren jehen 
aus, wie für ein Modejournal gearbeitet. Am beften iſt noch „Ber- 
lorene Fährte”. Anziehend und tüchtig ift wie gewöhnlich Hans 
Dahl. „Bor der Wahl“ fteht eine dralle Bauerndirne, die zu ent- 
fcheiden hat, ob ber alte Bauer fie über den See fahren foll oder 
jener kraftſtrotzende Jüngling. Wir wiffen im voraus, für wen fie 
fich entjcheiden wird, wiſſen aber auch, daß der Alte fich lachend dieſe 

urüditellung gefallen laſſen wird. Ebenſo muthet „Im norwegifchen 
ochgebirge“ an, eine landſchaftliche Scenerie, die durch eine hübſche 
jäuerin mit Harfe belebt wird. Chrentraut, der Maler fibeler 
Landsknechte, zeigt in „Der legte Wurf“, daß er noch immer der alte 
iſt. Dargeftellt ift eine Schaar Landsknechte, die dem Würfelfpiel 
ergeben ift. Sonderbar ift Louis Eyfens „Narr mit dem Todtenopf“. 
an wird nicht ar, warum der Mann ein Narr fein fol. Das 
verzerrte Geficht, welches ohne jede Beziehung zu dem Schädel fteht, 
berechtigt diefe Bezeichnung auch nicht. May Fleiſcher ftellt ſich mit 
der Inhalation in Reichenhall“ felbft ein Armuthszeugniß aus. 
Wer jo etwas abgejchmadtes und häßliches malen kann, Tann nicht 
befondere Erwartungen wachrufen. Nach dem Orient ruft und Wil- 
heim -Genz mit feinem „Prediger in der Wüſte“ und zeigt Damit 
ugleich, daß das Hohe Alter feine Schaffensfraft noch nicht vermin- 
dest hat. Erwähnung verdient noch Berthold Genzmer mit dem 
Bild „Aus der guten alten Zeit und Friedrich) Hiddemann mit 
„Großvaters Porträt”. Hirt du Frönes ſtellt in dem „Ländlichen 
Feſte“ eine Rokokoſcene dar, ohne uns jedoch irgend wie dafür zu 
erwärmen. Das Afademijch-Steife feiner Modelle Hat er aus dem 
Bilde nicht bannen fünnen. Seine Menjchen find nicht echt, der 
Tanz ohne Bewegung. In Zeichnung, gerken ebung und Motiv 
* gefällt „Wafchtag“ von Karl Hochhaus. In diefer maßvollen Ver⸗ 
wendung kann man mit der plein-air-Malerei fich einverftanden er= 
klären, in feiner Weife aber mit Holgbechers „Ach erhöre mich”, 
das man nur als Farbenfonglomerat bezeichnen fann. Oito Kirbera 
fefjelt beſonders durch das Bild „Sorgenvoll“. Wie immer entnin 
er fein Motiv dem nordiſchen Fiicherleben. Im Innern des Ha 
fit eine junge Fiſcherfrau, die die bange Sorge um einen auf d ' 
See befindlichen Lieben nicht bannen fan. In dem Vorflur, . : 
vollfommen fichtbar, eine Gruppe Fifcher, die durch ihr lärmer : 
Gebahren im vollften Gegenjag zu der unglüdlichen Frau fteht. 
der Kompofition muß man Kirberg uneingeſchränkies Lob zollen, — 











G Die Serliner Kunfausfellung. 8 


in der Schärfe der Charakteriftit reicht er nicht an Rudolf Iordan. 
Das liegt vielleicht an feiner Malweife, die in ihrer Eleganz und 
Glätte mit dem bargeftellten urwüchligen Wolfe nicht harmoniren 
will. Friedrich Kraus hat eine „Gefangprobe“ Bargejte, Die junge 
Sängerin fingt vor der Matinde noch einmal zur Selbitprobe. Heber 
das ngragiöhe in der Figur läßt ſich noch Dinmegfeben, nicht aber 
über den auffallend großen und weit geöffneten Mund. Ein ge- 
öffneter Mund wird meijtens etwas unäſthetiſches am fich haben, 
wenn daſſelbe aber übertrieben wird, dann wird der Eindrud des 
Sühtigen hervorgerufen. Alle Haffiichen Beiſpiele bejtätigen dieſes. 
bei Rafaeis Cäcilia zeigen die fingenben Engel den weitge- 
öffneten Mund, noch fehen wir ihn auf Michel-Angelos Karton der 
badenden Soldaten. Wie ſchön ijt die Munditellung bei Laokoon! Bei 
Kraus wirft der Mund geradezu parodijtiih. Vinc. St. Lerche be- 
hauptet mit feinem „Zwerg des Königs“ feinen Platz als tüchtiger 
Genremaler. Eine charakteriſtiſche Erffeinung der heutigen Kunft 
ift die Leinwandverfhwendung. Bei aller Bravour, die Heinrich 
Leſſing in dem Bilde „Am Krankenbett“ entwidelt, Tann er uns 
nicht Überzeugen, daß der Vorgang in folcher Größe dargeftellt hat 
werden müfjen. In Mar Liebermanns „Konſervenmacherinnen“ 
glauben wir einen bedeutenden Fortſchritt fonjtatiren zu können, in= 
‚ex der Ausführung mehr Sorgfalt hat angebeißen, laſſen, ala 
bei feinen früheren Werfen. Was an diejer Reihe alter Frauen 
eigentlich maleriſch und intereffant ift, um Vorwurf für ein Gemälde 
augen, ift und nicht Mar. Es ift erfriichend nad einem folchen 
ild eine ſolche fröhliche Kinderfchaar zu betrachten, wie fie uns 
Mol Ling in feinen „Liedern ohne Worte” bietet. Der Naturalismus, 
dem Hans Looſchen anhängt, fann uns nicht mit der Rohheit feines 
enitandes in dem Bilde Erwiſcht“ verjöhnen. Cine alte ‚rau, 
wahrjcheinlich die Mutter, fieht ſich veranlakt, ihren ungerathenen 
Spröpling zu züchtigen, was diejen zu fchleuniger Flucht veranlaft. 
Eine verhängnigvolle Schwelle bringt den Jungen zu Fall, wobei 
ihn die Frau „erwifcht“ und nun zu einem fräftigen Schlage ausholt. 
Wenn fie jedoch mit der Fauft, die fie macht, zujchlägt, jo trägt der 
Junge mindeftens eine ſchwere Verwundung als Zeichen mütterlicher 
Liebe davon. Der „Zaftnachtsgaudi” von Ferdinand Meyer läßt 
das fröhliche Leben, das das Feſt mit fich bringt, volljtändig ver- 
miſſen. Meyerheim ift durch ſechs Sachen vertreten, von denen ung 
ur „Die Zigeuner“ und „Schloß Tarajp“ gefallen wollen. „Früh 
finas-Sinfonie“ erfcheint im der Kompofition zu wenig geſchloſſen, 
craſcht aber durch das weißkalte Kolorit. Armſelig iſt Mar 
el. mit feinem „Italien“ getauften Bild. Warum ber nackte 
tjunge, der aus ſchwarzbraunem Hintergrund emportaucht, Italien 
-räfentiren foll, ift unverſtändlich. Defto mehr erfreut Otto Pilg 
feinem „Altweiberfommer" und dem, Faulpelz“. Theodor Raueders 
emitenfreundfchaft“ erwirbt ſich viel Zreunde, ebenſo Riefitahls 
wernbeputation“. „Das Pidnid aus der Rokokozeit“ von Felix 
6 


84 Die Serliner Aunflausftellung. 


Schurig erwärmt feinen. Ebenfo reizend wie Fein ift Shades „Mut- 
terglüd”. Franz Skarbina wird in feinem Realismus immer kraſſer 
und abftoßender, „Boulevard de Clichy“ ijt noch erträglich, weniger 
die „Wäfcherinnen in Pont Aven“. Henri Suyfens „Doppelte An- 
ziehung“ iſt abfolut unverſtändlich. „Die Zecher“ von Valentini und 
„Ein Gruß“ von Hermann Vogler erfrifchen durch die Frifche der 
findung und der Sorgfalt der Ausführung. Auch in dem Bilde 
Warihmüllers „Ein Liebesmahl“ tritt ums eifrige® Studium und 
technifches Können entgegen. Paul Weimars „Kaffeeklatjch“ ift nur 
theilweife gelungen; dennoch ift e8 ein erträgliches Werk der modernen 
realiftiichen Schule. „Rückkehr des verlorenen Sohnes“ ift der Bor- 
wurf eines größeren Bildes von Konftantin Fendel. Wenn auch 
viele nicht werben die Auffaffung des Malers theilen können, fo iſt 
dies Werk doc) eines der vorzüglichften Werke auf der Ausftellumg; 
die gute, dramatiſch beivegte Kompofition, wie das blühende Kolorit | 
fidern ihm eine gute Aufnahme. Eine ergreifende Figur ift der alte 
jater, mit een jebrochener Haltung das reiche Koſtüm einen wirt 
ſamen Kontrajt bildet. Dafjelbe friiche Leben fpricht auch aus dem 
‚weiten Bilde Fendels „Ueberfall“, einen jungen Edelmann darftellend, 
der mit gezüdtem Schwert fein Weib und Kind gegen aufrürerifche 
Bauern vertheibigt, die Einlaß in das Sätafgimmer fordern. —R 
in der Ausführung erreicht dies Werk nicht Das vorige, ftörend ift 
auch die falte Tongebung. 

An mittelmäßigen Porträts fehlt es in dieſem Jahre ebenfo- | 
wenig wie früher. Hervorragende Leiftungen find ſehr gering und - 
verbanfen Meiftern ihr Dafein, von denen wir längft an gediegene 
Werke gewöhnt find. In feinem andern Fache der Malerei exifti 
B viel Manier und Nachahmung wie hier, dazu tritt eine gefuchte 

tiginalität, die zur Karikatur herabfinft, das zeigt ſich Gefonbens 
bei fogenannten Studienköpfen. 

Gottlieb Biermann ift mit einem Herrenporträt gut vertreten. 
Vorzüglich entzüdt er durch das durch eine Brille blickende geift- 
fe ende Auge. Ein weiblicher Stubienfopf gehört zu ben beften 
er Auzftellung. Eduard Daelen erweiit ſich mit feinem Damen- 
porträt als ein guter Atlasmaler. Mit dem Namen Defenger iſt 
unzertrennlich die Gradheit und Herzlichleit des tyroler Volkes ver⸗ 
knupft. Sein „Kopf eines alten Tyrolers“ überraſcht aufs neue 
durch die Klarheit der Charakteriftit und durch die Wahrheit bes 
Kolorits. Dagegen hat ein jeder andere einen ſchweren Stand. 

ellquiſts Selbjtporträt ift zwar padend und treffend, doch ift feine 

‚arbengebung zu unnatürlih und falt. Guſtav Gräf ift vielk 
zur Zeit der größte Iebende deutjche Damenmaler. Davon überzt 
uns jede Ausstellung aufs neue. Das „Porträt einer Dame“ 
einem rothen leide fteht an der Spige feiner Bilder. Im 
Wärme bed Kolorits erinnert e8 an ben verftorbenen Guftav Nic 
Graf Harrachs Bild ift faſt zu virtuos und glatt, beſonders 
Gegenfag zu Nils Gudes breit und kraftvoll Hingemaltem He 





arase® 


7 


Bie Serliner Kunftausfellung. 85 


ı porträt. Curt ae ift in der Behandlung etwas hart. Ein 
} gutes Zeugniß ſiellt fi) Adolf Holm mit feinem fcharf dharakteri- 
— ren Fr aus. Er nähert fich damit bedeutend der Auf- 
jung Zen . 
, Am nãchſien fteht Gräf als Damenmaler Konrad Stiefel, davon 
zeugt fein Damenporträt. Durch eine vornehme Leiftung iſt Ludwig 
Knaus vertreten. Großen Einorud macht Mar Koner mit einem 
; weiblichen Porträt. Die Dame figt in ganzer Figur in einem Lehn- 
»  fiabl; mit Geſchick find die Farben des blauen leiden, des rothen 
| Teppiche und des grünlich-gelben Hintergrundes zu einer harmoniſchen 
gdarbenwirkung zulammengeftimmt, aus ber fi) der geiftreiche, an⸗ 
mutige Bopf um fo wirfungsvoller abhebt. Der eigene charakteriftiiche 
Kopf Koners befindet fich auf der Ausstellung von Frau Sophie Koner 
gemalt, der volle Anerfennung verdient. Gar nicht zu befriedigen ver- 
mog May Michaels Kindergruppe ſowohl im Ausdrud, wie im Ton. 
Interefjant ift ein „Weibli Kopf“ von George Moffon, deſſen 
ſchelmiſches Augenpaar in die Welt laden und unwillkürlich be 
zaubern. Auch fein Herrenporträt ift anzuerfennen. Wenig befriedigt 
- Bilme Barlaghys „Porträt des Dichters Eduard von Vauernfeld“, 
weil es die Individualität des Fucptonren Dramendichterd vermifjen 
läßt. Fritz Paulfen tritt nur mit Bildniß der Frau von H. Paſcha, 
als bedeutender Porträtift auf. Anmuthige Studienköpfe hat Johanna 
von Prigelwig ausgeftellt. Vergeiſtigende Charafteriftit und leben- 
fprübendes Kolorit ſind die Haupteigenichaften Saft Richters. Er 
ſieht darin von den lebenden Malern feinem großen Namenövetter 
am nachſten. Gehoben wirb der Eindrud noch durch eine glänzende 
Beherrſchung der Technik, wie fie ſich in feinen diesjährigen Bild- 
niffen äußert. Ganz eigenartig ift die Auffafjung Saßnicks in dem 
Borträt des Prinzen Georg von Preußen. Der Vigter-Peinz lehnt 
. in einem Sefjel, das Kinn auf die Hand geſtützt; das ſinnende Auge 
verräth die edle DVegeifterung, die den Prinzen für alles Schöne 
lüht. Sichel ift der Dichter unter den Porträtmalern; er zau- 
bert in jeine Studienköpfe eine jo eigenartige poetifche Verklärun— 
Sinein, die feinen Bildern einen fo jeltjamen Reiz verleiht. Dabei 
bleibt er ſtets ungefucht und anmuthig. Seine reizende „Yum Yum* 
verdankt jedenfalls Sullivans berühmter Operette „The Mikado* ihr 
Dafein. „Fate“ ift eine liebenswürdige Orientalin, die im Bewußt- 
ki ihrer Schönheit in die Welt lacht. Karl Sterry mit feiner 
Drientalin wirkt Dem gegenüber geradezu nüchtern und troden. In 
ihrem „Männlichen Porträt“ entwidelt Jofephine Merz eine Energie 
% Tuzdruds, um welche fie mandjer Maler beneiden könnte. Sie 
darin allerdings zu weit und Dadurch verliert fie an Wahrheit 
Individualität. Diefe findet fich in Ausgefprochenem in Vogels 
rät des Bürgermeiſters Dunfer. Eines der vorzüglichiten Bild- 
‚ vielleicht das Beſte, Hat der Belgier Emile Vonuters in ber 
meß Goffinet ausgefteit In ber eindringlichen Lebendigkeit und 
’schten Natürlichleit gleicht es faft Herfomers Miß Grant. 








S es S. S 


86 Bie Serliner Kunftausftellung. 


Von ähnlicher Wirkung ift deſſelben Künſtlers Baron Goffinet. 
Weniger fann uns fein junger maroffanifcher Fiicher gefallen. Karl 
Guffow hat in dem Porträt Wallots wieder ein Kabinettjtüc feines 
Konnens geliefert. Mit welcher vollendeten Sicherheit Guffow feine 
breiten Pinfeljtriche Hinfeßt, ift bekannt, aber in wenig Köpfen hat 
er damit eine ſolche Lebenswahrheit erreicht wie in diejem. Dieſem 
ähnlich ift das Bildniß Julius Wolff. Das Porträt feiner Dame 
tritt hinter diefen beiden zurüd. 

Faſt die Hälfte der Austellung wird von Landſchaften gebilbet. 
Hier macht fid) auch am meilten die Mittelmäßigfeit breit. Wenn- 
gleich die naturaliſtiſche Richtung ſich Hier auch Geltung verfchafft 
hat, jo ift biefelbe doch von fol 93 Verirrungen frei, wie ſie die 
Genremalerei aufweiſt. Andreas Achenbachs „Einlaufender Dampfer“ 
iſt in erſter Linie zu nennen. Sorgfältiges Studium und liebevolles 
Eingehen in bie Natur bezeugen Brökers Miniaturen. Eine ſchwer⸗ 
müthige Stimmung athmet Dielitzs „eben ftinimung‘, nod) mehr aber 
Begas „Heimkehr“. Vielleicht — aus dem letzteren ſchon die 
Ahnung des nahen Todes. Die eigenartige Schönheit einer nord⸗ 
deutfchen Mondnacht findet in Douzette ihren poetifchen Verklärer. 
Eugene Dückers „Abend am Meer“ ift ein Eoloriftifches Meijterftüc, 
das od) burc) die ausgezeichneten Aquarellen feines Meifters ergänzt 
wird. Otto Sindings Kofotenbilber find von Gurfitts gerbitaus- 
ftellung befannt. Mit mehr oder weniger Glüd hat eine Reihe von 
Künftlern bajfetbe Motiv behandelt, am hervorragendften Hermann 
Eichte, über deffen eigenthümliche Farbengebung man allerdings nicht 
fortkommt. Böcklin ift weber im SKolorit noch in ber Erfindung 
derfelbe wie früher. Seine „Duelle“ ift wenig bedeutend. Cine 
töftliche Schilderung unſerer heimifchen Wälder Liefert Flickel in 
feines „Birkenlandfchaft“. Norwegen findet fteigende Bewunderung 

Maler. Davon zeugen die glänzenden Schilderungen Grebes, 
Normannz mit feinem wunderbaren Kolorit, Rasmuffen, Hans Gudes in 
kinen prachtvollen „Sommerabend in einem norwegijchen Hafen“ u.a.m. 

n feiner „Mythifchen Stimmungslandichaft“ verfucht Hendrich Böcklin 
nachzuahmen, doc mit wenig Erfolg, Hans Herrmanns „Dom in 
Veere“ wirft durch die eigenartige Erimmung, die durch die Däm- 
merungsſchatten hervorgerufen wurde. Deutjches „Waldinneres“ hat 
in Jettel einen vortrefflichen Bearbeiter gefunden, ebenjo wie die 
wilde Hochlandnatur denjelben in Otto von Kameke, der feine Bilder 
ohne Kleinfichkeit und Glätte durchführt. Den ſchwermüthigen ſlawi⸗ 
chen Charakter der ruffichen Poeſie athmet auch die tiefernite Win- 
terlandſchaft I. v. Klevers in Petersburg. Neben W. Gent hat fi 
Ernſt Körner einen tüchtigen Ruf als Orientmaler erworben, den 
mit feinen drei —— aus Aegypten auf das glänzendſte ve 
theidigt. Ihnen ſchließt ſich mit Recht als Dritter Adolf v. Med 
mit feiner „Oefahrvolfen Landung“ an. Das Krügerfche Bild „Stra‘ 
in Kairo“ wirkt durch die Kühle des Tons fremdartig. Köftlid 
Werke hat Leiftifow in feinen pommerfchen Landichaften ausgeftel 








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Die Serliner Aunſtausſtellung. 87 


Durch Betonen der harakteriftiichen Erfcheinungen in der Natur weiß 
Auguſt Leu jtets zu feileln. Sein „Waldweg im Harz“ ift davon 
eine glänzende Probe. Sein Sohn Dito Leu bewegt ſich in ver— 
wandter Sichtung, doch noch mit weniger Erfolg. 

Mit Vorliebe wählt Karl Ludwig neuerdings feine Motive aus 
dem Hochgebirge und beweift damit, daß er da ebenjo heimiſch ift, 
wie in den waldigen Thälern. In feinem Cyklus: Die vier Jahres 
zeiten im Hochgebirge (Grindelwald, Aus dem Montafon, Gadmen- 
ihal, Lütichinenthal), bekundet ſich fo viel feines Naturgefühl wie 
malerifches Können. Nach dem fonnigen Italien führt uns Meifter 
Berninger und Lutteroth, Müller-Breslau mit feinem hochpoetiſchen 
„Schloß an der Riviera ‚di: Levante”, Eduard Pape, Ruths mit feinen 
edel gezeichneten Landſchaften und Wuttfe mit feinem herrlichen 
„Strand bei Monteroſſo.“ Miüller-Surzwelly vertieft fich immer mehr 
in die Schönheiten der Dftjeefüfte. Als ftimmungsvoller und erfolg- 
reicher Landſchafter erweiit fich neben Mafchin der Medienburger 
A. von Occolowitz. Mit wenig Glüd ijt der Königsberger Schmidt 
vertreten. Es fehlt feinen Bildern die Friſche der Farbe und die 
Korrektheit der Zeichnung, was bei feinen Aquarellen noch deutlicher 
zutage tritt. Nahtjen hat eine Landſchaft „Na dem Regen“ aus- 
geftellt, die in Farbe wie in Auffafjung viel Bewunderung findet, 
wa3 man von Nummelöpachers prächtigen Bildern auch behaupten 
fann. Karl Salgmann wirkt in feiner Marine „Im jtilen Ozean” 
mehr durch glänzende Technik als durch poetifches Erfaffen. 

Tüchtige Architefturbilder ftellten aus W. Kodatis mit feinem 
farbenfrifchen „Alt-Berlin“ und Stegmann mit dem „Inneren von 
St. Maria im Kapitol in Köln“. 

Außer einigen tüchtigen Stillfeben von Rens Grönland, Adam 
Kung, 2. Lobedan, Paul Löfcher, Rich. Neumann find noch aus— 
gu Thierbilder vorhanden von Brendel, Friefe, Mali und 

ei um. 
ve Abtheilung der Aquarelle ift in diefem Jahr reichlicher be- 
Bir wie früher. Theilweife find allerdings Werke vorhanden, die 
hon längſt bekannt geworden find, befonders durch die vorjährige 
Dresdener Aquarellausftellung. Des trefflichen Aquarelliften Alt 
Werke gehen ſchon theilweife zwei Jahrzehnte zurüd; fie laſſen daher 
verfchiedene Vollkommenheit erfennen. Dans Bartels Aquarellen find 
in ihrem Werth verjchieden, in manchen läßt der Künftler fogar einen 
Rückſchritt erfennen, was bei dem jchönen Talent beffelben auffällt. 
Größere Kollektiv-Ausftellungen find mehrfach von Künftlern in An- 
dung gebracht. So von Bohrdt aus Nord- und Sübamerifa, 
x Bradit, Dtto Brandt, Breitbach, Dücker, Edenbrecher, Gude, 
üb, Günther-Naumburg, Hellquift, Hertel, Knaus, Knille, Koch, 
ıbbes, Mohn, Rösler⸗Franz, Schirm, Starbina, Spangenberg und 
hm. PBirtuos in der Behandlung ift der Florentiner Giovanni 
ta. Imniges Empfinden und eifriges Naturftubium fpricht aus 
Aquarelle „Herbjt“ von Georg Daubner. Die Mondnacht von 


88 Pie Serliner Kunftausfellung. 


Douzette reiht ſich feinen Delbildern würdig an. Durch eine Fülle 
von Bizarrereien verſucht Fiſcher-Körlin zu glänzen, während Lotter 
durch virtuofe Behandlung mittels Paftelljtift Erfolg hat. In Be 
zug auf Anmuth und Lebenswahrheit fteht Paffini noch immer an der 
Spige der Aquarelliften. Warthmüllers „Kaifer Friedrich am Sarge 
feines Vaters im Maufoleum“ befremdet ebenſo durch die Kälte des Tons 
als wie durch unbedeutende Kompofition. Breit und flüffig zaubert 
Lezzos feine Venezianerinnen auf das Papier. In der Kollektiv— 
Ausſtellung de Wiener Aquarelliſtenklubs zieht befonders Darnaut de 
Aufmerkjamfeit auf fi. Erwähnenswerth iſt am Schluffe noch die 
Sammlung Menzelſcher Aquarellen, die beweifen, mit welcher Sorgfalt 
aud der itmeitier das geringfte Motiv behandelt. 

Ein Werk Ienkt unter den Werken der Plaſtik beſonders die 
Aufmerkfamkeit auf ſich: das ift die Srillparger- Statue von Kund- 
mann. Energiſch, in eberiebenägröhe, figt der große Dichter auf 
dem Sefjel, in ber Linken ein Buch haltend, die Rechte auf dem 
Schoß. Der Mantel ift ihm von den Schultern zurückgeſunken und 
trägt durch den glüclichen Faltenwurf zu dem mächtigen Eindrud 
der Statue bei. Die offene, breite Stirn läßt ahnen, was für eine 
hohe Gedanfenwelt ſich dahinter birgt. Dieje Statue ift im einer 
glütfigen Stunde geboren; fie gereicht ebenjo ihrem Schöpfer zur 

re, wie fie der Stadt Wien einft zur Bierde gereichen wird. Unter 
dem Eindrud diejer Statue haben die andern Bildwerfe einen jchweren 
Stand. Ein Chriftus von Hans Arnold muß entſchieden zurüd- 
jerviefen werden. Diejer wohlfriſirte, moderne Kopf ift fein Chriftus. 

on den Büften der drei erjten deutſchen Kaifer Bergmeiers iſt die 
Kaifer Wilhelms L die gelungenfte, die von Joſeph Kopf ebenfalls 
mit Meiſterſchaft dargeftellt it. Von Kaifer Wilhelm II. find fünf 
vorhanden, von denen die Hoffmeifterjche die bedeutendfte ift. 

Zwei eigenartige ausgezeichnete Schöpfungen find die Königin 
Suife von Hundriefer und die von Eberlein mit dem Prinzen Wil 
helm. Stellt der Erftere die fönigliche Frau als die ideale Gattin 
und Mutter bar, fo zeigt die Eberleinſche dieſelbe als die unglüd- 
liche Königin, die durch ihren Seelenadel fo innig mit dem preußiſchen 
Volksbewußtſein verwachſen ijt. Der Cauerſche Mucius Scävola 
zeigt dramatisches Leben, wird der Maffe aber wohl chenfo fremd 
leiben, wie die Phaenna von Tobereng. Adolf Donndorf hat drei 
Büſten ausgeftellt, von denen die Scherrs befonders charafteriftiich 
iſt. Eberleins „Oriechijche Tänzerin“ ift als Trägerin des elektriſchen 
Lichts eine graziöfe Geftalt, fteht aber an Gedanfentiefe dem Begas- 
ſchen „Elektriichen Funken“ nad. „Die Lotosblume“ von Ende ” 
eine reizende Verkörperung des Heinefchen Verfes: 

„Und mit gefenktem Haupte 
Erwartet fie träumen bie Nacht.“ 

Deffelben Künstlers Abundantia ift jedoch nur ein ins Plafti, 
überjegter Kalauer. Die Porträtbüfte von Mar Klein ift an ı 
für fi) eine gute Leiftung, wenn biefelbe nur nicht jo häßlich 





Bir Eertiner Aunfausftellung. — Lied. 89 


fürbt wäre Max Krufes Grabdenkmal lehnt fi bebeutend an 
Michel Angelo Pieta an, zeigt jedoch eine grobe Kühne Auffaf fung. 
Ungünftig wirft nur die häßli— dog: des Verftorbenen u 
übermäßige Verkürzung des Geſichts. Der „Chriftliche Inc 
von Schweinig ift im Schwung der Linien und Kühnheit der I 

von hohem Werth. 


Nied. 


— wir werden ſchon auf Erden 
Da: 3, find die grauen ba, 
5% ie ferne und wie Sterne 
Oder wie die Blumen nah. 


Den vermeide, wer zu Leide 
Serien Frauen etwas thut, 

ichts entſprießen foll für dieſen 
Und ſein Stern ſei nimmer gut! 


Geb ihm nimmer Licht und Schimmer, 
Zieht er in die Nacht Hinein! 

onner jollen ihn umrollen 
Und der Bit ihm Fadel fein. 


Keine Blume aus der Krume 
Seines Ackers foll erblüh'n! 
Achtlos trät er doch nur fpäter 
Oder früher darauf Hin. 


Rudolf Knuffert. 





Aus Veflerreid. 


Reifefligge von * * *, 


war ein herrliches Leben geweſen da hinten in 

Die paar Wochen vergingen mir wie ein paar Tay 

Bergpartien und Waldjtreifereien, immer frijche 

unfere Lungen mit vollem Behagen einfogen, gı 
und gute Speifen in Fülle und für nicht zu theueres Gel! 
e3 war eine Freude, ein Dajein wie im Paradiefe. 

Der Zug, der mich nad) Wien führen follte, ftand 
dem Klagenfurter Bahnhof zur Abfahrt bereit, als ich anf 
Gepäd war vorausgeſchickt, ich konnte alfo gleich einfteigen 
jo ein köſtlicher a um bie Zeit heru 
Sonne nicht mehr fo drüdend fcheint. Die goldenen Stra 
ſchräg über die Bergkette zur Seite des Bahnhofes und wei 
auf die üppig gelben Maisfelder. Ich hatte gerade noch Be 
Zreunde, der mir das Abjchiedsgeleit gab, die Hand zu drü 
hr der Zug um eine Ede und bald war von der Stal 
urt und den hohen Bergen, bie fie umgeben, nichts mehr zu ſeh⸗ 
Bilder tauchten auf, Burgen, Städte, Dörfer, aber immer i 
Rahmen von Wald, Wiejen und Bergen, durch den hier v 
Fluß feinen Weg findet. 

Die Fahrt nah Wien wurde mir übrigens herzlich I 
dem Schlafen ging es während der Nacht nicht recht. Uni 
doch fo gern bis zum Semmering, ber erft gegen Mory 
wurde, ein paar Stündchen gefchlafen! Nun tröftete ich mi 
Erwartung der fhönen Semmering-Scenerie, aber die Zeit 
während der Nacht im Bahnwagen zu langſam Hin. Und zube 
an, recht falt und rauh zu werden. Dft verfucht man int 
Nacht da draußen Umſchau zu halten, aber man zicht den 
wieder zurüd, denn es fröftelt einen oder man befommt 
Staub ins Geficht, fo daß man geblendet wird. 

Das kann einem auf ber Hochgesirgsfahrt gar leich 


| Aus BSeſterreich. 9 


Bitter kalt und umangenehm zugig war es, als wir endlich am 
Semmering anlangten. Das hatte gewiß feiner gedacht, der bei Hoch- 
fommerhige am Tage zuvor abfuhr und num in der Nacht da hoch 
oben fror, daß er einen Pelz hätte anziehen mögen. Dean merkte 
die Kälte umjo mehr, als die Bahn wie eine Schnedenpoft dahin- 
roch und man obendrein, um etwas fehen zu fünnen, die enter 
öffnete. 

Freilich konnte der Zug auch nicht ſchnell fahren, denn es gin; 
fteil bergan. Bereits in Varsuihla, hatten uns umjere Lotomer 
tiven — es waren deren zwei — 672 Meter Hoch gejchleppt. Bon 
da bis zum Semmering ging es noch 200 und etliche Meter weiter 
hinauf. Der Bahnbau ift hier wirklich großartig und von einer 
Kühnheit, die den Aengitlicden ſchwindeln macht. Die ganze Sem- 
meringbahn befigt fünfzehn Tunnels und ſechzehn Viadufte, bie mit 
einem Koftenaufwand von über dreißig Millionen Darf — 
worden find. Kaum hat ber Zug eine Sefshähle verlaffen, jo windet 
er ſich über eine graufige Tiefe auf hohem, bogigen Viaduft, von 
dem aus ber Blick verſchiedene Humbert Zuß hinab auf Heine Häufer 
und Hütten und winzig feine Menfchen fällt, und dann Hufcht ber 
Zrain fchnell wieber auf der andern Seite in eine Felswand hinein, 
um das alte Spiel von neuem zu beginnen, bis alle Tunnel® und 
Thal⸗ oder Seölubtenüberbrüdungen paffirt find. 

Wie weit die Menjchen in Ueberwindung der Natur find, 
das erfennt man recht deutlich an diefer gewaltigen Alpenbahn, die 
in fünf Jahren den ftarrenden Felsrieſen, den dräuend tiefen Spalten 
und jähen Geſteinsſchichten des Hochgebirges als ein ficherer Weg 
für das moderne Verkehrsleben abgerungen ift. 

Als ich die Bergfahrt hinter mir hatte, fielen mir die Fugen 
& und ich wachte nicht eher wieder auf, ala bis wir bereit3 in den 

mfreis der öfterreichifchen Kaiferftadt gekommen waren, wo wich 
mein Inurrender Magen und vom taftmäßigen Hämmern gegen die 
Baggonwand fchmerzender Kopf aufwedte Ein kleiner Imbiß und 
ein Schluck ungarifchen Weines half gegen das Eine, die Heilung 
des andern Uebel Singegen mußte ich der Zeit überlaffen. 

Wer zum erften Male nah Wien kommt, dem fallen zunächſt 
die, ſchon weitab von ber eigentlichen Stadt zu entdedenben, ins Feld 
Hineingeftellten unzähligen und oft erftaunlich großen Reklamefchilder 
auf, die, wenn fie fleiner wären, aus ber gerne recht gut den Ein- 
drud eines Friedhofes mit vielen Holztafeln machen könnten. So 
nd's aber einfache Firmenanzeigen, welche unternehmende Wicner 

ichäfte hier draußen zur Information für faufluftige Fremdlinge 
fbauen ließen. 

Man bekommt gleich in der Nähe des Bahnhofes einen Begriff 

n der Regfamfeit Wiens. Geht man in eine der Hauptftrahen 
aein, fo ift man überraſcht von der Menge der Kutichen, Rolliwagen, 
jerdebahnwaggons, Omnibuffe und Fiaker, die da Hin- und Herjagen. 
ser elegant fieht die Gegend nicht gerade aus, hier und da ein 


® Aus Seferreid, 


r Höteld, im übrigen Kramläden, Bazars und einfache Gebäude 
Hankiren den Weg. Um das fchöne Wien fennen zu lernen, muß 
man tiefer hinein in die Stadt, etwa zur Währingerftraße, wohin 
man mit einem Umfteigebillet der Tramway, wie der Wiener jagt, 
fonelt und billig gelangt und von wo aus man bie fhönften Ge— 

ude ber Stadt auf Fequemem Rundgange erreichen kann. Wer 
Intereſſe dafür hat, kann unterwegs die Fahrt auch unterbrechen, 
um Ir erſt einmal das Börfengebäude oder die mit ihren prächtigen 
Schauläden zum Waggon herüberwinfende Kunftgewerbeausftellung 
anzufehen. 

In der Währingerftraße ſelbſt kann man ſich in einem ange- 
nehmen Cafs reftauriren und dabei intereffante Volfaftudien machen, 
denn in Wien lebt alle Welt im Kaffechaufe: man hat Cafes für 
die einfachen, und folche für die allerfeiniten Leute, aber auch wiederum 
joiche — und das ift die Mehrzahl — in denen ein gemifchtes Ger 
treibe zu beobachten ift. Bei einem Stoß Zeitungen und einer guten 
Moffa, dazu einer duftigen Cigarrette ober einer ſchweren Virginia 
hält's ber Wiener lange aus. Man lieſt gern in Wien, das ift 
wahr, aber die Meiften leſen doch nur dasjenige, was leicht gefehrie- 
ben ift und die Wiener Schriftiteller Eennen fchon ihre Leute und 
übertreffen im leichten Plauderftil und Deutfchen bei weitem. Der 
Öfterreichijche Literat hat darin eine gewiſſe Verwandtichaft mit dem 
Franzofen: er liebt wie jener das ‘Feuilleton und nicht die ernit- 
haften Stapitel. Wer fich einige Wochen hindurch; über die modernen 
Wiener Blätter hermacht, wird die volle Beſtätigung des eben Ge- 
fagten finden. Ueberall tritt ihm jprühende Lebensluſt, pridelnder, 
übermüthiger, oft leichtfinniger Humor, Pilanterien, die, ect wieneriſch 
einem Boccacio oder Cajanova ‘Freude machen würde. Die Kaiferjtadt 
an der Donau hat viele Wit» und viele Schmugblätter, aber au 
gute gediegene Zeitungen, fo die „Deutjche Wochenfchrift”, die eines 

anftändigiten und Amabhängigften politifchen und nationalen 
Organe ift und das befte Publikum zu feinen Lefern hat. Und was 
die leitenden Wiener Tageöblätter angeht, jo haben fie — man mag 
ihnen font vielerlei übles vorzuwerfen haben — doch einen Vorzug: 
den vortrefflicher Mitarbeiterichaft und Information. 

Wien ift ſchön! Wer wollte es bejtreiten, der einmal drüben 

jewefen ift! Die Preffe läßt ich in dieſer Sache nicht leicht etwas 

rein reden und fie braucht es auch nicht. Wien hat jhöne Straßen 
und ſchöne Paläfte, ſchöne Gärten und Lokale und ein gemüthliches 

ben, wie jelten eine beutjche Stadt. Wien ift gemüthlicher noch 
als Münden, auf alle Fälle aber ſchon im äußerlichen anjprechender. 
Uber das herrliche Wien Hat feinen feinen Vorzügen entjprechender 
Fremdenverkehr, e3 wird verhältnigmäßig viel weniger befucht alı 
3. ®. Münden. Es war im Auguft, als ich die Ringſtraße und 
ine Nachbarſchaft betrat und die gewaltigen großen und jchönen 

‚onumentalbauten deſſelben bewunderte, an einem jener heiken Tage, 
an denen der Einheimiſche nur ungern ausgeht, aber dennod) hätte 











Aus Beſterreich. 93 


fi mehr Leben vor dieſen Gebäuden entfalten müfjen. Ich ſtand 
aber fo ziemlich einſam als Beobachter der Baufchönheiten, etliche 
vorübergehende Wiener warfen, wie es ſchien, bedauernde Blicke auf 
mich, ber in der brüdenden Hige Zeit und Luft zu Fünftferifchem 
Genuſſe fand, und ein Dienftmann, der mir gegemüber unter einem 
ſchattigen Portale ſich aufgeftellt hatte, fam auf mic) zu und bot 
mir feine Dienfte an in ber Meinung, daß ich etwas ſuche. Warum 
ſchaute ich auch immer fo rundherum! 

Ich ließ das großartige Stadthaus, einen Palaft, wie ihn fchöner, 
vornehmer und umfänglicher wohl feine Hauptſtadt Europas aufzu= 
weifen hat, die imponirende Berjpeftive, die man hat, wenn man, 
bon ber Oper ausgehend, an der Kunſtakademie vorbeibummelt, die 
außen ſchon ihre Bebeutfamfeit kund thuenden, ftolgen Mufeen, die 
bie ganze Majeftät der Wiffenichaft athmende, prächtige Univerfität 
und das Uebrige im Stich und fuchte m einem Cafe unter Kolon- 
naden Zuflucht. 

Ja, Wien hat nicht gerug Sremdenverfehr. Viel Schuld mag 
wohl auch darin Liegen, daß der Ort ein theures Pflafter hat. Se 
Bien ift alles tHeuer, nur bie Pferdebahnwagen und das Bier nicht. 
Aber der Fialer. der in ber Wiener Geſellſchaft eine mehr als nöthige 
Rolle ſpielt und in feinem Aeußeren ziemlich elegant auftritt, dabei 
aber bo — en A: als unfer Droſchkenkutſcher, fpielt den hohen 

Preiſe und fordert oft unverfchämte Summen, überjteigt 
iufig die behörblich feftgefegte, ohnehin ſchon nicht geringe Taxe 
mit erftaunticher Kühnheit. Dann find and ie Sara theuer Fi 
während man in Berlin bequem und jchnell ein Siliges Obdach fin- 
den kann, hat man in der öfterreichifchen Hauptſtadt lange zu fuchen! 
Man fühlt fich beinahe nad) Paris verfegt, wo e3 auch nicht gerade 
immer leicht ift, zu mäbigen 4 Preifen einen Unterichlupf zu befommen. 
Was aber für den Geldbeutel des, den ganzen lieben Tag und wo— 
möglich noch bie halbe Nacht dazu auf · den Beinen befindlichen ſeh⸗ 
und koftbegierigen Wien-Befuchers auch nicht fo ganz ohne ift, das 
ift die üble, in Defterreich erſi vecht —— Sitte des Trink⸗ 
ldgebens. Sans gewiß, Diefe, nennen wir fle gleich mit dem rechten 
en, Unfite, ft febigtich in Oeſterreich Ey ihrem En sclten Bunte 
gediehen. Dort giebt und nimmt faft alle Welt Trinl und wenn 
man ſich der Mobe nicht anpaft, IH ift man eben nicht courfähii % 
ven femeibig,, fonbern ein dem „an paar Kreuzerle 
drud'n“. Man wundert ſich nennt wohl, wie Fi mögtie 
6 alle Welt überall mit den „paar Kreuzerln rinig eld“ um fi 
5 und hält bie Zeute, bie jo handeln, vielleicht für ve, aber ball 
ird man eines befjern belehrt: in Defterreich wird eben flott gelebt 
id das Geld geht jchnell durch Die Finger, ohne Sorge um bie 
utnft, Die Noth und Entbehrungen und allerlei anderes bringen 


em Sommer bietet Wien übrigens wenig Berftreuungen und 
8 ift vielleicht auch ein Grund, weßhalb fo wenige Fremde hier- 


9 Aus Seferrei. \ 


her kommen. Die Eingeborenen, deren Mittel es geftatten, ehen 
in die Sommerfrifchen um Wien oder ins VBöhmerland, in die Alpen, 
an die See und wer weiß, wo noch hin; die großen Theater, das 
k. £. Hofburg- und Hofopern-Thcater, das Theater an der Wien find 
eichloffen und man Hat, da man doch mit ber architeftonijchen 

hönheit einer Stadt, ihren Prachtgebäuden und Mufeen und dem 
übrigens unbejchreibbar ſchönen Rundblid vom Kahlenberge aus auf 
das Häufermeer, mit alledem allein nicht zufrieden ift, feine liebe 
Noth, fich irgendwo auf großſtädtiſche Art zu vergnügen. Ein Kon— 
‚ert im Volksgarten, die drei guten Kapellen in den Pratercafes 
ieten etwas und wenn man gloint etwas Schaufpiel fehen will, 
vielleicht eine Poffe, die öfterreichifches Leben vorführt, oder irgend 
ein leichtes Stüd, jo muß man ſchon in das Fürjt-Theater, das im 
Prater liegt, hinausgehen oder zum Sommer-Theater in Mödling 
fahren. 

Ich war recht übermüdet vom vielen Laufen, Fahren, Steigen 
und Schauen, als ich der ſchönen Stadt an der „blauen“ Donau (die 
hier übrigens, beiläufig bemerft gar nicht jo blau ift) den Rüden 
wandte und freute mich nach den Tagen der Aufregung auf eine 
ruhige Heimfahrt, bei der man ungejtört feinen Gedanken nachhängen 
Tann. Schach der Menfch denkt und Gott lenkt. Traf ich da in 
Außenhalle des Bahnhof3 einen Bekannten vom Bremer Lloyd, der 
eine Geſellſchaft froatifcher Auswanderer nach Bremen zu befördern 
hatte. Die Leute — etwa ein Dugend Fräftiger, gebräunter Männer 
im beften Alter — verftanden kein Sterbenswörtchen Deutſch, aber 
man forgt für alles auf der langen Fahrt, die dieje Männer von 
ihrer abgelegenen Heimat bis zur neuen Welt zurüdzulegen haben 
und auch drüben find fie nicht gleich verlafjen, denn jchon in Wien 
wurden ihnen auf dem Bahıdet kroatiſche Adrehfarten eines New⸗ 
Yorker Gafthaufes, in welchem fie fi in ihrer Sprache verftändigen 
und Landsleute antreffen Tonnten, übergeben. Weiter erhielten fie 
je eine Fahrfarte dritter Klaſſe bis Bodenbach, wo bekannilich Zoll- 
revifion ift, dazu einen Karton, auf dem aufgedrudt jtand, daß der 
Portier in diefer Grenzitation dem Inhaber jolcher Karte ein Billet 

ur Fahrt nach Dresden löſe, was zwijchen bejagten Portier und 
loyd ſchon vorher vereinbart ift. Dann händigt man jedem ein 
kleines Papiertäfchchen, in gem einer Droguendüte ein, welches den 
Betrag für die Fahrt von Dresden nad) Leipzig in deutjcher Münze 
enthält und gegen. deffen Abgabe fie auf dem Bahnhof in Dresden 
eine Fahrfarte erhalten. In Leipzig empfängt fie dann ein Agent 
des Lloyd, .giebt ihnen freies Nachtquartier und fchafft fie andı 
Tages weiter. Auf diefe Weiſe haben die Leute nirgends mit dei 
chem Gelbe, das fie gar nicht fennen, zu framen und werden n 
Heine Kinder überall väterfich verforgt. Ich follte nun für di 
rotesfe, beohringte Geſellſchaft ein wenig ſorgen — bat mich mı 
jefannter — und zwar in erfter Linie, daß fie in Bodenbach, ı 
unfer Zug nur furze Zeit anhielt und in den paar Minuten d 





Aus Oeſterreich. 9 


Gepäd revidirt und neue Billets gelöft werden mußten, nicht etwa 
figen blieben. Dan ftedte ihnen den Karton und die geldgefüllte 
Bapierdüte mit einer Sicherheitsnadel an den Rod, der Bommetfcher 
hielt ihnen eine mehrmalige Auseinanderjegung, daß ich mit ihnen 
einen Weg habe und fie mir nur folgen tollen, denn ich würde 
unterwegs alles für fie nöthige befchaffen. Außerdem wurde ihnen 
noch eingeprägt, in Bodenbach mit lauter Stimme den Namen des 
ttierd — der ihnen mehrfach vorgefprochen wurde — auszurufen. 
ie das nun gewöhnlich jo bei Slaven der Fall, jo auch hier, bie 
Leute, anfänglich furchtbar mißtrauifch, find, wenn einmal ihr Miß— 
trauen überwunden it, die vertrauengfeligften Menfchen. 
Nachdem fie bemerft Hatten, daß ich ein ehrlicher Kerl fei, der 
& gut mit ihnen meine, hingen fie wie die Stletten an mir, drängten 
immer in benjelben Waggon, wo ich Pla nahm, was den Schaffner 
md die Pafjagiere jchlieglich zu der Anficht brachte, ich jei der An— 
führer der martialischen Kroatenhorde. In Prag, wo wir eine halbe 
Stunde Aufenthalt und und — das heißt ich zunächſt und die 
Uebrigen als treues Gefolge hinterdrein — im Wartejaal niederges 
inflen Ep fragte mid) Fogar jemand, warum ich mit meiner Ge⸗ 
ſeüſchaft nicht auch in Prag Vorftellungen geben wolle. Dummheit! 
Ruß man denn El ein Theaterdireftor oder dergleichen fein, wenn 
man mit einem Dugend ftämmiger Kroaten anmarſchirt kommt! Die 
Leute hatten übrigens auch Schaden von ihrer Anhänglichkeit, denn 
fie Liegen ich allemal dafjelbe an Eſſen und Trinken geben, was ich 
mir beftellte, indem fie mit den Fingern darauf deuteten und dem 
Kellner Geften machten. Xerlangte ih, was einem Touriſten im 
Defterreich gar nicht zu verargen ift, eine Halbe guten Weines, fo 
wollten ihn meine Kroaten auch haben. Ich Konnte nicht einmal 
jenreden, denn ich verftand nicht einen Laut des edlen kroatiſchen 
Idioms. Aber ich bejhügte fie wenigſtens vor Prellereien und be— 
wirkte, daß fie ohne Zeitverluft nach Dresden famen. Hier wollte 
id mich drüden und erft ein paar Stunden fpäter nad) geinpig 
fahren, weil mir denn doch mit der Beit die lärmenden und jtar! 
ausdünftenden ſüdländiſchen Neifegefähtten läftig wurden, aber wer 
beſchreibt mein Exftaunen, al ich zum Bahnhof komme und die treue 
Sippe dort meiner harrend finde! Mit einem Freudengeſchrei, das 
einer Indianerhorde Ehre gemacht Hätte, nahmen fie mich in die 
Mitte, mußten aber irogpem und zu ihrer größten Bekümmerniß von 
mir jcheiden, denn die Söhne der froatifchen Berge fuhren von nun 
A vierter Kaffe, während ich eine Stufe höher meinem Ziele zu- 
ierte. 


—+808-— 


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Am Kamin. 97 


Klara und Karl fahen ſich an, und ihre Seelen erzitterten, fie 
wußten beide nicht, wie es fam. Er und fie, jedes faum ein Jahr 
verheiratet, waren biöher heiter, glücklich, wunſchlos gewejen. 

Nun vergaß Karl feine Frau, Klara ihren Mann, fie erglühten 
plöglih für einander, willenlos, unbewußt. Ihre Blicke offen zus 
jammen; er erſchauerte, als er plötzlich mit der Fußſpitze das Fuͤß—⸗ 
hen ſeines Gegenübers berührte. Wie wenn eine efektrifche Ver— 
bindung gejchlofjen wird, ein leiſes Klingen des Apparates ertönt, 
fo erflang etwas in ihm und hörte nicht auf zu tönen und zu Flirten: 

„Du liebſt fie! Sie muß Dein fein! Sie muß Dein fein! Sie 
muß Dein fein!“ 

Er ging ihren raphaelifchen Zügen, ihren edlen Contouren mit 
dem Auge, wie mit dem Pinfel nad). 

Er fand nichts tadelnswerthes an ihr. 

Schön war fie vom Scheitel bis zur Spige des kleinen Ball- 
ſchuhs. Ihr ſchwarzes Haar wie Rabengefieder, ihre dunklen Brauen, 
ihre großen, mandelförmigen Augen, der jchwellende rothe Mund — 
nun lächelte fie — die jasminweißen Zähne, der Hals und Bufen 
von Hajfiichen Linien, die Arme, fo rund und weich, zum Umſchließen 
gemacht, alles zog ihn magijc an. Ein ſchwarzes Sammetkleid diente 
dem blühenden Ascher zur Folie, die den Edelftein noch bligender 
und bfendender erſcheinen ließ. Ein paar einfache Roſen im Haar, 
an ber linfen Bruft hoben ihren matten Teint von Elfenbeinmweiße. 

Nun erklangen die erften Takte zur Fauftpolonaife von Spohr... 

Wie mit einem Zauberſchlage erlofchen die heißen Gasflammen 
md in denfelben Luftres blühte mildes Glühlicht auf, die Gefichter 
der Menſchen geiiterhaft verändernd. Wie eine Elfin erichien fie 
ihm, die im Mondlicht auf der Nirenwiefe den Fuß zum Tanze hebt. 
Senn die Melodie durcheilte ihre Seele, das ſah er; fie bewegte das 
feine Füßchen im durchbrochenen Seidenjtrumpfe zum Takte: nun 
ſtand jie auf. Klaras Mann gab — Frau Marthe den Arm, Karl 
führte Klara. 

Vier ſchönere Menjchen wären nicht im Ballſaal zu finden ge- 
weſen. Marthe blidte mit Stolz und Liebe auf ihn. Klaras Gatte 
ſchtitt bewundernd hinter ihr drein. 

Karl und Klara, aneinander gelehnt, Arm in Arm, hatten die 
beiden andern vergefjen, ausgelöſcht wie für alle Zeiten aus ihrem 
Sebädhtniffe. 

Ihnen fehlugen nur einige Minuten des Zufammenfeins; fo viel 
war zu jagen umd fie fanden feine Worte. Sie wartete auf feine 

imme und ihm war die Kehle zugejchnürt, der Gaumen vertrod- 
‚ fein Wortſchatz geitohlen. Das einzige, was er auf den Lippen 
id, hatten Taujende ſchon vor ihm zu Tauſenden gejagt. Es 
ien fchaal, abgejtanden, wie offengelaffener Champagner von gejtern, 
> ein Veilchenſirauß, ohme Waſſer geblieben nach der Ballnacht. 

Und doch wollte er jtammeln: „Sch liebe Sie —“ Di — — 

Da gingen die Töne der Polonaife aus ihrem ſchleppenden 

Der Salon 1889. Heft I. Band I. 7 


2.98 Am Kamin. 


Viervierteltalt in einen Walzer über — in ben berüdenden aus der 
„Nacht in Venedig“ vom Walzerfönig! 

Er ſprach nichts, umfchlang fie und fie flogen dahin, wie Göt- 
ter auf goldenen Sandalen, mit feinen QTaubeuflügelchen an den 
Knöcheln! Und vajcher, weiter und höher, hoch über die armſeligen 
Großftäbter und Feſtgenoſſen, hinaus, durch das Teiche Dad, aus 
der November-Nebelluft in den Aether von gelns und Eifdien und 
um die Mitternachtsftunde jchien ihnen die Sonne des Praziteles. 

Erſchöpft janfen fie in die Folhfammtenen Seſſel und trodneten 
fich die jugendlichen Stirnen. — Man riß fie auseinander. — Die 
Götter im Exil! — Und er ſprach mit dem Mann, ber mit feiner 
Frau getanzt hatte und die Frauen faßen nebeneinander und plau— 
derten von Noben und Spigen, vom Wettrennen und nächſten Ba— 
zar. Sie kannten fich genau. Sie befuchten fid) oft. 

Karl aber jtand, an eine Marmorjäule gelehnt, die feine Schul- 
ter _durcheifte, während rings um ihn her jegliches zitterte, wie bie 
Luft über einem Auguftfornfelde. 

So ſchien ihm alles heiß und lebensfroh, wo er fie jehen fonnte, 
Ben wo fie fehlte. Er verjchlang fie mit den Augen. O, wie ſchön 
ie war! 

Und wieder kamen fie zufammen und zum Tanze. 

Jetzt ſprach er. 





„Sie ſehen wohl ein... . Du ſiehſt wohl ein... daß es 
i fein muß!“ flüfterte er in ihr Ohr. Sein heißer Athem verſchob 
ö en dunklen Flaum ihrer Schläfe, ihres Nadens. 


„a!“ hauchte fie. 

: „Wann? Wo? Morgen! Nicht wahr!“ 
1 Ja, morgen.“ 

: no?“ 

. Ich weiß nicht“. 

Sie mußte innehalten. Tanzen, fpredien, das alltägliche! Ihr 
gen drohte zu zerjpringen. Sie ftanden. Man riß fie auseinander. 

war der Verzweiflung nahe. Wo? Wann? 

Nun ſaßen die beiden Frauen wieder Seite an Seite. Marthe, 
ahmungslos, glücklich, ftrahlend, denn man Hatte auch ihr gefagt, daß 
fie fhön fei und fie war froh darob: — ihre Schönheit mußte dann 
auch ihm, ihrem Gatten gefallen. Klara, verwirrt, zerftreut, mit 
fliegender Bruft und Hocherglühender Vang 

Nun ſtand er neben ihr und fein Auge fragte noch immer. 
Man brach auf, man kam, Abfchied zu nehmen. Und noch immer 

" feine Gntfebeibung. 
ö Da jagte Klara zu feiner Frau, zu Marthe: 

„Sch komme morgen Nachmittag zu Ihnen, mich nach Ihrer 
Befinden zu erkundigen.“ 

Das Feſt war zu Ende. 2 

Er warf ihr die Sortie de bal über und berührte mit fiebern 
den Händen das Elfenbein ihrer göttlichen Schultern. 





P Am Kamin. 9 


Eine Halbe Stunde fpäter ſchloß ihn fein Weib in die Arme 
und die alte Scene der Wolfgang Goetheſchen „Wahlverwandtichaf- 
ten“ wurde wieder einmal von anderen Schaufpielern gejpielt. 

Tags darauf, am Namittoge, erfundigte fie ſich nach der Ge— 
fundheit feiner Gattin. Diefe jah bla und ermüdet aus. Sie 
glühte in unheimlichem Feuer. Die beiden Frauen tranfen den 
Kaffee zufammen, fie tauchte mit den feinen Fingern die zarten 
Bisluits in das braune, arabijche Getränf und man beſprach die 
Toiletten vom gejtrigen Zeit. Marthe bemerkte nicht, daß Klara un- 
ruhig und nervös war, und immer nach der Thüre ſah. Endlich 
frat er ein. de harnloſ Keigi — 

ie wurde ein harmloſeres, gleichgiltigeres Geſpräch geführt. 

Man vergaß in der traufichen Intimität des —ESE— Dam 

merung jogar ben lichen Nächſten noch fehlechter zu machen, als er 

ohnehin war. 

Klara brach auf. — Marthe bat Karl, die Freundin zum Wa- 
gen zu geleiten, da er um dieſe Be ja in den Klub gehe. 

i Mit einem flüchtigen Kuffe jchieden die Frauen. Karl geleitete 
Kara hinab. 

Es war mittlerweile finjter geworden. Die Laternen brannten 
noch nicht. Er Half ihr in den Wagen und ftieg ungejehen mit ein. 
Die Kutjche, ein gewöhnliches Lohngefährt, rollte davon. 

Sie umfingen fi gleichzeitig und ihre Lippen brannten in 
einem langen, lan, erjehnten tufje ineinander. 
| Nach einer Ei e bat fie ihn, mit ihr auszufteigen. Sie ver: 
| abicjiedeten ben Wagen umd fragten ſich noch immer, Aug’ in Aug‘, 

Hand in Hand, die Frage vom geftrigen Valle: Wo? 

Arm in Arm irrten fie in den Seitengaſſen umher, bald an 
einer menjchenverlafjenen Straßenede ftehen bleibend und einen Kuß 
wagend, dann wieder in belebtere Zeilen gerathend, die von Gas— 
flammen und elektriſchem Lichte aufglänzten. 

In ihr kämpften jegt zwei Gedanken eine heiße Schlacht. Ihm 
angehören und ihm — Das Glück, einmal an ſeiner Bruſt, 
in ſeinen Armen zu ruhen, alle Seligkeit unerlaubter, verbrecheriſcher 
Liebe zu durchkoſten, das wollte, dad mußte ſie genießen. Und dann 
ſah fie ein behagliches, Tangvertrautes Heim, die hundert Kleinodien 
ihres beglüdten Haufes, wo fie jegt ein märmendes Kaminfeuer, die 
Lampe, der begonnene Roman unter feiner gelben Einbanddede, er- 
warteten. Dann fäme ihr Gatte nach der Arbeit vom Bureau, einen 
Kup auf ihre Stirne drüdend . . . wie wollte fie ihm wieder unter 
Augen treten? 

Aber auch er Hatte feine Gedanken. Er ließ die Fortwollende 

it los. 





Aber mitten im Taumel überfam beide das Bewußtfein, daß fie 
‚ inermehtichs Unrecht zu thun im Begriff ftanden. „Ich Elendel“ 
f fie aus. Er erſchrak. Die allzuheftige Erregung, die durchtanzte 
q* 





Nacht, die Liebe feiner Frau, die ungemohnte Behaufung, in allzu 
grellem Gegenfag zu feinem, mit allem Komfort ausgejtatteten Heim 
trat zwifchen die beiden... . 

Sie weinte ... . Eine peinlihe Pauſe entjtand .. . 

Beichämt, troftlos, liebend, geliebt, unfchuldig, fich befledt ik 
Iend, entfloh fie vom Ort ihres Verbrechens. — Wie fie nach Haufe 
kam, wie fie fich zu Haufe benahm, fie wußte es nicht. — Aeußer⸗ 
ih waren alle diefelben. Aber wie unglüdlich alle. Die innere 
Veränderung blieb feinem verborgen. Karl, Liebevoller gegen feine 
Frau, verzehrte fid) in der Sehnſucht nad) einem zweiten, geheim- 
nikvollen Zufammenfein mit Klara, das jie nun und nimmer be- 
willigen wollte. Die glüdliche Unbefangenheit beiber. Chen war ge 
ftört. Die nichtsahnende Frau Marthe fragte ſich, ob ihr Gatte 
Karl Frank fei, jo zerjtreut und verwirrt erfchienen ihr oft feine 
Antworten. Der nichtsahnende Gatte machte diefelben Bemerkungen 
an feiner fi im ftillen zermarternden Frau. Karl fiechte hin an 
unbefriedigter Sehnfucht, Klara zerquälte ie) in Gewiffensbiffen. 
Sie hatte ihres Mannes Vertrauen getäufcht, jie Hatte die Ehe ge- 
brochen, fie fagte es ſich ſtündlich, in beſchäftigungslos verbrachten 
Tagen, in fieberhaften, ſchlafloſen Nächten. Alle Höllen Dantes machte 
fie durch, alle Kreife durchlief fie. Sie konnte ihm nicht mehr im 
das fo offene, fo feelengute Auge ſchauen. Wenn fie ihn anjah, 
verglich fie ihm mit dem Verführer; was hatte diejer voraus? Beide 
waren tüchtige Männer in ihren verjchiebenen Sphären, beide werth, 
geliebt An werben. 

„Wie verächtlich ift das Weib“, fagte fie fich, „das ihren Lebens 
halt um eines Sinnesraufi willen zerbricht, wie verächtlich Der 
Mann, der, gebunden, alle Bande zerreißt, und beſſer als Weib 
wiffend, was er thut, die glüdliche Ehe eines andern, eines Freun- 
bes zerjtört!” 

Es ward dunkle Nacht um ihre Seele, ihre arme gequälte 
Frauenfecle! 

Wie aus dunkler Nacht allmählich die Morgendämmerung, die 
Morgenröthe, die Frühfonne auftaucht, jo ſtand'es endlich vor ihr 
in leuchtender Klarheit: 

„Du mußt Deinem Marne alles, alles fagen, eingeſtehen!“ 

Es war ein Kampf, der fie dem Wahnfinne nahe brachte. 

Diefen edlen, gejegten Geift jollte fie in feiner Ruhe ftören, 
aus feiner Sicherheit auffchreden? Ihm das Gift der Eiferfucht, 
der Schande in den Becher des Lebens gießen. Nimmermehr! Lies 
ber den nagenben Sömer, bis an die Zeit der bleichen Haare e 
dulden. Sie welfte Hin, die Blühende, wie die vom Wurm ang 
" freffene Rofe. s 

Endlich erg fie es nicht länger. Mußte der Edle, Au 
opfernde, um fie Beſorgte, Betrübte nicht verzeihen? War ein G 
witter nicht befjer, reinigender, als dieſe unheimliche Schwüle, al 
diefer Herbftnebel im Juni des Lebens? 








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100 Am Kamin. 





Am Kamin. 101 


Und die Stunde fam. 

Sie ſprach! 

Der Bellagenswerthe! 

Eine wonnige Stunde war's, als fie ihn in die Arme ſchloß 
und — beichtete! 

Er war tonlo3. 

Dann fuhr er auf. Er focht mit den Händen in der Luft um- 
ber; fie glaubte, er würde terben. Aber dann fchlug er fein Weib. 
Sie empfand es wie bie jüßefte Liebkoſung. Ihr wurde wunder 
leicht. Ihr Verbrechen fiel ab von ihr. 

Eines aber konnte er ihr nicht abtrogen. Nicht durch Miß— 
handlung, nicht durch Drohung, nicht durch die Ausficht auf Ver— 
zeihung und Verjöhnung: den Namen des Mitjchuldigen. 

Und drei Epochen, die unter diefen Zeichen fanden, folgten 
nun in ihrer Ehe. 

Ihr Gatte, von Natur aus ein ehrlicher, braver Menſch und 
Charakter, war wie umgewandelt nad) der durch Gewiſſensbiſſe her- 
beigeführten Enthüllung. Das reuige Geftändniß Hatte ihn zu einem 
anderen gemadt. Er war glüdlich in Hingebendem Vertrauen auf 
die Unantaftbarkeit der Ehre feiner fchönen Frau geweſen. Nun 
war eine Saite in ihm geriffen. Der einjtige Optimift jah alles 
ſchwarz, überall Gejpenfter. Er hatte ein gutes Herz gehabt und 
fuhr num fort, die unfelige Schufdige zu quälen, zu tyrannifiren. 
Kein Wort war ihm hart genug, er ward roh und graujam. Sie 
Titt unfäglich, aber ohne Klage; fie verdiente noch mehr des Elends, 
jagte jie fich ſelbſt. Dann drohte er ihr, fie zu verlafjen, große 
Reifen über See anzutreten, id) von ihr zu fcheiden. Sie Rehte, 
weinte, ſchwieg. Das Geheimnik blieb in ihr begraben. 

Heroiſch war ihr Widerjtand, als er ſich endlich aufs Bitten 
verlegte, verſöhnt ſchien und fie mit den alten Schmeichelworten um- 
fing. Sie liebte ihn ja, und er konnte, er mußte verzeihen. Aber 
follte fie das Elend auch in die nichtsahnende Bruft der Gattin von 
ihm tragen, die Freundin unglüdlich machen — war's nicht an 
einem zerjtörten Zamilienglüd genug? 

Sie wußte, ihr Gatte würde ihn proboziren. Der Ausgang 
eines Duells ift nicht vorherzufagen, und fonnte der Tod eines der 
beiden Männer Sühne für ihr Vergehen fein? Wäre die Freundin 
minder zu beffagen ala Gattin eines Mörders, denn als Witwe — 
ihres Geliebten? Sie ſchwieg. 

Der Verkehr zwiſchen den beiden Zamilien nahm ab, beſchränkte 

auf die nothwendigiten Befuche, welche nad) und nad) auch aus- 

%t. wurden. 

So lag die Möglichkeit einer Entdedung ferner als je. 

Sie lebte demnah in bejtändiger Angjt und Aufregung, ihr 

an fönne den Namen jeines Beleidigers durch Zufall erfahren. 
hatte feine ruhige Stunde, glüdlos jichte fie dahin, ihre Schön- 
die Urſache des leidigen Begebniffes, ſchien für immer zu fchrin- 








102 Am Kamin. 


den. Sa, fie jah es jegt au fich vollzogen, das Urtheil, weldes 
Welt und Dichtung feit Jahrtauſend gefällt: jede Schuld verlangt 
ihre Sühne. Ob ei die Buße, die Kae der Nemefis nun auf 
offenem Markte vollzieht, vb die Strafe für die gebrochene Ehre wie 
im rauheren Mittelalter im Hinausftellen an den öfienttigen Pran⸗ 
ger, in jenem Eſelsritt beſteht, den die Schuldige, im Büßerhemd, 
mit dem Geſichte nach, des Grauthiers Kreuz, durch die Straßen der 
Stadt thun mu — ob ihr eigenes Gewiften die Stelle der Erin- 
nerungen vertritt, es bleibt fich gleich; cs giebt cine pvetijche und 
eine wirkliche Gerechtigkeit! 

Eines Abends üben die Gatten vereinfamt in ihrem einjt fo 
traulichen Keim. 

Der Dann fragte dies und jenes und ig: 

„Warum haft du denn das Haus der *,* jeit Jahr und Tag 
ganz vernachläſſigt? Zrüher.... .“ Cine glühende Röthe überzog 
ihr Gefiht. Nun fchien alles zu Ende. 

Argwohn war ein ftändiger Gaft in feiner Seele und denn 
bemerkte er ihre Verwirrung nicht. Sie faßte ich Heldenmüthig um 
fagte mit bebender Stimme die gleichgiltigften Worte: 

„Du weißt ja, daf ich jede Geſellſchaft meide. Wenn es Dir 
recht ift, können wir heute Abend noch zu den *,* gehen!" Und 
fie gingen! 

Das war das höchſte und legte Opfer, das von ihr gefordert 
mube. Sie jah den Räuber ihres Glückes wieder und ihr Herz 

utete. 

Vier Jahre waren feit jenem verhängnißvollen Abende verfloffen. 

Wiederum ſaßen die beiden allein in ihrem trauten Gemad). Das 
Glück hatte dem Gatten Klaras Farm er war reich geworden; 
Bilder, Statuen, wertHvolle Antifen ſchmückten feinen Saal. Auf 
dem gebedten Tiſch glänzte Silber, bligten friftallene Flafchen und 
Gläſer. Es Hopft. Eine ftattlihe Amme in ihrer märkiichen Na- 
tionaltracht bringt Hans, den Baby, zum Gutnachtfuffe herein. Der 
Gatte drüdt einen Kuß in das Haar feiner Frau. 

„Welch' prächtiger Burſch'! Der kann einmal die Elfe der *,* 
Heiraten!“ 

Klara erbebt und erbleicht. Sie iſt wieder ſchön, dämoniſch 
ſchön. Aber es giebt fein volles Glück mehr für fie; Die edlere 
Seele, die ſich einer großen Schuld bewußt, jteht ewig am Pranger 
ihres eigenen Gewiſſens. 


Weber das Küſſen. 
Bon Bilh. F. Brand. 
Oftmals wie Verliebte ſich unterfangen haben zu fchildern, wc 
ein Kuß ift, oder gar, wie er fchmedt, find fie dabei doch mot! 
wendigerweife allemal ein erklecliches Hinter der Befchreibung t 


Fr 





Am Kamin. 103 


wahren Thatbeitandes zurüdgeblieben. Einmal weil der fühe Zauber, 
die Wonne und Seligfeit, welche beim Küſſen die beiden Operiten- 
den durchzuden, nad) dem Urtheil von Kennern jeder Bejchreibung, 
fei fie auch in den allerüberjchwenglichften Ausdrüden gehalten, ſpot⸗ 
ten, fodann aber aus dem höchit einfachen ernüchternden Grunde, 
weil das fehmatgenbe Aufeinanderprefien von zwei Lippenpaaren an 
fi, nad) dem Ausſpruch derjelben Autoritäten, abfolut feinen Ge- 
ſchmack haben fol. Es giebt Völkerſchaften, die eben jenen wonnigen 
Kigel empfinden, wenn fie ſich mit dem Gegenftand ihrer Liebe die 
Nafen aneinander reiben und nach deren Coder der Moral unjer 
modus operandi zur Erzeugung dieſes Kigels für höchſt unäſthetiſch 
und unzuläjfig gelten mag. Ja wird nicht ſelbſt bei ung zu Lande 
denen, Die ſoeben erjt dem nedijchen Stnaben mit dem Bogen zur 
Beute gefallen, die die eingeimpfte Saat erjt in den zarteften Kei— 
men ihrer Entwidelung verfpüten, eine noch viel entferntere Berüh- 
tung mit dem geliebten Weſen, genau jenen jelben efeftriichen Zauber 

en? Wird einst der kräftigite Jüngling in diefem Stadium 
des Verliebtſeins durch das leifejte Streifen des Kleiderfaums der 
Geliebten ſich von jenem Wonnenfchauer Durcriefelt fühlen, der 
ihm Herz und Beine erbeben macht, nicht fchon durch den flüchtigen 
Austaujc) eines Blicks aus den rafch zu Boden gejenkten Augen 
oder indem er nach Art eines Wagnerjchen Heldenideals, die ganze 
lodernde Liebesglut feines pochenden Herzens in den Ungrund des 
Bonnemeeres ihres befeeligenden Blides hinabtaucht, eine Prozes 
dur, die Ben Ionjon jo herrlich beſchreibt, indem er jagt: 

„Drink to me only with thine eyes 
And I will pledge with mine.“ 

Und wenn der Jüngling nun meilenweit von der Geliebten ent 
fernt, eine Bufenfchleife, die fie getragen, an feine Lippen drückt, wie 
ichmedt dem das? Und wenn er nun, jagen wir aus Verſehen, — 
etwa im Dimfeln, — ein paar andere ebenfo tofige Lippen küßte, 
würde ew den Unterfchied fofort gewahr werden? Vielleicht! ja an 
bejonderen Eigenthümlichteiten der individuellen Lippen höchſt wahr- 
ſcheinlich, an ihrer Mustelthätigfeit und andern individuellen Eigen- 
ſchaften, deren eingehendere Aufzählung leicht appetitverderblich wirken 
könnte; aber nur am Geſchmack des Kuſſes am jich doch ficher nicht. 
So fagen wenigftens die Kenner, und wer e3 ihnen nicht glaubt, der 
mag das Experiment immerhin einmal ſelbſt anftellen, d. h. er mag 
aljo, wenn er je einmal in die unglüdliche Lage kommen follte, der 
Verkehrten einen Kuß zu geben, jedenfalls den einen Vortheil baraug 

hen, daß er nun jerort feine Vergleiche anftellt. 

Müſſen wir aber bis dahin unbedingt an der Thatſache feit- 

Iten, daß der Kuß per se feinen Gejchmad hat, fondern nur durch 
: feefifchen Nebenumftände zu einem wahrhaften Genuß wird, jo 
U der Hohe Werth deſſelben aus dieſem Grunde doc) keineswegs 
a und unterjhägt werden. Im Gegentheil, wir wollen gern an- 
teımen, daß von all den erwähnten Lebens- und Liebeslagen feine 





104 Am Kamin. 


u einem gedeihlichen Werke jener befeligenden feeliichen Neben 
Umftände — die aber doch die große, füße Hauptſache find! — au 
nur annährend fo angethan it, wie der Kuß. Warum das um 
wie, wäre wieder ſchwer mit Worten zu erflären, und jedenfalls wäre 
die Erfahrung auf diefem Wege in viel umftändlicherer, unzuverläf- 
figerer und Langweiligerer Belle gejammelt, als durch Vefolgung des 
Raths der Autoritäten, die den unfundigen Wißbegierigen auf das 
einfache Mittel der Peak Verfuchsanftellung verweiſen. 

Wenn wir den Kuß hoc ftellen, jo Haben wir dabei nur bie- 
jenigen Spezies von Küffen im Auge, die — mit Genuß und 
vor allem aus dem edelſten Motiv, aus reiner Liebe gegeben und 
empfangen werden. Denn es giebt — leider! — auch noch zahl- 
reiche Unter und Abarten von Küffen, die in der Welt zu nichts 
nügen, als zur Förderung von peinfichen Unbequemlichfeiten, zur 
Heuchelei und nicht felten jeldft zur Erregung von Widerwillen und 
Ekel, nur dazu angethan find, den Rus in feiner Lauterfeit und 
Erhabenheit zu einer elräglichen Gewohnheit- und Etifettenverrich- 
tung hinabzuziehen, zu der Beifeitigung alle, denen die Erhaltung die— 
jer edlen Lippengymnaftit in ihrer reinften Form wahrhaft am 
Herzen liegt, ihr möglichftes thun follten. Dahin Be ört zunächft 
jedwedes Küſſen unter Zugehörigen dejjelben Geſchlechts, vollen! 
unter Männern. Es fünnte das faft ala eine Verwirrung menfch- 
ficher Triebe hingeftellt werden, wenn dies nicht lediglich in der Ges 
wohnheit ihre Wurzel hätte. Diejes Wännerfüffen, welches in 
Frankreich in feiner vollften Entwidelung fteht, gift in Cngland für 
zu unmännlic) und verächtlich, als daß man fich dort je dazu her— 
bei ließe. Mit Recht behaupten die Engländer, daß ein Kuß unter 
Männern — und feien es au die beften Freunde oder Vater und 
Sohn — feinen eigentlichen Genuß gewähren kann; und daß zu 
jedweder Liebesenpehun und Befiegelung der würdigere, männliche 
Handichlag ausreiche. Freilich ift dafür das Küſſen unter Frauen 
und Mädchen in England um fo ftärker im Schwange, ein Zuftand, 
der fi vom Standpunkte des rein ätheriſchen Küfjens aus ebenfo 
wenig rechtfertigen läßt. 

öchſt verwerflich ift auch das jo ausgedehnte Syitem des Kin— 
derküſſens vonfeiten folcher, die fich zu den mehr oder weniger 
ern gefehenen „Zreunden des Haufe“ rechnen oder wohl gar fremde 
enjchen find. Den Kleinen ift es eine Plage, der fie fich gern 
entzögen, wäre ihnen nicht beigebracht — zum Kudud mit folder 

Ammenweisheit! — daß das fehr unartig fein würde, während es 
thatfächlich gar ehr zu feinen Gunften fpricht, wenn jo ein Kleine 
Bengel nicht ftill Halten will. Aber auch Erwachſenen ift dieſe 
Brauch vielfach Täftig, dem fie zu folgen fich bequemen, um nid 
etwa die Eitelfeit einer thörichten Mutter zu verlegen ober weil ı 
eben nun einmal mancherorts fo Sitte ift. Warum jeten die frife 
einen Kinderlippen von dem Erſten Beſten ſich küſſen laſſen, vo 
einem Manne, der in feinem Leben vielleicht ſchon mehr Mädcheı 









Am Kamin. 105 


geübt, ala er noch Haare auf dem Kopfe zählt — der Kahlköpfigen 
ir nicht zu gebenfen! — von einer Dame, die vielleicht mit dem 

bflatjch der friſch aufgelegten Tünche ihrer Wangen das heiter 
zofige Kinderantlitz beſudelt — Etwas ganz anderes tft die Sadıe, 
wenn Die Initiative zum Küffen von den Steinen felbit ausgeht, wenn 
fie fraft des von der Natur ihnen verliehenen Juſtinkts ihre wahren 
Fremde erfannt — ein Unterjcheidungsvermögen, das bei ihnen viel 
mehr ausgeprägt ift, als bei manchen Erwachſenen! — einem innern 
Triebe folgend, jenen ihre Buneigung zu erfennen geben wollen. 
Dann erwächit aus ſolchem Liebesakt den Erwachſenen eine Schmei- 
Sic, eine Genugthuung und fomit ſelbſt eine gewiffe Art von — 


So giebt es noch eine große Menge von Abarten von Küffen. 
Aller Statt diefelben bis zu einer unerquidlichen Unendlichkeit in 
ihrer Klaſſifikation zu verfolgen, wollen wir lieber noch auf einige 
bejondere Küſſe hinweiſen, Die ihrer Zeit viel von fich reden gemacht. 
Ein jolcher oder vielmehr eine beträchtliche Reihenfolge jolcher zwijchen 
denfelben zwei Kontrahenten, hätte uns, unlauter wie das Motiv, 
gemein wie die Ausführung diejer Küſſerei war, beinahe ein richter- 
iches Gutachten darüber eingebracht, was vor dem Geſetze einen 
Kuß ausmacht. Seil würde auch dieſes nicht fowohl auf das 
innerfte Wejen als auf die äußere Form eines Kujfes Bezug gehabt 
haben. Ein gewijjer Juwelenhändler in Amerika hatte allen Ernftes 
einer jungen Dame einen Schmudgegenjtand für hundert Küſſe ver- 
Tauft, die er fich felbft jeden Morgen von ihr holen follte, aber jo, 
daß er täglich nur einen Kuß befam. Einige Wochen lang hatte er 
feine Zestung richtig empfangen, da mochte die Käuferin wohl der 
Handel gereuen und fie bot dem jungen Mann jtatt der Lippen nur 
die Wange dar, damit er feine zahlungsbegierigen Lippen barauf 
prejje. Damit war der Juwelier aber nicht einverjtanben, der darauf 
behartte, in aller Form bie ftipuficte Zahlung entgegen nehmen zu 
dürfen. Und da fich die junge Dame hierzu nicht verjtehen wollte, 
ging er fofort vors Gericht und klagte fie der Kontraftbrüchigkeit 
am und zwar num nicht nur infofern al fie ihm ihre Lippen ver- 
weigerte, jondern er wies nun aud) auf den Unterſchied zwiſchen 
dem altiven und paffiven Küſſen und verlangte, daß die ganze Proze- 
dur der Zahlungsleiftung noch einmal von vorn anfangen müſſe, 
die Dame fich verpflichtet Hätte, ihm hundert Küffe zu geben, bis- 
lang aber die ganze Arbeit bei der Sache ihm allein überlaffen hätte 
Zeider wurde die Angelegenheit durch einen gütigen Vergleich beis 

‘gt, der, wie fehr — auch im Intereſſe der prozeſſirenden 

cieien geweſen ſein mag, die Welt um ein höchſt intereſſantes 

·rliches Gutachten gebracht hat. 

Ein anderer viel von fich reden machender Kuß liegt und nach 
wie nad) Zeit viel näher. Derjelbe wurde vor etlichen Jahren 
iner Heinen Stadt in Ungarn gelegentlich eines Woh töätigteite 
rs verabreicht, wo die Geldfummen nicht jo haufenweife einlaufen 





106 Am Kamin. 


wollten, wie wohl erwartet war. Unglüdlic) über den mangelnden 
Grtolg ihre3 Unternehmens und in ihrer Eitelkeit dadurch gefränft, 
verfiel die Hauptunternehmerin des Ganzen, eine fehr ſchöne junge 
Frau, auf die jeltjame Idee, einen Kuß von ihren Lippen öffentlid) 
meijtbietend verfteigern zu laffen, indem fie auf dieſe Weije nicht 
nur das pefuniäre Keluttst des Wohlthätigkeit3-Unternehmens wejent- 
lich zu deſſen Gunften zu ändern hoffte, ſondern auch durch ein all- 
gemeine \türmifches Kaufgebot der anweſenden Herren einen großen 
erjönlichen Triumph zu feiern erwartete. Auch ihr Gemal machte 
eine Einwendung, ſei e8 um des mwohlthätigen Zweckes ober um 
des Triumphes willen. Allein fie hatte ſich arg verrechnet. Das 
Bieten ging mur recht flau von ftatten und das Verkaufsobjekt 
wurde ſchließlich in auftionsüblicher Form dem Meiftbietenden für 
nur wenige Gulden zuerfannt. Der Handel fing deßhalb die Dame 
zu gereuen am und mehr noch ihren Gemal, der ſich nun gern be 
reit erklärte, jelbft die Kauffumme zu bezahlen und feinerjeits den 
Kuß feiner Frau in Empfang zu nehmen. Und als der Käufer jih 
nicht bereit finden ließ, auf feine in aller Form erworbene Waare zu 
verzichten, juchte der Ehemann den Handel als illegal zu bezeichnen, 
indem er erklärte, nicht feiner Frau, fondern ihm allein ftehe das 
Recht zu, über deren Küffe zu verfügen. Das mwollte der andere 
nun nicht zugeftehen, fondern verlangte fofortige Zahlımg, erklärte 
aber höffihft, daß wenn der Herr Gemal fpäter den Nichter Für 
feine Gemalin gewinnen jollte, er jederzeit fich ein Vergnügen 
daraus machen würde, den Kuß mit Zinfen feiner Frau zurüdzus 
jeben. Alle anderen, die zugegen waren, waren auf feiner Seite, und 
ß hielt das Ehepaar e3 ſchließlich doc) für das Rathjamfte den Kon 
traft innezuhalten. Der Kuß wurde in aller Forın verabreicht und 
der Empfänger jtellte ebenjo formell — Quittung darüber aus, die 
allerdings von der andern Seite für unmöthig erachtet wurde. 

In ähnlicher, nicht ganz unverdienter, aber um fo brutalerer 
Weiſe wurde eine Dame für das übertriebene Selbſtbewußtſein ihrer 
Han auf einem Bazar in London beftraft. Diejelbe ſchenkte da- 
ſelbſt Thee aus und ließ fich für jede Tafje einen der Gelegenheit 
angemefjenen Preis bezahlen. Durd) den bedeutenden Abfag, den 
diegelben fanden, zu Fühn gemacht, führte dieſelbe nad) einiger Zeit 
eine zweite, oder vielmehr eine prima Qualität ein, indem fie für 
folhe Tafjen, aus denen fie mit: begehrlichen Lippen vorher ein 
Schlüdchen nippte, einen bedeutenden Procentjag aufjchlug. Dieje 
fanden eine Zeit lang noch raſcheren Abfag, bis ein Feder Jüngling 
eine Tajfe von ihr begehrte. 

„Eine einfache Tajje oder eine, aus der ich vorher getrunfen 
fragte die improvifirte Schänfmamjell. 

„Eine reine Tafje für mich, wenn ic) bitten darf“, entgegn 
der ungejchliffene junge Mann. Das war gewiß eine unverzeihfi. 
Rohheit von feiner Ceite, allein e3 ſollte doc) auch die Damen dar 
mahnen, daß fie, obſchon das Sprichwort wahr genug ift: „Char 





Am Kamin. 107 


covers a multitude of sins“ nicht vorfichtig genug fein können, ſelbſt 
unter dem Deckmantel der Mildthätigfeit nicht Handlungen zu begehen, 
die ſich nun einmal für Damen nicht ziemen; injonderheit aber, daß 
ein Kuß unter feinen Umftänden und in feiner Form zu einem 
Handelsartifel entwürdigt werden follte! — 

Die Folgen der Küffe find ebenfo mannigfaltig wie unberechen⸗ 
bar, vollends der unerlaubten. Nicht nur, Gah dieſelben vielfach 
eine außerordentliche — wirkliche oder auch nur erheuchelte! — fitt- 
liche Entrüftung auf Seiten der Beraubten hervorgerufen, nicht nur, 
daß die Räuber ſchon zum öfteren vor die Schranken des Gerichts 
itirt worden, e3 foll fogar ſchon vorgefommen fein, daß eine junge 
ame infolge eines gar zu plöglich erhaltenen Kuffes auf der Stelle 
toll geworden tft. 

. Das ift Doch nichts außergewöhnliches“ fagte eine andere Dame, 
die den Sachverhalt wohl nicht ordentlich verjtanden und eine ganz 
verſchiedene, — allerdings aud) recht häufig ſich einftellende! — Folge 
des Küſſens im Auge hatte. „Das iſt gewiß ſchon vielen jungen 
Mädchen pajlirt, die es einmal probirt haben, daß fie nad) dem 
Küffen toll geworden find!" — 


Saifonbrief aus Homburg vor der Höhe. 


In einem Gutzkowſchen Luftjpiel, irren wir nicht, in „Zopf und 
Schwert“, bildete die erwartete Ankunft des Prinzen von Wales die 
Hauptintrigue, um die fich die ganze Handlung dreht. Die Erin- 
nerung fam uns in diefen Tagen, denn mit dem jährlich) eintreff 
den Thronexben Großbritanniens ift der Höhepunkt der Saifon be 
zeichnet, dem Begriff der „englifchen Sommerfolonie Somburg das 
Gepräge verlichen. Vom Tage an, da Sr. K. Hoheit Albions 
Rreidefeffen verläßt, wird jede Station bis zur Ankunft gewiſſenhaft 
in den publiziftiichen Organen der Taunusſtadt verfündet, ſelbſt die 
frohe Kunde, daß der eingetroffene hohe Gaft ſchon eine Viertel- 
ftunde ſpäter ein gewähltes Souper in heiteren Streije auf der 
Terraſſe des jeiner Villa benachbarten Hötels eingenommen, verdiente 
ausführliche Erwähnung. Die Küche ſcheint überhaupt eine bedeu— 
tende Rolle im Dajein des Erjtgeborenen ber vortrefflichen Hausfrau, 
Königin Viktoria, zu fpielen, und feiner fulinarifchen Leiftungen Hals 
“- ijt dem Bejiger des vorzüglichen Gafthofs „Royal Victoria 

el“ das prinzlihe Wappen mit dem Wahlſpruch: „Ich dien.“! 
iehen. 

DMeit Recht führt Eduard Albert, Prinz von Wales den Sinnſpruch 

Ordens, der befanntlich der Galanterie fein Entitehen dankt. Das 

fallen des erlauchten Herrn an weiblicher Schönheit ift allbewußt, und 
ht umſonſt wetteifern Natur und Kunft morgens an den Quellen, 
Hmittags im Kurgarten, um einen freundlichen Blick des trog feiner 











108 Am &amin. 
qunehmenben Korpulenz, troß feines gejegneten Familienftandes, der 


längit zur Großvaterwürde berechtigen fünnte, mod jugendlich elajtifchen 

Mannes. An Schlichtheit des Auftretens, an Liebenswürdigfeit, die 
dem Herzen entquillt, kommt Englands Thronfolger dem „Unver= 
geßlichen“ nahe, der jo oft und fo gern in Homburg weilte, befjen 
treues Auge, deſſen gutes Lächeln nie mehr den Grüßen der Ehr- 
furcht und der Liebe danfen wird. — Mit Recht kann Homburg jagen: 
„Unjer Fritz war „unfer“; er fühlte fih wohl bei uns, wie kaum 
an anderm Ort.” Auch Kaiferin Augufta bleibt in diefem Jahr dem 
bewegten Treiben ber Badeſtadt fern. 

Denn troß des „umendlichen Regens“ fandte, von deutjchen 
Gäſten abgefehen, Altengland feine Schaaren in gewohnter Fülle. 
Abends auf den Terrafjen des Kurhaujes, wo fi) Albions Elite 
ufammenfindet, wo fid) im Auf» und Abwandeln dem Auge bes 
Beigauers offenbart, was Diode, und was Reichthum bedeutet, kann man 
buchjtäblich fagen, wenn einmal ein Wort unferer lieben Mutterjprache 
unfer Ohr berührt: „Deutjche Laute hör’ ich wieder.“ Und doch, 
wen nicht Gewohnheit abgejtumpft, wird die Terrajie Homburgs, zu 
deren Füßen fich der magiſch-beleuchtete, menſchendurchwogte, von den 
Klängen der Muſik durchrauſchte Kurgarten erftredt, von der der Blid in 
das grüne Meer des mondbeglänzten Hochwalds fehweift, unvergeßlich 

leiben. 

Engliſcher Einfluß ſcheint zum Glück den Homburger Patrio⸗ 
tismus nicht verdorben zu haben, davon legte das muſikaliſche Ge— 
leite Zeugniß ab, das unfer allezeit liebenswürdiger Kapellineiſter 
Tömlich der jüngſten Kaiſerreiſe gab. Der Aufenthalt in Rußland 
wurde im Programm mit: „Das Leben für den Zar“, „Rückkehr von 
Pawlowsk“ 2c. gefeiert, der fchwebifch-dänifche Aufenthalt je nach den 
Tagen mit „Norbiiche Seefahrt, „Hamlet“ 2c. bezeichnet. Weld ein 
Süd, daß für den Fall eines Beſuches des Kaifer Wilhelm in Kon- 
tantinopel, Mozart vorforglic, einen „QTürfenmarfch“ Hinterlaffen. 

Das neue Badehaus, eines der ſchönſten und großartigiten 
feiner Art, fchreitet im Bau rüftig vorwärts. An einem wunder- 
vollen Pla gelegen, hat es nur den Nachtheil, daß bei anhaltend 
naffem Wetter, wie das heurige, der ungepflafterte Weg dorthin, 
qumal für Leidende, ſchwer zu paffiren jein dürfte, wenn fich nicht 

ie Sorgfalt der Väter der Stadt, vor der Eröffnung eine Submij- 
fion auf Holgpantoffel und Stelzen, zur Benugung in diefem Fall, 
ausfchreiben follte. Aber auch ſchon hat es den würdigen Herren, 
und ſogar dem erfinbungsreichen Kopfe des bewährten, rührigen Kur- 
direftor Schulz-Leitershofen, der allen berechtigten Wünjchen entgeg‘ 
x tommen ftrebt, Mühe gefoftet, der böjen Witterung Durch pajjen 
nterhaltung in bedeckten Raum ein Paroli zu bieten, wobei dr 
ab und zu fonnigen Stunden ein Garten- oder Waldfeft förml 
„abgerungen“ wurde. Als neu und zeitgemäß wäre eine Regatta a 
dem Rafen des Sturgartens zu emprehten, aber jo eine „Zombol« 
bei ber die glüdlichen Gewinner einen Regenfchirm in den Fark 





Am Kamin, 109 


en als „Erinnerung an die Saifon 1888“ mit nad) Haufe 
nehmen. 
Aber eine ernitere, würdigere Anregung ging in jüngiter Beit 
von der Höhe de3 Taunus durch die Lande. Wie vor Jahren im 
Thal der mattiasſchen Quellen Wiesbadens, unfer genialer Ferdinand 
Heyl das Hehre Wahrzeichen des Niederwalds plante, gab num Wort 
und Schrift des Homburger Gerichtsraths Guſtav Wilhelmi, der 
ſchon früher durh gehaltvolle Zeitfehriftenartifel befannt, den Impuls 
um Denkmal Ulrichs von Hutten, deſſen Enthüllung eine nationale 
ier bedeutete. 

Selbjt in kühler, regnerifcher Witterung iſt der Einfluß der 
Sombunger Luft an ſich ſchon nervenftärfend und wohlthätig. Die 
eſellſchaft wechſelt mit Tag umd Jahr, aber unwandelbar ift die 
ewige Heilkraft, Die Luft und Boden jpendet, und eifrige® Bemühen, 
der mahgebenden Kräfte ehöht den Werth der hygieniſchen Gaben 

und fordert jo zu Doppeltem Genießen auf. 

Hermann Hirfchfeld. 


ippfaden. 

Sie Mitglieder des Berliner Wallner-Theaters gaftirten im Sommer 
1882 in Amfterdam. Das Herrenperfonal ber Geſeüſchaft kam allabenblic in einem 
bortigen Reflaurant zufammen, um fid) mad bes Abends Befhwerben bei einem 
Slaſe guten Weins gemüthli zu erholen. Einſtmals faß in bemfelben Lolal ein 
eingefleifchter Holländer und Preußenfrefſer, der ſchon feit einiger Zeit verächtliche 
Blicke auf „het Wallner-Geselschap“ geworfen und wieberholt das Wort „Muffe“ 
— Schimpfwort für bie Berliner — hatte hören laſſen. Als er nun wieber fein 
„Muffel” erſchallen ließ, erfagte ben Sohn ber Niederlande das Verhängniß in ber 
Perſon bes allbeliebten Komiker Engel, der auf gut Holfteinifch zu ihm fagte: „N 
amer rat, Tütt Zung!” unb ihm am bie friſche Luft fette. Darauf bemerkte Schau— 
fpieler Blende in urgemüthlihem Zone: „So, nun hab’ id body 'mal einen echten 
möliegenben Holländer” gejehen.“ 





Eine Theatervorſteunng in Konftantinapel. Zur Aufführung gelangt: 
„Der Einzug Napoleons in Moskau.“ Der Vorhang erhebt fich, Napoleon tritt auf, 
er trägt ben Hut eines Tobtengräbers, Gamafchen a la Louis XVIIL, weiße Bein» 
Heiber mit rothen Streifen und einen ſchwarzen Gehrod, wie ein Schuhmader, ber 
einen Sonutagsausflug macht. Der Held hält eine Schulmeifterrebe über jeinen Feld- 
zug, vor ihm Tiegt eine Sanbfarte, daneben ſteht ein Globus, er vergleicht eins mit 
dem andern, als fuchte er feinen Weg. Endlich hat er ihm gefunden, und er ruft 
feinen Generalftab. Es treten ein: ein Offizier mit vothem Käppi, zmei Hufaren 
und zwei franzöftfche Gaxbiften, gepubert und mit Zöpfen! Der Feidhert ſetzt biefen 
&iiegern feinen Blan auseinander, großer Enthufiasmus, und läßt die Armee Revue 
Jaffiren — 25 Mann in rothen Röden mit Värenmilgen, mit einem Wort: enge 
Grenadiere. Marie Louife erſcheint in einem geblümten Echlafrod und mit 

iem Häubden, um von ihrem Gemal Abſchied zu nehmen. Sie vergieft eine 

ine, er eine anbere, fie giebt ihm die Photographie feines Sohnes, er ftedt fie 
ne Brieftaſche und zieht in ben Krieg! 

Der zweite Aft jpieft im Innern Kußlande. Der auftretende ruffifche Oberfeldherr 

‚antomimifch zu verfiehen, baß er bie Einbringlinge vernichten werde. Thätig und 

nüdlich fieht man ihn dann auf einer Brüde, bie er eigenhändig unterminirt, 

horch ĩ Zrompetengefhmetter! Die franzöfiiche Armee bricht aus ihrem Ber» 

— der Garderobe — hervor, bahnt ſich mitten durch das Publikum einem 


— 





110 Am Kamin. | 


Weg, zwei Heine Kanonen, bie fie mitführt, werfen einige Bänte um, bie Zuſchauer 
flüchten fic, ebenfo bie Kuffen. Dan zieht in Mosau ein, der Schnee fällt im 
Bapierjchnigelchen, ein Kengafifches Feuer verliindet den Brand Mostans. Das Gtüd 
enbigt hier jebodh mit einem Triumph ber franzöfiihen Waffen, benn eine Dame tritt 
zum Schlufie vor die Lampen und ftimmt ein Zuavenfieb an! 





Vom Schlangengift. Dr. Krede in Erlangen berichtet im „Biologiihen 
Sentralbfatt" über bie Unterfudungen, welche bie beiden amerifanifhen Foriher 
Weir Mittfgell und Edward Reichert, mit Aufwand von viel Zeit, Mühe und Geld 
angeſtellt baten, um bie bisher wenig befannten phyſiologiſchen Eigenfhaften 
des Schlangengiftes zu ergriinden. Das Material zu ihren Berju Tieferten 
ihnen 200 Schlangen, unter benen Klapperſchlangen bie häufigften waren. Im 
frifchem Zuftanbe fellen alle Schlangengifte gelbe Fiuffigteuen dar, in benen fidh 
einzelne Formbeftanbtheite (Cpithefien, LBakterien) fuspendirt finden. Diefe haben 
jedoch, wie die Verſuche ergaben, feinen Antheil an ber giftigen Wirfung. Eintrodnen 
und jahrelange Aufberwahren der Fiffigleit verinag die Wirtjamteit bes Gifte 
durchaus nicht abzuſchwächen, ebenfowenig wie Aufföjen in Alkohol ober Glycerin. 
ALS twirtfame Beftanbtheile Laffen fi aus allen Echlangengiften zwei Reiben vom 
Eiweißtörpern barftellen, bie Globuline unb bie Beptone; durch geeignete Methaben 
gelingt «6 banm tweiter nachzumeifen, baf das Gfobulin in brei kefonbere Körper 
gerfegt werben Tann. Der Globulingehaft ift bei ben verfciebenen Arten fehr wed- 
feind, woburd fih vieleicht bie Abweichungen in ben phyfiologifgen Cigenfcaften 
ber einzelnen ‚Gifte erfären. Der Tod dur das Schlangengift Tann auf verfgiebene 
Weiſe erllärt werben; entweder entfteht er burd Lähmung der Athmungscentren, 
ober durch Herplähmung, oder buch Wlutergüffe in das Nüdenmart, vieleicht auch 
infolge ber [chrveren Cchäbigung ber rothen Blutlörpergen, weiche ihre biconcane 
Geftalt verlieren, rugelig werben und unter einanber zu unregelmäßigen Maffen 
vericimelgen. Iebenfals find bie Athmungecentren ber fhäbliren Eimvitkung bes 
Schlangengiftes am meiften ausgefegt, und ihre Lähmung ift auch fiher bie hänfigfte 
Tobesurfache. Im ben Magen aufgenommenes Gift geht nur in den Swifdenzeiten 
ber Berbauung ins Blut über, während bes Werbamngsaftes werben bie giftigen 
Beftandtheile durch Einwirkung bes Magenfaftes unfgäblich gemadt. Um das Gift 
an ber Stelle, wo es buch Siß im den Organismus einverleibt ift, zu zerfären, 
erwieſen fi) übermanganfaures Kali, Eifendlorid und Jodtinktur als bie geeignetften 
Mittel; aud Brompräparate hatten guten Crfolg. Cin eigentfiches Gegengift für 
bie Fälle, two das Schlangengift fon im das Blut aufgenommen ift, wird fi nie 
finden faffen. Denn da das Schlaugengift aus Eimweißtörpern befteht, bie mit denen 
im normalen Blut enthaltenen und für bie Erhaltung des Lebens jehr wichtigen, 
nahe verwanbt find, fo mirbe man durch Zerftörung ber einen aud bie andern mit 
vernichten. Es tünnte höchſtens ein Mittel entbedt werben, welches bie Wirkung 
des Schlaugengiftes auf bie am meiften gefährdeten Theile des Organismus milbern 
„ber hintanhalten Tönnte. Bei ben vielen Organen aber, bie durch bas Gift im ihren 
Funktionen geftört werben, ift e8 wohl nicht wahrfceinlich, daß ein ſolches Mittel je 
aufgefunden werben wird. 


Salon-Bügertifg. 

Lars. Norwegiſches Idyll von Bayard Taylor. Deutfd von Margaret“- 
Jacobi. Stuttgart, Verlag von Roberi Lutz. Feodor Wehl jehreibt in ber „Ha: 
Burger Reform" über biefes anmuthige Werl: Bayard Taylor, der amerilanif 
Siriftfleller, welcher Peter Hebel gemüthvole Ioyllen und Goethes „auf“ 
vorzüglicher Weife ins Englihe übertrug, iſt uns Deutſchen immer und zwar z 
vollen Recht eine höchſt ſympathiſche luerariſche Erſcheinung geweien. Er hat v 
jeher fite unſer Voll und unſere Dichtung lebhafte Theilnahme gezeigt, und nachd 

er in Gotha eine Tiebende Gattin gefunben, fidh bejonders zu Denſchland bingezog 
gefühlt. Durch Reifewerle, Romane und Dichtungen von hervorragender Bebeutır 





Am Kamin. 111 


in Amerila geworben, zeichnete er fich zugleich durch politifche Einſicht und tiefgehenbe 
Keuntniß ber europäiſchen Staateverhältnifie derart aus, daß ihm 1878 fein Heimat 
land zum Gefanbten in Berlin ernannte, eine Stellung, bie er leider kaum über- 
nommen hatte, al® ihn unerwartet ein raſcher Tod aus biefem Dafein bahingerafft 
bat. Daß eine mwohlberufene und glüdliche Begabung ihm jet durch eine überans 
gelungene Uebertragung feiner epiſchen Dichtung „Lare“ im unfer Gedächtniß zurld- 
bringt und ihm bamit ein ehrendes Denkmal in unferer Literatur errichtet, iſt eine 
Unternehmung, für bie man Margarete Jacobi und bem Berlage von Robert Lutz 
Dank zu fagen alle Urſache hat. IR dies „morwegiiche Idyll“ doch im ber That 
ein Bert, das in wahrhaft harmonijcer und fünftlerifcher Ausgeftaltung vor uns 
bingetreten fommt und welches über feinen aumuthigen Berjen etwas von bem 
Hand; und Genius Goethes zeigt. Es erideint mild und finnvell in feinem Bor- 
wurf, anziehenb im feiner Entwwidelung und in jeinem ibeelfen Austrage von hoher 
Zebeutung. Bayarb Taylor fcildert uns in feinem „are bie Befiegung ber Leiden- 
haft und ber rohen Naturgewalt durch ben Glauben an Gott und tie Gebote bes 
iffihen Glaubens. Der Held der Geſchichte hat das Unglüd, einen Nebenbuhler 
um bie Liebe einer Lanbemännin in bem in Norwegen üblichen Ringlampfe zu töbten 
unb nad} dem Tode beffelben die Entdedung zu machen. daß ber Getöbtete ber begitnftigte 
Liebhaber geiwefen. Niebergefhmettert und reuevoll wandert er aus nad mer, 
räth dort in eine Duälerfolenie, findet Aufnahme in biefelbe und lernt in deren 
gen und in einer neuen Liebe zu einer Onälerin mehr und mehr bie Herr- 
f&aft über ſich ſelbſt und die wilden Gewohnheiten feines Boltsftammes gewinnen. 
Bon ber Sehnfucht nad) feinem Heimatlande erfaßt, fehrte er mit feinem Weite in 
dieſes zurũc und ftellt fich freiwillig dem Bruder bes einftgetöbteten Landsmannes 
zum Süuhnenkampf mit den Vorſätzen, gegen ben Gegner feine Haud zu rühren. 
Diefe tapfere Gefinnung ergreift und bezwingt ben Mäder und veranlaft, daß Einig- 
keit und Frieden fir alle Theile erzielt wird. Diefe Geſchichte wird im ruhiger, 
bed) Iebendiger Darftellung und in Verſen von beſtridendem Reize vorgetragen. Der 
echte Dichter zeigt ſich barın und namentlich in der Schilderung von Seelenftimmung 
und Landfchaft. Hierin erweift ſich Taylor geradezu meifterhaft, und daß bie Ueber» 
kterin diefe Meifterfhaft in wohltlingenden Jamben mit durchgehend langer reim- 
bofer Endigung trefilih und gejcmadboll wieberzugeben verftanten hat, ift cin Ber- 
bienft, das man freubig anerkennen Tann. 

Die weitze Fran von Leutſchau. Hiſtoriſcher Roman in fünf Bänden von 
Rourus Zolai Budapeſt, Gebrüder Revai. 1886. 2. Auflage. 

Die wunberligen, vielverſchlungenen, abenteuerlichen Schidjafe und der tragifche 
Tod einer al große Schönheit berühmten umb als Baterlanbevercätherim berüchtigten 
Frau Larponay, geb. Juliane von Ghéczy bilden bie Grundzüge biefes in zweiter 
Anflage erſchienenen Romans. Die Stabt Leutſchau, Hauptflabt bes ungarifchen 
2omitates der Zips, einft Tönigliche Wreiftabt, reich, biüfenb, mächtig, flart befeftigt, 
die bebentenbfie Stabt von ganz Oberuugarn, jegt faum noch gelannt und genannt, 
mar der Schauplatz dieſes einzigen don einer Ungarin (im Jahre 1710) begangenen 
Baterlanbsverraties. Diefe ein heute noch in Yentigau in drei verfhiedenen 
Bildern, welche fie ſammtlich in dem Moment barftellen, wie fie den Schlüffel zn einer 
geheimen Pforte in der Bafleimauer an bie Defterreiher ausliefert. Cie heißt bie 
weiße Frau von Leutſchau. Die Motive ihre® Verrathes, ſowie wie es fam, baß fie 
jur Berrätherin wurbe und fpäter als Märtyrerin für bie Sache des Baterlandes 
— nach dreigradiget Tortur auf dem Schaſott ftarb, find nicht befannt. 
erifien Dofumente, weldhe in großen Zügen jenen Frauenharakter fligiren; 
‚Sloffene Progefakte bezeugen ihre Geichichte, ohne fie aufzullären und laffen 
Gare Räthfel offen. Auf dieſe dofumentariicgen Daten hat ber beruhmte unga- 
? Schriftfteller feinen Roman aufgebaut. Daß er in ber Hauptfade die Mutter- 
: al8 treibenbe® Motiv zu ben berbreiperifchen unb pelvenmüthigen Hanbfungen 
geheimmißvollen weißen Frau beuußt hat, ift wohl freie Erfindung des Dichters, 
* webt_e8 einen verſöhnenden Schimmer um das Haupt der Heldin biefes im 

m recht intereffant und fpannend geichriebenen Romans. 














112 Am Kamin. 


Bildertifg. 


Stiuvergnügt fügt das Liebespärchen auf unferm Bilde, einer Schöpfung dee 
prädtigen Mathias Schmid, beifammen. Was fie fih Ba ne jagen haben, die verliehten 
gedı weiß ber Befchaner fofort beim erſten Blid. [8 aber fummt der hübſche 

urfeh das folgende Schnabahüpil vor ſich Hin: 
„Und wann Du mi nur anfgauft 
Bin i ho ftillvergnügt. 
Du bift mei lieb Schagerf, 
Geh, ſchau — das genügt!" 

Anders geht e8 auf unſerm zweiten Binden au und doch fo ähnfi. Der tapfere 
Haudegen bes Laudonſchen Corps ift „anf Recognosciruug“ geritten; an einem 
einfamen Gehöft finbet er Gelegenheit, feinen Scharffinn gu erproben, denn hinter 
dem hohen Zaun⸗ raſchelt es verfängfich — das ift der Feind, ein Spion. Schnell 
brüdt er feinen Braune gegen bie Planfe und will eben vorficptig über diefelbe fh 
beugen, um zu ſpähen, wie und wo „bem einbe“ am beften, ‚Peigufommen fei. Im 
dermfelben Momente ſchießt von ber Gartenfeite ber Kopf eines hübſchen, brallen 
Bauernmädchen® neugierig empor. Faſt wäre ber „milde itergmann’ zur Geite 
gefahren, aber ſchnell wird er Meiſter ber Situation und ine Minute barauf ent- 
widelt ſich über den Zaun hinweg ein luſtiges Gepläntel, wie man es eben nur auf 
Recognoscirungsritten erleben Tann. 

„Bie Du mir, fo ich Dir!“ fohreit ber Kaladu im hödften Zorn ben 
beiden Möpfen zu, welche es gewagt hatten, ihm an ben Gehmanfebern zu zauſen. 
Der fpitige und fharfe Schnabel des atadus if ein bebenklihes Ding, zumal wenn 
es mit dem Schwanzende Fibos in Verbindung gebracht wird. 

In eine ganz anbere Region führt uns umfer fettes Bild. Es zeigt ums eine 
Anfiht des herrlich gelegenen Salzburg, weldes Humboldt neben Neapel und Kon- 
Rantinopel mit Recht zu ben fhönften Stäbten ber Erbe rechnet. Die Gtabt liegt 
an beiben Ufern ber Salzach in einer Umgebung voll koſtlichen Reizes; ber Mönct 
berg am linken, ber Kapuzinerberg am rechten Ufer bilden eine Thalenge, in melde 
bie Stadt hineingebaut if, fobaß bie äußeren Häufer berfelben wie Vogelnefter an 
den malerifcen Abhängen ber genannten Berge leben. Bom Kapuzinerberge bat 
man bie befte Ausficht auf Stadt und Alpen — ein unvergehlich ſchönes Bild. Die 
Stabt hat viel frumme und enge Strafen, aber folive ſchöne Häufer und viele 
Prachtgebäube, namentlich im itafienifgen Gtife, Uebervefte von Mauern unb Bafteien 
fliegen fie, unb wo bie letzteren ganz abgetragen, erhebt fih ein neuer, ſchöner 
Stabetheil. Unter den vielen ausgezeichneten Gebäuden ift in erfter Linie bie pracht · 
volle Domkirche zu nennen, eine vereinfachte, aber imponirende Nachbildung ber 
BVeterslicche zu Rom. Im ber Mitte des alten intereffanten Petersfriebhofes erhebt 
fi) bie ſchöne frätgothifie, Margarethenlirche. Schloß Mirabell ift ein nah bem 
Xrande 1818 neuerbautes, impofantes Gebäube, welches Si ber — iR und 
einen wunderbar “ n, ſchattigen Garten befigt. Gegenüber bem fogen. Me 
ber Mefibenz ber höchften Landesbehörden, erhebt ſich das von Schwanthaler model 
Tirte Standbild Dogarts, bes großen Soßnes ber alten berühmten Wergflabt, Ju 
ber Umgebung Salzburgs Befindet ſich eine große Menge fhöuer Billen und prächtiger 
Schlöffer, wie das Lönigfiche Luichloß Hellbrunn, im Gefämade des 17. Sabrhundene, 
Leopoldsfron, früherer Befig des Könige Ludwigs I, Maria Plain; bie weithin 
fihtbare Wallfaprtstiche, Schloß Kefheim, Schloß und Park Migen ıc. Tiegen in 
der nächften Umgebung Salpburge und machen diefe zu einer ber zeizvollften Stellen 
des Salzlammergutes, während ber Konigsſee, Reichenhall, —S ne 
bequemften Verbindung liegen und eigentlih mit zur Umgebung Salzburgs a 
touriftifhem Sinne zu regnen find. 












— — 








Aeueſte Moden. 


Ar. 1. Künbden „Fandette“. 
Auf einem Rund aus Steiftül find breite, eingereihte Spigen befefigt. Born- 
anf find biefelben Hochfehend angebracht unb mit cofa Banbfchleifen untermifcht. 
Arm Hinterkopf it eine gleichfarbige Schleife mit langen Enden. 


Nr. 1. Häudgen „Baugette”. 


Ar. 2. Taille aus geſtreiſtem Bollenfloff. 

Das Tinte Vordertheil ift mit der Schürze im Ganzen geſchnitten. In ber 
ille werben bie Falten beffelben vermittels einer Gürtelſpange zufammengehalten und 
ber Hüfte mit einer hängenden Schleife verziert. Das rechte Vorbertheif ift glatt 

» gend, auf ber Bruft bogig gefepnitten umb bem linfen Vorderihen aufgeknöpft. 
m Rand ift eine beſiidte Spige angefet, welche oben am Stehfragen faltig ber 
gt if, von ba aus in ofen Falten auffiegt und &is zum Bogen herabreidt. 

weiten Aermel find am Handgelenk in ein Bündchen gefat. 
er Salon 1899. Heft I. Band I. 8 


114 Ueueſte Moden. 


Ar. 3. Hohe glatte Taille. (Promenaden -Anzug.) 
Die aus maufegrauem peau de soie angefertigte Taille it vorn gefhloffen. 
Den oberen bogigen Äusſchnitt derfelben füllt ein La aus grauem Sammet. Den 
Armausfhnitt, die Echmtern und Fagränder umfäumen Paffementerien aus grauen 
Perlen. Die Aermel find anliegend und haben am untern Rand eine Meine Perfen- 
verzierung. Die ſchwarze Spibencapote ift mit rothem Diadem und grauen Band- 
ſchlupfen ausgeftattet, 


Nr. 2. Taille aus gefreiftem Wollenſtoff. 


Ar. 4. Anzug für ein junges Mädchen. 

Auf einem erften Rod aus einfarbigem rothem Wolfenftoff it ein Meines Brif 
am untern Rande befindlich. Der zweite Rod aus blau» und rotbgeftreiftem IBo_ 
Tenftoff mit Seibenfäben ift einfad) am Gürtel eingereiht. Die glatte Taille if mu 
am Vorbertheil in der Taille etwas eingehalten. Die Taille umgiebr ein roth- au 
blaue oder geftefidter Gürtel. Die halblangen Aermel find mit Spige umrande 
Rothe Schleifen find am Arm und am Bordertheil, ſowie aud im Haar befeftig: 


Ar. 5. Anzug für Mädchen von 12 Jahren. 
Auf einem farbigen durchicheinenden Ceidenod liegt ber zweite aug genäpı 





Ueneſte Moden. 115 


E pipe auf, welcher ben erften bis zum Rand kebedt. Die Polonaife aus Peline- 
Surah ift an ben Vordertheilen faltig und gebt in ber Taille ſchräg übereinander. 
Den berzförmigen Ausſchnitt fülit eim ebenfalls ſpitz ausgeſchnittener Spitzenlatz. 
Die Aermel haben oben uud am Handgelenk die gleiche Verzierung. Da, wo bie 
faltigen Borbertheife übereinanbergeben, if ber untere Theil der Polonaije gerafft 
und mit einer tofafarbenen Schleife mit Tangen Enden befefigt. An den Ceiten 


Nr. 3. Hofe glatte Taille. (Promenaden-Anzug.) 


ch dem Rüdentheife zu find bie Seitentheile bes Nedes in Falten aufgenommen, 
daß ſich ſpitze Zaden bilden. Rofa Strümpfe und Schuhe. 


Ar. 6. Anzug für ein Mädchen von 6 Jahren, 


Der erſte Rod aus cremefarbigem Surah it am Rand mit einen breiten, 
Ridten, blauen Sammettreifen befegt. Ein zweiter Rod aus Meingefaltetem Eta. 
‘ne reiht bis zur Stiderei ber erften herab. Die ruſſiſche Blouje aus creme 
vigem Surah iſt mit blauen, befidten Sammetftveifen verziert. ( Gürtel; Aermel - 

8* 


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118 Neuefte Moden. 


bündehen, Kragen unb Patten find ebenfo. Auf ben Schnltern Befinden ſich Meinfaltige 
Etamineärmel über dem glatten, cremefarbigen Surahärmel. 


Ar. 7. Anzug für ein junges Mäddien von 18 Jahren. 

Auf dem glatten, beigefarhigen Rod aus Bengafine find fang herabhängende 
braunrothe Sammetbänber befeftigt. Die Tunika und Jade find aus ſchottiſchem, 
maronenfarbig geftreiftem Wollenftoff angefertigt. Die Vorbertheile bes Rodes find 
vorn offen und fallen am Rucktheil in ſchlichten Falten herab. Die Iade fteht 
vorn, ebenfo twie bie Rodtheile, weit offen umb wird mit braumroten Sammet» 
patten über einem Faltenhemd vom Stoff bes erſten Roces zufannnengehalten. Die 
Aermel vom Stoff der Jade find unten etwas weit gefcnitten und mit Sammet- 
binden zufammengefaßt. Am Halsauejchnitt ber Iade befindet ſich ebenfalls ein 


Nr. 9. Natpemd „Aölania 


Sammetfragen, welcher bis zut obern Bruftfpange reicht. Auch ber das Unter- 
Hembayen zufainmenhaftenbe Stebfragen ift von Gamımet. Rother Hut mit einem 
eremefarbigen Gazefchleier. 


Ar. 8. Anzug für Mädchen von 10 Jahren. 

Zwei in Zwiſchenräumen aufgefeßte Golbborben verzieren den untern Ran 
des erften Rodes aus weißem Wollenſtoff. Die Polonaife „Lucile aus oriental 
ſchem Stoff mit weißem Grund ift mit Rofa und Gold befidt. Das faltige Unter 
bemb ift vom Stoff des erften Rodes und am Hals ebenfalls mit zwei Golbborbeu 
verziert. Am Hals ift das Hembehen eingereiht unb Kilbet eine Hochfehenbe Kraufe. 
Die Borbertbeile der Tunika find in ber Taille faltig zufammengenonmen und mit 
einem Stofftuoten mit fangen, am untern Ende mit Franſen beſetzten Schärpen- 
enden bebedt. Die Rodtheile der Tunika find vorn in fpige Zaden ausgehend ge 
fönitten. Die Riidtgeile find in alten oben angefegt und fallen bis zum Rand 
bes erften Rodes glatt herab. Die oben weiten Nermel find bort eingereiht. Yır 


Neueſte Moden. 119 


Ellbogen liegen dieſelben glatt an und haben eine faltige Stofflage als Beſah. 
Der Hut aus roſa Surah iN durchgebends eingereiht und mit GSteifen durchzogen. 
Der Kopf it hochflehend und ber Rand an ber hinteren Seite etwas aufgebogen. 
Eine ſchöne roſa Feder Mräufelt ſich nach oben. Zwei weiße Atlasrojetten find an 
beiden Seiten ber Feder befeftigt. 


Ar. 9. Aactfemd „Askanin“. 

Das aus Perlal angefertigte Hemb hat einen fehrägen, aus Meinen Falten ber 
Rependen Latztheil. Am ſchrägen Schluß deſſelben ift eine hilbſche —A— an · 
geſetzt. Ein Faltenbündchen mit Kraufe bildet am Hals und am den offenen Aermeln 
den Ehfuf. 

Ar. 10. Taghemd aus Batif. 


Der obere Ausſchnitt deſſelben if rund. Die Bruſttheile find mit beftidtem 


Nr. 10. Zaghemd aus Batif. 


Zwiſchenſatz und_gfatt aufgejehter Spitze verziert. Unterhalb biefer aufgeſebten 
Streifen if} der Stoff mehrfad) eingereipt. Ein jcmales (Cometen-) Band durchzieht 
den obern Rand umd wird auf den Schultern in Echleifen gebunden. Der Arm - 
ausfcpnitt if mit Spitze begrenzt, ebenfo der untere Rand bes Hembes. 


Ar. 11. Taille „Gorolla“,. (Rück- und Borderanſicht.) 


Dieje Blouſentaille ift aus beigefarkigen Wollenftoff und glatter Faille zu- 
far .mgefeßt. Den vieredigen Ausſchuitt der oben mit einem Kopf aufgefegten 
Fa 'emtheile aus Wollenfloff füllt ein gfattes Theil aus gleichjarbiger aille. 
©: ufterpatten aus Wollenftofi mit Seide durchfteppt begrenzen bei Mermel, Die 
ſer ift unten etwas weit geſchnitten und in ein breites Faillebündchen gefaßt. Ein 
Si tel aus gleihfarbigem gros grain-Banb mit filberner Schnalle befeftigt bie 
Te Nenfalten. Das faltige Schooßtheil_ift mit Seide durchſteppt. Born herab ift 
die ” le mit Kuöpfen gefchloffen. Rüden und Ceitentheife find glatt, ebeufo 





TEEN 


120 Neueſte Moden. \ 


find die Vorbertheile auf einem glatten, mit Bruftfaften verjehenen Untertheil ber 
feftigt. Zur Anfertigung. it erforberli: 1 Dir. 50 Centm. Wollenftoff von 


Nr. 11. Taille „Gerola. (Rüd- und Borberanfigt.) 


1 Mir. 20 Centm. Breite. 1 Mir. Faille. Fünf Knöpfe zu dem obern 
der Bloufe paffend und vier bunklere zum Wollenftoff. 





Webaction, Verlag und Drud von 9. 9. Panne in Deubnip DE Feipig 


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SIagdglük. 


Eine Sportgeſchichte. Bon Waldemar Stropp. 





in frifcher Elarer Herbftmorgen! Auf dem breiten 

Kiesplag vor dem Herrenhaus, der, von glattge- 

ſchorenem Raſen und einem zierlichen Eifengitter ein- 

gefaßt, daffelbe von dem großen Wirthichaftshofe 

trennt, geht es ungewöhnlich belebt zu. Schlanke 

feurige Hunter, deren glattes Fell wie Atlas in der 

nne glänzt, werden von Reitfnechten in prallen Leder 

ind Stulpftiefeln langſam auf- und abgeleitet, während 

ärts die Meute, von ihrem rothrödigen Mafter und 

feiner gefürchteten Peitſche nur mühſam in Ordnung gehalten, ihrer 

ung zuweilen in einem jauchzenden Gebell Luft macht, und die 

in 0 verjammelte Dorfjugend draußen am Gitter fid) die Najen 

plattdrüdt, und mit großen begehrlichen Augen in das verbotene 
Paradies ftarrt. 

Die Herrſchaften figen drinnen. noch beim leichten Imbiß — 
das jolenne Dejeuner fommt erft nach der Jagd. Voch jetzt wird’ 
im Veſtibül laut, Lachen und Stimmengewirt, und ein bunter, glän- 
jenber Strom von rothrödigen Herren und Damen im Amazonen- 
om ergießt fich die breite Freitreppe herab, und ruft nad) den 

erden. 

As die Letzten afgeinen eine junge Dame und brei Herren: 
mteije Edith Waldenjee, de3 Jagdherrn Töchterlein, eine Ichlanfe 
londine, deren wundervolle Formen durch das knappe Reitkleid 
ch mehr gehoben werben, mit einem pifanten, etwas blaffen Ge— 
ytchen und großen, dunklen Augen, die fonft gern in harmlofer 
töhlichkeit leuchten, jegt aber etwas hochmüthig und kalt blicken. 
nier ihr der gräfliche Papa, ein mittelgroßer, zierlicher Herr mit 
yellofen, etwas refervirten Allüren, renommirter Pferdefenner und 
ichter, neben ihm fein Schwager, langjähriger Freund und Guts— 
Der Salen 1889 Heft II Band I g 


122 Iagdglüc. 


nachbar, im übrigen aber direktes Gegentheil, Herr Wichard von 
Borden, eine Fräftige, gedrungene Figur mit jonngebräuntem, jovialem 
Geficht, das Urbild eines märkiſchen Banbevebnannes von altem 
Schlage. Der Komtefje zur Seite, in der Uniform eines Wlanen- 
regiments, bie feine ſchlanke und doch fefte Gejtalt ausgezeichnet 
Heidet, fein Sohn Heino, von den Gutsleuten Junker Bein, von 
den Kameraden „der tolle Heinz“ genannt, das verjüngte Ebenbild 
feine Erzeugers, nur daß feine —— grauen Augen nicht, wie bei 
dem alten gem luſtig, fondern, vielleicht in Konfequenz der ab- 
weifenden Blicke feiner ſchönen Coufine, etwas fpöttifch auf dieſe 
herabbligen. 

Die junge Dame ift augenſcheinlich mauyais humeur, fie giebt 
auf feine Bemerkungen feine, oder nur pie Antworten, und wie er 
ihr jegt unten in den Sattel helfen will, läßt fie fich, als bemerfe 
fie das gar nicht, von dem Groom den Bügel halten. Er dreht fich 
auf dem Abfag um, während ihm das Blut dunkel in das gebräunte 
Geſicht fteigt, und geringe ſich mit einem unterbrüdten Fluch, in den 
Sattel jeines ftarfen Halbbluts. Indem hört er ihre filberhelle 
ſpottiſche Stimme: 

„Sagt' ich's nicht, Papa, daß Vetter Heino auch heut wieder 
feinen unvermeidlichen ſchafsfrommen Bill berausbringen würbe?t“ 

„Sehr vernünftig von ihm, mein Kind! Bei heutigen 
ſehr coupirten Terrain fann er einen halbgerittenen ftörrifchen Rader 
auch durchaus nicht brauchen!“ 

„Na, ich weiß nicht, — wenn ich das hohe Glüd hätte, ein 
„ſchneidiger Lieutenant“ zu fein, würde ich eine Ehre darein jegen, 
auch einmal einen etwas weniger zahmen Gaul über eine Hede zu 
bringen, — doch chacun & son goft, — freilich, mit unferm Emir 
möchte es ihm etwas ſchwerer werden, hinter den Hunden zu bleiben!“ 

Die Nächten fpigen bie Dhren — man hat fchon feit ge 
raumer Seit eine gewiſſe Antmofttät zwijchen den Beiden bemerkt. 
Sein ift bei feiner Coufine ehrenrühriger Vorausfegung bis in die 

appen erbleicht, feine Augen jprühen, — ehe.noch der Graf, dem 
alle Scenen ein Gräuel find, feinem boshaften Töchterchen den Tert 
Iefen kann, hört er fi) ſchon von der andern Seite durch feinen 
Neffen_interpellirt: 

„Onkel Graf, Du geftatteft wohl, daß ich für heute meinen Bill 
mit Deinem Emir vertauſche? Couſine Edith ſcheint fich jo darauf 
I freuen, ihren Vetter coram publico auf die Naſe fallen zu fehen, 

aß ich ihr Die Freude nicht verderben möchte!“ 

Komtefje Edith erröthet bei dieſer unerwarteten Erwiderung au 
ihre Heine Malice, und wirft einen zornigen und Doch wieder eı 
ſchreckten Blid auf den Rüdfichtslofen. Der aber jcheint das gar 
nicht zu bemerfen. Schon ift er aus dem Sattel, und ein Stall 
knecht Läuft nad, dem Emir. Der Graf Hat gut protefticen J 
eine ſolche Tollheit“, — feine hohe Stimme verhallt in dem Ki 
meinen Durcheinander. Ein Theil der Herren, die Aelteren, Bejon 


Fapdglüc. 123 


nenen, mahnt ab, die Jüngeren fchreien Haftig dagegen, fie freuen 
fi als enragirte Sportsmen des fenfationellen Ereigniffes, — der 
Emir genießt das beneidenswerthe Renommee, die bösartigfte, untrai- 
tabeljte Beſtie weit und breit & fein. Endlich übertönte die Donner⸗ 
ftimme des alten Herrn von Borden den Lärm: 

„Aber ich bitte Sie, meine en, bie ganze Sache ift ja die 
Rederei gar nicht werth! Aerger' Dich nicht, alter Freund! La’ 
doch den Jungen, — ift ja feine Zuderpuppe! Und auf eine folche 
Berausforberung von ſchönen Lippen konnt’ er gar nicht anders, — 

Hätt’ ich mich ſelbſt noch mit meinen alten fteifen Knochen auf 
den Satansgaul gejegt!” 

Inzwiſchen iſt auch der Emir ſchon gebracht, und etwas abjeits 
geftellt, ein wunderjchöner, kohlſchwarzer Hengft mit feurigen Augen 
umb tüdifch fpielenden Ohren. in, geht ruhig zu ihm heran, 
jtreichelt ihm den feinen Kopf, fpricht ihm leife zu, was den gengit 
jüchtlich zu beruhigen feheint, dann tritt er leicht feitwärts, und figt 
mit einem Sprung im Sattel. Der Stallknecht prallt zur Seite, 
der Rappe ſchießt mit einem mächtigen Sag vorwärts, und nun be- 
ginnt ein aufsegenber Kampf zwiſchen den beiden ebenbürtigen Geg- 
nern, dem alles geſpannt folgt, Edith blaß vor Aufregung, und die 
bligenden Perlzähnchen auf die Unterlippe gepreßt. Der Emir fteigt 
und bodt wie unfinnig, gut und faucht, wie eine tollgemordene 
Lokomotive, — verſucht alles, um den verhaßten Reiter abgufchätteln, 
— ber aber figt wie angegoffen, ein wildes Lächeln ſchwebt um feine 
Lippen, aber eifern hält er ben Herait im Zügel, fefter und fefter 
legen fich feine ftählernen Schenkel an die Flanken des Ungeberdigen. 
Noch er ihn weder mit Beisihe noch Sporen berührt, als aber 
die rajende Veftie in blinder Wuth näch feinen Beinen fchnappt, 
wird auch er warm, ein furchtbarer Hieb mit der ſchweren Reitpeitiche 
fauft herab, er ftößt ihm die fcharfen Eifen in die Rippen, daß ber 
Schwarze vor Schred und Schmerz einen Moment wie gelähmt fteht, 
— aber ein zweiter Hieb macht ihm ſchnell Beine, — mit einem 
Zuthiehei legte er die Ohren an, und fliegt vom led! weg wie ein 
Hirſch Über das Eifengitter und zum ‚Sofhor hinaus. Alles drängt 
wach, — da, weit unten in ber großen Allee, ſehen fie die Beiden 
in rajender Carriere dahinftieben. 

„Da haben wir's, der Racker ift im fchönften Durchgehen!“ 
jammert der Graf. 

„Scheint mir nicht, alter Freund!” meint Herr von Borden falt- 
blütig, „joviel_ich fehen kann, hat er ihn noch ganz hübſch in ber 
Hand, und läßt ihn ſich nur ein bißchen aus der Pufte laufen, — 
und das fchadet der Canaille gar nichts!” 

Man ftreitet fih Tebhaft pro et contra, und Komtefje Edith 

wortlo8 und bleich auf ihrem Schimmel, und ftarrt mit einem 

eltjam wilden Ausdrud in den großen Augen der verſchwindenden 

Staubwolfe nad. Aber der alte Herr mit feinen Falfenaugen hatte 

echt gehabt, die Staubwolfe taucht wieder auf, fommt mit raſender 
—* 





124 Iagdglüc. 


Sejehrninbigkeit näher, und nun fehen auch die andern, daß der wilde 
Neiter völlig Herr feines Thieres ift Jetzt erſt läßt bie angftvolle 
Spannung, Im Ediths Zügen nad, fie athmet auf, wie von einer 
ſchweren Laſt befreit, und die — fehrt in ihre Wangen zurüd, 
— mit ihr aber auch ber feindfelig abweiſende Ausdrud ihrer Augen. 
Und da iſt auch Heino jchon heran, und parirt den jchäumenden 
ſchnaubenden Hengit, der jet willig dem Bügel gehorcht, dicht vor 
den begeifterten Zufchauern: 

„Bitte die Herrichaften taufendmal um Entſchuldigung, daß ich 
Sie fo lange aufgehalten, aber nun können wir auch fofort aufs 
brechen!" 


Alles ift in beträchtliche Aufregung, bie Herren fohreien in 
ihrer fport3männifchen Begeifterung; daß man es eine Viertelmeile 
weit hören kann, aud die Damen geben ihrer Bewunderung mehr 

. oder minder lauten Ausdrud. Nur Komteffe Edith Hat für ben 
fühnen Reiter weder Wort noch Blid. Einen Moment feheint es, 
als wolle er ſich ihr nähern, aber fie wendet ſich falt ab, und er 
beißt grimmig die Zähne zufammen, und nimmt den Hengft zwiſchen 
die Schenkel, daß er in mächtiger Langade nach vorn fchießt. 

„Hola, Zunge! Sachte! Nimm uns aud mit!“ brummt der 
alte Borden und 

„Bift Du denn heut rein des Teufels, Heino? Willft mir wohl 
meinen Gaul ganz zu Schanden reiten?“ knarrt de Grafen Stimme. 

ne et Dntel aa Der hi de 4 nicht Reh Rau 
machen, — follft jehen, ber läuft nachher noch weg!“ 
alſo Interpellirte, und reitet an Per feines Vaters, der liebes 
voll und mit väterlihem Stolz auf den echten Sproß vom alten 
Stamme hy t. 

„Haft Dich brav gehalten, mein Junge!“ nickt er ihm zu, und 
beugt fich näher zu ihm herüber: „Aber was haft Du denn mit der 
tleinen Eddy? Seid ja ir ſchier wie Hund und Kage miteinander, 
und follt doch mal Euer Leben lang in einer Koppel jagen!“ 

„Nein, Papa! Daraus wird nichts! Ich danke für die Ehrel“ 

„Hobo, geeunbegen! Auf einmal? Nur nicht gleich jo hitzigl 
gl tleine Kabbeleien giebt's überall, das verfliegt wie Stroi 
jener!“ 

„Papa, Du fennft mid, und weißt, daf ich fein Hitzkopf bin! 
Aber mit einem Weibe, das fo wenig Herz hat, — nein, ich danke! 
Do hier können wir darüber nicht fprechen, zu Haufe werde "" 
Dir alles fagen!“ 

„Na, bin neugierig! Daß ich Dich nicht beeinflußen mwerL 
weißt Du, Du mußt mit Deiner Frau leben und bift Mann's gen 
für Dich felbft zu wählen! Aber es war ein Lieblingsplan v. 
meinem alten Waldenfee und mir!“ 

Ein feſter Händebrud, Vater und Sohn verjtehen ſich of 
viele Worte. 


Sagdglũck 125 


Inzwiſchen hat der Graf mit ſeinem Töchterchen leiſe daſſelbe 
Thema verhandelt, nur auf feine Weiſe: 

„Was ift denn das jet mit Dir und dem Heino? Was haft 
Du gegen ihn? Das ift feine bloße Nederei mehr, das ift ja fom- 
plette Feinbfefigteit! Deine ſcharfe Provokation vorhin hätte ihm 
leicht den Hals oder eines feiner gejunden Glieder often können! 
So fpricht doc ein Mädchen, jelbjt wenn & gereizt ift, nicht zu 
dem, dem fie bald für das Leben angehören fol!“ 

„NRimmermehr, Papa! Das fann ich nicht!“ 

„Bitte, mäßige Did! Man wird aufmerffam auf und! Und 
warum nicht, wenn ich fragen darf? Bisher warſt Du doch 
fehr einverjtanden damit! Du weißt, daß ich Dich nie zwingen 
werde, wenn Du triftige Gründe für Deine plögliche Weigerung haft, 
aber um einer Mädchenlaune willen werde ich einen Plan, an dem 
Borden und ich feit langer Zeit hängen, und der nur Euer Beftes 
bezweckt, nicht aufgeben, mein Kind! Doch wir fprechen zu gelegenerer _ 
Bei noch darüber, vermeide für jet wenigftens alle weiteren Reis 

ien mit Deinem Vetter!“ 

Es war auch feine Zeit mehr zu weiteren Erörterungen, man ift 
inzwifchen auf dem Rendezvouspiatz angelangt, wo bereitß verfchiedene 

‚en in Roth aus der Nachbarſchaft die übrigen Jagdgäſte des 

fen erwarten. 

Die Hunde werden angelegt, bald haben fie den Fuchs aus dem 
Cover getrieben, und die Meute ftürmt ihm mit hellem Geläut nad, 
Hinterdrein bichtgefchloffen das rothe Feld. Aber bald kommt es 
augeinander, das Terrain ift wirklich verteufelt coupirt. Hier refüfirt 
ein Saul hartnädig, da ftürzt ein anderer, — es ift ein aufregender 
Run. Komteffe Edith auf ihrer Teichten, fichern Vollblutftute Miß 
Sarah ift wie immer unter den Vorderſten. Aber ihre böte noi 
Better Heinz, bleibt ihr hartnädi gu Seite, als wollte er ihr 
oculos demonftriren, daß er auch aut m Emir hinter den Hunden blei- 
ben fan. Er hat recht gehabt, der Sergit galoppirt alle todt, wenn 
er ihm mur die Zügel hießen laſſen wollte. Leicht und willig nimmt 
er jedes Hinderniß, — feine Spur von Widerfeglichkeit, dafür reitet 
ihn aber auch fein Peiniger jegt, wo er thut, was er ſoll, mit einer 
fo leichten Hand, al3 ob feine Kinnladen Eierfchalen geweſen wären. 
Doch die Komtefje hat anfcheinend feinen Blick für ihres Wetters 
NReitkünfte, fondern fucht im Gegentheil, wiewohl vergeblich, von ihm 
fortzufommen, und lenkt enblid), mit dem Terrain genau vertraut, 
ungeduldig ihr Pferd feitab, um ihren zähen Begleiter loszuwerden. 

rade in diefem Augenblid fährt ein mmer*) faft unter den 
Ben des Schimmels Heraus, und jagt der nervöſen Miß Sarah 
ıen ſolchen Schred ein, daß fie mit einem mächtigen Satz gu Seite 
allt, der eine weniger firme Reiterin ſicher aus dem Sattel gebracht 
den würde. Komteſſe Edith verliert weder Sig noch Faffung, aber 





*) Baibmannseusbrud für Haſe. D. Berf. 


——M 


126 Sagdglũck. 


ſtatt das ſonſt lammfromme Thier durch ihre bekannte Stimme zu 
beruhigen, giebt fie, ohnehin ſchon in gereigter Stimmung, und nun 
durch dies har cibent_ in enwart bes fatalen Vetters fait außer 


Hi en die Pr nimmt, und 
ventre & are ausbricht. Unter andern Umftänden hätte ſich Edith 
nicht viel Daraus He fie würde ihres Gaules, wenn er ſich 
er Athem me db genug wieder Herr geworben fein, — 
aber gerade in * Richtung, in der Miß Sarah wie ein abgeſchoßener 
teil davonftürmt, befand Ne nur wenige Hundert Schritt entfernt, 
eine tiefe Mergelgrube mit fteil abfallenden Wänden, und, ba fie 
mitten im Zelde lag, nicht einmal von einer Yewährung umgeben, 
— N —* Dar ach 1 jegen eins zu wetten, daß ihr Pferd in feiner —— 
ſtſam dort hinabſtürzen, ober, wenn es wirklich 
a ken 9 Moment zurücprallte, fte über feinen Kopf weg in bie 
Tiefe fchleudern mußte. Tro verliert fie nicht die Geiftesgegen- 
wart, ſondern bemüht fich aufs äußerſte, Miß Sarah zum Stehen 
au Dingen ober herumzuwerfen, — aber was vermag ihre ſchwache 
ft gegen bie unbändige des tollgeworbenen Thieres?! Und nir- 
gends ie: Die andern find weit, fte Zönnen ihren Auf nicht 
ören, und wenn au, — ehe fie heranfommen, i iſt ihr — 
ingft entf jeden, — und ben Einen, der bei ihr aus gehalten bis j 
hat fie feldft ohen, — D, wenn er jegt bei ihr wäre! 5 
Heinz!“ feufzte fe ie. Sie ift ein eh, eu ned 9 — 
chen, aber das Herz frampft ſich ihr doch zufammen bei 
ten, von dem Leben, das fie kaum erft zu koften begonnen, Peg ihr 
fo orig lacht mit all’ feinen Freuden und Wonnen, in wenigen 
Sekunden für immer fcheiden zu ſollen! . . . Und da taucht au 
kon. von dem umliegenden Feld be u unterfcheiden, ber Ran 
der Grube dicht vor ihr auf, — noch zwei Sprünge, und alles iſt 
vorüber, — ba, dicht hinter ihr Eäinauben, Tafen! ufſchle 
ein dunkles Etwas ſchießt bei ihr vorüber — fie fühlt fü som einem 
ſtarken Arm feft umfchlungen, und gehalten — ihr Pi 2 
ger fen — ftarrt in die dicht vor ben Hufen ihres —e 
we en Thieres jäh abfallende Tiefe, — dann ſchwinden ihr de 
inne . 
as fie die u gen wieder aufitägt, Tiegt fie auf ber Erbe, ihr 
Kopf von Seinos Wı tm geftügt, und er beugt ſich über fie — mit 
einem Ausdruck — fo voll Liebe und Angft! — Er, ber in letzter 
it immer jo ernft und alt war! — dab es ihr ift, wie ein ſchönt 
raum, aus dem man nimmer erwachen möchte, und fie wieder bi 
Augen ſchließt, und felig lächelnd flüftert: 
„D Heinz! Dup!“ 
Und fie fühlt — feſter von ſeinem Arm umfotungen, und feiı 
- Lippen heiß auf ben ihren brennen, und hört feine bebende Stimr 
leife an ihrem Ohr: 


ln 





Iagdglük. 127 


ſicht: 

„Und die Meiners? Was haft Du mit ihr?!“ 

Heinz macht ein ungeheuer verdugtes Geſicht. 

„Die Meiners? Was für eine Meiners?* 

Sie ftarrt ihm noch immer angftvoll in die Augen, als wolle 
fie im Innerjten jeiner Seele lefen. 

„Dlga Meiners, die Tochter des reichen Meiners, — Kommer- 
ienrath, oder was er ift, — da in Eurer Garnifon, — um die Du 

ich bewerben ſollſt, — was ift daran? Um Gottes willen, Heinz, 
fei aufrichtig gegen mich!” 

Jetzt Yacht er laut auf. „Na, da hört doch aber die Weltge- 
ſchichte auf! Ich mich um Olga Meiners bewerben?! Wer hat Dir 
denn nur das tolle Märchen aufgebunden, Kleine?“ 

„Lieutenant von Neuhoff, als er das legte Mal auf Urlaub 
bier war!“ 

„Der Teufel foll dem verd... Schwäger auf ben Schädel 

! Wie kann er fich erfrechen, Dir folge offenbaren Lügen zu 
erzählen?! Das ijt ja eine Infamie fondergleichen, noch dazu gegen 
einen Kameraden, jelbft wenn er es aus purer Klatſchſucht — altes 
Weib, das er ift! — ohne böfe Abficht gethan hätte! Aber warte, 
mein Junge, wir fprechen und noch! Und Du Haft diefen holden 
Unfinn ohne weiteres für baate inze genommen, haft Deinen 
Heinzenvetter für fo dumm und fo ſchlecht halten Fünnen, und ihm 
nicht mal ein Wort deßwegen & önnt?! Eddy, das hätte ich nicht 
von Dir erwartet! Jetzt eilt fann ic) mir Deine Gereiztheit 
gegen mich in letzter zeit erklären!“ 

„D Heinz, vergieb! Ya, ed war unrecht und thöricht von mir, 
ich ſehe es jeßt felbit, und ich habe mich ja auch lange gefträubt, es 
zu ‚ glauben, — aber fiehft Du, Du hatteft Dich doch noch nicht 
erklärt . . .* 


„Weil ich das zwifchen uns beiden für fehr überflüffig hielt!* 

„Wenn auch, aber immerhin warft Du doch nicht gebunden, 

ne andere konnie Dir beſſer gefallen Haben...“ 

„Kind, ich bitte Dich, das glaubt Du ja felbit nicht!“ 

Sie I ) an ihn. „Es war aber doch möglich, und 
an hatt! i in Necht, Dich danach zu fragen, — und beßhalb 
qwieg ich, — es ift mir ſchwer genug geworben!” 

Er füßte fie. „Arme Kleine, was haft Du Dir für unnöthige 
sorgen gemacht!” 





— Sagdglũck. 
„O, nun iſt ja alles gut, nun ich weiß, daß an dem Gerede 


nichts iſt, nicht wahr?“ 

„Nicht ein wahres Wort! Ich habe mit der bewußten Dame, 
— die nebenbei gejagt nicht nur ein veiches, fondern auch ein hüb- 
ſches und ficbenstoiiges Mädchen ift, — ein paar Mal in Gejell: 
ſchaften geplaubert und getanzt, natürlid) auch ala anftänbiger Menih 
meine Viſite gejchnitten, — das ijt aber auch alles! Bon irgen 
etwas, was wie Courſchneiden, oder gar wie eine Bewerbung aus- 

eſehen hätte, ift zwiſchen ung nie die Rede geweſen, — konnte es 

Fon gar nicht fein, weil ich, fo fange ich denfen kann, immer nur 
ein gewiſſes ſüßes kleines Geſchöpfchen angebetet habe, das fich augen- 
blicklich ſehr verfhämt an meiner ft verkriecht!“ 

Cie blickt erröthend, aber glüdfelig zu ihm auf: „Und ift das 
wirklich wahr?“ 

„Wahr, wie das Evangelium!“ nidt er gravitätiſch, und küßt 
fie auf den rofigen Mund. 

en Geliebter, wie war ich dumm, — und wie bin ic} jegt 
glüdlich!” 

„Mein füßes Lieb! Und ich erft! Wer Hätte das noch heut 
Morgen gedacht!" 

„D Peg! von heut Morgen! Ich mag gar nicht daran ben- 
ten! Wie ſchäm' ich mich jegt, daß ich jo häßlich zu Dir war! Gott 
fei Dank, daß alles jo gut abgelaufen ift! Ad, ich habe ja nicht 
gebadht, daß meine böfen Worte folche Wirkung haben würden! Und 
als ich dann mit Schreden ſah, was ich angerichtet, — wie habe 
id da für Dich gezittert, und Dich bewundert! Nicht wahr, Du 
verzeihft jet Deiner Eddy?“ 

„Da iſt nichts zu verzeihen, mein Liebling, — ich denke jet 
nur an mein Glüd, — und Du weißt, was ſich liebt, das neckt ſich; 
das Yale ift nachher um fo ſchöner, nicht — Und dann, 
ſieh, hätteſt Dur mich heut Morgen nicht jo herausgeforbert, fo hätte 
ich jegt nicht den Emir geritten, — und wer weiß, ob ich auf einem 
andern Gaul noch zurecht gefommen wäre, — & hing jo ſchon an 
einem Haar — br! 39 in gerabe nicht ſchwachnervig, aber es 
überläuft mich jegt noch Falt, wenn id) nur an Die Möglichkeit denke, 
— mas hätte ich wohl angefangen?!“ 

Sie ſchmiegt fich fefter an ihn, er preßt fie an fich, als wolle 
er fie nimmer laffen.... 

„Aber pogtaufend, über unjerm Glück vergeffen wir ja wohl 
rein Zeit und Weile, — natürlich, dem Stückigen ſchlägt feine 
Stunde! Aber jegt werden wir uns doch wohl nad) der verehrlichen 
Geſellſchaft umſehen müffen, die gar nicht willen wird, wo wir ein 
Ende genommen haben! Ich denfe, wir reiten am beften Direkt 
nad dem Rendezvousplatz, — zum Hallali dürften wir doch wohl 
etwas zu jpät fommen, was, Kleine?“ 

„Bedauerſt Du das?“ lächelt fie. 

„Du Schelm! Was ic) heut danach frage! Bin ich doch hier 


u u Sagdglüc. 129 


bei einem viel ſchöneren Hallali der Erfte und Einzige geweſen, — 
das nenn’ ich doch noch Jagdglück!“ 

Sie umſchlingt ihn. „DO Heinz, wenn Du wüßteft, wie glüdlich 
& mid) macht, das zu hören!“ 

„Das wirft Du ſteis, my own sweet darling, und wenn id) jo 
alt wie Methujalem würde!“ 

Dann bindet er die Pferde Los, die von ber heftigen Anftrengung 
erihöpft wie die Lämmer geftanden haben, hebt jeine Eddy in den 
Sattel, — o wie ſtolz und glücklich ftügt fie fich jet auf feinen 
ftarfen Arm! — ſchwingt fü —T auf den Emir, und lacht: 

„Da fieh’ nur Deine Mit Sarah an, was fie jegt für eine 
wahre Schafsmiene macht, als könnte fie fein Wäſſerchen trüben, 
und hätte nicht vorhin beinahe das größte Unheil ang! ichtet! Und 
dabei kann ich dem Racker noch nicht einmal ernſtlich böfe fein, denn 
ohne feine Unvernunft hätten wir und wohl faum fo bald und jo 
glüdlich gefunden! Na, wird mein Alter aber Augen machen!“ 

„Ah ja, und Papa erft, — noch dazu nach dem, was ich ihm 
vorhin erjt gejagt habe!“ 

„Du? Was Haft Du ihm denn gejagt?“ 

Sie lächelt ihn ſchelmiſch an. ‚Ss ich einen gewiffen jungen 

und Better nicht heiraten könne!“ 
„Das haft Du ihm rund herausgefagt? Alle Wetter, wie fam 
denn das? 
Sie fieht ihn num doch etwas ängftlich an. „Papa machte mir 
Vorwürfe über mein Benehmen gegen Dich, meinen künftigen Herrn 
und Gebieter“, fie lächelt wieder ſchalkhafi, „und ich war noch auf- 
gerest von der Scene vorher, — und dachte an die unglüdjelige 
Iga, — und da fuhr es mir fo heraus! Aber, nicht wahr, Heinz, 
jegt bift Du mir nun auch nicht böfe — es iſt ja nun alles 
gut, und Du Haft ja felbft gefagt, Du ſeieſt zu glücklich ...“ 
| Sie tommt nicht weiter, ihre Worte werden von einem unaus- 
Töfchlichen Gelächter verichlungen: „Hahaha! Das ift Föftlich! Eddy, 
Kind, ich habe ja meinem theuren Erzeuger auf feine diesbezügliche 
Moralpaufe genau dajjelbe erklärt!” 

Jetzt lacht fie mit. „Du au, Heinz? Wirklich? Nein, ift 
das aber ein fomifeies Zufammentreffen!“ 

„Die reine Komödie der Irrungen! Ein Glüd nur, — um bei 
Shakeſpeare & bleiben, — daß es fchließlich noch Heißt: Ende gut, 
alles gut! Aber jet, Schag, halt’ ich's nicht mehr aus fo im ehr 
baren Schritt, — Herrgott, ich könnte ge vor lauter Glück und 
— "ermuth gleich in alle Lüfte gehen! Diefe legte Konfufion ſetzt 

« Ganzen die Krone auf! Komm’, wollen einen tüchtigen Jagd- 

on machen, — ober haft Du noch genug von vorhin?“ 
Bo denkſt Du Hin?! Das wäre noch ſchöner!“ 
echt fo, bift ja mein tapferes Mädchen, und wirft eines 

o Frau! Alſo au galop grand, ma belle cousine!“ 

Ttößt einen gellenden Jagbichrei aus, dag Miß Sarah und 





130 Iagdglüc. 


der Emir wie eleltrifirt die Ohren fpigen und vorwärts ftürmen, 
und fo jagen fie beide nebeneinander in fliegender Pace dahin über 
Gräben und Heden, — ihre Wangen glühen und ihre Augen leud- 
ten, — zwei glüdjelige junge Menjchenkinder! 

Schnell kommt der Nendezuousplag in Sicht. Er zieht den 
Bügel an, fie laffen die ſchnaubenden Syiene in Schritt fallen. 

„So, Eddy, nun Hör einmal zu: Wir laffen uns jegt zunächſt 
von unferm Glüd noch nichts merfen, fondern machen ein Geficht, wie 
— na, wie wir es dieſe ganze verrüdte Zeit über gefchnitten haben, 
0 fauer und das jegt auch werden wird, und Taffen unfere beider 
eitigen teuren Alten für ihre unerhörte Tyrannei gegen ihre armen 
Würmer noch ein Weilchen jappeln!“ 

Sie muß unwillfürlich laden. „PBfui, Heinz, wie kann man in 
ſolchem glüdlichen Augenblid jo boshaft fein!“ 

„Ach was, ein bichen Bosheit gehört zum Leben, wie ber Senf 
um Rindfleifch, die Sache wird ſonſt zu fabe. Laß fie nur erft ein 

iächen Brummen, und die ehriwürdigen Köpfe jcHütteln, nachher ift 
die Freude um fo größer!“ lacht er übermüthig, und amüſirt im 
ftillen, wie fie troß ihres Widerſpruchs ihr Geiähtchen gehorfam in 
allerliebfte Schmollfalten Legt. 

Auf dem Sammelplag berriit bereits reges Leben, der Graf 
hat gegen fonftige Gepflogenheit befohlen, das Dejeuner im Freien 
u ferviven, in der menjchenfreunblichen Abficht, die Herren aus der 

achbarfchaft, die nicht zu feinen eigentlichen Gäften gehören, nach 
dem ſcharfen Ritt nicht mit hungrigem Magen nach Haufe traben zu 
laſſen. Natürlich find die beiden Äusreißer längft vermißt, und ihr 
Verſchwinden vielfältig Tommentirt worden. Der Papa Graf bat 
auch ſchon, fo wenig er fonft fich um fein ſattelfeſtes A üctenen zu 
ängjtigen gewöhnt ift, Boten nad) ihnen ausfenden wollen, aber der 
alte Borden hat es nicht gelitten. 

„Unſinn, alter unge, Hab’ Dich, nicht! Die Eddy reitet gerade 
b, ER wie Du und id, und außerdem ift ja auch der Sunge 

ihr“ 

„3a, wenn der ſelbſt nicht mit feinem Satan von Gaul alle 
Hände voll zu thun hat!“ 

„Na, darliber Eönnteft Du, dächt' ich, jet beruhigt fein, Haft ja 
ſelbſt gefehen, wie glatt er zu Anfang jedes Hinderniß nahm!“ & 
nimmt ihn etwas beifeite. „Nein, ich habe eine andere Vermuthung: 
Ich Habe ihn vorhin wegen feines Benehmens gegen Eddy ein bischen 
ins Gewiffen gerebet, folljt jehen, — er benupt jet bie Gelegenheit, 
die Sache ins Reine zu bringen, — ich habe fo eine Ahnung! N- 
und ba kommen fie ja auch angejchlendert, als ob fie noch wer we 
wie viel Zeit hätten!“ unterbricht er fich Taut, während ber Graf no, 
über feines alten Freundes Zuverficht zweifelnd den Kopf fchüttel 
„Holla, Kinder, beeilt Euch ein bischen, aller Augen warten auf Eu 
Die Suppe wird falt!“ 

As fein Falkenauge aber die froftigen Mienen der jegt raf 


Iagdglüc. 131 


Herantrabenden gewahrt, fchüttelt er verbrießlich den grauen Kopf, 
und brummt dem Grafen ins Ohr: 
„8 ift nichts! Die find weiter aus einander, wie je! Hol’ der 
Teufel ——— Launen, die ſich das junge Volk heutzutage in 
opf fegt!“ 
Der Graf entgegnete ebenfo leife: „Ich habe es gleich bezweifelt, 
— Eddy hat fich Heute zu beitimmt geweigert! ber ich werde fie 
m Pe hher vornehmen, — ich will wenigſtens wiſſen, was fie gegen 
1" 
Und laut ruft er der Tochter, der Heinz eben mit fteifer Höf- 
Tichteit aus dem Sattel hilft, entgegen: 
„Aber Kinder, wo bleibt Ihr denn fo lange? Wir haben ung 
bereit3 um Euch Sorgen gemacht!“ 
„Run, Bapa, diesmal war e3 auch nicht fo ganz ohne, — Miß 
Sarah ift mit mir Burcgegangen!” 
zourögegangen?! ein frommer Schimmel? Aber Eddy! wie 
war das möglich?“ 
„Ein Hafe fuhr ihm direft unter den Füßen heraus, und brachte 
ibm aus der Contenance‘, kommt Heinz feiner Eleinen Braut zu 
ilfe; „und ala ihm Coufine Edith, wie es fich gehörte, für feine 
ordentlich eins überzog, preichte ber verwöhnte Rader wie 
unfinnig davon, gerabe auf die große Mergeltuhle 108... .“ 
„Um Gottes willen, Sind, in welcher Gefahr bift Du gewefen!” 
zuft ber Graf, ber vor Schred gänzlich feine gewohnte Reſerve 
ver, 


„Sa, Papa, ic) gab mic, verloren, — als im letzten Moment 
Better Heino dicht vor dem Abfturz mein Pferd herumriß!“ Ihre 
Stimme bebt, — o wie ſchwer wird es ihr, die fühle Miene zu be— 
wahren, ftatt ihrem Heinz, ihrem Netter, an die Bruft zu fliegen! 

Der mertt y* und in: Pe küpt ei: gErufme Pi be 
ſchämt mich, das Hauptverbienft gebührt Deinem Emir, — Herrgott, 
I ie Kreatur ausgreifen, — Onfel Graf, an dem Gaul haft Du 
einen fapitalen Steeplechajer!" 

Edith wagt ihn gar nicht anzufehen, — „fie gönnt ihm feinen 
Blick! tuſchelt es tingsum, — nein, kann dieſer Vetter jich verjtellen, 


das ift ja ganz gefährlich, — das muß fie ihm noch abgewöhnen! 
„Ra, 1; alledem ift Die Sache ja noch glüdlic genug abge 
laufen“, läßt ſich jeßt auch Herr von Borden sen. vernehmen, „ob⸗ 


wohl e3 diesmal wirklich verteufelt fcharf am Halsbrechen vorbeiging, 
— biefe infamen tiefen Mergelkuhlen mitten im freien Felde werben 
iochmal ein Malheur anrichten! Arme Kleine!“ er ftreichelt ihr die 
rröthende Wange. „Aber apropos“, wendet er fich an feinen Spröß- 
ing, „bad verdb.... Dings ift doch gar nicht jo weit von Hier, und 
er Incident muß ja bald zu Anfang der Jagd paffirt fein, — wie 
!ommt’3 denn, daß Ihr jo lange bis Hierher gebraucht Habt? Wir 
ndern find doch ſchon eine ganze Weile Hier, und haben inzwiſchen 
men ganz anftändigen Ritt gemacht!“ 





132 Fagdglück. 


Edith erröthet noch tiefer, sg aber begegnet dem Inquifitor- 
blid feines Erzeugers höchft unbefangen, und erwidert ganz harmlos: 

„Sehr einfach, Bapa, ich habe die Gelegenheit benugt, mich mit 
Coufine Edith über das, was ich Dir heute Morgen gejagt, — Du 
weißt doch noch? — einmal gründlich auszuſprechen, damit Ihr Euch 
feine unnüge Mühe mehr damit gebt.“ 

„Damit hätteft Du gefälligft auch warten fünnen, bis ich mit 
Dir nod) weiter gefprochen hatte!“ ſchnauzt Papa Borden mit feuer- 
rothem Kopf grimmig feinen Stammhalter an. „Haft Dir ja eine 
äußerft Daffenbe Beit dazu ausgefucht!” Er liebt feinen Jungen 
herzlich, aber das geht ihm doch über Kreide und Rothftein, — M 
ſelbſt ſein Glüc jo muthwillig zu verſcherzen! 

Der aber feine durch den väterlichen Gefühlsausbruch nicht 
im mindeften verblüfft, fondern entgegnet, während fein Bräutchen 
vor lauter Sorge um ihren tollen Sein wie auf Kohlen fteht, mit 
der Ruhe eines Gerechten, dem ein Unrecht gejchieht: 

„Gewiß, Papa, eine befiere hätte I nie gefunden. Denn ba 
Coufine Edith vor Schred leider ein bißchen ſchwach geworden war, 
mußte fie wohl oder übel ftandhalten. Und was das „warten“ bes 
trifft, — Papa, wie oft haft Du mir felbft eingeprägt: Das Glück 
— Bardon, meine Herrichaften, aber es find meines theuren Papas 
ipsissima verba, die id) mir hier anzuführen erlaube, wenn fie auch 
zu meinem aufrichtigen Bedauern nicht eben jalonfähig Elingen, — 
das Glück muß man feſthalten, wie ein Ferkel, dem der Schwanz 
mit grüner Seife bejchmiert ift. Nun, ich habe Deine väterliche 
Lehre befolgt, habe mein Glück feitgehalten‘, — hier iſt's mit der 
Verſtellung vorbei, der ganze Jubel feiner jungen Glüdjeligfeit bricht 
unaufhaltfam hervor, er ergreift die Hand feiner erglühenden kleinen 
Braut, „so feit, daß ich es nur mit meinem Leben lafje!“ 

Tableau! Sogar des gräflichen Papas diplomatiſche Glätte ift 
unter dieſem Sturzbad gründlich in die Brüche gegangen. Der erite, 
der wieder zu fich fommt, ift Herr von Borden sen. 

„Junge! Herzenzjunge! Iſt's denn wahr?! Nichtswürdiger 
Schlingel, feinen alten Vater fo an der Naje herumzuführen! Na 
warte!“ und dabei giebt er feinem glüdftrahlenden Sprößling einen 
ichallenden Kuß, ohne ſich um die etiwaigen Gefühle der verehrten 
Anweſenden nur fo viel zu ſcheeren. Dann nimmt er feine Nichte beim 
Kopf: „Und die Wetterhere hilft meinem gottlofen Jungen auch noch, 
feinen alten Water zu narren!* 

„Halt, Onfel Soer! Vergreif' Dich nicht an Unſchuldigen! Be 
danf’ Dich bei Deinem ungerathenen Sohn dafür, der mich tr 
meines Sträubens zu biefem Attentat auf unfere beiberfeitigen Pap 
angeftiftet hat! as wollt’ ich armes Lamm machen? Gejchie 
Dir aber ſchon recht, warum verziehit Du Dein Baby fo, ich we 
ihn mir ſchon beffer ziehen!“ 

Alles Tat, und Papa Borcken meint refignirt: „Na ja, 
haben wir's! Jept leſen die Küfen den alten Hühnen die Levite 





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EEE We 


Zagdglũck. 133 


Das kann ja in Zukunft recht nett werden fir mic zroifchen meinem 
Unband von ungen und diejem Ausbund von & wiegertochter! 
Aber nun, meine Herrſchaften, mein alter Freund Waldenſee, der 
von dieſer rapiden Entwidelung ber Dinge noch immer ganz hinge- 
nommen jcheint, wird feinem Schwager und Intimus Ddiejen Ein- 
ee, in feine Hoheitsrechte wohl verzeihen, — nun zum wohlver- 
ienten Sagbfeihftüc, von dem nur diefe beiden fchwärmenden Aus- 
reißer und Liebesleutchen fo unverantwortlich Tange abgehalten haben! 
Und geftatten Sie mir, die alte bewährte Tiſchordnung ausnahms— 
weife einmal auf den Kopf zu ftellen, und das Mahl mit einem Toaft 
‚u beginnen, durſtig werden wir ja ohnehin wohl alle fein: Ich bitte 
ie, mit mir zu trinken auf das Wohl bes jungen Brautpaares 
Edith Komtefje Waldenfee und Heino von Borden, und auf dieſes 
meines nichtönugigen Jungen unverfchämtes Jagdglück!“ 


* * 
* 


Sept A Edith und Heinz längſt ein glüdliches Baar, und 
Papa Borden hat hinreichende Gelegenheit gehabt, fich zu überzeugen, 
dab fein damaliger Kaſſandraruf völli —5 — geweſen. Vater 
und Sohn wetteifern mit rührender Einmüthigleit, die junge Frau 
u verziehen, — wenn fie ſich nur verziehen ließe. So aber bleibt 
ie anſprüchslos dankbar für alle Güte, ihrem Heinz mit inniger 
jelbftlojer Liebe ergeben, — der gute Geift des alten Haufes. Und 
jo oft ihr glüdlicher Mann ihr Hille Walten daheim fieht, jo oft 
er mit feinem bi ſchönen jungen Weibe in faufendem Galopp 
über die gelber fprengt, denkt er in dankbarer Erinnerung jener 
bangen Sekunden, da er fi in wilder Hetze auf Tod und Leben 
die Geliebte erritten, und jegnet jenen Tag und fein Iagdglüd. 


AR 


Hadiklänge an Bayreutf.*) 


Bon Ferdinand Pfoßl-Leipzig. 


I 
berühmte Wort des Archimedes „Gebt mir einen 
eften Punkt“ Hat in unferer Kunſtgeſchichte eine Bedeu⸗ 
ung ohne gleichen erlangt, als ber rube- und raſtlos in 
einen Himmeln umherirrende Genius eines Richard 
Vagner aus eigener Kraft fein Bayreuth fich erfchuf: 
mit dem Gedanken von Bayreuth war die Löſung der fchmerzlichen For⸗ 
derung des griechifchen Denkers gegeben, an deren Unerbittlichleit in 
den legten zweitauſend Jahren unjerer Kulturgeſchichte manches Genie 
fi verblutet, mancher Titane des Willens ſich bis zur Ohnmacht 
erſchöpft Hatte. Unter dem Schuge feines königlichen Freundes hatte 
Wagner den feften Punkt & inden, von wo aus fein Riefengeift 
jenen Riejenhebel an die Welt des Alten anfegen durfte, jenen 
Rieſenhebei, der fie aus den Angeln hob und in das Nirwana des 
Vorbei ftürzte. Wagner ftand feit wie ein Gott auf diefem Punkte 
und behauptete ihn mit jenem rückſichtsloſen Troß, zu dem ihm eine 
Summe der fümerzüicften Enträuföäungen, ein Leben voller Drangjale 
und fünftleriiher Noth ein wohlbegründetes Recht gab. Unaufhalttam 
wie das Licht einer neu aufflammenden Sonne flutete feine Muſik 
über den Erdball, erwärmend, belebend und beraufchend. Die armen 
Zledermäufe, welche im früheren Dunkel einer altersſchwachen, all- 
mählich hinſiechenden Epoche ihren harmlofen Falterfang betrieben, 
und von längit erichöpften Talenten träumten und jeden ſchwa 
in der Phiole fchimmernden Homunculus zum Meſſias erfüren wol 
ten, die armen Fledermäuſe fahen ſich urplögfich im hellen Tc 





®) Obwohl mir mit ben Ausführungen des Berfaffers nicht in jeder Begiehu 
einverſtanden find, fo glauben wir doch bem witigen Kritiker über bie Tage v 
Bayreuth um fo eher das Wort geben zu muſſen, weil hier zum erften Wale, i 
Gegenfaße zu der fonftigen Gefiühlebufelei dom Bayreuth ber Wahrheit, freil 
mitunter in etwas ſcharfer Weife, eine Gaffe gebahnt wird. (Die,Reb, d. „Ealo: 





NVachklãnge an Bayreuth. 135 


umriejelt vom goldenen Sonnenfchein. Sie piepften ängftlih und 
ae m gegen das Licht, das ihnen jo fatal. Die Welt war erjtaunt und 

8 die Heinen, ärmlichen und erbärmlichen' Nachtgeſchöpfe den 
Heinen Rachen aufthaten, um bie läſtige Sonne zu verfchlingen. 
Aber es ging nicht... felbft ein Fenriswolf vermöchte dad nicht; 
die Sonne ſcheint und Ttrapit ihren goldenen Glanz in bie fernften 
Sphären des Aethers. Da verband fich denn die Finfterniß mit der 
Dinnmheit, die Bosheit mit dem Philifterium ... Die Fledermäufe 
flogen und buhlten um Minnefold bei der  Gamilie Bopf. Die Zöp| 
machten eine Revolution ... jo wurde das frühere nur ergößliche 
Schauſpiel grotesk; die Dummpeit und das Philifterium fpannten 
gig jegen Die flammenbe Sonne ihren Sonnenſchirm auf, und weil fie jo 

ie Sonne ſich verdedt, behaupteten fie mit der Bornirtheit 

Eigendünfels, die Sonne ſcheine überhaupt nicht ... Stehe feft, mein 
Stein, hatte Wagner gefagt, als man den mbryo des zufünftigen 
Feſtſpielhauſes in den 5, der Allmutter Erde ſenkte; I eft, 
mein Stein —! Und ber Stein ward ki ja, er verlor den Charak⸗ 
ter des Klogig-Materiellen, er wurde zur Kaaba, Ey einem Heiligthum, 
zu maden die Söhne aller Zonen, die Bekenner jeder Zunge 
mit Inbrunft wallfahrten. 

Waren Sie in Gapieuth? Das ift die Univerfalfrage unferes 
Jahrzehntes. Sie ift den höchſten gefellfchaftlichen Kreiſen mit Hm 
vornehmen Parfüm, wie ber — Atmoſphãre bes künſtleriſchen 

Proleiariats a Agent —5 alle Diſſonanzen des geſellſchaftlichen und 
—E öfen ſich in Bayreuth zur zeitweiligen Konfonanz. 
Der —S der an Ekellieutenant, der Rünftler, der Pfaff, 
ber wohlhabende Handwerker, der von feinen Peffeln befreite Be 
amte, ber Commis voyageur, der arme Teufel von Klavierlehrer 
dem bie Bayreuther Stipenbienftiftung hilfreich unter Die Arme griff, 
bie engliſche Miß mit dem zu Tode gelangweilten Geficht, die magere 

öfin mit den ſeufzenden Augen, das Gejchlecht der Kritiker und 
Die fterinnen ber Irobte Sasbenos (merifaner, Neger und 
EHinefen find das in feiner annigfaltigfeit höchſt intereffante 
Publikum an dei für den Deutichen Tiegt etwas von ſchmei⸗ 
— — uldigung in der Viſite, welche die Welt dem ſchlichten 
ar en ge Toben Main a ftattet; würde nicht der allmädhtige 
der Mobe in gewiſſen Erſcheinungen allzujehr in die Au— en 
an man fönnte verfucht fein, Die urwüchfige Kraft des deutſe 
Geiftes, der fich Hier in feiner ganzen vollen, ſchweren Eigenart 
„Fenbatt, Bu die Urſache diefer Völferwanderung nach Bayreuth 


Sa, fo tehe fich die rothen Wagnerianer ge — den Gebanfen 
iuben ven, die freche Mode hat “ ich Bayreuth 

arſifal“ il Mode geworden, und weil er eine Une Ye —— 
abe geworden ift, 8 dürfte er noch eimii ige Jahre in Mode bleiben. 
r guten Bagnerianer — wenn Ihr glaubt, daß Euer Bayreuth 
alle Ewigkeit fortblühen werde, wie es bisher in glüdfpendender 


136 Nachklãnge an Bayreuth. 


Weiſe geblüht hat, wenn Ihr glaubt, daß alle die europäijchen Neger, 
Franzoſen und Chinefen aus einem anderen Beweggrunde nad) Bay 
reuth gingen, als um fagen zu fünnen „Auch ich war in Bayreuth“, 
wenn Ihr glaubt, daß die Mehrzahl der Pilger bei ihrer Wegreife 
etwas anderes gedacht hat als etwa „Gott fei gedankt, daß wir das 
Neft los find“, jo jeb Ihr im fehweren Irrthum. Als Wagner noch 
im Lichte feiner jelbft wandelte, da war es die Macht feiner außer⸗ 
emähnlichen Individualität, der Zauber feines Weltruhmes, welcher 
die tenfchen nach Bayreuth führte... Der „Parſifal“ wird in 
feiner ganzen Bedeutung nur dem Deutjchen ſich auftyun; nur von 
Deutiäen, ber auf den Feſtſpielhügel Hinauffteigt, fann man 
als die Urfache feines Hierfeins die Begeiſterung am Kunſtwerk 
aus ehrlichfter Ueberzeugung erwarten, weil nur der Deutſche in ber 
myſtiſchen Tiefe des Barftlalftoffes ſich zurechtfinden und heimifch 
fühlen fann. Wenn aljo —— wo Wagner todt und fein bämo- 
nifcher Einfluß auf die Menjchen feiner Umgebung dahin ift, Banreuth 
mehr denn je in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerkſamkeit 
eines feheinbar ganz außerordentlichen Intereſſes fich geftellt hat, fo 
ift dad an und — ſich eine gewiß hocherfreuliche Thatſache, die und 
und jeden Deutfchen mit gerechtem Stolz erfüllen müßte, wäre nicht 
jerade die Mode mächtiger als ber Parfifal, wäre nicht der „gute 
Lone entfcheidender als das Gralmotiv. Geben wir uns keiner 
Täuſchung hin: es wird einmal eine Zeit fommen, in der Bayreuth 
verwaift Kin, wo feine agenfaren mehr über die friedliche Aue Hin- 
tönen, fein gerührtes uge mehr zum Nachthimmel emporfganen 
wird... Sept kämpft Bayreuth mit aller Macht um fein Dafein; 
bie zahlreichen nach Taufenden zählenden Befucher der Feſtſpiele find für 
die Bayreuther, dieſe Spiehbürger von echtem Schrot und Korn, ein 
treffliches Ansbeutungsmaterial; hunderttaufende von Mark fliehen 
während weniger Wochen in bie Wirthſchafiskaſſen der Hausfrauen. 
Warum follte es nicht auf ewige Zeiten jo bleiben? Nein, es wird 
nicht ewig fo fein, wie es bisher war, weil es gar zu unvernünftig 
wäre anzunehmen, daß man um das erhabene Kunſiwerk zu hören, 
von Berlin oder New⸗York oder Leipzig nad) Bayreuth fahren foll, 
um bier mit al’ ben Fatalitäten der Sleinftadt und dem Anhängfer 
einer brutal egoiſtiſchen und geldgierigen Bevölferung den Genuß 
einer künſtleriſchen Darftellung, wie man fie in den genannten großen 
Städten auch zu, bieten vermag, fich u verfümmern. Der fegtere 
Grund ift natürlich der entfcheidende. Wenn nun dem Leipziger dag 
Theater in Leipzig den Parſifal mit derjelben darftellerifchen Bollen- 
dung bieten fann, warum, um des Himmels willen, verlangt man da 
von ihm, daß er die theure Reiſe und die theuren Breit von B 
reuth bezahlen und 1) dort noch ärgern fol? Und warum f 
fi) der heilige Gral nur einen verſchwindend kleinem Bruchth⸗ 
der Nation entHüllen? Warum follen Millionen, denen zu rei 
die Beſchränktheit ihrer Wermögensverhältniffe nicht erlaubt, von 
Gnade des Kunſtwerkes ausgefäiloffen bleiben? Gefteht, Ihr M 





Nachklãnge an Bayreuth. 137 


nerianer bon ber rothen Farbe, einer Familieneitelfeit der Nachkom⸗ 
men Wagnerd fann ſich nicht ein ganzes Volk beugen! Gefteht es, 
daß es nicht Die legte Abficht des Meiſters fein konnte, fein Meifter- 
werk zu verkleinern, indem er feine Wirkungen zu vergrößern verbot! 
Gefteht, daß alle Deutiche ein Anrecht auf den Barkdat haben! Ge⸗ 
fteht, daß Ihr verrüdt feid, wenn Ihr verlangt, daß Bayreuth für ewige 

iten jeine Stellung der Wagnerifchen Kunſt gegenüber behaupten fol! 

fteht es! Wir, die wahren Freunde des Meiſters, wir mollen 
Dagegen mit aller Kraft für die Erreichung umferes Zieles wirken: 
Ia, wir kämpfen um den PBarfifal, wenn es fein muß, felbft & en 
Eud) und Frau Cofima, und werden, wenn Ihr Euch an das det 
klanimert, eben dieſes Geſetz unerbittlich für uns in Anfprucd nehmen. 


Dreißig Jahre nad; dem Tode des Meifters — dann gehört der 
Parſifal nicht mehr Euch), dann gehört er uns, dem deutſchen Volke 
und der Welt. 


IL 


Wer ganz begreifen will, was Bayreuth bebeutet, was es dem 
Feſtſpielbeſucher Fi der darf nicht in den Feſtſpielen allein den 
ganzen Begriff erichöpft a ganz Bayreuth, feine kleinbürgerliche 
tmofphäre, das holperige fter, ber Bankier Groß, Frau Cofima, 
die Irrenanftalt, das elende Mittageffen und die ganze Künitler- 
wirthſchaft find die Zwifchenglieder vom Bahnhof gu Feſtſpielhügel; 
gar vieles iſt zu überſtehen, manderlei Plage und Fährlichkeit aus- 
halten, ehe das Dunkel des Wagnertheaters den Fremdling ge- 
imnißvoll und vielverheißend umfängt. Bayreuth iſt eine in recht 
empfindlicher Weiſe ländlich-ſchändlich angehauchte Kleinſtadt, — 
wunderbar genug, daß die frohe Feſtſtimmung, die ſich des Wallers 
bemächtigt, nachdem er kaum die Schwelle Bayreuth überfchritten, 
nicht zu verfcheuchen, troß der ernjtlichen Angriffe der in ihrer Hab- 
gier beleidigend rohen Bevölferung: kaum angefommen, ficht man fich 
von ben Wohnungsvermiethern umringt und erbarmungslos durch 
ſchiefe und enge Straßen geichleppt, die durch einzelne luſtig flat 
ternde ahnen den Blick des Ankömmlings über die bufolifchen 
Neize verftreuter Mifthaufen nicht zu täufchen vermögen. Wunder- 
bares Etwas, diefe Feitjtimmung .. Hat fi eine Atmofphäre von 
Luſtgas auf die Stadt gelagert? Trägt das Echo jenes Ver fühterifche 
Lachen der Teufelin Kundry und der holden Zaubermädchen aus den 
Molten herab? Sind es die Zauberſprüche Klingsors, in deren 
ın wir aus voller Bruft aufjubeln möchten, nachdem unfere Blicke 

‚ der Brofa der Kleinſtadt ihren poetijch-gemüthlichen Charakter 
ausfühlen gelernt? Iſt es bloße Einbildung, eitle Phantafie, die 

3 eine fata Morgana vorgaufelt? Ein echter Wagnerianer Fniet 

: jeder Regenpfüge in Bayreuth nieder und bewundert jedes bißchen 
wdemift ... Gott, wir haben das alles auch zu Haufe, noch viel 

ir als hier... aber in Bayreuth macht alles einen ganz andern 

x Salon 1889. Heft IL. Band I 10: . 





138 . Nachklãnge an Sayrenth. 


Eindrud, der —— des Symboliſchen fällt hier ler gebildeten 
Seele fofort auf. Hier ift alles Pombotih, Sen fima ift z. B. 
zum Symbol der beutfchen Kunft geworden, Wolzogen, der bekannte 
Wagnerforicher, ſymboliſirt die von einem gewiſſen Kant jo mühſam 
entdedte reine Vernunft, nur der Kommerzienrath Groß fymbolifirt 
ar nichts... Wer ift denn eigentlich der Kommerzienraih Groß? 
& nun, der ift halt der Kommerzienrath Groß; er ift die linke 
nd des Fejtipielcomit63 und gegen die Fremden, die feines Rathes 
ebirfen, da er in feinem Bankgeſchäft den Verkauf gettipiel 
farten beforgt, gröber als unbedingt nothwendig ift. Sein 
iſt: Im Deutf lügt man, wenn man — iſt·! Als ich ben 
Kommerzienrath kennen lernte, war er gerade nicht bei Laune, 
Schriftſteller zu empfangen, die nicht eine Legitimation ihrer voll⸗ 
ftändigen Ungefährlichteit von Frau Cofima oder Herm von Wolzogen 
aufweifen fonnten, und fo hatte ich benn ſchon nad etwa fünf 
Minuten das angenehme Gefühl, mic) als des Ortes verwiejen be 
trachten zu dürfen. 

Wir armen Fremden in Vayreuth, die wir nur geduldet werben 
von Frau Cofima, welche im Vereine mit Herrn von Wolzogen ben 
Fri al fomponirt Hat! Was follen wir thun den langen, langen 

achmittag? Ein unaufhörlicher, feit ſechs Wochen unaufhörli— 

Regen — in Strömen zur Erde herab, in den Pfützen, die auf 

Straße zu einem zufammenhängenden Lagunenſyſtem geworden waren, 
ſchnatterten vergnügt wonnige Enten, Binfen und Scilf war auf 
den öffentli lägen gewachſen, Waſſerroſen fproßten allenthalben... 
Wir beſchloſſen, nach dem „Rollmenzel“ Bmaußgufchren, jener ftillen 
Klaufe da draußen auf der blumigen, fränfifchen , in ber Jemt 
Paul, unjer größter deutfcher Humorift, manchen unfterblichen Se⸗ 
danken geboren. Set freilich wird bort ftatt fchöner Gedanken Kaffee 
verfchänkt, zu dem die in Bayern einheimilchen Sprigfuchen gamz 
vortrefflich ſchmecken. Wir ließen und alfo eine Drofchte fommen, 
bedangen mit dem Sutfcher einen Fahrpreis von fünf Mark ımd 
tollten feelenvergnügt von dannen. Thatfächlich fanden wir im Fahr- 
tarif jenen Tamcden Zapidarfag, der manche Lippe ſpöttiſch kräufelte: 
„Nach dem Richard Wagnertheater oder der Irrenanftalt eine Mark“. 
Ia, ich kann nicht begreifen, warum man benn dieſe eine Mark nicht 
aus dem Gemeinbefädel zum Transporte einiger Herren auswarf, 
welche heute noch mit ihrer riefengroßen Narrheit frei Berumlaufen? 
Wa Beinlich ift das nügliche Imftitut im Laufe der get zu Hein 
jeworden ... und fo gehen denn die Narren ungehin in a 

jagnertheater .... 

Der Rollwenzel ift von Bayreuth etwa eine Viertelftunde en 
fernt und liegt an einer ſcharfen Biegung der nach dem Luſtſchlo 
Eremitage abzweigenden Straße. Der Rollwenzel ift wie fon c 
gedeutet, eine Eleine, gemüthliche Kaffeeſchänke. wohin ſich namentl. 
jener begnadete Theil des weiblichen Geſchlechtes gerne tel 
Damen, welche erhaben über die lächerlichen Vorurtheile einer hau 


Uachklãnge an Kayreuth. 139 


badenen Erziehung und verrofteter Tugendevangelien, den Genuß 
des braunen Javatrankes mit gewifjen platonifchen Ideen zu würzen 
ſuchen. Tas find jene halben Damen, welche die dazu gehörige, durch 
den Weltraum wie ein Meteor fchweifende andere männliche Hälfte 
ſuchen. Belanntlich vergleicht Plato — vielleicht war es auch ein 
anderer Philofopd — Mann und Weib mit zwei Upfelhälften, die 
ſich fuchen, um zu einem Apfel fich zu vereinen... Als wir unferem 
Vehilel entfienen, wahre Anadyomänner, gewahrten wir denn auch 
geii reigende Apfelhälften, mit vofigen Baden und zutrauficken Blicken 
bebı aber einiger Anftrengung von umferer Seite, bis wir 

den bübfchen Apfelhälften begreiflich machen fonnten, daß wir — nämlich 
mein Freund und ich — nicht die erwarteten anderen Hälften feien. 
Schli famen mit ihrem Wollränzel zwei veifiger Jägerianer 
zum Rol Mmengt und das Weitere fiel außerhalb bes Ktreiſes unſerer 
Zamilienangelegenheiten ... Aber auch wir blätterten das Stamms 
buch durch, wei auflag in einem Meinen, recht ärmlich ausfehens 
den Zimmer, das, wie man uns fagte, genau in jenem Zuftande er- 
halten worden war, in welchem es Jean Paul ber Nachwelt hinter 
laſſen, and wir Durchforiäten emſig das Stammbuch des Haufes. 
Viele berühmte Namen und noch mehr Fabrikwaare der Natur... 
Aber ber Stammbuchwig floß bier nicht im reicher Quelle zutage: 
er —E — müh ee aus an Getein or. Eine 2 
an Bayreuth fp mic) am meiſten an. jaffer, ii 
Lucian nennt, — eine Karawane, die ſich aus Mufelmannen, 
Shriften, Juden, Tafchendieben, Profefforen, Hanzlid und Paul Lin- 
bau ımb Kameelen jeder Gattung zuſammenſetzt und fagt ſchließlich 
mit fatyeifcher Uebertreibung: 

Alte feomme Cbelfräufein 

Aſpeln dieſes Gnabenortes 

Heiligen Namen, aufgelöft in 

Scene Iubrunft und der Säugling, 

Eingefepläfert von nachbarlih 

Süßen Klängen mannigfaher 

Bagner-halpelnber Klaviere, 

Selöft der Süngting träumt in feinen 

Unfgufbsvollen Windeln nur don 

Kinbermehl und Barfifal .... 


Kindermehl und Parfifal! Wie bezeichnend für eine Zeit, da 
die Frauen ihre Kinder mit Kleifter großfüttern und eine in ihrer 
iolttät zuſammenbrechende Welt mit dumpfem Heilsdrange an bie 
re der Gralsburg klopft, in ihrer wüſten Begierde nach) Rettung 
se Ueberſchwenglichkeit eined Myſteriums ſich — das in ſeiner 
ibolik zu begreifen ihr doch niemals gelingen wird! Traurige 
t, die in der zum verfluchten Lachen verbammten Kundry ihren 
werzlichen Ausdrud gefunden. Ja gewiß, Ik find wir; wir alle 
mmnengenommen, zu einer Riefenperjönlichfeit fublimirt, würden 
r eine Kunden ergeben, ruhelos den Erdball durchſchweifend, einen 
an⸗r, gemieben von Schlaf und Tod, zu dem wir eine. leiben- 
10% 





; 
y 


140 Nachklãnge an Sapreuth. 


ſchaftliche Hinneigung gefaßt. Wir alle find müde, ſterbensmüde; 
wir haben nicht? mehr auf der Welt zu thun und doch hören wir 
immer noch die Glocken des Heiligen Gral. Wir können nicht fterben. 
Wir find zu ſchwach geworden uns vollftändig zu vernichten. Und 
dann kommen auch immer wieder einige Schwachköpfe, die mit fitt- 
lichen Pflichten Hofus-Pokus treiben... Und über alles das müffen 
wir wieder wie Kumdry eine fürchterliche, gelle Lache anfchlagen. 
Wir lachen uns die Erlöfung weg und fuchen fie Dog) in der Muſik. 
Sie ift wahrhaft die einzige Kunft, der ein erlöfender Athem, ein 
Fluidum der wunberbarften Art eigen ift Indem fie das Denken 
nicht verlegt, wirkt fie ganz auf die Seele. Habt Ihr noch nie ge 
fühlt, wie dann Schwingen Eurer Seele fproßen, wie Ihr fliegen 
lernt und in ungeahnt jeliger Dämmerung untertaucht, wie ihr_geifter- 
leich aus Euren Leibern hinabſchwebt in die Tiefen der Bewußt⸗ 
IM feit....? Habt Ihr fie nie gefühlt, diefe wonnige Seligkeit? 
Diele dunkle Anregung des Gefühles ift der Zauber aller fit: 
Der Parfifal Teiftet hierin dag Höchſte; er ſchwemmt das Bewußtfein 
überhaupt weg; er erlöft zur Willenlofigkeit ... . 





Wir fuhren nad) der Eremitage hinaus; ein hübjcher eg babe 
Kappeln und zierliches, rothes Epilobium begleiteten unferen en. 
ie Eremitage ſelbſt hat uns enttäufcht; fie ficht auf Photographien 
ungleich bartiger aus wie in Wirklichkeit und theilt darin das 
ickſäl Bankiers Groß, der auch mit ber Entfernung große 
artiger wird; am großartigften iſt er dann, wenn man ihn überhaupt 
nicht mehr fieht. Die Eremitage ift in der Hauptfach ein Zuftichloß 
im Stile der franzöfifchen Bubmige; 1 gan e, fie ift Kopie einzelner 
errlichkeiten von Verſailles. Die Säulen des Bogenganges find 
ehr ſchön aus verjhiedenfarbigen Steinchen aufammengeiet die 
Waſſerkünſte find nicht übel, nur hatten fie augenblidlich fein Waffer, 
wofür aber eine Taze von fünfzig Reichspfennigen eingehoben wurde. 
Einige betrunfene Schlingels von Fuͤhrern verficerten, daß Die 
Bafferfinfte außerordentlich fchön wären. Wir waren nicht unhöflich 
und glaubten es ihnen auf ihr Wort. Der Park ift ſeht ſchön an- 
gelegt; einige fünftliche Ruinen regten in uns den Gebanfen an, daß 
doch nur Kinder und Narren die Zerftörung liebten. 

Uuterbeffen glaubte ber Bayreuther ‚Simmel unfere Bewun- 
derung mit einem tüchtigen Regentfauer abkühlen zu müffen. Als 
wir ung über das jhlechte Wetter laut beklagten, erzähfte und ein 
freundlicher Mann, der ſich in unferer Nähe wohl zu befinden fchien. 
daß an dem fchlechten Wetter nur der verdammte Wagner ſchuid fe 
dies fchlechte Wetter fei ein Skrafgeri t des Himmels; — Gotte 
läfterung, dieſer Parfifal, Gögendientt diejes Feſtſpielhauſes, 
dem der beitige Geift in Höchft eigener Perfon aufträte! In d 
That glaubten die Bauern in der Umgebun Bayreuth allen Ernſt 
das Feſtſpielhaus und Wagner für Negenmpetter verantwortli 
machen zu dürfen. Ja, wie man uns fagte, hatten einige aberwigi 





Uachklãnge an Bayreuth. 141 


Köpfe den jatalen Plan gefaßt, dem Wagnertheater einmal den rothen 
Hahn auf das Dach zu fen. lie aber werden die Bayern 
er 





ohne dieſe Blamage felig. eundliche Mann erhob ſchließlich von 
uns fünfzig Reichspfennige nur, da er Familienvater war und unjerem 
Intereffe ine koſibare 


eopfert hatte. Wie gut er ſonſt feine 
toftbare Zeit auszunutzen verfiand, verriet und nur zu deutlich ein 
Ephialtes mit ftummer Beredtheit: fein Hängebauch, dem eine ge- 
waltige Biernaſe freundlich zunidte. Unterdeffen hatte fich unfer 
Kutſcher, dem wir die Erfaubniß gegeben auf unſere Rechnung einen 
Schoppen zu trinfen, derartig bezecht, daß wir Mühe hatten, ihn zum 
Einjpannen zu bewegen. >. glaube, auch die beiden Gäule, die uns 
zogen, waren bezecht oder jtanden wenigſtens im — Rap- 
port mit ihrem Bi mbiger: fie liefen wie toll. Der Umitand aber, 
daß wir den Kutjcher da draußen in der Eremitage fich jelbft übers 
Iaffen hatten, foftete uns eine Reichsmark, er fühlte fich durch unfere 
Nichtbeachtung in feiner Ehre gekraͤnkt und fo zahlten wir die Buße 
mit möglichfter Freundlichkeit. Als ich dann eine Poſtkarte in einen 
Poſtkaſten werfen wollte, bot ſich mir ein liebenswirdiger Mann als 
ührer an. Der Fofttaften war nad zwanzig Schritten erreicht. 
dankte ihm verbinblichft, dem Liebenswürdigen. Er aber Inte: 
„Sehn Sie, lieber Herr, ich bin Familienvater und Sie find ein 
ider ..“ Auch diefem Waderen gab ich mit möglichfter Freund⸗ 
ichteit meinen Dbolus, befchloß aber, mich für den feft meiner An- 
wejenheit in mein Zimmer zu fperren ... 


II. 

Als Bogner den Gebanfen von Bayreuth im Lichte feiner 
Eünftlerifchen Großthaten der Welt zeigen fonnte, Iag ihm vor allem 
ein Moment am Herzen, das der Eriftenzberechtigung dieſes Gedan- 
kens eine feſte Grundlage geben follte: diefes eine Moment war der 
von Wagner neu gie jene Stil, feine Bewahrung, feine Erhaltung. 
Eine deutfche Stilbildungsfchule follte Bayreuth fein. As Wagner 
noch lebte und ein lebendiger Mittelpunkt des Feſtſpiels allen den 
vielen oft von Sondergelüften erfüllten Kräften eine ganz beftimmte, 
oentripetale Richtung geben konnte, war die Gtileinheit, Die der 
Meifter jo laut forderte, nachdem er lange vorher in den Entzüdun- 

jen infpirirter Stunden ihre Wejenheit erichaut, in voller Glorie 
Gas Genie des Meifter3 wurde von ihm felbjt verteidigt, er ſelbſt 
erffärte ſich ſelbſt. Mufterdirigenten umgaben den Schöpfer der 
jelungen, des Triftan, des Parfifal; die geheimften Nervenzudun- 
dieſer gewaltigen Tonmwerfe waren dieſen auserlefenen Mufifern 
annt geworden: bie wirkliche, wahrhafte Tradition (öien auf Jahr» 
nte hinaus setetigt, die Hauptmerkmale des neuen deutſchen Kunſt⸗ 
ckes glaubte der Meifter feinen Jüngern hell genug beleuchtet zu 
jen. Da kamen jener 13. Februar und die Tage der Trauer. Der 
-ifter todt! Aus den Schaaren jener nächtlichen Alben, beren 


142 NKachklãnge an Kayreuth. 


freches Gelächter vergeht nach Bayreuth hinftrebte, tauchten gar bald 
Sudlgerüchte auf, deren Inhalt nichts anderes war, als die künſt— 
leriſche Negation des Bayreuther Feſtſpieles. Man hielt Bayreuth 
für eine bloße Laune Wagners, die mit der Perſon des Künftlers fofort 
verſchwinden würde, aber man hatte Gelegenheit ſich zu überzeugen, 
daß die heilige Kaaba mit dem ‚Bingang des Propheten nicht ein 
bloßer Setifch wurde... Bayreuth befteht, es blüht und glänzt im 
Lichte des heiligen Grals. Wenn heute der Parfifal mehr denn je 
die Aufmerfjamfeit der Welt auf fich gezogen, jo ift das nicht ein 
Verdienſt ber Nachfolger Wagners, die zu einem fogenannten Feſt⸗ 
fpielcomits fi) zufammen-rattenfönigten, fondern lediglich die Wun- 
derfraft eines "Wunderwertes, das in feiner, Erhabenheit völlig ver- 
einzelt in der Mufifgejchichte dafteht. Und wie ift e& mit ber 
Tradition, mit der Stilreinheit in der Aera Cofima geworden? Es 
iſt für Männer jebenfalls feine befondere Auszeichnung, von einer 
Frau an der Kunfel geführt zu werden; was man ba in Bayreuth 
über dieſen Punkt zu hören befommt, entfpricht den bisherigen Er⸗ 
fahrungen, die man überall dort gefemmelt wo ein Unterr: die 
Weltgeiiäte bineinflattert. Ich bin ein Wagnerianer, aber ich will 
nicht unter dem Oberbefehl von Frau Cofima ftehen, ich will nichts 
mit dem Bankier Groß zu thun haben, dem die Menjchen als fonft 
unnüges, in befonderen Fällen jedoch als zur Sülung bes fie 
ſpielhauſes geeignetes Bad erjcheinen; ich will nicht die Verdrießlich- 
feiten einer efelerregenden Protektionswirthichaft. Das ift wohl ber 
Gedanke aller jener ehrlichen Wagnerianer, denen eine dämmernde 
Ahnung jagt, wie e8 Hinter den Couliffen des Parfifal ausfleht. 
Frau Cofima foll eine ſehr geiftvolle Dame fein, gut; fie ſoll ſehr 
liebenswürdig fein können, gut; ala Wittwe Wagner? wollen wir 
ihr eine befondere Achtung nicht verfagen: aber, fie erlöfe und von 
den Uebeln der Weiberherrichaft, deren Endergebniffe, Heuchelei und 
Willkür, niemals dem Kunſtwerke frommen können. 

Daß es in der Feſtſpielverwaltung neben den Tröpfen, bie ſich 
da für Seogner jelbft Halten, auch tüchtige Köpfe giebt, die fich Die 
ehrlichite Mühe um das Ganze gegeben haben, fei ausdrüd! can 
erfannt. Hoffentlich wird der ganze Verwaltungsrath recht balb zu 
der vernünftigen Einfiht gelangen, daß die Feſtſpiele boch einen 
anderen Biwed haben, als den Bayreuthern einen mühelofen und an- 
genehmen Sommerverdienft zu pericaffen. 

Nach) diefen Ausführungen wird fi) die Antwort auf Die obige 
Frage nach der Tradition und der Gtilreinheit mit einiger Torfict 
geben laſſen. In Bayreuth ift alles Tradition geworden. Ungla: 
iche Tempi im Parfifal, der Bankier Groß, unverfchämte Bew 
fchneibereien, die Wanzen in den Fremdenbeiten — alles, alles 
Tradition. Da die Leſer biefer Blätter von allen den aufgezähl 
Unglüden eigentlich bloß bie Tempi im Parfifal intereffiren — m. 
ihnen bie nähere Bekanntſchaft mit den andern Punkten mögli 
erſpart bleiben — fo will ich zu diefen allgemein beklagten Beitunma‘ 





Lu.) 


Nachklãnge an Bayreuth. 143 


oder Unzeitmaßen bemerfen, daß fie — obwohl man fie auch, für 
Traditionen hält — im erſten Akte geradezu unerträglich waren; 
das Vorfpiel dauert über fünfjehn Minuten; fein wundervoller, von 
echt ſymphoniſcher Kraft erfüllter Gedanke wurde durch unglaubliche 
Dehnung zu einer ſchwerverſtändlichen, wenigſtens für die Parfifal- 
novizen fehwerverftänblichen Tonfolge. Kapellmeiſter Felix Mottl 
dirigirte das Werk; auf feine Rechnung find unter allen Umftänden 
die gerügten Fehler zu jegen — auch dann, wenn er gegen feine 
befiere fünftlerifche Ueberzeugung auf hohen Befehl fih in der Tra- 
dition geirrt hätte; ein Dirigent des Parfifal muß eben Mann genug 
feim,. feine eigene Meinung dem Weibertratſch gegenüber aufrecht zu 
erhalten. 

Nichts defto weniger bleibt Mottl doch ein genialer Dirigent, 
obwohl alle, Kritiker wie Laien, über den Mann furchtbar koimpten. 
Der arme Mottl! Er wird ſich's Hoffentlich nicht fauer werden 
faffen, mit dem Lächeln der Ueberlegenheit auf den Bayreuther Aerger 
zurüdzubtiden! 

ie Vorftellung, der ich beimohnte, foll eine der beiten des 
heutigen Feſtſpieles geweſen fein, wie von jenen Glüdlichen verfichert 
wurde, welche da3 erhabene Werk von mehreren Vorftellungen her 
fennen. Im der Beſetzung der Hauptrollen war im Vergleiche zu 
den Parfifalaufführungen früheren Jahre manche Yenderung ein- 

getreten. Die „Berjonen der Handlung in drei Aufzügen“, wie fi 
der Thentergettel ein Werk des gottvollen Fejtipielcomites, höchit 
geichmadvoll ausdrücte, waren für Parfifal: Herr van Dyd, Gurne- 
manz: Herr Gillmeifter, Amfortas: Herr Reichmann. Eine weitere 
Berion in drei Aufgügen und drei Anzügen, die Kundry, war, zum 
Heile der Rolle, in Künftlerhänden ber Sean Materna geblieben. 
Bas den Parfifal des van Dyd anbelangt, fo überraſcht er 
in erfter Linie durch edles und wohldurchdachtes Spiel, prachtvolle 
Erſcheinung und wunderbare Stimmmittel; man findet bei ihm alle 
Borausjegungen eines echten Wagnerfängere. Unvergeßlich werden 
allen rfifalbefuchern die fo charakteriſtiſch geſprochenen Worte: 
„ich weiß e8 nicht“ und das köftlich naive Spiel mit den Zauber- 
mäbchen bleiben. Der Schmerzensruf im zweiten Akte: „Amfortas“, 
den der von Dyck mit höchſter Kraft jozufagen aus der Seele 
ſchleuderte, wirft geradezu elementar; der Seihtsausbrud erinnerte 
m jeimer edlen Herbheit an das Bild des Laofoon; die Schlange 
des bitteriten Seelenfcjmerzes windet fidh um den reinen Thoren... 
Bon da an traf van Dyd in vollendeter Weife den myitiichen Grund- 
ı, welcher den Parſifal des britten Aftes in fo tiefergreifender 
uterung als ben Erlöfer von aller Erbenfchuld dem, ſelbſt 
och die moderne Philofophie nicht ganz entwurzelten Heilsdrange 
ſtãndlich macht. Ein Bild voll ergreifendfter Wahrheit ſchuf dieſer 
hbegnabete Künftler aus der Scene vor dem Speere, mar muß 
!hen haben, mit welcher inbrünftigen Rührung dieſes leuchtende 
ge zu ber leuchtenden Spige des Speeres emporblidt, man muß es 


144 Nachklãnge an Sayreuth. 


erlebt haben, wie fein Antlig aus der Wolfe dumpfen Erdenleides 
hinüberſchaut wie in eine andere, geheimnißvoll jelige Welt, wie in 
diefen edlen Zügen da8 Wunder der Erlöfung fi) zuerft anfündigt... 
O, wie find alle jene Blinden zu bedauern, welche die Großartigfeit 
und Erhabenheit dieſes alles niederzwingenden Migenblides nicht mit 
erleben können, und wie jehr find alle jene zu beklagen, denen Geiſt 
und Herz verfchloffen ift für alle die Seligkeit, die aus dieſem Bilde 
bervorquillt, und in den Tonfluten des Orcheſters aufſchäumt! Bahr 
haft Vollendetes bot aud Frau Materna, die geniale Kundry. Wie 
ſchwierig diefe Nolle ift, wird jedem fofort einleuchten, der fi ein- 
mal überlegt hat, was Wagner von der Kundry fordert; fie I ſich 
auf dem Boen wälzen, fe fol ftöhnen, gräßlich lachen, ſchreien, 
wimmern, .... fie foll ein wildes Weib fein, fie ſoll alle die Schmei- 
heltöne der Verführung zu einer im mächtigen Crescendo anwadjen- 
den Sfala qufammenfügen. Beide Feinheiten der Darftellung ver- 
langt der blumenduftige zweite Aft allein, wo in ihr das Urbilb der 
Herodias, der zu sämoriiher Schönheit verflärten Unfeufchheit im 
den leuchtendften Farben Sünde erglühen foll! Und wie bewäl- 
tigte, wie bemeifterte Frau Materna die ihr geftellte Aufgabe! Nichts 
was überflüffig ſcheinen konnte, nichts was als Zuviel an die Frei— 
heit der alten Speftafeloper erinnert hätte! Daß Frau Materna 
bald ihr a Jubiläum als Wagnerfängerin feiern wird, wer 
hätte fich deſſen bei der glutvollen Darftellung des zweiten Wftes 
erinnert? 

Auch Fräulein Malten, die ausgezeichnete Dresdener Künftlerin, 
wird als Kundry fehr gelobt; da ich aber bieje Rolle nicht von ihr 
geſehen habe, fo muß ich mich eines Urtheiles enthalten, das fü 
nur aus fremder Senf rechtfertigen ließe. geftehe, da 
dieſe Hufterifch-fomnambule Kundry für mich in der Darſtellung der 

rau Materna einen auferorbentlichen Neiz ausübte und mir das 

erftändniß für dieſe dunfle Geftalt durch Annahme eines Hypnotiih- 
magnetifchen Zuftandes erſchloß, auf welchen ich fpäter noch zurüd- 
kommen werde. 

Herr Gillmeifter bot mit feinem Gurnemanz eine prächtige 
Zeiftung; an feinen Vorgänger, den leider viel zu früh gejtorbenen 
Scaria, reichte feine tünflertice Kraft allerdings nicht heran; aber 
für jene, welche Gurnemanz-Scaria nicht kannten, war er_von hohem 
Intereffe. An Deutlichfeit der Ausſprache ließ feine Deklamation 
nichts zu wünfchen übrig; nur wären feiner Darjtellung hier und da 
eindringlichere Accente, al fie es bot, noch fürberficher gewejen. Die 
Heineren Be der anderen „Perfonen in drei AÄufzügen“ warer 
durch die H. H. Scheidemantel (Klingsor), gobbing (Titurel), Grupp 
Widay (Gralgritter) trefflich beſetzt. Die Damen Kayfer und n 
coni und die H. H. Hofmülfer und Guggenbühler fangen bie vier Knap 
pen in muftergiltiger Weife. Den Amfortas jang, wie in den früherer 
Jahren, Herr Reichmann. Herr Neichmann iſt ein großer Sänger 
defien Stimmmittel außerordentlich find; aber feine Begabung ſchein 


— 


Nachklãnge an Bayreuth. 145 


begrenzt; etwas einfeitig, gelingen ihm am beiten dunfle Charaktere, 
ſchwarze Peſſimiſten, Molihelden wie ein Holländer, ein 18 Hei 
ling u. ſ. w. Auch der Amfortas gehört in diefe finftere Abtheilung 
und zeigt in feinen wilden Schmerzensfchreien wirklich grandioje 
Momente. Im übrigen fehlt dem Amfortas des Herm Reichmann, 
der eine wahrhafte Aufzugsperſon ift, Feineäwegs der einheitliche, 
oße Zug, den jeber Darfteller irgend einer Rolle des Parfifal_zur 
ügung haben muß Fatal muß ein muitaifces Ohr dag fort- 
währende Zutieffingen des Sängers berühren. ebenfalls aber war 
der Amfortas eine beffere Leiftung ala der Hans Sachs deſſelben 
Sängers, der ebenjo Hobig, | ufterpechbehaftet in gefanglicher Be— 
ziehung, wie —A in ſcheinung geweſen fein fol. 

" etwas verdriehliches ift mir im Farfıfat aufgefallen: man 
erinnere fih an die Verwandlungsmuſik des erſten und Iegten Aftes, 
in ber bie Schauer des Todes wehen; der Gral ift ja das nächtige 
Land, das feines Sterblichen Auge ſchaut; wer in fein Lichtreich ein 
gehen will, der muß das Thal des Todes durchſchreiten; durch dieſes 
tiefgeheimnigvolle Thal geleitet uns die Verwandlungsmufil. Wir 
Ihreiten durch tiefen Wald, in bem jebes Leben erftarıt, bliden in 

iſtere Grotten, in deren undurchdringlich geheimnißvollem Dunkel 

Nichts zu ſchlummern dei und irren in der Wildniß. Aus 
der Ferne tönen mächtige Gloden, tiefjummend, ein lauter Geijter- 
ton wie Stimmen aus der Ewigfeit ... wir treten in ben Gral- 
tempel ein und fühlen uns durchriejelt von einem unbefannten Em- 
pfindungsftrome ... Athemlos harren wir. Da kommen in zwei 
Halbehören bie Ritter vom Heiligen Grale im „reußiſchen Parade 
marſch· auf die Bühne! Was fällt Euch ein, Ihr Herten von der 
Feftipielverwaltung, Gralsritter und preußiſche Soldaten miteinander 
zu verwechieln? Cs kann nichts lächerlicheres geben, als zu den wild 
Hagenden Tönen in jteifer Grandezza „PBantalon“ tanzen zu fehen. 
Da fehlt ja nur noch Offenbach, ber von oben herab laut die Qua- 
drille frangaise commandirt: Allons! Chaine anglaise!' Wenn man 
nach der Mufif fchreiten will, fo muß dies beim Nieder- und Auftakt 
in feinen Schritten gefchehen; wenn nicht, — und das wäre meiner 
Anſicht nach das einig Richtige, da Wagner eben keinen Einzugs- 
marſch für die Gralritterfchaft gejchrieben — fo mögen die vor- 
tommenden Gralritter mit der aus ber Situation fie ergebenden 
gobeit und Würde mit fehmerzlicher Trauer gemifcht, den heiligen 

taum betreten. Es ift zu hoffen, baß in der nächſten Feſtſpielzeit 
das Feitjpieleomite nicht nur auf Perſonen in drei Aufzügen, fon 

m auch auf den „preußifchen Parademarjch“ Verzicht leiſtet. Das 

ınder von Wohllaut, Grazie und Kontrapunkt im Parfifal, das 

femble der Zaubermädchen — die Bezeichnung Blumenmädchen 
fi leider unausrottbar eingeniftet — wirkte wieder wahrhaft 
auſchend und entzüdend. Die Damen Vettaque, Dietrich, Fritich, 

Yinger, Kayfer und Rigl fangen die Soloftimmen in größtentheils 

authiger und veizvoller Weije. 





146 Nachklãnge an Sayreuth. 


So wirkte denn dieſes erhabene Schauſpiel, wie ſein genialer 
Schöpfer es gewollt: erlöſend. Tiefſte Rührung hatte ſich aller Feit- 
ſpielbeſucher bemächtigt, ein Gefühl der Ergriffenheit alle überwältigt. 
Mit Dankbarkeit gedachten wir des großen Mannes, der uns eine 
deutfche Kunft gegeben, nachdem wir fo lange bei ben prumfenden 

jerichten aus ber Fremde gehungert und Efel empfunden. 
Parſifal fei auch für die grkunft unfere Lofung, troß des Unter- 
rockes der Frau Cofima und trog Bankier Groß... Wenn ed nur 
einen Engel gäbe, der, wie jener bes heiligen Loretto, einmal ben 
Feſtſpieltempel auf feine Flügel nähme, auf irgend einem heiligen Berge 
der ganzen Welt zur Gnade und Erlöfung ihn hinftellte! Wie fon 
wäre es dann auf ber Welt, wenn jeder fein Bayreuth zu Haufe hätte! 


Die Meifterfinger find und bfeiben die Oper aller Opern. Jo— 
hannistag! Welch’ ein Zauber Tiegt für gemüthvolle Herzen in dem 
Worte! Yohannistag! Vom glieder beraufcht, hat der Genius ber 
Tonkunft ich ſelbſt bieſe ftolze Kathedrale erbaut ... Die Meifter- 
finger von Nürnberg werden, um gleich damit herauszuplagen, in 
Bayreuth in einer jcenischen und muſikaliſchen Vollendung gegeben, 
die bisher auf der ganzen Welt nicht mehr ihresgleichen findet. Man 
denfe [1 die Dekorationen: die Katharinenkirche, das Haus und Die 
Gaſſe berühmten Schuſters bis zur Sof getreu der Wirkfichkeit 
„abgelaufcht“, die Feſtſpielwieſe im legten Aft im Hintergrunde ab- 

eſchloſſen durch eim vollendetes Kun inert der Deforationsmalerei. 
&. das ift Nürnberg, wie es leibt und lebt; das ift wirklich ein 
Hauch von Somnenglanz, der dem ganzen Bilde die fetliche Freude 
des Sonntags verleiht; der Zauber der alten Romantik ſpricht aus 
diefen Erfern, diejen Binnen, diefen Thürmen, ein Duft von Wol- 
luſt webt in der Sommernacht; Lenzesgebot, die ſüße Not, das 
Allermenfhlichite, hat in den Meifterjingern eine hochpoetifche Ver- 
Mtärung gefunden, wie fie noch feinem Poeten gelungen ift, weil fie 
dem bloßen Poeten allein unmöglich gelingen Tann. Hofiannah ber 
deutfchen Kunft! Hofiannah dem deutfen Meifter, der fo ein Werk 
eſchrieben! Alles, was vor ben Meifterfingern von den älteren 
Reiten geleiftet, ift gegen dieſes holde Werk ein archäologife 
Quark — wie fid) Herr von Bülow ausdrüden würde Im 
That verblaßt gegen die Muſik der Meifterfinger, gegen das Stüd 
überhaupt, alles und jedes, was ſelbſt unfere größten Meifter gefun- 
gen haben. Wollte man Mozarts Don Juan mit den „Meifterfingern“ 
vergleichen — aber, jo lieb Euch Euer Leben ift, thut es nicht, — 
denn der Don Juan ift ja auch unfterblich, unvergänglich . 
Die Aufführung leitete ein Schüler Wagners, der unterbeifen fel 
ein Meijter geworden: Hans Richter, ein Wagnerdirigent von je 
Reinheit. Und doch ſcheint mir felbft unter Richters genialer, 
äußerfte Klarheit erftrebenden Direktion der Vortrag namentlich 
tein Inftrumentalen manchmal unmagnerifch geweſen zu fein. 1 
wagneriih? Ja, gewiß! Denn wir wiffen, wie ſehr Wagner, 





Nadklänge an Bayreuth. 147 


nur ein Beifpiel anzuführen, mit zunehmender Steigung, mit pathe- 
tiſcherer Orchefterfprache auch das Tempo abgeändert, aljo breiter 
oder fchnellatymender haben wollte. Richter aber nahm das Vor—⸗ 
fpiel vom erften bis zum legten ec in einem gemütlichen Trabe; die 
große Erescenboftelle im erjten Theile des glänzenden Tonſtückes, 
wo fi) die Septafforde aneinanderreihen, das Marjchthema, das 
Liebesmotiv — alles, alles fiel einem Zeitmaß zum Opfer. Daß 
das Drchefter, hier wie im Parfifal, Unübertreffliches bot, darf bei 
feiner Befchaffenheit niemanden Wunder nehmen; haben fich doch die 
tüchtigſten und beiten Künftler Deutſchlands muthig in den „myfti- 
ſchen Abgrund“ geftürzt, wie die römiſchen Decier, der edelſten Saı 
zu dienen. Man wird faum wieber bei aller Fülle, aller Pracht, jo 
viele Feinheit, jo viele Delifateffe der Ausführung und einen ſolchen 
Wohllaut vereint finden. Auf einem foliden Fundamente von acht 
—— zwölf Cellis u. ſ. w. baut ſich ein Rieſenorcheſter von 
110 Muſikern empor, welche größtentheils mit den Eigenthümlich- 
teiten Des — auf das Innigſte vertraut ſind. Ueber die 
Auffübrzng fel ft kann ich mich kurz fafjen: fie war im Gefammteindrude 
eine vollendete, eine muftergiltige; der Chor, aus 400 Perfonen be- 
ftehend, leiſtete das Höchfte, was man von einem großen Chore ver- 
langen Tann, in dem unvergleichlich markig Bedeutungsvollen: „Wacht 
— es naht gen’ den Tag!" Das war fo überwältigend, fo padend, 
wohl faum ein Auge troden blieb. Was die Leiftungen der 
Soliften anbelangt, jo muß in erjter Linie Herr Plant ala Hans 
Sachs genannt werben, der ben gemüthvollen Schufterpoeten mit 
eblem Humor und herzenswarmer Philoſophie ausitattete; ſtimmlich 
wer fein Sachs von hoher Schönheit. Herr Kürner machte aus dem 
Sigtus Bedmeffer einen gelungenen Charakterfopf des Neides und 
der verftecten Bosheit und brachte troß der ala unübertrefflich ge- 
rühmten Beckmeſſerfigur des Herrn Friedrichs, fein bedeutendes Talent 
zu fehönfter Entfaltung. Ein prächtiger Junker war aud) der Stol- 
zing ren Subeius: Stimmlich beſonders günftig disponirt, im 
Spiel voll Nitterlichleit, ftörte nur das fchlechte — verzeihen Sie 
bas Harte Wort — Untergeftell; ich denfe aber, daß man durch 
Baumwolle und Watte dech manchen Mangel an Muskulatur und 
auch die Hungersnot der Beine wohl verdeden und erjegen kann. 
Auch was Hedmondt (David) bot, ift hochrühmenswerth; feine vor- 
nehme und intelligente Künſtlerſchaft und die außerordentliche Lie- 
benswürbigfeit feiner ber zartejten Schattirungen fähigen Stimme 
fiherten ihm einen ſchönen Erfolg; Herr Hedmondt forcirte einiges 
le jein Organ; mit Unrecht: die treffliche Akuſtik des Haufe er- 
ıbt im Gegentheil dem Sänger alle mögliche Schonung. Wiegand 
; Bogner war eine fernige Prachtfigur, über alles Lob erhaben. 
2 übrigen eifterfinger in den Händen der Herren Denninger, 
Serhag, Dr. Schneider, Grupp, Demuth, Guggenbühler, Gebrath, 
per und Salzburg, geriethen gut; daß unter ihnen nicht lauter 
nies, fonnte man aud) bemerken. Frau Sucer fang die Eva etwas 





148 NVachklãnge an Sayreuth. 


kühl⸗konventionell, ohne ſonderliche Begeiſterung, brachte aber die 
Vorzüge ihres hervorragenden Talentes und ihrer vorzüglich geſchul⸗ 
ten Stimme aufs Befte zur Geltung. Die Magdalena, Evas Amme 
... doch da fällt mir ein, daß es jebenfall® nicht ſehr verlodend 
fein muß, eine Amme zu freien, deren Milchkind felbit ſchon, ber 
fügen Noth umterthänig, ans Heiraten denkt. Schägen wir die Eva 
an ſich — alfo nicht in der Geftalt irgend einer ängftlich u, ver 
jchweigenden Sängerin — auf achtzehn Sage, fegen wir bei der 
Amme voraus, daß fie im Alter von zwanzig Jahren ſchon die Säbig- 
feit gehabt, den Beruf der Amme praktiſch zu erwählen, die Fähigkeit, 
eine Bufenfreundin zu werden, fo giebt das als Alter der Magda- 
Iena etwa 38 Jahre; man fieht, Aa kanoniſch war Davids, des 
Geſellen Braut. Liegt hier eine irrthümliche Bezeichnung vor? Wollte 
Wagner mit feiner Amme etwa eine Stüge ber Hausfrau oder eine 
Vertrauensperſon andeuten? Ich laſſe die Frage offen... Frau 
Staudigl war zum mindeften al® Magdalena ſehr begehrenäwerth. 
Das herrliche Werk wurde mit größter Begeifterung aufgenommen; 
der von unferen Theaterdireftoren mit Richt auf das Abendbrob 
der Abonnenten und in der Noth der gewöhnlichen Theatertradition 
fo arg verftümmelte letzte Aft wurde von Vielen em erften Male 
ın feiner ganzen bimmlifchen Schönheit erfannt. Möchte dieje Da 
reuther Aufführung ein Segen werden, auf den wir auch außerhal 
Bayteuths nicht zu verzichten brauchen. Das wäre die ſchönſte Ge— 
nugthuung für alle die ſchnode Unbill, welche uns ein unaufhörlicher 
Regen und gliedererftarrende Nächte angethan. Selbſt Perfonen in 
drei Aufzügen follen ſich unbehaglich befunden haben... .! 

Nach den Meifterfingern, wie nach dem Parfifal fand natürlich 
— nun was glauben Sie wohl? — eine große Kneipe bei Angers 
mann ftatt. Wer ift Angermann? Denken Sie ſich einen Garten 
mit zwei Ofeanderbäumen und einigen verfümmerten, armen Fichten, 
die in Sofgtübet eingefefett find: einige die Bayern füllen ben 
Garten vollftändig aus. Dann denken Sie ſich eine ſchlechte Kneipe 
mit Bildern, die nicht von Rafael und Mafart herrühren, im Ober- 
ftod einen fogenannten Saal, der allen den Düften des Haufes als 
Tusculum dient; denfen Sie ſich eine Kundry — fo Heikt die Kell- 
nerin — mehrere ‚Dugent brüllender Gäfte, die alle behaupten, fie 
feien begeiftert vom Meifter und feinen Werken, denten Sie ſich 
alles, was nach Bayreuth kommt, auf Minuten in diefem häßli— 
Lolale herumtreiben und im dicken Tabafsqualm die Parfifalkünftler 
ftolz in einem nad vorne geöffneten Seitenkabinett in aller Herr- 
lichfeit thronen und denken Sie dabei an das profanum vulgus dei 
Horaz, und Sie wiljen, wie es bei Angermann ausficht... Unt 
warum drängt ſich alles in dieſe entfeplice Hölle? Weil ber Meifter 
hier manchmal feinen Abendichoppen zu trinken pflegte. Hätte doc 
der Meifter einmal behauptet, daß ein Löffel Cyankali als Ver 
dauungspulver gut fei, ich wette, Die Cyankalifabriken würden wis 
Pilze aus der Erde ſchießen. O, wie ſchön wäre es auf der Welt 





— 


Nachklãnge an Sayreuth. 149 


wenn es feine Narren gäbe! Schade, da Wagner vergeffen hat, den 
Ausſpruch zu thun: dann gäbe es keine Narren mehr. 


IV. 

Diefe Kundry ift jedenfalls eine der merkwürdigften ebohıngen 
Wagners: ihr. Charakter laͤßt ſich Buraus nicht erfchließen, wenn 
wir nicht einen Schlüffel gebrauchen, der unſerer Zeit nicht mehr 
fremd ift, mit dem wir die tiefiten Geheimniffe der Piychologie und 
der phfiolagie unferem Poly mi iß zugänglich machen. So wun- 

bar und unmatürlich diefe Kundry ericheint, ve wenn wir fie 

fir eine tein —— ymboliſche Figur halten, jo deutlich und Mar 
fehen wir auf d ihrer Seele, wenn wir uns ver degen- 
wärtigen, daß fie eine durch und Durch ooferfehe Perſon ift, ein 
leicht veizbares, ſenſibles Nervenfyftem bejigt und vor allem für 
jene überraſchenden ne 05 im höchſten Grade emfänglich ift, welche 
abmeht ſchon den indier, den Schamanen und den 
Zaub erern des Mittelalters fehr want befannt, doch erft in der Neu- 
zum Gegenftande wiffenfchaftlicher Unterfuhungen gemacht wurden. 
— pflegt die Summe dieſer Erſcheinungen gewöhnlich Mesmeris- 
mus, —E oder Somnambulismus zu nennen; ihr letzter 
Urgrund beruht auf einer Krankheit des Nervenſyſtems, ber nfiere 
Die Hyfterie ift jene eigenthimliche Nervenkrankheit, wehhe durch 
Störungen der Senfibilität zu einer ganz auferordentlichen, oft an , 
das Wunderbare grenzenden Schärfe der Sinne Hinleitet und zu gleicher 

Zeit in verein; zeiten Sudung kungen gewiffer Musfelgruppen oder in kön⸗ 
Segen Pirorpömen Tompfiiterer Natur, die ſich ala Lach- oder 
Weinkrämpfe barjtellen, endlich im Somnambulismus den höchiten 
Grad ihrer Ausbildung findet. 

Betrachten wir und nun die Kundry und ihr Krankheitsbild 
vom phyſiologiſchen Standpunkt aus: Kundry ftürzt haftig, faft tau- 
melnd auf die Szene; ihre Augen find „eben fchwarz, zuweilen 
wild aufbligend, ders wie todeöftarr und unbeweglich; während der 
Erzählung Gurnemanz'3 vom Falle des Amfortas wird jie von wüthen- 
der Unruhe gepeinigt; dann ſchleppt fie fi einem Waldgebüfch zu. 

Nur Ruhe! Ruhe, ach, ber Müben! 
Schlafen! Oh — daß mid) feiner wede . 

Dann fährt fie wieder ſcheu auf: 

Nein, nicht ſchlafen, — Graufen faßt mich! 

Sie ftößt einen dumpfen Schrei aus und verfällt im heftiges 
ttern, dann läßt fie die Arme matt finken, Rn das Haupt tief 
ab ‚fowantt matt weiter. Noch einmal ruft fie fafen! Schlafen 

bie Zeit ift da! Ich muß“ und dann finft fie im "ed hf zufammen, 
e verfällt augenfcheinlich in einen Snpnotifcien. Schlaf: fie will nicht 
lafen umd muß doch fchlafen; ein fremder, mächtiger Wille zwingt ihre 
ele. Sie hat alle die einzelnen Phafen ihres Hyfterifchen Zuftandes, 


150 NUachklãnge an Sayreuth. 


yemifcht mit fataleptijchen Anfällen, durchkoſtet und ift num erftarrt 
in Lethargie. Die Reihe diefer Zuftände, die una Kundry bietet, können 
wir fofort an einem Medium jtudiren, das von einem Sprnotifen in 
Snpmonichen Schlaf verſenkt wird. Verſchiedene namhafte Gelehrte Haben 
auf bem Öebiete des Hypnotismus erperimentirt und wunderbare Ergeb- 
niffe erhalten, die fich nicht durchaus erflären, die fi aber auch unter 
der Borausfegun einer faft peinlichen Gewiſſenhaftigkeit in der Weber- 
wachung bes — nicht ableugnen laſſen. Neben den Verſi 
wel: eparcot in Barid gemacht hat, find es namentlich die Experimente 
des Brager Profejfor Krafft-Ebing, welche das größte Intereffe bean- 
fpruchen. Wer ift, jo fragen wir, nachden wir in Kundry ein Medium 
erfannt haben, der Hypnotifeur Kundrys? Die Antwort lautet: Klingsor 
Klingsot ift ein Zauberer ganz im Sinne ber mittelalterlichen Romantik; 
er hält den glänzenden Zauberſpiegel in der Hand, in den er eifrig 
ineinftarrt: Sie Folge dieſer auf einen Punkt Hingerichteten, hochge⸗ 
— Sinnesthätigkeit iſt Somnambulismus, der ſich bei Klingsor 
als Hellſehen in Zeit und Raum offenbart. Klingsor hypnouſirt 
fich jelbft und in dem Buftande des Somnambulismus erblidt der 
jellfichtige den nahenden Parfifal. Der moderne Hypnotifeur bedient 
jtch bekanntlich auch eines glänzenden Gegenftandes, z. B. einer Uhr, 
um das —X— Br — u —— — Die —5— —X 

weiten iſt für die Annahme einer magnetijch-bypnotif 
Rechfelbegiehung zwifchen Kundry und Klingsor % besteht ig, daß 
. man meinen fünnte, Wagner habe das Material zu dieſem Auftritte 
aus dem Laboratorium eines Phyfiologen ſich geholt Klingsor nimmt 
vor allem eine für den Hypnotifeur charakteriftifche Handlung vor; er ent⸗ 
zündet — das ja von jeher bei allen „Beichwörungen“ eine 
roße Rolle jpielte. So galten dem Mittelalter namentlich Sambucus, 
Utum, Opiumdämpfe u. a. als wirkſame Zaubermittel. Klingsor führt 
darauf jene geheimnißvollen Geberden aus, die auch heute noch die Hyp- 
notifeure vollführen, nur weniger geheimnißvoll, die in der Haupt: 
Inge in Strichen beftehen, welche, auf dem Haupte ausgeführt, den Iuet 
haben, gewiffe Nervenzellen der grauen Gehirnſubſtanz für das Vor— 
ftellungövermögen beſonders zu ſchärfen oder auszufchalten. Run denke 
man ich den geheimntbvollen Bierath, die nefromantijchen Wunderdinge, 
die abenteuer icaen ormen eines von narkotijchen. Dempfen durchduf- 
teten, halbdunklen Raumes und man wird begreifen, wie in folcher Um- 
jebung bei einem paffenden Medium äußert raſch ein hypnotiſcher 
fat vielleicht durch bloßes Fixiren ſchon, hervorgerufen fein wird. 

n 1 Hierher, denn, Kundryl 
Be 


Und in dem bläulichen Lichte fteigt Kundrys Geftalt uf. € 
ftößt einen ſchredlichen Schrei aus, wie eine aus eff Sch 
aufgejchredte Halbwache. 


Erwachſt Du? Hat 
Meinem Banne wieder verfielt Du heut zur rechten Zeit" 


NVachklãnge an Bayreuth. 151 


Kımdry läßt ein Klagegeheul, von größter Heftigleit bis zu 
Wimmern fich abftufend, vernehmen und verſucht vergeblich, 
im dem byfterijch-fataleptiichen Zuftande, noch im Banne des Hypno- 
tismus, die Sprache wieder zu gewinnen. Nur rauh und abgebrochen 
lallt und ftammelt ihre Zunge ... von langen Seufzern, tiefem 
Stöhmen find ihre Antworten unterbrochen. Und nun wird mittels 
eines dem Medium gegebenen Befehles, Parfifal zu verführen, ber 
Hypnotismus in den Organismus de3 Drama eingeführt: willenlos, 
gegen ihren Willen, führt Kundry ben Befehl des Hypnotiſeur Klinge 
or ans. Der Kampf der zwei in Kundry aufeinander plagenden 
Billen äußert ſich bei Kundry mit einem gewaltigen Rüchſchlag auf 
das Nervenſyſtem — Oh! — Oh! Wehe mir! ruft und Flagt fie, 
dann geräth fie in ein immer efftatiicheres Lachen, das fich bis jr 
ganzen Sräßlichteit des hyſteriſchen Lachtrampfes fteigert und enblich 
in em krampfhaftes Wehegejchrei überjchnappt ... . Sie ift der Machi 
ihres Hypnotiſeurs bis zur ſtlaviſc Ergebung verfallen. Die 
weitere Entwidelung des zweiten A ergiebt ſich unter der Ans 
nahme der fortwirtenden Suggeftion, d. h. ber vom Hhpmotifeur 
Klingsor empfangenen Willensrichtung, ganz von felbit. Später er- 
ſcheint Kundry als völlig Tataleptiich; ihre Geſichtsfarbe ift bleicher 
orben, aus Miene und Haltımg iſt die Wildheit gewichen, dem 
ufall folgt die vollftändige Erſchlaffung. Als fie von Parſifal 
die Taufe empfängt, da hüttelt Die ehemals Wilde ein heftiger 
i . Vielleicht ließen ſich bei allen Perſonen des Parſifal 
hupnotiſche Einflüffe nachweiſen. Sie wären nicht? unnatürliches, 
da ja die Geſchichte der erften, chriftlichen — te fo reich an 
Yofterifgien Symptomen ift; wir finden dieſe Symptome fowohl in 
den Verzuckungen ber chriitlichen Märtyrer, wie im Leben der durch 
bie Astele ——— ER r a dem Einftuffe 
Hypnotismus bildeten fich jedenfalls auch die ien ittel 
alters; von dem Orden Der ofenkreuper, den — in ſeinem 
Zanoni“ verherrlicht, iſt das mit Beſtimmtheit anzunehmen. 


V. 


So wäre denn auch ber rein kritiſch⸗ langweilige Theil aus 
meinen Bayreuther Sommertagen der Geſchichte übergeben: und doch 
hätte ich noch manches zu erzählen, was werth wäre, ber Vergefjen- 
heit entriffen zu werden. So fagte irgend ein vierjchrötiger Wag- 
mer, als wir im Feſtſpielhauſe ſaßen und dem hellen, eleftrifchen 

hlicht tiefes Dunkel gefolgt war, mit großem Pathos: „Bott, wie 
Bartig“, eine Apoftrophe, die unendlich bezeichnend ijt für die 
ren, welche ba oben ſich ‚gulommenfinben. Der rftelhung moßnte 
ürlich auch die Familie Wagner und der Generalftab der aiſchen 
iſt, d. h. die Wolzogen, Groß und andere Größen bei. 
m Coſima ift eine ſehr magere Perſon, ein ſcharfes Commando- 
it, ſehr geiltreiche Augen, aber ala Weib zu ſehr an Lifzt erin- 


152 Uachklãnge an Kayrenth. 


nernd, der nur als Mann denkbar war. Ein weiblicher Liſzt — oh, 
wie umnatürlich! Neizend fand man allgemein Wagners Töchter, 
liebenswürdige, ſanfte Gefichter, die se das energifche Tempera⸗ 
ment ihres Baters nicht verleugnen. Siegfried, der Sohn Wagners, 
trägt ganz die Züge feines Vaters: die ſcharfe Geiernaje, der breit 
jewölbte kopf und manches andere in feiner Phyfiognomie erinnert 
ebhaft an den alten Wagner. In ganz Bayreuth Ei er nur ber 
Siegfried. gaben Sie Siegfried nicht gejehen? Wo iſt der Siegfried? 
rufen die Leute einander zu, wenn fie in der bierfeuchten Kneipe 
bei Angermann beifammen jigen und während fie ſich vollbieren über 
die Erhabenheit des Parſifal und die Größe der beutfchen Idealität — 
ftreiten. Haben Sie Siegfried nicht geleden? Siegfrieb ift um die 
Auszeichnung, der Sohn eines großen Mannes zu fein, ganz ficher nicht 
zu beneiben, zumal auch) er ein Opfer der bisher gejammelten Erfal 

tung geworben, daß dad Genie nicht vererbbar fei... Siegfried iſt jeden- 
falls ein eleganter, wohlerzogener Menſch, der hoffentlich Elug genug 
ift, in dem Zaumeldunftkreis feiner Umgebung nicht den Raufch der 
Gottähnlichkeit einzufaugen. Siegfried ftudirt in München Baukunſt; 
das Denkmal für Papa Lifzt, der auf dem Friedhofe von Bayreuth 
begraben Liegt, ſoll nad) Plänen Giegfeiebe gebaut worden fein. Nun, 
die Pläne Ad jebenfalls nicht viel wert geweſen und Hätte ſich 
Liſzt nicht felbft fein umvergängliches, ſtrahlendes Maufoleum errichtet, 
es Hände wahrlich ſchlimm um fein Andenken. Das Lifzt-Denktmal 
macht einen geradezu Eindifch-plumpen Eindrud; ohne fhöne Formen- 
ver! ätiffe, ohne Schmud, ohne Poefie fteht es da! Dieſes Dent- 
mal für Lifzt, weld' ein Mikverftändnig! Liſzt, Lifzt! Der Künftler 
aller Künftler! Noch vor einigen Jahrzehnten wäre die Frage mög- 
lich gewefen, was ift die Kunft Franz Liſzt's? Doch nur fein Klavier⸗ 
ſpiel ... aber man war gnädig genug zuzugeftehen, daß er auf dem 
Elfenbein in der That über die Mittelitufe hinausgefommen ſei. 
Franz Liſzt ift eine Univerjatität . . . nur bie Schwalben und die 
Sperlinge können das nicht begreifen. — Nachdem man aber fo lange 
Jahre hindurch feine die ewige Harmonie wieberfpiegelnden Werke 
einer bloßen Komponierfaune zugute gehalten hat, jo ift doch wohl 
die Frage berechtigt, meiden glüdlichen Umftande ift der Umſchwung 
der Dentart, die Verſchiebung des Kaleidoffops der äfthetifchen Prin- 
zipien jener mufitgeniehenben Kreife zu danken, welche ſich jo gerne 
als die funftliebenden oberen Zehntaufend fühlen? Wer hat ben 
Liebestranf gebraut, der die Neigung und bie Sehnfucht entzündet, 
die mufitafifäen Werke Franz Kits zu hören? Ich glaube, ein 
neuerer Philojoph, Moriz Wirth, hat recht, wenn er behauptet, daß 
ohne Wagner Liſzt nicht denkbar wäre, daß Wagner, wie ihm Lilzt 
bie fünftlerifchen Worbedingungen gegeben Hat, den Gebanfen von 
Bayreuth feiner inneren Verwirklichung ni zu bringen, doch nur 
eine Vorftufe des Derftänbniffes für die großen Orchefterwerfe Liſzts, 
in erfter Reihe der Schlüffel zu den fymphomifcen Dichtungen fei. 
Wäre es möglich, daß jemand, ohne die „Nibelungen“ gehört zu haben, 


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Nachklãnge an Bayreuth. 153 


im Urwald der Fauſtſymphonie fich zurechtfände? ... der FZauftiym- 
phone, welche Wagner eine göttlich ſchöne Muſik genannt hat? 

ufifer der älteren Tradition erklären die Fauſtmuſik für formlos 
und jagen, das fei überhaupt feine Muſik. Natürlich, der Fauſt ift 
aud fein Drama, wenigjtens nicht im Sinne unferer Profefforen. 
Der alte Tadel, der alte Unfinn! Formloſigkeit! Vielleicht hätten die 
alten Aegypter die Acropolis zu Athen oder den Tempel des Zeus, 
hätten fie ihn geſehen, für formlos erklärt, weil er nicht die Geftalt 
einer — Pyramide Hatte! Aus dem Haferforn fprießt — id) darf 
wohl diefe Thatfache als ziemlich befannt voraugjegen — ein ‚Befer- 
halm empor, und nun verlangen diefe Herren der geraden und ber 
frummen Form, daß aus der Eichel auch ein Haferhalm wachſe! 
Das würden fie dann Form nennen. Doch daran erfenn’ ich den 
gelehrten Herrn! Was Ihr nicht taftet, ſteht Euch meilenfern! 
Liſzt ift tobt — die Thatjache ift für die gelebrten Herren nicht 
nen u ändern, leider, denn fie bedeutet, daß er den Deutſchen 
Eaffifch geworden! Beethoven galt feinen Beitgenojjen als Revolu- 
tionär, al® Umjtürzler und Jafobiner; nad) feinem Tode wurde er 
bas Herz ber — Sollen wir uns über dieſe Erſcheinung 
wundern, welche ſich bei allen bedeutenden Männern vollzieht und 
die mit einem bloßen Raifonnement gewiß nicht aus der Welt zu 
ſchaffen iſt? Alſo Lifzt iſt eim —A geworden, der uns nach 
mancher Seite hin noch lieber fein darf als mander Altklaffifer: er 
wird nie langweilig. Aus feinen Werfen ftrömt ein beraufchen- 
des Arom, Das in alle Poren dringt; eine Bauberatmojphäre 
umhüllt fie, aus der ein Fluidum der wunderbarſten Art in die 
Seelen der Hörer I) ergießt: Ein überjtrömendes Gefühl, eine 
fafginirende Leidenfchaftlichfeit, ein Pulfiren der Empfindung, bald 
dramatifch und heilig, prachtentfaltend und einfach, bald ftürmijd) 
und ruhevoll, charakterifirt das tonpoetifche Schaffen Liſzts. O Lifzt, 
Liſzt! Und was gest Ihr dazu, ich Hoffe, Ihr würdigt num ganz 
die grotesfe Komik des folgenden Satzes — wenn die „Times“ von 
Bayreuth folgende Notiz brachte: „Morgen Dienftag, Vormittag halb 
neun Uhr, findet in der Hiefigen fatholijchen Pfarrkirche die gefiftete 
Jahrtagsmeſſe für den verlebten Kanonifus und Komponiften Herm 
Abbe Dr. 5. Lilzt ſtatt.“ Himmliſch! Der verlebte Kanonikus! 
Prachtvoll it aus das nachfolgende „und“; „Ranonikus und Kom— 
poniſt· ſchien dem guten Redacteur jedenfalls eine bedenkliche und 
unerlaubte Häufung von Aemtern zu fein. Ya, das macht das 
bayerifche Bier; es fördert zwar fehr den Leib, macht aber auch die 
Intelligenz zu fchwerfällig, zu fett! Und für verfettete Intelligenzen 
it leider noch fein Rarfebad entdedt. O fette Intelligenzen! Wie 
jabt ihr damals gegen den Narren gezetert, der in Bayreuth, ji) 
jein Theater bauen wollte; da Habt ihr fetten Intelligenzen von 
Bayreuth euch halbtodt gelacht, wenn ihr Ihn faht, den ihr ſpöttiſch 
en „Meifter” nanntet, und wie habt ihr euch gewundert, ihr fetten 
Sntelligenzen, als dann die Taufende von Fremden ihr ſchönes Geld 

Der Salon 1889. Heft IL. Band I. 11 


154 Vachklãnge an Bayreuth. 


bei euch Tießen! So wurdet ihr auf einmal Wagnerianer. Aber 
tröftet euch, feit zweitaufend Jahren betet die fette Intelligenz nur 
den Erfolg an. Genie und Gefindel, vor der Welt ift alles gleich, 
Meſſias und Schächer; es lebe die fette Intelligenz! 


In der Nacht, die den Meifterfingern folgte, konnte ich mit 
fchlafen, wiewohl der von Zeit zu Zeit auffeufzende Wind, an 
die Fenfterfcheiben klatſchende Regen und die Mufif in meiner Seele 
ur wunderbaren Symphonie fid) ergänzten. Ich muß es nur ge 
Heben, das Elend und feine Urfachen lagen in der Außenwelt. Ich 
hatte mehrere Duelle zu beftehen, bei denen auf beiden Seiten Blut 
floß. Das Duell mit einer Wanze ift zwar nichts angenehmes, 
dafür aber nichts feltenes. Endlich konnte ich nach gräßlid-ichlaf- 
Lofer Nacht den jchönen Morgenregen begrüßen. Mit meinem Freunde 
frühſtückte ich wie gewöhnlich im Cafe Sammet, wo wir uns an die 
abſchreckende Häßlichfeit der Kellnerinnen fchon zu gewöhnen anfin- 
en. Von Hier aus begaben wir und in das alte, marfgräfliche 
heater, einen een Bau aus der Nenaijfancezeit, dem 
eine außerordentliche tiefe Bühne geftattet, felbft einer Spontiniſchen 
Oper mit ihren Elephanten und Negerregimentern gerecht zu werden. 
Bon hier aus befuchten wir die Villa Wahnfried und fanden leider 
vor der Darmorplatte, die das Grab Wagners bededt, eine Menge 
von Engländern Heben: ein wehmüthiger Gebanfe, der mich gefangen 
nahm, wurde bald darauf verfcheucht durch ein ferne her Elingen 
Klavier. Ich laufchte und erkannte ſehr bald den Hochzeitsmarfch 
aus dem „Sommernachtstraum“ — eigenthümlich zögernd und un- 
ſicher gefpielt, im choralartigen Beitmaß .. . zubem griff ber Spieler 
ftatt die immer d — ich verlor mich verdroffen vom Grabe Wagners 
— das fatale d verfolgte mich; ich ging in die Stadt zurüd — id 
hörte das d in meinem Gehör Elingen. Entjeglih.... Ich kaufte 
mir eine Cigarre ... aus den Rauchwolfen grinfte mich eine Frage 
an, als ich genauer hinſah, bei Gott, e8 war dad d... waı 
die Eigarre in die nächſte Pfüge, im Erlöfchen zifchte fie ein grim- 
miges d... Ich war verzweifelt. Dieſes d wird mich noch wahn- 
finnig maden. Ich bezahlte meine Rechnung ... und ging verdrieß- 
lich auf den Bahnhof. Ich wollte nach Nürnberg fahren .... der 
Zug kam an, die Lofomotivpfeife gellte. Bei Gott, es war wieder 
das d... Ich fuhr nicht... Ich wartete, wartete lange. Endlich 
kam eine Lokomotive, die pfiff dis... Ich ftieg beruhigt und erlöft 
in die nächfte Wagenzelle und fuhr fort... 





9 — 


nenkkenten Luna na sent enemenn 


156 Bas moderne nordifce Brama. 


Es ftellt fich heraus, daß Florizel jene Reifegefährtin geweſen 
iſt. Repholt trägt ihr die Fortjegung feiner „Liebe“ an, wird al 
entſchieden zurüdgemwiefen. Dann meldet Kai den Sachverhalt. 
Repholt mug ſchleunigſt abreifen. Zwiſchen den Gatten kommt es 
zu einer ftürmifchen Scene; er will fie verftoßen, läßt ſich aber doch 

wegen, fie an feiner Seite zu dulden. „Hoffe nichts von ber Zus 
Zunft“, jagt er; „wir werben beide grenzenlos unglüclich.“ 

Das Schaufpiel war an einem Abend des vorigen Winters in 
unferm dramatifchen Klub vorgelefen worben. Es hatte einen ftarken 
Eindrud auf uns alle gemacht, und wir waren bald darin einig, daß 
es ein hervorragenbes ichtervermögen befunde. Ueber den poeliſchen 
Werth des Stüds waren gleichwohl die Meinungen getheilt. Das 
war nun nicht eben verwunderlich, denn wir vier Klubbrüder find 
von ſehr verſchiedener Geiftesrichtung und ſtark divergirend in unjern 
Weltanſchauungen: ein Theolog der fogenannten pofitiven Richtung; 
ein Dichter, welcher fich der realiftiichen Schule zumeigt; ein philo= 
fophifcher Literat mit peffimiftifchen Alluren, ftarf beeinflußt von 
Schopenhauer und Ed. von Hartmann, und dann meine Wenigkeit, 
die zwifchen dem Alten und dem Neuen, zwiſchen realiftifcher Wahr- 
heit und idealiftifcher Schönheit zu vermitteln fuchte und im übrigen 
nad een Kräften das Tragifche als Spezialität anbaut. 
Unfer äjthetifches Intereffe vereint uns allwöchentlih einmal zum 
gemeinfamen Genuß ber neueften deutfchen, dänifchen, norwegiſchen 
und ſchwediſchen Dramatichen Dichtungen. Ich will nun verjuchen, 
unfere Unterrebung über das Schaufpiel „Ein Befuch“ wiederzugel 
Um ermübende Weitfchweifigfeiten zu vermeiden, werde ich jeboch die 
zerftüdelten Worte des Ichhaften Austaufches zu längeren Ausführım- 
gen zufammenfügen. 

„Ein treffliches Stück!“ hub unfer Dichter an. „Welch' meijter- 
hafte Charakteriftil! Das find feine Theaterpuppen, jondern drei 
wirkliche Menfchen, die uns hier vorgeführt werden, diefer Kai Neer— 

jaard, der nad einer beivegten Jugend Ruhe und Behagen als ehr« 
famer Ehemann in dem gemäcjlichen Leben eines wohlhabenden 
Gutsbeſitzers ſucht; dann fein ‚Freund“, der Dämon feines Lebens, 
Aktuar Repholt, ein nordiicher Don Juan, äahmer, vorjichtiger, aber 
nicht minder gierig, nicht weniger wähleriſch als fein fpanifcher 
Vetter; endlich Florizel, vor allen diefe vortreffliche Store, eine 
Mischung von Ausgelaſſenheit und Exnft, von Lachen und Thränen, 
von Äuftig ſchwatzender Unſchuld und bebendem Scmeigen, — biefe 
Einheit von Schwachheit und Kraft, von wallender ichheit und 
rückſichtsloſer Energie, ein Weib „neugierig wie ein junger Vogel 
und zitternd wie ein Netvenftrang“ in der erften Verfuchungsftunde, 
doch in der zweiten Mar, Kalt, ſcharf wie ein gejchliffener Dolch, —- 
ein Weib voll ſchwirrender Aeiberiprüihe wie eine Shafefpearefche 
Figur, aber gleichwohl — oder gerade deßhalb — ein echtes Indi 
viduum, ein Menichenfind von palpabler Realität, eine poetijche Ge 
ftalt von faft Shakeſpeareſcher Handgreiflichkeit. — Und dann die 


Bas moderne nordifche Drama. 157 


Handlung des Stüdes. Wie einfach, wie ungefünftelt! Sie verſchmäht 
allen ſchimmernden Bühnentand, vermeidet lyriſchen Schmud und prun« 
tendes Pathos und erreicht gleichwohl eine Höhe, eine dramatifche 
Kraft, die in Neegaards Ausruf: „Verfluchte Dirne!“ wie ein Donner 
ſchlag erjchüttert. Enbfich — Iast not least — das Thema des Stüds 
und deſſen fünftlerifche Behandlung. Es ift die prinzipielle Ver— 
ſchiedenheit in der Beurtheilung ferueller Ausfchweifungen von Mann 
umb Weib, welde hier behandelt wird, jene Zwitterhaftigleit des 
fechften Gebots, wenn ich fo jagen darf, ‚welche die öffentliche Moral 
unſerer Zeit, wenigſtens unferer großen Stäbte, ſtillſchweigend voraus- 
fegt und gutheikt. Es ift eine ebenſo delifate als bedeutjame Frage; 
wie fein aber, wie decent und doch wie bündig ift fie behandelt! 
Ohne Anwendung rhetoriſcher Mittel, allein durch die Handlung 
wird das Problem mit erſtaunlicher Schärfe und Energie geftellt. — 
Liebe Freunde, es hilft Euch nicht, die großen Vorzüge des Realis— 
mus zu leugnen. Seht doch unfere eigene moberne Dramatif an, 
allenfall® mit Ausnahme des Dejterreicherd Anzengruber. Hat ein 
einziges aller der ibealiftiihen Werke, die wir miteinander gelefen 

m, Tragödien, Schaufpiele, Luftfpiele, und auch nur halb fo ſtark 

it wie dieſer anſpruchsloſe Zweialter mit brei hanbetnden Per⸗ 
onen? Woran liegt das? Es hat meines Bedünkens einen zwei⸗ 
fachen Grund. Laßt mich denſelben jetzt aufweiſen. 

Die realiftijche Ditung ift erſtlich in Stoff und Thema modern, 
aktuell, neu im beften Sinne des Wortes. Sie greift nach Goethes 
Anweiſung „hinein ins volle Menfchenleben“ und wahrlich, „wo ſie's 
padt, da iſt's intereffant“. Die ibealiftifche Dichtung dahingegen 
leidet an Altersfchwäche. Ihre dramatifchen Stoffe, Motive, Kon- 
flifte jind veraltet. Diefe ftereotypen gejeiätlicen den und Hel- 
dinmen mit einem Anflug von Romantik, Griechen, Römer, deutiche, 
englifdhe, ffandinavifche Fürften, Stantsmänner, bieje ewigen Mebeen, 
Sophonisben, Brunhilden, Kriemhilden, Ronradine, Eſſexe, Stuarts, 
jömeniiße und däniſche Eriche, die Jahr für Jahr immer wieder 

ie Dramatifer in Verfuhung führen, — man gähnt unwill- 
Zürlich ſchon, wenn man das Titelblatt eines ſolchen Stüdes 
Tieft; dann die Stoffe des fozialen Dramas: diejelben Konflikte zwi— 
ſchen vornehm und gering, reich und arm, zwifchen Eindlicher Pflicht 
und erotifcher Liche, — Menſchenſatzung, nationalen und kon⸗ 
feſſionellen Vorurtheilen und dem Naturrecht“; dieſelben ſogenann⸗ 
ten Pflichtkolliſionen zwiſchen Wahrheit und Liebe, Schande und 
Abjtmord, Meineid und Tod; diefelben Säfte in den dramatijchen 
dern: Hochmuth, Ehrgeiz, Rache, Batriotismus, Treue, Liebe in den 
rſchiedenen Schattirungen. Ihr fagt, daß die allgemein menjchlichen 
'otive nicht alt werben, da das Menfejenderz zu allen Zeiten und 
ter allen Berhältniffen auf gleiche Weiſe gefchlagen hat, daß 
nfchliche Freude und Schmerz, Luft und Leid, daß der Wellengang 

Leidenſchaft und des Schidjals große zermalmende Rückſchläge 

zer unferer Theilnahme gewiß find. Allein ich antworte, daß es 





158 Bas moderne nordifce Drama. 


nicht gleihgitig, welcher Art die äußere dramatifche Handlung ift, 
Hinter welcher die Menſchenherzen flopfen. Sie fann der Anjchaus 
uͤngsweiſe unferer a jo fern fiegen, daß es uns ſchwer wird, das 
allgemein Menjchlihe darin zu entdeden; fie kann uns ferner durch 
unabläffige Wiederholung gewiffermaßen zu nahe gerüdt, kann fo 
weit innerhalb unferes — eifes belegen ſein, daß unſer Auge 
darüber Hinftreift, wie über einen längft und zur Genüge befannten 
Gegenstand. Ich räume ein, daß ein echt dramatifches Motiv oft, 
auf mancherlei ale von verjchiedener Geite her behandelt werden 
Tann, ohne unfer mtereffe zu verlieren. Aber ich behaupte, daß 
dieſes Oft begrenzt ift und daß die moderne dramatijche Produktion 
alten Stils den Grenzpunkt überjchritten hat. Das ernite Drama 
ift ein Greis in Faden kkeinigen Kleidern, der engbrüftig „die Kohlen 
halberloſchener Erinnerungen anbläft; das Luftfpiel ift völlig kindiſch 
geworden; das pofjenhafte, Halbidiotifche Grinfen, mit welchem es ſich 
in die alten Fegen büllt, ward längjt zum Gaudium bes Pöbels, 
zum Genuß für äfthetifche Schufterjungen. — Wie männlich kräftig 
ift Dagegen die realiftiche Dichtung! Sie behandelt neue Stoffe, 
moderne foziale Probleme, brennende Fragen. Sie will nicht nur 
unterhalten; fie bezwedt auch nicht bloß „Die poetifche Erhebung“ 
des Einzelnen; nein, fie hat größere Aufgaben zu löſen; fle arbeitet 
mit dem tiefen, rüdjichtslofen Ernſt der Pflicht im Dienfte der 
Menschheit. Auf den Wahlftätten der Rulturentwidelung findet Ihr 
den realiftifchen Dramatifer; er fteht dort, wo die großen epoche- 
Eng Dichter zu allen Zeiten geftanden haben, in den vorderſten 
Neihen der Kämpfenden.“ 

IH fomme zum Zweiten, zu der Art, wie ber realiftifche Ber- 
faffer feinen Stoff behandelt. „Wir ftimmen wohl darin überein, 
daß zur Dichterbegabung zunächſt und vor allem eine hervorragende 
Kraft der Bhantatte ehört. Das Charafteriftiton des realiftiichen 
Dramatifers ift nun dieſes, daß feine Phantafie mit einem ftarfen 
Sinn für das Wirkliche umgürtet iſt. it dieſem hemmt er die 
Flugkraft des Geiftes, wenn fie während ber ſchöpferiſchen Thätigleit 
über die Realität hinausftrebt, wenn fie ins Traumland entſchweben 
möchte, wenn fie ucht wird, ftatt Menfchen von Fleiſch und Blut 
Nebelgeftalten zu bilden. Der realiftiiche Dichter mit feinem leben- 
digen Sinn für die Wirklichkeit verjhmäht allen eitlen Prunf; er 
hat eine felbftverleugnende Vorliebe für einfache fachliche Proſadiktion, 
einen entſchiedenen Widerwillen gegen alle Hohlheit, alle Geſchraubt⸗ 
heit in Worten, Mienen und Geberden. Seine Phantafie ift weſen 
lich Anſchauungskraft; er ſchildert wirkliche Individuen, reale Ve 
hältniffe und Menſchenſchickſale; er hält nach Shafejpcares Anweifu: 
der Zeit den Spiegel vor, unbefümmert, ob es ein Madonnenantlig i 
das ung entgegenfchaut, oder ein Medufenhaupt. — Nach) dem Gen 
einer ibealiftifchen Dichtung hat man die Empfindung eines erwacht 

en Träumers: Während man fich die Augen reibt, wird man in 
daß es Schattenbilder waren, die man fah, und jchlägt fie in F 


Bas moderne nordifche Drama. 159 


Wind. Der Realismus dagegen erzielt tiefe, dauernde Eindrüde. 
Barum? Weil feine poetiihen Erzeugniffe nad Stoff und Form 
aftuell, wirklich, weil fie mit einem Wort wahr find. Realismus in 
der Kunft, in der Wiſſenſchaft, auf allen Gebieten ift wejentlich 
daffelbe wie Mahrheit 
Jetzt ergriff Der Theologe das Wort. „Laht mich mit dem 
legten $ eginnen“, ſprach er. „Derjelbe faßt das materiale und 
das formale Prinzip des Realismus glücklich in eins und bezeichnet 
dusleich feine Kraft und feine Schwäche. Es ift richtig, daß die 
mt der Wahrheit nicht entbehren fann; aber es ift ein fundamen- 
taler Irrthum, die Wahrheit als das Wejen der Kunft aufzufaffen. 
Ein Kunſiwerk foll ſchön fein und nichts, durchaus nichts weiter; 
alles, was man von einer Dichtung fordern fann, befagt das eine 
Wort: Schönheit. Nun ift ja freilich unleugbar das Schöne dem 
Wahren und dem Guten verwandt. Wie eng diefe Verwandtichaft 
ift, läßt fich jedoch nicht beftummen; das innere Verhältniß der ge- 
nannten Drei zu einander ift nicht aufgeklärt, ja, es läßt fich meines 
Erachtens dartdun, daß die Einheit, falls eine ſolche vorhanden, 
abjolut unbegreiflich ift, daß ihre gemeinfame Wurzel, jofern ſie eine 
folche haben, jenfeit® der Grenzen ber Wiſſenſchaft in der myftifchen 
Tiefe des Dafeins liegen muß. Soweit fennen wir indefjen bi 
fragliche Verwandtichaft, foviel dürfte feftitehen, daß das in feiner 
Totalität Unwahre oder Unmoralifche auch nicht ſchön fein Tann. 
Das Necht des Realismus befteht nun darin, daß er die erftc Ber 
Hauptung dieſes Satzes zur Geltung bringt, fein Unrecht, daß er bie 
zweite verleugnet. Es ift die alte Mär von der. Scylla und der 
Charybdis. Der Realismus ift eine Fräftige, wohlberechtigte Reaktion 
gegen eine ſchwülſtige Romantik, einen in feinem innerften Weſen 
verlogenen fogenannten Idealismus in der Poeſie; indem aber der 
realiftifche Dichter der Unwahrheit entflicht, der bergenden, ſchmin— 
, „beichönigenden“ Lüge, leidet er infolge des prinzipiellen 
Fehlers in Bi äfthetifchen Betrachtungsweiſe oftmals Schiffbruch 
auf dem ethifchen Gebiet und erreicht in jeinen Werfen nur aus— 
nahmsweiſe eine wirkliche poetiiche Totalität. Betrachten wir doch 
das Schaufpiel: „Ein Beſuch“ von Eduard Brandes. Ich räume 
willig ein, daß es das Gepräge eines ftarfen dichterifchen Anſchau— 
ungövermögens trägt; ic) leugne nicht, daß der bedenkliche Stoff mit 
Decenz, mit geziemendem Ernſt behandelt ift; ich bin weit entfernt, 
dem Stüd unmoraliſche Tendenzen oder Wirkungen zuzufchreiben. 
“ein ich behaupte, daß es der poetifchen Totalität entbehrt und daß 
eſes wejentlich daran Liegt, —3— es ein unſittliches Ganzes zur Anz 
jamung bringt. Welcher Art ift die Gefellihaft, in die wir hier 
geführt werden? Es ift diejenige dreier erbärmlicher Menfchen. 
a ift zuerſt Neergaard, ein breiundbreigigjähriger Epifuräer, der, 
tt und matt von anftrengenden Abenteuern der „freien Liebe“, 
Yäbigere Genüſſe fucht und zu diefem Behuf feinen Ader bebaut 
d fich ein hübſches Weib hält — zum Zeitvertreib und. zur För— 


160 Bas moderne nordifce Drama. 


derung ber Bequemlichkeit. Er gehört zu jener Gattung von Genuß- 
menschen, deren Lebenzleiter folgende Stufen aufweiit: Liebe, Ge— 
mächlichteit nebſt Speife und Trant, lHombre, Podagra. Jetzt 
befindet er fid) im zweiten Stadium. Das ruhige, regelmäßige Land- 
leben jcheint indeß zu Anfang des Stüdes feine Perjönlichkeit heilfam 
zu beeinfluffen: er trieft von Gutmüthigfeit, von humaner Nachficht, 
ja, er hat jogar fleine Anfälle von wirklicher Mortalität. Daß diefe 
legteren jedoch nicht ernfterer Natur find, wird uns bald klar: fein 
Freund kommt zum Beſuch; während die Veiden am Kamin figen 
und Portwein trinfen, erzählt der Ungefommene jene nieberträchtige 
Geſchichte, wie er ein honettes junges Mädchen entehrt hat. Was 
thut Neergaard? Er hört der Erzählung ruhig zu, ohne daß es 
ihm einfällt, den Wicht zur Thür hinauszuwerfen. Das genügt zur 
Charafteriftif Kais. Dann Florizel. Ich will nicht bei dem „Som- 
mernachtätraum“ verweilen, in welchem ihre zwichen Unmijjenheit 
und neugierigem Verlangen ſchwankende Unſchuld der frechen Sinn- 
fichteit des Verführers zum Opfer fällt. Ich will- nicht leugnen, 
daß mir die Energie eine momentane Befriedigung gewährt, mit 
welcher fie jetzt den nn von ich ftößt, als er unverjchämt genug 
ift, die praftijche Fortſetzung „der fühen Heimlichkeiten“ zu begehren. 
Allein ich behaupte, daß ihre „Neue“, ihre „Verzweiflung“ zur r⸗ 
fung ihres moraliſchen Sinnes, zur ethiſchen Vertiefung ihrer Per⸗ 
jönlichkeit nicht wejentlich beigetragen hat. Was hätte gem Ibſens 
Nora gethan, nachdem fie erfahren, daß ihr Gatte mit aller Gemüths- 
ruhe die ſchändliche Verführungagefchichte feines „Freundes“ anhörte, 
folange er nicht wußte, daß die Mißhandelte fein eigenes Weib war? 
Sie hätte fich mitten in ae Erniebrigung zu ihrer vollen Höhe 
aufgerichtet und in dem inftinktiven Bewußtſein, daß fie troß ihres 
gehltrits mit ihrer ganzen Perfönlichkeit im Ethijchen wurzelt, mit 
alter, ftolzer Verachtung ihrem Gatten, dem bellenden Jämmerling, 
den Rücken gelehrt. Was thut dagegen Florizel? Sie weint, fte 
jammert, fie bettelt Kägfich um Gnade. „Laß mich bei Dir bleiben; 
ich könnte nicht ohne Dich leben, den . nie fo geliebt habe wie 
jegt!" Nie fo geliebt wie jegt? nachdem fie gründlich erfahren hat, 
wel ein elender Menfch er ift? Kann fie denn nad) biefer Er- 
fahrung ihren Gatten noch achten? Und fann man ben lieben, wel- 
chen man nicht adjtet? Oder ift die eheliche Liebe vielleicht niges 
weiter als eine finnliche Neigung, als ein fleifchlicher Trieb o! 
eine ftupid-gemüthliche Gewohnheit? Ich finde nich, daß Florizel 
im inneren moralifi Sinne viel höher fteht als ein „rauen 
zimmer", es müßte denn ein nicht-fhafefpearefcher Widerſpruch in 
ihrer Natur fein, den ich hier bezeichnet habe. 

Unfer Freund und Klubbruber, der Dichter, nennt die Auf- 
ftellung de3 Problems in dem Schaufpiel „Ein Beſuch“ eine bejon- 
der prägnante, ſcharfe. Ich kann ihm Hier nicht ganz beiftimmen. 
Nac meiner Meinung dient die Verführungsgefchichte, wie wirkſam 
fie in dramatifcher Hinficht übrigens fein mag, zur Verdunfelung 


Bas moderne nordifche Brama. 161 


der fozialen Frage, auf welde hin das Stück angelegt ſein foll. 
Jenes —e— Abenteuer“ hebt eigentlich das Problem aus 
den Angeln; denn wie immer man über die ſoziale Zwitterhaftigkeit 
des fechiten Gebotes urtheilt, fo dürfte es — unter Menſchen mit 
einiger moraliſcher Bildung zweifellos fein, daß Repholts Handlung 
ein Schurfenftreih war. Doch ich will hierauf nicht weiter eingehen; 
ich will nur eins noch hervorheben: Das Schaufptel endet mit einer 
eibenden Difjonanz: die Che zwif Kai und Florizel beſteht 
in all ihrer Unfittlichkeit. Sie ukunft wirb ein grenzenlofes 
Unglüd für uns beide“, ſagte er. Sie antwortet: „Und das Kind, 
Kar?“ Ya, das Kind, das arme Kind! Welche Erziehung kann ihm 
zutbeit werden in einer folchen Familie, zwiſchen jolchen Eltern? 
ift nichts in den Charakteren, in der Handlung, in ber Schluß- 
fituation, das uns einen Schimmer von Hoffnung für die Zukunft 
der Familie erbliden läßt. Das Stüd endigt in Nacht und Nebel 
wie ein grauer Novembertag. 
Iſt das Poeſie? Ich fage: Nein! Hier find wohl poetifche 
gomen, poetifche Momente; aber hier fehlt poetiſche Totalität. Das 
ala ſolches ift unpoetiſch: unmoralifche Menſchen, unmoraliiche 
Handlungen, eine Kataſtrophe, welche ein unmoralij Verhältnik 
in perfpehtilofem Elend übrig läßt. Ich habe gejagt, der Realismus 
leide oftmals Schiffbruch auf dem ethiichen Gebiet, und ich deutete 
vorhin an, daß des Realiften Verweilen bei dem Unmoraliichen als 
eine Reaktion gegen bie ſchminkende Unwahrheit eines gewiſſen 
Idealismus zu Vebreifen fei. Daß indeffen die realiftiihe Dichtung 
bes Ethifchen nicht wirklich mächtig ift, Hat wohl einen tieferen Grund, 
den nämlich, daß ber Realismus als Doktrin der ethiſchen Unterlage 
oe Abhandlung in der SKopenhagener Monatsfchrift 
„Tilſ! “ über „den Realismus in der Wiſſenſchaft und dem 
Glauben“ Segeichnet den Realismus im allgemeinen als das Prinzip 
der natürlichen Urfachen, hebt als das allgemeinfte Unterſcheidungs- 
merfmal zeichen Wilfenfeft und Glauben hervor, „daß jene den 
Gefegen und inneren Zuſammenhang des Daſeins nachforſcht, 
wãhrend dieſer nach des Daſeins ethiſcher Bedeutung und eihiſchem 
Werth fragt“, und lehnt dann, daß Nealismus im Glauben „eine 
Weltanſchauung ift, welche den Glauben an den idenlen Werth der Welt- 
entwidelung feithält, gleiaeitig jedoch ebenfo innig überzeugt ift, daß 
dieſer ideale Werth Sale 8 Wirken der natiichen Urfachen realifirt 
wird.” Hat eine folde Weltanfhauung wirkfih Raum für das 
Ethiſche? Sept dieſes — das Ethiſche — nicht voraus, daß das 
ndelnde Individuum prinzipiell frei it von dem Wirken der natür- 
ichen Urfachen, und läßt es fich nicht mit mathematifcher Sicherheit 
beweifen, daß ber Glaube entweder mit „ber innigen Ueberzeugung“ 
anfängt, daß der ideale ethiſche Werth der Weltentwidelung nicht 
nich das Wirken der natürlichen Urfachen realifirt wird, oder nie- 
mal? zum Anfang kommt. Wie denkt Ihr über diefe realiftifche 
”peorie? Sie fieht mir aus wie ein fchiefbeiniger Nihilismus, Und 


162 Bas moderne nordiſche Brama. 


leider, Die poetifche Praxis entſpricht dieſer Lehre in weientlichen Stüden. 
Laßt mich von Zola, von feinen franzöfifchen realiſtiſchen und natura» 
liſtiſchen Genoſſen fchweigen; ich denke zunächſt an dem nordifchen 
Realismus. Diefer. wird von Dichtern und Kritilern erſten Ranges 
vertreten unb weiſt eine Reihe intereffanter und bedeutſamer Werke 
auf. Allein ich bermiffe eind in dieſer Literatur: eine pofitive Welt- 
anſchauung. realiſtiſche Verfaſſer kritiſirt die beſtehenden Ver— 
hältniffe; er zeigt nur im ſozialen Leben die Lüge, die Feigheit, die 
Unfteiheit mit ihren verberblichen ge jen; aber er fommt nicht wirk- 
lich über die Negation hinaus. Cr bezeichnet wohl bireft oder in- 
direft Wahrheit, Muth und Freiheit als die Stügen ber Gejellichaft; 
aber er zeigt und nicht das Erdreich, in welchem diefe an und für 
ſich bloß formalen „Stüßen“ zu feitigen find. Der vealiftifche Ver- 
fafjer hat einen ſcharfen Blid für das Verfehrte in unferem gefell- 
Isartihen Leben, er hat daneben eine durchdringende Menjchen- 
kenntniß und einen fogenannten weiten Horizont. ber ich vermiffe 
über dieſem Horizont die blaue Wölbung; ich vermiffe über bem 
Dichter den hohen Himmel mit den ewigen Sternen unjeres Lebens. 
Das realiftifche Auge fieht die reale grimmige Wahrheit des Lebens; 
aber es ift blind gegenüber feiner poetiichen Verklärung. Ein charak- 
teriftifches Merkmal ber realiſtiſchen Dramen ift das Fragezeichen, 
mit bem fie abgufählichen pflegen; dafjelbe bezieht fich mitunter nicht 
bloß auf das Schidfal der handelnden PBerfonen, fondern aud a: 
das Problem. Der realiftiiche Dichter hat Anſchauungskraft, „Wirk 
lichkeitsſinn“ und viele andere treffliche intelleftuelle Eigenſchaften; 
er_hat überdies eine Art von negativem Wahrheitpathos, eine ge- 
wiffe moralifche Exbitterung über die Schlechtigfeit der Welt; aber 
ihm fehlt das Eine, ohne welches "0% nie und nirgends auf der 
Erde etwas wahrhaft: Großes hervorgebracht worben ift, ihm fehlt 
die Begeifterung. 

Du ſagſt, es fei nicht allein der realiftiiche Verfafjer, dem eine 
pofitive Weltanfhauung fehlt, fondern der Zeitgeift, aus welchem 
heraus er ſchafft; es ſei nicht bloß der Dichter, dem e8 an Vegeifterum: 
gebricht, ſondern das Kulturbewußtfein, deſſen Wortführer und Do) 
metſch er ift. Iſt dem wirklich jo? Iſt aljo die moderne Kultur 
jelbft poetilch impotent? Nun wohl, dann begreife ich, dak das 
Bublitum an ber ibealiftifchen Dichtung fein Gefallen findet. Auf 
ffeptifchen, materialiſtiſchem oder nihiliftiichem Boden kann „die blaue 
Blume“ nicht gebeihen. Eine Civilifation ohne Ideale ift auch ohne 
Poeſie. Dann ift es aber nicht eigentlich die idealiſtiſche Dichtui 
welche alt und ſchwach geworden; es iſt im tieferen und traurigeren Sin 
die Kultur. Sie iſt es, der die Seeubigteit und Luft, die ſchwellen 
Lebenstraft, ber leuchtende Bufunftsblid der Jugend abhanden ı 
kommen ift; fie ijt der gebückte Greis, der unverwandt zur Erde fieı 
den Lebensüberbruß in den leeren Augen, den Tod in der Bru 
„Kann man Trauben leſen von den Dornen oder Feigen von d 
Dijteln?“ Kann man lebenzfräftige Dichtungen von einer fterbent 


Bas moderne nordifche Drama. 163 


Kultur erwarten? Eine Dichtung ohne ethifche Tiefe und ibealiftifche 
Hoheit ift eben als folche auch ohne ſchoͤne Totalität; fie hat nur 
eins, womit fie imponiren mag, die brutale Wahrheit.“ 

Hier lächelte unfer_peffimiftifcher Klubbruber. „Liebe Freunde, 
fagte er, „ich ftimme Euren Anſchauungen in meienttigen Punkten 
bei, ich habe nur eine kleine Bemerkung hinzuzufügen. Jenen Man— 
an Ibealen, den Ihr als ein beſonderes Vermof unferer mobernen 

[tur bezeichnet, hat nicht diefe, Jendern das Dafein felbft verſchuldet. 
&3 verhält ſich damit fo: Dem Dafein fehlen die Ideale, die Kultur 
kommt allgemacy — langjam zwar, aber ſicher — dahin, dieſes zu 
begreifen. Der Realismus erfennt, obgleich bis jegt vielleicht nur 
ahnend, daf bie fogenannten Ideale nur Illufionen find; er ift im 
tiefiten Grunde peſſimiſtiſch. Hierauf eben beruht feine ft, 
fein Bulturgefehiehti Werth, denn der Peſſimismus ift die Wahr- 
beit. Ob dieſe, ob die Wahrheit angenehm ift oder nicht, ob ſchön 
ober häßlich, Human oder brutal, ob fie lind einfchläfernd Klingt — 
wie ein Wiegenlied oder entſetzlich wie ein Tobesfchtei, dafür ift, wie 

efagt, das Dafein verantwortlich zu machen und nicht der Dichter. 
Sir letztere jteht, wie unfer Freund, der Poet, bemerkt hat, im 
Dienfte der Kulturentwidelung; er fol, wie der Philoſoph, auf jeine 
Weiſe ein Apoftel der Wahrheit fein; er hat uns das Spiegelbild 
des Dafeins zu zeigen, freilich in poetifcher Strahlenkonzentration, 
aber ohne iminfe, ohne verjchönenden Farbenglanz. Es gehören 
mancherlei Jens Fähigkeiten dazu, ein moderner Dichter zu fein, 
eine vor allen: Kraft und Muth, der Wahrheit ins büftere Auge zu 
uen. 

Diefen Muth finde ich bei den nordifchen Nealiften, und daher 
preife ich fie. Nach meiner Ueberzeugung hat Schopenhauer recht, 
wenn er ben Optimismus „eine ruchlofe Gefinnung“ nennt, Des 
Dichters Pflicht ift es, diefe Gefinnung zu befämpfen. Die Poefie 
fol erheben, jagt Ihr. ohlan, bie Poeſie, beſonders das ernite 
Drama, bie Tragödie, foll uns das Elend der Welt zeigen und uns 
dadurg willig machen, über dieſes Daſein hinauszuſtreben —“ 

„Rad dem Nirwana“, bemerkte der Theologe. 

Nach dem „Nirwäna“, nad) dem „Reiche Gottes“, nad) „der 
feligen Schmerzlofigfeit des Unbewußten“, — nenn’ e3, wie Du willſt; 
fein Sterblicher weiß, was hinter dem Schleier der Maja berborgen 
iſt. Eins nur ift gewiß — und darin liegt das Recht des Nealis- 
mus daß dieſes Daſein elend iſt, daß dieſe Welt ſchlechter iſt 

feine! 

Doch, liebe Brüder, wir werden uns über die prinzipiellen Fra— 

nicht einigen. Kehren wir lieber zu den Individuen unjeres 

jaufpiel3 zurüd. Es fiegt etwas pifantes, etwas aufregendes 
dem finalen Fragezeichen des Stüdes. Ich möchte daſſelbe auf: 
en; ich bin geriet, die Handlung in meinen Gedanfen fortzufeßen. 

: mag es Kai und Florizel ergehen? Iſt feine Hoffnung einer 

söhnung vorhanden, feine Austidt — vielleicht für eine fernere 


164 Bas moderne nordiſche Brana. 


Zufunft — auf ein erträgliches ober gar relativ „glüdliches" Zus 
jammenfeben? Um hierüber urtheilen zu können, müffen wir nad) 
meiner Meinung in Kai hineinfchauen, müffen wir fein Wort ver- 
ftehen: „Ich richte Dich nicht; aber ich muß handeln, wie ich fühle.“ 
Was fühlt er denn? Darauf kommt es an.“ J J 
„Er fühlt natürlich ſittliche Entrüſtung darüber, daß er an ein 
unreines Weib gebunden iſt“, antwortete der Dichter. . 
„HoHo!“ vief der Theologe. „Sollte ſolch ein liederlicher Ge⸗ 
felle ſich über weibliche Unkeuſchheit entrüften können? Mit nichten! 
Daß aber er, der erfahrene Roue, auf eine fo ſchmähliche Weiſe an- 
geführt worben ift, daß fein „‚teund“ und das Weib, deffen Rein- 
heit er über jeden Zweifel erhaben glaubte, ihn um fein ehefü 
jus primae noctis gepreilt haben, daß er „wie ein Thor genoſſen 
hat“, das erbittert den raffinirten Epikuräer. „Meine Ehre fcheint 
mir geftorben —“, fagt er. Ja wohl, es ift des betrogenen Betrügers 
ekränkte „Ehre, bie in ihm brennt. a er Moralität hat 
tiefes Gefühl fchlethterdings nichts zu jen.“ 

Ich glaube‘, ef Kor der Bali wieber ein, u kann die 

Sache durch ein Heines pfychologifches Experiment unterfuchen. 

wir einmal ben feifih ganz unwahrſcheinlichen Fall, daß nit 
Nepholt, fondern Kai Neergaard jenes jommernächtliche Abenteuer 
mit Florizel erlebt hat, daß fie fpäter ohne Wiebererfennen Sodeit 
miteinander gerten haben und erft jegt auf irgend eine rt er- 
fahren, daß Kai Zettel und Florizel Titania gemefen — was dann? 
Wie würde Kai Neergaard ſich alsdann verhalten? — Er würde 
ftugen, er würbe einen Augenblid die Stirn runzeln. Dann aber 
würbe er erwägen, dab es Florizels einziges Jungfrauenabenteuer 
jeweſen ift; dann würbe er denken, vielleicht jagen: „Glücklicher Zu- 
all!" und lachend das erröthende Weib in feine Arme fchlie 
Was erjehen wir hieraus? Daß es nicht eigentlich, moraliſche Indig- 
nation ift, die ihn bewegt; denn bie Perjonenveränderung hat ja 
feinen Einfluß auf Florizels Schuld oder Unfchuld. Nein, was ihn 
apeiigt wie einen Wahnfinnigen” ift der Gedante, daß e3 ein anderer 
iſt, der Florizel bethört hat, und daß diefer andere lebt. Es ift 
wohl etwas von gefränftem Ehrgefühl in Kat, vielleicht aud ein 
ſchwaches Moment von fittlicher Entrüftung, Das Gefühl aber, 
welches ihn — durchdringt, liegt nicht auf ethiſchem Gebiet; 
es iſt von phyſiſch⸗äſthetiſcher Natur: er fühlt Ekel. 

Ob nun das Verhältniß zwiſchen Kai und Florizel ſich noch 
ut oder doch erträglich geſtalten kann, hängt davon ab, ob er der 
eregten Gefühle jemals Tedig wird. Ich nehme an, daß die Nach 

richt von Repholts Tode lindernd wirken: müßte. Sicher heilen 
jedod) — vorausgefegt, daß der Charakter fich nicht wejentlich ver 
ändert, — wirkt nur eins: Kais ſexuelle Neutralifirung, feine — 

„Es ift fpät in der Nacht!“ fagte ber Theologe. „Laht und 

aufbrechen.“ 

Ste gingen fort. Ich ſaß in meinem Lehnjtuhl und Hörte ſ 








Bas moderne nordiſche Brama. 165 


das Geſpräch mit gebämpfter Stimme auf der Straße fortjegen. 
Dann ließ ich in der nächtlichen Einſamkeit meine Gedanken noch 
eine Weile in der Stimmung der Kataftrophe ſchwingen. Ich fuchte 
den erften unmittelbaren Eindrud derfelben in die Empfindung zu— 
rüdzurufen, um zu beftimmen, welches Moment des Stüdes mic) 
eigentlich fo ftark ergriffen hatte. Ich fand, daß es vor allem Kais 
tragiſches Gefchiet fei, jene ftumme Ironie, mit welcher die ewige 
tigkeit Kai eigene Sünden zermalmend auf fein Haupt fallen 
läßt. Es find nicht die handelnden Perjonen, welche in dem Stüd 
imponiven, dachte ich; es ift die überjchwebende Macht. Es ift eine 
Schidjalstragödie im beften Sinne dieſes Wortes. Und ein jolches 
Drama jollte unpoetiſch fein? Iſt nicht die Kunſt bes Lebens Yeola- 
harfe, welche von den ewigen Harmonien flüftert, die in ber Tiefe 
unferes Daſeins raufhen? Und wahrlich, hier ift Harmonie! Hier 
ringt fi eine Tonflut von —A— erben, tragifchen Diffo- 
en zP einem metaphyſiſchen Schlußafford empor von befreiender 
Rat und Klarheit. Ich verweilte mit Wohlgefallen bei dieſem 
Gedanken. Allgemach neigte fi) mein Haupt; mein Blick umnebelte jich, 
id ertappte mich von Zeit zu Zeit in Gedanfenftrudeln, in welchen 
Realismus, Idealismus und viele andere -ismen, Wahrheit, Florizel, 
Dämon, Jugend, Altersfchwäche, Titania, Nirwana und manche andere 
feltfame Geftalten fi) in wimmelnder Mannigfaltigleit wälzten. 
Blögfich warb alles wieder Har. Ich ſah einen fühnenjchen Dorf- 
—2 auf dieſem Kai und Joehhet in tiefer Trauer, zwiſchen ihnen 
ein kleines biumenbejtreutes Grab. Ihr Kind, kaum drei Jahre alt, 
ift geftorben. Sie ftehen einander cine Weile ſchweigend gegenüber; 
dann reicht er ihr langſam über dem Grabhügel die Hand. „Es 
war unfer gemeinfamer Schap“, ſagte er. — „Der Herr nahm ihn 
von uns“, antwortete fie ſchwermüthig; „wir waren feiner wohl nicht 
werth." Sie gehen ftille Heim; Flotizei ſchließt ſich in ihren Bim- 
mern ein; Kai figt grübelnd am Kamin bis tief in die Nacht. Am 
naͤchſten Morgen bringt m das Stubenmädchen einen Brief. „Die 
gu ift nicht da“, fpricht fie unruhig; „ihr Beti fteht unberührt, dieſer 
ief lag auf dem Til.“ — Er Bft 
„Wir haben nichts mehr gemein. Ich verlaffe Dich; ich will 
Did von dem ſchredlichen ühl befreien. Dank für das erjte 
Jahr! Ach, Kai, ich war fo glüdlich an Deiner ein gebe wohl! 
orizel.” 
Am Nachmittage finden fie ihren Leichnam unter dem’ Erlen- 
aebüfh in der Mühlenaue. Dann kommt der Abend mit feinen 
.n Herbftichatten. Kai hat ji Büchſe unterſucht; das Schloß 
verroftet; die Jagd ift niemals feine geibenjehaft geweſen; er war 
men dazu. Das alte Piftol ift freilich brauchbar; aber er hat 
ulver. Sieh da — eine Gardinenſchnur, ſtark und biegſam. 
holt leiſe eine Flafche Wein im Keller. Dann fchleicht er fich 
nf auf die Bodenkammer. Die Schnur wird an einem Ballen 
ftigt. Jetzt trinkt er Portwein in langen Zügen. Der ftarfe, 


166 Bas moderne nordifhe Drama. 


feurige Trank wirft wunderbar befebend auf jeine Stimmung. Alte 
Erinnerungen erwachen in ihm, lang vergeffene Bilder aus feinem 
Kindheitzleben umflattern freundlich fchmeichelnd feine brennenden 
Schläfen. Das Leben regt ſich fchwellend in jeiner Bruſt; es klopft 
in diefem Augenblid hund — in allen Adern; cs ift, al3 bettelte 
es um Gnade. Er bedenkt ſich einige Minuten lang; fein Vorſatz 
beginnt zu wanfen. Dann feßt er wieder die Flaſche an den Mund. 
Es ift Muth im Wein und, ach, Vergeffenheit! Die geleerte Flaſche 
entfällt feinen zitternden Händen. Plötzlich fieht er wieder das ges 
brochene Auge, er fühlt ihre kalte nafje Hand, und der ganze Jam- 
mer feines Lebens durchſchauert eisfalt fein tappendes Bewußtjein. 
Taumelnd rafft er fich empor, fteigt auf den Stuhl, legt die Schnur 
um den Hals, wirft mit dem Fuß den Stuhl an die Seite — hu! 

Hier erwachte ih. Es war ein Häßlicher Traum. Und ih 
dankte dem Dichter in meinem Herzen, daß er fein Stüd mit dem 
humanen krummen Möglichkeitszeichen ſchließt. . 

Acht Tage fpäter waren wir Vier wieder beifammen. Ich er= 
zählte meinen Traum. „OH“, lachte der Peſſimiſt, „mir träumte 
am anders von den Beiden, freilic, im geraden Gegenjag zu meiner 
Neutralitätstheorie. Aber die Normen des Traumes find nun ein- 
mal fo inkonjequent. Ich war an einem warmen Sommerabend mit 
! Kai und son el in einem Eifenbahnwagen zufammen. Sie kehrten 

vom DOdenjeer Markt zurüd, Vater, Mutter und fünf kräftige Knaben, 
Fa ber jüngfte drei bis vier Jahr alt. Kai ift korpulent geworben; ich 
ſchätzte ihn auf etwa drittehalb hundert Pfund; Mutter Florizel ift 
eine Heine runde Itzu mit einem vergnügten Geſicht. Heut iſt fie 
umgeben von großen und Eleinen Padeten, allerlei Jahrmarkis- 
geichenten für das Gefinde; auf ihrem Schoß liegt eine Puppe mit 
lauen Augen und „richtigem“ Haar; die iſt für ihr ſüßes Töchter 
fein daheim in der Wiege. Von Zeit zu Zeit brüdt der jüngfte 
Knabe die Puppe auf den Leib, um fie zum Schreien zu bringen. 
Dann ſchilt ihn die Mutter. „Stille, Chriftian! Papa kann nicht 
Schlafen!“ fagt fie und verſcheucht gleichzeitig eine Fliege von ber an- 
jehnlichen rothen Naſe ihres Kai. Um den hat's wahrlid, feine Noth; 
er knarie wie an rel p 

„Ein Trauerſpiel und eine Poſſe in dem geſegneten Fragezeichen!“ 
fagte der Poet. „Nun möchte ich nur wilfen, ob unjer en 
feine — nicht hat ſpielen Laffen.“ 

„Ich habe Kai und Florizel geſehen“, antwortete dieſer ernft. 
„Es war an einem Sonntag Formitteg, Sie faßen anbächtig bei 
einander in einer fühnenfchen Dorfkirche. Der Geiftlihe fpr ” 
gerabe das Vaterunſer auf der Kanzel. Als er zur fünften B: 
am, jenkten fie ihr Haupt tiefer und beteten halblaut miteinan 





- und mit dem Pfarrer: 
\ di „Vergieb uns unſere Schuld, wie wir vergeben unſern Sch 
igern.” 


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Eine vorneßme Seirat. 
Bon Ludwig Hafeoy. Autorifirte Ueberſetzung aus bem franzöfifgen von L. v. 8. 





eute Morgen um zehn Uhr war ich im beiten Zuge 

wa der Sonate Nr. 25, von Beethoven, zu be- 

fleißigen, als fich die Thür öffnete. E3 war Mama! 

Mama erwacht, Mama aufgeitanden um zehn Uhr! 

Und nicht nur erwacht, nicht nur aufgeftanden, fon- 

dern angekteibet vom Kopf bis zum Fuß, mit einem 

atel um die Schultern und dem Hut auf dem Kopf. 

nerte mich nicht, Mama jemals um diefe Zeit auf ge- 

eye gu „ben. Sie fann Sonntags in St. Clotilde nie anders, 

als inmitten der Einuhrmeffe eintreffen; und neulich abends fagte 

fie noch En dem vortrefflichen Abbe Poetal: „Ihre liebe Religion, 

Herr Abbe, wäre geradezu vollfommen, wenn Sie die Mejje auf 

zwei Uhr verlegen möchten; man würde dann auch die Konzerte im 

Konfervatorium auf eine Stunde fpäter anjegen; das würde uns im 
Winter herrliche Sonntage geben.“ 

Bei diefem unerwarteten Erjcheinen von Mama, rief ich beftürzt: 
„Du gehft aus, Mama!“ 

„Nein, ich komme eben nach Haufe.“ 

„Du komnft nach Haufe“, rief ich noch mehr beftürzt. 

„Sa, ich hatte einen nothiwendigen Ausgang heute Morgen vor 
— Rolle, die ich zu meiner Stiderei gebrauche — Du weiht, dies 
eine Blau, was gar nicht aufzutreiben iſt —“ 

„Und Du haft es gefunden?“ 

„Nein, aber man hat mir verfprochen, e8 zu beforgen, und ich 
hoffe jeht — morgen oder übermorgen fpäteftens, will man es mi” 
ſchicken, wenigftens verfuchen —“ 

Mama verwirrte fich in ihren Neben, und nad, mühjamen, ve: 
widelten Umwegen theilte fie mir befangen mit, daß wir dieſe 
Abend zu den Merzerys gehen würden, man würde etwas mufizire 
_ I wüßte es fchon feit drei Tagen — fie hätte nur vergeffen es m: 
zu fagen. 


Eine vornehme Heirat. 169 


Ich regte mich nicht, ich hörte zu, ftudirte fie aufmerfjam, und 
fagte zu mir: „Was bedeutet v8 alles? Diejen Ausgang bei Tages- 
anbruch, diefe Auswahl von blauer Wolle, dieje mut ifche Soirée 
bei den Merzerys? — Mama faſelt!“ — Und ich ließ fie fafeln, 
ohne einen Ton von mir zu geben. Als fie ihre Rede beemdigt, 
nahm Mama einen anfceinenden Abgang, wie auf dem Theater, 
dann fam fie zurüd und fagte mit gleichgiltiger Miene: „Welch' 
Kleid denkſt Du heute Abend anzuziehen?“ 

ute Abend, Mama? ich weiß noch nicht, das graue, oder die 
blaue Robe, oder die rofa —“ 

„Nein, nein, nicht die rofa; ziehe das blaue Kleid an; Du ſahſt 
vorgeftern bei der Tante Clariſſa ſehr gut darin aus. Und dann — 
Du weißt, rofa liebt Dein Vater nicht, und da er heitte Abend zu 
den Merzerys gehen wird —“ 

„Papa mit zu den Meerzerys??" 

„Run ja, warum nicht?“ 

„Und man will da mufiziven??“ 

„Er weiß da8 — aber was ift dabei zu verwundern?“ 

„Nichte, Mama, durchaus nichts.“ 

Darauf Hin ging Mama wirklich hinaus, ohne umzufehren; ich 
blieb allein; dann ohne mich einen Augenblick zu befinnen, jagte ich 
mir: es handelt ſich um eine Heirat ie mich; dies alles ift nur, 
um mid) jemand zu zeigen, darum ift Papa genöthigt mitzugehen. 

Diefer arme Papa! fi von Mama zu einer Soirée fchleppen zu 
Iaffen, wo mufizirt werden jollte; das heißt die Welt auf den Kopf 
ſtel Bapa, welcher des Abends nur drei Dinge vertragen fann: 
„Den Klub, die Oper im Augenblick des Ballet, und die Eleinen 
Theater, die Theater, wo man lacht, wo man ſich amüfirt; die 
Theater, wo wir andern nicht hingehen dürfen, und wo ich mein 
Leben zubringen möchte, wenn ic) verheiratet fein werde. — Ja, es 
iſt wegen einer ——— deſſen bin ich ſicher, und es muß 
etwas ganz verblüffendes fein, denn Mama iſt Heute in einem Zuſtande 
— einem Zuftande! — Sie hat nicht gefrühftüct, fie bleibt nicht 
ei Minuten auf einer Stelle, fie hat eigenhändig an Madame 

H jelle gejchrieben und fie erſucht, jelbft zu kommen, um mich zu 
i Sie hat forgfäftig meine blaue Robe gemuftert, dann fieht 
fie mich an und ftudirt mich mit ganz befonderer Aufmerkſamkeit. 
PBlöglih Hat fie einen fürmlichen „Sergmeiflun sichrei ausgeſtoßen, 
indem fie entdedte, daß an meiner reizenden erfönichteit ein kleiner 
Fehler ift. 
Was ga Du da!“ fchrie fie auf. 
Wo, Mama?“ 


„An der Rafenfpige!” 

Ich habe etwas an der Nafenfpige?“ 

Za gewiß, eine abſcheuliche Schramme!” 

Ein wenig erfchredt laufe ich nad) dem Spiegel, — Es ift gar 
48, ein Heiner Pfotenhieb von Bob, eine ganz kleine roſige 

x Galom 1889. Heft IT, Band L 12 


170 Eine vornehme Heirat. 


Schramme, welche faum noch fichtbar ift. Abends wird nichts mehr 
davon zu merfen fein. Died Kleine rofige Zeichen nimmt in Mamas 
Augen den Umfang einer entfeglichen undung an. Nie ift meine 
Nalenfpige der Gegenſtand einer jo rührenden Fürforge gewefen. 
Mama nöthigt mich, den halben Tag unbeweglich auf einem Arm- 
ſtuhl zuzubringen, falte Baffertompreffen, wie ein paar Brillengläfer, 
auf befagte Nafenpige gepflanzt. 

Arme, licbe Mama! Sie wünſcht jo glühend, mich verheiratet 
zu ſehen, und das ift fo natürlich! Sie ift ſehr jchön geweien, Mama, 
und abends macht fie noch immer viel Effekt; da ift es ihr natürlich 
nicht erfreulich, ein großes heiratsfähiges Mädchen in der Welt immer 
neben ſich zu haben. Ich bin ſelbſt ge befümmert darüber, ich 
fühle, daß ich fie alt erfcheinen Iaffe, und fowie wir irgendivo zufam- 
men erſcheinen müffen, fofort, hujch, Laffe ich fie los und richte mich 
fo ein, daß ich ihr fo wenig wie möglich wieder in den fomme. 
Wir beforgen, jede für uns, unfere einen Angelegenheiten, ohne uns 
gegenfeitig zu ſtören. — Arme, liebe Mama, fie ift jo gütig! Es 
giebt fo viele liebloſe Mütter, welche ihre Töchter peinigen, fie 
zwingen, ſich blindlings — binnen fünf Minuten — zu verheiraten. 
So ijt Mama aber nicht. 

Sie weiß auch, daß ich entichloffen bin, mich nicht fo ohne 
weiteres hinzugeben. Eine Heirat ift feine Kleinigkeit — wenn man 
ſich täufcht, % täufcht man fich fürs Leben. Es iſt wohl der Mühe 
werth, darüber nachzudenken. Ich will eine ernfte Heirat fchließen; 
bei mir Handelt es fich nicht darum, gleich auf den erjten Blick fich 
an irgend einen blonden oder braunen Herren zu hängen, und ber 
Mutter beim Nachhaufegehen & jagen: Mama, das iſt WE , ben 
ich liebe, nur den will ih, Mama! — Nein, man muf & nicht 
fortwerfen und ich werde es nicht thun. Ich habe lehtes Frühjahr 
Ion fünf annehmbare Bewerber abgewiejen, aber fie boten mir nicht 
alle bie Vorzüge von Geburt, Vermögen und Lebensftellung, welche 
ich fordern zu können meine. Im dieſer bevorftehenden Wintercam- 
pagne werde ich dieſelbe fühle Vorficht beobachten. Ich bin noch 
nicht grarıis Jahre alt und fann noch warten. 

it heute Morgen bin ich übrigen® zufrieden mit mir, fehr 

ufrieden. — Ich habe mich von Mamas Aufregung nicht anſteden 
fen und Heute, wie immer, nehme ich meine gewohnten Beſchäf- 
tigungen ruhig und faltblütig vor. — Den Tag, als ich achtzehn 
Jahre alt wurde, habe ich auf der erſten Seite meines ſorgſam ver⸗ 
ſchloſſenen Tagebuchs die einfachen Worte gefchrieben: „Meine Heirat.“ 
— Und ſchon haben fünf vor mir im Staube gelegen. ute Aben 
deſſen bin ich ficher, fommt der Sechſte an die Reihe, Iſt es endli 
derjenige, welcher beftimmt ift, mein ſehr unterthäniger und gehr 
famer — Herr und Gebieter zu werben? Möge er nur darauf c 
faßt fein, eine ſehr ftrenge, detailirte Prüfung über ie) ergehen 
laffen. Ich bin nicht wie Mama, ich verliere den Kopf nicht. 





Eine vornehme Heirat. 171 


Den 26. November 4 Uhr nachmittags. 

Ich irrte mich nicht, es war wirklich der Sechſte! Aber gehen 
wir der Ordnung nad) vor; notiren wir nad der Reihe die tleinen 
und großen Erlebniffe des Abenda. 

ach dem Mittagefjen eins Mama und ich hinauf, uns anzu- 
Meiben; ich habe Zeit und Sorgfalt darauf verwendet, dad muß id) 
qugeben. Erjt nach anderthalb Stunden ging ic} wieder hinunter. 
uf meinem Wege dort fand ich alle Thüren offen, und als ich mich 
geäulstoe dem Heinen Salon näherte, hörte ich Papa jagen: „Alſo 
u glaubjt, daß es nothwendig ift?“ 

Durchaus nothwenbip jagte Mama, „denke doch nach, Deine 
Anwejenheit ift unumgänglich.“ \ 

Die Verfuchung war zu groß, ich ftehe ftill und Horde. War 
ih nicht ein wenig dazu berechtigt? Hat es je eine begreiffichere 
Neugierbe gegeben? 

„Warum unvermeidlich?“ fagte Papa wieder, „ich fenne diefen 
jungen Mann ja fehon; ic) bin ihm oft genug im Klub begegnet, 
u Dabe ſogar einen Abend Whift mit ihm gehhielt; er fpielt nicht 
übel Er hat Irene zu Pferde gefehen, er hat fie entzückend gefun- 
den; was gie ich mit dem allen zu thun? Das betrifft Euch nur, 
Dich und Irene.“ 


„Mein Freund, ich verfichere Dich, daß es der Anſiand erfordert.“ 

„Gut — gut — ich werde mitgehen.“ 

Darauf Stillfehweigen, nicht wetter. Ich wartete immer, ben 
Kamen & erfahren, aber fein Name. Das klopfte mir fehr 
in der Bruft und da ich ein wenig feſt angezogen war — ſehr feit 
foger — hörte ich es ganz beutlich tick tad, tid tad, gegen mein 

ſieder machen. Ich blieb zwei ober drei Minuten regungslos; man 
wollte mir noch nichts jagen, ich durfte aljo nicht den Anſchein 
Haben, etwas zu wiſſen. — Etwas wuhte ich indeß und etwas jehr 
wichtiges: er gehörte zum Jodeiflub. Darauf lege ich vor allem 
Berth. Wenn ich dem folhe Wichtigkeit beimeffe, jo iſt es Papas 
Schuld. Einer, der nicht zum Jockeillub gehört, eriftirt für ihn nicht; 
ich bin in biefen Begriffen erzogen worden. Mein Mann muß zum 
Sodeiklub gehören. 

Wir drei fahren im Landauer ab; Papa ernft, niedergedrüdt, ſchweig⸗ 
fam; Mama immer in derfelben Auf ung; ich anfcheinend greiägitig, 
aber innerlich beunruhigt. Warum alles jo geheimnißvoll? — Diejer 
Herr hatte mich gejtern zu Pferde gefehen, es war ehrenwerth von 
ihm, daf er mich entzückend gefunden, doch hat er nun etwa verlangt, 
mic) bei Beleuchtung, im ausgeſchnittenen Kleide zu jehen? — Das 
erſchien mir doch nicht in ber Ordnung. Dean Hätte ihn vielmehr 
neiner Prüfung unterwerfen müſſen, biefen jungen Mann, ehe man 
ym die Berechtigung zugejtand, daß ig ihm zu Pferde und zu Fuß 
wine Perſönlichteit vorführen muß. Nun, es Hilft nichts! 

Um Halb elf treffen wir bei den Merzerys ein. Ach, armer 
apa, es war nur zu ſehr eine mufifafifche Soiree, und was das 

12% 





= 172 Eine vornehme Heirat. 


Härtefte von allem, für jemand, der nichts von Muſik ver 
ein Quartett — das Klaiifäfte, was man fi denken kann. 
ein Heiner Kreis — etwa 25 Perfonen; eine fonderbare Soi 
man die Eile und Unvorbereitetheit jehr anmerfte; ein Eleiı 
Zaume gebrocjenes Zeit, welches weder Körper noch Seel 
der Arzt der Merzerys, ihr Baumeifter, ihr Notar, — augen] 
nur eingeladen, um den Raum zu füllen und die Kleine An 
vergrößern. — Es ift aber auch verzweifelt ſchwer, im N 
etwas vernünftige® zufammen zu bringen. Es find dann jo 


= in Paris. Man ift genöthigt, ſich bei den Heinen Bujamme: 
2 mit Leuten zu begnügen, welche man bei den großen Zeiten 
E, vollen Saiſon, gar nicht zulafjen würde. 


Beim Eintritt Hans wir gerade in das Andante einer 
; Sonate hinein, ſodaß wir und nur ſchnell und geräufgtos i 
niederlaſſen können. Ich kaure mich in einen ftillen Winkeln 
da — mit einem jchnellen Umblit — prüfe ich das Schl 
Hier und da einige Alte und Mittelalterige, verwelkt und fa 
die find nicht für mich. Aber in ber entgegengejebten Ede 
kleiner Haufen von vier ober fünf jungen Männern, alle vie: 
Ohne Bebenten — da ift ber Zeind. Ja, aber welcher von 
Ih ziehe den Schluß, der mir durch feine Einfachheit bew 
würdig erjcheint, daß es derjenige it der mich mit ber größ 
harrlichfeit anfieht. Ich fente Blid, nehme die Haltur 
jehr wohlerzogenen jungen Dame an, welche fi ganz dem 
Genuß einer — Sonate hingiebt. Dann erhebe ich 
das Haupt und laſſe meinen Blick gerade auf das Häuflein 
Herren fallen. Aber ich bin genöthigt, ihn ſchnell wieder zu 
denn alle viere betrachten mich mit einer auffallenden Neugie 
einem auffallenden Vergnügen. — Ich laſſe bie Sonate ein 


ichreiten und erneure mein Erperiment — aber berjelbe 
ieder dieſe vier Augenpaare auf mich geheftet; und 
mehrere Male. 


ch war, wie ich denke, dieſer Aufmerkſamkeit nicht un 

Ich war hübſch, fehr hübſch; der Landaufenthalt hatte mir ir 
Jahre bewundernswürdig genügt. Ich war etwas ſtärker 
— nicht zu viel, um meiner grazisſen, mäbchenhaften Erſ 
Abbruch zu thun; gerade wie es fein muß. Virginie, meine $ 
frau, fagte mir noch geftern Abend beim Ankleiden: „Ad, — 
weiß gar nicht, wie Sie fich diefen Sommer zum Vortheil v 
haben!" — Worin Pirginte irrte; Fräulein wußte es feh 
man ift immer die Erfte, Die bergleichen weiß. . 

Endlich Ende des Quartett? ... alles bewegte fich dur 
2... ich halte es nicht mehr and. — Ic führe Mama etı 
abſeits und jagte zu ihr: „Mama, ich flehe Dich an, zeige it 

„Wie, Heine Scheinheilige, Du Haft e3 errathen?“ 

„Sa wohl, ih habe e& errathen, aber zeige ihm mir, 
ſchnell, ehe die Muſik wieder anfängt.“ 





Eine vornehme Heirat. 173 


„Nun wohl, diefer große brünette Herr, links, unter den Ge- 
mäfde von Meifjonier. Sieh jegt nicht hin, er fieht Dich an.“ 

„Er ijt nicht der Einzige, fie thun alle nichts wie das, alle, alle." 

„segt fieht er nicht her, er nähert fich Deinem Vater, er fpricht 
mit ihm, ſchnell.“ 

„Er ijt nicht übel.“ 

„Das glaube ich wohl, daß er es nicht ift.“ 

„Der Mund ift ein wenig groß.“ 

„Kann ich nicht finden.“ 

„Doch, do, Mama, aber dad Ganze geht an.“ 

„Und wenn Du wüßteft, mein Kind, Geburt, Vermögen, Stellung 
— alles, alles, was man nur wünfchen kann. Es ijt ein fo un— 
erhört glüdlicher Zufall.“ 

„Und er nennt fich?“ 

„Der Graf von Martelle-Simieufe .... Sieh nicht hin, er fängt 
wieder an herzufehen; ja, es ift ein"Martelle- Simieufe, und die 
Martelle - Simieujes find Vettern der Landry-Simieufes und der 
Martelle⸗Joeſac. Alſo fiehft Du, die Martelle- —“ 

Einer der Mufifer macht toc toc auf einem Eleinen Notenpult; 
das fchneidet den Strom von Mamas Verebtjamfeit furz ab. Wir 
jegen ums; diesmal ift es Mozart. Ich fchmiege mich wieder in 
meine Ede und vertiefe mich in einen Abgrund von Betrachtungen. 
Das mußte eine Partie fein, die alles überfteigt, denn Mama war 
in einem Zuftande völliger Aufregung. — Sräfn Meartelle-Simieufe! 
— Zwei Namen! — Es war immer mein Traum gewejen, einen 
Doppelnamen zu haben. Ich würbe — — vorgezogen haben, 
aber es giebt jo wenige Herzöge — wirkliche, unbeftreitbare Herzöge, 
daß es ein Hirngefpinnft wäre, darauf zu doffen — 22 echte nur, 

laube ich. Meinetwwegen aljo ein Graf. — Gräfin Martelle-Simieufe, 
der Name hat Klang; ich wieberhofe ihn mir immerfort; ich höre 
nicht Die Spur vom Mozartguartett. Iſt es wirklich Mozart, den 
diefe beiden Geigen, das Cello und dieſer Baß fpielen? Diefe vier 
Inſtrumente fpielen’ mir nur ein Lied, deffen fteter Refrain ift: gu 
Sräfin von Martelle-Simieufe! — Der Name ift von Hoher Wic- 
tigkeit. Ein Name, welcher ſich gut mit dem “Titel vereinigt umd 
gut klingt — denn es ift mit dem Titel, wie mit bem Klub. Mich 
verbürgerlichen, niemal® — und wäre e3 für alle Schäge von „Taufend 
und einer Nacht“. Lieber hr einen italienifchen Prinzen heiraten, 
welche fo üppig jenfeits ber Alpen fprießen. Da _ift man, wenn auch 
1, wenig! kens Beinge fin. — Gräfin Martelle-Simieufe, — ja ganz 

Ichieben, ber Name kann ſich hören Laffen. 
Neues Durcheinander nad) dem Duartett. Papa bewegt ſich 
Mama zu umd ich deögleichen. Kaum bir ich bei ihr, ald Mama, 
ner mehr und mehr erregt, mir fagt: „Die Angelegenheit fchreitet 
: einer wahrhaft betäubenden Schnelligkeit vor; cr wünſcht mir 
eftellt zu werden und Papa hat bemerkt, daß feine Stimme bebte. 

EN wahr, mein Lieber?“ 


174 Eine vornehme Heirat. 


„Ja“, erwiderte Papa, „fie bebte.“ 

„Dein Vater wird ihn zu mir führen“, fagte Mama; „wenn er 
Dir nicht gefällt, dann entferne Dich, gefällt er Dir, dann bleibe 
mir zur Seite.“ 

„Sch will gern bleiben, Mama, aber wohlverftanden, daß Du 
mir Zeit zum Ueberlegen läßt — Du haft mir verfprochen, mic 
nicht zu überftürzen.“ 

„Du wirft immer vollfommen frei fein, zu thun, was Du willit. 
Aber bedenfe wohl, es ift eine Partie außerhalb alles gewöhnlichen. 
Wenn Du feine Verwandtichaft fennteft — feine Verbindungen! — 
Seine Mutter ift eine Perfigny-La Roche! Hörft Du wohl, eine 
Perſigny⸗La Roche!“ 

„3a, Mama, ich höre.“ 

„Und es giebt nichts, was über den Perfigny-La Roches ftände 
— nichts darüber!” 

„Ruhig, Mama, ruhig.“ 

Bapa war Bingegangen, ihn zu holen; er bringt ihn herbei und 
zwifchen zwei Mufitftüden haben wir viere eine eine Unterhaltung. 
Er war wirklich fichtbar befangen, er, welcher von weiten fo viel 
Kühnheit Hatte, mich anzufehen, hatte nahebei nichts mehr davon. 
Ich war es, welche die Unterhaltung führte, und das mit einer be- 
merfenswerthen Gejchielichleit; denn zwiſchen den übli Gemein- 
plägen einer Gejellfchaftsplauderei Habe ich in zehn nuten zu 
erfahren gemuht, was mir zu wifjen wichtig war, bevor ich die Sache 
weiter gedeihen ließ. — & Tiebt — wie ich; er langweilt ſich 
auf dem Lande — wie ich; er amüjirt ſich in Trouville — wie id. 
Er hat feinen Geſchmack am Scheibenfchiegen, dies Martyrium der 

rauen, das Scheibenſchießen, welches uns unjere Männer und ihre 

eunde ben ganzen langen Tag entzieht, um fie und abends er- 
ſchöpft, abgejpannt und em verdummt, zurüd zu geben. Nie 
würbe ich meinem anne dergleichen geftatten! — Dagegen vergöt- 
tert er die Pferde und die Sehiagden, alles wie ih! AH, bie Hetz⸗ 
jagd, das ift etwas anderes, Da liegt Leben darin, da können wir 
dabei fein! Und wie oft Habe ich gejagt, mein Mann muß eine 
Equipage haben — nun, er hat eine, und noch dazu eine Voltry — 
das Vollendetite. — Unb dann hat er einen Staatzforft, zehn Kilo- 
meter von Paris, gepachtet. Man fährt des Morgens um halb neun, 
von dem bequemften Bahnhofe, dem Norbbahnhofe, ab, um zehn Uhr 
frühſtückt man im Fluge, und troß eines harten, langen Jagdrennens 
iſt man rechtzeitig für Theater oder Ball wieder in Paris. Das ift nor“ 
nicht alles; er A voltänbig Herr über feine Zeit und feine Perſo 
und fein Vermögen, hat weder Vater noch Mutter mehr, nichts, wı 
einen jüngern Bruder, ber fein Jahr bei der Artillerie abdient, — 
und eine Zante, jehr reich, ſehr alt und kinderlos. So ift er al! 
ganz unabhängig und Haupt ber Familie. Martelle-Simieufe gehö 
hm; es ift ein Landfig irgendivo in ber Vendée. Es verfteht ir 
daß ich nicht die Abficht habe, mic) alle Jahre ſechs bis acht Mona 


Eine vornehme Heirat. 175 


dort zu vergraben; aber ſchließlich — eine Befigung muß man haben; 
die Fender mißfällt mir nicht. Nichts Hat een befjern Anftrich, 
als die Bender. — Dies alles Habe ich in dem kurzen Zeitraum von 
etwa fünfzehn Minuten erfahren. Frau von Merzery, uns alle viere 
in eine ernfte Unterhaltung verwidelt jehend — alle viere, ich fünnte 
beffer fagen, alle drei, denn Papa ſprach fein Wort, — alfo alle 
drei -— eigentlich müßte ich jagen, wir beide, denn Mama fagte auch 
nicht viel — alfo Frau von Merzery (Gott werde ich diefen Satz 
je zu Ende bringen?) hat die Pauſe zwifchen den beiden Quartetts 
zu verlängern gewußt. 
A jene Erkundigungen habe ich auf die leichtejte, natürlichite 
Weiſe eingezogen, nur durch gewiffe Wendungen, die ich der Unter- 
haltung gab, und ohne direfte Fragen zu thun. Mama fagte mir 
andern Tags, daß ich von einer ganz erſchreckenden Ruhe und Sicher- 
heit gewefen wäre. Nun ja, ich habe meine Eleinen praftifchen 
lagen. Ich will durchaus mein Leben unter gewiffen Bedingungen 
unantaftbarer Unabhängigkeit und ficheren gebenägenuffes geftalten, 
Kein Glück — feine dauernde Liebe ohne diefe! So, zum Beifpiel, 
nur feine Schwiegermutter! — Ich weiß nicht, was ich darum geben 
würde, nur feine Se zu befommen. Nur feine Schrau- 
bereien, feine Kämpfe; man will im eigenen Haufe doch alles für 
fi Haben, mit dem Manne anzufangen. — Dies war der Grund, daß 
ih im legten Frühjahr dem leinen Marquis von Marillace — einen 
der Fünfe — nicht Haben wollte. Und er war doch fo nett, und jo 
brollig und Iuftig" Ich Hätte ihn von Herzen lich haben fünnen — 
ih fing ſchon damit an — aber da ſah ich feine Mutter und 
hatte genug! — Eine fchredliche Mutter, fteif, hochmüthig, pedan- 
tiſch und dabei von einer fanatijchen Frömmigkeit, welche von ihrer 
Schwiegertochter verlangte, daß fie I nur in ihrer Geſellſchaft, 
acht Monate des Jahres in ein Landhaus, im tiefiten Grunde ber 
Bretagne vergraben follte. Diefe Abhängigkeit! Vom Augenblick 
der Heirat an, wo man eben aus ber Stellung eines bevormunbeten 
jungen Mädchens Heraustritt, wieder darin zurüdfallen — ich möchte 
wiffen, wozu man dann heiratet?? 
Wo war ich eigentlich ftehen geblieben? Ich weiß nicht mehr! 
AH, num hab’ ich's. Alfo in der Soirde — die Mufik fängt wieder 
an; es ift das legte Stüd. Wir fegen und nad) ber Reihe Hin: ich, 
Mama, Papa, dann er. Es giebt merhwürbipe Vorbedeutungen; vor 
taum einer Stunde habe ich ihn zum erften Male gefehen, und jchon 
hatten wir ben Eleinen Anſtrich eines SFamilienfreifee. Dan jpielte 
ine Neihe Heiner Walzer von Beethoven, mit der furzen lnter- 
ung einer Minute. Erſte Zus ama fragte mich leife: „Nun 
gt, da Du mit ihm geſprochen haft, welchen Eindruck macht sr 
Nr?“ 


nDenfelben, wie vorher, Mama.“ 
Gut aljo?“ 
„Nicht übel“ 





176 Eine vornehme Heirat. 


„Dann darf Dein Vater ihn aljo zum Effen einladen?“ 

„D, Mama, das wäre doch zu jchnell.“ 

„Wir find gezwungen, — vorzugehen.“ 

„Warum, Mama?“ 

St! Man fängt wieder an.“ 

Da bin id num innerlich beunruhigt. Warum diefe Eile noth— 
wendig? Ich finde es anſtößig; es feheint mir, daß man mich diejem 
Sem an den Kopf wirft. Ich möchte es ſchnell erfahren, und dieſer 

jalzer fcheint mir ewig zu dauern. Endlich, dank dem Himmel, 
zweite Unterbrechung. 

„Mama erkläre mir nur — - 

Ich kann Dir Hier nichts erklären, es wäre zu weitläufig; ſo⸗ 
bald wir zu Haufe find, will ich Dir alles fagen. Aber die Ein— 
ladung muß heute noch gemacht werden; es ift feine Minute zu ver- 
Tieren. un willft Du? Ja oder Nein?“ 

„Sieht Du, Mama, wie Du mich drängft.” 

Ich dränge Dich nicht, Du kannſt noch immer ablehnen.“ 

„Nun dann — meinetivegen.“ 

„Alfo Donnerstag zum Diner?“ 

„Meinetiwegen, Donnerstag.“ 

Zwiſchen dem zweiten und dritten Walzer jagt Mama haftig 
zu Papa: „Lade ihn zum Diner ein.“ 

„Welchen Tag“, fragt Papa. 

„Donnerstag.“ 

„But.“ 

Papa, — ic) Hatte ihn noch nie in der Nolle eines würdigen 
Vaters gejehen, — Papa war bewundernswerth an Sanftmuth und 
Ergebung. Es ift wahr, daß er erbrüdt von der Laſt der Mufit, 
nick mehr recht das Bewußtſein feiner felbft zu haben ſchien. Ich 
war etwas beunruhigt und Dachte, er wird fich irren und einen ganz 
andern einladen. — Doc) keineswegs; er machte fgine Heine Ein- 
ladungsrede durchaus richtig, und fie wurde mit Begeifterung an- 
genommen. 

Um Mitternacht brachen wir auf und wir waren faum aus dem 
Merzergichen Hötel, als ic) jagte: „Ich ſehe, Mama, Du brennit 
fermlig, mich dieſe Heirat lichen zu ſehen.“ 

„O, was das betrifft, ja!“ 

„Nun, fage mir nur endlich —“ 

„Laß mich erſt ein wenig zu Athem kommen, ich bin wie zer— 
brochen, zu Haufe ſollſt Du alles hören.“ 

Und eine Stunde fpäter wußte ich alles. Es ift die feltfamf 
Gefchichte von der Welt. — Geftern Morgen um acht Uhr hat mc 
Mama gewedt, um ihr ein Billet — eiligit — von Frau von Me 
zery zu überreichen, des Inhalts: „Ich habe die Migräne und faı 
nicht ausgehen. Kommen Sie fofort zu mir. Irenens Glück hän 
davon ab.“ — Mama fteht auf und eilt hin. — Doc die Foı 
fegung morgen, man ruft mich zum Eifen. 





Eine vornehme Heirat. 177 


Den 27. Rovember. 

Afo Mama fliegt zu Frau von Merzery und bort I 

folgendes: Die beiden Martelle-Simieufe, der Aeltere, Adri 

das ift der mir beftimmte — und ber Jüngere, Paul, der Freiwillige, 

haben vor de Jahren ihre Großmutter väterlicherfeit3 verloren, 

eine Vortrefflice 8 ſehr reich, etwas bizarr, welche nur noch einen 
Gedanken houe. ec Sontbefegung ihres —— zu fichern. 

ſchien ihr da: ber Welt zu bedeuten, wenn bie arte 

Simieufes eines — daraus verſchwinden ſollten. Sie war nicht 

| einfältig und ließ in ihrem Teftament eine ſehr entjchiedene Klaufel 





aufnehmen: fie ſetzte eime Million aus, außerhalb ihres theilbaren 
Nachlaffes, welche mit den dazu geichfagenen Binfen, ihrem Entel- 
john Adrian gehören follte, wenn er biß zu feinem fünfundzwanzig- 
ften Jahre verheiratet wäre. Wenn nicht, jo follte dieſe Million 
unter bdenfelben Bedingungen auf ihren Enfel Paul übergehen und 
wenn alle beide eigenfinnig auf der Chelofigkeit beharrten, jollte dieſe 
Million mit den ftet3 dazu gejchlagenen Zinjen, alles, alles den Armen 
gehören. — Nun, diefer von ber Großmama ausgeſetzte Schatz be- 
trägt jetzt bi od achtungswerthe Summe von ein und einer halben 
illion. — Befagter Adrian hatte num durchaus feine Neigung für 
die Ehe. geibenjeaftfig, eingenommen für Jagb, Pferde, Wettrennen 
und dergleichen, ein Sportömann in ber hi en Bebeutung bed 
Wortes, war er vor allem auf die Erhaltung feiner Unabhängigkeit 
bebadht. „Ich werbe mich nie verheiraten“, fagte er, „ich habe Hundert 
und adtzigtaufend France jäpelicher Einkünfte, das genügt mir. 
Damit und mit etwas Ordnung Täßt fich eben.“ — Kurz, er ſah 
den 10. Januar mit volltommener Gemüthsruhe herannahen, er 
wird an dem Tage fünfundzwanzig Jahre alt. — Aber er rechnete 
ohne invorhergefehene Ereignifie Gegen Ende des vergangenen 
Jahres hatte fich der Welt eine große Spefulationswuth bemächtigt, 
eine Art finanziellen Kreuzzuges gegen die Ungläubigen. Adrian 
bat fich in bie —— mit hineinziehen laſſen, weniger aus Be— 
rechnung und 2 ſier, als aus einer Art Ben Großmuth. 
Es handelte ſich darum, wohlgefinnte, zeelle ee chäfte aufrecht 
zu erhalten. Armer Mann! Er ift in den Krach Hineingezogen und 
das mit einer bedeutenden Summe: eine Million ua viermalhundert- 
taufenb Francs — Es blieben ihm nur noch Hundert und zehntaufend 
Francs jährficher Revenuen, und von einem Tage zum anbern ſah 
er fi plögfich in befi rantier Lage. Er hat indeß gute Miene zum 
Böfen Spiel gemacht, hat feinen ganzen Haushalt eingefchränft, hat 
erde verfauft, Dienerfgaft entlaffen — fein Entſchluß bleibt der⸗ 
(be: nicht heiraten. — Aber feit einem Monat haben feine Freunde 
ın abfapitelt, haben ihm moraliſche Vorlefungen gehalten, ihm er⸗ 
ärt, ba es unvernünftig wäre, ſich anbertalb Millionen entgehen 
: faffen, wenn man fie iß leicht haben könnte. Es koſtete ihn doch 
ır die Mühe fich zu verheiraten, ein hübfches Mädchen und einc 
ſehnliche Mitgift zu gewinnen, fo ‚daß die Pein fi in Glück vers 








178 Eine vornehme Heirat. 


wandeln fünne Gr bat fi) erft gejträubt, dann erweichen laſſen 
und hat dann feine Coufine, rau von Riemens, beauftragt, etwas 
paffendes für ihn zu fuchen. Sie hat gefucht und gefunden — dieſe 
große, bürre Hopfenftange, Katharine von Puymarin, welche unerhört 
reich, aber noch mehr haͤßlich iſt. Es ift fein erſter Schrei gewejen: 
Sie ift zu häßlich und figt zu fchlecht zu Pferde! — Won dem 
Augenblid an, wo er ſich in eine Heirat gefunden, legte er darauf 
vor allem Werth: feine Frau muß gut reiten. 

Die Zeit ging hin, er wurbe fo gebrängt, fo viel genedt; er 
hatte zuerſt nein aefogt, dann fagte er weder nein noch ja und hätte 
wahrfcheinlich Schließlich ja gefagt, — als ber große, Kal 
entjcheidende Tag de3 24. November anbrach. An diejem Tage, ftatt 
wie gewöhnlich nachmittags außzureiten, follte ich e8 des Morgens 
tun, und zwar mit dem vortrefflichen Herrn Coates, welcher mic, 
als feine vorzüglichfte Schülerin betrachtet und welcher noch zuweilen 
eine Tour im Ban mer Wäldchen mit mir unternimmt. Ich brach 
um zehn Uhr im —— Wagen mit Miß Morton auf; wir 
laffen dicht beim Eampion halten; vecht3 am Eingange erwartet 
mich Herr Coates; der Groom hatte Tribulet hingeführt, welder 
nicht ſehr bequem geht und welcher an dem Tage jehr aufgeregt war, 
da er feit acht und vierzig Stunden bie Rat nicht herausgeſteckt 
hatte. — Ic hatte mi in geober Eile angefleidet und Birginie 
mid) nur fo im Fluge frifiren fünnen, indem fie mein Haar, in zwei 
dide Strähnen gebreht, mit einem Dutzend Nadeln zu befeitigen ge- 
ucht. Herr Eoates half mir, nicht ohne einige Schwierigkeiten aufs 
igen, denn Tribulet war der reine Satan. Es wurde aber glei, 
anders, al3 er mich auf feinem Rüden fühlte. Er bäumte ſich und 
ſprang vorwärts — aber ich fite feit zu Pferde und fenne Tribulets 
Streiche. Ich laffe * eine ftrenge Surechtmeifung zutheil werben, 








aber inmitten dieſes Zwiegeſprächs mit ihm rollt und flutet plöglich 
etwas über mein Geſicht — meine Schultern — es waren meine 
dien Haarfträhnen, welche ſich aufgelöft über mich ergoffen und 
meinen Hut in ben Untergang mit hineinzogen. Da faß ih nun im 
bloßen Kopf, auf dem ftörri Tribulet, mein Haar allen Winden 
preißgegeben. — Genau in dieſem Augenblid-erichien aus der Mün- 
dung der Poteaualle Adrian, Graf von Martelle-Simieufe; er hält 
wie geblendet in refpeftvolfer Entfernung an, und in einem Augen- 
blick ftößt er dreimal einen Bewunderungsſchrei aus. Der erfte galt 
der Reiterin: „Ah, wie ſchön figt fie zu Pferde!“ — Der zweite be 
traf mein Haar: „Und welch prachtvolles Haar!“ Der britte war: 
„Und wie Hübjch iſt fiel“ 

Indeß hatte fi Tribulet ausgetobt, beruhigt und befänftigt. 
Der Groom hatte eifrig vier bis fünf im Sande verjtreute Nadeln 
aufgelefen umd ich brachte, fo gut es gehen wollte, etwas Drdnung 
in meine Haartracht, meinen Schleier wie einen Strid um den Ko) 
widelnd, um die widerfpänftigen Haare zufammen zu halten. — End 
lich reiten wir fort, Herr Coates und id), hinter und der Groom und 





Eine vornehme Heirat. *179 


in gleicher Entfernung hinter diefem der ältere Graf Martelle— 
Simteufe, mir zu Ehren nochmals die Tour durch das Boulogner 
Gehölz beginnend. Ich in meiner Unfchuld hatte feine Ahnung von 
diefer glänzenden Eroberung. Es ‚war fcharfe, rauhe Luft, wir 
gingen im vollen Galopp. Tribulet, durch die Kälte erregt, verfuchte 
zwei⸗ oder dreimal fich zu wiberfegen, aber er merkte, mit wem er 
& zu thun hatte. Herr Coates war fehr zufrieden mit mir. „Heute 
Morgen“, fagte er, „reiten Sie wie ein Engel“ — Diejer Anficht 
war auch mein zweiter, improvifirter Groom. Ah, wie gut reitet fie, 
wie jchön ift fie zu Pferde! — Er hatte während des ganzen groß- 
artigen Spazierritte nicht? anderes im Kopf. Und dann verglich 
er mich mit Katharine von Puymarin. — Als die Neittour beendigt 
war, Mfg ii) zu Miß Morton in den Wagen und vorwärts ging® 
nad) der Straße von Varenned. Graf Martelle-Simieufe folgt ung ım 
Trab und begleitet mich bis an unfer Haus. Er fieht den Thorweg 
deffelben fich öffnen, und unfern Wagen in der Vorhalle verichwin- 
den. Er giebt zu, daß ich ein ganz anftändiges Haus bewohne, in 
einer der beiten Straßen, und daß ic; allem Anfchein nad) feine 
Abenteurerin bin. — Ja, aber der Name, der Name der unerfchrodenen 
Amazone! Dann fällt ihm etwas ganz einfaches ein, aber mar muß 
gleichwohl darauf fommen. Er reitet nach Haufe, läßt ein Adreß- 
buch holen mit den fünfzehnhundert Wohnungen der Straße. Straße 
Varennes 49, halt — Baron und Baronin von Leoty. So hat er den 
Namen derjenigen erfahren, welche vielleicht die treue Gefährtin feines 
Lebens werden wird. Baron von Leoty, er fannte Papa vom Klub 
ber; aber hatte Papa eine Tochter? Und war ic) eine Tochter von 
Bapı? Er mußte dies Geheimnig ergründen. Das war nun bald 
geichehen, denn denfelben Abend — o Zufall, fo find Deine Wege, 
— denfelben Abend dinirte Graf Martelle-Simieufe im vertrauten 
Kreije bei den Merzerys, und fo beiläufig in einer Unterhaltungs- 
geufe fragte er Frau von Merzery: „Kennen Sie nicht Herrn von 
Reoty?“ 


„D, ſehr genau.“ 
at ee de Tochter?“ 


Wie alt?“ 

„Ungefähr zwanzig.“ 

„Sehr hübſch, nik wahr?“ 

Da ſcheint es, brach man zu meinen Ehren in einen allgemeinen 
Begeiſterungsſchrei aus. Er war der Einzige, der mich nicht kannte 
— der Bedauernswerthe! Frau von Merzery forjchte nach ber Ur— 
fache all’ diefer Fragen und er erzählte num feurig unfere Segegnung 
am Morgen, meine Verwegenheit zu Pferde, von meinen im Winde 
wehenden Haaren, dem Sonnenftrahl, der darauf ruhte und fie gol- 
dig leuchten ließ; kurz, er hatte einen Kleinen Iyrifch-poetifchen Anal. 
um Gritaunen aller, denn man fannte ihn von dieſer Seite nicht. 
Darauf hat Frau von Merzery die allerfeltenfte, beivundernswürbdigite 





TEE 





180 * Eine vornehme Heirat. 


Geiftesgegenwart bewiefen. Ich muß bemerken, daß fie Mama fehr 
liebt, dagegen die Puymarins nicht ausftehen fann, — d. h. feit 
ſechs Wochen, denn bis dahin waren fie die intimften Freunde. 
Aber fie hat für ihre Abneigung den allertriftigiten Grund. Im 
biejem Jahre haben in Grandchamp bei den Puhmarins drei Gefell- 
ſchaftsferien jtattgefunden. Cine mit den Prinzen von Orleans, die 
zweite mit dem Großfürften Wladimir, die dritte mit den Leuten 
ohne Bedeutung, dem fogenannten Ausjchuß. Nun hat die Herzogin 
bie Merzerys mit dem Ausihuß zufammen eingeladen. Doch 5 
geboren, wie fie find und reich, wie fie find, find die Dienengs nicht 
die Leute, die man mit bem Kusjcub zufammen bittet. Won daher 
ihr heftiger Groll. — Und nun alfo der Genieftreih von Frau_von 
Merzery. Stehenden Fußes — die Gelegenheit beim Schopf erfajlend, 
ohne ſich eine Minute zu befinnen, erwähnt fie vor ihrem ganz ver- 
blüfften Mann, daß den nächiten Abend einige befreundete Familien 
bei ihr fein würden, darunter die Damen von Leoty und dab Graf 
Martelle-Simieufe jehr willtommen fein würde, wenn er ein wenig 
Muſik nicht fcheute und wenn e3 ihm erwünjcht wäre, feine Heldin 
aus dem Boulogner Wäldchen wieberzufehen. 

Herr von Merzery war fafjungslos. 

„Aber meine Liebe“, fagte er, „irrft Du Dich auch nicht? Mor— 

jen Abend gehen wir ja doch ind Theater, um das neue Stüd von 
Sktav Zeuillet zu fehen.“ 

„Rein, mein Freund, das ift übermorgen.” 

„Erlaube, es fcheint mir doch — ich habe ja felbft die Loge 
genommen —“ 

„Und ich verfichere Dich, daß es erft übermorgen ift.“ 

Er verhielt ſich ſtill und erhielt erft nach dem Diner die Aufs 
Löfung des Räthſels. Frau von Merzery blieb nicht dabei ftehen; 
fie bemächtigte fich des Grafen Simieuſe und unterhielt ihn mit der 
größten Beredtfamkeit, mit einer Lobrede auf meine Vortrefflichkeit. 
— „Irene von Leoty, das wäre eine ſolche Frau für Sie! Diefe 
Begegnung heute Morgen, das ift ein Schidfalswint.“ 

erwiderte nur als Refrain: „O, wie gut reitet fie!“ 

Seftern, nachdem fie Mama gejehen, hat ſich Frau von Merzery, 
trog ihrer Migräne, muthig in Trab gejegt, hat die Gäfte zufammen 
geworben, hat die Mufifer aufgetrieben, hat Programme druden 
affen — denn fie waren gedrudt — hat die Erfriſchungen beftellt! 
Diefe Thätigkeit! — Von welden Kleinigkeiten hängt doch das 
Schickſal ab! — Wenn Virginie mein ſtarkes Haar aufgeftedt hättı 
wenn Tribulet beim Reiten gehorfamer und janfter geweſen wär 
wenn die Puymarins die Merzerys nicht mit dem Ausſchuß zufar 
men gebeten hätten, würde er morgen nicht bei ung efjen, und ir 
würbe mir nicht die Frage vorlegen: werbe ich oder werde ich nid 
Gräfin von Martelle-Simieufe fein? — Arme Puymarins, Die gan, 
expreß nad) Paris gefommen waren, um ihr Weltwunder zur Schu 


oo 





Eine vornehme Heirat. 181 


zu ſtellen. Arme Katharina, ſoll ich ihn ihr überlaſſen, ihren kleinen 
guten Grafen, oder ſoll ich ihn für mich behalten? Ich weiß noch 
nicht; aber er Hat nicht zu ſchlecht angefangen, dieſer Sechſte. 


Den 29. November morgens. 
Was find das feit drei Tagen für Berathungen wegen des 
geltigen Diners gewejen! Sollte es ein großes Diner, oder ein 
eines werben, ceremoniell oder intim; wo follte er figen, mir gegen- 
über, ober neben mir? Mama war für gegenüber, fie behauptet, 
daß ich en fage fehr viel hübfcher bin, wie im Profil, befonders im 
ausgefchnittenen Kleide, und ein folches follte ich anziehen. Aber ich 
ſelbſt war für nebeneinander figen; ich fühlte mich durchaus nicht 
befangen, nice Khüchtern; ich wollte ihn im Gegentheil zum Sprechen 
bringen und beichten lafjen. Immer meine fige Idee, mich nicht leicht 
fertig zu verheiraten. Er wurde alfo an meine rechte Seite gefeßt. 
Um nit Ri ſehr zu ungern und mich meiner Aufgabe ganz hin- 
geben zu könmen, hatte ih um fünf Uhr ſtark gevefpert. Ich leitete 
die Unterhaltung auf alle die Gebiete, welche zu erforjchen es mir 
hauptfächlich darauf anfam; man blieb anderthalb Stunden bei Tiſche 
und zu Ende diefer Zeit hatte ich die Ueberzeugung gewonnen, daß 
wir einer für den anl geihaffen wären. Wir haben zuerft von 
Suuipagen und ‚Jagben geipt ven, dad war ein vollfommener Anfang. 
Ich habe fofort entdedt, daß er denfelben Pferdetypus im Auge 
hat, wie ich; nicht zu ſchlank, nicht zu feurig, leicht ohne Zweifel, 
aber nicht mager — leicht mit etwas Fülle Gleiche vollfommene 
Uebereinjtimmung in allem, was die Anfpannung betrifft. Er hat 
einen Abſcheu vor diefer ‚analpurigen englifchen Anfpannung, welche 
die Pferde lang fchlänfern läßt, er liebt die kurze Anfpannung mit 
ftrammen Ketten und Gebiffen. Er war, glaube ich, etwas erjtaunt, 
mich fo fachverftändig in dergleichen Angelegenheiten zu finden — 
überrafcht, aber gleichzeitig entzüdt! Er war zu Anfang des Diners 
ſichtbar befangen und verwirrt, aber unfere Unterhaltung führte ihn 
leicht drüber fort; ich habe es ihm gleich behaglich gemacht — wir 
fprachen diejelbe Sprache und waren gejchaffen, uns zu verftehen. 
Er jagt das Wildſchwein mit einer fehr ſchönen reinen Meute 
von achtzig em, — Forxhunden; er Hat mir die genaueſte Schil⸗ 
derung feines Gag Koftüms gemaßit: Stanzöfifcher Rod, von 
Sarbe des Herbitlaubes (feuille morte), Aufſchläge und Tafchen von 
bumfelblauem Sammet, mit Jägertreffen. Es wird für ung Frauen 
izend werden, unjere Toiletten mit biefem Jagdkoſtüm von toth- 
auner Herbftlaubfarbe in Einklang zu bringen; — ic) plane ſchon 
nen gewiffen Heinen Reithut! — er wird entzüdend werben! — 
‚ wenn meine gute Cäcilie, meine bejte Freundin, doch auch einen 
'ann fände, ber nicht weit von Paris einen Hirſchpark hätte! Sie 
me zu und, um das Wildſchwein zu hetzen, wir gingen zu ihr, 
ı den Hirſch zu jagen — könnte e8 unter der Sonne zwei glüd- 
"re Frauen geben, wie und beide! — Aber da rege ich von 


182 Eine vornehme Heirat. 


Bedeu und Wettrennen und für Veredelung der Hunderaſſen 
Alles 


Dama hat in diefer Hinficht eine graufame Prüfung erfahren, und 
ich möchte nicht ähnlichen Seimfucungen —E werden. Sie 


Familie vom reinſten Vlute ftammt, wie Mama aud. Alles ging 
ut. Doch ba geichah es, dab Papa fi dem Kaiferreich anfchloß- 
icht aus Gefinnung, fondern aus Gutherzigleit. Armer. Tieber 


yenfchaft für das Naiferreich, denn es giebt im ber 


Eine vornehme Heirat. 188 


viele Thüren waren ſeitdem für Papa und Mama verſchloſſen. Papa, 
dem war das ſehr egal; es machte ihm ſogar Spaß; ihm tft die Ge- 
ſellſchaft ein Gräuel und er hatte feinen Klub. Uber Mama — bie 
vornehme Welt ift ihr eine Lebensbedingung und fie hatte feinen 
Jodeitlub. — Faſt alle diefe vornehmen, ihnen verfchloffenen Häufer, 
haben fich feit dem Sturz des rg ihnen wieder geöffnet, 
weil viel dadurch vergeſſen ift. Faſt alle — aber nicht ade, und 
diefe follen und werden ſich weit, weit aufthun, vor mir, der Gräfin 
Martelle-Simieufe! — Ueberall werbe ich willfommen fein und 
freundlich empfangen werden. Die politifche Führung der Martelle- 
Simienfes ift feit dem Anfange diefes Jahrhunderts durchaus tabel- 
103 gewefen. Nein Straucheln, feine Schwäche, fie Haben fich nicht 
unter ben beiden Staiferreichen gebsugt. — Die Martelle-Simieufes 
batiren, ohne Mebertreibung und Trug, aus bem vierzehnten Jahr⸗ 
Hundert her. Adrians Mutter — gut, nun nenne ich ihn ſchon 
Adrian — es ift ein wenig fchnell! — Aljo feine Mutter war eine 
Berfign La Roche — und was feinen Vater betrifft — Adrian hat 
über en Genealogie eine Eleine Broſchüre verfaßt und veröffent- 
Licht, in Hundert Eremplaren abgezogen, mit einem Titelbilde, worauf 
fein fchön gemaltes Wappen. Cr bat dieſe Broſchüre unter feine 
Henke vertheift; Frau von Merzery hat aud eine erhalten und 
ie hat fie mir geliehen. Ich Habe fie gelefen und wieder gelejen 
und weiß fie auswendig. Sie ftellt durch eine unwiderlegliche Dar- 
ftellung feit, daß Adrian der - drittgrößte franzöfiiche Graf ift — 
micht der vierte! — Nun wohl, wenn man natürlich auch noch fo 
fehr den Adel der Gefinnung und einen vor; alien Charakter allem 
andern voranftellt, muß man doch auch auf dieje Dinge Werth legen. 
Sie Haben eine große Bedeutung für die ganze Lebensgeftaltung; 
befonbers in diefem Augenblid, inmitten diefer Weberflutung von ge- 
fälfchten Adelsdiplomen, in dieſer Ueberſchwemmung von Nanifeen 
Herzögen und italienischen Prinzen, welche, wenn man nicht von 
unantaftbarem Setenmen iſt, in unferm eignen Haufe den Vortritt 
beanspruchen. Ich fünnte den Gedanken nicht ertragen, bei einem 
geb Diner erbärmlich am Ende der Tafel mit den Geldprogen, 

Künftlern und Gelehrten zufammengeworfen zu werben. 

Eine Sache gab mir noch zu denken; es ift nichts geringfügig, 
wenn es jih darum handelt, gewiſſe fomfortable Einrichtungen fürs 
Leben zu treffen, fich gegen alle verdrießliche Zufälligkeiten zu ſchützen. 
Mama hat für jeden Montag eine Loge in der Oper. it langer 
Zeit ift es mit Mama vereinbart gewefen, daß id), wenn ich mid, 
verheirate, bie Häffte ber Loge zur Benugung erhalte. Mama geht 
dann alle vierzehn Tage hin und ich auch. Das ift gut und genügt 
mir. — Aber nun ift der Dienjtag im Theater Frangaid. Mama, Gott . 
veif ed — wie fie ſich auch geberbet bat — hat niemals diefe un- 
‚Lücliche Dienftagstoge Loseifen können. Man hat ihr eine für den 
Donnerstag angeboten, aber fie hat es abgelehnt; ein Donnerstag 
ft nur ein verfäffchter Dienftag; es ift daſſelbe Schaufpiel, aber nicht 






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Eine vornehme Heirat. 


daffelbe Publitum. Nun alfo, wenn ich ihn heiratete, würde ich 
nom Dezember bis Juni, jeden Dienftag eine der erften Logen, der 
Bühne gegenüber, zu meiner Verfügung haben. Das hängt fo zu— 
fammen: er bat eine Tante, eine foftbare Tante, fehr reich, a 
Kinder (e erbt noch von ihr), huchbetagt und ſehr aſthmatiſch, 
welcher bejagte Loge gehört, und fie ijt ganz geneigt, fie ihm abzu- 
treten, da fie feit Drei Jahren das Theater nicht mehr befucht. Kann 
man BI) etwas entzüdenderes denken, wie ſolche Tante? 

a8 alles habe ich ihn, zwifchen der Suppe und der Eisfpeife, 
mir mittheilen laſſen, und als Mama nach dem Diner auf mid) los— 
ftürzte und fragte: „Nun, wie iſt's?“ habe ich ihr geantwortet: „Ich 
glaube, Mama, daß ich fehwerlich etwas befferes finden fünnte.“ 

„Dann ift es alfo abgemadht?“ 

„D, ich weiß nicht, zum heiraten gehören zwei, Mama.“ 

Ihr fjeid zwei, ſei ruhig; ich habe ihn während bes ganzen 
Diners beobachtet, wie er Dich immer anjah; ihm ift vollftändig 
Kopf verdreht.“ 

Das war freilich meine Meinung auch. Während Mama zu 
mir Hingeftürzt war, hatte er fi) an Frau von Merzery gehangen, . 
welche natürlich dem Diner beiwohnte. „Nur mid) liebe er, nur mich 
vergöttere er, nur mich wolle er, und feine andere.“ Und er flehte 
Frau von Merzery an, fofort bei Mama um mich anzuhalten. Sie 
hat ihn zu beruhigen gewußt und ihm auseinander gejeßt, daß bie 
Sache nicht jo überftürzt werden fünne. Mama, glaube ich, Hätte 
am liebiten noch denfelben Abend alles zum Abſchluß gebracht; fie 
Hatte eine entfegliche Angft vor den Puymarinjchen Plänen. Ich 
theilte dieſe keineswegs. Sa war mir des auf ihn ausgeübten Ein- 
druds vollauf bewußt und fühlte mid, Herrin der Situation. Ich 
habe aljo Mama an ihr Verjprechen erinnert, mir Zeit zur reiflichen 
Meberlegung zu allen, Ich hatte ihn erft zweimal gejehen, abends 
im Frack und weißer Binde, ic) wollte ihn durchaus noch zweimal 
im vollen Tageslicht und im Ueberrod jehen. wußte, wie es 
bei meiner Coufine Mathilde zugegangen war; fie hatte ihren Mann 
auch jmeimat bei Tage gejehen, einmal im Loupre-Mujeum und 
einmal in der Ritſchute Dieſe iſt augenblidcklich geſchloſſen; erſetzen 
wir fie alſo durch Die Clouey-Ausſtellung. Aber meine zwei Tages- 
befichtigungen muß id, haben. Frau von Merzery bat aljo für 
heute eine vom Zaune gebrochene Zuſammenkunft im Louvre arran- 
girt, — Punkt drei Uhr vor ber Murillofchen Madonna. 


Denfelben Tag um fünf Uhr. 
Eben fommen wir nad) Haufe. Wir find eine Stunde lang in 
ben Galerien umbergegangen, ohne die Bilder viel anzujehen. Er 
ift übrigens — glaube ich — von einer wahrhaft erjchredenden Un- 
wiffenheit Hinfichtlich ber Malerei; aber ich Habe ja aud) nie die 
Abficht gehabt, einen Kunftkritifer zu heiraten. — Er ift, auch bei 
Tage, von angenehmer Erjdeinung, kleidet ſich gut, fpricht gut, ift 


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Unentfchieden. 


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Eine vornehme Heirat. 185 


haft von Benchmen und fagt nie eine Dumm— 
: ic) zufrieden. Sobald wir in der Nivoli- 
n waren, hatte ich einem neuen Anprall von 
: „Er ift koſtbar, ich denfe, daß Du nicht länger 


e darauf, Clouny kann geftrichen werden.“ 
Du bijt alfo entjchloffen?" — 

1a, man verheiratet ſich nicht fo ohne weiteres, 
ind Stellungsrüdjichten.“ 

Du noch mehr?“ 

Pferde jehen; er hat mich zu Pferde geſehen, 


Merzery, deren Aufopferung unermüdlich iſt, 
» zu verjtehen geben, morgen früh zehn Uhr, 
ienallee herumzuſtreifen; fie wird ihm in zarter 
r begründete Ausficht hat, und — Papa und 
ten. Denn Papa — nein, das muß ich jagen, 

Ich meine, er ift ausgezeichnet in ber Rolle 
zochter zu verheiraten hat. Seit vier Jahren 
ferde geftigen; morgen will er, auf die Gefahr 
ı zerichlagen, der bejondern Verhältnifje wegen, 


Den 30. November. 
die Tour durchs Boulogner Gehölz gemacht, 
fr reitet vollfommen gut; er ritt eine bewun⸗ 
ichsſtute. Sch werde fie für mich nehmen, und 
:ben, den ic) zu genau fenne, und deſſen ich 
— Burüdgefchrt, bin id) Mama um den Hals 
gefallen: „Sa, rief ich, jegt fage ich ja, hundertmal ja! — Und ich 
habe ihr mit Thränen in den Augen gedankt, daß fie fo nachfichtig 
gegen mich war, fo gütig und geduldig, Yab fie mich nicht gequält und 
mir alle Zeit zur Ueberfegung gelafien. 
Den 4. Dezember. 
Heute um drei Uhr foll die alte Tante, die mit der Dienftag- 
loge, fommen und den formellen Antrag machen, und noch vor dem 
10. Januar — es muß durchaus wegen des von der Großmama 
muagelegten Kapitals jein — werde ich Gräfin von Martelle-Simieuje 
werden. Adrian wird anderthalb Millionen Francs erhalten und 
mid) mit einer Million als ergänzende Zugabe. Das wird, benfe 
ih, fehr angenehm erworbene Geld fein. Ich finde ihn nicht gerade 
zu bedauern, dieſen Herrn. 
Den 11. Dezember. 


Die Heirat ift auf ben 6. Januar feftgejegt. Es ift ab- 
gfümadt, ſich zu folhem Zeitpunkt zu verheitaten, ald ob es ein 
eujahrsgeſẽ ent wäre. Aber der atz — ber Schap der Groß- 
mama! — Und übrigens, wenn id) es recht überlege, mißfällt mir 
diefer Zeitpunkt durchaus nicht. Wir werden cine Kleine, ganz kurze 
Der Salen 1889. Heft IL Band L 13 





186 Eine vornehme Heirat. 


Hochzeitsreiſe machen, — eine kleine Sprigtour nach Nizza, auf acht, 
höcjitens zehn Tage. Darauf Paris, und Paris in feinem vollen 
Glanze, mit all’ feinen Heinen wieder eröffneten Theatern, die ge- 
liebten Heinen Theater von Papa. — Dieſe unglüdliche Louiſe von 
Maubriaut hat fich legte Frühjahr, Ende Mai verheiratet, hat eine 
ſechswöchentliche Hochzeitsreife gemacht, und ift erſt nach Paris zu- 
rückgelehrt, als es heiß, unheimlich und ganz verödet war. Und das 
Varietetheater gejchlofjen! — Sie hat erjt vorige Woche Judith hören 
fönnen — fieben Monate nad) ihrer Verheiratung!! 

Wir werden vollfommen glüdlic fein, ich zweifle keinen Augen- 
blick daran. Er vergöttert mih! Und ich — ob ich ihn Liebe? — 
Man muß ehrlich gegen fich felbft fein; ich würde lügen, wenn ich 
mit romanhaften Redensarten verfichern wollte, daß ich fterblich ver- 
liebt bin, daß ich nicht Iebe, wenn er nicht da ift, daß ich beim Ge— 
räuſch feiner nahenden Schritte zittere, daß ich erbebe beim Ton 
feiner Stimme und mid) erſt belebt fühle, wenn er erſcheint. — Nein, 
nein, fo leicht bin ich nicht zu entflammen. Man darf von meinem 

zen nicht verlangen, daß es fich fo ſchnell ergiebt. Aber ich habe 
hon ſehr viel Freundicaft, fehr viel Zuneigung für ihn, und die 
Liebe wird kommen, deffen bin ich ficher. 

Die Liebe ift ſolche Erſparniß in der Ehe. Ich bringe ihm 
eine Million zu und wir werden unfern Haushalt mit ungefähr 
230,000 Francs Revenuen anfangen. Das jcheint enorm, aber ift 
es nicht. Man muß jährlich 80,000 Francs zur Erhaltung von 
Simieufe, unferem Schloß in der Vendee, und für die Jagd abrechnen. 
Bleiben uns alſo zum Lebensunterhalt 150,000 Francz jährlich, — 
eine vollfommen ausreichende Summe, wenn wir uns lieben, und 
wir gemeinſchaftlich durchs Leben gehen, wie zwei gute Kameraden, 
die gleichen Schritt halten. Wenn wir aber, im Oegentheil, nad 
einiger Zeit jeder unſern Weg gehen, wie das bie Geſchichte der 
Meitten hen in unjern Kreifen # haben wir nur jeber bie Hälfte, 
alfo 70,000 Francs zu verzehren, und das würde eine beſchränkte 
Lage werben. Nehmen wir an, daß das Theater — außer Oper 
und Schaufpiel — jährlih 2000—3000 Franc Eoftet, wenn Mann 
und Frau immer zujammen gehen, um alle neuen Stüde zu fehen; 
für jeden einzeln a es gleich da8 Doppelte des Budjets. 

So zum Beifpiel Karoline mit ihrem Manne! Sie haben nur 
100,000 Francs jährliche Einfünfte und fie leben doch jehr groß- 
artig, ohne genau rechnen zu müffen. Und warum? — Weil fie 
ſich lieben. Sie bewohnen ein Feines Hötel, ganz beicheiden, welches 
nur wenig Dienerfchaft erfordert; fie verkehren wenig mit der We” 
und je mehr fie allein und einer auf den andern angewiejen fin 
deſto zufriebener find fie; und Karoline ift volltommen glüdlich, o 
ſchon faum 10,000 Francs für ihre Toilette verwendet. — € 
gegen Charlotte, das arme Mädchen, fie hat fich der Heirat ni 
erwehren können. Ihre Mutter war es, die der Titel verblent 
hatte. Ihre Tochter Herzogin! Das ift freilich etwas, aber niı 


I BE 
Eine vornehme Heirat. 187 


alles. Nun, ihre Che mit Gretram hat eine jalht: Wendung ges 
nommen, ſchon von den erjten Wochen an, und fie find num in der 
bebrängteften Lage, trog ihren 250,000 Branzs jährlier Einkünfte. 
Sie giebt ein tolles Geld aus, für Tauter uguriöfen Plumder und mi 
nirende Thorheiten; e3 ift ja auch viel ee Fe Welt gefallen 
‚u wollen, als einer einzigen Perſon. en. ſich dem 
— ergeben und ſchon das halbe Weniger durchgeẽ 
Karoline ſagte mir neulich, ſobald Du Dich ver! — ſuche 
Deinen Mann zu lieben; das iſt in unſerer Lebensſtellung eine Er⸗ 
, fparniß von 100,000 Franc jährlih; und wenn man fid) nicht aus 
. natürlicher Neigung liebt, follte man ſich auß Berechnung lieben! — 
Ja, ich werde ihn lieben lernen — id Merbe ihn gewiß lieben! — 
Heute ift übrigens erft der 11. Dez Bis zum 6. Januar habe 
ich alfo noch volle Tehsundzmanzie Tage vor mie! 


13* 


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Sagerleben in den Prärien. 189 


das er halb fünf Uhr früh verzehrte, und ohne feit zwei Uhr nadj- 
mittags etwas zu trinfen gehabt zu Haben, während jegt ſchon Die 
Nacht Herabfinkt. Trogdem fällt es ihm nicht etwa ein, ſich zu bes 
tagen — die Landezfitte bringt es & nicht ander3 mit fi und ganz 
ebenſo ift e3 ihm jeden Tag ber un zwei Monate ergangen, fo 
daß er. es gewöhnt ift — oder dh jein mußte. Nein, ihm wirbeln 
janz andere Gedanken durch den Kopf, und da das einjame Leben 
kei den Leuten die merkwürdige Gewohnheit, mit ſich jelbft zu fprechen, 
ausbildet, fo fünnen wir die Urfache jeiner Mißſtimmung aus den 
folgenden Worten abnehmen: 

„Gottlob, ich dente, heute muß meine Schäferhütte fertig werben, 
ift das ber Fall, jo werd’ ich morgen hinaus ins Feld eich. Da 
giebt? feine PBladereien mehr, wenn man abends müde heim kommt, 

olzſchneiden, Wafjerholen und Wafchen und Söeuern, bis einem 

eu; faft Brit und es halb zehn Uhr vorüber ift, ehe man 
ins Lager Triechen fann. Und dann, wenn bie Schafe am nächiten 
Morgen nicht mit Sonnenaufgang, d. 5. halb fünf Uhr wieder draußen 
find, dann brennt auch an allen Eden. j 

„Ins Lager — ol Da Hab ich zuerjt feine Duälereien, Waffer 
befindet fich Dicht neben der Hütte, Holz Tiegt überall herum und 
braucht nur eingefammelt zu werben, und bann giebt'3 feine Seele, 
für die ich noch etwas zu fchaffen hätte. Wird das nicht herrlich 
fein? a, meinen Kopf möchte ich darum verwetten” 

Mit biefen tröftfichen Betrachtungen und der Hoffnung auf zu- 
tünftiges Wohlergehen pfeift unfer Hirt einmal laut feinen Schalen 
und geht mit leichterem Herzen, al3 viele Tage vorher, heim zum 
Ahenbbrod und den ımaußbleiblichen Pladereien, die feiner noch 


Da obiges nur eine Skizze bes jo ſehnſüchtig erwünfchten Lager- 
lebens darftellt, wollen wir über die Vorl ommnilte der nächften vier- 
undzwanzig Stunden ſchweigend Hinweggehen und melden nur, daß 
der Wunſch unferes jungen Freundes erfüllt wurde. So fchließen 
wir uns ihm erjt wieder am nächſten Tage an, während er die 
Schafe wiederum, dieſes Mal aber nach dem „Lager“ zurüdführt. 

Bevor wir indeß feine Ertebniffe dafelbft berichten, wird es dem 
Leſer eine beſſere Vorſtellung von dieſem Leben erweden, wenn wir 
fozufagen das Zubehör deffelben ſchildern. 

unächit befindet ſich das Lager völlig abgefondert von ber 
andern Menjchheit. Viele Meilen weit in Often Tiegt die Farm, 
zu der die Heerde gehört, wieberum die einzige Semante Stelle in 
weiten, weitem reife. Nach Norden, Süden und Weften dehnen 
ich die wellenförmigen Prärien aus, nur unterbrochen durd die 
eſas, das find Torellandfehaften, deren felfige Abhänge den Wol⸗ 
fen, Bären und Pumas Schlupfwinfel bieten, denn eptere trifft 
Dan noch ziemlich häufig in dem wilderen Gebieten fernen 
ſtens. 


Das Lager ſelbſt beſteht aus einem ſogenannten Dug-out,, das 


1% Kagerleben in den Prärien. 


iſt aus einer Heinen Hütte, welche aus groben, in den Zwiſchenſpalten 
verftrichenen Scheiten zum Theil auf der Erbe erbaut, zum Theil aber aus 
einem feinen Hügel „gefönitten” iſt (daher obiger Name), einem Hügel 
von gewöhnlich fünfzig bis hundert Zuß Höhe, von denen bie Anftebler 
glauben, daß er in früheren Zeiten von Indianern oder Mexilanern aufge- 
worfen worden fei, um weithin das Vorhanbenfein von Waſſer anzu= 
zeigen. Diefer Dug-out mißt ſechs Fuß im Geviert und hat ein flaches, 
mit Erbe bedecktes Dach, die in der Witte hoch aufgehäuft, während fie 
nad der Ede zu eine immer dünner werdende Schicht bildet, um das 
Waſſer abfließen zu laſſen. An einer Ede des Dachs iſt ein Loch 
auagefbart, durch welches ein altes Ofenrohr geſteckt ift, das aus 
FA lichkeit Schornitein genannt wird. Unterhalb deſſelben befindet 
ich eine offene SFeuerjtelle, bei der von einem Rofte und dergleichen 
feine Rebe ift, jo daß der Bug mur durch funftgerechte Anordnung 
des Feuermaterials zu erhalten ift. 

Die Auzftattung des Hauſes befteht aus einem dreibeinigen Stuhl, 
eigentlich weiter nichts als einem niedrigen Schemel zum Melten, 
und aus zwei Deden. Die eine davon iſt breit, groß und did und 
dient ala Betttelle, Matrage und Bett; die andere ift weit dünner 
und vertritt Die Stelle des Dedbettes. Das Kopftiffen beſteht aus 
der Jade und Weite des Schäfers, wozu wohl noch, wenn die Nacht 
warm und die Schafe ruhig find, deffen Hofen kommen. Unter 
dieſem Kiffen lugt ein tüchtiger Revolver hervor, der ftete Begleiter, 
Tröfter und Freund des Hirten, der Tag und Nacht nie weit von 
feiner Hand wegfommt. In welch’ traurigen Umftänden lebte der 
Weſtermann“ ohne feine ſechsſchüſſige Waffe! Bei feinem einfamen 
Leben mag man ihm alles rauben, nöthigenfalls auch fein Pferd ent- 
führen, den Revolver aber muß er behalten. 

Zunächſt folgen nun bie Geräthe, neun Stüd an Zahl. 1. Ein 
Kleiner, runder Tiſch, etwa achtzehn Zoll im Durchmeljer, der zu 
verjchiedenen Zeiten zum Wafchen der Kleidungsſtücke, wie des Gefichts, 
. der Hände und alles Uebrigen dient, ebenjo wie darauf Teich gefnetet 

und das Brod bereitet wird. 2. Ein dreifüßiger Eifentopf, der — 
ebenfo aus Höflichkeit wie der Schornftein — hier ber Backofen ge 
nannt ift, und in dem Brod gebaden, aud Kaffee geröftet und jede 
Speife gekocht wird. 3. Ein Binnlöffel mit langem Stiel. 4. Eine 
Bratpfanne. 5. Ein Kaffeetopf. 6. Eine Zinnſchüſſel. 7. Eine 
ebenfolde Taſſe. 8. Eine Gabel, welche nicht ganz wie ber Löffel, 
die abſcheuliche Gewohnheit hat, zu verſchwinden, wenn fie am nöthig⸗ 
ften gebraucht wird, neben 9. dem zu allen Zweden bienenden unen‘ 
behrlipen Fleiſchmeſſer, welches unſere Lifte vervollftändigt. 

m Vorräthen finden ſich folgende: eine gejalzene, aber nid 
etwa gepödelte Spedfeite; ein Sad mit Mehl, dito mit grüner 
Kaffee; ein großer Beutel mit mezifanifchen Bohnen, eine Bled 
büchſe mit Soda, welche die Stelle der Hefe vertritt; ein Faß m 
Schaffleifh in Salzwaffer, um die Monotonie des Sped3 einm 

. zu unterbrechen, und einige Zwiebeln. 











£agerleben in den Prärien. 191 


Das, licher Lejer, find die Verhältniffe, unter denen das von 
jungen Leuten jo oft erjehnte romantijche „Lagerleben“ fich abfpielt. 
Schen wir nun einmal zu, welche Freuden — oder Leiden — unfern 
unternefmenden Freund erwarten, Freuden, welche weder das ge- 
orbnete Leben der Heimat — die übrigens aud) jegt nur mit beben- 
der Stimme, wie etwas ganz beſonders geheiligtes, erwähnt wird, 
noch das ſehr urwüchjige aber doch gewifjermaßen gefellichaftliche 
Treiben auf dem Homerande, (das ijt ein Haus, welches als Wohn- 
jtätte für die Kuh- und fhirten in den weſtlichen Territorien 
dient beten fann. en 

im Lager angelangt, ſchickt ſich unfer Hirt, den wir Jad (Jakob) 
Alldag nennen wollen, an, fein Abendeffen zu bereiten und zu ver- 
zehren; doc) dieſem fehlt ein gewiſſer Gejchmad, den das legte vor 
vierundzwanzig Stunden entjcieben beſeſſen hatte. Das ift eine mert- 
würdige Erſcheinung, denn die Speifen find die nämlichen und der 
Hunger ift derfelbe — jener Mangel bleibt aber doch beftehen. Da 

jewährt es ihm eine, wenn auch nur fehr ſchwache Befriedigung, 
Teller, Taffe u. j. w. aufzumwafchen mit Wafjer, das er aus dem 
Heinen Teiche dicht neben feiner Hütte geholt und im „Badofen“ 
erhigt Hat. Nachher jetzt er fi vor die Thür und ſchmaucht behag- 
fich feine Pfeife und freut fich des Friedens und der Ruhe feiner 
vereinjamten Lopnftätte Nach und nad) verändert fich aber merk- 
fie biele Empfindung. Das Schweigen wird etwas bedrüdend, und 
ſich ſelbſt gewaltfam aufrüttelnd, erhebt fid) Jakob und jchlendert 
ruhig auf die Schafe zu, welche in der Entfernung von einigen hundert 
Schritten weiben. Er treibt und Ienft dieſelben nach der Seite des 
Hügels zu, in welchem fein „Haus“ eingebaut ift; dann, nachdem 
er ſich Dur einen Rundgang überzeugt, daß jenen feine Gefahr 
droht, begiebt er fich wieder nach der Hütte Die Schafe trotten 
noch ein Weilchen ruhelos umher, dann legen fie ſich eins nad, dem 
andern nieber, ebenfo die Lämmer, welche nad} ihren Müttern blöfen, 
und endlich, herrſcht — aögefehen von einem gelegentlichen, kaum 
hörbaren Laut aus der Heerde, ein Todesſchweigen rings auf der 
umgebenden Natur. 

Jetzt, wo die Schafe ſich zum Ausruhen gelegt, macht auch Jad 
fein Bett zurecht und denkt natürlich, daß er bald in Schlaf verfallen 
wird, wie das von jeher feine Gewohnheit war. Der erwartete 
Schlummer will jedoch nicht kommen. Das unbehagliche, bedrüdende, 
faft elende Gefühl, dag ſich feiner feit dem Eintreffen Hier bemächtigt 
hat, nimmt noch mehr zu und wird ihm ganz unerträglich. 

Plöglich fpringt fein Schäferhund „Skip“, der an der Thür der 

itte liegt, auf und eilt laut anfchlagend in die dunffe Nacht hinaus. 
Idag ergreift den Revolver, tritt vor die Hütte und laufcht ge- 
ınnt. 8 Bellen des Hundes wird fchwächer und ſchwächer, 
ip verjagt offenbar einen Eindringling, wahrſcheinlich einen Coyote. 

Einen Wolf! Sonderbar, daß das Wort ihm das Herz erbeben 

cht und fein Finger ſich mechaniſch an den Drüder ber Waffe 


186 Eine vornehme Heirat. 


Hochzeitsreiſe machen, — eine fleine Sprigtonr nach Nizza, auf acht, 
höchſiens zehn Tage. Darauf Paris, und Paris in feinem vollen 
Glanze, mit all’ feinen feinen wieder eröffneten heatern, die ge= 
liebten Heinen Theater von Papa. — Dieje unglüdliche Louiſe von 
Maubriaut hat fich legtes Frühjahr, Ende Mai verheiratet, hat eine 
ſechswöchentliche Hochzeitsreife gemacht, und ift erft nach Paris zu- 
rüdgefehrt, al3 e3 Heiß, unheimlich und ganz verödet war. Und das 
Varietetheater geſchloſſen! — Sie hat erft vorige Woche Judith hören 
tönnen — fieben Monate nach ihrer Verheiratung!! 

Wir werden volltommen glüdlich fein, ich zweifle feinen Augen- 
blid daran. Er vergöttert mich! Und ich — ob ich ihn liebe? — 
Man muß ehrlich gegen fich ſelbſt fein; ich würde lügen, wenn ich 
mit romanhaften Redensarten verjichern wollte, daf ich fterblich ver- 
liebt bin, daß ich nicht Iebe, wenn er nicht da ift, daß ich beim Ge- 
räuſch feiner nahenden Schritte zittere, daß ich erbebe beim Ton 
feiner Stimme und mic) erſt belebt fühle, wenn er erjcheint. — Nein, 
nein, jo leicht bin ich nicht zu entflammen. Man darf von meinem 

erzen nicht verlangen, daß es fich fo ſchnell ergiebt. Aber ich habe 
chon ſehr viel Freumdichaft, fehr viel Buneigung für ihn, und die 
Liebe wird fommen, deſſen bin ich ficher. 

Die Liebe iſt folche Erjparnik in der Ehe. Ich bringe ihm 
eine Million zu und wir werden unfern Haushalt mit ungefähr 
230,000 Francs Nevenuen anfangen. Das ſcheint enorm, aber ift 
& nit. Man muß jährlich 80,000 Francs zur Erhaltung von 
Simieufe, unferem Schloß in der Vendee, und für die Jagd abrechnen. 
Bleiben uns alfo zum Lebensunterhalt 150,000 Francz jährlich, — 
eine vollfommen ausreichende Summe, wenn wir uns lieben, und 
wir gemeinſchaftlich durchs Leben gehen, wie zwei gute Kameraden, 
die gleichen Schritt halten. Wenn wir aber, im Gegentheil, nad 
einiger gi jeder unfern Weg gehen, wie das Die Geſchichte der 
meijten Ehen in unjern Kreifen * haben wir nur jeder die Hälfte, 
aljo 70,000 Franc zu verzehren, und das würde eine beſchränkte 
gage werben. Nehmen wir an, daß das Theater — außer Oper 
und Schaufpiel — jährlich 2000-3000 Franz foftet, wenn Mann 
und Frau immer zufammen gehen, um alle neuen Stüde zu jehen; 
für jeden einzeln a es gleich dad Doppelte des Budjets. 

So zum Beifpiel Karoline mit ihrem Manne! Sie haben nur 
100,000 Francs jährliche Einkünfte und fie leben doch jehr groß- 
artig, ohne genau rechnen zu möüffen. Und warum? — Weil fie 
fich Ticben. Sie bewohnen ein Feines Hötel, ganz befcheiden, welches 
nur wenig Dienerfchaft erfordert; fie verfehren wenig mit ber Weli 
und je mehr jie allein und einer auf den andern angewiejen find 
defto zufriedener find fie; und Karoline iſt vollfommen glüdlich, ob 
ſchon fie faum 10,000 Francs für ihre Toilette verwendet. — Da 
gegen Charlotte, dad arme Mädchen, fie hat fich der Heirat nich 
erwehren fünnen. Ihre Mutter war ed, die der Titel verblende 
hatte. Ihre Tochter Herzogin! Das ift freilich etwas, aber nic, 


Eine vornehme Heirat. 187 


alles. Nun, ihre Ehe mit Gretram Hat eine jchlechte Wendung Ei 
nommen, —— von den erſten Wochen an, und ſie ſind nun in 
bedrãngieſten Lage, trotz ihren 250,000 Francs jährlicher Einkünfte. 
Sie giebt ein tolles Geld aus, für lauter Inzuriöfen Plunder und rui— 
nirende Thorheiten; es ift ja auch viel Eoftipieliger, aller Welt gefallen 

wollen, als einer einzigen Perfon. — Der —5— hat ſich dem 

;piel ergeben und ſchon das halbe Vermögen durchgebrächt. 

Karoline fagte mir neulich, ſobald Du Dich verheirateft, fuche 

Deinen Mann zu lieben; das iſt in unferer Lebensſtellung eine Er- 
ſparniß von 100,000 Francs jährlich; und werm man fich nicht aus 
natürlicher Neigung liebt, follte man ſich aus Berechnung lieben! — 
Ja, ich werbe ihn lieben lernen — ich werde ihn gewiß lieben! — 
Heute ift übrigens erft der 11. Dezember. Bis zum 6. Januar habe 
ich alfo noch volle ſechsundzwanzig Tage vor mir! 


0 


13* 


— 


Lagerleben in den PYrärien. 
Bon 2. 8. 9—n. - 


fchönen Sommerabends vor wenig Jahren ſchlich 
der wilden Gegend, welche die Amerikaner ala Grenze 
ʒiet bezeichnen, ein junger Burſch von etwa fieben- 
m Jahren todtmüde heim, nachdem er den ganzen 
gen Tag über in der Prärie eine Schafheerde be— 
wicht hatte. Sein Aeußeres ſchien ziemlich herabge 
tommen. Noch vor zwei Jahren, zu Haufe auf dem väterlichen 
Befigthum, gehörte er zu den jungen Xeuten der befferen Kaffe. 
Sept jah man an ihm nur noch ein ſiark verbranntes, mit Staub 
und Schweiß bededtes Geſicht, und feine hagere, etwas gebeugte Ge- 
ftalt, bekleidet mit verjchofjenem blauen Wollendemd und groben, brau- 
nen Zeinwanbbeinkfeidern, welche von allerlei Schmuß fo fledig waren, 
daß fein Menſch ihre Grundfarbe hätte erkennen können; dazu trug 
er plumpe Schuhe, nebft einem alten Filzhut, dem gegenüber man 
nur mit aller Anjpannung der Einbildungsfraft auf den Gedanken 
fommen konnte, pn: er einmal weiß gewejen jein mochte. Vor ihm 
mälgte fich feine Heerde Hin — sieht fünfzehndundert Köpfe 
ſtark — von jeder Größe und von jedem Alter, von den Iangbeinigen 
Widdern, die den Vortrab bilden, bis zu den Heinen, die meijten 
Beſchwerden verurfachenden Zwei-Monat-Lämmern, Di hinter dem 
Sau jen hertroddeln und dem umerfaßrenen Hüter deßhalb fo viele 
ühe machen, weil fie immer fo müde zu fein jcheinen, um feinen 
Schritt mehr vorwärts thun zu können, bis der Hirt in reiner Wer- 
zweiflung ſich nicht mehr um fie befümmert und fie der Gnade Di 
Wolfes und des Berglöwen (Puma) überläßt, worauf fie meiſt m 
jämmerlichem Blöken die Heerde wieder einzuholen ſuchen. Unfe 
junger Freund ift indeß viel zu erfahren, um auf die kleinen Glied⸗ 
„feiner Heerde beſonders acht zu geben. Wbgefpannt und durft 


ſchleppt er ſich feinen Weg dahin, nachdem er fünfpenn Stunden untı 


brennender Sonne umbergeftrichen, mit nichts als einem Frühftü 





Sagerleben in den Prärien. i89 


das er halb fünf Uhr früh verzehrte, und ohne feit zwei Uhr nad 

' mittags etwas zu trinken gehabt zu haben, während jegt ſchon die 

Nacht Herabfinkt. Trogdem fällt es ihm nicht etwa ein, ſich zu bes 

| Hagen — die Landesfitte bringt es ja nicht anders mit ſich und ganz 

| ebenfo iſt es ihm jeden Tag der legten zwei Monate ergangen, jo 

| daß er es gewöhnt ift — oder doch fein mußte. Nein, ihm wirbeln 

- gan andere Gedanken durch den Kopf, und da das einjame Leben 

i den Leuten bie merfwürdige Gewohnheit, mit ſich jelbft zu fprechen, 

ausbildet, fo können wir die Urſache feiner Mifftimmung aus den 
folgenden Worten abnehmen: 

Gottlob, ich denfe, heute muß meine Schäferhütte fertig werben, 
ift das der Fall, jo werd’ ich morgen hinaus ind Feld eich. Da 
gibts feine Pladereien mehr, wenn man abends müde Be tommt, 
em Solgjchnetben, Wafferholen und Waſchen und Scheuern, bis einem 
das iz fait Brit und es halb zehn Uhr vorüber ift, ehe man 
ins Lager Frieden fan. Und dann, wenn die Schafe am nächiten 
Morgen nicht mit Sonnenaufgang, d. 5. halb fünf Uhr wieder draußen 
find, dann brennt? auch an allen Eden. J 

„Ins Lager — ol Da hab ich zuerſt feine Quälereien, Waſſer 
befindet ſich dicht neben der Hütte, Holz liegt überall herum und 
braucht nur eingefammelt zu werden, und bann giebt's feine Seele, 
für bie ich noch etwas zu fchaffen hätte. Wird das nicht herrlich 
fein? Ja, meinen Kopf möchte ich darum verwetten!“ 

Mit dieſen tröftlichen Betrachtungen unb ber Sofas auf zus 
tünftiges Wohlergehen pfeift unjer Hirt einmal laut feinen Schalen 
und geht mit leichterem Herzen, als viele Tage vorher, heim zum 
Abendbrod und den unausbleiblichen Pladereien, die feiner noch 


harren. 

” Da obiges nur eine Sfigge des fo fehnfüchtig erwünschten Lager- 
lebens darftellt, wollen wir über die Vorkommniſſe der nächiten vier- 
undzwanzig Stunden ſchweigend hinweggehen und melden nur, daß 
der Wunſch unferes jungen Freundes erfüllt wurde. So ſchließen 
wir uns ihm erjt wieber am nächiten Tage an, während er die 
Schafe wiederum, diefes Mal aber nad) dem „Lager“ zurücführt. 

Bevor wir indef feine Setebniffe dafelbft berichten, wird es dem 
Leſer eine beſſere Vorſtellung von dieſem Leben erweden, wenn wir 
fozufagen das Zubehör deſſelben jchildern. 

Bunägjft findet fi) das Lager völlig abgefondert von ber 
andern Menjchheit. Diele Meilen weit im Dſten liegt die ” 
zu ber die Heerbe gehört, wiederum bie einzige bewohnte Stelle in 
weiten, weiten reife. Nach Norden, Süden und Welten dehnen 
is die wellenförmigen Prärien aus, nur unterbrochen durch die 

eſas, das find Torellan) Ichaften, deren felfige Aibhänge den Wöl 
en, Bären ımd Pumas Schlupfwinfel bieten, denn legtere trifft 
| Fr noch ziemlich häufig in den wilberen Gebieten fernen 
\ eitens. 

} Das Lager felbft befteht aus einem fogenannten Dug-out, das 





i 








1% Sagerleben in den Prärien. 


ift aus einer Heinen Hütte, welche aus groben, in den Zwiſchenſpalten 
verſtrichenen Scheiten zum Theil auf der Erde erbaut, zum Theil aber aus 
einem Kleinen Hügel „oefegnien ift (daher obiger Name), einem Hügel 
von gewöhnlich fünfzig bis Hundert Fuß Höhe, von denen die Anſiedler 
glauben, daß er in früheren Zeiten von Indianern oder Mexilanern aufge» 
worfen worden fei, um weithin das Vorhandenfein von Waſſer anzus 
zeigen. Dieſer Dug-out mißt ſechs Fuß im Geviert und hat ein flaches, 
mit Erde bedecktes Dach, die in der Mitte hoch aufgehäuft, während fie 
nad, der Ede zu eine immer dünner werdende Schicht bildet, um das 
Waſſer abfließen zu lafjen. An einer Ede bes Dachs ift ein Loch 
ausgelbart, durch welches ein altes Ofenrohr geftedt ift, das aus 
Höflichkeit Schornftein genannt wird. Unterhalb beffelben befindet 
fich eine offene Feuerſtelle, bei der von einem Roſte und dergleichen 
Teine Rede ift, jo daß der Zug nur durch Funftgerechte Anordnung 
des Feuermaterials zu erhalten ift. 

Die Auzftattung des — beſteht aus einem dreibeinigen Stuhl, 
eigentlich weiter nicht? als einem niedrigen Schemel zum Melten, 
und aus zwei Deder. Die eine davon ift breit, groß und did und 
dient als Bettitelle, Matrage und Bett; die andere ift weit dünner 
und vertritt die Stelle des Deckbettes. Das Kopfkiffen beiteht aus 
der Jade und Weite des Schäfers, wozu wohl noch, wenn die Nacht 
warn und die Schafe ruhig find, deffen Hofen kommen. Unter 
diefem Kiffen lugt ein tüchtiger Revolver Hervor, ber ftete Begleiter, 
Tröfter und Freund des Hirten, der Tag und Nacht nie weit bon 
feiner Hand wegfommt. In wel’ traurigen Umftänden lebte ber 
„WWeftermann“ ohne feine ſechsſchüſſige Waffe! Bei feinem einfamen 
Leben mag man om alles rauben, noͤthigenfalls auch fein Pferd ent⸗ 
führen, den Revolver aber muß er behalten. 

Zunächſt folgen nun die Geräthe, neun Stück an Zahl. 1. Ein 
Heiner, runder Tiſch, etwa — gell im Durchmeffer, der zu 
verfchiedenen Zeiten zum Wafchen der Kleidungsſtücke, wie des Gefichts, 
der Hände und alles Uebrigen dient, ebenfo wie darauf Teich gefnetet 
und das Brod bereitet wird. 2. Ein dreifüßiger Eifentopf, der — 
ebenfo aus Höflichkeit wie der Schornftein — hier der Badofen ger 
nannt ift, und in dem Brod gebaden, auch Kaffee geröftet und jede 
Speife gekocht wird. 3. Ein Binnlöffel mit langem Stiel. 4. Eine 
Bratpfanne. 5. Ein Kaffeetopf. 6. Eine Zinnſchüſſel. 7. Eine 
ebenjolche Tafje. 8. Eine Gabel, welche nicht ganz wie ber Löffel, 
die abſcheuliche Gewohnheit hat, zu verſchwinden, wenn fie am nöthige 
ften gebraucht wird, neben 9. dem zu allen Zweden dienenden unent- 
behrlichen Fleiſchmeſſer, welches unfere Lifte vervollftändigt. 

An BVorräthen finden fich folgende: eine geialgene, aber nich 
etwa gepüdelte Spedjeite; ein Sad mit Mei, dito mit grüner 
Kaffee; ein großer Beutel mit megifanifchen Bohnen, eine Bled 
büchſe mit Soda, welche die Stelle der Hefe vertritt; ein Faß m 
Saafteife in Salzwafjer, um die Monotonie des Sped3 einma 
zu unterbrechen, und einige Zwiebeln. 


I 


£agerleben in den Prärien. 191 


Das, licher Lejer, find die Verhältniffe, unter denen das von 
jungen Leuten fo oft erjchnte zomantifche „Lagerfeben“ fich abfpielt. 
Sehen wir num einmal zu, welche Freuden — oder Leiden — unfern 
unternefmenden Freund erwarten, Freuden, welche weder das ge- 
ordnete Leben der Heimat — die übrigens auch jegt nur mit beben- 
der Stimme, wie etwas ganz beſonders geheiligtes, ermähnt wird, 
noch das er urwüchfige aber doch gewifjermaßen geſellſchaftliche 
Treiben auf dem Homerandhe, (das iſt ein Haus, welches als Wohn- 
jtätte für die Kuh- und fhirten in den weftlichen Territorien 
Dient) Kick Tann. f n 

m Lager angelangt, ſchickt ſich unfer Hirt, den wir Jad (Jakob) 

Alldag nennen wollen, an, fein Abendefjen zu bereiten und zu ver- 
zehren; doch diefem fehlt ein gewiſſer Geſchmack, den das legte vor 
vierundzwanzig Stunden entjcjieben bejejen hatte. Das ift eine merf- 
würbige Erſcheinung, denn die Speifen find die nämlichen und der 
Hunger ift derſelbe — jener Mangel bleibt aber doc; beitehen. Da 
jewährt es ihm eine, wenn auch nur, ſehr ſchwache Befriedigung, 
een, Taffe u. ſ. w. aufzuwajchen mit Wafjer, das er aus dem 
Hleinen Teiche dicht neben feiner Hütte gehelt und im „Badofen“ 
erhigt hat. Nachher jest er ſich vor die Thür und fchmaucht behag- 
lich feine Pfeife und freut fich des Friedens und der Ruhe feiner 
vereinfamten Wohnſtätte. Nach und nach verändert ſich aber merk: 
lich diefe Empfindung. Das Schweigen wird etwas bedrüdend, und 
ſich felbft gewaltfam aufrüttelnd, erhebt fi) Jakob und fehlendert 
ruhig auf die Schafe zu, welche in der Entfernung von einigen Hundert 
Schritten weiden. Er treibt und Ienft diejelben nach der Seite des 
Hügels zu, in welijem fein „Haus“ eingebaut ift; dann, nachdem 
er 17 duch einen Rundgang überzeugt, daß jenen feine Gefahr 
droht, begiebt er fich wieder nach der Hütte Die Schafe trotten 
noch ein Weilchen ruhelos umher, dann legen fie ſich eins nad, dem 
andern nieder, ebenfo die Lämmer, welche nad) ihren Müttern blöfen, 
und endlich herrſcht — adgefehen von einem gelegentlichen, kaum 
hörbaren Laut aus ber Heerde, ein Todesſchweigen rings auf der 
umgebenden Natur. 

Jetzt, wo die Schafe jich zum Ausruhen gelegt, macht auch Jack 
fein Bett zurecht umd denkt natürlich, daß er bald ın Schlaf verfallen 
wird, wie das von jeher feine Gewohnheit war. Der erwartete 
Schlummer will jedoch nicht kommen. Das unbehagliche, bedrückende, 
fajt elende Gefühl, das ſich feiner feit dem Eintreffen hier bemächtigt 
hat, nimmt noch mehr zu und wird ihm ganz unerträglich. 

Plöglich fpringt fein Schäferhund „Skip“, der an der Thür der 

ütte liegt, auf und eilt laut anfchlagend in die dunkle Nacht hinaus. 
lldag crgreift den Revolver, tritt vor die Hütte und lauſcht ge— 
annt. 8 Bellen bes Hundes wird ſchwächer und jchmächer, 
fip verjagt offenbar einen Eindringling, wahrſcheinlich einen Coyote. 

Einen Wolf! Sonderbar, daß das Wort ihm das Herz erbeben 

icht und fein Finger ji) mechaniſch an den Drüder der Waffe 





192 £agerleben in den Prärien. 


anlegt; er weiß doch, daß diefe Präriemwölfe feige Burjchen find, 
und etwas anderes ald ein Schaf nicht anzufallen wagen. Was 
verurjacht ihm nur dieſe nervöſe Furcht vor einem Coyote? ... . 
Nur der Umftand, daß er zum erften Male gan allein eine Nacht 
in der Prärie, fern von jedem menfchlichen een zubringen muß. 
Befürchtungen jeder Art, über die er früher nur gelacht hätte, 
tauchen jet mit ganz anderer Gejtalt vor ihm auf. Er bemerkt, daß 
fein ganzer Körper zittert... wehhalb denn? Er hat ja gar feine 
Urſache zur Sr 

„Ah, was ift das? Das fehwarze Ding dort, kaum dreißig 
Schritte von hier ... ift e8 ein Bär? Was mag's wohl fein? Ein 
Berglöwe (Buma), der es mittert, daß ich allein bin?” — Jack er- 
hebt ſchon das Piltol zum feuern, da hört er eben den Hund bellend 
zurückkommen und die unerwartete Erfcheinung — eine große, ſchwarze 
mexikaniſche Kuh — galoppirt davon, Au ſchnell die Füße fie tragen 
können, wirbelt dabei eine gewaltige Staubwolfe auf und proteitirt 
murmelnd gegen diefe Störung. 

Nachdem er fich felbft Herzlich außgelacht und den treuen Hund 
freundlich geftreichelt, legt ſich Iad wieder nieder, diefes Mal ent- 
chloffen zu ſchlafen, es möge fommen, was da wolle. Vergebens. 
Gerade is er im Einfchlafen ift, Schlägt der Hund zum zweiten Male 
an, ftürmt aber nicht wie beim erften Mal hinaus — und daneben 
macht fich noch ein anderes immer näher und näher fommendes Ge- 
räuſch bemerkbar, bis daſſelbe direkt über ihm ift, das dumpfe 
Trampeln der erſchreckt herzulaufenden Schafe. Der junge Schäfer 
ift in einem Augenblid aus dem Bett und tritt, das Piſtol in der 
Hand, muthig hinaus. 

Die Nacht ift pechſchwarz, fo daß er gar nichts unterjcheiden 
fann. Die Gloden der ak läuten aber entſetzlich ein Beweis, 
daß die Heerde vor einem umfichtbaren Feind die Flucht ergriffen 
habe. Auffallenderweife ſchweigt der Hund nach wieberholtem, faft 
nervöſem Geheul ganz ftill. Aus diefen Anzeichen erkennt Jad, daß 
es ſich jet um einen Berglöwen Handeln muß, ein Raubthier, das 
ſich ſelbſt überlaffen der Heerde den furchtbarjten Schaden zufügen 
wird, denn man weiß von einen Puma, daß er binnen einer Nacht 
wohl dreißig Schafe erwürgen kann. 

Jack feuerte fofort den Revolver bfindlings in die Luft ab, in 
der Hoffnung, das Thier durch den Knall für einige Zeit zu ver- 
ſcheuchen. Letzterer hat ihm aber für heute die Ruhe der Nacht ge- 
raubt und wird das auch noch für manche kommende Nacht wieder- 
holen. In der That ift das die ſchlimmſte Beläftigung, die er_hier 
zu ertragen hat. Jede dunkle Nacht wird der Puma in der Nähr 
umberfhleihen, und nichts als die ſchärfſte Wachſamkeit kann ihr 
abhalten, unter den unglüdlichen Schafen ein furchtbares Blutbat 
anzurichten. 

Diefe Raubthiere gehen niemals auf Beute aus, außer in ftod 
finfteren Nächten, wo man feine zwei Schritt weit fehen fann, un 


überdies beivegen fie ſich völlig lautlos, Uebrigens ift es ein ziem- 
lich gefährliches Ding fie anzugreifen, wenn man nicht ficher ift, fie 
auf den erften Schuß zu tödten, denn verwundet zögern fie gar nicht, 
fi auf den Menſchen zu ftürzen und angefichts ihrer Schnelligkeit 
und Lebensfähigfeit pflegt man fie als ebenfo gefährliche Feinde wie 
die Griggly-Bären zu betrachten. 
.. Diele allmächtlich fich wiederholende Störung trieb Jad begreif- 
| ficherweife zur hellen Verzweiflung, und ein berpmeifeter Mann, vor- 
züglich wenn er jung ift, wagt zufeßt jehr viel. Nach verfchiedenen 
Erflglofen Verſuchen fommt er endlich auf ein Mittel, das ihm 
feiner Meinung nad) nicht im Stiche laſſen fan, welches feifich 
aber mit dem Verlufte eines Schafes verfnüpft ift. Doch was wi 
das beißen, wenn er fi damit den Berglöwen vom Halfe ſchaffen 
nm 


Am folgenden Tage ſchießt er einen jungen Widder, den er 
u der Thür ber Hütte fchleppt und hier abzieht und aus— 
idet. Dann gräbt er, der Hüttenthür gerade gegenüber, ein kleines 
Loc aus, um es am Spätabende mit dem Blute des Opferlammes 
anzufüllen. Die Fleifchtheile jet hängt er innerhalb der Hütte 
af und mit einbrechender Dunkelheit Löfcht er das euer, bindet den 
Hund an, dem er den Maulkorb abnimmt und treibt die Schafe alle 
in der Nähe zujammen. Dann nimmt er an der Thür Stel- 
fung, bereit herauszutreten und ‘euer zu geben, fobald er den 
Puma das für ihn als Lodfpeife beftimmte BSlut aufleden Hört. 
Still und träge geht die Zeit dahin. Zuerft erhält die Vor—⸗ 
ftellung von einem Kampfe auf Leben und Tod mit dem verwundeten 
Buma den jungen Hirten in ängftlicher Aufregung. Sobald ein 
Schaf nur nieft, Hält er in der Meinung, der Feind nahe heran, ben 
Ahem an. Aber Stunde um Stunde verinnt und noch immer 
bleiben Die Schafe ruhig und fogar der Hund fchläft weiter. 
Endlich bemerkt Jad, daß auch er mehr und mehr ſchläfrig wird. 
Einmal und zweimal finkt ihm der Kopf herab und muß er ſich mit 
Gewalt emporrichten, wobei er fait den Revolver aus der Hand 
verliert. Als er fich eben ge dritten Male emporfchnellt, ver- 
H nimmt er das bebeutungövolle, nicht mißzuverftehende Geräufch von 
erſchreckt fliehenden Schafen und der Hund richtet ſich mit verhaftenem 
Knürren babei auf. Jetzt erfüllt den Hirten eine neue Sorge. Wird 
der Löwe ein lebendes f, jelbft wenn er I daffelbe erſt erjagen 
muß, dem Blute eines tobten vorziehen? Schon macht ad Ha) 
Vorwürfe, fo vorjchnell eines feiner Thiere geopfert zu haben, und 
muß er jet die Entwidelung der Dinge, in der ſchwachen 
doffnung, feine Abficht zu erreichen, ruhig abwarten. Er lauſcht 
yefpannten Ohres; das Getrappel der geängftigten Schafe wird immer 
! hwächer und ihre Glocken und Schellen ertönen nur noch aus weiter 


e. 
Sad ſchickt fich ſchon an, die Thür zu öffnen und feiner Heerde 
aachzueilen, als feine Aufmerkſamkeit durch das Benehmen des Hundes 


£agerleben in den Prärien. 193 








194 £agerleben in den Brärien. 


neu in Anfprud; genommen wird. Das leife Anurren ift in ein 
langgezogened Heulen übergegam en, in den Ausdrud Hilflofen Ent- 
fegens, wenn ein Hund jemals jolches Bag Die Hand auf dem 
Drüder des Thürfchloffes, zögert der junge Hirt noch einmal. Mög- 
licherweiſe hat der Puma das todte f gewittert und ift er Bier 
in größter Nähe. 

„Halt; was ift das? Da ſtrich etwas an der Thür vorbei! 
Kein Bweifel, dad kann nur der Löwe gewefen fein!“ Zitternd vor 
Erregung drehte er vorſichtig und Teife den Handgriff um. Zap... 
lap ... jener ledt das Blut auf. Nun vorwärts! Mit ber einen 
Hand die Thür öffnend, feuert er mit der andern in der Richtung 
des Feindes. Ein Ziſchen wie von einer gigantiſchen Kate — dann 
ift alles todtenftill. 

Dem Triebe der Selbfterhaltung nachgebend, ſchließt ſich Jack 
wieber in die Hütte ein. Freilich mit nur wenig Ausficht, dadurch 
jede Gefahr abzumenden, denn das Raubthier wäre recht wohl imftande, 
das hölzerne Füllwerk ber Thür mit einem Tagenfchlage zu zer- 
trümmern. Wann wird das giscen? Sollte er jenes auf den 
eriten Schuß getödtet haben? muß wohl der Fall fein, die Ent- 
fernung war ja eine zu geringe gewejen. Ein oder zwei Minuten 
verhält ſich Jack ftill und lauſcht, doch bald wird ihm die Ungewiß— 
heit unerträglich, er bindet den Hund los, dem er den Maulkorb 
abnimmt, und zu feinem Erftaunen geht dieſer jegt ruhig nach der 
Thür und will offenbar hinausgelaſſen fein. Jack öffnet diefe und 
fteht bereit, einen Anfall des Thieres nach beiten Kräften abzuſchlagen; 
doch es erfolgt nichts. Skip geht hinaus, ſchnüffelt Haftig umher, 
zeigt aber ontt feinerlei befondere Aufregung. In Jack dämmert all- 
mählich der Gedanke auf, daß er fich wohl getäufcht Hat; daß ber 
Berglöwe gegen feinen Schuß gefeit und dagegen fein „letztes Mittel“ 
fehlgefchlagen ift. 

E blieb ihm alſo nichts anderes übrig als ber Troft in dem 
Gedanken, das Thier vertrieben oder vielleicht ernjthaft verwundet 
u haben und dann wird er ihn ſchwerlich wieder beunruhigen. 

uf jeden Fall darf er hoffen, heut Nacht ungejtört zu bleiben, er 
ſieht alfo noch einmal nad den Schafen, die ſich in der Entfernung 
bon vier- bis fünfhundert Schritt wieder gelegt haben, fucht ringsum 
nad) dem getöbteten oder jterbenden Puma und kehrt endlich wieder 
nad) feiner gie zurüd. 

Seine Berechnungen ſollen ſich leider nicht als richtig erweifen. 
Mit wahrhaft teuffifcher Hartnädigkeit ftreift der Puma nad wie 
vor in jeder finfteren Nacht umher und bringt den armen Jad i 
einen zwifchen Verzweiflung und Steicgittigteit die Mitte haltend 
Zuftend. Einmal geht jedoch alles zu Ende, und und) Verlauf vi 
drei Wochen foll auch er feine Wiedervergeltung haben. fi 
Tag vor der Nacht, um die es ſich Handelt, ift die Luft entjegli- 
drüdend und ſchwuͤl geweſen und mit Sonnenuntergang thürmen fi 
ſchwere Gewitterwolken am Horizont auf; nachdem er fein Nachtma 


—— 
Sagerleben in den Prärien. R 195 


verzehrt und die Schafe zur Ruhe gebracht hat, erkennt er zweifellos, 
daß e3 bald ein tücjtige Unwetter geben wird, . 

Noch ift alles vollkommen ftil; man kann die Finſterniß faft 
fühlen. Plöglich wird das Himmelsgewölbe von einem glänzenden, 
langanhaltenden Blitzſtrahl erleuchtet. Das Auge in der Richtung 
nad den Schafen hinwendend, fieht Jack dabei etwas, was ihn ver- 
anlaßt ins gene zu laufen und das Piſtol ſchußfertig zu machen, 
trog ber großen Negentropfen, welche jegt zu fallen beginnen. Nur 
ſechzig bis achtzig witt kauert ein wirklicher Berglöwe, den er 
eigentlich zum erjten Mal ordentlich erkennt. Wenn nur noch ein 
ſo heller Brig fommen wollte, bevor ber Plagregen nieberftrömt. 
Die Schafe haben ihren Feind ebenfalls — und drängen 
ſich nach dem Lager hinauf, blöfen um ug und fotieben ſich in 
ihrer Angft dicht um Mann und Hund zufammen oder fuchen auch 

in die Hütte felbft zu gelangen. So vergeht noch eine Minute; bie 
Waffe in beiden Händen haltend, um ſicher zu jielen, wartet ber 
junge Hirt auf einen zweiten Blitzſtrahl. Endlich leuchtet dieſer auf. 
Jetzt ftand der Buma — wie Jad fpäter behauptete — aufrecht und 
— nur dreißig Schritt weit von ihm, „jo groß wie ein Fluß— 

ferd.“ 

Ein Krachen aus dem Revolver und gleichzeitig damit praſſelt 
der Regen herimter und jeder weitere Laut wird erſtickt von dem 
rollenden Donner, der jenem Blitze folgt. 

Jack läuft nach der Hütte zurüd, treibt die eindringenden Schafe 
hinaus und ſchließt fich jelbit ein, um zu warten, bis das Unwetter 
vorübergeht, während er inftinktiv fühlt, diesmal fein Ziel nicht ver- 


fehlt zu haben. 

der Negen ftürzt aber in fo gleichmäßigem Strome herab, daß 
er die ganze Nacht Über anzuhalten verſpricht; und Jack rollt ſich 
alfo in feine Deden und verfchiebt jede weitere Nachforſchung bis 
zum Morgen. 

Mit Tagesanbruch geht er hinaus in der Erwartung, die Schafe 
weit zerjtreut zu fehen, wie das gewöhnlich ber Fall iſt, wenn fie 
fich felbft überfaffen bleiben. Diefes Mal hat er fich darin getäufcht 
— die Schafe find im Gegentheil alle auf der einen, mehr geſchützten 
Seite des Hügels geblieben. 

Zunãchſt unterfucht er nun die Stelle, wo er fo ſehnlich Hofft, 
feinen feindlichen Plagegeift in fegter Nacht niedergeſchoſſen zu haben. 
‚Hier findet er aber feinen Puma; mit Annäherung an die betreffende 

‘elle entbedt er dagegen unverkennbare Zeichen des Todesfampfes 
3 Thiered. Da umd dort ift das Gras jammt den Wurzeln 
geriffen und mehrere Löcher zeigen fich mit Blut gefüllt. Offen- 
-ift der Puma wenigftens ſchwer verwundet worden. Doch wie 
jer imftande geweſen fein mochte, ſich — gewiß wenigftens eine 
“le weit — noch wegzufchleppen, vermag er nicht & enträthfeln. 
chenlang durchſtreift Jack die Umgegend in jeder Richtung, doch 
mals entbedt er den gefallenen Körper des Thieres. Immerhin 





196 Sagerleben in den Prärien. 


— ſein Wunſch erfüllt und er ſelbſt nicht ferner vom Berglöwen 
beläftigt. 
Ein ober zwei Wochen nach dem eben gefchilderten Abenteuer 
lebt Jack friedlich, freilich ganz verlaffen und trübjelig dahin. Die 
gegenjtandsloje Bellemmung, welche er in der allereriten Nacht em⸗ 
pfunden, ſchwächte ſich mit der Zeit mehr und mehr ab und an ihre 
Stelle trat eine rlickſichtsloſe Entſchloſſenheit, herangebildet durch die 
ewige Eintönigfeit und Einfamfeit feines Lebens. O, was hätte er 
um einen Genoffen gegeben! Wie freudig hätte er fich jeder Pladerei, 
jeder Ueberarbeit unterzogen, wenn er nur noch ein lebendes Weſen 
an feiner Seite gehabt hätte! Doc daran war nicht zu benfen. 
Sigenb einer mußte doch die Schafe im Lager behüten, und warum 
follte er das nicht fein können? Alle diejenigen, welche ſich gern 
„Weftermänner* nannten, hatten das vor ihm aud) gethan. Einmal 
nur in ber Woche fam fein Herr berauögeritten und brachte ihm 
Nahrungsmittel nebft einem etwaigen Briele ober Zeitungen von zu 
gun Diefe nämlich, neben feiner Bibel, dem Gefangbuh und 
andalls Werk „Ueber Schafzucht“ bildeten bie einzige Leltüre, mit 
der er Kine Zeit vertreiben fonnte. Unterhaltende Bücher waren 
nicht gejtattet, überhaupt nicht länger fortgejegtes Lefen, weil das 
hätte Feine Aufmerkjamkeit von der Heerde ablenken fünnen. 

So verging Tag für Tag und wuchs feine Gleichgiltigfeit gegen 
alles mehr und mehr; er war forglofer geworben, fich jeder belie gen 
Gefahr auszufegen und hätte, wenn ihm ein Berglöme in den Weg 
käme, jegt Pofost auf diefen Feuer gegeben, trog der Ueberzeugung, 
daß er, wenn diefer nicht ſchwer verlegt würde, faum fein Leben hätte 
in Sicherheit bringen fünnen. kg das tauhe und forglofe Benehmen 
feine® Brodherrn — rauh und forglos, weil diejer das nämliche 
Leben ſelbſt monatelang geführt und die Wirkung des erften Auf- 
enthaltes im Lager vollftändig vergeffen hatte — brachte in ihm 
eine Veränderung zuftande, er preite jegt meift die Lippen feit 
aufeinander und zog die Augenbrauen zujammen, wie man das 
früher an ihm zu Feen nicht gewohnt war. Das waren aber untrüg- 
liche Zeichen für den erfahrenen „Rancheman“, der recht wohl wußte, 
welche Eigenjchaften ſich in einem angehenden Weitermann ausbilden 
mußten, wenn etwas rechtes aus dieſem werden ſollte. „Es macht 
ſich langan mit dem Burſchen“, murmelte er heimkehrend vor ſich 

in. „Er hat jegt mehr Selbftbewußtjein und weiß fich leichter zu 

(fen als früher, che er ins Lager gefchict wurde. Nun braudıt 
er nur noch ein fennen Fi fernen, und das hätte ich ihm bald felbit 
gejagt, nur würde er's doc falſch aufgefaßt haben. Wenn er erji 
das noch durchgemacht hat, dann tft er reif.“ 

Das „Eine“, was an Jacks Erziehung noch fehlte, follte den 
auch einen Monat nad) feinem Eintreffen im Lager ſich ereignen 

Die Sonne war eben umtergetaucht, der junge Hirt hatte fid 
Teuer angezündet und den Kochtopf zugefebt Wenn das gejchehen 
war, begab er ſich auf kurze Zeit nach der Spike des Hügels, Hinte 








der Hütte, um nachzufehen, was die in einiger Entfernung noch 
weibenden Schafe machten, vorzüglich, ob fie ſich pflichtgemäß an- 
ſchickten, in die Rasbarigaft des Haufes zurüdzufehren oder ob fie 
} etwa einen anbern Weg einjchlügen. An diefem Abend hatte er eben 
beobachtet, daß fie ſich nach dem Haufe zuwenden würden, ald er 
fein Auge forjchend über den ganzen Gefichtzfreis ſchweifen ließ und 
wei Männer bemerkte, welche, was die Pferde laufen konnten, feiner 
ütte Mi ueilen fchienen. Jad fig fofort nach diefer hinunter, nahm 
den geladenen Revolver zur Hand, jegte den Kaffeetopf im fichere 
jernung vom {Feuer und trat hinaus, um den ſich ſchnell nähern- 

den Anfömmlingen zu begegnen. 

Nach ihrer äußeren Erſcheinung zu urtheilen, waren die Fremd⸗ 
linge „Cow-boy3*, das heist Männer, welche das wilde und halb- 
gezüdjtete teranifche Rindvieh, das die weftlichen Prärien bevölfert, 
jagen unb verfaufen. Sie trugen bie gewöhnliche Kleidung ihrer 
Brofeffion: breitfrämpige graue Hüte, blaumollene Bemben, Reithofen 
aus Buckskin mit breiten, nach Indianer-Mode längit den Seiten 
hinabreichenden Streifen, und lange Stiefeln. 

Zwei Eigenthümlichfeiten ſchienen an den beiden Männern be— 
merlenswerth; erftens waren ihre Pferde ohne Sattel und zweitens 
blidten fie immer hinter fi), als fürchteten fie verfolgt zu werben. 
Sie ließen fein Wort vernehmen, bevor fie dicht an Jad herange- 
tommen waren, bis der Eine — offenbar ber AÄeltere — mit röth- 
lichen und ftrengen Furchen, die ſich befonder3 um den Mund herum 
bemerkbar machten, während der Gejammteindrud durch ein Paar 
faft findlich blaue Augen gemildert wurde — vom Pferde fprang, 

8 Hand einen Augenblic kräftig und fchweigend, wie um Athem 
zu fchöpfen, ſchüttelte und dann erſt das Wort an ihn richtete. 
| „Sagt an, ling, könnt Ihr uns für diefe Nacht in Eurer 
| Hütte Unterkunſt gewähren? Wir find beide todtmübde und ich 
glaube kaum, daß unfere Pferde noch einen Schritt weiter könnten.“ 

„D ja“, lautete die Antwort, „wenn Ihr mit Sped und weißen 
Bohnen vorlieb nehmen wollt. Doc was habt Ihr? Ihr feht 
erſchreckt aus, dazu Eure fattellofen Pferde und .. .“ 

Ihr meint wohl auch, da wir nicht umfonft fo hier über die 
Weidegründe gejagt fommen; bod) wartet, bis wir die Pferde beforgt 
und einen Bilfen im Leibe haben, dann ſollt Ihr alles wiffen. Bor 
ein ober zwei Stunden fönnen die Bejtien doch wohl nicht hier fein, 
im, nicht wahr?“ ſetzte er Hinzu, fi) an feinen Begleiter wenbend, 
einen ruhigen Burfchen, der nur ben Kopf leiſe ſchuttelte und mit 
inem furzen „ich glaub's kaum“, nad) der Hütte zufchritt. 

Ohne weitere Förmlichfeiten entliehen die beiden Fremden ſich 
einige Stride von Jack, banden ihre Thiere zum weiden an einen 
Pfahl und folgten jenem in die Hütte. Der jüngere, Jim, warf fich 
hne Umftände auf die Erde, während der andere die Bratpfanne 
griff und Sad bei der Vereitung des Abendbrodes behilflich war. 

Ueber die zu bereitende Speije und die dazu nöthigen Geräthe 


£agerleben in den Prärien. 197 








“ 198 Sagerleben in den Prärien. 


wurde zwifchen dem jungen Birten und feinen ſeltſamen Gäſten 
fein weiteres Wort gewechjelt; bald war ein nahrhaftes Mahl fertig, 
umd die drei Männer fegten fich nieder, es mit thren großen Meffern 
und — mit den Fingern zu verzehren. 

Nachdem er eine tüchtige Portion Bohnen, mehrere Schnitte 
Brod und Schinken vertilgt und ſich auch am Kaffee gelabt hatte, 
erhob der ältere Fremdling, den fein Begleiter mit „Lufe” anrebete, 
den Kopf und begann ohne bejondere Vorrede feine Gefchichte mit 
folgenden Worten: 

„Ihr wollt wiffen, guter Freund, warum ich und Jim in fo 
rafender Eile dahergejprengt famen. Nun, erfchredt ja nicht mehr, 
als die Sache werth ift, doch ich fürchte, wen der Mond jo gegen 
‚ehn Uhr herauffommt, werden wohl etwa Hundert Indianer Eure 
Sehäferhütte umfhwärmen. 

„Indianer!“ rief Jad. „Outer Gott, was meint Ihr?“ 

Was ich jage, ich fürchte es“, erwiderte Jack troden, indem er 
fi) das legte Stüd Speck zulangte. Die Sache liegt nämlich fo. 
Ich und zwei andere Kuhjäger, Jim Hier und noch einer, Tom Latin, 
wir waren eben auf der Jagd nad} ein paar berben Stieren, die ſich 
in biefiger Gegend verirrt hatten und die unferem Herrn, dem alten 
William gehörten — ic} weiß nicht, ob Ihr mit dieſem bekannt feid. 
Nun, wir hatten den gangen zug über umbergefucht und tränkten 
gerade unfere Pferde im Chicareka-Fluſſe, zehn Meilen von Bier, 
ala wir_plöglid, einen Höllenlärm vernahmen, und ehe wir noch 
unfere Seheihüffigen zur Hand nahmen und noch viel weniger ge- 
brauchen fonnten, — wir uns ſchon von etwa fünfzig Ute- und 
Apache⸗Indianern umringt und gebunden, wie ebenſoviele Kälber. 
Well, das war eine reizende Ausficht, ſag' ich Euch! Die Teufel 
waren in Kriegstracht, und Ihr wißt wohl, wieviel Gnade Kuhjäger 
von Indianern zu erwarten haben. Uebrigens waren wir offenbar 
die erften Bleichgeſichter, die fie gefangen hatten, und fie fchienen 
joe Eile zu haben, diefe jämmerlih zu Tobe zu quälen, daß fie 

en armen Tom Lakin fofort aufrecht anbanden; uns aber einſtweilen 

uns ſelbſt überließen, während fie um Tom herumfprangen und fid) 
an deſſen Tobestampfe sroögten gleih — nun ja, gleich Teufeln, 
was die Kerle ja auch find. Teufel, jagte YA Bei Öott, ein richtiger 
Erzteufel würde ſich noch der Schandthat fchämen, welche fo einem 
Ute-Indianer die größte Freude macht. 

„Doch, wie gejagt, die Schurken überließen Jim und mich uns 
felbft und jo gelang es mir bald, eine Hand aus meinen Feſſein 3” 
befreien und mein Meſſer zu ergreifen, das fie mir in der Eil 
ihr Satanzfejt zu beginnen, nicht weggenommen hatten; binnen zw 
Minuten waren wir denn auf unfere Ponys gefprungen und jagt 
davon. Wir wendeten ums genau nad) Oſten, nach den äußerfti 
Unfiebelungen zu, und Euer Lager ift der erfte Pin , den wir antveffen 

„Meint Ihr, fie werden Euch verfolgen?“ fragte Jack ame 

„Uns folgen?“ wiederholte Lufe mit jpöttifchem Lächeln. „Sa: 








Sagerleben in den Prärien. 199 





ich Euch nicht ſchon, daß fie gegen zehn Uhr das Lager hier um- 
en werden? O, fie haben fich jegt ſchon aufgemacht, unjerer 
Spur nachzugehen.“ 

Eine recht verlodende Ausficht, drei Männer mit einem einzigen 
Revolver und drei Jagdmeffern gegen eine Bande bewaffneter Ihe 
dianer, welche, wie jetzt —ãe Repetirgewehre bei ſich führten 
Die ſchreckliche Erwartung raubte Jad für einen Augenblick faſt 
ga die Sprache. Sein Gaft bemerkte feine Erregung und fagte 

ruhigend: 

Bir werben ſcharf auslugen und den Sechöfchüffigen in der 
nach ihnen abfeuern, falls fie und gar zu nahe kommen, 
fo, mein’ ich, werben wir davon kommen. Erinnert Euch auch, daß 
die Indianer nicht mehr wagen, als jeder andere, nun können fie 
Ei leicht glauben, daß wir hier ein Dugend gute Vüchfen zur Hand 


ben, ftatt eines einzigen Revolvers, und außer in einer Zwangs- 

je greifen fie niemals einen Rande an, wenn ein bewaffneter 
Mann darin und diefer auf feinem Poſten iſt. Wißt Ihr, bemm 
nicht, daß fie dieſe Gegend faſt immer unjicher machen, und doch kommt 
& kaum alle fünf Sabre zu einem wirklichen Kampfe und erfolg 
reihen Raube; übrigens verlaßt Euch auf uns, wir verftehen ſchon 
mit den Rothhäuten umzugehen, wenn fie uns aud) vor wenigen 
Stunden einmal übertölpelt hatten. Ihr allein müßt aber ſiets 
hũbſch wachjam fein und auch bes Abends jcharf auslugen, fonft 
bonnt Ihr einmal morgens aufwachen und Euern Skalp vermifjen. 
&3 fann feiner fagen, wann jene einmal kommen werden oder nicht; 
laubt mir aber, daß fie jegt in der Nachbarfchaft umherſchweifen und 
ki alfo auf Eurer Hut! Und nun geht getroft mit Jim hinein; 
ih werde wachen und Euch weden, wenn fie fommen.“ 

Mit diefen rauhen, aber gut gemeinten Worten, welche von 
manchem hen unterbrochen wurden, Die ich aus verſchiedenen 
Gründen hier nicht wiebergebe, zünbete fich der Kuhjäger feine Pfeife 
an einer glühenden Kohle an und, fegte fich, die Arme faltend, zu- 
ht, um bequem laufchen zu können, und verhielt fi nun jo ſiill 
und fteif wie eine äghptiſche Mumie. Jad, der nach dieſen vielver- 
fl Mittheilungen feine befondere Neigung fpürte, ſich u 

zu legen, verfuchte den Fremdling noch weiter zu einem Ge— 
fpräch zu veranlaffen, Doc) vergebens. Die einzige Antwort beffelben 

d in einem leifen Murten und in dem nicht allzufanften Hin 
weife, daß es für ihn (Sad) weit gerathener fei zu jehlafen, denn im 
Laufe der nächſten zwei oder drei Wochen wiirde er Doch nicht dazu 

men; welchem Rathe ber junge Hirt, da er doch nichts Dagegen 
zuwenden wußte, ſchließlich folgte, da die erftaunlighe Raltblütig- 
des rauhen Weftermannes ihn merfwürbigerweife beruhigte. 

Luke verhielt fich in berfelben Lage wohl ſchon zwei Stunden 

8, gähnte nur zuweilen und ftredte die Glieder, feine Augen 
xten aber unaufhörlich nach einer Richtung hinaus mit einem 
3drude, den jeder, der die hiefigen Verhältniffe nicht kennt, viel- 


200 Sagerleben in den Prärien, 


leicht für Hilflofe Schwäche gedeutet hätte, der in Wirklichkeit aber nur 
die Anfpannung feiner ganzen Aufmerffamfeit auf einen Punkt 
verrieth. 
lötzlich neigte er ſich etwas weiter vor; fein vorher ftarrer 
Blick wurde nun noch ſchärfer; er nidte wie befriedigt mit dem Kopfe 
und murmelte einige unhörbare Worte, während ein verächtliches 
Lächeln über die wettergebräunten Züge glitt, welches fich endlich in 
ein wirklich wohlgefälliges Kichern auflöjte. Nachdem er noch ein 
oder quei inuten gewartet, berührte er feinen fchlafenden Genoſſen 
Jim, der ſich fofort lautlos aufrichtete. Noch eine Minute verftrich, 
dann erhob Luke bedeutſam einen Finger und Jim bog gleichfalls 
das Haupt laufchend nach vorn. Er nidte zuftimmend aber ſchweigend 
und jagte dann lakoniſch auf Jack deutend: 
Ihn munter machen?“ 
„Nicht unnöthigerweife”, meinte Luk, „noch find fie.ja ein Stüd 
von Se niert. Fon de die Mu est 
gehn Minuten fchlicden weiter dahin — die Kuhjäger felbft 
ftill wie Die Statuen. Dann fhüttelte Luf den Sad an den Gaulle 
um ihn zu erweden. Jad raffte ſich eilig auf und griff nach feiner 
Waffe, fand diefe nicht und fprang nun erfchroden vollends auf bie 
ül 


e. 

„Rur gelaſſen, junger Freund, gelaſſen!“ ermahnte ihn Luk mit 
leiſer Stimme. 

„Sind fie gefommen?“ flüfterte Iad. 

„Hört jelbjt!" war Die Antwort. 

Jack that es. Zuerjt vernahm er gar nichts; dann tönte fernher 
aus ber Prärie das langgezogene Geheul eines Coyote. 

„Hört Ihr das?“ fragte Luke. 

„Hören... mas?“ 

„Den Ruf des Indianerſpions.“ 

„Nein, ich hörte nur einen Coyote heulen.“ 

„Einen Coyote, wirklich?“ erwiderte Luk höhniſch. „Ich glaube, 
Ihr würbet das Geſchöpf, von dem jener Laut ausging, für einen felt- 
jamen Coyote anfehen. Der Coyote jollte aufgefmüpft werden, junger 
Mann! Papt nur weiter auf.” 

Der Hirt that es, hörte aber wieder nur das Geheul eines 
Wolfes oder doc die fo geſchickte Nachahmung eines ſolchen, daß 
niemand den Unterfdied zu bemerfen vermocht hätte Es entging 
ihm jedoch nicht, daß der zweite Laut aus einer, der des erften ganz, 
entgegengejegten Richtung herfam und ihnen näher zu fein fchien. 
Dann folgte wieder ein langes Stillſchweigen, das Jack Alldag* 
Nerven mehr angriff, als er je in feinem Leben empfunden Hatte 
er wollte auf Luke ſprechen, der Kuhjäger gebot ihm aber mit ung: 
duldigen Geberden zu ſchweigen. Als er ihm nachgerade unerträgli 
wurde und Jad auf alle Fälle wiffen wollte, woran er fei, erflan 
plöglih das melandofifche „Woo-0o* einer Nachteule, kaum einir 
Schritte von ihnen und ſcheinbar ber Hüttenthür gegenübe 








Sagerleben in den Prärien. 201 


Als biefer Laut verhallte, vernahm Jack einen andern, ganz ver 
ſchiedenen, das ſcharfe „Klid“ vom Spannen des Piſtols, und als 
er ſich raſch umwendete, bemerkte er, wie Luke feinen, Jads vermißten 
Revolver, mit Aufmerffamkeit prüfte. Noch ein oder zwei Minuten ver- 
gingen, al3 mit erftaunlicher Deutlichkeit, welche einen Todtenjchreden 
dur alle Glieder Jacks jagte, das Antwortzfignal „WWBoo-00-000* 
fi) hören ließ. 

Jack hielt die Augen auf die beiden Kuhjäger gerichtet, welche 
trog der fo nahe drohenden Gefahr jene töbtlich ruhige Kaftblütigfeit 
bewahrten, wie man fie nur bei Leuten antrifft, deren Leben Tag für 
T —F ice ——— und Ara I wenig vr hy m fie mit 

er Gleichgiltigkeit, um nicht zu jagen mit froher Hoffnung, 
—2 — in ein es Land befördert zu werden, entgegenjehen. Ohne 
den ſchreckensſtarren Blick des jungen Hirten zu beachten, jagte Lufe 
nur ganz unbefangen: 

„Run laßt fie nur etwas näher heranfommen. Einem ber Kerle 
muß ich doch eim Luftloch durch die Bruft beibringen.“ 

Wiederum verftrich eine Weile ſchweigend, dann froch Lufe 
ae wie ein Panther auf Händen und Füßen vor die Hütte 
inauß. 

Noch eine Sekunde und der laute Knall des Piſtols donnerte 
durch die ftille Nacht; ein zweiter umb ein dritter folgte dieſem. Die 
beiden anderen Männer ftellten ſich, mit den Meffern in der Sa 
in der Nähe der Thür auf und laujchten auf eine Antwort vonjeiten 
ber Indianer. Zufe aber fam jofort zurüd, um die Waffe noch ein- 
mal zu laden, und wetterte über fein Mißgeſchick, feinen der roth- 
häufigen Burfchen_getroffen zu haben. Dann trat er wieder hinaus 
und fpannte, das Ohr auf den Boden legend, auf jeden Laut. Offen- 
bar befriedigt, daß die Indianer ſcheinbar jeden Sngriff aufgegeben 
hatten, bemühte er ſich noch, die erjchredten Schafe zu beruhigen, 
und fagte, als er raſchen Schritte nad) der Hütte zurüdfehrte: 

„Sungens, ich glaube, für heute Nacht iſt's mit der Komödie 
vorbei. Im den nächften vierundzwanzig Stunden wird feiner von 
diefen Spigbuben bie achbarjchaft unficher machen, wir fünnen alſo 
ruhig hineingehen und ausfchlafen wie überarbeitete Nigger. Laßt 
mir auch ein Stüd von der falifornifchen Dede zukommen, junger 
Freund“, wandte er fi) an Jad, „ich mag nicht um aller Indianer 
willen, foviel es von die bis zum Golf von Mexiko geben kann, 
länger wach bleiben. Gute Nacht!“ 

Mit diefen Worten breitete der Fremde Jads große Dede fo 

3, daß fie für zwei Raum bot, und binnen zwei Dinuten lag er 
on in gefundem Schlafe. 

Wir brauchen wohl nicht zu fagen, daß Jack feinem Beifpiele nicht 
fecht zu folgen vermochte. Er warf und wälzte fi) umher, wurde 
mal Heiß, dann wieber falt und fürchtete jede Minute, das ver- 
tige Signal des Indianerjpions zu vernehmen. Endlich ging die 
cht zu Ende und die goldene Morgenfonne fchien die ſchwere 
Der Salon 1889. Heft IL. Band I. 14 


202 Sagerleben in den Prärien. 


Laſt mit wegzuzaubern, welche unferen jungen Hirten ı 
bedrüdt Hatte. 

Die drei Männer erhoben ſich vom Lager, Jad, um 
imbiß zu bereiten, und Die anderen, um nad) ihren Pfe 
welche vom gejtrigen Abenb her nahe beim Lager angeb: 
waren. Luke kehrte fchnell zurüd und betheiligte fich, 
ganz Feten an den Küchengefchäften, indem eı 

ratete und mit großem Geſchick Brod buf. Jim hütı 

die Schafe, bis jene Vorbereitungen beendet waren, wo 
einen lauten „Zeranerfchrei* durch feinen Kameraden 
wurde. 

Nach eingenommenem Frühſtück machten Jade Gäf 
zurecht und bereiteten fid zum Aufbruh, Der wortke 
abſchiedete fi von Jack durch einen Träftigen Händı 
mit einem einfachen „Adios“ feinen Pony und fegte d 
nad) der nächiten Grenzniederlaſſung Ey Zufe dage 
noch furze Zeit, Iegte Die Hand auf Jacs Schulter und 
vor dem Abjchiede noch folgende Rathichläge: 

„Well, junger Freund, ich fürchte, Ihr werdet n 
Zeit durchzumachen haben; jene rothen Teufel werden ı 
um fi) Euch einmal näher anzujchen; in Mondfchei 
Ihr niemals ficher davor, daß fie Euer Lager umſchwwä 
den Sechsmäuligen immer bei der Hand und brennt i 
Coyote oder Eulen Euch allzufehr beläftigen. Das ver 
Jad“, jegte er, die Augen feft auf den jungen Hirten 
jo beitimmt und etwas Hingezogen fprechend, wie mar 
Wejtermännern gewohnt ift, wenn fie ihren Worten e 
ſonderen Nachdruck geben wollen, zum Schluffe Hinzu, . 
ſag' ich Euch, wenn die Ute-Indianer Euch in einer 
zu fepr bebrängen follten und Ihr hättet deren Ann 
verfchlafen, denkt daran, niemals Iebend in deren Häı 
Verſieht Ihr mich? Denkt daran, den rothen Teuf 
lebend in die Hände zu fallen! Euer großes Meſ 
ken Augenblid zur Hand haben. tet es feit, 

ichtung· — er zeigte dabei auf die jend des Her 
wenn die erſte Rothhaut die Naſe durch Eure Thin 
ſtoßt es hinein, bis zum Griffe, das iſt alles. Cs Tor 
auf das Nämliche hinaus, und höchjitwahrfcheinlich rei 
davor, über ſchwachem Feuer langſam geröftet zu n 
haltet die Augen auf, junger freund, ich fehe Euch w 
mal wieder. Adios!“ 

Mit diefen recht ermuthigenden Abſchiedsworten ſch 
Kubjäger auf fein Pferd, trieb biefes mit dem 8 
jaloppirte feinem ſchon vorausgeeilten Begleiter nad. 
ich der Heerde zu; fein kaum neugewonnener Muth ! 
durch Luks Warnung gar gewaltig abgekühlt; da er jede 
beweglichem Temperamente war, fo verſchwand auch 





£agerleben in den Prärien. 203 


bald wieder, und ala er die ihm längſt befannten Pfade dahinichritt, 
erjchienen ihm Die Säreden der legten Nacht nur noch wie ein Traum. 
Als indeß der Abend herabfant, ftellte fich beim Verſchwinden der 
Sonne doch die Erinnerung an die Indianer Iebhaft wieder in ihm 
ein und verfegte ihn in eine recht unbehagliche Stimmung. Bas 
Abendefjen war vorüber, die erlofchene Afche der Iegten Pfeife aus- 
geklopft und wieder herrſchte ringsumher Dunkelheit und Schweigen. 
Noch empfand er elerbings nichts fchlimmeres, ald eine etwas 
peinlichere Mahnung an das Gefühl von Elend, das ihn während 
der erſten Nacht feines Lagerlebens gequält; Luke hatte ihm ja ver- 
ſichert, daß vor Aufgang des Mondes von den Indianern nichts zu 
fürchten ſei. Bis dahin mußten wenigſtens noch drei Stunden ver- 
gehen; fo widelte ſich Jack alſo in feine Dede und bemühte fich, 
vorläufig einzufchlafen. Er glaubte freilich felbft nicht an ein Ge— 
lingen, denn die Bietfagenben Worte „falle den Rothhäuten nicht 
lebend in die Hände“, Hangen ihm immer noch in ben Ohren nad, 
al3 wären fie eben ausgefprochen worden. 
| Der Mangel an Schlaf während ber Tegtvergangenen Nacht übte 
aber doch feine Wirkung. Trotz feiner Befürchtungen übermannte 
ihn endlich die Mbgefpanntheit und bald fchlief er feſt wie ein 
Maulwurf. So vergingen drei biß vier Stunden, wo die Stille 
nur durch das tiefe Amen des Schläfers unterbrochen wurde. Plötz⸗ 
lich fuhr Jack auf und war aud in einem Augenblid volllommen 
wad. Was war da8? Er fonnte fich feine Erklärung über feine 
Unruhe geben, denn nicht war zu fehen und zu hören. „Halt, was 
iſt das?“ Woo-oo-oo0! „Das Eulenfignal der Brärie. Gerechter 
Gott, die Indianer fommen heran. Doch warte eine Minute, viel- 
leicht rührt es immerhin nur von einem Vogel her.“ Jack überlief 
ein eisfalter Schweiß, mährent er den Athem anhielt und auf eine 
Antwort auf jenen Laut laufchte. 

Eine Stunde fehien zu verftreihen — in der That waren es 
nur wenige Gefunden — und ber junge Hirt wollte ſchon erleichtert 
tief aufathmen, als graufam beftimmt und Elar von anderer Seite 
eine Antwort erfolgte. Zum erjten und zum legten Mal in feinem 
Zeben empfand der junge Mann, was es Heißt, „vor Furcht bald zu 
fterben.“ Er vermochte feine Hand und feinen Fuß zu rühren; er 

laubte feine fchonungslofen Feinde ſchon in der Richtung nach der 
Gütte u Hinfchleichen zu hören und rang mühſam, aber vergeblich 
nach Athem. Sede Einzelheit von ben fi lichen Quälereien, mit 
denen die Indianer ihre Gefangenen zu martern pflegen, die ihm 
in den kurzen Worten: „dreiſtündiges Röſten über ſchwachem 
er“, angedeutet hatte, traten ihm mit entſetzlicher Deutlichteit vor 
Augen! Wo war denn das Mefjer? Er zwang fih mit Mühe, 
Hand danach zu bewegen, um es für jeden Sat benugen zu 
en. Da ſtrich der Rüden feiner Hand an einem harten, glatten 
‚enftand. Das Meffer? ... Nein! Der Griff bes Revolvers 
’”= eine Finger umfchloffen denfelben mechaniſch und die Be— 
14* 











204 Sagerieben in den Prärien. 


rührung der gewohnten Waffe gab ihm das Gefühl des Lebens und 
der Kraft zurüd, das er einen Yugenbtid aus Furcht vor dem un- 
fichtbaren, Yredtichen Feinde eingebüßt hatte. 

Mit verächtlichem, aber verzweifeltem Aufſchrei fprang er 
aus dem Bett, ftürmte hinaus umb feuerte den Revolver nach 
rechts und links ab. Jeder Schuß ſchien feine Erregung zu ver— 
mehren. Er leerte alle Kammern, Iud die Waffe aufs neue und 
feuerte wieder in jeber Kihtung. Jetzt erfchien bei ihm die Gegen- 
wirfung nad) der früheren anhaltenden Furcht fo ftark, da ihn wohl 
jedermann für toll gehalten hätte. Mit Ichäumendem Munde ftampfte 
er mit den Füßen den Boden und fchrie höhnend den Indianern zu, 
welde, als fie erfuhren, daß die Beſitzung hier noch immer gleich 
ſcharfe Wache halte, wahrfcheinlich ebenfo leiſe davonſchlichen, wie fie 
gelommen waren. Jacks Einbildung nach, krochen fie freilich noch 
in der Nachbarfchaft umher und warteten’ nur auf den Augenblid, 
wo er ſich einmal vergeffen würbe, um in feine Hütte einzudringen, 
ihn zu flalpiren und elend zu Tode zu martern. 

Da er jeboch auf feine usforderungen ohne Antwort blieb 
und fein fieberhaft erhigtes Blut ſich allmählich abkühlte, fo trat 
Jack endlich in feine Hütte wieder ein. Natürlich ſchloß er dieſe 
; Nacht Fein Auge mehr. Stunde auf Stunde ſaß er laufchend mit 
: aufeinandergepreßten Zähnen und weit geöffneten Augen, ſchrak bei 

jedem Laut zufammen und Hielt ſich, troß ruhiger Ueberfegung, über» 
zeugt, daß die Indianer doch noch wiedererfcheinen würden. 
Endlich kam der Morgen und zu feiner großen Verwunderung 
fand er fich noch am Leben und unſtalpirt; doch obwohl nach einem 
uten Frühftüd und einem Wege von etwa fünf Meilen, den er ber 
jafe wegen zurüdlegen mußte, fein Muth wieder die Oberhand 
jewann, kam es ihm biefes Mal doch nicht fo vor, als ob bie fchauer- 
fe Erfahrung der Nat nur ein Traum geweien wäre. Das 
, Bemerfenswertheite aber war, daß er jede Furcht vor den Indianern 
; verlor. Wenn er der Finfterniß und der Stille gedachte, während 
i die gefpenftigen Signale näher und näher kamen, el ihn, jtatt 
> eined Durchihauerns von Angit, jegt eine ftrenge, tobeömuthige 
Empfindung, die ihm zu jagen ſchien: „Laß fie beginnen, was jie 
wollen, mich kümmert's nicht mehr!“ 
. Als jo Tag für zu verging und er feine Nacht, wenn er ſich 
. um Schlummer niedergelegt, mehr fiher war, am nächſten Morgen 
Gehend zu erwachen, erblaßte aber doch altmäbtih fein jugendlicher 
Enthuſiasmus und die Luft an einem folchen Leben. wurde 
zwar nicht wieber von Indianern beläftigt, noch befam er fie üb 
haupt wieder zu Geficht, doch immer und immer fam ihm der € 
danfe, wie alein und hilflos er hier ben gefährlichften Feind 
gegenüberftand. Er brauchte ja nur einmal zu feit zu fchlafen 
dann blieb ihm nichts übrig als ein Selbftmord, oder die Tori 
mit qualvollem Tode. 
Nach mehrmonatlichem Lagerleben fehrte er endlich nach i 





£agerleben in den Prärien. — Im Walde. 205 


Rande zurüd, und fo rauh das Leben hier auch war, erſchien es 
ihm doch wahrhaft Se gr den Aufenthalt allein da draußen 
in der endlofen Prärie. Jaı dag war auch niemals wieder längere 
Zeit allein im Zager, und die Umttände führten es mit fich, daß er 
nad einigen Jahren in das alte, verlaffene Vaterland zurüdtehrte. 
Doc) obgleich er jegt da angefiebelt ift und faum Ausfiht Hat, das 
Leben im fernen Weſten wieder aufzunehmen, fo hat Diejes doch 
einen Eindrud auf feinen Charakter hinterlaffen, der durch die oben 
geichilderten Erfahrungen fich zu tief einprägte, um fich jemals wieder 
ganz ausgleichen zu können. 


Im Walde. 


3 ift gut fein 

Im ginen Walde, 
m Somenſchein 

Auf Bergeshalde. 


Der Morgenwind 

gan aus den Bäumen 
ühl und gelind, 

Uns zu umjäumen. 


Waldvogleinſang 
Tont in ber Runde 
Und Glockenklang 
Aus fernem Grunde. 


So ganz allein — 
Wie träum ich balde: 
Es ift gut fein 

Im grünen Walde. 


D. Saul. 


Ein Fiterarhiſtoriker. 


Bon Max Vogler. 


unferer Zeit mit ihrem unruhevollen Drang, ihrer 
ieberhaften Haft, ihrer unendlichen Fülle immer neuer 
a und Strebungen auf allen Gebieten, wer- 
ven ſelbſt die Beten und Edelſten mit ihren werthvollſten 
Zeiftungen ſchnell vergeffen: Das gilt — ganz wenige Audnahmen 
ausgenommen — insbejondere auch von ben Dichtern und ihren 
Werken. Die Vertreter der Poeſie, ber fchöpferifchen Dichtkunſt ge⸗ 
nießen ja ſchon bei ihren Lebzeiten nur felten bie ihnen gebührenden 
Ehren; wenigitens werden fie in dieſer Beziehung Hinter anderen 
Kunftjängern, und namentlich den Virtuoſen der reprobuftiven Kunft, 
den Bühnengrößen und Mufifern, gemeinhin ‚mei, Aurüdgefe t. Nach 
ihrem Tode aber ruhen fie meift in den großen Maufoleen Lite⸗ 
raturgeſchichten in einſamem laf, und ſelbſt unter den Gebildeten 
ſind es nur wenige, die höherer Stimmung, als fie das Alltagsgetriebe 
auffommen läßt, fähig find, welde dort dann und wann geiftige 
Bebürfniffe zu befriedigen fuchen. Weit eher weiß fich das große 
Publikuni mit dem fiterarifchen Bilde, dem Eſſay, der Monographie 
zu befreunben, die ihnen eine Hervorragende Perfönlichkeit nad) ihrer 
ganzen Bebeutung, in ihrem gejammten Wirkungskreife, mit allen 
weſentlichen Umftänden vor Augen führen, fie für den Lejer gewiffer- 
maßen geiftig auferweden. Der eonvaraphı der Effayift unterzieht 
is daher auch in der Regel einer viel dankbareren Aufgabe, als der 
iterargefchichtichreiber im gewöhnlichiten Sinne diefes Wortes, ı 
das umfo mehr, je größer das Geſchick ift, mit welchem er biefe A 
gabe zu löfen vermag. 

& gerabegn meifterhafter Weife behandelt feinen. Stoff Eı 
Biel in einer Reihe Titerarhiftorifcher und kritiſcher Aufjäge, die 
als „Literarifche Reliefs" bezeichnet, und von denen jetzt (Leiy 
Ed. Wartigs Verlag) der zweite Band erichienen ift. Im Vorw 
des erjten Bandes rechtfertigt der Verfaffer den Titel der Sammfı 


Ein £iterarhiftoriker. 207 





damit, daß er ausführt: wie in der bildenden Kunft zwifchen dem in 
Farben ausgeführten Porträt und der zu plajtiiher Rundung heraus- 
gemeißelten Büſte das Menfchenbildnig en relief, das Flachbild mit 
dem Rundbild verjchmelzend, in der Mitte ftehe, fo nehme zwifchen 
der rein belletrijtifch gearteten, oft novelliftiich gefärbten Studie über 
einen Einzelcharafter und der vornehm-gelehrten, biographifch-piycho- 
Iogifchen Monographie der moderne literarhiſtoriſche-kritiſche Eſſah — 
„ber einerfeits, ohne die fünftlerifche Form des belletriftiichen Charaf- 
terporträt3 erreichen zu wollen, doch deſſen farbige Zrifche nicht ent= 
behren möchte und anbererfeit3 unter Verzichtleiftung auf, ben vollen 
atabemijchen Apparat, doch ber Strenge und des Ernftes der wiſſen⸗ 
ſchaftlichen Monographie fich nicht ganz entfchlagen darf“ — feine 
Stelle ein. Es muß ohne weiteres zugegeben werden, daß die vor— 
liegenden nLiterarifchen Reliefs“ durch das darin liegende Gleichmaß 
und den Einflang von Friſche und Strenge in diefem Sinne ihre 
Bezeichnung durchaus rechtfertigen. 

Der erite Band der Zieljhen Sammlung hat in Band II, 
Jahrgang 1885, Heft 12 des „Salon“ bereits eine kurze Bejprechun, 
erfahren, und wenn dort am Schluß ber Wunſch ausgebrüdt ib da 
der Verfaſſer ſein Werk ausbauen und fördern möge, ſo iſt das in 
der ii vorliegenden Fortfegung in der glüdlichften Weiſe gefchehen. 
Was damals Darjtellung Ernte Ziels naögerihmt wurde: Die 
ftrengfte Unparteilichkeit, großer Scharfblid des Urtheils, ein Humaner, 
vornehm abgeklärter Geh, der aus jedem Worte fpricht, das be— 
ftätigt bie quite Neihe bes Werkes im volliten Maße. Und nicht 
zulegt auch das: daß ber Verfaſſer fich nicht derartig, wie er es thut, 
in bie poetiſchen Feinheiten hätte vertiefen fönnen, wenn er nicht ſelbſt 
ein Dichter wäre, unb zwar ein hervorragender Dichter, den wir 
ſchon längft den Beſten und Fähigſten in feiner Gilde beizählen. 
Bis in alle Einzelheiten hinein weiß der Verfaffer den Eigenthüm— 
lichkeiten jedes der von ihm behandelten Poeten gerecht zu werben; 
jede Zeile beweiſt uns, daß fich fein Urtheil auf die gründlichiten 
Studien ftügt, er ift nicht nur mit dem Verftande, fondern auch 
mit dem vollen Herzen, oft mit Begeijterung bei der Sache, und fein 
lebendiger, bilderreicher, dabei fnapper und klarer, ſtets vortrefflich 
harakterifirender Stil, muß geradezu für derartige literariſch-kritiſche 
Darftellungen als mufterhaft bezeichnet werben. Dabei befißt er ein 
bedeutendes Geſchick, vom eigenartig Allgemeinen zum großartigen 
oder verwandten Einzelnen abzuleiten, ſei es, daß er die Perjönlich- 
feit eines Dichters aus dem gefchichtlichen oder fulturgefchichtlichen 
Tharalter der ganzen Zeit heraus erklärt, fei e8, daß er das eigen- 
serthige Schaffen eines ſolchen der betreffenden literariſchen Gat⸗ 
ungsrichtimg verftändnißvoll und wirkſam einreiht. Ein derartiges 
erfahren ift ja freilich für jeden tüchtigen und rechten Literargejchicht- 

Hreiber felbftoerftänbft , da nur aut diefe Weife das Weſen und 
ie Bedeutung einer dichterifchen Individualität in die richtige Be— 
euchtung gerüct werden fünnen. - So giebt in der „erſten Reihe“ 





208 Ein £iterarhiftoriker. 


diefer „Dichterporträts" der ausgezeichnete Auffag über Wilibald 
Alexis dem Berfaffer den Anlaß, a eingehend mit der Stellung 
und den Aufgaben des modernen Romans zu beichäftigen, wobei 
„bie oberflädhliche, ſchnellfertige Brillantproduftion gewüer moderner 
Romanfabrifanten“ einige gut gezielte und wohlverdiente Geitenhiebe 
erhält, diefe „modernen Romanfabrifanten, denen gegenüber der be- 
kannte Vergleich an feinem Plage ift, der Vergleich mit einem Tafchen- 
spieler, welcher fich den Mund vol Werg ftopft, um fodann mit 
affenartiger Gefchwindigfeit endlos nur Viel liche Dinge and Licht zu 
fördern: Flittergold und bunte Bänder, Knallbonbons und gemachte 





Blumen“. Das ift in der That eine ganz treffende Abfertigung jener 
„Bielefang-Move tif“. Und weiter: „Der heutige Senfationsroman 
— zumal derjenige, mit dem gewiffe hyſteriſche Schrifttellerinnen 


nad) wie vor unfere großen und größten Journale unficher machen 
-- hat auf dem Gebiete des Gefchmads und, des gefunden Denkens 
gar nicht zu ermefjende Verheerungen angerichtet: jebe3 normale Em= 
pfinden echauffiren dieſe auf den Effekt arbeitenden Induftrie- und Mode- 
autoren in den Brütofen ihrer überfpannten Subjeltivität fo lange, bis 
3 fich nur noch vom Standpunkte der Piychopathie aus betrachten läßt; 
den einfachften Gedanken fpigen fie jo lange zu, bis er ſchließlich 
ur Marotte wird, und die Sache nach romanhaften Verwidelungen 
dr ihre Handlungen treibt fie jo fange in ben Sergängen eined er- 
higten Raffinement® um, bis ihre fchriftftellerifi 'achinationen 
am Ende auf die Findigfeit der Deteltives von London und Paris 
binauslaufen. Das ift Gift für Herzen und Köpfe. Die robufte 
Gefundheit im Fühlen und Denken aber, wie wir fie bei Reuter 
(ben Ziel in feiner vor allem nach Lebenswahrheit fteebenden ſchrift⸗ 
ſtelleriſchen Eigenart dem fernigen Schilderer von Land und Leuten 
der Mark Brandenburg an die Seite ftellt) und Alexis finden, iſt 
das rettende Heilmittel für folhe Krankheiten der Zeit.“ Seine Be- 
trachtungen über bie heutigen Aufgaben des Romans nimmt Ziel 
ſodann in dem Efjay über Joſeph Viktor v. Scheffel im zweiten Bande 
wieber auf, insbejondere, was die Aufgaben des Biftordigen Romans 
angeht, dem er als ſolchen feine Berechtigung keineswegs abjpricht. 
Nur foll derjelbe nach Ziels ganz richtiger Meinung vorwiegend die 
Bahnen ber an wirkfamen Stoffen fo fehr reichen deutſchen ſchichte 
betreten und Einkehr halten, ſpeziell „auf denjenigen Gebieten natio— 
naler Geſchichte, welche Geift vom Geiſt unterer Zeit find, welche 
die Bilbungselemente unferer Kulturepoche aufmweifen, mit und Die gleichen 
geiftigen Vorausfegungen und Ideale gemein haben und etwas wie 
einen hiftorifchen Untergrund bilden für die Fortfchrittsbewegung der 
Gegenwart.“ Obwohl wir e8 nun Ziel entſchieden beftreiten müffen, 
daß im deutjchen Mittelalter — wenigitens was gewiſſe Perioden 
und Ereigniſſe deffelben angeht — ein Geſchichtsfeld folder Art nicht 
u finden fei, fo jtimmen wir ihm doch aud) darin bei, Daß „dem hiftort- 
Ihen Roman ber Gegenwart die Einkehr nicht nur auf nationalen 
jondern auch auf modernen Boden aufs innigite zu wünfchen wäre 





in, Kiterarhiftoriker. 209 


Hier liegen nad) der Anſchauung ber fortfchrittlichen Literaturbe- 
trachtung die Bahnen, auf denen das Ideal der Gattung zu ver- 
wirklichen wäre... Die Dichtung des Jahrhunderts fol das Jahr⸗ 
hundert wiederſpiegeln, wiederſpiegeln in ſeinen Idealen und Irr- 
thümern, in feinem Ringen und Kämpfen, in feiner Arbeit und 
Andacht, mit feinen Göttern und Gögen; fie foll das Prinzip des 
Mobernen auf ihre Fahne fchreiben, des Modernen zugleich mit dem 
des Nationalen.“ 
Ernſt Biel fteht auf dem Standpunkte vollftändiger Unbefangen- 
Beit umd eines wohlthuenden Freimuths, wie das insbeſondere aus 
feiner gerechten Würdigung der Bewegung des Sturmjahres 1848 
roorgeht. Man vergleiche in dieſer Beziehung vor allem feine 
uffäge über Gottfried Kinkel, Morig Hartmann, Ferdinand Freilig- 
rath und Gottfried Keller. Die politifche Dichtung jener Bemegung® 
zeit ift in dem umfangreichen Effay über reiligrath ganz vortrefflich 
Harafterifirt: „bie jüngere Generation von heute“, heikt es 3. ®. 
dort, „nur allzu ehr befriedigt von Deutſchlands Vactitellung, 
Einheit und Kaiferglanz und im ganzen ohne Seh freiheitliche 
Bedürfniffe, begreift faum, um mas es 10 13 handelte, was zu 
erfämpfen, zu erringen war.“ Und ebenjo zutreffend ift das Bih, 
welches der Verfaffer im Eingang feines Bufao Freytag gewidmeten 
Aufſatzes von den Zuſtänden in Literatur und öffentlichem Leben 
während ber dem Jahre 1848 folgenden ſchwülen Reaktionsperiode 
entwirft. Der heutigen Generation, al3 deren „eigentliches Gepräge“ 
man „die Gefinnungslofigfeit“ bezeichnet, weiß der Verfaſſer ebenjo 
jelegentlich ſehr ungefcheut bie Wahrheit zu jagen, wie er an anderm 
Sir beifpielaweife der heutigen „praftifch-induftriellen Bühnenära“ 
die gebührende Kritik zutheil werden läßt. Biel verleugnet aber 
nirgends ben vornehmen, auf Ideale gerichteten Zug, feiner 
menjelichen wie Titerarifchen Perfönlichkeit — iſt 
in gehaltreichen Gruppirungen, —— Einzelſkizzen 
und werthvollen Anregungen iſt das Zielſche Werk, wie bereits her- 
vorgehoben, ungemein reich. In dem Aufſatz über Serligeatg finden 
wir u. a. das Auffommen und die weitere Entwidelung der orien- 
talifchen Lyrik in Deutſchland in fehr intereffanter Weiſe angedeutet, 
i m Ejjay über Fritz Neuter, Ziels norddeutfcher Landsmann, 
dem er eine beſonders liebevolle Würdigung angebeihen läßt, Spricht 
er fih eingehen über bie Gefchichte der hochdeutfchen Schriftiprache 
und den Charakter des plattbeutichen Idioms ihr gegenüber aus; in 
dem Aufjag über Karl Stieler würdigt er das Weſen und die Be- 
utung der mundartlichen Dichtung überhaupt, dafjelbe gefchieht in 
r Einleitung des auf den Grafen Adolf Friebrih von © be⸗ 
iglichen Eſſahs, hinſichtlich des in der heutigen Welt- und Lebens⸗ 
ann ſich fo vielfach geltend machenden Weltfchmerzes, in dem 
‚Berft gediegenen Aufſatz über Hermann Dinge, in welchem diefer 
miale Dichter eine ganz ausgezeichnete Charakteriftif erfährt (ſiehe 
md I, ©. 114 ff.), giebt er ehr beachtenswerthe Fingerzeige in 








210 Ein £iterarhiftoriker. 


Bezug auf die Biele, denen die moderne Lyrik, wenn fie Bedeutung 
behalten will, nachzugehen hat, und im Schlußeſſay des erften Ban⸗ 
des (Johann Ludwig Runeberg) wird in fnappem Rahmen ein Ieben- 
diges, farbenfrifches Bild finnischen Lebens und Dichtens entworfen. 

Außer den im vorftehenden ſchon berührten Efjays find in dem 
Werke noch Aufjäge über den Fürften Hermann von Püdler-Musfau, 
Adolf Boettger, den jegt faſt Verſchollenen, deſſen Andenken Ziel in 
pietätvoller Weife der unverbienten Vergeffenheit zu entreißen fucht, 
über Robert Hamerling, den "berufentten Vertreter der heutigen 
pfyhologifchen und fozial-politichen epiſchen Dichtung in Deutitr 
land“ und Emanuel Seibel, deffen dichteriſche Individualität nach jeder 
Seite hin der Verfaffer in der warmherzigften und dabei gerechtejten 
Weiſe feiert, enthalten. 

Ein goldenes Wort über den Werth und die Stellung ber 
Literatur im nationalen Leben fpriht Ziel in dem Eſſay über 
Runeberg, ber feinem Urtheil nach die Aufgaben der Dichtung in 
diefem Sinne auffaßte (fiehe S. 218/219 des I. Bandes), aus: „Die 
Literatur eines Volkes iſt das Maß für deſſen allgemein menſchliche 
Entmwidelung, der Gradmeſſer feines geiftigen und atilcen, feines 
moralifchen und äfthetifchen Werthes, ein Spiegelbild Genera⸗ 
tionen, welche fie ſchufen und welche mit ihr erwuchſen. Aber fie 
hat neben ber mehr paffiven Miffion, ein todtes Zeugniß vom ver- 
gangenen Leben eines Volkes zu fein, noch jene andern aftive zu 
erfüllen: Keime zu neuem, ünftigem nationalen Leben zu pflanzen 
und Ei teifen; fie hat nicht nur die Fußtapfen ebeere teens: Ent- 
widelungsphajen aufzuweilen und zu bewahren, fte hat auch An— 
fnüpfungs- und Yusgangspunfte zu bieten für neue geiftige Pfad- 
findungen; fie hat nicht nur zu konſerviren, fie hat auch zu bilden, 
zu weden, zu begeiftern, und das ift an ihr die große, Die fittliche 
Seite, ihr vornehmfter Beruf.“ ... 

Mit dieſen vortrefflichen Worten ſchließen wir diefe Beſprechung 
der Ernſt Bieljchen „Literarifchen Reliefs“, von denen nun noch eine 
„dritte Reihe“ zu erwarten ift, indem wir das höchft gediegene und 
feffelnde Werk allen Literaturfreunden aufs wärinſte empfehlen. 


u 








Meertraum. 


Gigantiſch wachſend ſeine Wogen thürmen, 
In wilder Wucht mit brauſendem Geſang 
Der Marſchen Dämme ſpottend überſtürmen. 


Ich ſah's von Himmelsbläue angeſtrahlt, 

Von ſanftem Hauch bewegt, zu meinen Füßen; 
Im Widerſchein, der gleichen Azur malt, 

Mit treuem frommen Kindesaug’ mich grüßen — 


ds fah das Meer in feinem hehren Drang 


Doc) fah am lichten ich's, wenn im Zenit 
Des Mittags Heiß darauf die Sonne brütet, 
Und wie ein Fatum laftend, das Gebiet 
Der träumend unbewegten Waffer Hütet. 


Dann zudt es jählings aus der Flut empor, 
Als ob ein tiefes Sehnen leife klage, — 

Wie Hoffnung, die den Glauben laͤngſt verlor, 
Wie meines Safeins ungelöfte Frage. 


Hermann Hirfchfeld. 


ee 





Pie Iubiläums-Gewerbe-Ausfellung in Wien. 213 


dem fein fann was eine Weltausftellung ift! Unfer Auge ruht ge- 
feffelt auf dem anziehenden farbenreichen, prachtftrogenden Bilde, unfer 
Herz fühlt fich ſiolz bewegt, wenn wir zur Klarheit deffen kommen, 
daß alles, was wir fchauen, Sandesprodukt, ja Provinzproduft ift. 

Der Kaifer, dem zu Ehren wie gejagt die ganze Ausftellung in 
der Rotunde im k. £. Prater veranftaltet ward, ehr! die Arcangeure, 
in dem er Iebhaftes Intereſſe für deren Werk befundet umd fchon 
häufig ſowohl bei Tag als auch bes Abends bei elektrifcher Beleuch- 
tung das mühevolle Gefammtbild in al feinen ſchönen und lehi⸗ 

den Details in Augenſchein genommen hat. Die Zeitungen brin- 
gen täglich fpaltenlange Berichte, in denen fie dem Publikum dieje 
und jene interefjanten Cingelheiten erzählen, e8 von neuem zu 
melden haben, daß die Theitnahme, welche man ber en 
Schöp| entgegen bringt, von Tag zu Tag im Steigen begriffen 
üt. En Kotumde ift jedes Pla von den Ausftellern auf 
das Praftifchite ausgenügt worden, außerdem aber find im eingefrie- 
deten Ausſtellungspark noch einige zwanzig größere und kleinere 
Objekte erbaut worden, in denen fig wertvolle und intereffante 
Spezial-Ausftellungen befinden, fo der Pavillon der Stabt Wien und 
der Sonanregufirung, des Handelsminifteriums, der Sport-Induftrie, 
des Möbelfabritanten Thonet u. ſ. w. 

Um annähernd ein erjchöpfendes Bild des Ganzen entwerfen zu 
können, müffen wir nad einem beftimmten Syſtem vorgehen und jo 
wollen wir denn vor allem vom Südportal aus die Rotunde betre- 
ten und Ihnen erzählen, was wir in berjelben des Sehenswerthen 
[Ak fo weit ſich dies in dem befchränften Rahmen einer Monats- 


ausführen läßt. 
Da zieht zunächft ber Pe Kaiſerpavillon die Blicke des 
Beſchauers auf ſich. Derjelbe befindet fi dem Südportal gegenüber 
und ift im öſterreichiſchen Barofftil aus ber Zeit Leopold I. unb 
Karl VI. vom Architekten Emil Bretzler entworfen und auf das Gejchmad- 
vollſte ausgeführt. Breite ſchöne Treppen führen an zwei Seiten zu 
bem offenliegenden Salon empor, über welchem fich hoch oben eine 
zierliche Krone wölbt, von der aus ſchwere, koſtbare Stoffvorhänge 
niederfallen, die zeltartig getafft find, jo daß man von allen Seiten 
leich freien Einblid hat in den teppichbelegten Salon, an deſſen ge- 
Kmadvoller Ausftattung fi) die erften Decorateure Wiens bethei- 
ligten. Won dem erhöht daliegenden faiferlichen Pavillon aus hat 
man einen bortrefflichen Ueberblick deſſen, was das Innere ber Ro— 
tunde zu jehen bietet. Die verjchiebenen gewerblichen Ausftellungen 
find in einundzwanzig Gruppen getheilt worden, wodurch das Sehen 
und Bergleichen melentfich erleihtert wird. Dem Kaiferpavillon in 
direkter Linie gegenüber, erhebt jich im Centrum der Rotunde bis zu 
deren Suppel ein ungeheures, phantaftifches, bei jedem leifeften Aut 
ug raſchelndes Etwas, über defjen Zwed wir im erſten Moment im 
untlaren find; nähere Prüfung ergiebt dann wohl, daß dies der 
3apierthurm der Aktien⸗ Geſellſchaft Schlöglmühl ift, ein_origineller: 


214 Bie Iubiläums-Gewerbe-Ausftellung in Wien. 


Schmud de3 inneren Ausftellungsraumes, ber gleichzeitig als die ge- 
lungenfte Reklame im großen Stil bezeichnet werden kann, die Dejter- 
reich bis jeßt geliefert. Anregung zur Ausführung diejer eigenartigen 
Idee gab der Vicepräfident der Bapier-Aftiengefellichaft Schlöglmügt 
Srofeffor Doktor Joſef Arenftein, ein Mann mit dem Feuergeiſt 
eines Zünglings, dem Schaffenedrang eines tüchtigen Geiſtesarbeiters. 
Der Thurm ift 62 Meter hoch; der folid gebaute, weiß befleidete 
Sodel ift mit geſchmackvollen Aquarellen geziert, welche ber Hof- 
theatermafer Kautsky geichaffen und die Papierfabrik öglmüpl, 
mit ihren Dependencen, den Holzichleifen in Schmigborf und Payer⸗ 
bad, der Celluloſefabrik in Stuppach und einen Arbeiterfaal im 
Schlöglmühl darftellen. Auf dem mafjiven Sodel ruhen die Lafet- 
ten, von denen aus das unendliche Zeitungspapier bis zu der ſchwin⸗ 
delnden Höhe der Laterne empor gefpannt ward. Oben ift die 
Pyramide von einer Roſette gekrönt, unter welcher die Papierftreifen 
durch) eine Eifenftange zufammengehalten werden. Der ganze Bau 
ift unendlich graziös und bietet einen Centralpunkt, an weldem man 
II feicht zurecht findet. Im dem Thurme jelbft ift die Ausftellung 
er Papier- Altiengeſellſchaft Schlöglmühl zierlich gruppirt.  . 

In gerader Linie von dem Kaiferpavillon, durch den Schlögl- 
mühler Thurm weiter fehreitend, gelangen wir zu dem „Wohnungs- 
fragment“ der Firma Portois und Fir, das zur Gruppe XIV fir 
Induftrie und Wohnungseinrichtungen gehört und ein allerliebites 
Home darftellt, zu deſſen Anſchaffüng Fortuna und aber ein ganz 
anftändig gefülltes Geldſäckchen mit in die Wiege gelegt haben muß. 
Allgemeine Bewunderung und theilweifen Neid erweckt der Pavillon 
Haas, in welchem Hofjumelier Köchert einen Glasfaften ausgeſtellt 
hat, der Brillantdiademe, Collier, Haarnadeln und Medaillond ent- 
hält, von denen einzelne der Fürftin Montenuovo, den Gräfinnen 
Waldftein, Palffy u. f. w. gehören und beffen Gefammtinhalt einen 
hohen Werth vepräfentirt Zu den wiener Spezialitäten zählt man 
feit Menſchengedenken die Lederwaaren, Galanteriefachen, und da 
haben auch die Firmen Auguft Sein, Rodeck und Weidmann ſich 
felbft überboten; erfterer ftellt nebft koſtbaren Bronzen, praftiichen 
und fchönen Koffers und Handtaſchen mit und ohne Einrichtung 
eine ganze Kollektion von Geld-, Brief- und Viſitkartentaſchen aus, 
von Peine, hellſtem Leder, darauf maleriſch hingeworfen reizend 
geseichnett Vergikmeinnicht-Sträußchen, in der Aihtigen Kaiſer Joſef⸗ 

lauen“ Saattirung, Segenftände, die zur Bierde gejchaffen, im 
prattifchen Gebrauch aber eben: jo ungeeignet find, wie da8 Wateau- 
Figürchen des Salons als deutiche Hausfrau in Küche und Speiſe— 
fammer. Weidmann hat feinen Pavillon, ber zu den ſchönſten 
der Ausftellung gehört, mit Phantafiemöbeln, Kaffetten, Bronzen, 
Albums, Mappen, Cigarrentafchen, Enveloppes u. |. w. nahezu über- 
laben; Deforationsobjefte, Fächer und Statuetten erhöhen den Glanz 
dieſer biendenden Augjtellung. An Glas und Porzellan ift das 
Schönfte geboten, was Menſchenaugen in biefem Zweige der Induftrie 


b 





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Die Subiläums-Gewerbe-Ausftellung in Wien. 215 


nur en tönnen und faum weiß man, wem die Palme gebührt; 
es iſt da in ber Farbenzufammenftellung wie in der Beichnung 
viel geleiftet worden; Lobmeyer, Bacalovic, Schreiber, Wahliß, Gold- 
ſcheider, Stellmacher, das find die Firmen, von denen die eine die 
andere an Pracht überbietet. Höchſt Iehrreich find die Gewerbe- 
Fachſchulen, in denen der Laie erft einen Begriff befommt, welch‘ 
ernftes, gewifjenhaftes Studium es bedarf, um in jedem Handwerk 
auf die ‚Söße beffen 14, empor zu ſchwingen, was gefordert und 
geleitet werden fann. rbeiten der Zöglinge des en zweiten, 
ritten Jahrganges eines jeden Handwerks werden da gezeigt und 
es läßt fidh Deutlich ber Fortſchritt erkennen, welcher ftet3 nach 
weiteren Bielen ftrebt. Kumfttiichlerei und Kumftfchlofferei bieten 
bes Schönen und Geſchmackvolien in überrafchender Auswahl; in den 
Zimmereinrihtungen iſt da jedem Gefchmad und jeder Börfe Rech- 
nung getragen, von ber einfachen Bürgerftube bis zum hodarifto- 
kratiſchen Salon, von der Kanzlei des Bahlenmenjchen bis zum 
Atelier des Künftlers; beredtes Zeugniß für den reinerten Ge— 
ſchmack der Gegenwart giebt eine Zimmereinrichtung, die und vor: 
führt, wie es vor vierzig Sabren bei dem begüterten Mittelftand 
außgefehen. Auch in der Abtheilung der Bettiwaaren- Erzeugung 
erregt eine Vetteinrichtung aus dem Jahre 1848 unfer heben, 
des Mitleid. Mein Gott, ind die Menfchen doch genügſam geweſen! 
Wollte man heute einer unferer Theaterdämchen oder auch einer hoch⸗ 
nothpeinlich ehrbar reichen Patrizierin zumuthen in einem Bett zu 
fchlafen, dem es an Spigeneinjägen und jeidenen Deden, an Bolants 
und Dedentafchen gebricht, fie fühlte ſich verfucht zu behaupten eine 
Nacht ımter freiem Himmel wäre einem folchen Spartanismus noch 
vorzuziehen! . Die Zeiten ändern fa und mit ihnen die Menjchen; das 
Hat ſchon anno 1536 der weife Mathias Borbonius auögejpr: 
va ſeither ift Fl Citat in feten (he Der ohne — ich 
fen Wahrhaftigkeit nicht anfechten läßt. Der Zimmereinrichtung 
würdig zur DH ftehen die Hauswirthichafts-Effeften, Patent-Koc- 
eſchirte aus Nidel von Breden, Berndorfer Metallmaaren, Eßbeſtecke, 
—— in brillanter Silberimitation, Badewannen mit Glas— 
latten- ertteibung und in ber Küche fo vielerlei neuartige Mafchinen 
ür jede Arbeit und Verrichtung, daß die Längft nöthige Denkmaſchine 
für den regierenden Küchengeiſt balb inf wird, weil jebe 
Arbeit fich von felbft macht. Die Tugenden und Lafter des ſchönen 
Gejslentes finden vollſte Verücfichtigung; zu den Erfteren barf 
unbezweifelt der Feib gerechnet werben und dem läßt ſich in ben 
izenden Hanbarbeit3-Etabliffements der Frau Kabilka, der Kreuz⸗ 
iharbeitö- Firma Hans Denk und auch noch bei manchen anderen 
ndarbeitö- Ausftellungen in reichem Maßſtab Rechnung tragen. 
e Heinen und größeren angefertigten oder anzufertigenden Kunft- 
fe werben dort überall auch zum Verkaufe geboten. Daß über- 
ge Bugfucht unter die Later eingereiht werden müßte, wird jeder 
mann behaupten, dem man allzuhäufig die langen Rechnungen 


216 Die Subiläums-Gewerbe-Ausftellung in Wien. 


der Konfektionsladen vorlegt, welche Besahlung beifchen; wer nun 
jegen ſchöne Seidenftoffe, elegante Hüte, foftbare Spitzen, gierlice 
er und all’ ‚Jene andern theuren „riens“, die zur Vervollftändi- 
ung einer tadellojen Damentoilette gehören, fein mit den ftärkften 
janzerplatten geſchütztes Se hat, der gehe nicht in die Ausftellung, 
denn entweder macht ihm das viele Schöne, deſſen er anfichtig wird, 
dag ſchwer, oder die Börfe leicht und beides ift fein angeneh- 
mer — Doch wir müſſen weiter eilen, wollen wir nicht den 
Rothitift der Salon-Rebaction zum Kampfe herausfordern; und fo 
ſprechen wir denn nicht weiter von den ſchönen Mekgewändern und 
Kirchengeräthen, dem wertvollen Gefchmeide, den Produkten ber 
Tertil-Induftrie, bei deren Anblid jeder Hausfrau das Herz im 
Leibe lachen muß. Wir ſchweigen auch von dem Majchinenwejen 
und verlaffen die Rotunde um draußen die hervorragendften Objefte 
in Augenfchein zu nehmen. Da jaben wir zuerjt den Pavillon der 
Stadt Wien, einen reizenden Holzbau mit reichem Portal und geoben 
Rundfenftern, der unter der Leitung des Stadtbaudireftord Berger 
entftand und die Entwidelung Wiens während der legten vierzig Jahre 
darthut. In dem Mittelfaal jehen wir einen Riefenplan der Stabt, 
auf welchem ſich der Fortſchriti und die Neugeftaltung in unferer 
alten Kaiſerſtadt und jedem einzelnen Bezirke derſelben jo recht deut- 
lich verfolgen läßt. Höchſt gelungen find die vier aroßen Bilder 
des Malers Petrovits, der Graben vor vierzig 
Zipplingerftraße im Jahre 1848 und heute. 
Zubauten fowie die Sterblichkeitöverhältniffe fü 
und Biffern beweifen, wie fegenbringend Die 
die fanitären Verhältniffe der Stadt wirkte: 
Stadtgärten, Badeanftalten und Schulen, des 
Friedhöfe find in den beiden Nebenfälen planmi 
all’ das ift eingehender Nuseinanberjegung und 
jerwürdigt, was zur Sörberung und Hebung 
Fee en ift. Zu ben werthvolliten Objekten | 
zählt man den Pavillon der Stadterweiterung ur 
Kommiffion; er liegt jenem der Stadt Wien ge 
ein am 20. Dezember 1857 publizirtes gan 
wurde der Grund zu jener Regulirung der 
deren unmittelbare Folge der Fall der Linienn 
den Wien eine bolltändig veränderte Phyſ 
Im Stadterweiterungspavillon finden wir Fl 
jener herrlichen Neubauten, die unter der 9 
Franz Iofef ausgeführt und ins Leben gerufe 
des Opernhaufes, de3 neuen Burgtheaters, 
Monuments, deffen Enthüllungsfeier noch war 
all’ jener lebt, welche das herrliche Zeit am ! 
mitmachten, und der Hofmufeen. Ueberdies E 
Pavillon herrliche Skulpturen und Gemälde: B 
und Gegenftände, die zum Schmud der Hofmufecı 


Deine, Google 


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Po 





Bie Iubiläums-Gewerbe-Ausfellung in Wien. 217 


beſtimmt find, fo auch das Modell der Pallas-Athene und des Helios 
von Benf, eine Victoria aus En von Kundtmann und deſſen Archi⸗ 
teltur“. Höchft intereffant find die Wandflächen, welche das Donau- 
Beguficumgeprojet darthun, find die Zeichnungen und Photographien, 
welche die Baugefchichte diefer Arbeit uns bildlich vorführen. Niedlich 
wie ein Spielzeug und doc) geiſtvoll ausgeführt, jo daß felbft der 
Laie die ernfte Arbeit erfennen muß, ift das vom Architekten Schind- 
ler ausgeführte Relief-Modell, welches die Bauftelle des Uferſchutz⸗ 


dammes für das Marchfeld, nächſt hepen darftellt. 


du den beliebteften Spezial-Ausftellungen gehört der Sport- 
Pavillon, deſſen Gebäude nad) Angabe des Ausitellungsdirektors 
Architekt E. Breßler von Stadtzimmermeifter Kapp erbaut ward. 
Wir finden in demfelben alles, was mit Jagd- und Schieß-, Reit- 
und Wajfer-, Fiſcherei- und Eislauf-, Spiel- und Feht-, Turn, 
Radfahr- und Touriften-Sport im geringften in Zufammenhang ge- 
bracht werden Tann. Wir erkennen die bedeutenden Fortſchritte, 
welche leider Gottes die Waffentechnif gemacht, wir fehen alle Gat- 
tungen von praftifchem und zierlichem Sattelzeug, Reitftöden und 
Sufeifen. Die Mitte des Pavillons ziert ein Kutter unter Segel, 
dann giebt es Nennriemen mit Floffen, Sculls fowie englijche Ori- 
ginal-Ruder; ferner fehen wir alle wichtigen Geräthichaften der 
Angelfifcherei. Der Eisjport hat fich mit einer reichen Kollektion 
aller nur möglichen in Deutſchland, England und Amerika gebräud)- 
lichen Schlittſchuhen eingeftellt; — jemeter Diamantidi hat die 
Eisjport-Abtheilun; vun ein großes Bild geziert, welches den reich 
befuchten Wiener Eislaufplag vorführt und auf dem man zahlreiche 
Porträts unter den dem Vergnügen des Schlittſchuhlaufens Huldigen- 
den en und Damen erfennt. Nächſt dem Spiel-, Fecht- und 
Turnſport ift befonders den Radfahrern und Touriften viel Raum 
zugewiefen worden und die zahlreichen Bi- und Tricyeles kunſtvoller 
Ind koſtbarer Konftruftion erregen allgemeine Bewunderung. Touriften 
finden an praftifchen und zwedentiprechenden Befleidungsgegenftän- 
den alles, was fie nur irgend begehren, vom Bundfchuh und dem 
unvermeiblichen Bergſtock angefangen bi® zur Eßtaſche und dem 
Trinkbecher; allerliebite Modelle von Schughäufern und Ausfichts- 
warten, Relief3 der Glodner- und Ortler-Gruppe, Photograpbühe 
Aufnahmen verjchiedener Sektionen des Touriftenflubs. Auch das 
außerhalb de3 Sportspavillons befindliche Muſterſchutzhaus des öfter- 
reichiſchen Touriſtenklubs mit feiner einfachen und in jeder Hinficht 
zwedmäßigen Einrichtung bietet einen Anziehungspunft, nach welchem 
emjig gewallfahrtet wird. Daß es überdies fowohl in der Notunde 
als auch im Augftellungsparf nicht an Reftaurationen fehlt, in denen 
man leibliche Nahrung in jeder Quantität und Qualität findet, braucht 
wohl faum erſt erwähnt zu werben, denn bei Ihnen in Deutfchland 
ift es ja ohnehin allgemein befannt, daß der Wiener gut leben will, 
folglich diejen Maßſtab auch anderen anlegt, was der Allgemeinheit 
zugute fommt. Gerne möchte ich Ihnen noch vielerlei erzählen von 
Der Galon 1889. Heft II. Band I. 15 





218 Bie Subiläums-Gewerbe-Ausftellung in Wien. — Ber Khan. 


dem, was ſich im Ausftellungsgebiete alles ſchauen läßt, aber es ijt da 
fo verjchiedenes anzuführen, Daß ich vor der Aufgabe aurücfährede 
und Sie bitten muf u mit biefem Kleinen Wegweifer zu begnügen, 
der hoffentlich die Luft mehr zu fchauen und mit eigenen Augen zu 
kin in Ihnen wachruft. Fühlen Sie ſich dann angeregt eine Sprig- 
fahrt nach unferer alten Vindobona zu unternehmen, fo wiſſen Sie 
aus alter Erfahrung, daß Stammverwandte aus dem Reich bei uns 
immer mit warmem Handſchlag und freudigem Herzen empfangen 
werden; auf Wiederfehen alſo am Donauftrande. 


Wien, im Auguft 1888. 





Der Wan. 
3 blinkt der Thau auf Blumen gerne; 
Des Himmels Blumen find die Sterne. 


Aus diefem Erdendunfel weht 
Ein Thränenwind zum Sternenbeet. 


Vielleicht in jener Himmelsau 
Liegt auf den Sternen au ein Thau. 
Rudolf Knuffert. 


er RE 


Die Xoefie der Gegenwart. 


Bon B. H. 
Die Poeſie der Gegenwart? Sie jcherzen wohl, Berehrtefter! 
Poefie? Im umferer Zeit? Pflüden Sie eine Blume ... hier, 


diefe köftliche Noje . . . ein Meifterwerk der Natur! Riechen Sie! 
Was riechen Sie? Rofenduft? Gott bewahre! Kohlenjtaub! Be— 
jeden Sie fich diefes Meifterwerk der Natur einmal näher! Was 
fehen Sie auf den zarten Blättern, im duftigen Kelch? Ruß! Ruß! 
Ueberall Ruß! Ruß aus den Fabrifseffen ringsum! Iſt das Poefie, 
mein Herr? — Fliehen Sie hinaus aus dem Gewühl der Stadt in 
die Berge. Ihre Nerven find zerrüttet, Sie lechzen nach Ruhe und 
Einfamfeit. AH, hier diefer prächtige Srdemminlel — Sie fünnen 
feinen ſchöneren finden! Da ijt auch ſchon das Gafthaus! Gaft- 
haus? Ein folides, einfaches Gafthaus nad) altem Zuschnitt, wo 
Sie ein Aenaden mit anheimelndem altväterifchen Hausrath, ge- 
funde Koft und reine Weine finden, wo die behagfiche Ruhe des 
janzen Haufes Ihnen wie eine Verheißung entgegen weht, daß Sie 
Bier gefunden werden? Ja, proft die Mahlzeit! Eine parvenühaft 
herausgeputzte Touriftenfaferne, unter ber Thür ein Heer von trinf- 
gelblüfternen Kellnern, neben Ihrem Schlafzimmer ein verftimmtes 
Klavier, das unter den Mißhandlungen einer höheren Tochter ächzt, 
an der Table d’höte zur Rechten ein Bergfex, ber zum zwanzigiten 
Mal feine fchlechterdichteten Münchhauſiaden vorträgt, zur Linken 
ein Börfianer, der während der Tafel Kursdepefchen lieft, und 
gegenüber eine Englänberin mit zwei ungezogenen Rangen, denen fie 
von jeder Platte die gäte auf die Teller häuft: ift das Poeſie, 
mein Herr? In dem lachendſten Thal eine qualmende Fabrik, auf 
dem idyllifchiten See ein puftendes Dampfſchiff, auf dem erhabenften 
Gipfel ein lärmendes Hötel und in der tiefften Einfamfeit der gel- 
Iende Pfiff einer Lofomotive! Das ift Ihre Poefie der Gegenmant” 
Ich glaube, Ihr Standpunkt ift nicht der richtige. Sie ftehen 

auf Hoher Warte, aufgebaut aus den Gedenkfteinen Ihrer Yugend- 
it, von ihr aus ee Sie unfere Epoche und verurteilen 
e, weil fo vieles, was ſich Ihrem fuchenden Wuge bietet, im grelfen 
egenfag zu Ihren lichten Erinnerungen fteht. Uber von Ihrer 
zhe aus iſt e3 Ihnen naturgemäß unmöglich, fich liebevoll in bie 
ngelheiten der neuen Zeit zu verfenken; Sie fehen nur die Ver- 
‚derungen, und in Ihrer Anhänglichfeit an die Vergangenheit fehen 
e darin nur Verjchlimmerungen. Es ift wahr, undere Zeit ift der 
omantik der „blauen Blume“, dem gefühlsfeligen Mondſcheinkultus 

15* 








220 Am Kamin, 


nicht hold; aber daß fie darum poefielos jei, kann ich als echtes und 
dankbares Kind dieſer Zeit nicht zugeben. Ihre Poefie ift nur 
anderer Art: an Stelle jentimentaler Schwärmerei ift die Poefie ber 
That und Kraft getreten — eine Poefie, die freilich dem Geſchmack 
derer, die ſich unter Poeſie nur ein wohlgereimtes Singen von Lenz 
und Liebe vorftellen können, wenig guiogen mag, dem Sehunben, der 
Belt und dem Leben zugewandten Sinn aber umfo größeren Reiz 
ietet.“ 

„Und wo ſteckt ſie, dieſe Poeſie der That und Kraft? Zeigen 
Sie fie mir doch! Ich vermag davon nichts wahrzunehmen!“ 

„Bliden Ste um ſich, in unſer geiftiges, in unſer materielles 
Leben: überall tauchen poetifche Momente in Hülle und Fülle empor. 
Daß wir und den Blitz des Himmels, vor deſſen verheerender Gewalt 
unfere Borfahren zitterten, dienftbar gemacht haben, um unfere Ge- 
danken im Flug über Taufende von Meilen zu tragen; daß wir den 
Dampf gezwungen, unfere mühfeligften Arbeiten zu verrichten und 
uns mit ber Schnelligkeit des Vogels durch Länder zu tragen, von 
deren Herrlicheiten unfere Eltern nur fepnenb geträumt haben; daß 
der Geift der Bildung und Aufklärung, das Evangelium des reinen 
Menſchenthums jegt in Kreife dringt, bie früher in thierifcher Be- 
ſchränktheit ihr Dafein verbämmerten: ift das nicht Poefie? Die 
Vereinigung großer Völferftämme, die vordem unter der Herrſchaft 
zahlloſer Kleiner Tyrannen jeufzten, zu mächtigen Nationen; die Er- 
ſchließung ganzer Welttheile, die bisher kaum der gu eines Euro⸗ 
paͤers betreten Hatte, für Handel und Civilifation; der ungeheure 
Aufſchwung des Menjchengeiftes auf allen Gebieten des eraften 
Wiſſens; die märchenhafteften Erfindungen, gegen die alle Wunder 
von tauſend und eine Nacht in nichts zerflichen; ift das nicht Pocfie? 
Poeſie jo hoher Art, daß man es darüber wohl verfehmerzen kaun, 
wenn der Jüngling nicht mehr in monbbeglänzter Baubernacht der 
Geliebten fein Ständen darbringt? Große Reiche, wie China und 
Japan, die ſich ein Jahrtanfend vor der abendländifchen Kultur ver- 
ſchloſſen hielten, jenden ihre Söhne an die europäifchen Univerfitäten, 
um ſich deren abung anzueignen; große Volksſchichten, die bisher 
in Demuth das Jod, der Armuth und Unterdrüdung trugen, heben 
trogig das Haupt und begehren ihren Pla an der Tafel des Lebens; 
riefige Gebirgeftöde, die nicht nur mit Mühe überftiegen werden 
fonnten und dem Handel und Verkehr die ſchwierigſten Schranken 
feßten, werden durchbohrt und vom Dampfroß in wenigen Minuten 
durcheilt; Zandengen, die früher die Echiffe zu Ummegen von hun— 
derten von Meilen yrangen, werden durchftochen; durch das Meer 
sicht fich das Kabel, ſchwimmende Paläfte vermitteln den Verkehr 
der Welttheile unter einander, der Ballon trägt uns durch die Luft 
über Länder und Meere: Zeit und Raum find befiegt vom nie 
raftenden Menfchengeift! Und in alledem läge feine Pöeſie? Liegt 
Poeſie nur im Verhältniß der beiden Gefchlechter zu einander, nicht 
auch im Verhältnig der Völker und Nafjen? Liegt fie nur im Er— 





Am Kamin, 221 


wachen der fchlummernden Volksſeele zu neuem Leben, zu neuen 
Spealen? Nur im Mondenſchein, im Waldesraufchen und Wellen- 
gemurmel, nicht auch im Licht der Aufklärung und Freiheit, im 
Sturm der aufeinander plagenden Jdeen, im Kampf des Menfchen- 
geiftes gegen die feindlichen Gewalten der Natur? Und der Held, 
der im dieſem Kampfe unterliegt, verdient er es weniger, vom Strahl 
der Poeſie verflärt zu werden, als etwa ein antifer Held, der ledig: 
fih aus egoiftiihen Motiven, aus Eroberungs- und Ruhmfucht in 
den Kampf z309?°_ Der Ingenieur, der den Gotthardtunnel bohrt 
und dabei feinen Tod findet; der Arzt, der fich felbft den Cholera: 
feim einimpft, um bie Wirkung der Krankheit am eigenen Körper zu 
jtudiren und die Menfchheit von diefer Geißel zu befreien; ber For: 
ſchungsreiſende, ber nur von wenigen Dienern begleitet, in unbefannte 
Länder eindringt und den Kampf mit ganzen Völfern aufnimmt: 
find das nicht Helden, würdig des Griffels eines Homer? Der 
arme Derwiſch, der dem Sudan als Prophet erftcht, Hunderttaufende 
um ſich fchaart und der brittifchen Weltmacht ſiegreich die Spitze 
bietet; der englifche General, der ganz allein, nur mit feinem Muth, 
und Gottvertrauen ausgerüftet, auszieht, um diefen Fanatiker und 
feinen Anhang zu befiegen; der deutſche Komponift, der, dem Hohn 
der Kritif und der Gleichgiltigfeit des Publikums zum Trog, die 
Welt durch fein Genie bezwingt und märchenhafte Erfolge erzielt; 
der türfijche Staatsmann, der fein Volk aus der Erjchlaffung zu 
neuem Leben empor reißen will und im Kampfe mit den widerjtrei- 
tenden Gewalten zugrunde geht — lechzen dieje Geftalten nicht 
förmlid) nach dem Dichter? Ich könnte fortfahren, könnte Ihnen 
noch Dugende von Beifpielen nennen, die meine Behauptung erhärten; 
aber ih will Ihnen nicht die Genugthuung rauben, felbft einige 
Eutdeckungen auf dem Gebiete der modernen Pocfie zu machen.“ 

„Hm! Was Sie da fagen, Elingt nicht fo übel.“ ‚ 

„Die Poefie der Pojtkutichen ift zu Ende, jawohl; aber haben 

wir, im fomfortablen, allen Bedüichniffen gerecht werdenden Salon 
des Blipzuges dahinfliegend, Urſache, den engen Omnibus mit feinem 
Tabafsqualm, feiner Umbequemlichkeit und feinem Schnedengang 
urüd zu wünſchen? Haben wir, in einem modernen, die höchſte 
Sleganz und Bequemlichkeit bietenden KHötel wohnend, Grund, nach 
Ihren gepriefenen Gafthäufern von anno dazumal, die die bejcheis 
denften Ansprüche nicht befriedigen fonnten, zu verlangen?“ 

„Sch glaube, Sie verwechjeln Poeſie mit Bequemlichkeit. Daß 
diefe in umferer Zeit bedeutenden Fortſchritt gemacht hat, gebe ic) 
ohne weiteres zu.“ 

„Und ich glaube, daß Poefie ganz unverträglich ift mit Miß— 
ftänden, wie fie fo zahlreichen, als poetifch gepriefenen Einrichtungen 
jener Zeit anhafteten. Es ijt unmöglich für Poeſie empfänglich zu 
bleiben, wenm die Nafe von ftinfendem Tabak beleidigt, das Auge 
von unreinem Geſchirr angeefelt wird. Vor fo gemeiner Wirklich 
feit flieht die Himmelstochter Poeſie. Der Zauber der Poftkutiche, 


222 Am Kamin. 


wie überhaupt die Poeſie der vielbefungenen guten alten Zeit beftcht 
vielleicht nur darin, daß fie der Vergangenheit angehört. Denn eine 
der größten Dichterinnen der Menkäfeit ift die Erinnerung, und 
war ift fie — wie die meiften weiblichen Poeten — eine optimi- 
— ſchönfärbende Dichterin, die es mit der Wahrheit nicht ſehr 
genau nimmt. Sie umkleidet die Vergangenheit mit dem reizvollſten 
Bauber, ſtellt alle glücklichen Momente in die günſtigſte Beleuchtung 
und bedeckt die unglücklichen wohlthätig mit dem Daniel der Ver⸗ 
geffenheit oder mildert wenigſtens Fräftig ihren bittern Ernft. Ver— 
jangene Leiden und Entbehrungen, die uns, fo lange wir darunter 
Kufsten, nichts weniger al3 poetiſch erjchienen, treten uns in der 
Erinnerung in einem eigenthümlichen, wehmüthig reizenden Licht 
entgegen und dienen nur als Folie, von der fic) die in ber Regel 
ſehr befcheidenen Freuden umfo ftrahlender abheben. Darauf allein, 
auf diejer verflärenden Macht der Einnerung, beruht das befannte 
Lied von der guten alten Zeit. Unſere Väter fprechen mit Weh- 
muth von den goldenen Tagen, da der Laib Brod ſechs und das 
Seidel Bier zwei Kreuzer Toftete, und vergefjen, daß der Menſch 
nicht allein vom Brode lebt, fondern zu feinen feelifchen Gebeihen 
auch etwas Freiheit und Aufklärung bedarf — Dinge, die damals 
von den Machthabern forgfältig hinter Schloß und Riegel gehalten 
wurden, damit fie den befhränkten Unterthanenverftand nicht in Ver- 
wirrung bringen fonnten. Unfere Großväter wiederum preifen ihre 
Zeit al3 die wahre gute, denn damals famen die Brod- und Bier- 
preife dem Ideal der Billigkeit noch näher; aber fie verfchweigen, 
daß in jener goldenen Zeit viele Landesväter die Gewohnheit hatten, 
ihre Tieben Landesfinder als Kanonenfutter nach Amerifa zu ver- 
faufen, um mit dem Erlös ihre Maitreffen zu unterhalten. Geht 
man der Sache auf den Grund, jo findet man, daß das gepriefene 
goldene Beitalter nie und nirgends eriftirt hat. Jede Kulturperiode 
zeigt neben ihren Vorzügen ihre fehr bedeutenden Mängel, und wägt 
man in der unſrigen beide vorurtheilslos gegen einander ab, jo 
wird man ihr das Zeugniß ausftellen müffen, daß fie ihren Vor— 
gängerinnen mindeſtens ebenbürtig und daß insbejondere ihr Fein— 
gehalt an Poefie nicht ärmer geworden ift. Daß uns dieje That- 
ſache jo wenig zum Bewußtfein fommt, Tiegt wohl — abgejehen da= 
von, daß wir unfere Zeit nicht wie die frühere durch das verklärende 
Medium der Erinnerung fehen — hauptfächlich daran, daß dieſer 
Zeingehalt noch fo wenig zu vollwichtigen Münzen ausgeprägt worden 
iſt. Die Voefie der Vergangenheit ftrahft uns, Tosgelöft von allen 
ftörenden Elementen, aus zahllofen Dichterwerfen in Eriftallifirte 

auch dem blödeften Auge erfennbarer Geftalt entgegen, während d 

Poeſie der Gegenwart noch gebunden ruht, des Dichters harren 

der ihr die Zunge Löft. Vielleicht, ja währſcheinlich, daß derſel 

erft kommt, wenn wir und unfere Zeit längft vergangen find; ab 

fommen wird er und dann — dei bin id) Aaer — werden wir bı 

unferen Nachkommen um die Poefie unferer Zeit ebenfo beneib 


Am Kamin. ‚ 223 


werben, wie wir in unferer Kurzfichtigfeit unfere Vorfahren beneiden. 
Denn dann wird die Klugheit eines Ulyffes zurüdtreten vor dem 
gewaltigen Geift eines Bismard, der in den taufendfältig verzweig- 
ten Beziehungen des modernen Lebens mit ficherer Hand die wiber- 
ftreitenden Intereffen bändigte; der Glanz des Argonautenzuges wird 
verblafjen vor dem unerhört fühnen Zug Stanleys durch den Dunklen 
Kontinent; der That des Columbus wird die Reife Nordenjtjölds 
um die Welt an die Seite geftellt werben, und die Fühnften Ver— 
! wörer des Alterthums werden verbunfelt werden durch die ruffi- 

jen Nihiliſten der Gegenwart! Der Luftfpieldichter aber, der es 
unternehmen follte, unfere Seit zu ſchildern, wird es nicht unter- 
laſſen, in feine Galerie fomijcher Charaftertypen den Mann einzu 
reihen, ber, rings von ftrahfender Poefie umgeben, über die Nüchtern- 
heit feiner Bei janmert.“ 

„Ih glaube, Sie werden anzüglich. Adien! Uebrigens danfe 
ich Ihnen. Vielleicht retten mich Ihre Ausführungen vor dem 
Schichſal. einem künftigen Moliere ala Modell zu dienen.” 

„Sch Hoffe es!" 


Das Maärchen von der unglüdlichen Meerfei. 
Brei nach dem Finnifhen von Gh. Feldtmann. 

Signold ift der kühnſte Seefahrer, der je ein finnifches Schiff 
geführt. Er ift auch der ſchönſte Mann in ganz Finnland. 

So fagen jrenigftens die Mädchen. 

Er ift Hoch und ſchlank und eine Fülle brauner Loden weht 
ihm ums Haupt. Unter dumfeln Brauen bligen Euge graue Augen 
und über dem trogigen Mund mit dem vollen krauſen Barte ſchwingt 

- fich eine ftolze Naſe mit muthig geblähten Nüftern. Ja, die Mäbd- 
hen jehen nad ihm, wo er aud) landet, er aber ift freundlich mit 
jeder und befümmert ſich doch um feine. So ſcheint es, doch — 

Manchmal, wenn er träumend auf dem Deck des Schiffes liegt 
umd nad) dem jternflimmernden Himmel blickt, dann hebt jeine Bruft 
ein Seufzer und: „Swea!" hauchen leiſe und weich feine bärtigen 
Lippen. Und daheim, wo ber Ulcaelf durch den düftern Tannen 
wald raufcht, im einfamen Köhlerhaus knieet dann wohl ein blondes, 
blauãugiges Kind auf dem Bänfchen unter dem Fenſier, ſchaut mit 
naffen Augen ben sichenben Wolfen nad) und feufzt: „Signold, o 
Signold!" Und der Nachtwind trägt das Wort weit, weit auf das 

teer zu dem träumenden Mann auf dem ſchwankenden Schiff; im 
aum ftredt er die Arme aus und — näher. und näher fchwebt 
n blondes Lieb. Nun figen fie allein im Nachen auf weitem 
‚er. Sie ſchlingt ihm Die langen, gelben Zöpfe um den Hals 
3 dennoch jcheint fie ihm fo fern, — er zieht fie näher und näher 
er will fie küſſen — jet, — ac jeßt, — ba iſt er erwacht. 
Nachtwind ftreicht ihm kalt über die Heiße Stirn und fie ıft 


224 Am Kamin, 


fern, ach jo fern! Noch Jahre fünnen vergehen, bis ein Schiff fein 
eigen und erſt dann wird fie ganz fein. Doch er ift jung, er glaubt 
an fein Glück und oft, wenn er in ftiller Mondnacht am Steuer 
fteht, Mingt hoffmungsfreudig fein Lied übers Meer. Dann tragen 
die Wellen den Schall hinab in die Tiefe und die Meerfrauen 
tauchen empor und fchlingen den Reigen. 

Sie wehen mit den weißen Schleiern und ihre bleichen Leiber 
ſchimmern im Mondlicht und ihre grünen Augen leuchten wie Phos— 
phor auf dem Wafjer. 

Und der Steuermann fingt und fingt; — er fteht nur weiße 
Nebel im Monblicht ſich ballen, ſich sajen und verfehwinden. Er 
ſieht nicht, wie zwei bleiche Arme verlangend winfen, er fühlt nicht, 
wie zwei leuchtende Augen glühend an den feinen Hangen, wie jie 
näher und näher kommen, wie fie (oden und funfeln. 

Er weiß nicht, warum fein frohes Lied erjtirbt und trübe 
Melodien aus der Seele auf die Lippe ihm fteigen. 

Und wenn ſchwarze Wolfen am Himmel bangen, wenn der 
Donner Fracht und wie feurige Schlangen bie Blitze züngeln, wenn 
der Sturm heulend die Bogen peitſcht und die Wogen das Schiff 
umarmen, e3 prejfen und fchleudern, daß es feufzt und ftöhnt, dann 
ſteht im Wettergebraug ruhig der Mann am Steuer. Seine Loden 
zauft der Sturm, er aber ſchaut feit hinaus in das tobende Meer. 
Er fieht den Gifcht, wie er weiß zum ſchwarzen Himmel fprigt, er 
hört das Pfeifen und Brüllen — doch er ficht nicht das Meervolk, 
wie es in tollem QTaumel auf den Wellen jich wälzt, wie's auf den 
Wogen reitend und rafend das uralte Sturmlied heult. Und auf 
hoher rollender Woge hebt fic) ein Meerweib empor. Ihre weißen 
Arme ſtrecken fich und greifen nad) dem Mann am Steuer. Näher 
und immer näher trägt fie die Woge — jegt umhüllt ſchon ihr 
feuchter Schleier feine Geftalt, ihr naſſes Haar fchlingt fich um 
feinen Naden — aber feft führt er das Steuer und das Steuer ge- 
horcht. 

Da berühren ihre kalten Lippen die ſeinen — ein Schauer 
durchrieſelt den Mann: „Herr, reite das Schiff! Herr, rette mich 
für Swea!“ So betet fein bleicher Mund. Da ſinkt die Woge zu- 
rück und mit ihr die Meerfei. 

Sie rauft ihr langes Haar und Hagt und jeufzt: „Ich habe ihn 
geküßt, ich habe ihn gefüßt und doch folgt er mir nicht! Aber ich 
will ihm folgen, wohin auch fein Schiff ihn trage!” Allgemach legt 
fi der Sturm umd immer ferner verklingt das Geheul und Ge: 
jauchze des Meervolfs in ber Tiefe. Nur dann und wann tönt’s 
noch wie leifer Klageruf durch die Luft. 

„Das iſt der Ehri der Möven“, denkt der Schiffergmann. Eı 
jeürtert fröhlich feine raffen Locken und feit und ficher führt e 

8 Schiff den befannten Weg, den Weg zur Heimat. Hinter den 
Schiff in der Tiefe aber ſchwimmt die Meerfei und ihr Tange 
weißer Schleier weht oben auf dem Kamm der- Welle. Ci 


— 


Am Kamm. 225 


tingt die bleichen Hände und fingt ein büfteres Lied, das Lied vom 
Weh der Liebe. Das Schiff durchzieht das Meer umd oft noch raft 
der Sturm, oft noch füßt das bleiche Meerweib den fchönen Mann 
am Steuer; er aber fühlt es nicht, denn er denft an Swea, an ihren 
warmen, rothen Mund und ihre fonnigen, blauen Augen. 

Der Ufeaelf ift ein Iuftiger Gefelle; er kommt aus ben dunfeln 
witben Sorit, im dem faum je der Schritt eines Menſchen erflang. 
Seine Wiege haben nur wenige gefehen. Er aber fann erzählen von 
ber langen falten Nacht und der wunderbaren Mitternachtsfonne; 
beide fennt ev von Kind an, denn er ift bei ihnen zu Haufe. Doch 
er wuchs und wuchs und fehnte ſich nach Menfchen. Da ſprang er 
von Klippe zu Klippe, da ftürzte er fich tollkühn über fchroffe Fels— 
gehänge hinab in den flaren, grundlofen See und raujcht und tobt 
dabei in wildem Yugendübermuth. Ex wirft feinen Wafjerjtaub den 
alten düſtern Tannen in die grünen Bärie und der lieben Sonne 
ins Angeficht, wie er meint. Die aber lacht behaglich auf ihn herab 
wie auf alle andern Thoren. Ihre goldenen Strahlen fangen den 
Waſſerſtaub auf und fpielen mit ihm, weben fiebenfarbige Bänder 
daraus und fpannen fie über den See und die alten Tannen. Wenn 
aber in feuchtiwarmer Frühlings- oder Sommernacht der Vollmond 
über dem See fteht, dann dehnen und ziehen und fchlingen fich weiße, 
duftige Schleier über feine gligernden Wellen und die Mondſtrahlen 
weben Silberfäden hinein und der Nachtwind baut daraus eine ſchim— 
mernde Brüde über den See, von einer Klippe zur andern. 

Die Wafferfchleier aber webt nicht der Ufeaelf. So ſchön der 
Waldfee auch ift mit feinen Felſen und Tannen, der Ufeaelf bleibt 
nicht bei ihm. Er ftürzt weiter, immer weiter; ev wird breiter und 
ftärker; jeßt fpringt er nicht mehr über Klippen. Er rollt ftattlich 
durch Wiefen und Birfenwälder, er küßt übermüthig die ſchlanken 
weißen Stämme und die fchwanfenden zarten Zweige, wenn fie fich 
zierlich niederbeugen, um fich in feinen Wellen zu fpiegeln. Nun 
fieht er auch zum erften Mal ein Dorf und noch eines und endlich 
eine Stadt; aber er will weiter, immer weiter! Da umarmen ihn 
die Wellen des Meeres und ziehen ihn hinab in die Tiefe. Dort, 
wo der Ufeaelf fich ins Meer wirft, liegt das Schiff. Der Schiffers- 
mann aber fteht nicht mehr am Steuer. In Keiner Barke krägt ihn 
der Uleaelf auf feinen Haren Wellen und auf den Wellen bfinft und 
funtelt das helle Mondlicht. 

Die Barke zieht einen breiten Silberftreifen hinter fi) her und 
’ dem Silberftreifen ſchwimmt die bleiche Meerfei. Ihre weißen 

Ayeier wehen über der Fläche und die Mondſtrahlen weben filberne 
äden Hinein. 

Schnell gleitet die leichte Varke, denn der Mann brinnen 

Hrt rüftig die Ruder. Er ift fröhlich, oft jauchzt er oder fingt 
a Lied von den blauen Augen feiner Liebften. Und der Mond 
bfeicht und der Tag bricht an und roſenroth ſchimmert der Uleaelf und 
irpuin glänzen die Häupter der alten Tannen und die weißen Stämme 





226 Am Kamin. 


der zierlichen Birken. Der Dann in der Barke zieht die Ruder ein ' 
und fpricht leife ein Morgengebet. 

Dann padt er aufs neue die Stangen und ftromaufwärts 
gleitet ber Kahn. Noch mehrmals Bag der Mond vor den Jiegen- 

n Strahlen der Sonne — da ragen Felſen zwiſchen den dunkeln 
Tannen und laut auf jubelt der. Schiffergmann: „Swea, Swea ich 
fomme!" und „Komme!“ giebt ihm freundlich das Echo zurüd. Doch 
hinter dem Boot in ber Liefe ſchwimmt die bleiche Meerfei und ihre 
weißen Schleier wehen über dem Wafjer leife im Morgenwind. 

Beim Waldfee fpringt Signold ans Ufer, die Barfe birgt er 
im Buſchwerk und ftürmt dann jaud;zend waldeinwärts. Mitten im 
See ragt ſchwarz und zadig die Klippe und um die Klippe freift 
ruh'los die bleiche Meerfei. Sie ftredt die ſchimmernden Arme über 
das Waffer, fie winkt und weht mit den feuchten Schleiern. Er 
jauchzt wieder und wieder in die Ferne: „Swea, Swea id; komme!“ 
und „Komme!“ klingt es vielfach zurüc von den Felſen. Da fteigt 
die Sonne höher und das Meerweib taucht in die Tiefe. 

Und die Sonne finkt und der Mond Iugt verftohlen ve die 
ſchwarzen Tannen. Am Ufer des Sees wandelt der ſchöne Schiffer 
und die blonde Swea. Er jpielt mit ihren gelben Zöpfen und fie 
lacht, daß es filberhell über den See klingt. Der Mann beugt fich 
nieder und feine braunen Loden mifchen ſich mit ihrem Goldhaar. 
Dann ſchlingen fie die Arme ineinander, langjamer fchreitend, fingen 
fie ein altes Volkslied. Das Tofen des Waſſers nimmt den all 
faft hinweg, aber die Meerfei drunten hört es duch, das Lied von 
der heißen, unendlichen Liebe. Verzweifelt ringt fie die bleichen 
Hände und ihre Seufzer zittern über den See und durch die Wipfel 
der Tannen. 

„Hoch, da fingt noch ein Vogel im Traum“; fagt Signold. 
Leife erſchauert Swea und ſchweigend lehnt fie ihr Haupt an bie 
Schulter des Mannes. Um die Klippe freift die Meerfei. Sie ver- 
birgt ihr bleiches Antlig in den Schleiern und der Nachtwind weht 
die Schleier weit über den See von einer Kippe zur andern und 
die Monbdftrahlen weben filberne Fäden hinein. „O, fieh nur den 
See", jagt Swea, „er hat eine Brüde von Mondenfchein!” 

„Komm, wir fahren hindurch!” ruft der Mann. Er Idft den 
Kahn und hebt das Mädchen hinein. Sie fien einander gegenüber. 
Er rudert mit fräftigen Schlägen gegen die Mitte. Der Vollmond 
fteht Hoch über dem See. Silbern flutet fein Licht auf den Wellen, 
es webt eine Glorie um Sweas Goldhaar und ſchimmert weich in 
ihren feuchten Augen. Der Mann zieht die Auder ein. Er lie 
vor Swen auf den Knieen. Er umfchlingt mit feinen Eräfti 
Armen ihren ſchlanken Leib und ſchaut in ihre feuchten Augen. 2 
Kahn treibt unter den Waſſerſchleiern hin der Klippe zu. Auf d 
Klippe auf ſpitzem Felsgrat fauert die Meerfei. Ihre grünen 
funkeln und fprühen. Ihr Haar fträubt ſich empor, ihre weil 
Glieder zuden und winden fi im Krampfe und um fie her flack 





Am Kamin, 227 


und wehen ihre weißen Schleier und verhüllen fie den Menfchen- 
augen. 

„Barum weint mein Liebling?“ flüftert der Mann vor dem 
Mädchen. „Ich weiß nicht, weiß e3 nicht, Signold!" Und fie jchlingt 
ihre Arme um jeinen Naden und er Füht ihr die Thränen von den 
Wagen. Da fplittert der Felsgrat unter den bfeichen Händen der 
Meerfei. Ein Krach — und den Kiel nad) oben treibt der Kahn 
auf der Flut. Wild jaudjzend gleitet das Meerweib zur Tiefe. — 

Dreimal fteigt die Sonne empor über den dunfeln Wipfeln der 
Tannen, zum dritten Dale gießt der Mond fein filbernes Licht auf 
den See. Da trägt die Meerfei zwei Leichen zur flachen Uferftelle. 

eft umfchlungen ruhen fie dort, Bruſt an Bruſt. Die Meerfei 
‚treicht dem Manne das naffe Haar aus dem Antlig, fie küßt und 
füßt feine bleichen Lippen. Sie verfucht die ftarren Glieder zu löſen; 
fie will durchaus von dem Mädchen ihn trennen. Und wilder und 
wilder wird ihr Beginnen, verzweifelter, rafender ihr Beftreben. 
Dann finfen müde die bleichen Neme und ihr Klageruf tönt übers 
Waſſer gleich dem Geftöhn des Windes: 

„Wehe, Wehe, Wehe! Sie wollte ich verderben und ich ver- 
darb auch Dich! Den Felſen von Felſen konnte ich trennen, aber 
Did konnte ich nicht trennen von ihr! Nicht fterben darf ich wie 
Du! So Tange des Ozeans Wogen tollen, währet mein Sehnen, 
währt meine. Dual!" Und fie finkt zurüc in die Flut und ſchwimmt 
hinab zum Weltmeer. Wenn aber der Vollmond hoch über dem 
Waldfee fteht, dann fit das bleiche Meerweib wieder auf der Klippe 
und ihre feuchten, weißen Schleier flattern über dem Waffer und 
das Fra webt filberne Fäden hinein. Und fie ringt die bleichen 
Hänbe und fie rauft ihr langes Haar und ihre Klage tönt über das 

affer gleich dem Geſtöhn des Windes: 

„den Feljen vom Felſen konnte ic) trennen, aber Did) konnte 
ich nicht trennen von ihr!“ 


Die neuen Berliner Theater. 


Berlin, Anfang Oktober 1888, 

Auf dem Gebiete des Theaterweſens haben fich mit dem Beginn 
*diesjährigen Winterfaifon in der Reichshauptſtadt große Um- 
zungen vollzogen. gu den beiden bisherigen Pflegeftätten ernfter, 
iegener dramatijcher Kunſt find drei neue Bingugetrsten: „Das Selling, 

3 Berliner- und das Volkstheater. Das Kgl. Schaufpielfaus und 

3 Deutfche Theater beftreiten alſo nicht mehr allein die Koften im 
halt tragischen Mufe. Drei neue Tempel Thaliens treten 
energifchen Wettbewerb und das Nefultat ift eine wahre Hochflut 
theatralifchen Genüffen, welche dem operette- und pofje-müden 





228 Am Kamin. 


Berliner Publitum, dem felbjt die Oper — abgefehen von Richard 
Wagner — fein Interefje mehr abgewinnt, gerade recht ift. 

Zuerſt eröffnete Osfar Blumenihal die gaftlichen Pforten feines, 
neben dem Circus Krembjer, architektonifch ziemlich nüchtern erbauten, 
den Manen eine3 der größten deutjchen Denker gewibmeten Theaters. 

„Nathan der Weife“ wurde gegeben und — fiel total durch! 
Poſſart in der Titelrolle, in München vergöttert, fang in unerträg- 
lich eintönigem Leierton und enttäufchte allgemein. Auf Nathan 
folgte — nothgedrungen ſchnell — „Anton Antony“, das neueite 
Opus Blumenthals, ein Ragout aus dem „Brobepfeil” (Krafinzky) und 
der „Großen Glode”. Der moderne Komödientartüffe wurde von 
Emil Drach (bisher Frankfurt a./M.) zig aufgefaßt, aber vielleicht 
u outrirt gefpielt, das Stück ſelbſt brachte es nicht über einen 
Achtungserfolg! 

Erfmann-Chatrian, das elſäſſiſche Dioskurenpaar, mußte in Die 
immer größer werdende Breſche eintreten, und — ſiehe da! — ein 
zehn Jahr altes Stüd, welches keinenfalls „modern“ genannt werden 
fann, brachte den erften wirklichen Erfolg. Fürwahr fein glänzendes 
Zeugniß für den Direktor Blumenthal, denn das jo hochtrabend im 
Prolog angefündigte „Theater der Lebenden“, ift eben nur eine hohle, 
auf Reklame und Abonnentenfang berechnete Verſprechung gewejen! 

Ganz anders Barnay, der berühmte Mime, der frühere Societär 
des deutſchen Theaters, der erſte Anreger der „Genojjenjchaft beut- 
ſcher Bühnenangehöriger”, der eminent praktiiche Theatermann. Er 
machte nicht Monate vorher die Tautefte Beitungsveflame, er lieh 
feine Eröffuungsvorftellung „Demetrius* in Laubefcher Fortjegung 
für fich fprechen und fiegte glänzend. Das Bufanmenfpiel war vor- 
züglich und ließ die Hand des tüchtigen Regiſſeurs in taufend feinen 
Einzelzügen erkennen. Auch „Ihſe“, Schaufpiel von Hans Olden, die 
erfte Novität auf dem Stonverjationsfelde war ein wahrer Triumph 
für Barnay, al3 „Entdeder neuer Talente”. Dabei hat das „Berliner 
Theater“, früher „Walhalla*, feine Preife — im Gegenjag zum 
„Lelfing-Theater“ -— fo folid geftellt, daß die breiteften Schichten 
bes Buͤrgerthums auf guten, bequemen Plügen dem Bedürfniß nach 
Erbauung und Erquidung im Neiche des ſchönen Scheines genügen 

Önnen. 

Gar traurig hingegen liegen die Verhältniffe, wenn wir nun- 
mehr ung dem „Volkstheater“ des Herrn Witte-Wild, früheren Opern- 
fängers aus Dresden zuwenden. Angeregt durch Schönthans Wiener 
PVolkstheater“, gab diejer Herr, faft ein völliger Neuling als Theater- 
leiter, dem früheren DOftendtheater, unglüdfeligen Angedenfens, di: 
Bezeichnung, ohne fich im geringften Über das darin ausgefproch« 
Programm flar zu werden. 

„Eine unglüdfeligere Wahl wie „Struenfee” von Michael B 
konnte gar nicht getroffen werden“, fagt Hans Herrig im „Deutje 
Tageblatt” und er hat recht. 

Was ift uns heutzutage diefer larmoyante Aufguß von „Dt 








Am Kamin. 229 


Stuart“, „Egmont“ u. j. w, was foll dieſes todte Leſedrama für eine 
lebendige Wirkung auf das „Volk“ erzeugen?! 

Gewiß wird niemand unbillige Anſprüche an eine Vorftadt- 
bühne ftellen, aber die völlige Unzulänglichkeit des Damenperjonales 
und die abjolute Talentlofigfeit des Trägers der Titelrolle, welcher 
nur eine unerträgliche öde Routine bei gänzlicher Mittelloſigkeit in 
die Wagſchale legen konnte, machte die obkto endfte Wirkung. 

Falls die Direktion mic bald ſich bejinnt und eine rüftigere 
Kraft ala Herrn Welly als Regiſſeur beruft, fo ift dag ganze Unter- 
nehmen wieder einmal eine Todtgeburt und das als „Leichenhaus“ 
berüchtigte Theater hat neue Opfer gefordert. 


Hans Derlon. 


Nippfaden. 

Farſtliche Pracht. Unter allen Fürften feiner Zeit führte Karl ber Kühne 
von Burgund (14671477) ben prumfvolften Hofhalt, woflir folgende Thatfachen 
einen Beweis bieten. Al Karl im Jahre 1473 nach Trier auf den Reichetag zog, 
sählte fein Gefolge 5000 prächtig gerüftete Reiter. Geine Kleibung beftaud aus mit 
ben größten Perlen reich befegtem Goldftoff und fam auf 200,000 Goldgulden zu 
fiehen. Das Gafmapl zu St. Marimin, zu weldem er den Naifer, Friedrich IM. 
(1440—1493), einfub, entfprady ber Prachtliebe des Wirthes. Die Wände und ber 
Fußboden des Zimmers waren mit foftbaren Deden bekleidet; alles Tijchgeräthe war 
von Silber, bie Becher mit Perlen und Edelſteinen reich beſetzt. Vierzehn Gerichte 
eröffneten das Mahl, worauf zwölf und batın zehn ebenfo Löliche folgten. Endlich 
Tamen bie allerjeltenften Arten Konfelt, welches auf breikig goldenen Schüffeln aufge» 
tragen wurde, von bemen man eine im Werthe von 6000 Goldgulden ſchätzte. Beim 
Auftragen eines jeben Ganges gingen 16 Grafen in Golbftoff geffeibet voran, 20 
Trompeter, 4 Pfeifer und 2 Heerpaufer. Gervirt wurde von 200 Loftbar geffeibeten 
Dienern und al® Tafelwache waren 200 Trabanten zugegen. 

Noch viel großartiger war das Gepränge, als in Jahre 1468 Karl feine Hochzeit mit 
Margarethe von England zu Brügge in Fiandern feierte. Der Speifefaal mar ganz 
mit goldenen Tuchern dekorirt. Auf der Tafel ſtanden 30 köſtliche Schiffe, beladen 
mit ben verichiebenften Braten. Jedes Cchiff hatte 4 Boote, in weldem fid Gemitfe 
zum Braten befanden. Als nun die Gäfle fagen, lam ein ale Einhorn beforirtes 
Pferd vor ben Tiſch; auf ihm faß ein Knabe, verffeibet in einen Leoparben mit dem 
Banier Englande und einer Perle. Unter dem Schale der Mufil ging das Ein- 
born um die Tafel, blieb dann vor bem Bräutigam ftehen und reichte ihm die Perle 
mit einer Anrebe. Mad) biefem erjchien ein Füne, in welchem vier Hodhlänger faßen, 
die fi mit einigen Gefangftüden vernehmen liehen; anf bes Lünen Hden faß 
eine Schäferin. Am nächften Abende fpielte man bie Abenteuer bes Herkules, wobei 
ein Greif vorfam, aus weldem allerlei Vögel flogen. Am britten Abende wurde 
ein großer Tpurm’ aufgeführt, in beffen Fenftern 6 Bären lagen, umherſchanend und 
Erummend. Darauf erſchienen 12 Gaisböde und Wölfe in frieblichfter Eintracht; 
nun lam ein Affe und fpielte auf einer Pfeife einen Tanz auf, worauf noch mehr 
Ten herbeiliefen unb einen Moresfentanz aufführten. Auf der Tafel fanden 48 

dene Gezelte, mit des Herzogs Banner, unter denſelben befanden ſich Pafteten, ge- 
it mit „manderlei Poffen.” Gnblid tom ein Stodfifh, 18 Fuß lang und 16 
6 hoch, in welchem 14 Mann verborgen waren. Als er vor ber Braut anlangte, 
tete fich fein Rachen und warf die Männer heraus, die dann miteinander kämpften. 
ch anfgehobener Tafel wurde turnirt, gerannt und geftochen. 

Diefe Hochzeit erforberte täglich 16 Odjfen, 10 Schweine, 600 Pfund Sped, 

) Hammel, 250 Lämmer, 100 Hajen, 200 Fafanen, 800 Rebhühner, 400 Tauben, 
» Rapaunen u. f. w. 





230 Am Kamin. 


Haus Wierauer. Drama in fünf Aufzlgen von F. A, Subert. Yutori« 
firte Ueberfegung von Edmund Orlin. Peipzig, Ed. Wartigs Verlag. (Ernft Hoppe. 
1887.) €s ift_befannt, daß bie menfcenfreunblichen Verordnungen bes Kailers 
Joſeph II. von Defterreich, weil theifweife verfrüht und überhaftet, häufig Mißverftänd- 
niß und Berfennen ber ebeln, grofherzigen Abfichten bes Monarchen bei feinen Böllern 
fanden. Derartige Vorgänge liegen dem genannten, von €. Grün ganz vorzuglich 
aus bem Böhmilchen überjegten Trauerfpiel zugrunde und werben Hier auf eine 
tragifche, twirtungsvolle Weife verwerthet. Die Bauern bes Grafen Sanzenfelb-Ror 
veredo find au ine rohnverpflichtung und Peibeigenfhaft, fowie an bie Mifhand- 
fungen und bie Willfiir des Güterbireltors ihrer Herrn gewöhnt, fie lennen es nicht 
beffer. Da Tonımt dureh einen jungen Bauernfohn, beffen Vater aus einem bena 
barten Dorf ausgewandert, bie erfte Gährung in bie Gemüther, ber zu hellem Auf- 
ruhr wird, fobalb bie Leute Wind befommen, daß ber Graf ein Patent des 
Kaiſers erhalten, welches bie Leibeigenſchaft aufpebt und den Robot vermindert, aber 
von ber Herrichaft aus gewinnſüchtiger Abficht vorläufig noch geheim gehalten wirb. 
Hans Wierauer, ber reichte und vornehmfte Bauer bes Ortes, bisher mit Leib und Seele 
ber Herrfchaft ergeben, wirb durch bie anbern aufgeftadjelt und ber Diteltor gereist, 
der Anführer der rebelliichen Bauern zu werben, die das Grafenſchloß ftürmen wollen; 
ex fhießt auf feinen eigenen Sohn, al8 biefer, ber im Cchloß bebienftet if, durch 
die Liebe zu einem Ebelfräufein gefeffelt, ſich weigert, an ber Empörung theilzu- 
nehmen. Durch eheitig eintreffenbes Militär wirb ber ae niederge ⸗ 
(lagen, das Patent des Kaifers verfünbet den Leibeigenen, baf fie freie Menichen 
find, doc bie aufruhreriſchen Bauern find zum Tobe verurteilt unb werben durch 
Taiferlien Befehl zu Spießruthenlaufen begnabigt. Der alte Wierauer, ber ben 
Tod nicht fürchtet, vermag die Schmach ber entehrenden Strafe nicht zu ertragen 
und ftirbt, als er gewaltfam in bie Reihen ber Solbaten geſchleppt werden foll. Diefe 
furze Stigge beutet ſchon am, baß burdy das Gtüd ein Iebenskräftiger Pulsichlag geht 
unb baf es in draflifcher Weife ein Std alten Vollslebens veranſchaulicht. 


Ein Bud für Ale von F. E Die Kunf fein Glück zu maden. 
Bern und Leipzig, Rub. Iennis Buchhandlung. Ein Vademecum für folde, 
bie auf rechticaffene Weife ihr Glücd machen wollen. Kein Golbmagerbud); nicht 
die Kunſt in ber Lotterie zu getvinnen, in Aftien ober fonftigen Werthen zu ſpekuliren 
ober durch andere Fineffen reich zu werden. Ein Handwerker erzählt hier, wie er aus 
einem verfommenen, arbeitſcheuen unb verachteten Menden, durch einen wäterlichen 
Freund ermahnt, ein gefuchter Arbeiter, ein geachteter Bürger, ein glüdlicher Gatte 
unb Bater unb woblpabender Mann wirrbe. (8 geht alles ganz einjad und natür- 
lich zu und man möchte benfen, ein jeber könnte e8 ohne Mithe Teicht nachthun, fo 
daß «6 balb lauter glücfiche Leute auf ber Welt gäbe. Nun, einen Berfudh iann 
ja jeder machen und ohne Nuten wird nicht leicht einer das Bitchlein Beifeite Tegen. 
Es enthält manden beherzigenswerthen, mohlgemeinten Rath flir's praktiſche em. 


Empor zum Licht. Erzählung von 
Mar Breitkreuz. — Unfere Zeit ift das Zeitalter ber Ausftellungen, ber Dent- 
makstouth, der Nervofität, Efettrigität, ber Mafchinen u. [. iw., aber fein frudtbarer 
Boben für ideale Güter: Kunft und Fiteratur! Das ift eine abgebrofchene Wahrheit! 
Wie aber da Abhilfe fhaffen? Der ganze Menjh muß von Grund aus ein anderer 
werben, b. h. Nerven und Blut müffen eine geſundere Beſchaffenheit erhalten, damit 
ber Leib, ber Sit ber Seele, wiberfianbsfähiger im Kampf ums Dafein umb auf. 
mahmefähiger für alles Wahre, Gute und Schöne wird. Um biee zu erreichen 
von Ärztlicher Seite eine Hochflut von Kurmethoden in bie Welt gefcjiittet wor 
des Pubels Kern liegt aber nad) ber Doltrin von Wilhelm Reffels trefflichem 
man auf pfyhilem Gebiet und bie Umfehr von ber Seeiltnahrung zum Begetarisı 
bebeutet nad ihm ſoviel als Genefung von allem Uebel. Ohne die von einem Rich 
Wagner, Nigihe u. f, w., ebenfalls vertretene Cache des Begetarismus und bie 
mit verbundenen reformatoriſchen Pläne ebenfalls ans eigener Erfahrung ent 
fraftifch empfehlen zu fünnen, muß Referent ber prächtigen, ton gebiegenftem fittfic 
Ernſt getragenen Fabel, ber intereffanten Schürzung und Löſung bes Knotens 





itpelm Reſſel. Berlin 1888. 








Am Kamin. 231 


eingeftreuten feinen humanen Polemit feine volle Hochachtung bezengen. Nicht leicht 
bürfte heutzutage ein Roman gefunden werben, ber fo unbevenklich in bie Hände ber 
jungen Generation gelegt werben lann und babei doch gerabe aud von Erwachſenen 
mit Bergnügen und Erbanung gelefen werden kann! Cine herrliche Fülle ethiſcher 
Ideale, veife Früchte, abgejhüttelt vom Lebensbaum weiſer Welterfahrung, erguiden 
ben von Alltagsjorgen bebrüdten und vielleicht hoffnungsmitben Leſer, bem bie Ref 
feijch männer tige Arbeit in bie Hänbe fällt. w. Am. 


Dirndl und Dachſerl. Welch eine luſtige Scene fpielt fih da auf unferm 
allertebten Bilde ab. Die Beiden Zäger, ber Bolbl und der Nazi, find zum Mittag 
bentebeſchwert bei bem hübſchen Penerl eingefehrt, gefolgt von bem treuen Dachferl, 
Lenerl bat ihre Sache gut gemadt und bie Siger nicht minder, indem fie 
wader in bie gefüllten Schuſſeln einhieben. Num räumt Lenerl ben Tiſch ab 
umb das Dadferl fol mun aud) fein Tfeif erhalten, weles ihm fein Herr, ber 
Hramne Bolbl, bereitet hat. 18 fol ihm gut fhmeden und vor Ungebulb 
winfelt das Hunderl an feinem Herrn empor. Aber Lenerl if ein Schelm; fie nedt 
das Dachferl, zieht ihm bie Schüffel fort und ergrimmt es mit ben fralfenförmig 
gefpreigten Fingern. Darob wird Dacferl „fuchti” und fo fpielt fi ein Weilden 
die Rederei zwiſchen Dirndl und Dachſerl ab. Aber Dachſerl muß ja nicht benten, 
daß es in biefem Meinen Lufipiel die Hauptperfon iſt. Zwiſchen bem Dirndl und 
dem Poldi iſt's nicht recht gebeuer und da heißt’s einfach, was ſich liebt, das nedt 
fh, amd da muß eben das Dadferl zum Neden herhalten. Wer weiß, wer weiß, 
mern ber Bolbf Heut Abend thafwärts fleigt, ba fingt er geiwiß mit hellem Jucher! 

„Zangen unb fingen, 

Das 18 ja mei Freid’, 
Z'rafen uud ringen, 

Da hätt’ i a Scheib! 

Un Sin i reiht zurnig 

Und bin i vecht Zach, 

Nur Ans macht mi hamlich, 
Nur Ans macht mi wach! 

A Buffer von Dirndl 

Das fhmedt Halt fo fein! 
AG ja, a Buffer! von Dirndl 
Unb guat muß i fein!“ 8. 


Allein zu Hans. 


Es ift fo hubſch, fo eigen, 
So märdenhaft und fein, 
Im tiefen Sommerſchweigen 
Allein zu Haus zu fein. 
Am Speifeihrant den Schlüffel 
Vergaß man abzubreh'n, 
Hab’ mir die Kirſchenſchuſſel 
Gar Tange angefeh'n. 
Doch war mir's gar zu heifig 
Im weiten, ftillen Haus; 
Ich ließ die Kirſchen eilig, 
Schau nun zum enfter aus, 
Sau in den Wald hinüber 
Und ben!’ mir das und bies; 

_ Gott freut fih doch wohl brber, 
Daß ih das Nafchen Tieh! 


Unentichieden. „Soll ich, oder ſoll ich nit" benft das Väuerlein auf unferm 
»e, inbem e8 nachdenklich in den geleerten Mahfrug fhaut. Das braun-goldene 
r fpmedt halt gut, aber e6 foflet aud) einen Vayen und ber in bei den heuren 














232 Am Kamin. 


Zeiten nicht fo leicht verbient. Endlich wird eine höhere Macht zur Entſcheidung 
des GStreites berbeigerufen und zwar bie Reihe der Knöpfe an bes Bauern biden 
Bas. „Sol ich, foll id nicht!” zählt er an ben Knöpfen herunter wie weiland 
Greteben an dem Mafliebehen ihr: „Er liebt mich, er liebt mich nicht!“ verihämt 
herunterlifpelte, Auch bei ihm heißt e8 zum Schluß: „Ich ſoll o, wie Gretchen Tiebes- 
teunken: „Er Tiebt mich!“ jubelt und ihrem Kauft in die Arme fintt. Auch unfer 
Zatöbte finkt feinem Mafkrug gerührt in bie Arme, indem ex verſchmiht babei lachen. 
denn er bat auf ber Klaviatur feiner Knöpfe gemogelt. Als er zum Schluß merkte, 
daf; die Sache nicht Mappen wollte, fpielte ex bie Borfehung und griff fall. O6 
Fauſts Gretchen vielleiht auch beim Abpflüden der einzelnen weißen Blütenblätter- 
hen der holden Liebesblume gemogelt hat? Doch, wer könnte ſich zu biefem Gfauben 
entfchliegen! Ein modernes Gretchen, eine höhere Tochter ber letzten Hälfte bes neun« 
ehuten Jahrhunderts, wiirde entſchieden das Glüd forrigiren, wenn es ihr micht 
bei wäre, aber das echte, wahrhaftige Gretchen Fauſts — nimmermehr! . 
Die Veſtalin. Tuilia verichte ihre Jugendjahre im heiligfillen Dienfte, in 
dem Teuipel ber Befta, ber Göttin bes Herd» und Opferfeuers. Schon in ihrem 
aebnten Pebensjahre hatte ber Pontifex maximus fie zur Priefterin ber hehren Göttin 
geweiht. Als fie fih damals von ihren Angehörigen und Spiefgenoffen getrennt 
hatte, Hing fie ihre afgefepnittenen Haare auf eine Fotosblume, melde den Eingang 
in ben Tempel befchattete, Tieß ſich in eine ſchneeweiße, lange Stola Heiden und ihr 
Haar mit Bändern (hmüden; fo betrat fie bie Schtwelle de Tempels ber Keufchheit. 
gr dreißig Iange Zahre hatte fi) bie junge Veftalin den Dienften ber ſhubenden 
öttin Roms beftimmmt und zur Wahrung der jungfräufichen Reinheit geweiht. Zehn 
Jahre ſollte das Noviziat dauern, bie weitern zehn Jahre dienten dazu, ihres Priejler- 
amtes zu walten und es auszuüben, währen das legte Dezennium ber Erziehung 
ber deranwachſenden Genoffinuen gewibmet war. Dann erft fellte fie frei fein, dann 
ext fi) verehelichen. Das Amt einer Veflafin und ihre Berfon felbft waren geheiligt, 
unb ber Staat ſeibſt forgte für ihre Ernährung. Zullia erfehien nad) Vollendung 
ihres Novigiats in den Gaffen Rome in einer Tragbare getragen, unb vor ihr her. 
fpritten Pictoren. Jeder, ber ihr begegnete, ſelbſt der Konſul, mußte ihr ans bem 
Wege gehen; bie Mitglieder bes Magiftrats foger mußten fih vor ihr verbeugen. 
Einft traf fie auf ihrem Wege einen um Tobe Berurteiften, der angenblidlidh freie 
gelaffen wurde, fo groß war bie Macht und bas Anfehen einer Beflalin. Aber alle 
diefe Berehrungen konnten ihr nimmer bie Freuden bes trauten Haus- und Familien- 
lebens erfegen. Tullia fühlte fid) im ftrengen Dienfte der Göttin einfam und ver- 
laffen unb ihr thaten« und freubenlojes eben begann ihr eine Laſt zu werben, 
Hefonder® von jenem Augenblide an, als fie Zeugin einer harten Strafe gewejen 
war, bie ihre Genoffin Coelia getroffen hatte. Man fanb diefe nämlich eingeffummert 
vor bem heiligen Feuer im Tempel, welches fie nebft dem römiſchen Paladium, (eine 
alte hölzerne Dinerbaftatste, welche Aemas aus Troja gebracht haben follte) zu ber 
hüten hatte. Fir dieſes Vergehen wurde bie ſchöne Coelia vor ber berfammelten 
Priefterfjaft mit Rutpenhieben bis auf Blut gepeiticht. Aber bie arme Tullia er 
wartete eim noch ſchiimmeres Schidjal. Sie machte einft die Bekanutſchaft des 
Senatorenfopnes Cajus und vermochte e8 auf bie Dauer nicht, feinen heiden Liebes 
werbungen zu vwoiberfichen. Das Geheimniß ber Liebenden twurbe verrathen unb 
Tullia zum Hungertobe verurtheilt. Ju eine kupferne Bahre gelegt, trug man fie 
an das nörblihe Ende Roms, dort wo ber „Eollis Hortorum‘ emporragt, auf das 
„Berbredjerfelb" (Campus sceleratus), wo fie in einer unterirbifchen Halle eingemauert 
wird. Die Gruft [öließt fi focben iiber ber Verurtbeilten — fie hört nod, wie 
der Hentersfmecht bie Reiter hinweggieht, auf ber fie in ben Tod hinabgeftiegen, nad 
dem er ihr einen Krug mit Waffer unb eine brennende Lampe mit in ba Grab 
gegeben Hat. Im näcflen Yugenblid wirb bie ſchwere Steinplatte fid über bie 
bumffe Gruft legen. Noch einmal ſchaut Tullia in den Strahl des Tageslichts und 
in das Leben — dann ein fehterer, bumpfer Schall — und Nacht, tiefe, Ichwarze 
Nacht, ewige Finfternig und Tob rings umher! 


— 9ꝰ— 











zieuene Moden. 


Ar. 1. Gehäkelte Knabenmüge. j 
Zur Anfertigung berfelten wird beigefarbige Caſchmirwolle zum Kopftbeil 
unb gramatfarbige zum umgeſghlagenen Rand verwendet, Die Arbeit if im tune- 
ſiſchen Häfelftich angefertigt. Das Kopftbeil befteht aus breiedig angefertigten, aus 
einander gehäfelten Theilen. Die obere Mitte ziert ein Pompon. 
s 





Nr. 1. Gefätelte Anabenmüge. 


Ar. 2, Morgenjahie aus corah de P’Inde. 
Den vorderen Rand begrenzt eine Spitzenfalbel. Ebenfo wird ber Stehfragen 
"einer gleichen berabfallenden Falbel bebedt und mit einer heliotropfarbigen 
leiſe gefchloffen. Die Aermel find am untern Raub verziert. 


Ar. 3. Naditfemd aus Percale. 
Unter dem Faltenlag befindet ſich ein glattes Theil welches vorn herab mit 
8 sen gefchloffen if. Der barliber Befindfiche Fattenfah ift unten eingereiht und 
"einer Walbel begrenzt. Den Rand beffelken umgiebt eine Kreite, geftidte' Börde 
er Calon 1889. Seft IL. Band I. 16 





234 Neueſte Moden, 
mit ebenſolcher Schleife. Gfeiche Einfaffung hat der Matroſenlragen, bie Aermel 


und die Taſche. 
Ar. 4. Indiſches Gorfet, 

Die aus weißem Batift angefertigten Theile beftehen aus einem Borbertheil, 
welches, in ber Taille faltig eingereiht, einen Gürtel angefett ift, fowie einem 
Tragband, welches im Rüden am Gürtel befeſtigt ift. Die Enden des Gürtels 
find vorm in der möthigen Weite aufgelnöpft. Am ordern Ausfdnitt und auch 
unter dem Arın herab ift ein beftidier Zwiſchenſatz angebracht, buch welden ein 
Band hindurchgefeitet if zum befiekigen Zufammenziepen der Ränder. Unter Morgen- 
jade oder Hausrod zu tragen, ift diefea Corfet fehr annehmbar. 








Nr. 2. Morgenjade aus corahı de P’Inde. Nr. 3. Naqhtbemd aus Percale. 


Ar. 5. Promenaden-Anzug für Kleine Kinder. 

Ueber einem Kleidchen mit Faltenrod und glatter Taille, um welche eine 
farbige Schärpe geſchlungen ift, Befinbet fid eine Pelerine aus weißem Flanel, auf 
welchem cremefarkige Seide durchgehende in ſchmale Fängsfalten gelegt if. Ci 
Heiner Kragen mit breiten Schleifen und fangen Enden von gleidem Stoff und b 
ſtidten Rändern bildet den Schluß am Hals. Der runde Hut mit vorm hedhaufge 
bogener Arennpe hat zum Schu obenauf gleichfarkige Baubjelupfen und Federr 
Derfelbe Anzug wird auch in Mattblau uud Rofa angefertigt, 


Ar. 6m 7. Anzug ans rothem Tuch für Mädchen von 9 Jahren. 
(Seiten- und Norderanfit,) 

Die vorn glatt herabfallenden Vordertheile des Ueberrodes fichen weit of 

und werden am Hals durch einen Kragen und in ber Taille--burch> eine Patte , 





Neueſte Moden. 235 


ſchloſſen. Die von der Schulter bis mac der Taille herab ſich zuſpitzenden Auf - 
fchläge find gleih dem Kragen und ber Patte mit Sutafd benäht und werben hie 
zum Gürtel durch einen Faltenlat ergänzt. Bon da aus geben Tollfalten bis zum 
Rante der Vordertbeile berab, deren Vertiefungen ebenfalls ſutaſchirt find. Die 
Rüdtbeile haben in ber Mitte herab eine Tollfalte, welde am NRodtheile in tiefe 
Falten ausgeht. Die ziemlich weiten Eilbogenärmel find vom untern Rande auf, 
fteigend ebenfo benäht. Der Hut mit niedrigem Kopf hat einen vorn breit empor» 
gebogenen, nad) hinten fhmalen Raub. Bandfchlupfen ober Stoffwinbungen ver» 
vollftändigen denſelben. 





Nr. 4. Intifces Gorfet. 


Ar. 8. Matrofen-Anzug für Knaben. 

Der Faltenvod dieſes Anzuges if aus marineblauem Trikotſtoff. Die Blonfe 
iſt eernfarbig geftreift. Die Hermelanffeläge, Kragen und Sag find von erufarkiger 
Sa. Kragen uud Pa find befict. Niebriger Hit mit rundum anfgebogenen 

and. 


Ar. 9. Latz aus Hpige zum Ausſchmücken glatter Taillen, 


An dem mit Spige belegten Stehkragen ift auf einer Tüllnuterlage bie breite, 

„en Lat bildende heflidte Spite, an der rechten Seite in Falten gufammengenommen, 

‚ngefegt umb mit einer farbigen Baubfchleife verziert. An biefer Seite 6i8 zur Spitze 

ilit fie glatt herab. Am Hals ift die Spige dem Stehfragen faltig untergebeftet 

nd reiht auf der linken Eeite glatt bis auf die Schulter. Bon da an ift bie 

zpitge bis herab Infe im Falten gelegt und vermittelg einer Reihe, Vandſchlupfen 
16* 


236 Neueſte Moden. 
auf ber Tulllunterlage feſtgehalten. Die Kante ber Spitze reicht über bie Unter- 


fage hinweg. 
sr un Ar. 10. Rodkante. 
Der untere Rand des Rodes ift abwechſelund mit drei Stidereiftreifen und 


Mr. 5. Promenaden-Ungug Wr. 6. Anpug aus vorden 
für Tine Rinder. 0 für Mäde en don — 
Senenenichi) 


zwei ausgezacten Meinen Seideufalbeln beſetzt. Ueber dieſer befindet ſich eine breite, 
zaclig ausgefhlagene Seidenfalbel. Die darüber befindiiche Gleiche iſt oben mit 
einem mehrfach eingereihten Kopf dem Rod aufgeſetzt 


Ar. 11. Gehähelter Stern. 
Ein mit Stäbchen umhätelter Luftmaſchenring iſt mit einer durchbrochenen 


Aeuche Moden. 237 


Stächenreibe umhälelt. Die an berjelben ringsum befindlichen Blättchen werben 
mit 10 2uftmafchen begonnen und mit Stäbchen und glatten Maſchen umhätelt. 
Zwei Touren Durdbruchftreifen, welche die Luftmaſchen des Inneren verbinden, 
deendigen ben Stern. 


m 


hrfach einen Coller 


2, ausgezacte, bide 
ite find. Deffnungen 


238 Neueſte Moden. 
Ar. 13. Fade aus fabakfarbigem Tuch. 


Die Vorbertbeife derſeiben find abgerundet und mit einem Ueberfclagfragen 
verfehen, welcher eine mit Anöpfen gefchfoffene Wehe frei läft. 


Pr. 9. Lay aus Spibe zum Husigmüden glatter Taillen. 


Auf der Bruſt und an der Ceite find Taſchen angebracht. Der anfiegenbe 
Rüden Hat unten eine übertretenbe Pate. 








Nr. 10. Rodlante, 


Der untere Raub ber Aermel ift gleichfalls mit Patten und Knöpfen verziert. 
Stoff dazu iſt erforderli: 1 Meter 30 Eentimeter Tuch von 1 Meter 30 
Centimeter Breite. 


Ueueſte Moden. 239 


Der Rod des Kleides if am untern Nand mehrfach mit heilen Bor- 
ben beſeht. 


Mr. 11. Gchäfelter Stern. 


Mr. 12, Mantel „Empire“ für Meine Kinder. 


Das Uebertleid von karrirtem Stoff ift am Vordertheil abgeſchrägt und läzt 
"de Fen Rod frei. 


240 


Neueſte Moden. 


Nr. 18. ade aus tabatfarbigem Tu. 





Frdactien, Bering und Drud von X. 9. Payne in Meutnip bei Keipsige 


Deine, Google 





Das Kafernengefpenft. 


Humoreste von Karl Georges. 


den Räumen ber Kafinogefellichaft zu *** Herrfchte 
heute eine ganz beſondere Freube. Man hatte den 
eriten Ball in der Saifon veranftaltet, und er war 
zum Entzüden aller Mütter von tanzfähigen Töchtern 
und zum höchſten Frohloden der tanzenden Damen 
ſelbſt überaus zahlreich beſucht. Selbftverftändlich 
galt diefe fröhliche Zufriedenheit nicht etwa der Thatjache, daß recht 
viele angehende alte Junggefellen, welche die gefellihaftliche Pflicht 
des Tanzend längft hinter fich abgeworfen hatten, mit blafirten 
Mon und Binocles die ſchlanken ſchlepperauſchenden Schülerinnen 
Terpfichores ihre gewohnheitsmäßige Eritifche Revue pafliren ließen. 
Diele zweifelhafte Vergnügen hatten bie jungen Schönen aud in 
den beiden vorausgegangenen Jahren hinreichend genofjen, ohne daß 
deßhalb ihre jun, Fräutihen Herzen in lebhaftere Ahythmen wären 
verjegt worden. Und fintemalen während beiden Saifons aud) 
nicht ein einziger Fall vorgefommen war, daß einer diefer Augen- 
gläjerbewaffneten ‚Gelegenheit genommen hätte, die im Ballſaale ge- 
übte Mufterung mit dem Schlujfe ‚u frönen, daß er fich im engeren 
Kreife der Familie als ein ernite Abfichten verrathender Bewunderer 
eingefunden hätte; aus diefem mehr wie zureichenden Grunde waren 
auch die Ballmütter mit diejer in *** immer zahlreicher auftretenden 
Spezied junger Herren geſetzteren Alters herzlich unzufrieden. Die 
Freude, welche Heute bei jung und alt — die Mag Ballmutter 
verzeihe die ungewöhnliche Wortfolge — allgemein Platz gegriffen 
hatte, galt vielmehr dem Umftande, daß veritable Tänzer in mehr 
wie augreichender Zahl ſich eingefunden hatten. Aber nicht nur die 
Quantität verurfachte diefe Freude; auch die Qualität der erſchienenen 
Tänzer erregte das bejondere Wohlgefallen. Denn dieſe waren nicht 
nur mit Mon- und Binocles bewaffnet, nein, fie trugen auch eine 
ſtählerne Wehr an der Seite: es waren Jünger des Mars von allen 
Graden der verfchiedenen Dffizierächargen. 
Der Salon 1889. Heft III. Band I. 17 


242 ' Bas Safernengefpenft. 


Die Thatjache aljo, daß die Herren Offiziere heute wieder den 
civilen Kafinoball mit ihrer Gegenwart beehrten, fie war es, welche 
die gefammte Damenwelt in die freudigfte Aufregung verſetzte. Und 
fie war ja auch fo durchaus begründet. Denn zwei lange Jahre und 
noch etwas darüber Hatten bie Bälle bes Glanzes der wilitäriſchen 
Uniformen entbehren müffen, in einer Stadt wie ***, das vier Megi- 
menter der verjchiedenen Waffengattungen in Garnifon hatte, und 
außerdem noch der Sit eines Diviſionsſtabes, dreier Brigadeſtäbe 
und zweier Bezirkscommandos war, ein. höchft befrembendes und. be= 
trübende3 Geſchehniß. Das aber hing jo ujammen. 

Bor drei Jahren hatte der Oberjt eines der hier garnijonirenden 
Negimenter, welcher Mitglied des Kafinovorjtandes war, Iegteren zu 
bejtimmen gewußt, in der Generalverfammlung der Geſellſchaft den 
Antrag einzubringen, gegen eine vom Regiment zu zahlende Pauſchal⸗ 
ſumme die Offiziere vom Hauptmann abwärt® in corpore ala Mit- 

lieder der Kafıno, eieljiaft aufzunehmen. Das würde zur Folge 
ben, daß ſich fämmtliche Subalternoffiziere, denen aus Nüdficht 
auf die befannten färglichen Gageverhältnijfe und die fonftigen hohen 
Standesausgaben eine derartige pefuniäre Vergünftigung wohl zu 
önnen fei, auf ben Bällen AR Wi Verfügung ftellen und fomit dem 
Bisher ſchon jehr fühlbaren Mangel an Tänzern gründliche Abhilfe 
ſchaffen würden. Die Stabenffaiere würden dann Ehren halber 
jämmtlih als vollzahlende Mitglieder der Gejellfchaft beitreten. 
Glänzendere Bälle und erhöhte Kafjeneinnahmen dürfe man als Ge— 
jammtrefultat in fichere Ausſicht ftellen. Gegen diejen Antrag nun 
erhob ſich aus dem Schoße der Verfammlung und namentlich in den 
Neihen der jüngeren, auf die Erlangung eines Staatdamtes nur erſt 
afpirirenden Herren eine tiefgehende Oppofition, die ſich hauptſächlich 
auf die Erwägung gründete, cs ſei unbillig und umgereöit, von den 
jungen Civilherren den vollen Jahresbeitrag zu verlangen und ihre 
Aufnahme in jedem einzelnen Zalle von dem oft ſehr zufälligen Er- 
ebniß der Ballotage abhängig zu machen, wenn man bei ben jungen 
ffizieren von der Arebingumg der Ausfugelung abjehe und ihnen 
noch dazu die erwähnten, Vortheile in Betreff des zu zahlenden Bei- 
trags gewähre. Als man fchlieglih nad) langen und erregten De- 
batten zur Abſtimmung ſchriit, fiel der Antrag des Vorftandes mit 
einer Stimme Majorität dur. Diefe Niederlage konnte der Artil- 
Ierie-©berft nicht verwinden; er erklärte furz darauf feinen Austritt 
aus dem VBorftande und aus der Gejellihaft. Die Offiziere feines 
Regiments ahmten alsbald feinem Beijpiel nach und keiner von ihrer 
ließ fich_feit jenem Abende in den Räumen der Gefellichaft mel 
Kom as aber noch fehlimmer war, die Sameraden von d. 
nfanterie und der Kavallerie fühlten fi mit denen von der Art“ 
lerie folidarifch und nur die vereinzelten vom Train fchienen nic, 
von dem fo mächtigen Corpsgeift zu verjpüren. Ja, fo allgeme 
anftedend war dieſer militärijche Strike, daß felbft von den Offizier 
benachbarter Garnijonen, die bisher Häufig bei den Bällen in * 


SE 





‚Bas Kafernengefpenft. 243 
hofpitirt hatten, feiner mehr fich bfiden ließ. So war denn das 


suupige zweierlei Tuch“, welches noch die Augen der Schönen von 
*** bei ihren Tanzvergnügungen entzüdte, nur folches, welches die 
Einjährig- Freiwilligen an ſich trugen, und aud) von ihnen behauptete 
man, fie wagten erjt dann wieder in den verpönten Räumen der 
Kaſinogeſellſchaft zu erfcheinen, wenn fie bereit3 um die Hoffnung, 
dermaleinſt Rejerveoffizier zu werben, ärmer geworden feien. Was 
unter fothanen Umjtänden aus den Bällen und Reunions der Kaſino— 
geſellſchaft wurde, läßt ſich nur mit höchſt wehmüthigen Worten 
Ichildern. Kaum zwei Dugend Paare tanzten in den weitläufigen 
Räumen, die flottejten Tänzerinnen, die jüngjten und ſchönſten Mäd- 
hen, deren Ballſtaat manchen wider Willen in die Ausgabe willigen- . 
den Pater ein Monatögehalt gefoftet — dienten nur mehr zum 
Schmuck der Wände und das —S te Schickſal, das einer Mutter 
blühender Töchter wiberfahren kann und gegen welches Niobes thrä- 
nenteiches Geſchick nur wie ein Kinderſpiel erſcheint, das umgeheuer- 
liche Verhängnik, Ballmutter von nicht tanzenden jungen Damen zu 
jein, es war jet der Matronen von *** ganz gewöhnliches und un- 
abwenbbares Schickſal. Und das der Väter war um nichts milder. 
Denn ihnen Elangen nun tagaus, tagein die Klagen von Töchtern 
und Gattinnen in die Ohren und bie, jo oft als dringend wicder- 
jolte Tg den ganzen Einfluß aufzumenden, daß das frühere 
ltni zo len Eivil und Militär wieder hergejtellt werde. Aber 
jo oft auch die liebenden Gatten und Väter um des lichen häus— 
lichen Friedens willens den Wünjchen der Gattinnen und Töchter 
Meinung trugen und mit den Offizieren im einzelnen ausgleichende 
Verhandlungen anzufnüpfen fuchten, fie ſcheiterten an der cigenfin- 
igen Konjequenz, mit welcher bie Kriegerfafte an den einmal ge- 
ten Beſchlüſſen feithielt. So jdien denn das Zerwürfnig von 
Saifon zu Saiſon dauernder zu werden. 

Da geftattete endlich das Schidjal einen Wechſel im Regiments- 
commando. Jener Oberſt, der aus Verdruß über feinen durchgefal⸗ 
lenen Antrag die ganze Entfremdung zwiſchen Civil und Militär 
verurfacht, hatte, wurde zum Brigade-Commanbdeur befördert und da- 
mit von *** verjegt. Sein Nachfolger, ein verhältnigmäßig noch 
junger Mann mit noch jüngerer Gemalin, die ihre Unterhaltung nicht 
ausnahmäloje in den exkluſiven militäriihen Kreiſen und auf ben 
von diefen veranitalteten Privatbällen zu fuchen gewillt war, Tieß 
ſich als Mitglied in die Kafinogejellihaft aufnehmen und fofort 
unden ſeitens des Vorftundes mit diefem zugänglichen und einfichts- 

len Herrn Derbanbfungen angefnüpft, welche die Wiederherftellung 
alten, guten Beziehungen zwijchen der Militär- und Civilgefelle 
ıft beswedten. Dean verſprach dem Oberjten, daß man ihn bei 
näcten Generalverfammlung in den Vorjtand wählen und den 
ierzeit durchgefallenen Antrag von neuem einbringen wolle, für 
'en Annahme die ganz veränderte Stimmung in allen hierfür maß» 
den Streifen von ** Bürgſchaft gebe. Der neue Oberft war 
i7* 


244 Bas Safernengefpenft. 


das zufrieden und übernahm ſeinerſeits die Aufgabe, mit den Offizier 
corps der anderen Regimenter die nötigen Vereinbarungen zu treffen; 
des eigenen Regiment? war er felbjtverftändfich ſchon ohne vorgän- 
gige Rückſprache ficher. Als dann der große entfcheidende Tag der 
Generalverfammlung fam, war dieſe fo ungemein zahlreich bejucht, 
wie es die Annalen der Geſellſchaft noch nie verzeichnet hatten. 
Die Oattinnen und Töchter hatten aber auch keinerlei Entfchuldigung 
gelten laffen, daß die Gatten und Väter ihr Mandat nicht ausübten, 
und in welchem Sinne fie e8 auszuüben hatten, das wußten dieſe 
‚Herren der Schöpfung fo genau, daß bei der Abſtimmung die einft- 
malige Majorität auf eine nur fieben Stimmen zählende Minorität 
herabgefunfen war. „Natürlich nur an Unverheiratete*, erläuterte 
der Serutator in wohlangebradjter Selbftironifirung, da ihn felbt 
die Gattin und brei tanzbebürftige Töchter zum Aufgeben feiner 
früheren feindlichen Stellung gezwungen hatten. . 

Daß unter dieſen Umftänden die Stimmung in den Kreifen Des 
fiegreichen Militärs heute eine außergewöhnlich übermüthige war, 
wird ber geneigte Lefer leicht erflärlich finden, und daß infolge da- 
von etliche der epeaulettentragenden Herten troß aller chevalerezfen 
Manieren bie Grenzen der Beſcheidenheit hier und da eher über- 
ſchritten als erreichten, wird einer Sejanderen Verſicherung auch wohl 
nicht bedürfen. Ihre Unentbehrlichleit war ja aber auch von ber 

jellfchaft zu *** mit einer Bereitwilligfeit anerfannt worden, bie 
kaum mehr zu überbieten fchien. 

Unter denen nun, die am heutigen Abend ihrer bevorzugten 
Perſon etwas ganz befonderes glaubten zugute halten zu Dürfen, fiel 
der jugendliche Sekondelieutenant Erich von Rachow noch ganz be 
ſonders auf. Einer armen, aber alten Offiziersfamilie der derart 
angehörig, war er vor furzem erſt direft aus der Selekta ber 
Kabettenanftalt in das hiefige Infanterie-Regiment verfegt worden; 
aber troß feiner großen Jugend verfuchte er überall feine hochblonde 
Perfönlichkeit in den Vordergrund zu bringen, wo er dann feine 
Anfichten mit mehr kindlicher Dreiftigfeit vertrat, ala daß er fie mit 
wobhlerwogenen Gründen hätte belegen fünnen. Auf dem, Valle ers 
wies er ſich als ber eifeigfte Tänzer, der feine Tour vorübergehen 
fieß und jüngere wie ältere, adelige wie bürgerliche Damen ohne 
Unterjchied zum Tanze aufforderte. Gleicherweife machte er auch 
feinen Umtericieb in der Unterhaltung, überall behandelte er das 
Thema von der wenig angenehmen Garnifon *** und ihrer all 
feligen Inferiorität im Vergleich zu feiner udermärfifchen Heimat. 

jagten dann die Damen, bie fich durch ſolch unqualifizirbare Aeuße- 
zungen mit Recht verlegt fühlten, einige fölcherne Einwendungen, 
& übertrumpfte er fie regelmäßig. mit der Mittheilung: „Meine 
ama hat es auch gejagt, als fie mid) hierher brachte, und fie Legt 
mir in allen Briefen ans Herz, daß ich mich ja nicht hier binden 
möge; nur aus der Udermarf dürfe ich ihr einmal eine Tochter zu— 


führen!“ 








Bas Kafernengefpenf. 245 


Das war empörend, doppelt empörend aus dem Munde eines 
jungen Mannes, der in der kurzen Beit feines hieſigen Aufenthaltes 
weder bie Reize der Landſchaft, noch die Sorzüge der Stadt oder 
ger die Tiebenswürdigen Eigenfchaften der Bevölkerung und zumal 
weiblichen Theils derjelben auch nur oberflächlich konnte fennen 
gelernt haben. Er war mit ſolchem vorjchnellen Urtheil der Ehre 
aller Jungfrauen von *** zu nahe getreten und Dies Vergehen er- 
heifchte eine eremplarifche Strafe. Aber wie fie bewerfjtelligen? 

Gar bald fanden fi die Damen, die des zweifelhaften Ver— 
gnügens, mit Eric) von Rachow zu tanzen, theilhaftig geworden, 
zwiſchen den einzelnen QTänzen in Gruppen zujammen, welche fich 
von Pauje zu Zaufe zahlreicher gejtalteten, j” ſich immer wieder 
ein neues Opfer ber fchier unbegreiflichen Schmähfucht Rachows 
ihnen zugefellte. „Unerhörtes Betragen“, „nicht erzogen“, „Feine darf 
ihn in Damentour auffordern“, „im Cotillon erhält er feinen 
Orden“ u. f. w. u. f. w. ſchwirrte es in den revanchebegierigen Reihen 
der beleidigten Schönen. 

„Mit allem einverftanden!" fanktionirte die reigende Eveline von 
Kroner die gefaßten Beſchlüſſe. „Aber das genügt alles nicht, die 
Beleidigung, die und widerfahren, zu rächen. Hier an diefem jelben 
Drte, wo er die bünkelhaften Worte fprach, Bier foll er noch ſolche 
ſprechen, die ihn auf immer in dem gejchmähten *** unmöglich 
machen müffen. Und das foll mein Werk fein, verlaßt Euch darauf!“ 

Mit ftaunender Bewunderung blidten fie alle zu der um eine 

be Haupteslänge fie überragenden Genofjin empor, von ber fie 
Ion in den gemeinfamen Schuljahten gewohnt waren, fie ftets mit 
th und Entjchloffenheit für gebeugtes Recht und nicht zum min- 
deften auch für das anderer eintreten su Jen. 

„Es ſei, wie Eveline gefagt hat! Wir billigen alles, was fie 
zu thım vor hat! Wenn Du unfere Hilfe brauchſt, wir find bereit“, 
verficherte man im Chorus. 

„Sch werde fie vielleicht in Anjpruch nehmen müſſen!“ flüfterte 
Eveline bedeutungsvoll. Damit fehrten die jungen Damen in ben 
engeren Schuß ihrer Mütter zurück, um fich für die folgende Tour 
bereit zu halten. 

Im Eotillon ſaß Eveline an der Seite ihres Vetterd Hubert 
von Horit, welcher der ſchönen Coufine wie immer den Hof machte 
heute aber in Diefem Bemühen einen befonderen Erfolg zu hal 
ſchien. Denn fie lachte ihn viel weniger aus als fonjt wegen feiner 
Spmeichlerifchen Nebewendungen, ja, es wollte ihn manchmal be 

ünfen, als höre fie feinen Ergebenheitsverficherungen mit einem ges 
iffen_finnenden Ernſte zu, den er früher nie an ihr bemerkt hatte. 
yas Herz ſchlug ihm wärmer wider den blauen Rod in dem Ge- 
ınfen, das fchöne Mädchen an feiner Seite fünne doch am Ende 
nter der leichten Galanterie, mit welcher er ein tieferes Gefühl für 
e verbarg, feine wahrhaftige Neigung entdeckt Haben, und es pochte 
hier ungejtüm in der Hofprung, jie möchte etwas wie, Gegenliebe 


246 Bas Aafernengefpenft. 


für ihn hegen. Unwillkürlich wurden aud) die Worte wärmer unb 
bebeutungsvoller, welche er an fie richtete, dergeitalt, daß, wenn fie 
ihn länger ohne Widerrede anhörte, eine entfcheidende Erklärung un 
ausbleiblich jcheinen mußte. 

„Sachte, fachte, Herr Vetter Yon Horft! fiel ihm daher Eveline 
in eine feiner fchönften Wendungen und jie fchien jet wieder gm 
ben früheren muthiwilligen Ton gefunden zu haben. „Sie haben Wr 
noch nicht über dem rauhen SKriegshandwerf Ihren Schiller ver- 
geffen? Nicht? Nun, wie jagt Kunigunde: 

„Herr Ritter, it Eure Lieb’ fo heiß, ö 

Wie Ihe mir's ſchwört zu jeder Stund'“, 
u. ſ. w. u. ſ. w, id) ändere den Schluß und fage: ei, fo rächen Sie 
mid) und die gefammte Damenwelt von *** an cinem Ungeheuer, 
das in Geftalt eine Ihrer Negimentsfameraden hier umgeht und 
uns alle — nicht bei ee findet!“ 

Hubert lachte belujtigt auf. „Und das jollte nicht ein Phantafie- 
gebilde fein?“ 

„Leider, nein! Es giebt einen Lieutenant Ihres Regiments, der, 
obwohl er jeden Tanz mit einer anderen Dame tanzt, trogbem be- 
hauptet, die Hiefigen Damen ftünden, wie alles hier, fo unendlich 
weit Hinter ben &hönen feiner engeren Heimat zurüd, daß feine 
Mutter völlig recht habe, wenn fie ihn — vor einer Mesalliance 
hier nachbrüdlichft warne.“ 

„Unerhört! Sein Name?“ 

„Bon Rachow!“ j 

„ab, der junge Dachs! Er foll Abbitte thun, bei jeder der be- 
leidigten Damen einzeln, oder ich fchieße ihm jeden Zahn einzeln 
aus jeinem verleumbderifchen Munde!“ 

Die Dame lächelte über die bramarbafirende Drohung, dann 
meinte fie fpottend: „Ein Duell wäre zu viel Ehre für den jungen 
— Mann. Aud) könnte e8 vielleicht“ — umd hier fchien fie etwas 
wie eine zarte Beſorgniß durchleuchten zu laffen — „einen anderen 
Ausgang nehmen, als es im Intereſſe der Seleibigten Damen liegen 
mödte. Darum müffen wir auf eine weniger bfutige, aber nicht 
minder wirkſame Rache finnen. Denn Race muß fein, darauf haben 
wir uns das Wort gegeben, und ich verfprach, dad Werk einzuleiten. 
Sie aber, lieber Vetter, müſſen mir behilflich fein, daß das Werk 
auch gelingt!“ 

Wie das Hang aus ihrem fhönen Munde: „Lieber Vetter!" Um 
es ein zweites Mal zu hören, hätte er die ewige Seligfeit ober gar 
feine Epauletten dahingegeben. 

Befehlen Sie über mich, ſchöne Coufine!“ fagte er feurig. 

* — en : Seit ef 

. „Auf we eife ich immer Tann“, beeilte er fich zu verfichern. 
„Haben Sie jchon einen Plan?“ 

„Erſt Hald und Halb. Fragen Cie Soc) mer ‚en nad), wie Ihrer 

Wi jo hochverehrenden Tante der heutige Ball befommen ift; dann 





V———— 
Bas Kaſernengeſpenn. 247 


läßt ſich wohl ungeftörter über die Sache reden. Jetzt wollen wir 
möglichit unbefangen unferen Tanzpflichten nachtommen, man möchte 
fonit auf ung aufmertfam werben.“ 

Und mit verdoppeltem Eifer folgten fie nummehr der blumen- 
geichmüdten Leier Terpfichores. 

Währenddem fehritt Erich von Rachow auf der Bahn bes be- 
jangenen Unrechts unbeirrt weiter und vermehrte die Zahl feiner 
Keindinnen von Stunde zu Stunde Daß die von den übrigen 

jo jehr begehrten Auszeichnungen aus zarten Damenhänden 
ür ihn ausblieben, das kümmerte ihn wenig. Er tanzte ja Hier nur 
auf Befehl feines DOberften, für ihn ein Dienſt wie jeder amdere, 
und er verließ das Haus am Schluffe bes Feſtes mit dem erheben: 
den Bewußtjein, die Pflichten gegen feinen Regimentscommandeur 
mit jenen gegen feine Mutter in einen guten Einklang gebracht zu 
haben. Hätte er ahnen können, welch' ein Ungewitter über jeinem 
Haupte ſich bereits zufammen zu ziehen begann, feine Stimmung 
wäre wohl eine minder zufriedene geweſen. 


* * 
* 


In dem Heinen, überaus niedlichen Salon, welcher ber einzigen 
Tochter für ihren Privatgebrauch überlaffen war, ſaß Eveline von 
Kroner am Vormittag des auf den beiprochenen Ball folgenden 
Tages an dem zierlichen Schreibtiih und malte eilige Schriftzüge 
auf den vor ihr ausgebreiteten großen Briefbogen. Won Zeit zu 
Zeit Iehnte fie fich in den bequemen Seſſel zurüd, anfcheinend un- 
thätig, in Wirklichkeit aber, um ſchärfer nachzudenken, und es ging 
dann zuweilen wie ein leifer, beluftigenber Triumph über ihr Antlig, 
wenn fie das aljo Gefundene in kurzen Säßen auf das Papier warf. 
Jetzt war fie zu Ende. Sie faltete den Bogen mehrere Male zus 
ſammen und ftedte ihn ohne Enveloppe in die ale ihnen blaßblauen 
Negliges, das ihren zarten Teint und ihre blonde Lodenfülle aufs 
vortheilgaftefte hervortreten ließ. 

Dieſer Wahrnehmung konnte ſich ſelbſt ihre Mutter, die ver— 
wittwete Frau Präſident von Kroner nicht verſchließen, welche ſich 
ſeit geraumer Zeit ſchon etwas ſeitwärts von der angebeteten Tochter 
in einem Fauteuil niedergelaffen hatte und dem Treiben des einzigen 
Kindes mit einiger Beforgniß, aber doch auch dem gebührenden Mae 
mütterlichen Stolzes zuſchaute. 

„a3 das nun wieder zu bedeuten hat?“ unterbrad) die Präfi- 

tin endlich, die Stille, als Eveline ſich in dem Stuhle zurüdlehnte. 

„Staatsgeheimniffe, liebe Mama, würde der felige Papa gejagt 

en, wenn er im der gleien Lage gewelen wäre. Dir weißt, er 

uberte nie gern aus Schule!” Elang die ſchalkhafte Antwort. 
: Spi in wandte dabei ihr ſchönes Antlig der Mutter voll 

and verjuchte, was die Worte vielleicht verlegendes haben künnten, 
einem liebenswürdigen, filbernen Lachen zu verſcheuchen. 


248 Bas Kafernengefpenft. 


Aber die Präfidentin beruhigte fich nicht fogleich Hierbei. „IH 
möchte trogdem wiſſen, Eveline, was Du fo eifrig zu fchreiben haft. 
2 bift jegt manchmal fo jeltfam, auch geftern Abend auf dem 

alle... .* 


„Störe mir jegt um alles meine Kombination nicht, fühe Mama! 

Es ift nichts, was ich zu verheimlichen gedächte, und Du wirft natur- 

gemäß die erite fein, welche von dem Solingen des Werkes, das ich 
hier joeben Eingeleiet, Kenntniß erhalten joll.“ 

Die Präfidentin fehüttelte leicht das Haupt. „Ich Begreife Dich 
jegt manchmal fo ſchwer, Eveline! Beſonders geitern Abend war 
mir Dein Benehmen geradezu räthjelhaft. Ich beobachtete, wie Du 
Hubert3 Worten mit einem fo außergewöhnlichen Intereſſe Laufchteft, 
daß ich die Erfüllung meines Lieblingswunfches ſchon in die nächſte 
Nähe gerückt wähnte; dann wieder warft Du jo falt und unnahbar 
gegen ihn, wie gegen jeden beliebigen fremden Herm. Ich Hätte es 
nie für möglich gehalten, daß Deinem aufrichtigen Herzen das Kofet- 
tiren eine Befriedigung gewähren würde!“ 

Das Hang beinahe herb aus dem Munde ber ſonſt immer fo 

jütigen und nacjfichtigen Mutter. Eveline fühlte die Berechtigung 
die Tadel3 und darum beeilte fie fih mit etwas mehr Ernſthaf- 
tigfeit, als fie fonft wohl bei diefem Gegenftand zu bethätigen pflegte, 
der Matrone zu erwidern: „Sei ohne Sorge, liebe Mama, Dein 
Schützling war wohl noch nie fo zufrieden mit Deiner capriciöfen 
Tochter, ald gerade geftern Abend, wo ich ihm eine Probe auferlegte, 
von deren fiegreichem Beftehen fein ferneres —— — 

gi „Eveline, was haft Du vor?“ unterbrach fie die Mutter beun- 
ruhigt. 

„Herr Premierlieutenant von Horſt!“ meldete in diefem Yugen- 
blick die Zofe und überhob fo Evelinen der Sorge, wie fie aud) 
noch fernerhin ihr muthwilliges Vorhaben vor der verftändigen 
Mutter verbergen möge. 

„Sit uns willfommen!“ beſchied die Präfidentin in augenblid« 
licher freudiger Erregung, die nur wieder durch die Wahrnehmung, 
wie gleihgiltig Eveline die Ankündigung des Vefuches aufzunehmen 
ſchien, um ein wenige® gedämpft wurde. 

Der Angemeldete betrat den Salon und begrüßte Die Damen 
mit jener vertraulichen Nitterlichkeit, welche die Tante ſtets von 
neuem zu feiner geſchworenen Verbündeten machte. 

„Darf ic) fragen, wie die gnädige Frau Tante die Anftrengungen 
des geftrigen Abends ertragen haben? Ich Hoffe, nicht allzu jcywer?“ 
fragte der galante Neffe. 

„Und Sie, ſchöne Couſine“, wandte er fid) an Eveline, ald er 
ein zufriedene3 Lächeln der Tante empfangen hatte, „haben auch Sie 
fid) von den Mühen und Beſchwerden bes Bälles nach Wunſch er- 
holt?“ Als fie danfend bejahte, fügte er etwas leiſer die Frage Hinzu: 
„Weiß die Frau Tante um Ihre — Dispofitionen?“ 

Da Eveline nicht ſogleich antwortete, entftand eine Heine Paufe 


Bas Kafernengefpenft 249 


im Gefpräch, welche die Präfidentin dahin deutete, daß etwas wich— 
tige zwiſchen ben beiden unauögejprochen fei; um es ihnen zu er- 
leichtern, ergriff fie einen glaufiblen Vorwand, für kurze Beit in das 
Nebenzimmer zu treten. Kaum Hatte fie den Salon verlafjen, als 
ſich Eveline zu dem Vetter mit der Frage wandte: „Bereuen Sie 
Ihr geftriges Berfprechen?“ 

Ich bin der Ihre mit Leib und Seele, jet und immerbar!“ 
erwiberte Hubert, indem er ihr reizendes Bild mit glühender Be— 
wunderung umfing. 

Sie Fentte unter ben brennenden Bliden ihr erröthendes Antlitz 
und hielt ihm wortlos das gefaltete Papier hin. 

„Meine Inftruktion?” 


Leſen Sie!" 
. Anal iberftog die ihm fo fieben Zeichen. Dann ſah er fragend 
zu ihr_auf. 
„Sie zweifeln, ob er darauf hereinfallen wird?“ 
„Ein wenig!“ 


„Und fagten doch jelbft, er fei von ſehr einfeitiger Erziehung 
und bejchränfter Einficht.“ 

„Was Sie ihm da zumuthen, überfchreitet das glaubhafte Maß.“ 

Ein jpöttifches Lächeln lief über ihre Züge. „Nach dem, was 
er geſtern geleiltet hat, wird ihm aucd das — nicht ſchwer fallen!“ 

Er blidte vertrauensvoll zu ihr auf. „Ich baue auf Ihre Ins 
[piration; aber wenn ich es ausführe, riöfire ich den Tadel der Uns 

adichaftlichkeit mit allen Konjequenzen.“ 

Sie reichte ihm die Hand. . 

Ah, ich ſoll Ihre tameradichaftliche Hand als Aequivalent nehmen?“ 

Sie nidte und er bebedte ihr zartes Handgelent mit feurigen 
Küffen, denen fie ſich nicht entaog: 

In diefem Augenblide trat die Präfidentin wieder ein; die bei 
ihrem Nahen unterbrochene herzliche Bertraufichkeit war ihr Teines- 

8 entgangen. Sie fragte erfreut: „Nun, meine Kinder, find die 
— —9 geſtrigen Abends zur beiderſeitigen Zufriedenheit 
jeglichen?“ 
auge gi waren keine Differenzen vorhanden“, verſicherte Eveline 
beziehungsvoll, „nur_die thatſächliche Uebereinſtimmung ift eine noch 
voilſiändigere geworden!“ 

Jede andere Mutter würde vielleicht in diefem Falle die Er- 
füllung ihrer man als Thatſache behandelt und mit dem längft 
hereit gehaltenen Segen zugeklappt haben. Aber jo wie fie ihre den 

nft immer mit Ser vermengende Tochter kannte, begnügte fie 

5), forfchend zu dem als Sohn erfehnten Neffen Hinlbersufehen. 
Da aud) er feine bindende Antwort gab, jo lenkte fie enttäujcht 

» Unterhaltung auf einen anderen Gegenitand, über deſſen Beha; 

g bald eine allgemeine, unbefangene Konverfation zuftande kam. 

> fi dann Hubert nach Verlauf einer weiteren Viertelſtunde 

abjchiedete, erinnerte nichts mehr an die getroffene Vereinbarung, 


250 Das Kafermengefpenft. 


wenn nicht die zuverfichtliche Phraſe Evelinens: „Ich hoffe immer- 
hin, lieber Herr Vetter, dab Sie mich über die Verwirklichung der 
Pläne nicht allzu lange in Untenntniß laſſen!“ 

„Nicht allzu lange in Unfenntniß lafſen.“ Dies Abſchiedswort 
ang Hubert von nun an ununterbrochen in den Ohren, und als er 
heute nach gehöriger Erledigung des Dienftes in feine Wohnung, 
welche er als fogenannter Kaſernencommandant in ber. Ktaferne hatte, 
zurüdgefehrt war, juchte er fofort die von ber Confine erhaltene 
Inftruktion hervor, um fie aufs neue und mit um jo größerer Aufs 
merffamfeit zu überlejen. Nachdem er fie wiederholt durchgegangen. 
hofte er ein längst beifeite gelegtes Lehrbuch der Mechanik hervor 
und begann darin mit großem Eifer zu fuchen und zu lefen, und er 
erfreute fich jelbjt nach längerem Bemühen mit dem Ausruf, den 
einft ein größerer Philofoph, aber nicht mit größerer Freude als er 
jegt, getan: „Ich hab's gefunden!“ 

lſobald begann er auch die geiftige Errungenſchaft in förper- 
liche Greifbarfeit umzufegen. Er lieh fich von dem allzeit dienſt⸗ 
bereiten Burjchen, Pappe, Holzleiftchen, Draht, Leim und andere 
nothwendige Materialien herbeiihaffen und verjudjte, von dem, wag 
er im oben auszuführen verjprochen Hatte, fich ein Kleines Inſtruk— 
tiong-Modell zu fonftruiren. Und fo eifrig war er bei der Sache, 
daß er über dem Poſſeln Abendeſſen und Offizierskaſino vergaß 
und bei einem falten Imbiß fortarbeitete, bis ihn die immer fühl- 
barer werdende Kälte des Zimmers darauf en machte, daß 
die für heute gelieferten Kohlen längft aufgebraucht feien und darum 
wohl auch der Burfche im Nebenzimmer noch weniger als er jelbit 
einen Ueberſchuß an Körperwärme verfpüren fünne. 
jon am anderen Vormittag padte Hubert fein mit ebenſoviel 
Ausdauer ala Geſchicklichkeit gefertigtes Mobell in eine Schachtel 
und begab fich damit zu feiner ſchönen Mitverſchworenen, welche ob 
der fo baldigen Verwirklichung ihrer Idee, wenn auch zunächſt nur 
zur Probe im feinen, jo erfreut war, daß fie wie ein Kind in die 
Hände tlatſchte und den lieben, Hilfebereiten Vetter mit einem Lobe 
überhäufte, daß es ihm ganz warm im Herzen wurde. 

„Jetzt die Ausführung im großen ebenfo genau und, pünktlich 
EM I werden einen eflatanten Triumph erlebey!” meinte fie zum 
Schluffe. 

„Und dann, ſchöne Eoufine, wenn wir den Triumph haben, was 
wird mein Lohn fein?“ fragte Hubert und ſah ihr heiß in die jo 
wunderſam glänzenden Augeniterne. 

Sie legte ftatt jeder Antwort die zarte Hand in feine Rechte. 
&i „Berftehe ich Sie recht, theure Eveline, Ihre Hand wollen 

ie..." 

„Richt jo ſtürmiſch, Herr Vetter!“ mahnte fie ihn unterbrechend, 
„erst die Ausführung des Projekts, das übrige wird die Zeit lehren 
und bringen!“ 

Das war nun wieder fo ganz ihre Art und Weife, mit der 


Bas Kafernengefpenft. “251 


einen Hand zu gewähren, um es mit der anderen wieber fortzu- 
nehmen: fo feifelte fie ihn jegt ſchon zwei Jahre an ihren Sieges- 
wagen. Aber diesmal, das gelobte er Ye, jollte fie ihm nicht wieder 
en lüpfen; wenn er ihren Willen ausgeführt, dann follte fie ihm 
die Hand nicht länger weigern dürfen, von deren Beſitz für ihn 
Sein oder Nichtſein abhing. War er doch fo ſehr in die Vegierde, 
fie Die Seine zu nennen, verftridt, daß er fogar eine That vorzu- 
bereiten fich nicht feheute, die ihn um den Auf, ein verftändiger 
Menſch und guter Kamerad zu fein, ſchädigen konnte, Eigenſchaften, 
die er doch bislang gar hoch und werth gehalten. \ 

Schüitle nicht zmibmmutbig das fühle Haupt, verehrter Lefer, ob 
dem dummen Streide, dem Du nun unferen Helden von Stunde zu 
Stunde wirſt näher fommen fehen, ſchlage vielmehr reumüthig au 
Deine Bruft und rufe Dir alle Deine Heinen Sünden ins Gedäct- 
niß und fieh' zu, ob Du unter ihnen nicht auch eine findeft, die im 
Banne eines Paares ſchöner Frauenaugen begangen wurde. Und ne 
Du, ſchöne Leferin, erwäge, ob Du niemals Veranlaffung gabſt, daj 
eine Deiner liebenswürdigen Schwächen einem von dem jogenannten 
itarfen Geji —— von Pfade des ſtrengen Rechtes ablenkte. 
Eine fol: löftprüfung, wenn fie nur mit der rechten Aufrichtige 
keit ins E gejegt wird, fie wird für die nun kommenden Ereig- 
niffe die beite captatio benevolentiae fein. . 

Als Hubert von Horſt am Nachmittag in feine Kaſernenwoh— 
nung zurüdgefehrt war, machte er ſich fofort daran, mit Maßitab 
und Bleiftift die Größenverhältniffe feitzuftellen, in welche er nun- 
mehr fein Mobell umzufegen hatte. Das war leicht zu bewerfftelli- 
en nicht fo auch die Ausführung in diefen Dimenfionen ſelbſt. 

ch verichiebenen mibglüten Verſuchen wandte er ſich um Her- 
ftellung der einzelnen Beftanbtheile an die zuftändigen Handwerks- 
meifter, denen er die Maße genau angab und die größtmögliche Be— 
fchleunigung der Arbeiten abnöthigte. Den Zwed des Ganzen ver- 
ſchwieg er, indem er darauf bezügliche ragen überhörte. Bald hatte 
er denn auch die einzelnen Be’tandthei e in forgfältiger Ausführung 
beifammen und machte fich nun daran, fie'zu dem Ganzen zufammen- 
zuftellen. Es verurjachte ihm feine geringe Mühe, ald er aber dann 
eine Probe damit veranftaltete, arbeitete der Apparat mit geradezu 
überrafchendem Erfolg. 

Freudig erregt, verſchloß er fein Machwerk in dem zugehörigen 
Kaften und eilte zu Evelinen, um fie von dem Gelingen feiner vor- 
bereitenben Schritte gebührend in Kenntniß zu jeßen. 

„Run nod) den richtigen Beitpunft erwählen, wann wir unjere 

ae Springen laffen, und der Sieg ift und geribn, jubelte fie. 

„Wenn nur fein a) En unferen Ungunften eintritt!” be 

ite Hubert und eine leichte Wolfe ”g über feine Stirme. „Ich 
ı mid) biöweilen nicht von dem Vorwurf retten, daß wir 


daben Sie Furcht, Sie Ritter ſonſt ohne Tadel?“ unterbrach 


252 Bas Safernengefpenft. 


ihn Eveline und ein leifer Spott zuckte um ihren frifchen Mund. 
„Weder ich, noch meine Freundinnen wollen Sie irgend einer Ge- 
fahr ausfegen, und wenn Sie finden, daß Sie befjer thäten, uns 
diefen Dienft nicht zu leiften, jo entbinden wir Sie gerne Ihrer 
Zufage!“ 

Sie trommelte troßig wider die Fenſter Kpeibe und ftellte fich 
gegen alle erneuten Betheuerungen feiner Ergebenheit taub. Heute 
war fie nun fo, wie fie in alle Zufunft gegen ihn fein würde, wenn 
er ihren Wunſch nicht erfüllte. Das aber würde er ficher nicht er- 
tragen fünnen und mit bem fefter Vorſatz, bei der erften fich bieten- 
den Gelegenheit feine Bufage einzulöfen, verabſchiedete er ſich von 
feiner ungnädigen Gebieterin. ugleich nahm er fich vor, erſt 
wieder mit dem Bericht der vollendeten That vor fie hingutreten 

Eine zur Ausführung des Vorhabens günftige Gelegenheit füllte 
nicht lange auf ſich warten lafjen. Schon an einem der folgenden 
auge wurde bei Parole befannt gegeben, daß von heute auf morgen 
Sefondelieutenant von Rachow Kajernen-du jour habe. Das war 
für Hubert das Zeichen, die Kataſtrophe noch in der heutigen Nacht 

beizuführen. 13 Herz ſchlug ihm etwas unruhig und er tadelte 
ſich felbft ob feines Beginnend, ala er in fpäter Abendftunde Die 
legte gan ans Werf legte. Aber dann trat wieder das verführe- 
riſche Bild Evelinens vor fein inneres Auge und verjcheuchte jedes 
er ex mußte fie befigen, ei es auch mit Hilfe eines thörichten 
treiches. 


* * 
* 


Wenn Erich von Rachow nicht einer Einladung Folge leiſten 
Ionnte, brachte er die Abendftunden regelmäßig in feiner Wol 
zu. Das unter fo vielem anderen hatte ihm feine Mutter zur Pflicht 
gemacht, die von dem Beſuch der Hötels und der Reſtauralionen 
neunundneungig Prozent aller ruinirten Exiſtenzen mit mathemati- 
fcher Gewißheit ableitete. Daher mußte Erich in allen Familien, 
wohin immer eine Einladung erivartet werden konnte, Befuche machen, 
und unter diefem Gefichtspunfte waren fogar bürgerliche Familien 
für Mutter und Sohn annehmbar. Dank Feten Bemühungen, war 
es denn auch Erich gelungen, faft an jedem Tage ein warmes Abend- 
brod, das er fehr zu fehägen wußte, ohne Inanſpruchnahme eines 
Gaſtwirthes zu erhalten. An den wenigen Abenden, die ihm bis 
jegt feine Einladung gebracht, war es ihm daher auch nicht ſchwer 
allen, zu Haufe „ex faustibus“ feinen Magen zu befriedigen. Er 
— zu dieſem Zwecke nur eines kleinen Reſtes feiner Fruͤhſtücks— 
milch, die ihm fein Burſche von der Straße holen mußte, und eines 
Ternhaften Stüdes Commisbrodes, welches ihm ebenderfelbe getreue 
Wardein von der eigenen Portion gegen billiges Entgelt verab- 
reichte. „Die von Rachow haben e3 immer fo gehalten“, erklärte er 
einem Kameraden, der ihn eines Abends bei feinem frugalen Mahle 
antraf, „und die von Rachow find alt dabei, geworden. ‚Mäßigkei 





Bas Kafernengefpenft. 253 


in Ejfen und Trinken macht einen Maren Kopf und das Herz frei 
von Begierden‘, jagt meine Mama und meine Mama ift eine gar 
verjtändige und erfahrene Frau.“ 

„Das ſind jehr ehrenwerthe Anfichten“, hatte der Kamerad ge- 
antwortet; im ftillen aber wunderte er fich doch, warum Rachow, 
wenn er die geäußerten Grundſätze wirklich zu den feinigen erhoben 
hatte, am Offiziersmittagtiſche zur Verzweiflung des Hausverwalters 
regelmäßig den Appetit von drei anderen entwidelte und aud in 
den Abendgefellichaften, in welchen er bisher mit dem Enthaltjamen 
zuſammen getroffen war, in dem Konfum vor Speife und Trank 
geradezu befuftigende Fähigfeiten entfaltet hatte. 

te num hatte Erich wieber einen ſolchen Kopf und Herz 
Härenden Abend. Nachdem er ſich an dem vom Burſchen ferpirten 
Imbiß gütlich gethan, verwandte er den Neft des Abends darauf, 
fi auf den wichtigen Dienſt als Kafernen-du jour würdig vorzu⸗ 
bereiten, indem er nicht nur die ſpeziellen Vorſchriften mit Andacht 
durchlas, ſondern auch die allgemeinen Bejtimmungen in fein Ge 
bächtniß zurückrief. Alſo von dem Geifte der Inftruftion durchleuchtet, 
machte er fich endlich gegen Mitternacht auf den Weg, den ihm ber 
heutige Dienit vorjchrieb. ö 

war noch nicht allzuweit gefommen, als ihm ein zärtliches 
Baar in Geftalt eines Unteroffizier und einer, wie der Augenfchein 
lehrte, voligiltigen Vertreterin des vielbeiprochenen Küchenperſonals 
begegnete; die männliche Hälfte des Paares offenbarte bei dem An- 
blick des Offiziers fo unzweideutige Zeichen ber Ueberrajchung, daß 
der Verdacht, der Unteroffizier halte fich ohne Erfaubnik außerhalb 
der Kaferne auf, nur zu begründet joreinen mußte. Den vorſchrifts⸗ 
mäßigen Anruf fchien der Untergebene einen Moment mit einem 
Fluchtverſuch beantworten zu wollen. Aber war es die nachwirkende 
Umarmmn weiblichen Theile, war es die Folge der militärifchen 
Disziplin, das Baar machte plöglich Halt und nahm bie Front nad; 
dem im vollen Dienſtſchniuck leuchtenden Offizier. 

ben Sie eine Ürlaubskarte?“ inquirirte Rachow. 

„Rein, Herr Lieutenant.“ 

„Wer find Sie?" 

„Unteroffizier Driller von der zehnten Compagnie.“ 

„Mir befannt“, brummte Eric) und wandte fi ohne weiteres 
zum Fortgehen. 

iefe Wortlargheit erſchien der Küchenfee beſonders bedrohlich. 

. Serr Leibnant“, rief fie ihm nad), „warten Sie doch nur einen 

igenblid. Sie erkennen mich vielleicht wieder. Ich bin's, die 

Hin in Herr Geheimerath3 M. wo Sie neulich fo gut gegefien 

sen. Beim Heimgehen drüdten Sie mir etwas Hartes in die 

nd, aber als ich zufah, war nichts d’rin. Ich will ja nicht? weiter 

en, aber lafjen Sie doch aud meinen Schag frei aus. Herr 
bnant, Herr Zeibnant! .. .” 

So haderte fie eifrig fort, aber Erich hörte weder ihre Gründe, 


254 ‚Bas Kafernengefpenft. 


noch die energifche Gegenrede des Unteroffiziers, welcher fich vergeb- 
lich bemühte, feiner Geheimerathsköchin das Gefährliche ihres Be— 
nehmen klar zu machen. 

Der Weg führte jegt Erich an einem Heinen Lädchen vorüber, 
deffen Schaufenster, wern man das fpärlihe Glas jo nennen durfte, 
bereit3 gejchloffen war. Die Thüre war angelehnt und durch den 
Spalt jah Rachow in dem noch erleuchteten Innern die Geſtalt 
eines Musfetierd fich deutlich abheben. „Was hat ber noch jo fpät 
in dem Geſchäft zu thun?“ fragte fich der Dienfteifrige und ftieß Die 
Thüre auf. Der Soldat erjchraf, ftellte ſich aber jofort in die vor— 
ſchriftsmäßige Pofitur. 

aber un Set Burfäe be 50 

„Musfetier Infel, Burjche bei Herrn Hauptmann von Saliſch.“ 

„Haben Sie eine a ai D . * 

„Rein, Herr Lieutenant.“ 

„Wie fommen Sie hierher?“ 

„Herr Lieutenant wifjen, daß Herr Hauptmann imverheiratet 
find. Herr Hauptmann kommen oft jpät aus Gefellihaft und ſehen 
es gerne, wenn ich noch da bin, um ihm beim Auskleiden behilflich 
zu Fin. Unfer Brennmaterial war heute zu Ende gegangen, ich fror 
in der Wohnung und um mid) etwas zu erwärmen, wollte ich mir 
hier im Laden’ etwas holen.“ 

Berde Sie trogdem melden, gehen Sie ſofort mit zur Kaſer— 
nenwache!“ . 

„Über wenn mich Hauptmann doch haben wollen!“ klagte 
der Burſche in weinerlichem Zone. 

„Dann muß er Sie eben von der Wache abholen!“ Hang die 
harte Antwort. . 

Der Arme, der fich doppelt beflagenswerth vorfam, einmal, weil 
er jein wärmendes Getränf ungenojjen jtehen laffen mußte, dann, 
weil er dem Hauptmann Ungelegenheiten bereiten würde und viel- 
leicht gar feinen Burſchendienſt aufgeben müßte, folgte dem alt 
Voranjchreitenden zur Kaſernenwache, wo er bis zum Blaſen der 
Tageöreveille verweilen follte. 

F hätte auch den Unteroffizier arretiren follen!“ brummte 
Rachow in ſich hinein. „Zwei Fälle vor ber Staferne, ausgezeichne- 
ter Erfolg! Wenn das Reſultat innerhalb ber Kaſerne ein gleich 
günftiges ijt, muß ber Oberſt meine Schneidigfeit beſonders aner- 
fennen.“ 


Er lieferte den Arrejtaten auf der Kaſernenwache ab und be- _ 


gann nun feinen Rundgang durch die weitläufigen Räume. 

Die Kaſerne war vor grauer Zeit ein Nonnenklofter geweſ 
das bei der Zäfularijation zur Unterfunft für die Soldatesfa 
ftimmt worden. Im Lauf Jahre war dann ein Bau nad d 
andern, wie es das Bedürfniß erheijchte, angefügt worden und 
bildete das Ganze jept einen höchſt fomplizirten, nichts weniger « 
ftilvollen, aber doch ganz zweddienlichen Komplex. Aus der vi 






Das Kafernengefpenft. 255 


bewegten Vergangenheit Tnüpfte fich noch mandie Sage an das 
alterthümliche Haus. Man follte in ftürmijchen Nächten oft ein 
geheimnißvolles Flüftern und Seufzen in den winfeligen Gängen ver» 
nommen haben und jelbjt von geipenfterhaften Erſcheinungen wußte 
die Tradition gar manches haarjträubende Erempel zu erzählen. 

Am Kafinotifch hatten die jungen Offiziere ſchon oft Proben 
folcher Hiftörchen gegeben und zumal in den legten Tagen war 
Hubert von Horft, der in dem einheimijchen Dingen wie fein anderer 
bewanbert fchien, im Erzählen jolcher Schauermären fchier uner- 
{höpflich geivefen. 

Das alles fiel fo ganz von ungefähr unſerem Eric) ein, ale 
er die sieffattenben Gänge durchmaß, welche nur höchft nothdürfti 
bier und von einzelnen, aus Erjparungsrüdfichten, auf Biertel- 
ſtärke zurüdgefchtaubten Gasflammen beleuchtet waren, eine Beleuc;- 
tung3art, die ganz dazu gefchaffen fchien, in der Einbildungskraft des 
einfamen Wanderer allerlei grotesfe Phantome zu begünjtigen. 
Dazu umheulte der Wind in allen Tonarten das alte Gemäuer, 
daß auf dem Dache die Ziegel Elapperten und die Wetterfahnen 
freifchten. Bwifchenhinein glaubte Erich gar den unheimlichen Auf 
des Nachtvogels Käuzchen zu hören, deffen Erijtenz und jemeifiges 
Erſcheinen in den Ammenmärchen eine jo hochwichtige Rolle zu ſpielen 
berufen ift. Won derartigen Einflüffen aber war Erichs Phantafie 
keineswegs frei geblieben und fo jah und hörte er auf feinem ein- 
famen Wege bei jedem Schritt und Tritt etwas, das ihm ungeheuer- 
lid, dünkte. Im Grunde verwünfchte er jet ſchon den nächtlichen 
Dienftgang und er war fogar geneigt, auf jeden weiteren guten Fang 
zu verzichten, wenn er nur erjt mit heiler Seele aus diejen ſchauer⸗ 
fihen, labyrinthiſchen Gängen würde gerettet fein. 

Ganz von biefem Wunſche erfüllt, hatte er plöglich, in der 
Nähe einer tiefen Fenfternifche angekommen, einen Anblid, der ihm 
das Blut in den Adern erftarren machte. In der Aufregung des 
Moments fuhr er mit der rechten Hand nach feinem Kopfe, wie um 
dort eine Erklärung der räthjelhaften Erfcheinung zu fuchen. Durch 
die Haftige Bewegung aber zerrig die dünne Schnur, an welcher fein 
Lneifer Befeftigt war, und das Binocle fiel flirrend zur Erde. Seine 
Sehlraft war durch dieſen unglücjeligen Zufall um das doppelte 
ſchwächer als ſonſt. Die unheimliche Erfcheinung im Auge behaltend, 
fuchte er mit Händen und Füßen nad) dem verlorenen Sehapparat. 
Aber noch während er fid) bemühte, wieder zu feinem Eigenthum 
- fommen, verſchwand die Erfcheinung mit Gedanfenfchnelle vor 

en Augen, und da der Zwider troß eifrigitem und forgfältigitem 

den nicht aufzufinden war, fo beſchloß Erich, ohne denjelben 
em Rundgang fortzufegen. Kaum Hatte er indejjen wieder einen 
ritt vorwärts gethan, als die vorhin geſehene Erjcheinung aber- 

% vor ihm auftauchte. 

„Alle guten Geifter“, murmelte der Erſchreckte und fonzentrirte 

ſchleunigſt rückwärts, um die noch nicht betretenen Räume von 


256 Bas Kafernengefpenft. 


einer anderen Seite aus zu vifitiren. Pas gelang ihm denn auch 
ohne Störung und ohne daß er ein nennenswerthes Ddienftliches 
Nefultat in feinem Geifte hätte aufzeichnen mögen. Und jo war er 
dann wieber in die Nähe der Stelle gefommen, wo er vorhin zwei⸗ 
mal bie geözsdenerregenbe Vifion gehabt hatte. Er ging gerade bei 
fich zu Nathe, ob er die unheimliche Stelle num nicht Tieber ganz 
vermeiden und auf dem Plage umfehrend, die Kaſerne verlaffen jolle, 
was er ja, da alle Gänge abgefucht waren, unbefchabet feiner Dienft- 
pflicht thun fonnte, als die Schredgeftalt zum britten Male vor ihm 
auftauchte. Der Mond brach gerade durch das zerrifjene Gewoͤlk 
und beleuchtete den oberen Theil des Schemens mit feinem bleichen 
Lichte, ſodaß ihm trog feiner geſchwächten Sehfraft das Schauerliche 
des Anblicks noch deutlicher wie vorhin zum Bewußtfein fam. Mit 
einem Schrei des Entjegens taumelte Erich zurüd und verließ eilen- 
den Schrittes den Schaupla feines Abenteuers. 

AS er zu Haufe angelommen war, zündete er die Lampe an, 
um entfegt vor feinem eigenen Spiegelbilde zurüdzuprallen: er war 
jelbft fo bleih und fahl wie das Gejicht, das er vorhin gefehen, und 
die Kopfhaare ftanden ihm rings zu Berge, wie die Stacheln eines 
zur Vertheidigung zufammengerollten Igels. Er ſetzte die Lampe 
auf den Tiſch und fich ſelbſt auf das Sopha, um das erlebte Aben- 
teuer nochmals an feinem Geifte vorüberziehen zu laſſen und zu 
überlegen, was er nun thun folle Bei diefem Rückwärtsſchauen 
fror er am ganzen Körper, troßdem der Ofen noch eine gun hag⸗ 
liche Wärme ausſtrahlie; er umfing ſchließlich den wohlthätigen 
Wärmeerzeuger mit beiden Armen und Hatte doch die Empfindung, 
als erftarre alles Blut in ihm zu ewigem Eife. 

Ia, was pie er thun? Das Erlebniß auf Grund des Garni- 
ſons⸗ und Kafernen-Dienftreglement® der Commandantur und dem 
Regimentscommando melden? Würde man ihm Glauben ſchenken? 
Und hatte er We alles gethan, was er zur Aufklärung des That» 
beftandes Hätte thun müſſen? O nein, er hatte nicht einmal den 
Thatort umterfucht, er fonnte alfo auch nicht einen Bericht von vor- 
ſchriftsmäßiger Genauigkeit einfenden. Was hätte er jegt um einen 
Freund gegeben, in deſſen verſchwiegenen Bufen er feine Bejorgniffe 
und Bweifel hätte ausfhütten und von dem er einen guten Fass 
hätte hören können! Dank der mütterlichen Bevormundung hatte er 
fi, um die Rachowſche Gefinnung ja rein zu bewahren, von jedem 
näheren Umgang mit einem Kameraden oder ſonſtigen Altersgenoffen 
ferne gehalten, und fo war er benn auch jegt mit feinem peinlichen 
Geheimniß nur allein auf ſich felbft angewieſen. Doch nein! C- 
hatte ja die vortreffliche, verftändige, in allen Dingen erfahren 
Mutter; an fie mußte er ſich and) jest wenden. An Schlaf war füı 
diefe Nacht Doch nicht mehr zu denken, und daher holte er dem 
einiges Schreibmaterial herbei und bemühte ſich, das Erlebnik, fo gu 
es die aufgeregten Sinne und bebenden Hände geftatten wollten, zu 
Papier zu bringen. Er fchrieb: 





Bas Kafernengefpenft. 257 


„+ ** 28. November 18... 
Vielgeehrte und theure Mutter! 

Meinen treugehorfamen Sohnesgruß zuvor! Es ift vier Uhr 
morgens und ich Nehe noch ganz unter den Wirkungen, welche ein 
mir räthjelhaftes, erjchredendes Ereigniß auf mich hervorgebracht 

t. Denke Dir; ich hatte Heute Nacht die Kaferne zu vifiticen. 
3 war eine haßli e, regen⸗ und winddurchſchauerte Rast, ganz 
fo wie Du fie zu ſchildern pflegtejt, wenn Du mir von dem Unter- 
eng unferer altehrwürdigen Stammburg erzählteit, die ein roher 
Sb Ihaufe im frevelhaften Drang nad) neuen Rechten einäjcherte, 
daß der —— des Geſchlechts wehllagend auf den Trümmern 
umberirrte. Ich Hatte bereit3 den grökten Theil der Kaſerne 
vifitirt, ohne etwas von Bedeutung gefunden zu haben, ala plög- 
lich wie aus der Erde gewachſen, das gejpenitige Bild einer Nonne 
vor mir fteht. In der Einwirkung des momentanen Schredens 
verlor ich meinen Kneifer, und während ich mich bemühte, ihn zu 
fuchen, verſchwand die Nonne vor meinen Augen. fuchte lange, 
aber vergebens, mir um fo unangenehmer, als mein Baargeld eben 
jegt am nahen Ende des Monats fehr zufammengefchmolzen ijt 
und ich mir faum mehr den fo unentbehrlichen Kneifer wieder von 
neuem anfchaffen könnte. Nach langem, fruchtlofem Bemühen gab ic 
das Suchen endlich auf und wollte meinen Weg weiter fortjegen. 
Aber, o Grauen, die Feder fträubt fich fat, es niederzuſchreiben, 
da ftand die Nonne ſchon wieder vor mir und ftarrte mich aus 
ihren tiefen Augenhöhlen an. Ich machte burg seht und juchte 
die übrigen Kafernenräume auf einem andern Wege ab. Als ic 
an die vorhin gemiedene Stelle zurüd kam, trat mir die Erſchei— 
nung zum dritten Male in den Weg, und wie ich jegt in dem 
etwas ftärferen Lichte des Mondes ganz deutlich unterfcheiden 
tonnte — das Geficht war ein grinjender Todtenſchädel, unter 
fangwallenden Wermeln des tiefichwarzen Gewandes fahen die 
Happernden, glänzend weißen Knochenhände heraus, nach unten 
aber verlor ſich die Gejtalt in dem unbejtimmten Dunkel, welches 
die tiefe Fenfternijche ala Schatten warf. Ich war ganz fonfter- 
nirt und zog mich, da die Erſcheinung auch der fräftigiten Be— 
ſchwörungsformel nicht weichen wollte, mit angemefjener Eile aus 
der Affäre, um nun bier zu Haufe das Abenteuer in Deiner 
Geſellſchaft — o, wäreft Du doch fürperlih hier! — nodmals 
an meinem Geifte vorüberziehen zu laffen und Dich um Deinen 
erfahrenen Rath anzugehen. — Der Tag graut bereitd. Ich gehe 
in die Raferne, um nad) meinem Sneifer zu fuchen und den Ort 
der That bei Tagezlicht zu fehen. Adieu bis nachher! — 

Ich bin zurücgefehrt. Als ich in die Kaſerne kam, bfies der 
Signalift gerade die Tagesreveille, mir ein gar fo lieber Gruß. 
Ich nahm mir von der Kaſernenwache einen Mann mit, der mir 
follte fuchen helfen. Wir fanden auch gar bald den verlorenen Kneifer, 
leider war nur noch das Gehäufe in brauchbarem Zuftande, beide 
Der Sealen 1889. Heft II. Band I. 18 











258 Bas Kafernengefpenft. 


Gläſer waren zerjplittert. Wie ich vermuthet, war an der omi— 
nöfen Stelle aud) gar nichts außergewöhnliches zu entdeden. Die 
Sandjteinplatten, mit welchen ber ganze Gang belegt iſt, find 
an der Stelle von derjelben Bejchaffenheit, nichts deutete bei 
Tageslicht auf irgend etwas hin, das irgendwie zur Aufklärung 
einen Anhaltspunkt bieten könnte! Wie urtheilft Du über den 
Vorfall? 

Ich habe keine dienſtliche Meldung erſtattet und werde auch 
privatim über die Sache Stillſchweigen beobachten, da ich nicht 
weiß, ob ich mic) jemandem anvertrauen kann. Schreibe mir bald, 
was ich thun fol, ich brenne darauf, Deine Inftruftion zu erhalten. 

Wie immer 

Dein 
lieber und treugehorfamer Sohn 
Eric) von Rachow 
Königlicher Sefondelieutenant im n. Inf.-Agt.“ 


Mit wendender Poſt erhielt unjer Held folgende Epiftel: 
„N. N. den 30. November 18... 
Mein lieber, einziger Erich! 

„Es find die fchlechten Birnen nicht, woran die Wejpen 
nagen!“ Das laß au ir zum Trofte jagen über Dein großes 
Abenteuer. Denn wilje, die von Rachow find, folange unjere 
Familienchronik zurüdteicht, immer gerne von Erſcheinungen aus 
der Geifterwelt heimgefucht worden, aber fie haben fie alle immer 
tapfer beftanden, un daß Du, wie Du mir fchreibjt, in dieſem 
Muthe feine Ausnahme gemacht haft, giebt mir den erfreulichen 
Beweis, da in dem legten unjeres Stammes das Blut der Vor: 
fahren rein und tüchtig erhalten geblieben ift. Anno 1632 war, 
um nur mit wenigen Beijpielen zu dienen, einer unferer Vorfahren 
als Hauptmann ins Feindesland eingebrochen. Er hatte ein feites 
Schloß beieht und feine Mannfchaft ließ es ſich in dem gut ver: 
proviantirten Quartier gar wohl gefallen. Mitten in der Nacht, 
— die Uhr wird wohl auch gerade die zwölfte Stunde gezeigt 
haben — ftand plöglich eine weiße Geftalt neben feinem Lager, 
die ihm bedeutete, fchleunigft aufzubrechen und das Quartier zu 
räumen; benn es würde eine feindliche Uebermacht kommen und 
alles niederhauen, was ſich ihr in den Weg ftelle. Dein Ahr 
nahm die Warnung ohne Furcht entgegen; aber ohne Zaubern lich 
er mitten in der Nacht Alarm blafen, fatteln und paden und den 
Ausmarſch antreten. Am andern Mittag ſchon wehte vom Schloß 
die feindliche Flagge: die fünffache Uebermacht war dafelbft ein- 
jerüct. — Anno 1759 hatte ein Fähndrich aus dem von Rachow— 
Pen Geſchlechte einen gefährlichen Patrouillengang angetreten. 
Diefer_Dienft führte ihn in eim dichtes Gehölz und in ihm an 
eine Stelle, wo der Weg fich nad) drei Richtungen verzweigte. 
Er ließ Feuer ſchlagen und las auf dem Wegweiſer: „Zur Hölle, 


Das Kafernengefpenft. 259 


ind Himmelreih, nah N. N“, d. h. dahin zurüd, woher er ge— 
tommen war. Die Schrift Teuchtete, wie von übernatürlicher Hand 
geſchrieben. Er war, wie alle Rachows, ein frommer Chrift. Darum 
wollte er nicht in die Hölle gehen, wohin er ja auch nicht gehörte; 
ins Himmelreic) einzugehen, Akte er ſich noch nicht würdig genug 
vorbereitet; daher trat er mit feiner Mannjchaft den Rückweg nad) 
N. N. an. Als er im Lager anfam, hatte der Hauptmann, der 
{on ausgeſendet, eine herzliche Freude ihn wieberzujehen, da ihn 
der Commandant inzwijchen darauf aufmerkfam gemacht, es Mn 
wie ein Wunder aufzunehmen, wenn die Patrouille von dem Gang 
in die Nähe bes übermächtigen Feindes zurüdfehre. Was ihn er- 
rettet von dem graufigen Schidjal der Gefangennahme oder gar 
Schlimmerem, das hat der Fähndrich dem Hauptmann nicht mitge- 
theilt; aber unfere Chronik hat e8 gar wohl als einen göttlichen 
Fingerzeig aufbewahrt. — Solcher Beiipie fe, daß fich übernatür- 
liche Mächte derer von Rachow angenommen und fie ihres Um- 
sange gewürdigt, könnte a Dir aus unferer Chronik noch un- 
ählige berichten, doch wirft Du mir das, Lieber Erich, gerne erlaffen, 
inſonders auch, wenn “ Dir fage, daß meine Augen in letzter 
Zeit wieder um vieles ſchwächer graben find. I theile in 
diefem, wie in allem andern das Schickſal unferer Hohen Familie, 
deren Angehörige ſämmtlich in heranrüdendem Alter eine Schwä- 
dung des Gefichts und Gehör zu erleiden hatten. Nur ber 
Pöbel bewahrt feine Sinne in thierifcher Frifche. 

Um wieber auf Dein Abenteuer zurü diufommen: ich finde es 
durchaus richtig, daß Du feine dienftliche Meldung davon erftattet 
Haft. Wofür auch? Unjerm Familienarchiv habe ich Deinen denk— 
würdigen Brief vom 28. November einverleibt; dort wird er noch 
in fpäten Jahrhunderten den Nachkommen ein hochwichtiges Do- 
fument fein. Privatim fannft Du immerhin jhon über Dein 
Erlebniß fprechen. Der Muth, mit welchem Du das Wagniß be- 
ftanden haft, wird zweifelsohne Dein Anſehen heben und Dir 
Bewunderer bringen. Aber da von der Bewunderung zur Liebe 
nur ein Kleiner Schritt zu fein pflegt, jo hüte Dich, daß Du nicht 
in einer fchwachen Anwandlung den Schmeicheleien der bortigen 
Damen erliegen mögeft. Daß nur eine einzige, gleich Dir der 
legte Sproß unferes einjt jo weit verzweigten Stammes, Dir zur 
gehenägefährtin frommen kann, das weißt Du. Aber ebenjo gut 
weißt Du auch, daß an die Verwirklichung diefer unferer Lieblings» 
"see_erft gedacht werben fann, wenn Du einmal Hauptmann erjter 

laſſe fein wirft. Selbſt wenn ich alles daran wenden wollte, 
ürde es nicht eher zu ermöglichen fein. 

Um Deinen pefuniären Verluft zu erjegen, jchließe ich, hier 
nen Fünfmarkjchein ein, für welchen Du Deinen Kneifer wieder 
titellen lajfen und noch etwas für unerläßliche ftandesgemähe 
uögaben, wie Wohlthätigfeitsbazar, Ausſteuer für arme Waifen- 
der, innere Miffion u. ſ. w. erübrigen wirft. Denn „wohlzu⸗ 

18* 





260 Bas Kafernengefpenft. 


thun und mitzuteilen vergeſſet nicht!” war immer ein Wahlſpruch 
unferer Familie; alle Seiten unferer Chronik weifen darauf hin. 
Bleibe immer nahe bem Herzen 


Deiner 
Dich treuinnig liebenden Mutter 
Natalie von Rachow, 
nee von Rachow.“ 


* 
* 


Es war der zweite Ball, feitbem der famoje Ausgleich zwiſchen 
Civilgefellihaft und Militär gefunden war. Die Beziehungen der 
Zamilien hinüber und herüber waren vertrautere geworden und 
manches Band war gefnüpft, von bem gehofft wurde, daß daraus 
ein mindeftens für die Leben dauerndes werden könne. Gott Amor 
hatte nämlich hinüber und herüber geſchoſſen und in ben jugendlichen 
Schaaren beiderlei Geſchlechts ſolche Verwirrung angerichtet, daß die 
unbetheiligten Zufchauer zu ber Ueberzeugung gelangten, die Bewafj- 
nung des geflügelten Gottes, welche man fi vor drei Jahren noch 
als einfache Ausrüſtung mit klaſſiſchem Pfeil und Bogen gedacht 
hatte, ſei feitdem entfprechend modernifirt und in ein maſſenmöͤrderi⸗ 
ches ARepetirgewehr umgewandelt worden. Hubert von ‚Dorf und 
Eveline von Kroner waren allen mit dem beiten Beijpiele voraus- 
gegangen und alle Welt meinte, die offizielle Kundgebung beffen, 
was alle Welt ahnte, müfje in jedem Augenblid erfolgen. 

Nur Eveline ſelbſt glaubte den entjcheidenden Augenblid immer 
noch hinausfchieben zu jollen und befand ſich darin im fchroffen 
Gegenfag zu Hubert und der Mutter, welchen das Zögern des ges 
liebten end von Sekunde zu Sekunde räthjelhafter wurde. Eveline 
hatte beiden gegenüber die beſtimmte Abficht ausgefprochen, auf dem 
nächſten Back te ihre beiberfeitigen Wünſche mit einem öffentli— 

Ja zu krönen. Dies Balffeft war nun gefommen, war im beiten 
Zuge und noch immer hielt Eveline mit der Erfüllung ihres Ver— 
ſprechens zurüd, Hubert wurde darum viertelftundenlang von allerlei 
melandofiihen Gedanken heimgefucht, die zu feinem fonft fo heitern 
und aufgeräumten Wefen gar nicht jtimmten. Ihm jchwante etwas, 
wie wenn feine fchöne Coufine aud, mit ihm gleich den andern nur 
ihe Spiel treibe und an eine ernftliche Abficht gar nicht mehr denke. 
Dann wieder, wenn er durch einen verftändniginnigen Blick ihrer 
blauen, ftrahfenden Augen aus feinen düſtern Träumereien aufgewedt, 
fi) trog allem Zögern ihrer entgiltigen Zufage gewiß hielt, beſchlichen 
ihn Zweifel, ob auch ein Liebesbund fürs Leben an der Seite eine 
fo ezcentrifchen Weſens mit allen jenen Seqnungen verknüpft ſei 
werbe, mit denen er fich das erhoffte irdiſche Paradies ftets jo gerr 
ausgemalt hatte. Schon jah er am Horizont feines Liebeshimmel 
feichte Wölkchen auffteigen, die näher und näher kamen, größer wu 
ben, fich verdichteten und Sturm und Unheil zu verkünden drohte 
Infolge dieſer Verftimmung gab ſich Hubert heute weniger eifrig e 





Bas Kafernengefpenft. 261 


fonft dem Vergnügen des Tanzes Hin; er paufirte ganze Touren und 
begnügte fich, an einem Pfeiler gelehnt, dem bunten Treiben zu— 
zulpaken, mogegen Eveline heute den ganzen Zauber ihrer len 
lichkeit frei falten und walten ließ und durch ihre unwiberftehliche 
Laune alle, die mit ihr in Berührung kamen, mit fortriß. 

Diefe Wahrnehmung war nur zu geeignet, die Unruhe und Un- 
behaglichfeit Huberts au den Gipfel u treiben. Schon war er im 
Begriff, die Tante Präfidentin, welcher er ſich momentan ohne 
Zeugen nähern zu fünnen hoffte, aufzufuchen und in ihren mütter- 
— Buſen ſein Leid über Evelinens offenbare Gefühlloſigkeit aus— 
zuſchütten, als gerade der Tanz aufhörte und Hubert ſich beinahe 
unmittelbar darauf in einen Kreis junger Damen Hineingezogen fah, 
in deren Mitte Eveline mit Eric von Rachow, ihrem letzten Tänzer, 
über irgend einen Gegenftand in ber außgelaffenften Heiterfeit zu 
ftreiten jchien. 

„Nun find wir gerächt, meine lieben Freundinnen, dafür, daß 
Herr von Rachow auf dem vorigen Balle die ganze Hiefige Damen- 
welt gefchmäht Hat. Denkt Euch nur, eine längft Abgeſchiedene Hat 
fi) unfer angenommen, ift Herrn von Rachow um Mitternacht in 
der Kajerne erfchienen und hat ihn ob feines ungehörigen Benehmens 

enüber den noch im Lichte des Ballſaales Wandelnden bedroht. 

ft das nicht eine glänzende Gerugefuung für uns, meine Lieben?“ 
Das hatte Eveline mit erhobener Stimme hervorgefprudelt, während 
aus ihren Augen ber übermüthigfte Spott Teuchtete. 

„Sie irren, Gnädigſte, fie hat mich nicht bebroht, ein von Rachow 
Täßt fich überhaupt nicht bedrohen. Aber an die Exfcheinung glaube 
ih, und daß fie nicht aus dem Neiche der gemöhnlich fichtbaren 

jen war. Wir von Rachow haben laut unfeter Familienchronif, 
aus welcher mir meine Berehrte Mama erft jüngft einige Beifpiele 
aufzählte, in allen Jahrhunderten derartige übernatürliche Erſchei— 
nungen gehabt. Anno 1632 3. B.“, fuhr Eric) fort und war im 
beiten Buge, das jüngft von der gnädigen Frau Mutter gehörte 
Ammenmärchen wiederzugeben, als er ſich durch ein luſtiges Lächen 
aus fieben frijchen Mädchenfehlen ‚us unterbrochen ſah. Eveline 
hatte die Zwiſchenrede des feindlichen Partners nügt, um mit 
wenigen Worten die Genoffinnen über die Situation aufzuklären, 
und auf diefe hatte denn die plögliche Mittheilung fo überwältigend 

jewirkt, daß fie momentan die ftrengjte Regel des guten Tons durch- 
Eraden und fi) dem Zwange der rebellitenden Natur überliehen. 

Auch Hubert mußte herzlich Lachen. 

Als Erich verftändnißlos bald zu den Damen, bald zu m 
inblidte, nahm Eveline den Arm ihres Wetters und fagte: „Hubert 
son Horjt, mein Verlobter, wird Sie auf Verlangen gewiß gerne 
a3 mechanifche Sunftftügen lehren, vermittels deſſen er Ste jo 
sftfich düpirt hat. Jetzt fomme zur Mama, Tieber Hubert, fie er- 
‚artet uns längſt!“ 

Und triumphirend führte fie num den endlich Beglüdten zur 


262 Bas Kafernengefpenfl. 


Mutter, während die Genoffinnen mit der Nachricht des doppelt 
fenjatiomelen Ereigniffes auf den Lippen unter die jhügenden müt- 
terlichen Fittiche zurüdfehrten und Eric) von Rachow gleich einer 
Bildfäule regungslos auf der Stelle gebannt blieb. 

Als die Mufit aufs neue zum Tanz aufforderte, erinnerte fich 
Erich, daß er für alle noch übrigen Touren voraus engagirt hatte. 
Aber würbe er jegt ben übernommenen Verpflichtungen nachtommen 
können? Seine Niederlage würde jedenfalls in firgefier Frift in der 

janzen Geſellſchaft bekannt; fonnte er fich allen den ſpöttiſchen 
Biken ausjegen? Er fand wohl faum jemand, der feine Partei 
ergriff, dafür hatte fein früheres brüsfes Auftreten hinreichend geforgt. 
Und doc, follte er das Feld räumen, ohne etwas zur Serfeitung 
feiner Ehre unternommen zu haben? Wie die Sachen nun einmal 
lagen, glaubte er am richtigften zu handeln, wenn er bie eben bes 
gonnene Tour noch mittanzte; für die übrigen wollte er Unwohlſein 
al Entſchuldigung vorbringen und den Ball verlaffen. Das that 
er denn auch, nachdem er ſich noch für den folgenden Vormittag den 
Beſuch eines Kameraden aus einem andern Kffiiercorps, der mit 
ihm gleichzeitig aus dem Stadettencorps hierher verjegt worden war, 
außgebeten hatte. 

Das neugebadene Brautpaar, welches fich unter fo eigenthüms- 
lichen Verhältniffen zum erften Male als folches der Mitwelt präfen- 
tirte, war natürlich den ganzen Abend über der Gegenjtand der 
allgemeinften Aufmerffamfeit. Won der immer ein wenig zum Er- 
centrifchen hinneigenden Eveline von Kroner fand man «8 leicht 
erklärlich, daß fie mit einem ſolch öffentlichen Eclat ihre Verlobung 
zur Kenntniß Ka von Hubert, der allen immer als das Vorbild 
eines befonnenen ftziere und Edelmanns erſchienen war, fand man 
es ſchwerer begreiflich, daß er in dieſe Komödie eingewilligt hatte. 
Zreilih, man wußte ja, wie re 8108 er die Schwingen am euer 
verfengt hatte, welches aus den Augen ber jchönen Erbin fteahlte, 
und fo wurde fchließlich der größere Theil der Verantwortung für 
den auffälligen ritt Evelinen aufgebürbet. Selbjt die näl 
Freundinnen der jungen Braut, die Doch auf die Revancheidee fo 
Tebgaft eingegangen waren, mediſirten fchon ein wenig unter bier 
Augen und fanden es gar nicht angemefjen, daß Eveline den Ci 
über den gemeinfamen Feind mit einem fpeziell perfönlichen Triumpe 
verfnüpft habe. Jede von ihnen würde lieber auf die Vergeltun: 
die ja aud) viel zu graufam ausgefallen, verzichtet, als auf dieſe 
singe eife herbeigeführt haben. Der arme Erich! wenn er hätte 
ahnen können, welche Vertheidigerinnen ihm hier plöglich aus de 
anfcheinend fo feindlich gefinnten Damen erftanden waren! el 
würde er es nicht mehr fir nöthig befunden haben, die Einfamkı 
aufzufuchen und fih nur mit feinen Gedanken auf das Morgen un. 
Uebermorgen vorzubereiten. 

Auch in den Kreiſen der Kameraden fand Erichs Sache mel 
Theilnahme und Entſchuldigung, als er ſelbſt wohl Hätte erwartı 


Pas Fafernengefpenft. 263 


mögen. Zwar tadelten alle die Rücdfichtslofigfeiten, welche ſich 
Rachow auf dem vorigen Balle gegen die hiefigen Damen hatte zu 
ſchulden fommen lafjen. Doch war man geneigt, das unritterliche Be— 
nehmen mehr auf Rechnung feiner allzugroßen Jugend, denn auf 
einen Charakterfehfer zu jegen. Ebenfo erregte die findliche Begierde, 
mit dem vermeintlich übernatürlichen Abenteuer renommiren zu wollen, 
mehr Heiterfeit, als Unmillen, und hätte man gewußt, welche trei- 
bende Kraft bei dieſer Renommage der mütterlichen Autorität zus 
zufchreiben war, das allgemeine Urtheil wäre noch nachfichtiger aus- 
jefallen. Dagegen verurtheilten fie allgemein die unfameradichaftliche 
Eon Hubert3, welcher mit Vorbedacht und Ueberfegung Sin gejell- 
ichaftliche Eriftenz am hiefigen Drt untergraben hätte. r bier 
und da von den intimeren Freunden erhobene Einwand, Hubert jei nur 
das verblenbete Rachewertzeug der von Erich gefränften Damen ge 
weſen, konnte im Hinbli auf den Lohn, den Hubert durch die Hand 
des fchönften und vielleicht auch reichiten Mädchens der Garnijon 
erhalten hatte, nicht allzufchwer in die Wagichale fallen. 

Einen Vorgeſchmack diefer verminderten Sympathie für jeine 
Perſon follte Hubert noch im Laufe des Abends zu foften haben; 
die Kameraden gratulirten ihm nicht mit der Wärme, die er von 
ihnen erwartet hatte, für ihn um jo empfindlicher, als er bisher ftets 
von der Gunft aller getragen fehien. Es lag daher eine leichte Ver- 
fimmung über ihm, als er der Braut und der ſchwiegermütierlichen 

ante zum Wagen folgte und fie darin auf dem Heimmege begleitete. 

Auch die Präfidentin fühlte ſich nicht ganz frei von einem ge— 
wiſſen Unbehagen. Sie benüße die erite Gelegenheit, fagte fie, da 
fie mit den Kindern allein fei, um ihnen zu fagen, wie ſehr fie fich 
freue, ihren lange gehegten Wunſch nun endfid, der Erfüllung nahe 
zu jehen. Aber fie fei mit der Art und Weile, wie Eveline jie 
überrafcht habe, nicht einverftanden. Hoffentlich ſei es die legte ber 
Exeentricitäten des verwöhnten Kindes gewefen und Hoffentlich würde 
ſich Hubert künftig weniger nachgiebig gegen ihre capriciöjen Launen 
erweiſen, als dieſer Anfang des Brautftandes zu verrathen jcheine. 

Das Hang jo herb, wie Eveline ich nicht erinnerte, jemals 
etwas aus dem Munde der Mutter gehört zu haben. Das gemohnte 
filderne Lachen erftarb ihr auf den jchmollenden Lippen und wollte 
nicht wieder zurüdfehren, ob fie aud) Hubert beim Abſchied wieder 
und wieder zärtlich küßte und feine unbedingte Sklaverei für alle 
Zeiten ſcherzend in Ausſicht ſtellte. 


* * 
* 


Als Hubert von Horſt am andern Vormittag ſeinen Beſuch 
tattete, um den Damen den Morgengruß zu bringen und den 
‚en Boll neuerworbener Rechte einzuholen, fand ev Evelinen in 
ränen. Auch die Präfidentin fehien bedrüdt; jie habe eine jchlechte 
ht gehabt, nur wenig gefchlafen. Eveline fei von fchlimmen 


264 Bas Kafernengefpenft. 


Träumen heimgefucht worden, unter deren Nachwirkung fie jegt noch 
leide. Der Traum habe ihr gezeigt, wie fi Hubert und Lieutenant 
von Rachow im Duell gegenüber Rande, beide aus hundert Wunden 
bfutend und dennoch den Kampf nicht beendend, weil einer von ihnen 
fallen müffe. Der entſetzliche Anblid habe ihr ftundenlang vorge 
ſchwebt, bis fie ſchließlich ohne das graufige Ende gejehen zu haben, 
mit einem marferjchütternden Aufſchrei erwacht fei. Die erzählende 
Aeutter erzitterte jegt noch in der Erinnerung an den erlebten 
chrecken. 

ubert bot feine ganze Beredtſamkeit auf, die Damen von der 
Grundlofigfeit etwaiger Befürchtungen, die fie an das Traumbild zu 
tnüpfenfchienen, nach Möglichkeit zu überzeugen. Wie wenig ihm 
das gelungen war, es zeigte ich ga: auffallend, als er fi) zum 
Abſchied wandte. vetire | miegte fi) bebend an ihn und beichwor 
ihn, er möge, da er für den Nachmittag feine dienſtliche Verhinderung 
verfichert hatte, doch ja morgen möglichft zeitig fommen, um fie über 
fein Wohlbefinden zu vergewiſſern. Und er verſprach es, tiefbemegt 
von dem Maß der Zuneigung und Liebe, die fi ihm aus ihren 
beforgten Worten ofjenbarten. 

gm die Kaſerne zurüdgefehrt, jah fi Hubert von einem Samera- 
den aus dem Kavallerie-Regiment angefprochen, welcher ihn um eine 
furze Unterrebung unter vier Augen erjuchte. Er führte den Reiter- 
offizier in feine Wohnung, aus welcher er den bedienenden Burſchen 
entfernte, und vernahm num, daß Evelinens Ahnung doch nicht jo 
ganz irre gegangen fchien: Erich von Rachow ließ ihn wegen Be 
leidigung zum Zweikampf fordern. 

Hubert wählte einen gerade in der Kaſerne anweſenden Herrn 
als feinen Sefundanten und bat ihn, alle Erforderliche mit der 
Gegenpartei zu ordnen. Die Wahl der Waffen, die Beſtimmung der 
Beit und des Orts, da dag Duell ftattfinden folle, überließ er ganz 
ihrem Ermeifen. Nur den allgemeinen Wunſch fügte er bei, da die 
Angelegenheit möglichft bald möchte erledigt werden. 

Nachdem dann alle für ſolche Fälle vorgejchriebenen Bebingun- 
gn erfüllt waren, wurde bejtimmt, daß das Duell am folgenden 

ormittag elf Uhr in einem nahe der Stadt gelegenen Gehölz ftatt- 
zufinden habe. Und glei, als ob der Traum Evelinens bis ins 
einzelne fogar fich erfüllen jolle, jo war — auf Andrängen Rachows 
— bie Bekimmung aufgenommen worben, daß der Zweikampf jo 
lange fortgejegt werde, bis einer der Duellanten fampfunfähig ge 
worden fei. 

Eveline hatte im Laufe des Nachmittags das Gleichgewicht ihreı 
Seele jo ziemlich wieder hergeftellt. Sie ging am Abend zeitig zu 
Ruhe, um das Verfäumte nachzuholen, und Gott Morpheus war fr 
zartfühlend, fie im diefer Nacht nur mit freundlichen Träumen zu 
bedenfen. Mit einem glüdlihen Lächeln ia fie in den junger 
Morgen hinein und ging fröhlich an ihre Toilette, um fich für de 
Geliebten heute doppelt ſchön zu machen. Und ihre Abficht gerietl 


Bas Kafernengefpenft. 265 


ihr fo au daß fie ſchließlich hochbefriedigt dem eigenen Spiegelbilde 
Kußhändden zuwarf. Ueber eine für „Ihn“ beftimmte zierliche Hand- 
arbeit gebeugt, erwartete fie Die Stunde, da er bei ihr eintreten ſollte. 
Jetzt war der Heine Dienft beendet, welcher ihn zu dieſer Jahres- 
zeit alltäglich in der Kaſerne hielt. Jetzt vertaufchte er die Dienft- 
Heibung mit einer glänzenberen, um auch feine Perſon möglichjt 
vortheilhaft & präfentiven. Jet gab er dem Burjchen für den 
Ramiting haltungsmaßregeln, jegt verließ er feine Wohnung 
und die Kaferne und eilte bie Staat herab ihrer Wohnung zu. 
Jetzt überfchritt er jene Querſtraße, noch drei, vier Häufer hatte er 
zu pafficen, in jeder Minute fonnte er eintreten. Ihr Herz ſchlug 
höher, wie fie mit Auge und Ohr dem erwarteten Eintritt voraus— 
eilte. Aber Minute um Minute verrann und Hubert fam nicht. 
Die Minuten wurden zu Vierteljtunden, eine Stunde war vergangen 
in vergeblichem Warten, die dröhnenden Schläge des chernen Zeit- 
meſſers verfündeten es vom nahen Thurme und fteigerten Evelinens 
wiebererwachtes Angftgefühl zur Unerträglichkeit. 
st ame, fende Johann in die Kaferne, zu fragen, wo Hubert 
eibt!“ ” 
Johann war von Natur etwas langfam, eine Untugend, die im 
Laufe ber Jahre — er war jegt ſchon über dreißig Jahre im von 
Kronerſchen Haufe — gewiß eher zu-, als abgenommen Hatte. Aber 
für das gnädige Fräulein that er ſtets ein Uebriges, zwang er felbft 
die wiberjtrebenden Beine zur Eile. Und fo auch Bi Als er nad) 
Verlauf von zehn Minuten aus der Kaferne zurückehrte, meldete er, 
der Herr Lieutenant fei vor anderthalb Stunden etwa mit zwei 
andern Herren, Lieutenant von Radelnburg und Stabsarzt Dr. Calem- 
berg, im Miethwagen fortgefahren. Es müſſe das etwas befonderes 
zu bedeuten haben, hatte Huberts Militärdiener gemeint, wie aus 
den vielerlei Vorbereitungen, die getroffen worden, zu fehließen ei. 
„Mama, laffe anfpannen, wir wollen zu oberht von Grabow 
fahren, vielleicht, daß wir von ihm näheres erfahren und noch das 
Aeußerſte abwenden können!” 
Die Präfidentin erhob Einwendungen. 
„Siehe meine Angft und Dual, liebe Mama! Wiegen fie Dir 
nicht mehr als Fonventionelle Bedenken?“ 
Und im rafchejten Trabe fuhr die von Kronerſche Equipage 
bei Oberft von Grabow vor. 5 
Frau von Grabow empfing die Damen mit ausgeſuchteſter 
öflichkeit und bemühte fid), eine eingehende Konverſation anzu= 
üipfen. Aber das wollte — für fie eine feltene Ausnahme — 
heute gar nicht gelingen. Der Beſuch blieb jchweigiam, fchien in 
irgend etwas in finer Erwartung getäufcht. Als die Situation gar 
u peinlich wurde, rücte Eveline mit ihrem Anliegen heraus: ob fie 
em Sem Oberſt nicht eine Bitte vortragen dürfe, 
ach faum zwei Minuten ftand fie dem Commandeur von 
jubert3 Regiment gegenüber, und obwohl er fie mit der feinem Stande 








266 Bas Kafernengefpenft. 


eigenen chevaleresfen Zuvorkommenheit empfing, hätte fie doch jegt vor 
Scham in die Erde finfen mögen. Nur der Gedanke an die Gefahr, 
in welcher fi) der Gelichte durch ihre Schuld befand, flöhte ihr 
wieder einigen Muth ein. 

„Herr DOberft, wo und wann ijt das Duell zwiſchen meinem 
Bräutigam und Herrn von Rachow?“ 

Der Commandeur runzelte die Stirn. „So hat man Sie von 
dem Bevorftehenden in Kenntniß geſetzt?“ 

„Nein, o nein, nur meine Ahnung! Ich möchte hin, das Ent- 
feglichfte zu verhindern!” 

Der greife Soldat lächelte. „Das ift Männerſache und nur 
Männer haben fie auszutragen. Die Beleidigung war eine fo ſchwere, 
daß der Ehrenrath ein Duell auf Piftolen nicht nur zuläffig, fon- 
dern geradezu für geboten erachtete.“ 

„Aber fie werden fi tödten!“ jammerte Eveline. 

„Das jteht in Gottes Hand, meine Gnädige. Wir Offiziere 
ſuchen nicht muthwillig und leichtfinnig den Zweikampf; wenn er 
aber für nöthig erkannt worden, dann fümpfen wir ihn aus in einer 
Weife, daß die Würde der Inftitution unter allen Umftänden ge- 
wahrt bleibt.“ 

„O, mein Gott!“ ftöhnte die Unglücliche, „und ich bin die Ur- 
ſache des ſchrecklichen Auftritts!" 

„Ich kenne den Zuſammenhang“, bemorkte der Oberſt, „und id) 
kann Sie verſichern, gnädiges Fräulein, daß ich Sie ob Ihres An— 
theil3 an ber Sache aufrihtig beflage. Die jungen Damen follten 
eben in ihren Kleinen Capricen etwas vorlichtiger fein!“ 

Wie fie der feine Spott mit vernichtender Kraft treffen mußte! 
Sie zudte unter dem Streiche zufammen, aber ohne jede Empfind- 
litt entgegnete fie: „Ich jehe meinen Fehler Elar vor Augen und 
habe nur den einzigen Wunſch zu fühnen, was ich gefehlt. Darum 
laffen Sie mid, hin, Oberft, an den Ort der graufigen That, 
ich will als Friedenzftifterin kommen und die Kämpfenden trennen!” 

Der Oberft lächelte unmerklich. „Ihre Naivetät rührt mich von 
Herzen, aber es ift unmöglich zu geſtatten, was Sie von mir be 
gehen, meine Gnädige. Zudem dürften Sie jegt" — er ſah prüfend 
nad) der Uhr — „auch ſchon zu ſpät kommen!“ 

‚gu jpät?“ wiederholte Eveline bebend. 

„3a doch”, bejtätigte von Grabow, „das Duell muß jegt längſt 
beendet fein. Sobald ic) das Reſultat kenne, werde ic) mir geftatten, 
Sie davon in Kenntniß zu jeßen, damit Sie wenigftens der Un— 
gewißheit enthoben werden.“ 

Das junge Mädchen fühlte, daß ihr längeres Verweilen nutzlo 
fein würde, und fie drängte die Präfidentin gi Abſchied. Ih 
Kniee wankten, als fie das Haus verließ und von der beforgte 
Mutter zum Wagen geleitet wurbe, welcher fie in wenigen Minute 
nad} Haufe führte. Evelinen dünften fie ebenjo viele Stunden unt 
der Wucht der töbtlichen Angſt, welche fie erfaßt hielt, und unte 


Bas Kafernengefpenft. 267 


deren Drud fie ſich felbft das feierliche Gelübte ablegte, nie wieder 
ihrer übermäthigen Laune die Zügel jchießen zu Iaffen. 

Als die Damen zu Haufe anlangten, fanden fie bereits ein 
Billet Huberts vor, worin er mittheilte, daß heute Vormittag zwi- 
ihen ihm und Rachow ein Piftolenduell ftattgefunden habe. Im 
zweiten Gange habe er einen Schuß durch das rechte Ohrläppchen 
erhalten, Rachow einen folchen durch den rechten Oberarm. Obwohl 
legterer nur eine Fleiſchwunbe verurfacht habe, fo fei doch das Duell 
damit beendet geweſen, weil Rachow nicht mehr habe zielen künnen. 
Hubert Hoffte nur wenige Tage das Zimmer hüten zu müffen. 

. Eveline dankte dem Himmel für den verhältnigmäßig noch glüd- 
lichen Ausgang und fah darin ein Zeichen, daß ihr Gelübde gnädig 
aufgenommen ei. Was der jahrelangen mütterlichen Anleitung nicht 
gelingen war, Evelinend Charakter mehr für den Ernſt des Lebens 
zu bilden, das Hatte mit einem Male das Wort des Oberften und 
— eine Piftolenkugel zuwege gebracht. Kein Zweifel, die gezähmte 
Widerſpenſtige eignete ſich nun vortrefflich zur — Offiziersgattin! 
* * 
* 

€3 bleibt wenig mehr zu erzählen. 

Wie Hubert gehofft, konnte er ſchon nach wenigen Tagen das 
Zimmer verlajfen. Da er noch feinen Dienst thun durfte, h hatte 
er hinreichend Zeit, fi der Braut zu widmen. Er war erftaunt, 

eudig überrascht über die Wandlung, die mit ihr vorgegangen. Die 

räfidentin nickte ihm Tächelnd zu; auch fie war hochbefriedigt von 
dem Ausgang. 

eis von Rachow hatte mit feiner Wunde länger zu thun; er 
mußte mehrere Wochen das Bett hüten, dann aber heilte fie, daß 
feinerlei Nachwirkung zu verjpüren war. Als er fich bei dem Oberften 
wieder zu Dienft meldete, hielt dieſer ihm eine gewaltige Standrede. 
Er verwies ihm den Webermuth, mit welchem Crid) an dem Werk 
der Ausföhnung zwiſchen Civil und Militär, an welchem in * * * jahre 
fang von den einfichtigften Männern fei gearbeitet worden, eigen- 
mächtig gerüttelt habe. Seine Aeuferungen den Damen gegenüber 
hätten ihn hierorts gefellichaftlich unmöglich gemacht, fein Gejpeniter- 
laube auch dienftlih. Zu feinen Gunften fpreche, daß er ſich im 
Duett tüchtig benommen habe, und darum wolle er, jobald das mili— 
tärgerichtliche Urtheil über das Duell gefällt worden, Erichs Ver— 
iekung in eine andere Garnifon beantragen. Dort möge er dann 

neues Leben beginnen und fich eine Anfchauung aneignen, die 

in den modernen Verhältniffen möglich mache. 

Auch Hubert von Horft erhielt Fine Tadel. Er Habe un- 

weradfchaftlich gegen einen Regimentsgenoſſen gehandelt, deſſen 

mdliches Alter und Auffafjungsvermögen entfchiedene Schonung 
sient Hätten. Daß aber Hubert feine Stellung als Kaſernen— 
mandant dazu mißbraucht habe, in der Kaſerne einen Hofuspofus 


268 Bas Kafernengefpenft. 


in Scene zu_fegen, welcher möglicherweife geeignet geweien, die Aus- 
übung des Dienftes zu beeinträchtigen, das folle nur deßhalb nicht 
nachdrücklich beftraft werden, weil fi der Oberft perſönlich von ber 
Reue und Zerknirſchung der ſchönen Anftifterin des Planes überzeugt 
habe. Bei dieſer aljo folle ji) Hubert bedanken, wenn von feiner 
fpeziellen Beſtrafung abgejehen werde. Um aber den Kameraden 
Rn Genugtguung zu geben, jo werde feine Verſetzung beantragt 
werden. 

Dies Schlußwort fiel Hubert ſchwer auf die Seele. Er dachte 
dabei nicht an fidh, obwohl auc, ihn die Losreißung aus den ge 
wohnten Verhältniffen bitter anfommen würde. Aber Eveline, Die 
hier ihre Heimat hatte, würde fie ihm gerne an ben Ort der — 

erbannung folgen? Man würde ihm dafür nicht gerade das Beſte 
herausfuchen, deren durfte er fich wohl verfichert halten. 

Als Hubert von diejen Ausfichten bei Eveline eine Andeutung 
machte, verſchloß fie ihm mit Küffen den Mund und flüfterte zärtlich: 
„Sch gehe mit Dir, wohin es immer ſeil“ 

das Militärgericht, beffen Zufammentritt der Oberſt in feiner 
Anfpradie in Ausſicht geitellt hatte, verurtheilte kurz darauf die 
beiden Duellanten zur vorfchriftsmäßigen Feſtungsſtrafe. Erich von 
Rachow erhielt einen Monat, Hubert von Horft zwei Monate Strafe, 
welche fie in einer und derfelben Feſtung verbüßten; während der 
— derſelben wurden fie beſſere Kameraden, als fie je zuvor 
eweſen. 

s AS der Monat um war, hielt Erich feine Verfegung in eine 
& udermärfifche Garnifon in Händen. Er begab fi gucerfreut an 
: den Ort feiner neuen Beftinmung, wohin ihm feine Mutter folgte, 
um mit ihm einen gemeinfamen Haushalt zu führen. Beide legten 
nun ihre Erfparniffe zufammen, um doch vielleicht noch bevor Erich 
Hauptmann erfter Kaffe fein fann, jene Verbindung herbeizuführen, 
welche einzig und allein nad) Frau von Rachows — nee von Rachow, 
wie fie nie ihrer Unterfchrift beizufügen vergißt — unwiderleglicher 
Anficht für den Stamm derer von Rachow erjprießlich fein kann. 

ubertd neue Garnifon Tiegt an der Dftgrenze des weiten 
Reiches. Er ging mit einiger Herzbeflemmung dahin ab, fand es 
aber doch bald ganz erträglich, da zu leben. Seitdem er nun Eve 
linen als Gattin heimgeführt, feheint ihm dort gar das Paradies fich 
erichloffen zu haben. Die Beiden führen aber auch, wie Augenzeugen 
verfichern, daS Leben eines Turteltaubenpaares. 

Und fo könnten wir denn, nachdem wir am Schluffe diefer wahr- 
baftigen Erzählung angefommen find, behaupten, daß alle Beteiligten 
mit den Folgen jenes Ereigniffes in der Kaferne zu * * * gar mob" 

zufrieden feien, wenn uns nicht Die Verlaffenheit der Präfidentin von 
Kroner von dieſem generellen Äusſpruch zurückhielte. ALS fie Evelinenz 
. Ausfteuer rüftete und die Tochter den zarten Wunfch andeutete, auck 
! nach ihrer Verheiratung mit der Mutter vereint zu eben, Hatte bi 
Präfidentin dieſe liebevolle Zumuthung mit den Gemeinpläßen zurüd 








Bas Kafernengefpenft. — Bie Sergquelle. 269 


gemiefen: „Alte Bäume fol man nicht verpflanzen und junge Ehe- 
eute kommen am beiten allein miteinander aus.“ Sie blieb, wo 
fie war, aber das Gefühl der Vereinfamung war feit dem Tode des 
umpergehlichen Gatten nie fo ftark in ihr geweſen, wie eben jegt nach 
dem Weggang der einzigen Tochter. 

Nun hat aber jüngſt die junge Frau ihre Mutter mit der Mit- 
theilung einer Thatjache überrafcht und beglüdt, infolge deren es 
unbedingt nöthig fein wird, daß bie Präfidentin die weite Reife 
nad) dem Diten dennoch bald antrete. Wünfchen wir, daß das bes 
vorjtehende freudige Ereigniß der Anlak fein möge zur Beſeitigung 
ihrer Vereinfamung. 


Die Bergguelfe. 


3 rauſcht die Silberquelle, 

Sie fließt jo demanthelle 

gerad vom moofigen Berggeftein. 
as fie in taufend Jahren 

Im Traum der Zeit erfahren — 

Es ließ fie unberührt und rein! 


Raufch ohne Raft germiebe, 
Es flüftern Deine Lieder 

Ins müde Herz des Pilgers Ruh, 
Deß’ Fuß an öde Stelle 

Gebannt Du Haft, o Quelle! — 
Der rubelofer noch, al Du... 


Frida Schwab. 











$ 


Ernſt von Wildenbruch als dramatifher Dichter. 


Kritifche Studie von Ernſt Braufewetter. 





er entfinnt ſich nicht, wie im Jahre 1881 plöglich 
nahezu gleichzeitig mehrere Dramen Wildenbruchs 
befannt wurden und durch Deutſchlands Gaue ber 
Jubelruf ertönte, ein neuer Schiller fei erjtanden. 
Und wenn die Kritif auch nicht unbedingt in diefen 
Subelruf einftimmte, jo leugnete fie doch nirgends, 
ß man e3 hier mit einem wahren Dichter und einem 
hen Talent von ungewöhnlicher Bedeutung zu thun 
yun. zwei Erfolg ift Wildendruch jeitdem zwar nicht immer 
ganz gleich treu geblieben, aber immer wieder hat er Schöpfungen 
geliefert, deren Bedeutung niemand beftreiten fann. Es wird nicht 
unintereffant fein, die dramatijchen Werke diejes Dichters einmal im 
Zufammenhang zu betrachten, ihre Vorzüge und Fehler ins Auge zu 
fafjen und zu verjuchen I darüber Far zu werden, ob Wilden- 
bruch® Schöpfungen das volle Wiederaufleben des klaſſiſchen, hiſto— 
tifchen Dramas bezeugen, ob fie eine erfolgreiche Zukunft für dieſe 
Gattung hoffen Ian 
Wenn man Wildenbruch den neuerjtandenen Schiller genannt 
hat, jo ift das nicht ganz ohne Berechtigung. Es ift nicht allein eine 
gewiſſe äußere Achnlichkeit in dem erhabenen Schwunge der fließen- 
den, ideen- und jentenzenteichen Sprache, der echt theatralijchen, be— 
lebten Handlung, die ihn zu dieſem Namen ein wenig berechtigt, 
vor allem gleicht er Schiller in der machtvollen nationalen Ber 
geifterung, die alfe feine Werfe durchzieht. 
Durch feine „Karolinger“, „Harold“, „Menonit“, „Väter uni 
Söhne“, fein „Neues Gebot” zieht ſich derjelbe nationale Gedanke 
„Des Mannes ganzes Leben 
IR ſtummer Treue · Schwur bem Baterfand“ 
(„Bäter und Söhne.“) 
wie ein rother Faden hin. Die Vaterlandsliebe ftrahlt aus ihn 
in reiner, hoher Begeifterung wieder. 









Ernft von Wildenbrud) als dramatiſcher Dichter. 271 


Die „Karofinger“ behandeln jenen Streit Ludwig des Frommen 
mit feinen Söhnen erfter Ehe (mit Irmengard), der wegen einer 
neuen Theilung feines Reiches 5 Gunſten Karls, jeines Sohnes 
zweiter Che (mit Judith) entitand. Die Handlung fonzentrirt fich 
um Bernhard, Grafen von Barcelona, der auf Karla Seite fteht. 
Es ift die Tragödie der Herrichbegierbe. Diejer Bernhard ftrebt 
nach nichtS geringerem, als durch den Prinzen Karl die Macht im 
Sranfenteihe an ſich zu bringen, ja ſchließlich über jenen hinweg ſich 
jelbit auf den Thron zu ſchwingen. Wildenbruch Tiebt aber nicht 
die Einfachheit der Motive und Konflikte, und fo hat er hier dem 
Bernhard außer der Leidenschaft der Herrſchſucht noch die Liebe zur 
Kaiferin beigelegt. Mag dadurch das einzelne Motiv, jede Leiden- 
ſchaft für ii ſchwächer, gleichjam gebrochener erjcheinen, mögen feine 
Geftalten dadurch weniger einheitlich, mehr fomplizirt werden, es ift 
andererjeit3 auch) nicht zu leugnen, daß fie dadurch menfchlicher, natür- 
licher werden. Es find feine abjtraften Begriffe, feine Typen der 
Leidenſchaft, fondern wahre Menjchen von Fleiſch und Blut, mannig- 
fah in ihren Wünfchen und Trieben, wie die wahre Seele bes 
Menjchen. Diefer Bernhard ift eine gewaltige, lebenswahre Geftalt. 
Die Kritit hat in der Doppelheit feines Strebens nad) der Macht 
und nad dem geliebten Weibe einen Fehler jehen wollen, fie hat 
behauptet, Worte in den erften Aften, wie: 


„Und biefe Welt if dann für Karl und für mid. 
Für Karl? Jawohl, fo lang in Judiths Herzen 
Auf gleichen Schalen Kari und Bernhard run — 
Doc kommen foll die Stunde, ba ihr Herz 

Nur no den Namen Bernhard kennt — und dann, 
Dann Karolinger, Bernharb über Eud!“ 


ftänden in Widerſpruch mit feinem Verhalten am Schluffe; anfangs 
handle er nur aus Ehrgeiz. — Zunächſt ift das nicht ganz der Zall. 
Sene Worte beziehen ſich nur auf Karl, und er hebt ausdrüdlich 
hervor, daß diejer jo lange Herrchen mwürbe, als er in Judiths 
‚zen gebiete. Darin liegt doc ſchon, daß fein Ehrgeiz nie ben 
ug über die Liebe zu Audit hinwegnehmen werde; aber ferner 
it es doch möglic), dab anfangs in ihm die Herrſchſucht ftärker ift 
ala die Liebe, dann aber diefe durch den intimen Verkehr mit der 
Geliebten immer heißer entfacht, ſelbſt jene überflügelt. Gerade in 
diefem inneren Konflift Bernhards liegt für mich das Tragifche 
feines Charakters. Er glaubt anfangs auch mit der Liebe zu Judith 
mie mit Der zu Hamatelliva — einer jungen Maurin, die ihm einft 
Leben gerettet und ihm aus Liebe nad) Deutſchland gefolgt ift; 
fie feine Treufofigfeit erkennt, nimmt fie ſich das Leben — ſpielen 
können und feinen ehrgeizigen Zwecken bienftbar zu machen, 
ce daS Verhängniß ereilt ihn, die Liebe ift ftärker als er und 
bt ihm dahin, Dinge zu wagen, bie feinen ganzen Plan zum 
itern bringen und feinen Untergang herbeiführen. 
Zweifelhafter erfcheint mir der Charakter der Kaiferin. Unfangs 


272 Ernft von Wildenbruch als dramatifher Bichter. _ 


ilt all ihr Streben, ihre ganze Liebe nur ihrem Sohne; fpäter wird 
ie völlig von der Liebe au Bernhard beherrfcht. Iſt eine folche 
plögliche Leidenſchaft aber, die fie Anftand, Sitte, Treuefchwur, alles 
vergeffen Täßt, bei einer vierumbdreißigjährigen Frau, der Mutter 
eines bald erwachſenen Jünglings, wahricheinlich? 

Der Hauptfehler der Dichtung Fiegt in dem Mangel eines eigent- 
lichen Helden, auf den ſich unfer Interefje gurcucue konzentrirt, 
und demgemäß eines Surchgegenben Konfliktes. Gier haben wir ein- 
mal den Konflikt zwiſchen Ludwig oder vielmehr Judith und den 
Söhnen Irmengards (Lothar und Ludwig der Deutjche), ſodann den 
Konflikt zwiſchen Ehrgeiz und Liebe (Bernhard — Hamatelliwa), ferner 
zwiſchen ———— und Verachtung der Ehebrecherin (feiner Drutten) 
in Karl. Bald ftehen Lothar und Ludwig, bald Bernhard, bal 
Karl als Helden im Vorbergrunde des Intereſſes. 

Soll ich noch die Heinen Schwächen anführen, die nur den Neu- 
ling im dramatiſchen Schöpfungsgebiete verrathen, daß Die unglaub- 
lichſten Dinge in Karla Schlafgemach vor ſich gehen, daß es unfaß- 
bar ift, warum Bernhard die Hamatelliwa an den Hof mitbringt 
und ähnliches? Gewiß, das find Uebelftände, die namentlich bei 
der Aufführung ftören, aber welcher junge Dichter hätte darin nicht 
vefehlt? Man verweile Lieber auf der Fraftvollen Charakteriſtik 
Bernparos, Lothars, Ludwig des Deutfchen, des greifen Mauren 
Abdallah und anderer, weniger hervortretender Geftalten, man erfreue 
ſich Tieber an der echt poetiichen, tief tragifchen Geftalt tellimas, 
man beachte Lieber 7— glänzende, glutdurchhauchte, ſtets charaftes 
Br Sprache, dieſe |pannende Handlung mit den effektvollen Akt 
chlüſſen. 


* 


Die Tragödie „Harold“ ftellt, wie ſchon jeder aus dem Titel 
errathen wird, bie Geſchichte dieſes letzten Königs der Angelſachſen 
dar, wie er nad} der Normandie zog, den hinterliftig erjonnenen Eid 
ſchwur und in der Schlacht bei Haftings den Heldentod ftarb. 
— von der Normandie ſich aber Englands Krone auf das 

jaupt ſetzte. 

Wer wollte die Fehler leugnen, an denen auch dieſe Dichtung 
trankt. Wer wollte es beſtreiten, daß der Charakter des Helden zu 
wenig groß ift, um unſer volles Interejfe, unfer Mitftreben zu er- 
ringen. Wer jo thöricht handelt wie Harold im erften Afte, daß 
er den Mächtigen, den König Eduard, reizt, ohne aud) nur über bie 
geringfte Macht zu verfügen, feinem Thun Nahdrud zu geben, der 
ann im Unglüd zwar auf unſer Mitleid zählen, aber nicht auf 
unfer volles, hingebendes Intereffe, da wir ihm von vornherein 
feinen Erfolg zutrauen fünnen. Auch fpäter fein Eid! Iſt es nicht 
eine thörichte, ja umbegreifliche Uebereilung! Wie fann man biejer 
Eid — „bie Ebſchaft, welche Eduarb ihm verſprach, helf’ ich er 
langen Wildelm dem Normannen“ — Ieiften, ohne ſich zu verge 








Eine Hovität. 
Nach einem Originalgemälde von H. Kotfenreiter. 


Ernft von Wildenbrud) als dramatifher Dichter. 273 


wifjern, um welche „Erbſchaft“ es fich Handelt? Und ferner, wenn 
er im vierten Afte, ala er durch den Boten des Papites des Mein- 
eides beſchuldigt und verflucht wird, anftatt fich zu rechtfertigen, dem 
Volke zu enthüllen, wie man ihn betrog, wodurch er fich ficher einen 
Theil feiner Anhänger erhalten hätte, nur einige unzufammenhän- 
gende Worte ftammelt und den Priefter vor allem Wolfe niederjtößt! 
Bas follte diefer Mord? Die Beihuldigung und der Fluch, war 
ausgefprochen, durch Todfchlag widerlegt man nicht, aber durch den 
Mord des heil'gen Dieners der Kirche — zudem eines Gejandten — 
mußte er jeine legten Anhänger verlieren. Troß diejer Thorheiten 
bleibt unfer Mitleid diefem Harold wohl; wir bedauern es tief, daß 
jein berechtigtes, edled Streben fein Vaterland zu retten jo fehl- 
ſchlägt, daß diefer freimüthige, hefdenhafte Mann jo nichtswirdig 
bintergangen wird und dadurch zugrunde geht, aber fünnen wir 
fürchten, daß es uns im ähnlicher Lage cbenjo ergehen könnte? 
Verden wir und nicht etwas mehr Klugheit zutrauen? Erwähnen 
muß ic) aud) noch die ziemlich unmotivirte ober wenigftend mit ihrem 
jonftigen Thum nicht in Einklang ftehende —— Gythas, der 
Mutter Harolds, ihrem Sohne nach ber Rückkehr aus der Nor- 
mandie als König zu Huldigen. Dieſer Fehler iſt deßhalb um jo 
empfindlicher, als jene Weigerung einer der Punkte iſt, aus denen 
ſich die Kataftrophe entwidelt und gerade hierbei größte Folgerich- 
figfeit und vollſte Baheigeinliheit nöthig ift. Dieſe Fehler find 
in die Augen fpringend, aber werden fic nicht reichlich wett gemacht 
durch die zahlreichen Schönheiten der Dichtung? War jchon in den 
Karolingern das Zeitkolorit trefflich wiedergegeben, fo entwirft uns 
ier der Dichter ein reiches Gemälde der Zerrüttung der englifchen 
rhältniffe. Dieſer ſchwache König, der nicht Blut fehen fan, und 

aus Furt Ströme Vürgerblutes fließen läßt, dieſer normän- 
nifche Adel, deffen Gewaltthätigfeiten Englands Bürger zur Empö- 
tung zwingen, und ber doch jchon fait alle Macht in Händen hat, 
die Uneinigkeit der angeljächfiichen Edlen! Und auf der anderen 
Seite der normännifche Hof voll Hinterlift und Schlauheit, aber aud) 
voll Fraftvoller Einigkeit und ftolzem Streben, voll Genußfucht, aber 
auch voll Nitterlichfeit! Und nun vollends Adele, die Tochter des 
Herzog Wilhelm! Wie ſüßer Blütenduft geht es von dieſer lieb— 
reizenden Geftalt aus und überflutet die ganze Dichtung. Wer jo 
ein zarte, reines, frahlendes Weſen zu jchaffen vermag, das vor 
ung fteht in berüdender Lebenswahrheit, der hat ſich jelbit fein hohes 
Lied gejungen. 

Gleiche Bewunderung verdient die Geftalt des Sachſenprieſters 
Wilfried. In wenigen Strichen eine feſt umriffene, Elare Geſtalt. 
Und welcher Konflikt in dieſer Seele! Vaterlandsliche und Glauben! 
Ein Schüler der Prieſterſchule zu Nom, muß er Zeuge fein dev 
gerne, die die Kirche an feinem angejtammten Fürften, an feinem 

jaterlande verübt, und es noch nach den ihm dort eingeimpften 
Srundfägen für feine höhere Pflicht Halten, ihr dabei zu dienen, um 
Der Salon 1889. Heft TIL. Band I. 19 





274 Ernſt von Wildenbruch als dramatifcher Bichter. 


erſt im Tode zu hören, daß er Unrecht that und ba fein Leben 
verfehlt war. Wildenbruch hat es jelbft gefühlt, was in dieſem Kon- 
flifte liegt, hat er ihm fpäter doch zur Grundlage feines „neuen Ge⸗ 
botes“ verwandt; hier aber leider die Konſequenz nicht mit ſolcher 
Schärfe gezogen. 
* * 
* 


Es ift vielfach als eine glücliche Idee gepriefen worden, das 
Verbot ber Menoniten: Waffen zu führen zum Konflikte einer 
Tragödie herauszuarbeiten. Ich kann dem nicht ganz beiftimmen. 
Der Konflikt, den ein dramatijcher Dichter wählt, muß, wenn er uns 
wahrhaft erjchüttern foll, ein allgemein möglicher fein. Ergreifen 
kann und nur ein Seelenkampf, deifen Möglichkeit wir auch für uns 
fürchten können. Das ift hier nicht der Tall, Daß, wenn unfer 
Heiligftes, unfere Ehre angegriffen wird, auch felbft der Friedfertigite 
zum Schwerte greifen ma daß man fein untergehendes Vaterland 
aus Friedensliebe oder gar aus Egoismus nicht im Stiche laſſen 
darf, ift allgemein genug anerkannt, um uns nicht erft in einer Tra— 
gödie ermichen zu werden. Daß es vielleicht an 12,000 Menfchen 
iebt, die fo denken ober gedacht haben, geht und nicht? an. Mit 
demfetben Rechte Eönnte man eine Tragödie gegen die Menfchen- 
frefjerei jchreiben. Ja, hätte der Dichter aus feinem Stoffe feine 
PR; mtragobie” gemacht, fondern nur kritiklos umd objektiv die ſich 
aus der Menonitenlehre ergebenden Konfequenzen gezeigt, jo ginge 
& noch an. Da er aber hier nicht allein die Thatjachen fprechen 
läßt, jondern mit großem Pathos Die Thorheit, die diefe Lehre ent- 
hält, nachweift, ericheint uns manchmal das Ganze ald „viel Lärm 
um nichte“. 

Im übrigen hat Wildenbruch feinen Gedanken trefflih barzu- 
ftellen gewußt. Das menonitijche Friedensprinzip umd die Gewalt- 
herrſchaft des Feindes — das Drama fpielt zur Zeit der franzöfi- 
ichen Ofkupation in Weftpreußen — der Egoismus, die Angft für 
go und Gut der Menoniten und der Opfermuth Henneders, Sa 

iote, der fern aus Weftfalen kommt, um unter jteter Lebensgefahr 
zum Kampfe für die freiheit zu werben, das find feharfe Gegenfäte, 
die den Hintergrund für eine dramatifch bewegte Handlung abgeben. 
Das zeitgefchichtliche Kolorit ift auch hier wieder meifterlich getroffen. 
Der Kontitt ift, wie faft ftet3 bei Zeilbenbrud), ein zwiefacher. Rein- 
Hold, ein junger Menonit, der lange Zeit „Draußen im Reich“ ge- 
wefen ift und daher freiere Anfichten hat, wird zuerft, indem er Pie 
Geliebte gegen die freche Aufdringlichkeit eines franzöfiichen Offizi 
ſchützt, zu der Nothwendigteit eines Duells getrieben. Aljo Konf 
zwiſchen der Lehre der Seinen und feiner Ehre, die das Duell | 
dert, da er ſonſt für einen Feigling gehalten würde. Dennoch ı 
fäumt er das Duell, da er hofft dadurch die Geliebte, Maria, 
geringen: Als er fich hierin getäufcht fieht, leiht er in Bergmeifl 
der Werburig des Boten Schills Gehör. Matthias, der beſtiw 








Ernſt von Wildenbruch als dramatifher Dichter. 275 


Bräutigam Marias, hat diefe Unterrebung belauſcht und denuncirt 
ihn bei der Gemeinde, die Auftrag hat Henneder, fowie jeden, der 
ihm folgen will, den Franzoſen zu überliefern. Vergeblich ve 
ih Reinhold das Vaterlandsgefühl in den Seinen zu weden. Alſo 
gonftift zowiſchen dem Menonitenegoismus und Liebe zum 
Vaterland 


Daß Reinhold in der Hoffnung, dadurch die Geliebte zu gewin- 
nen, auf das Duell verzichten will, wodurch er doch feine Ehre ver- 
tiert, iſt eben fo unbegründet, wie Auntabricheinfich und ſetzt den 
Helden in unſern Augen ſo ſehr herab, daß wir ihm nicht mehr 
unfere volle Sympathie ſchenken können. Mit feinem Patriotismus 
it e8 auch nicht weit her, da er Henneder eigentlich doch nur folgen 
will, weil er jonjt nichts anderes anzufangen weiß, und im legten 
Alte, ala Maria ihn befreit und mit ihm fliehen will, da ift jelbe 
völlig verraucht. Anstatt die koſtbaren Minuten zu nugen, Henneder 
zu retten, feinem Baterlande in feiner Perſon einen Kämpfer zu ers 
alten, das Glüd, das fich ihm bietet zu ergreifen, bleibt er, um — 

Lind über ben fen zu fehießen. Eine geradeswegs kindiſche 
Handlungsweife! Ebenſo wenig patriotiſch wie wahrf —— 

Maria ſtirbt am gebrochenen Herzen, eine bei tragi hen ichtern 
zwar ſehr beliebte, aber meiſt durchaus unwahrſcheinliche Todes- 
urſache. Wildenbruch wußte mit ihr aber wohl nichts anderes an— 


zufangen. J 

Matthias ift Die am beften gezeichnete Sigur de3 Dramas. Diefer 
ſcheinheilige, äußerlich ruhige, fittenftrenge Dann, in defjen Innern 
ie Flamme wilder, immer eidenſchaft wüthet, die er Hinter der 
Larve Der Milde und Rechtlichkeit zu verbergen weiß, für den es 
nicht Vaterland, nicht Glauben, nicht Freundſchaft, ſelbſt nicht Liebe, 
nm Egoismus, Befriedigung feiner rajenden Sinnlichkeit giebt, ift 
eine ebenfo graufige, wie großartige Geftalt. 

Der eigentliche fanatijche Menonit mit feiner geigheit und Hab- 
fucht, den es nicht kümmert, wer fein ve ift „der Napoleon oder 
der da in Berlin“, der das Wort Ehre für Hirngefpinnfte erklärt, ift 
in dem hämiſchen Spötter Juſtus trefflich wiedergegeben, ber zugleich 
das Scharfe Gegenbild zu_dem felbftlofen, von Begeifterung für das 
Vaterland durchglühten Henneder bildet. 

Die Sprache ift in diefer Dichtung von feltenem Schwunge; 
namentlich Liegt in der Scene mit Henneder eine Kraft und Boche 
eine Tiefe der Empfindung, die wahrhaft Hinreißend wirft. Ueber- 
haupt Liegt das Hauptverbienft biefer Biätung, wie das von „Väter 

» Söhne“, darin, daß fie wahrhaft nationale Dichtungen find. In 
jem Henneder ift gleichjam die große Zukunft unjeres Vaterlandes 

jere Gegenwart — verkündet. Ein Bolt, das jolde Männer 
lt, das kann wohl finfen, doch untergehen fann es nimmermehr! 


* * 
* 


19% 


276° Ernft von MWildenbruc als dramatifcher Bichter. 


Ebenfalls in Preußen im ‚Anfang dieſes Sahehunberts fpielt 
„Zäter und Söhne”. Es ift nur zu natürlich, a5 & für uns 
Preußen kaum einen interefjanteren, ergreifenderen Stoff geben kann, 
als das Unglück und bie darauf folgende Erhebung unferes Vater⸗ 
landes in jener Zeit. Wer wünfchte nicht diefe traurigen und nament- 
lich diefe herrlichen Tage in voller Kebenstmabrheit vor ſich ji fehen! 
It es darum wunderbar, wenn der Dichter, der Baterlandsliebe und 
Begeifterung befigt, mit einem ſolchen Stoffe von vornherein unſers 
Beifalls gewiß ift? Und nun vollends ein Dichter wie Wildenbruch, 
der ganze, lebenskräftige Geftalten aus dem Boden ihrer Zeit heraus- 
wachſen zu laſſen vermag. Wäre „Väter und Söhne“ aud) nichts 
anderes, ficher ift es ein naturwahres, hochpoetiiches, ergreifendes 
dramatiſches Bild jener Hit vol echt nationaler Geſinnung. Die 
feige Muthlofigfeit, das Verzweifeln an ſich ſelbſt, der völlige Mangel 
des Vaterlandgefühls, ber durch Unterdrückung und Ungerechtigkeit 
irregeleitete Geift der „Väter“ ift in wahrhaft ftaunenerregender 
Weife porträtirt. Diefer General Ingersleben mit feinem: „Uns ver- 
ſchlingt ber Genius unſerer Zeit". Dieje Oberften ber Feſtun, 
Küftern, die jeden Widerftand für nutzlos Halten. Diefer Dorfihuls 
lehrer Valentin Bergmann, der wegen erlittenen perſönlichen Un— 
echtes — fein Sohn war den Tod durch die Spiekruthen geftorben, 
als er, ber hatte ftudiren wollen, auf zwanzig Jahre eingezogen war 
und aus Verzweiflung befertirte — nicht nur Mache an der Perſon 
deifen, der es ihm zufügte (Sngerzleben), ſondern an dem Vaterlande 
haben will, das fol graufame und ungerechte Geſetze hat. Sie 
alle zeigen in fehauriger Klarheit, wie e8 zu den Tagen von Jena 
und Auerftädt fam, warum Zeitung um Faltung ohne Schwertftreich 
fapitulirte, warum der alte Stamm gleichſam zugrunde gehen, bei— 
feite gedrängt werden mußte, damit Preußen wieder ein großer, freier, 
lebensfähiger Staat werden konute. Und in der Jugend, diejen Lieu- 
tenant Thynkel, Wille, Ingersleben, in ben Frauen ift die Zukunft, 
die Zeit der Erhebung, Befreiung gleich im Anfange in flammenden 
Farben gezeichnet. Diefe beiden erjten Afte find auch vom rein 
dramaturgijchen Standpunkte meifterhaft. — Es feige die Beit der 

bung =, „der Söhne" — die die drei legten Akte baritellen. 
Und wieder ift e8 Wildenbruch gelungen den großen Zug der Be— 
eifterung, die biefe Zeit bewegte, ihre erhabenen, menfchlichen, reinen 
Sheen zur Geltung und gelungenen Darjtellung u bringen. Selbit 
die hier eingefügte humoriſtiſche Geftalt — das alte Faktotum Riefe- 
bush — ift ein prächtiger „Barometer“ der Zeitftimmung. Er zeigt, 
wie felbft in dem alten Philifter, deffen erfte Bürgerpflicht Ruhe 
war, die Erhebung ihren Wiederhall findet. — So find wir Zeugen 
der legten Momente, die den frechen Unterbrüdern in unferer Haupt- 
ftadt gegeben find, grell Elingen feine Gemaltthätigfeiten hinein, wir 
find Zeugen feiner Vertreibung, Zeugen, wie fich das preufiie Volk 
ur reinen That der Befreiung und wahren Freiheit erhebt, wie es 
dſt ihm widerfahrenes Unrecht nicht rächt, wenn es von einem 





Ernſt von Wildenbruch als dramatifcher Bichter. 277 


Landsmanne fam. Wir hören von dem großen Siege, den die preußis 
chen Waffen erfämpft, und das Drama ſchließt mit machtuoll er- 
hebendem Ausklang, wenn der einft durch feinen Vater zum Landess 
verrath verführte Züngling — Heinrich Bergmann — ben Helden- 
tod für das Vaterland ftirbt, und der Vater jelbft im Anblick der 
groben neuen Zeit voll „Güte und Geredhtigfeit” — fein Unrecht 
erfennt. 

Dennoch bleiben die Fehler der Dichtung als Drama Seftehen. 
Es fehlt der Held. Unfer Interefje gehört in den zwei erften Akten dem 
Valentin Bergmann. Das furchtbare Unrecht, das ihm wiberfahren, 
erregt aufs tieffte unfer itgefüht, fo daß wir feiner Rache — er 
ift die Veranlaffung, daß Ingersieben die Feftung Küftrin mit drei 
taufend Mann an ein Regiment übergiebt, und daß der Sohn 
defjelben für einen Dejerteur und Vaterlandsverräther gehalten wird, 
— mit Furcht und Schaubern, aber auch mit. tiefiter Theilnahme 
folgen. Wir begreifen hier vollftändig, wie er jomeit getrieben wer- 
den fonnte. Wenn er fich fpäter aber für Geld als Spion verkauft, 
um jo die Mittel au gewinnen einen Sohn Heinrich ftubiren zu 
faffen, wenn ihm förmlich das Verftändnig für die Erbärmlichkeit 
feines Thuns abzugehen fcheint, fo mag bieje aus der ganz feltenen 
Verbitterung, in bie er ſich verjenft hat, erflärlich fein; wir können 
aber jeinem Empfinden nicht — recht folgen und die Niedrigkeit 
ſeiner Handlungsweiſe macht unſere a unmöglich. Diejelbe 
geht auf feinen Sohn Heinrich über, ber einſt, ohne ſich feiner That 
recht bewußt zu fein, an dem Verrath des Vaters und feiner Rache an 
Ingersleben theilnahm, — was übrigens ziemlich ſchwach motivirt ift 
— und ber nun, da er felbft den Freijchaaren angehört, hören muß, 
daß er von dem Blutgelde des Vaterlands gelebt hat. Da beſchließt 
er feine an der Familie Ingersleben begangene Schuld Baba) zu 
fühnen, daß er durch Selbitanflage den Sohn von dem Verdacht 
des Vaterlandsverrathes befreit. Seine Schuld gegen fein Vater- 
fand fühnt er duch den Tod auf dem Schlac Isle. Daneben 
nimmt noch der begeifterte Vertreter ber neuen Zeit, Lieutenant 
Thynkel, zeitweiſe unjer Intereffe in Anfpruch, jowie der hochherzige 
und unglüdliche Lieutenant Ingersfeben, das unjchuldige Opfer der 
Rachepläne Valentins. 

Die Handlung des Dramas ift in zwei Theile gerijfen: das 
Drama der Väter und das der Söhne; aber diejer Fehler war für 
den Dichter notwendig, wenn er feine Idee zur Darjtellung bringen 
wollte. Er wollte zeigen, wie bie Schuld der Väter durch die Söhne 

fühnt und gebüßt ift, und dieſe Idee bedingte die Theilung der 
andlung. Wir müßten aljo entweder auf das Drama verzichten 
ver diefen Fehler deffelben mit in den Kauf nehmen. Die Wahl 
ım nicht ſchwer fein. 








” * 


278 Ernſt von Wildenbrud, als dramatifcher Dichter. 


Da in Wildenbruchs dichteriſcher Thätigkeit ein beſonders 
beachtenswerther Fortſchritt nicht bemerkbar iſt, brauche ich feine 
Dichtungen nicht in chronologiſcher Reibenfeige zu  beiprechen. 
Sch ſchließe hier alfo gleich „das neue Gebot“ (1886) an, da bafjelbe 
aud zu den nationalen Werken des Verfafjers gehört. Ein gut 
Theil des großen Erfolges, den dieſe Dichtung fand, darf man wohl 
auf. die ſtark tendenziöß gefärbte Idee des Dramas zurüdführen. 
Es ift natürlich,. daß die ge: hat ber katholiſe riejter dem 
Bapfte zu gehorchen ober Kaifer und Reich treu zu fein? namentlich 
im proteftantijchen Deutfchland des größten Intereffes ficher üft. 
Auch diefe Dichtung behandelt wieder zwei Fragen zugleich, da auch 
noch die der Priefterehe dazu kommt. 

Das Stüd fpielt zur Zeit Heinrich IV. und des Papftes Gregor. 
Ein Priefter, Wimar Knecht, geräth zunächſt in einen Stonflift des 
Herzens, das ihn zu König und Reich zieht, und der Pflicht, die ihn 
dem Papfte gehorchen Heißt. Der König iſt verflucht, es ift feine 
Pflicht ihn zu verlaffen. Als aber die Königin, flüchtig, in Kindes- 
nöthen, zu ihm gelangt und in feiner Kirche Schug jucht, lann er 
ber Stimme feines Weibes, die Menjchlichkeit heiſcht, nicht_wiber- 
ftehen. Das Herz fiegt über die Pflicht. Allein ein neuer Konflikt 
fteht ihm bevor. der Bapjt hat das bot der Priefterehe erlafjen 
und fordert von allen Geiftlihen, daß fie ihre aganıen verftoßen 
follen: „denn eure Ehe ift Gräuel vor Gott; eure Weiber, nicht Ehe- 
frauen, Buhlerinnen find’s!* 

Als diefes neue Gebot zu Wimar gelangt, wird ihm fein bis—⸗ 
heriger Irrthum plötzlich furchtbar Mar. Nicht feines Herzens 
Stimme log: . 

„Here ber Zelt, 
Dich habe ich mein Leben lang gefucht 
Und einen Menſchen hab’ ich angebetet.“ 
Eh er fg von feinem Weibe trennt, die dreißig Jahre treulich mit 
ihm Freud und Leid getheilt, verläßt er Amt und Gemeinde und 
ieht in die Einöde der Wälder. Aber ſchon im nächſten Frühjahr 
hehe er vor ber Leiche der geliebten Gattin, Die jenes Wort „Buhlerin“ 
töbtlich ins Herz getroffen hat. — König Heinrich hat inbeffen ein 
roßes Heer um fich gefammelt und fiegt an der Unftrut über die 
Cadjfen, und fein Schwert ir mit töbtlichem Streiche im Kampfe 
den Priefter Bruno, der den Fluch und die Botichaft bes Papſtes 
an Wimar brachte, und fterbend erfennt derjelbe König Heinrich am 
und bittet Wimar ihm zu verzeihen und die Abjolution zu ertheilen. 
Doch Wimar weift ihn zurüd und verlangt die Burüderftattung alle 
deffen, was Bruno ihm geraubt, und verzeiht erjt, als Heinrich 
Sieg ihm alles wiedergiebt: 
„Ein neu Gebot haft Du uns bringen wollen: 
Seid Gott getreu und treulos Eurem Land, 
Du haft Gott nicht gefannt: er fpricht zum Menſchen 
Nur in ber Heimatfprache heil’gem Laut. 
Liebe zum Vaterland ift Gottesdienſt.“ 


I 


Ernſt von Wildenbrud als dramatifcher Dichter. 279 


Wildenbruch hat fein Drama „ein Schaufpiel” genannt. Ein 
Schaufpiel ift ein ernſies Stüd mit gutem Schluß, das heißt mit 
dem vollftändigen ideellen, wie materiellen Siege des Helden. Der 
Sieg ift hier aber nur ſcheinbar ein vollftändiger. wird im 
Drama allerdings fo bargejtellt, al feien mit dem Siege Heinrichs 
auch die beiden Fragen zur Anerfennung gebracht, um die das Drama 
ſich dreht. Das ift thatfächlich aber nicht der Fall. Erſt nach der 
—— an der Unſtrut erfolgte Zerrhe Demüthigung vor Canoſſa. 
Aber jelbit zugegeben, daß der Dichter, wie Leifing jagt, von der 
Geſchichte nur jo viel zu wifjen braucht, als ihm beliebt, fo muß er 
doch die Welt fennen und wiſſen, daß dieſe beiden Fragen noch 
heute durchaus nicht gelöft find. Ein tömiſch-katholiſcher Priefter 
darf fich noch heute nicht vermälen, und ber Streit über Kaijer und 
Papft ift noch lange nicht geſchlichtet. Ich möchte faft jagen’ ideel 
jet die Idee gefiegt, denn der unparteiifche Beurtheiler wird ihre 

jerechtigung anerkennen, aber nicht thatſächlich. Der Stoff eignet 
fi eben nur zur Tragödie, wo die bee nur „ideel“ zu fiegen 
braucht, thatſächlich, das Heißt in ihrer momentanen Erfcheinungsform, 
jugrumbe Es darf. Ein Beweis für meine Behauptung: wenn 

tmard Weib noch lebte, dürfte cr auch am Schluffe, trog dem 
Siege des Königs, nicht Priefter fein. Brunos Neue ändert daran 
nichts, denn nicht er, fondern ber Papft hat jenes „Gebot“ erlafjen 
md der Papft nimmt es nicht zurüd. Hier liegt nämlich ein 
logiſcher Irrthum. Im legten Theile wird es fo dargeftellt, als 
jei Bruno Wimard Gegner, und feine Reue die Löfung der Frage. 
Er iſt aber doch nur der Vote, gleichfam der Mund des Papites. 
Daher hat er auch gar fein „todeswürdiges Verbrechen", wie Wimar 
jagt, begangen. Eine Schuld ift.nur da denkbar, wo das Bewußt⸗ 
fein der Schuld fein fann. Bruno Handelt aber aus Weberzeugung 
ut zu then. Für ihn ift, wie anfangs ja auch für Wimar, „der 
Fark Gott“. Wie joll er aljo darauf fommen, daß derfelbe ihm 
etwas unrechtes befichlt. Sein Thun iſt feine moralifche oder fitt- 
liche Schuld, fondern höchſtens eine tragiſche — fein Irrthum vers 
dient unfer Mitleid, nicht unfern Hab. So ift Wimars anfängliches 
Verhalten gegen ihn wohl natürlich und begreiflich, aber nicht ti 
gerecht und kann daher unjere Billigung nicht haben, was der Dich 
ter doch wohl forbert. Webrigens ijt Brunos Reue unwahrſcheinlich. 
Wie joll der Anblid eines enfcen, wer es auch fei, Lebensüber⸗ 
eugungen umjtürzen können? Wildenbruch liebt es, feine „Gegen- 
Biden“ bereuen zu laſſen, was ja wohl auch den Beifall unferes 
blikums findet, aber natürlich iſt es nicht immer. 

Trotz dieſer ſchwerwiegenden Fehler iſt das meue Gebot auch 
eſehen von feiner intereſſanten, nationalen Idee, eine bedeutende 
Kapfung. Die Charafterijtif namentlich Wimars, diefes Mannes mit 
ı großen Herzen, ift individuell, die Handlung fpannend und dabei 
fait raffiniert funjtvoller Weife aufgebaut und vom theatraliſchen 
andpunft von ungewöhnlicher Wirkungsfraft. Einige lyriſche 





280 Ernft von Wildenbrud als dramatifher Bichter. 


Scenen, wie die Liebesfcene zwifchen Wimars Tochter und ihrem 
Geliebten Berthold, und die Sterbefcene Marthas, der Frau Wimars, 
find von feltener Schönheit, und die Sprache ebenjo dramatifch, wie 
natürlich umd doch voll echter Poefie. 


* * 
* 


Ließe I bei ben bisher beſprochenen Dichtungen vielleicht eine 
Verwandtf mit Schiller nachweifen, fo fomme ich nun zu zweien, 
in denen fich eher eine ſolche mit Shafefpeare auffinden Tiehe. 
Bei „Chriſtoph Marlow“ (1884) liegt die Verwandtichaft wohl in 
der krafivollen Heraushebung einer tragiſchen Leidenschaft, was Wil- 
denbruch fonft nirgend in jo hohem Grade gelungen ift. Im , Fürſten 
oma! (1886) Tiegt die Beziehung wohl hauptſächlich im 
toffe. 

Der Gedante: 

„Wehe dem Weide, das auf Mannes Geift 

Sein Leben baut und nicht auf Mannes Herz." 
fol in „Chriſtoph Marlow“ erwieſen werden. Im. übrigen ift es 
eine Charaftertragödie. Die Tragödie des Ehrgeizes, der Ruhm— 
begierde. Chriſtoph Marlow gehört zu jenen Menjchen, Die „gefoltert 
von ber eignen Phantafie fi) in reine Menfchenherzen flüchten und 
fie verwüften“. Sein „‚zauft“ und „Tamerlan“ haben ihn zu Eng- 
lands gepriefenftem Dichter gemacht, aber dennoch hat feine Seele 
feinen Geieden, er fühlt fich einfam, da alle andern ihn nigt ver⸗ 
ſtehen, wie er meint. Da ſieht er Leonore Walſigham, die Tochter 
ſeines Wohlthäters, die ihn längſt in feinen Werken bewundert, liebt. 
Die Dämonie feines Weſens, jein Bekenntniß, daß ohne fie fein 
Leben einfam fei, daß er nur bei ihr den erjehnten Frieden finden 
Tönne, entflammen ihre Leidenſchaft vollends. Und er, in dem Egois- 
mus feines Geiftes, reißt fie aus dem Frieden des Vaterhaufes, von 
der Seite des ihr mit jelbftlofer Herzenzlicbe zugethanen Bräutigams, 
Francis Archer. Sie fühlt wohl, was fie verliert. „Sein Herz 
muß groß fein es ihr zu erfeen, betäuben muß er fie im Raufche 
durch den Himmel feiner Phantafie.“ 

Aber Marlow ift nicht, wofür er felbft fich Hält; er ift nicht 
Englands größter Geift und Dichter. Er wohnt der erften Auf- 
führung von Romeo und Julia bei und „Gott“ hat ſich ihm offen- 
bart. So ift der Glaube an fich feldft und feine Miffion dahin, 
aber auch ber Glaube an Leonorens Liebe, da er nur Verehrung des 
Geiftes, nicht Liebe des Herzens fennt. Sie liebte ja nur den Dichter 
in ihm. „Und für den größern Dichter giebt fie den Stümper hin.“ 
Serälos ſchleudert er ihr in feiner Verzweiflung ſolche Anklagen ind 

eſicht um erfehütert jo auf das Furchtbarſte die felten feinfühlige 
Seele ber Geliebten. Sie, die ihm alles geopfert, wird jo verfannt! 
Und als nun noch die Kunde fommt, daß ihr Vater in jener Nacht, 
als jie von Haufe entwich, geftorben ift, umnachtet Wahnjinn ihren 





Ernſt von Wildenbrudy als dramatifcher Dichter. 281 


Geiſt. So hat Marlows Egoismus feinen Wohlthäter und feine Ge— 
liebte gugrunbe gerichtet. & felbft aber fällt von der Rächerwaffe 
cis ers, indem er feinen Geiſt von der Selbitlofigleit des 
end dieſes Mannes für befiegt erklärt, und ftirbt im Anblic 
feines geiftigen Sieger: 
„Das Bild bes Dichters, wie ihn Leonore träumte, 
& groß, fo heilig, opne Hohn und Lägeln 
Unb ohne rende, baß ber Gegner fant.“ 


William Shafefpeares. Verſöhnt entfchwebt fein Geiſt. Er Tiebt 
Den Beh hakeſpeaꝛ erſ ch 


Eine gewaltige Tragödie, wohl die tragiſchſte, die Wildenbruch 
bis jetzt geſchaffen; tief erſchütternd und machtvoll erhebend. In der 
Charalter ʒeichnung unbedingt ſein Meiſterwerk. Die wilde Phantaſie, 
der egoiſtiſche Geiſt, der fie) ſelbſt und alles, was fi) an ihn ketiet, 
vernichtet, er nicht durch Die Macht des Herzens geläutert ımd 

jebändigt wird, ift in Marlow großartig verkörpert. Der dämoniſche 
Heute, der ihn anfangs umſchwebt, jo lange er an fi) und feine 
iſſion glaubt, ift geradezu bewältigend, und der Vorwurf: Leonore 
ſei untragiſch, da fie fich von eitelm Wortgepränge und ſchwungvoller 
Bilderfpradde wie eine Närrin bethören laſſe, geradezu lächerlich. 
Sie fteht ſchon unter dem Bann feines Geiftes, ehe fe ihn perfün- 
lich kennt. Und num kommt dieſer Mann felbft, beraufcht ihren 
Geiſt und erregt die Tiefen ihres Herzens. Ihre Bewunderun— 
wächſt zu exaftiler Schwärmerei, ihr Mitleid zu Liebe an. Un 
ala er ihr verfündet, daß fie ihm Glück und Frieden geben könne, 
Daß fie ihm vom iickſal beftigimt fei, da vergißt fie Kindesliebe, 
Pflicht, alles; fie folgt dem uͤbermächtigen Drange ihrer Seele zur 
Erfüllung ihrer Miffion. Die Steigerung ift hierin wahrhaft meifter- 
haft. Daß es bei einem fo jchwärmerifchen Weſen, defjen Denen und 
gihten in wildeften Aufruhr verfegt ift, nur eines erfchütternden 
genftoßes bedarf, um ihren Geift zu zerrütten, ift Hat. Diefer er- 
greifende, tragijche Charakter ift „in dem Zeitalter der Nervofität” 
der größten Beachtung werth. Ob er allerdings in den Charafter 
der Sheep eit paßt, überlaffe ich andern zu enticheiden. 
18 fraftvoller Gegenjag zu Marlow und Leonore erfcheinen 
der eble Greis Thomas Walfigham und Francis Archer. Der Leßtere 
iſt der Bertreter „jelbftlofen Herzens“ gegenüber „dem — 
Geiſt“. Schlichte Beſcheidenheit und männlicher Ernſt, innige, opfer⸗ 
willige Hingabe ohne wilddraͤngende Leidenſchaft, Gerechtigkeit, Milde 
und Großherzigkeit, das ſind die wahrhaft erhabenen Eigenſchaften 
eſes Mannes 
In den Bedientenſcenen und namentlich in den Dichterſcenen 
wiſchen Marlows Kollegen, die der Vorſtellung von Romeo und Julia 
imohnen) hat Wildenbrucd, wahrhaft Shakeſpeareſchen Humor und 
unft der Charakterificung in wenig Strichen bewiefen. 

Leider wird die tragiſche Wirkung dadurch beeinträchtigt, daß der 

Tüdsumfchlag und damit die Kataftrophe für Marlow nicht eigentlich 


282 Ernſt von Wildenbrud als dramatiſcher Dichter. 


aus ihm felbit, jondern von außen durch ein zufälliges Ereigniß erfolgt. 
Er geht nicht eigentlich durch feinen Ehrgeiz oder Egoismus zugrunde, 
fondern dadurch, daß er ſich für den Größten hält, und ſich ein 
größerer findet. Aber zu jenem Glauben war er berechtigt, denn er 
war es nad) aller Zeugnis — bisher. Es fehlt daher die inmere 
Nothwendigfeit feine Unterganges. Gewiß, feine Einfeitigfeit und 
Ueberhebung forderte jein Schidjal Heraus, aber das Erſcheinen 
Shalefpeares erjcheint als etwas zufälliges, nicht als etwas noth- 
wendiges. Ei wenn Shafejpeare zu feiner Zeit nicht gelebt hätte? 
Das war doc Zufall. Wildenbruch hat ben ujammenhang dadurch 
hereinbringen wollen, daß Walfigham dem Marlow den Fluch nad; 
jendet: „ein Größerer fomme über Dich!" aber dieſe Verknüpfung iſt 
willfürlich und rein äußerlich. 

Dennoch halte ich „Chriftoph Marlow“ vom rein dramaturgi- 
chen Standpunkt für Wildenbruchs vollendetſtes Werk. 


* * 
* 


Seine neuefte Schöpfung ift: „Der Zürft von Verona“, eine 
neue Auflage des Romeo-Julia Konfliktes. Entfteht bei Shafejpeare 
der Konflikt aber allein aus ber Liebe des jungen Paares und dem 
Haß der Familien, jo läßt Wildenbruch ihn hier gleichzeitig auß der 
Idee des Helden herauswachſen. Majtino della Skala, Fürſt von 
Verona, will feinem Lande den Frieden bringen, den alten Streit der 
Ghibellinen und Guelfen, auf deſſen Hintergrunde ſich das Drama 
aufbaut, endigen. „Es giebt feine ‚Öhibellinen und Guelfen mehr, 
fondern nur Bürger von Verona.“ An der Unmöglichkeit der Durch» 
führung diefer Idee geht er zugrunde. Wildenbruch hat es in groß- 
artiger Zeile dargeftellt, wie groß der Haß der Parteien if. Und 
wenn auch das Liebesband, das Maftino (Ghibelline) mit Selvaggia, 
der Tochter des Guelfenhauptes, verbindet, einen Augenblid eine 
Verföhnung möglich erjcheinen läßt, bei dem Verlobungsfeſte jelbit 
kommt es zu blutigem Streit. Maftinos eigener Bruder tötet einen 
vornehmen Guelfen. Und wenn Maftino jeine Gerechtigkeit auch 
durch die Verbannung deffelben beweift, die verfündigte Ankunft 
Konradins von Hohenftaufen ruft neuen Zwiſt hervor. Maftino 
verdirbt es, da er Konradin zwar Unterkunft, aber feine Hilfe wider 
Karl von Anjou gewähren will, mit beiden Parteien. Um einen 
Ueberfall des Kaſtells zu verhüten, muß er Selvaggia, die die Ihren 
verlafjen hat und ihm gefolgt ift, mit ziemlic, geringem Schuge zu— 
rüdlaffen. 

Da wird fie denn von Adelaide, ihrer Stiefmutter ur 
Scaramello, den fie früher auf Verlangen ihres Vaters und Adelaide 
heiraten jollte, überfallen. Sie ſoll ins Vaterhaus zurüdfehren. € 
weigert fi, und als plöglich die Stimme des zurüdfehrend. 
Maitino ertönt, ftößt Scaramello fie nieder, um dann von Reue eı 
griffen, Adelaide und fich jelbjt zu tödten. Auch Majtino ift im Kamp 


Ernft von Wildenbrud als dramatifher Dichter. 283 


töbtlich verwundet. Er finkt fterbend in die Arme Selvaggias, 
vereint mit ihr auf enig, denn: 

„Die Seele des Menjchen kann die Ewigkeit ahnen, die Seele 
bes Menſchen muß ewig fein.“ 

Schon bie Inhaltsangabe zeigt, wie zahlreiche Einzelgeiten ar 
Shafefpeares Romeo erinnern, — iſt es ein vollftändig ſelbſt⸗ 
Hänbiges Bert. 

er Mangel einer tragischen Schuld, den einige Kritiker auf 
gewittert haben, ift nicht vorhanden. Jeder Menſch muß bie noth- 
wendigen Folgen jeine® Wollens tragen und ge fie in_gewiffem 
Sinne aud) ftet3 verdient. Wer unmögliches will, mag bafjelbe noch 
fo edel fein, geht daran zugrunde unb reißt alles, was ihm un— 
trennbar vereint ift, mit fi. Ein folcher Untergang wird auf uns 
nie peinlich wirfen und darauf allein fommt es hierbei an. Wilden. 
bruch hat an anderer Stelle einmal ſelbſt die einfachite und zutref⸗ 
fendfte Theorie für die tragiiche Schuld gegeben, wenn er jagt: 


„Des Menſchen Wille ift des Menſchen Schidjal.” 


Dennoch Liegt der Fehler in der fchlecht motivirten und daher 
unwahrſcheinlichen Kataſtrophe. An umd für fich ift diefelbe nicht 
unwahrſcheinlich, fondern im Gegentheil nothwenbig; aber wie fie 
der Dichter Herbeiführt, erſcheint fie nicht glaubhaft. Das Volt läßt 
den Maftino im Stich, „weil die Staufen feine Weiber zu Buhler— 
innen machen“ und es dieſelben daher nicht in der Stadt haben will. Die 
ganze Veranlaſſung gu Meier Anſicht ift aber, daß Cunizza, Sel⸗ 
vaggias verftorbene ter, die Buhlerin Friedrich II. geweſen ift. 
Nun ift aber weder von Gewalt noch von Verführung im eigentlichen 
Sinne des Wortes die Rede. Daß ihm aber eine Kofette willfährig 
gerefen ift, enthält doc, Keine Gefahr für die Allgemeinheit und 

her auch nichts, was die Staufen mißlicbig machen könnte. Noch 
unbegreifficher ijt die Wirkung der Beſchuldigung, dag Maftino die 
Selvaggia zu feiner Buhlerin machen wolle, während er gar nicht 
daran denkt, fondern laut verfündet, daß fie feine Gattin werden würde. 
Zudem it es durchaus unklar, warum am Schluß die Parteinahme 
des Volles einen jo großen Einfluß haben kann, da bisher alles 
ohne ober gerade gegen feinen Willen gejchehen if. Und warum 
läßt Maftino feinen Palajt jo ſchwach bejegt? Wo hat er die be= 
waffnete Macht gelaſſen, mit der er furz vorher Verona eroberte? 

Auch die Charakterzeichnung weilt mancherlei Widerſprüche auf. 
"*faide ift ziemlich unverjtändlich. Sie liebt Scaramello und will ihn 

noch mit Selvaggia vermälen, von der fie weiß, daß er fie bis zur 
erei liebt. Kann fie dann hoffen ihn je zu Sefipen? Solche Adelaiden 
en aber nicht, ohne befigen zu wollen. Ebenfo wenig wahrjchein- 
ift Scaramello. Ein ſolch' rauher, wilder und leibenſchaftlicher 
nich, der, wie er ſelbſt jagt, immer gleich) Blut vor Augen fieht, 
die Geliebte in den Armen des Rivalen jehen fünnen und be— 
een, nicht jenen, fondern ſich felbft zu tödten bloß aus Rührung 


284 Ernft von Wildenbrud) als dramatifher Dichter. 


darüber, daß die Geliebte für ihm beten will! Solde Scaramellos 
werden nicht ME und die Selbftlofigfeit eines folchen Menfchen 
ift wenig glaubhaft. Dennoch dürfte bei guter Darjtellung gerade 
dieje Sertett zu den theatralitch-wirkjamiten der Dichtung gehören. 

Trog al’ diefer Widerſprüche und Unwahrſcheinlichkeiten bleibt 
„Der Fürft von Verona“ eine beachtenswerthe und erfreuliche Er- 
ſcheinung. Auch dieſes Drama weift die Tugenden Wildenbruchſchen 
Dichtergeiftes auf: Die fcharfe Herausarbeitung der Gegenjäge, die 
in die Handlung in meifterhafter Weife verflochtene Darftellung der 
Verhältniffe, auf denen ſich die Tragödie aufbaut. Der erfte Akt 
mit dem Streite der Jungfrauen, dem Erjcheinen Scaramellos, um 
Selvaggia aus dem Klofter zu holen, der dritte und vierte Aft mit 
dem blutig endenden Verlobungsfefte gleichen großartigen Hiftorifchen 
Gemälden; daneben die Liebesjcenen Selvaggias und Majtinos voll 
wunderbarem Zauber der Poefie! Auch die Charakteriftit, namentlich 
in ber Gejtalt Selvaggias, weist viele ‚Feinheiten auf und zeigt einen 
Dichter, der feine Gebilde immer gleihjam plaſtiſch erichaut. 

* * 
* 
komme zu den Zamiliendramen des Dichter? „Opfer um 
Opfer“ (1883) und „Die Herrin ihrer Hand“ (1885). 

In einem modernen Drama, das ſich nicht um große ragen, 
um politifche, veligiöfe, nationale, ideelle Konflikte dreht, fondern die 
feinen Konflikte der Seele, des Herzens behandelt, ift größte innere 
Nothiwendigfeit vonnöthen. Die Hleinfte Unwahrſcheinlichkeit ver- 
dirbt feicht die ge Wirkung. Daher ift es thöricht, wenn einzelne 
AeftHetifer die Anſicht vertreten, daß das moderne, das Familien- 
drama eine niebrigere Kunftgattung ſei. Es verlangt vielleicht gerade 
im Gegentheil vom Dichter ein viel tieferes Durchdringen feines 
Stoffes, eine viel jchärfere, individuellere Charakteriftif, es verlangt 
die unbedingtefte Ds erichtigfeit. AL die Einwände, die gegen das 

miliendrama gejchleubert werden, ee migt auf das Konto der 
jattung, jonbern der einzelnen Schöpfungen. Das aber ift ed, was 
einzelne Xefthetifer überjehen. Das Familiendrama_ift vieleicht die 
fchwwierigfte Gattung und da e3 eine verhältnigmäßig neue üft, fo 
ben wir noch feine vollendete, fogar wenig wirklich gute Leiftungen auf 
iejem Gebiete. Beweiſt Das aber, daß wir fie auch nie haben werden? 

„Opfer um Opfer“ gehört trotz einer Unwahrfcheinlichfeit in der 
Borausjehung und einigen Widerfprüchen in der Charakterifirung 
zu dem Velten, was auf diefem Gebiet in Deutjchland geleiftet. 

Es giebt Menfchen, die die Liebe egoiftiich macht, die fie Pflicht, 
alle Rüdfichten vergeffen und nur an die Gewinnung des Geliebten 
denfen läßt. Ein jolcher Charakter ift Hedwig Roßiau. Sie liebt 
den Afrikareiſenden Wernshaufen, den Schüler und jugendlichen 
Freund ihres Vaters. Nach zweijähriger Abweſenheit ift er als be— 
rühmter Mann zurüdgefehrt. Auf Grund der Zuneigung, die er 
ihr immer erwiejen, hofft fie, daß er ihre Liebe erwidert, gewahrt 


35 





Ernft von Wildenbrud als dramatifcher Bichter. 285 


aber bald, daß ihr nur feine Serunbiäaft gehört, und fängt an zu 
fürchten, daß ihm ihre jüngere Schwefter Chriftine nicht gleichgiltig fei. 
Da theilt diefelbe ihr mit: ein Herr Kellenberg habe um ihre Hand 
angehalten, Hedwig möge ihre Meinung darüber Tagen. Obwohl 
num Hedwig ſelbſt Kellenberg für einen leichtfinnigen Menſchen hät, 
obwohl jie weiß, da fein Vater ein Güterjpefulant ift, obwohl fie 
einft ihrem fterbenden Vater gelobt hat für Chriftine wie eine Mut- 
ter zu forgen, — wehrt fie die Entſcheidung von fich ab; denn riethe 
fie ab, jo ahnt fie, würde Chriftine ihn nicht Heiraten und dann — 
wäre Wernshaujen ihr verloren. Chriftine müffe felbft entjcheiden. 
Und dieje, die ebenfalls Wernshaufen liebt, die aber von Hedwigs 
Gefühlen für ihn weiß, bejchließt fich für Hedwig zu opfern und 
verneint die Frage ber Schwefter, ob fie etwa einen andern liebe. 
So glaubt Hedwig, Chriftine reiche aus eigenem freien Antrieb Kel- 
fenberg ihre Hand. — Kellenberg und Wernshaufen gerathen anein- 
ander; ein Duell foll ftattfinden; aber Chriftine, die den Geliebten 
nicht dem fichern Tode preisgeben will, fordert von Stellenberg als 
Bedingung für ihre Heirat, daß er fich mit Wernshaufen ausfühne. Da 
Kellenberg joeben die Nachricht erhalten hat, daß fein Water bankerott 
fei, thut er e8 unter der Bedingung, daß Chriftine ihm ſchriftlich ver 
ſpricht, in drei Wochen Hochzeit zu machen. Wernshaufen ift über 
Chrijtinens Verlobung mit diefem unbebeutenden Menjchen fo empört, 
daß er fie vergefjen will, und fid) daher mit Hedwig verlobt. Dieſe 
aber fommt bald Hinter den ganzen Zufammenhang, erfennt, daß 
Ehriftine Wernshaufen und Wernshaufen Chriftine liebe, und tief erfchüt- 
tert Durch den Opfermuth der Schweiter, rafft fie fich felbft zu heroiſchem 
Entſchluſſe empor: „Opfer um Opfer.” Zunächſt gilt es Sellenberg 
zur Rückgabe bes Hochzeitsverſprechens Hedwigs zu bewegen, was 
ihr bei der Zumpenhaftigfeit defjelben erſt durch Auszahlung von 
60,000 Mark Entihädigung gelingt. Aber felbjt dann erklärt er, 
Chriftine fei noch immer feine Braut, bie gocaeit ſei nur aufge- 
fchoben. Allein die plögliche Nachricht von dem Selbſtmord feines 
Vaters erjchüttert ihn fo tief, daß er die Erbärmlichkeit feiner Hand- 
lungsweiſe erfennt und auf Chriftine verzichtet. Alsdann vereint 
Hedwig Chriftine mit Wernshaufen, „den fie fo fehr liebt, daß fie 
ſelbſt Feine Freundin fein kann.“ 

Der Grundgedanke der Dichtung ift, wie leicht erſichtlich, daß 
mangelnde3 Vertrauen, auch jelbjt aus Opfermuth, nur Unglüd für 
alle Theile bringt, und daß das durch ein Opfer erfaufte Glück 
nderer glücklicher macht, als das auf Egoismus erbaute eigene Glüd. 
3edauerlicher Weiſe gründet fi) der Konflikt auf einer Unwahr— 

heinlichkeit. Chriftine liebt Kellenberg nicht, ihre Verlobung mit 
m ift ein Opfer und ein folches bringt man nicht ohne unentrinn= 
‚ren Grund. Ein jolcher liegt hier aber nicht vor. Sie weiß, daß 
edwig Wernshaufen liebt, nad) allem muß fie auch annehmen, daß 
r Gefühl von ihm erwidert wird. Welche Gefahr konnie es alfo 

das Glück der Schwefter haben, wenn fie Kellenberg zurückwies? 


’ 


286 Ernſt von Wildenbrud als dramatifher Dichter. 


Wie foll fie darauf fommen, daß fie einer Verbindung ihrer Schwefter 
mit Wernöhaufen im Wege ftehen könnte? Wenn diejer fie nicht 
Tiebte, Tonnte fie ihn aud nicht für fich gevinmen; aber warum fich 
an den ungeliebten, geiftig faft verachteten Mann fetten? Sie brauchte 
der —S ja nur zu ſagen, daß fie ihn nicht liebe, dann war 
die Sache abgetfan — aber auch das Drama unmöglich. Wilden- 
bruch brauchte eben die Verlobung, da diefelbe die Veranlajfung zum 
Duell geben follte, welches Spriftine in die Lage bringt, fi an 
Kellenberg faft anlosuich zu binden. Dieſes Bedürfniß des Dichters 
Hilft aber nicht über die Unwahrſcheinlichkleit der Handlungsweiſe 
Ehriftinend hinweg. 

Der Charakter Kellenbergs ift völlig verzeichnet. Anfangs er- 
Scheint er als ein leichtfinniger, etwas faber, aber ganz harmlofer, 
nicht geiftreicher, aber auch nicht witzloſer . Dann plötzlich 
im fünften At entpuppt er ſich als ein vollſtänbiger Lump. Die 
Erklärung dafür, daß dieſe Seite feines Charakter durch Hebivii 
kin gewedt fei, indem biefelbe ihn fo behandelte, ift wenig zutref- 
end. Was man nicht ift, dazu fann man durch Die Behand) 
anderer nicht in einem Moment gemacht werden. Wildenbruch Hili 
ſich, wenn er Unwahrſcheinlichkeiten vorbringen will, darüber dadurch 
hinweg, daß er, wie 5. B. bei der in einer modernen Gefellichaft ganz 
unglaublichen Forderung SKellenbergs, daß Chriftine ſich wegen ber 
Hochzeit ſchriftlich verpflichten foll, die Sache im Drama felbft als 
„<horheit“, al® „Unvernumft“ bezeichnen läßt. 

Andererſeits hat „Opfer um Opfer” jo große Vorzüge, daß man 
nicht umhin kann, dem Dichter das Zeugniß auszuftellen, daß er fich 
auch auf dem Gebiete des Familiendramas durchaus als tüchtiger 
Dramatiker bewährt hat. 

Welch‘ ein reizender, liebenswürdiger Charakter ift dieje Chriſtine, 
wie meifterhaft iſt dieſe Entwidlung vom harmlofen, lebensfrol 
Kinde bis zum ernjten liebenden Weibe Dergeitent Wie Bang) 
Opfermuth, die Selbftlofigfeit diefes edlen Weſens durchgeführt. Wie 
trefflich die innere Naivetät dieſer Tieblichen Mäbchenblume bis in 
den legten Moment feftgehalten. Ich benfe dabei an die Scene, 
wenn fie an ihrem Brauikleide in der Nacht vor der Hochzeit näht 
und "2 in den Finger fticht, weil fie gehört hat, daß das binnen 
kurzer Zeit den Tod nach ſich zieht. Der Vorwurf, daß ein folcher 
Aberglaube bei einem gebifdeten Mädchen unwahrſcheinlich fei, ift 
völlig unzutreffend. er Aberglaube Tiegt tief im Weſen des 
Weibes begründet und zubem ift es gar nicht der Fall, Daß „gebildete“ 
Zeute über ſolche Dinge erhaben find. tan braucht an jo etwe 
nicht zu glauben, um es zu thun. Es liegt una allen noch imm. 
etiwad von jener Furcht der Athener im Geifte, die, um ja feine 
Gott zu erzürnen, „dem unbefannten Gotte“ einen Altar baute 
Wer kann wohl behaupten, daß er nie dieſes oder jenes „Beiden 
als „Knöpfe abzählen mit ja und nein“, Die Blätichen des Ma 
liebchen abpflüden, oder ähnliches um Rath gefragt Hätte, wenn 


Wildenbruch als dramatiſcher Dichter. 287 


ünſchte, gern im voraus Gewißheit hätte haben 
glaubt nicht daran, aber man thut es, in der 
5 helfen könnte. 
jarafterzeichnung Chriftinens gejagt wurde, gilt 
3. Wie kräftig ift in ihr der Konflikt zwiſchen 
3, zwijchen Liebe zur Schwefter und zum Ge⸗ 
tet. Betrachten wir fie als die Heldin des 
ın e3 faſt eine Tragödie nennen und fünnte es 
daß in einer ſolchen feineswegs der Tod des 
idern nur feine materielle Niederlage. Welches 
ichung des Zieles — dem Befig des Geliebten —! 
twa um einen reinen Jrrthum, wenn fie voraus- 
3ernshaufen nicht liebt. Es ift vielmehr jenes 
md richt jehen wollen. Welch’ erhebender Aus⸗ 
hrer „Niederlage“ das Glück Geliebten und 
jet! Wenn in Wildenbruchs früheren Werfen 
arf zurüdtretenden Adele in Harold) die weib- 
: fchemenhaft erfchienen, fo hat er ſich in den 
mer größerer Vollendung gerade in der Zeich- 
hwungen. 
i hat Wildenbruch glücklich die Klippe umſchifft 
imen Häufig gejehenen Manne zu machen, der 
nicht klar iſt und von einer Frau zur andern 
on Anfang bis zum Ende nur Chriftine, und 
Jand reichen will, gefieht es aus Verzweiflung; 
jung von der qualvollen Erinnerung zu finden. 

* * 

* 

rausſetzungen von „Opfer um Opfer“ unwahr- 
9 „bie Herrin ihrer Hand“ auf mehreren Un- 
ne Inhaltsangabe wird das auf das Beutfihte 
» fönnte man dieſer Dichtung ganz wohl 
Chriſtoph Marlow voranftellen: „Wehe dem 
nes Geift fein Leben baut und nicht auf Man- 


c Edmund Wefterholz ift ein Phantaft. Er hat 
daß unter den Ruinen Babyions und Ninives 
t fein müffen, die in Keilfchrift ungeahnte Auf- 
Bolt bieten könnten. Dorthin zu gehen ‚und 

ift der Traum feiner Seele, Decke lich hat 
üven vieler reicher Privatleute gepocht, ihm die 
n Mittel, etwa 10,000 Thaler, zu gewähren. 
oder vielmehr Schülerinnen gehört ein Fräulein 
1g, eine junge Dame, die ebenfo wie ihr Bruder 
Sportämann jet Börfenfpefulant“ — zu den 
stadt gezählt wird. Auch bei diefem Herrn von 
eſterholz — natürlich vergeblich — fein Glüd; 








ggg Ernf von Wildenbrud) als dramatifcher Bichter. 


aber Johanna, die ihn ſchon wegen feiner Idealität und Sclbftlofig- 
feit licht und nun von feinem „Vebenstraum“ erfährt, will ihm das 
Geld geben; und als dies ihr Vormund verweigert — fie ift noch 
nicht mündig, — reicht fie ihm ihre ‚Ban, um ihm dadurch ihr Geld 
juöutmenben. Sein Bedenken, ein jolches Opfer nicht annehmen zu 
Önnen, weift fie mit der Erflärung zurüd, daß es fein Opfer ſei, 
da fie ihm liebe. 

Dieſe Vorausfegung des Dramas ijt aber unmöglich, da in 
Deutſchland jeder Unmündige zur Werheiratung der Erlaubnik des 
Vormundes bedarf, die hier wohl faum gemäbrt wäre. 

Johannas Familie jagt fi von ihr los. Auch Edmunds Mutter, 
eine in engherzigen, bürgerlichen Prinzipien wurzelnde Frau, weigert 
ſich fie als ihre Tochter anzuerfennen, da ihr Benehmen unweiblich 
Ki So jteht dag junge Fan allein. Aber ein ng ſchwererer Schlag 
teht ihnen bevor. Die Bank, wo das Geld der Steinbergs deponirt 
ift, fallirt, und ift Johanna jomit eine Bettlerin. Edmund ift verzweifelt, 
fein Traum‘ zerftört; aber die Ehre fettet fein Schidſal jegt an 
die Verlobte. Er erklärt, daß er eine Lehrerftelle annehmen, und fie 
doch fein Weib werden würde. 

In feiner Abwefenheit trifft eines Tages ein Brief ein, den 
Johanna öffnet. In demjelben wird Edmund von der englifchen 
Akademie, die von feiner Entdedung gehört habe, die nöthige Summe 
zur Berfügung geitellt, falls er au zehn Jahre in ihren Dienft 
treten wolle und unverheiratet jei. Andernfalls würde jemand anders 
die Miffion ausführen. 

Diefen Brief giebt Johanna dem plöglich heimkehrenden Edmund. 
Sie rechnet ja ſicher darauf, daß er ablehnen wird, daß fie dann 
fehen wird, wie er fie fiebt. Und Edmund? Gewiß wird er ablehnen, 
und ein anderer wird den ihm gebührenden Ruhm pflüden! Er ift 
ja nicht mehr freil Seine Ehre ift verpfändet! — Dieſes Wort 
Härt Johanna fchredfich über ihn auf. Sie zieht den Verlobungs- 
ving vom Finger und giebt ihn ihm zurüd. „Das Band, das zwei 
Menſchenherzen in Noth und Trübfal des Lebens aneinander halten 
joll, muß aus ftärferem Stoffe fein, al3 aus der Verpflichtung der 
Ehre.“ Und vergeffen ift die Verlobte, ihr Opfer, ihre verlafjene 
Zage, alles, nur der Traum feiner Jugend ſteht vor ihm — er geht! 
Johanna aber finkt ohnmächtig nieder. . 

Die Berufung Edmunds durch die Akademie war das Werk 
eines Herrn Viktor von Moorsberg, der Johanna liebt und von ihr 
früher zurüdgewiefen war. Er wollte dadurch Weſterholz auf die 
Probe Äellen Er Hatte fih auch Arthurs von Steinberg angenom- 
men und demjelben wieder emporgeholfen. Als Johanna dies Letztere 
nad) langem Kranfenlager — fie war in das Haus ihres Bruder 
gebracht — erfährt, ift fie über die Handlungsweiſe Moorsbergr 
inter ber fie egoiftifche Motive fucht, empört und will das Hau 
ihres Bruders wieder verlafjen, um Moorsberg nichts zu verdanfeı 
zu haben. Da enthüllt derſelbe ihr, daß er jelbit, wenn Weſterhol 


n 


Ernft von Wildenbrud als dramatifcher Bichter. 289 


die Probe beitanden hätte, ihm die Mittel für fein Unternehmen 
dargeboten Hätte. Dieje Mittheilung, fowie ein Brief Edmunds an 
feine Mutter, aus dem deutlich hervorgeht, daß er Johanna ſchon 
vergeffen, daß er glücklich fei, da er fein Ziel erreicht habe, zeigt ihr, 
wel der große Dann fei, „ber nicht? gemein hat mit unſerer ſelbſt⸗ 
fügen Zeit“, den fie in Weſterholz fuchte. „Viktor, Du Haft geſiegt!“ 
aß die eine Vorausſetzung, die Johannas Verlobung möglich, 
macht, unmöglich fei, habe ich ſchon nachgewieſen. Aber en wir 
weiter. Wejterholz braucht für ſein, gelinde gejagt, jehr zweifelhaftes 
Unternehmen breißigtaufend Mark und wendet ſich behufs Erreichung 
jelben an Privatleute Mit einer jolchen Forderung für einen 
Tode weck kann man fi nur an Röthſchilds wenden! Alfo 
müßten Arthur und Johanna von Steinberg auch fo reich fein. Bei 
einem folchen Vermögen ift es aber undenkbar, daß daffelbe bei einer 
Bank „beponirt” fei. Solche Kapitalien legt man in verſchiedener 
Weife an! Und zubem ift Arthur ja Börſenſpekulant. Ein ſolcher 
benugt fein Geld aber und deponitt es nicht. Auch find „Depo- 
fitalien“ doch nur dann gefährbet, wenn zugleich eine oe ung 
ftattgefunden hat, wovon hier aber gar nicht die Rebe ift. 
Das Falliſſement einer Bank kann Leute, wie diefe Steinbergs, nicht 
fo vi dig ruiniven, daß nicht einmal „das Nothdürftigite zum Lebens» 
unterhalte“ übrig bleibt. Und gejegt auch, Arthur hätte mit feinem 
yanzen Vermögen wild fpefulirt und dabei alles verloren, fo bliebe 
— Vermögen noch immer unberührt. Dieſe ganze Voraus— 
fesumg ift alfo auch undenkbar. Aber fehen wir jelbft von diefen 
eußerfichfeiten ab, jo bleiben noch rein innere Unwahrjcheinlichkeiten 
übrig. ag ein Mädchen noch jo freie Anfichten haben und noch 
jo refolut fein; fi dem Manne zur Frau anzubieten, wenn es nicht 
einmal die leifefte Ahnung hat, ob ihr Gefühl erwidert wird, ijt in 
der That jo unweiblich, daß wir es einem fonjt fo edlen, großden- 
kenden Charakter, wie diefer Johanna durchaus nicht zutrauen fünnen. 
Allerdings hat Wildenbruch diefe That wohl jelbft ala Uebereilung 
(im dem Simme von vpgıs), als „Schuld“ darſiellen wollen und bie 
ſchwere Täuſchung, die fie erleidet, gewiljermaßen als Siühne 
erjcheinen lafjen, aber das fan ung über das Gefühl, daß hier ein 
innerer Widerſpruch vorliegt, nicht hinweghelfen. 

Ebenſo fteht Die Handlungsweile Weſterholz's am Schluffe mit 
feinem übrigen Thun in Widerſpruch. Cs ift wohl richtig, er liebt 
Johanna nicht, und unter andern Verhältniffen wäre nichts dagegen 
au jagen, daß er den Ring zurüdnimmt, aber fo, wie hier die Dinge 

egen, durfte er es als anftändiger Mann nicht, er durfte das 
Räbchen, das für ih alles geopfert, nicht verlaffen, auch wenn fie 
m zehnmal frei gab. Se Vormund hat techt, wenn er fagt: 
&3 giebt Lagen im men! äfigen Leben, wo es ein Verbrechen ift 
n Shfer anzunehmen.“ Wie ein Verbrecher, ein Ehrlofer, ericheint 
jeſterholz bis dahin aber nicht. Die Erklärung Johannas dafür, 
15 es wohl im männlichen Herzen begründet Fin müffe, werben 
Dex Salon 1899. Heft II. vand 1. 20 





290 Ernſt von Wildenbruch als dramatiſcher Dichter. 


wohl wenige als zutreffend anerkennen wollen. Eine ſolche Hand» 
Iungsweife hatten wir ihm nicht zugetraut und daher find wir ver- 
blüfft und zugleich empört. Wir ärgern uns, daß wir fo lange 
unfere Sympathie einem Menjchen geſchenkt haben, der fie jo wenig 
verdiente. Und das darf im Drama nicht gejchehen. 

Trotz dieſer Widerſprüche und Unmöglicjfeiten ift auch „die 
Herrin ihrer Hand“ eine intereffante Erfeheinung und kann fich mit 
manchem Erzeugniß gefeierter Salondramatifer noch immer mefjen. 
Die Geftalt des Herrn von Mooröberg ift jo mufterhaft durchgeführt, 
der Herr von Steudel ein fo prächtiger Vertreter „der oberſten Zehn- 
taufend“, der Charakter der Johanna, abgefehen von jener Voraus: 
fegung, jo lebensvoll gezeichnet, die Handlung fo jpannend und ein- 
heitlich, daß wir auch hier einer unbedingt achtunggebietenden Leiftung 
gegenüber ftehen. 

Daß Wildenbruc in feinen legten Schöpfungen fich wieder vom 
Familiendrama abgewandt hat, beweift wohl, daß er fi) auf dieſem 
Gebiete nicht ganz heimifch fühlt, und 4 möchte troß feines „Opfer 
um Opfer“ auch annehmen, daß wir auf dem Gebiete der nationalen 
Tragödie Hervorragendere3 von ihm zu erwarten haben. 


* * 


* 
Werfen wir auf Wildenbruchs gejammtes Schaffen als Drama- 
tifer einen Blick zurüd, fo treten uns faft überall diefelben Fehler, 
* Diefelben an diefelben Vorzüge entgegen. Die Ka— 
taftrophe ift fat überall mehr oder weniger ungenügend motivirt 
oder mit völlig natürlich und aus innerer Nothwendigkeit entjprin- 
end. Dabei macht fich eine ftarfe Neigung bemerkbar, die „Gegen- 
— am Schluſſe bereuen zu laſſen. 

Die Konflikte find immer mehrfacher Art. Verſchiedene Leiden⸗ 
ſchaften, verjchiedene ideelle Fragen, die mehr oder weniger mitein- 
ander verwandt find, kämpfen in der Bruſt des Helden. Der 
anfängliche Konflift wird durch ein neues Ereigniß, durch Anwachſen 
einer anfangs gering erfcheinenden Leidenfchaft in den Bintergeumb 
gedrängt. "3a babe ſchon an den betreffenden Stellen darauf hin- 
gewiefen und auch bemerkt, daß dies nicht gerade als ein Fehler zu 

etrachten ift. Die dadurch ſcheinbar aufgehobene Einheit wird durch 

die größere Lebenswahrheit, die es feinen Menſchen giebt, wett ge- 
macht; nur befommt dadurch die Handlung manchmal ein etwas zer- 
brödeltes Anſehen. 

Die Vorzüge find fast überall diefelben: hoch intereffante, fpan- 
nende, theatralijch ungemein gejchidt geführte Handlung mi* 
glänzenden Aktſchlüſſen, eine ſchwungbölle, gebanfen- und bilderreich 
Sprache, ‚Autreffenbe nur manchmal zu achtreiche, aber durchaus au 
der Handlung und den Charakteren fließende Sentenzen, eine lebens 
volle, klare, ftarf nach der individuellen Seite hinftrebende Chara 
kerift, die verhältnigmäßig jelten Widerjprüche oder Unwahrſchei 
lichkeiten aufiwcift, ein aus tiefftem Herzen quellendes, wahres um 


Ernft von Wildenbrudy als dramatifcher Bichter. 291 


Irmiges Gefühl, eine begeifternde, echt nationale Gefinnung, das find 
die Tugenden, die feine Werke auszeichnen. 

Wenn ich aber die Frage beantworten fol, ob wir von Wilden- 
bruch noch etwas wirklich, durchaus Vollendetes j erwarten haben, 
muß “ es verneinen. Seine Fehler find einmal überall diejelben 
und offenbar jolche, die aus feiner tiefften, inneren Natur ftammen. 
Höheres als er in jeinem „Marlow*, „Väter und Söhne‘, „Opfer 
um Opfer“ geleijtet hat, ift faum zu erwarten, aber hoffentlich noch 
recht vieles, wie diefe. 

Und nun zu der widtigften Frage: hat das Hiftorifche Drama, 
dem Wildenbruch fo trefflihe Werfe zugefügt hat, feine wirkliche 
volle Lebenskraft für ein größeres Buslitum, die Möglichkeit feines 
friſchen Wieberauflebens erwiefen? Ic glaube faum. Zwar hat 
das Publitum Wildenbruch® neuerfcheinenden Werfen immer eine 
lebhafte Sympathie, manchmal fogar großen Enthuſiasmus entgegen- 
gebracht, aber berfelbe ift nirgend von langer Dauer gewejen. Als 
Novttät überall ein großer Erfolg, und dann waren feine Dichtungen 
in der Theaterbibliothef begraben. Ich erkläre mir das fo: Die 

reſſe hat einftimmig den neuerftandenen „Schiller“ gefeiert, und 
o war das Theaterpublifum, das ſich ſchon gewöhnt hat, über hiftorifche 
Iambendramen zu lächeln, neugierig, zu ſehen — was thäte das 
Publikum nicht aus Neugierde? — ob hier wirklich etwas intereffan- 
tes vorliege, ob man ein folches Stüd wirklich noch im Ernſte fehen 
könne. So jtrömte alles in die Theater, und die Stücke find gut, 
theatralifch wirkungsvoll, fein Wunder, daß fie felbft raufchenden 
Beifall, volle Häufer erreichten. Wildenbruch ift Mode; man muß 
jeine Werke fennen. Aber imgrunde ift das Theaterpublifum mit 
dieſer Richtung fertig, die Klaſſiker ficht e3 aus Anftand, wegen der 
Darftellung durch große Schaufpieler, wegen der Ausstattung. Der 
neue Dichter, der he Werke fchreibt — und wäre es cin echter 
Schiller oder ein Shafejpeare — wird fchnell vergeffen. Wohl ge- 
merkt: ich Tpreche vom Theaterpublifum, das heißt jenem, von dem 
die Theater (eben, das im Parkett und in ben eriten Rängen figt. 
Das Volk liebt ſolche Dichter und ſolche Dichtungen, aber das Volf 
kann unfere Theater nur herzlich wenig befuchen. Für die Theater 
ift nur ihr Publitum maßgebend. Daß diefes mit dem Hiftorifchen 
Drama fertig ift, das ift tief bedauerlich, denn ich für mein Theil 
halte daran det, daß das Hiftorifche, auch das Jambendrama eben- 
ſolche Berechtigung, wie dad moderne hat, fofern es uns nur „Den- 
schen“, nicht Begriffe ‚oder perjonifizicte Ideen vorführt. Es wäre 

: zu beflagen, wenn dieſer Geſchmack unſeres Theaterpublitums 

y nicht änderte, auch nicht angefichts ſolch' wahrhaft nationaler 

‘htungen, die und mit Stolz und Freude erfüllen müßten, aber 

} zur Bei diefer Geſchmack herrfcht, kaun niemand, der fehen und 


en will, beftreiten. 


Die legten Tage Boltaires. 
Bon Richard George. 
„Plus bel esprit que grand genie 
Sans loi, sans moeurs et sans vertu, 
Il est mort comme il a veca, 
Couvert de gloire et d’infamie.“ 
3. I. Rousscan. 
oltaire war der perjonifizirte Widerſpruch; er vereinigte Die 
rößten Lichtfeiten und die ärgften Schattenfeiten der menfch- 
ichen Natur in fi: in Berlin verwidelte fein ſchmutziger 
Geiz ihn in widermärtige Händel mit einem Juden — in 
Ferney gab er Hunderttaufende für die Armen aus; er war herrſch-, 
haß⸗ und eiferfüchtig, kleinlich neidiſch, verlogen, jähzornig — und 
doch fünnen wir ihn nicht einen fchlechten Dienfchen nennen, wenn 
wir berüdfichtigen, wie edelmüthig er fich gegen die Entelin bes 
großen Pierre Corneilfe gezeigt, wie eifrig er ſich der Familie des 
unſchuldig verurtheilten und enthaupteten Talas angenommen; Vol⸗ 
taire ſchrieb an ben groben Preußenkönig, ein tüchtiger Monarch mit 
Geld und Truppen fönne in feinem Lande der Religion entbehren 
— und war doc) fein Atheift. 

Der Schlüffel zu allen diefen Widerjprüchen liegt im Grund» 
zuge feines Weſens, in feiner maß- und zügellojen Eitelkeit, die ihm 
zur Setbftvergötterum trieb, die ihn in der Anbetung feines Ich die 
höchſte Befriedigung finden ließ. 

In feiner Epoche feines Lebens tritt der Gögendient, den er 
mit fich trieb und den andere mit ihm trieben, mehr hervor als in 
den legten Tagen, die ihm das Schickſal zu leben vergönnt hatte. 
Sie find gewiljermaßen cin Bild feines viel bewegten Dafeins; in 
kurzer Beit zeigt er am Abende defjelben noch einmal, welde Blüten 
feine Eitelfeit treiben fünne. 

Am 5. Februar 1778. begann Voltaire jene Reife nach Paris, 
von welcher er niemals zurückkehren follte. as trieb den „greifen 
Patriarchen von Ferney" aus der ländlichen Stille in die unruhige 





Bie lebten Tage Boltaires. 293 


uptjtadt? Nur feine Eitelkeit; man hatte ihm vorgeſchwatzt, die 

Önigin Marie Antoinette und der Hof von Verjailles wünjche feine 
Gegenwart in Paris, er müſſe nach der Hauptitadt reifen, um bei 
der Einftudirung feiner Tragödie „Irene“ gegenwärtig zu fein — und 
fo beitieg denn der S4jährige Greis Die Bott und langte nad) fünf 
Tagen an dem Biele feiner Sehnfucht an. 

Die Kunde von feiner Ankunft verbreitete fich mit Bligesichnelle, 
und die Hlatjchfüchtigen Bewohner der Hauptſtadi fprachen bald nur 
von ihm: „Er ift hier? Haben Sie ihn gefehen? Wie geht es ihm? 
Wo kann man ihn jehen?“ fo fchwirtte es auf den Straßen, in den 
Reftaurante, in den Salons durcheinander. In der Rue de Beaume, 
wo er im Hötel des Marquis de Billette mit feiner Nichte, der 
Denis, Wohnung genommen, fammelten fich die Menfchen zu Hun- 
derten an und blieben fo lange ftehen, bis der alte Herr fich von 
ihren neugierigen Blicken hatte Sega en — In ſeiner Behauſung 
ſelbſt Hatte Voltaire nicht einen Augenblick Ruhe, da fein Empfangs- 
zimmer vom frühen Morgen bis zum fpäten Abend mit Bejuchern 
angefüllt war, bie er alle ftehend empfing und mit Liebenswürdig- 
keiten überſchüttete. 

So ſagte er dem Er-Minifter Turgot, der ſich feiner Gicht 
wegen faum noch auf den Beinen halten konnte: Erlauben Sie, daß 
ich die Hand füffe, welche das Heil Frankreichs unterzeichnet Hat; 
dr Füße find gebrechlih wie Thon, aber Ihr Kopf ift Har wie 

old!“ 


Der berühmte Marine-Maler Horace Vernet nannte ihn uns 
Nerbtih, Voltaire wies dies zurüd mit ben Worten: „Sie gehen zur 
Unfterblichkeit, die Wahrheit Ihrer Farben führt Sie dahin.“ Als 
der Maler dem alten Schmeichler die Hand küſſen wollte, wehrte 
diefer die Huldigung ab und fagte: „Wenn Sie mir die Hand küſſen, 
werde ich mich genöthigt jehen, Ihnen die Füße zu küſſen.“ 

Ein Dichter, namens de St-Ange, verftieg ſich bei gem Bes 
fuche zu den Worten: „Heute bin ich gefommen, um Voltaire zu 
jehen, morgen komme ich wieder, um Euripides und Sophofles zu 
begrüßen, dann Tacitus, Lucian“ — „Ich bin fehr alt, mein Herr“, 
entgegnete Voltaire, „Eönnen Sie diefe Beſuche nicht alle mit einem 
Male abmachen?“ " 

Die Herzogin de Ta Valliere ſchickte dem Gefeierten koſtbare 
Mleinodien; fogar Franklin, der damals als Vevollmächtigter der 
Vereinigten Staaten in Paris weilte, beehrte dieſen durch feinen 
Befuch; er führte feinen 15jährigen Enkel mit ſich, zu dem er jagte: 
‚Knie nieder vor diefem großen Manne und bitte ihn um feinen 
Segen!“ worauf Voltaire die Hände erhob und mit Pathos und 
heatralijcher Gefte die Worte: „God and liberty“ ausfprag, 

Wenn Voltaire fich auf der Straße ſehen ließ, jo konnte er 
ſich kaum vor den andrängenden Bewunderern retten. Es muß ein 
eltſamer Anblid gewejen fein, wenn der S4jährige Greis, der einem 
»amdeinden Skelett nicht unähnlich jah, in feiner aus Ferney mite 


294 Bie lehten Tage Boltaires. 


ebrachten Kutſche durch die Straßen von Paris fuhr und die Pafe 
(ten derjelben neugierige Blicke auf den azurblauen Grund feines 
jagen warfen, welcher mit goldenen Sternen bejegt war. Die 
funfelnden Mugen des Greiſes hatten noch denjelben Glanz, den fie 
in ihrer Jugend befeffen; fie leuchteten fo lebhaft in die Welt hinein, 
als feien fie unverwüftlih. Die Kleidung Voltaire erinnerte bie 
See an längft vergangene Jahrzehnte; er trug ein rothes, mit 
rmelin gefüttertes Kleid, eine fomarze, ungepuberte —— 
und eine rothe, vieredige mit Pelz beſetzte Müge. In dieſem Koſtüme 
jahen die Parifer ihr Gögenbild in feinem „Empyreumswagen“, wie 
fie feine Kutjche nannten, durch die Straßen Fe 
allgemeine Taumel des Enthufiagmus fand feinen Ausdruck 
auch in den damaligen Zeitungen, die ganze Spalten mit dem füllten, 
was Voltaire that und fagte. Es je Lobhudelnde Hymnen, bie 
und geradezu ammidern, wurden auf Voltaire gedichte. Als Beiſpiel 
für den Wahnfinn, zu dem man ſich in damaliger Zeit verfteigen 
Tonnte, wollen wir hier den Anfang eines folchen Lobliedes folgen lafjen: 
„Quelle fte au sacre vallon! 
Platon et D&mosthene, 
Plutarque, Eschyle, Homere, Euclyde, Anacreon, 
Tous sept, an meme jour, sont rentr&s dans Athenes!“ 


„Man erjtict mich“, rief Voltaire eines Tages aus, „aber unter 
Roſen!“ Das Bild war auch infofern ſehr gut gewählt, als fein. 
bortiger Aufenthalt nicht ohne Dornen war; denn die Jubelhymnen 
der Lobhudler waren nicht imftande, ganz bie Rufe einiger Wiber- 
jacher zu übertönen, die ſich jagten, daß es eine Schande für die 
Pariſer fei, mit einem Menjchen einen derartigen Kultus zu treiben. 
Dies fand feinen Ausdruck in zahlreichen Spottverfen, von benen 
wir ebenfall3 einige citiren wollen, 


„Le sieur de Villette, dit marguis, 
Facteur de vers, de prose et d’autre bagatelles 
Au public donne avis 
Qu'il poss?de dans sa bontique 
Un animal plaisant, unique, 
Arriys r&cemment 
De Genère en droiture; 
Vrai phenomene de nature: 
Cadavre, squelette ambulant, 
Da l'oeil tr&s vif, la voix forte; 
II vous mord, il vous caresse, il’ est doux, il s’emporte, 
Tantöt il parle comme un Dien, 
Tantöt il jure comme un Diable“ etc. etc. 


Das waren fo Fleine Stiche, die den eitlen Greis empfinblir 
trafen. Noch fchmerzlicher war es für ihn, daß der Hof ihn fo 
ar nicht beachtete, daß das Königspaar ihn nicht auszeichnete. D- 
eiftlichfeit war der im Verdachte des Atheismus ftehende alte Spötte 
ein Dorn im Auge. Ein Abbe Marthe drang mit Lift in fein Zimmer un 
wollte Voltaire zur Veichte zwingen, fo dab er mit Gewalt entfer 


Bie lebten age Boltaires. 295 


werden mußte. Harmloſer geftaltete ſich die Sache mit einem anderen 
Priefter, der ſich zu ähnlichem Zwecke Eintritt zu ſchaffen gewußt, 
und den Voltaire einen „guten Schafskopf“ nannte. 

Der erftere war gefund und munter in Paris eingetroffen. Die 
Aufregungen, unter denen er in der Hauptftadt lebte, der fortwährende 
Bwang, den er 19 auferlegen mußte, die raftlofe Thätigfeit, die er 
entfaltete, traten jedoch bald in ihren nachträglichen Folgen zutage. Am 
25. Februar citirte Voltaire, wie er es ftet3 zu ihun pflegte, in feinem 
Bette liegend. Plöglich Huftete er seftig und jagte angftvoll: „Oh, 
oh, ih ſpucke Blut!“ Als fein Sekretär Wagniere an das Bett trat, 
floffen Ströme Blutes aus Mund und Nafe. Frau Denis eilte 
hinaus; das ganze Haus geriet) in Aufregung; man ließ den 
Dr. Tronchin holen. Voltaire rief nad) einem Priefter, da er nicht auf 
dem Schindanger fterben wolle. Wagniere, Proteftant und Freigeift 
vom reinften Wajjer, wollte feinem Herrn diefe Inkonſequenz er- 
-fparen; er that nur fo, als ob er an den Abbe Gautier gefchrieben 
und verficherte, man habe denfelben nirgends finden können. „Sie 
werden Zeugen fein, meine Herren“, fagte Voltaire zu feiner Um- 
gebung, „daß ic) daß erfüllen wollte, was man hier feine Pflicht nennt.” 

ier Tage fit erfchien der Abbe de Gautier wirklich; man 
führte ihn zum mken, der ihn mit den Worten anredete: „Bor 
einigen Tagen habe ich Sie bitten laſſen, mic) zu befuchen; Sie wiſſen 
ja Ichon warum. Wenn Sie wollen, können wir das Gejchäft fo- 
leich abmachen.“ Gautier fand fich wirklich bereit, die Komödie zu 
ie: er nahm Voltaires Beichte entgegen und ließ benjelben 
olgende Erklärung unterjchreiben: 

„Ich Endesunterzeichneter erkläre, daß ich, da ich feit vier Tagen 
Due (hun habe und zu ſchwach bin, mich in die Kirche zu fchleppen, 
dem bie de Gautier gebeichtet habe und daß ich, wenn Gott über 
mich verfügt, in der heiligen fatholijchen Kirche fterbe, in der ic) 
geboren bin, indem ich auf die Barmherzigkeit Gottes Boffe, die mir 
meine Fehler verzeihen wird, und daß ich, wenn ich der Kirche 
Aergerniß bereitet habe, degwegen Gott und jie um Sergeifung bitte.“ 
So jchrieb derjelde Mann, der fich in feinen Briefen den burfesfen 
Namen „Christmoque“ beilegte, der während feines ganzen Lebens 
der wüthendſte Feind des Chriftenthums gewefen; und warum? Um 
nicht auf dem jindanger zu fterben! Gegen feine intimere Um- 
gebung äußerte er, er würde, fall er am Ufer des Ganges geboren 
wäre, nicht abgeneigt fein, auch mit dem Kuhſchwanz in der Hand 

jterben. 

er Annagme des Abendmahls vermeigerte Voltaire mit ben 
ivolen, cyniſchen Worten: „Lieber Herr Abbe, ich ſpucke noch fort- 
Ährend Blut; man muß fi hüten, das Blut Gottes mit dem 
einigen zu vermifchen.“ j J 

Uns Modernen iſt dieſe Handlungsweiſe mögen wir auch ben 
igiöfen Fragen gene: die verjchiedenartigiten Stellungen ein- 
“men, ein Räthjel, ja, fie widert uns an, wie das Treiben, der 





2% Die letzten Lage Boltaires. 


ganzen Zeit in una Efel erregt. Die Krankenſtube Voltaires bietet 
ein Bild davon im Kleinen: fie macht in den Schilderungen Wagnieres 
den Eindrud eines Tollyaufes. Es hatten fi unter ben Freunden 
und Verwandten des todtfranfen Greijes zwei Parteien gebildet, von 
denen die eine für den Dr. Tronchin, die andere für den Dr. Eorri 
eintrat. Der Erſtere hatte der jebung des Kranken die größte 
Nude zur Pflicht gemacht. Aber die zahlreich erjcheinenden Be- 
fucher machten einen Lärm, als ob trunfene Bauern verfammelt 
wären, bie im Begriff ftänden, ſich zu prügeln; dazu drängte jeder 
Befucher fine Hausmittel auf, die biefer zum Theil wieder von ſich 
geben mußte. 

Dr. Trondin ließ Voltaire zur Uber; dennoch hörte der Blut— 
erguß vollftänbig erft nach 25 Tagen auf. Daß Voltaire überhaupt 
wieder hergeftellt wurde, erjcheint uns nach dem Gefagten falt ala 
ein Wunder. Am 16. März 1778 fand die Vorftellung der „Irene“ 
ftatt; neben frenetifchem Beifallsjubel hörte man auch leichtes ailden 
Die Abgefandten, welche Voltaire von Viertelftunde zu Biertelftunde 
Nachricht brachten, erzählten ihm natürlich nur von dem Eriteren, 
und begierig forfchte der alte Mann, der noch mit dem Tode rang, 
welcher Vers, welches Wort die Zufchauer am meiften begeiftert hätte. 

In unglaublich furzer Zeit erholte ſich Voltaire wieder; ſchon 
am 30. März konnte er ſich zur Afabemie fahren laſſen umd der 
jechften Vorftellung der „Irene“ beiwohnen. Er war in feinem 
Dagen buchjtäblich feines Lebens nicht ficher; das Volt küßte feine 
Hände, Mütter zeigten ihm ihren Kindern; er wurbe gleichjam auf 
den Armen von ganz Paris, das ſich ſchon damals mit Frankreich 
ibentifizirte, ing Theater jetragen. Bei feinem Eintritt in daſſelbe 
erhoben fich alle Anwejenden. Aus hundert Kehlen tünt der Auf: 
„Der Stanz! der Kranz!" Er begrüßt gerührt das Publikum; der 
Schaufpieler Brigard tritt in feine Loge und überreicht ihm einen 
Zorbeerkrang, den er fi von Frau de Villette aufs Haupt ſetzen 
Täßt. „Ach Gott“, ruft er aus, „man will mich tödten!“ dabei ftürzen 
Thränen der greube, der Rührung aus feinen Augen. Der Lärm, 
den das vor Begeiſterung fat tolle Publitum macht, wird immer 
größer, jo daß die Schaufpieter kaum jpielen fönnen. 

„Es lebe Voltaire! Es Iebe Homer! Es lebe Sophofles!“ 
ſchreit man durcheinander. „Ehre dem einzigen Manne! Ruhm dem 
Hninerfalgeniet brüllen andere. Vergebens verjucht Voltaire zu 
danfen. Endlich ift das Stüd zu Ende; der Vorhang hebt ſich noch⸗ 
mals: man erblidt auf einem Fußgeſtell die Büſte Voltaire. Die 
Schaufpieler umftehen diefelbe; jeder von ihnen hat einen Lorbeer- 
franz in der Hand. Fr. Vetris deflamirt Verſe von Saint-Marc, 
die mit den Worten fließen: 





„Voltaire, regois la couronne 

Que ’on vient de te presenter; 

D cst beau de la meriter 

Quand c’est la France qui la donne!“ 


Die lehten Tage Boltaires. 297 


Dann küſſen die Schaufpieler und Schaufpielerinnen die Büfte; 
eine ber Lepteren ftreichelt jogar die Wange berjelben, und ber greife 
Voltaire ficht diefem widerlihen Vorgange thränenden Auges zu! 
Serie Sie Begeifi di ffentli RS 

ei dieſer eheuren Begeifterung, diefer Öffentlichen Vergöt— 
terung, bie ae Manne zutheil ward, wurde es ber lebens⸗ 
Iuftigen, vergnägungafüchtigen Nichte effelben nicht ſchwer, den Onkel 
um dauernden Aufenthalt in Parts zu bewegen; er erwarb ein Haus 
— käuflich, das er jedoch nicht mehr beziehen ſollte. 

Nach jeiner Wieberherftellung Hatte —2 nämlich wieder 
ſeine gewohnte fieberhafte Thätigkeit aufgenommen; er diftirte len 
bis acht Stunden täglich, hielt in der Alademie mehrftündige Reden, 
rg Gevatter, wurde ‘Freimaurer, ftattete allen denen, bie ihn be— 

ucht Batten, Gegenbefuche ab und früngte fi) mit einem Worte aus 
einer Anftren, ung und Aufregung in die andere. So war es benn 
natürlih, daß er ſich Mitte Mai aufs Srankenlager Iegen 
mußte, von dem er fich nicht mehr erheben follte. Infolge Yes über- 
mäßigen Genufjes von Kaffee, den Voltaire zu fich genommen, um 
auch zur Rad it arbeiten zu können, litt derjelbe jegt an umaufs 
— © a keit, welche ihn von Tag zu Tag mehr entkräftete. 
Der Marſchall v. Kichetien Mi te Voltaire ein narkotifches Getränk, 
von dem ber Letztere eine fo ſtarke Dofis nahm, daß er 48 Stunden 
im Delirium Tag. Als er aus demfelben erwachte, ftellte fich Heraus, 
daß der Magen gelähmt fei; auch das Blafenleiden, an dem Voltaire 
ſchon feit Jahren litt, nahm in jehr fchmerzhafter Weife feinen Fort 
ang. Kleine Eisftüde, die er verzehrte, um die Hige, die er in fich 
pürte, zu vertreiben, waren während feiner legten Tage feine einzige 
Nahrung. Am Abend vor dem Tage, wo er verjchied, ſchien er feinen 
Verſtand und feine Kräfte wiederzubelommen; bald aber ſchlug ſich 
der Brand auf die Blaſe und er hörte auf zu leiden. 

Kurz vor feinem Ableben fam der Abbs Gautier mit dem Curs 
de Saint-Sulpice zu ihm, um ihm feine Dienfte aufs neue anzu= 
bieten. Voltaire war jedoch jo Frank, daß der Beichtiger nicht? aus 
ihm herauspreſſen konnte. Sein Begleiter drang durch die Philo- 
fophen Diderot, d'Alembert, La Harpe, Grimm, welche bas Bett 

tanden, bis zu dem Sterbenden durch und fagte zu demfelben in 
milden Tone: „Herr Voltaire, Sie find am Ende Ihres Lebens, er- 
kennen Sie die Gottheit Jeſu Chrifti an?“ Der Sterbende zögerte 
eine Minute, Hob dann jeine Hand und ftieß den Pfarrer mit den 
Worten zurüd: „Lafjen Sie I] in Frieden fterben!” darauf wandte 
x fi) ab. „Sie jehen wohl, daß er feinen Verftand nicht mehr An 
Sagte der Pfarrer zum Beichtiger und verließ mit ihm das Zim— 
ner. Voltaire Pflegerin trat an fein Wett; er rief ihr mit Erd 
Ntarfer Stimme zu: „Ich bin todt!" und verſchied ſechs Stunden 
darauf am Sonnabend, den 30. Mai 1778. — 

So ging der Mann aus der Welt, ber dem geiftigen Leben des 

8. Jaheflunderts feinen Stempel aufbrüdte, der die innigfte Wechfel- 


298 -Bie lehten age Boltaires. 


wirfung zwiſchen Leben und Literatur heroorrief, der (zum Theil 
unbewußt) der Bahnbrecher einer neuen —* war, welche mit der 
großen franzöſiſchen Revolution ihren Anfang nahm. ir können 
ihn nicht lieben und können ihn auch nicht verachten; er iſt die Per- 
fonififation des Zeitalters der geiftreichen Frivolität. Diefe Epoche 
wäre für einen Charakter wie Schiller zu ſchlecht geweſen. Der 
Verfafjer der „Pucelle“, des „Mahomet“ war die geeignete Kraft, 
auf fie einwirken zu können und der Menfchheit neue Bahnen zu 
eröffnen. Bon diefem Gefichtspunfte aus hat David Friedrich Strauß 
recht, wenn er Voltaire „ein Nüftzeug Gottes“ nennt, jo paradox 
dieß bei deſſen Gefinnungen auch Klingen mag. 





J— 


Menfhthum. 


ie ich auch ftilfe jegliches Begehren, 
@:: edlen Urfprungs in mie auferwacht, 

Am Wiſſenshimmel goldner Sterne Pracht 

In ftillem Aufgeh'n ſchaue ſich vermehren, 





Nur einem Drang kann ich nicht Ruhe Iehren; 
Er Iodt am Morgen, ſchleicht ans Lager jacht, 
Wenn ich nur Frieden will in müder Nacht — 
Verließ er mich, ich könnt' ihn nicht entbehren! 


Es ift Erhoffen reiner Liebe! — Gößen 
Die Götter mir ind Herz der Sehnſucht Stillung, 
Dann wär’ mein Leben allen Wunſch's Erfüllung! 


Und nein! Wenn ihre Fluten mic umflößen, 
Ich ſchwämme wieder nach dem öden Lande, 
Und jehnte mich ins blaue Meer vom Strande! 


Alfred Friedmann. 


tn 2: 2 20 


Brunn mo man: nn vora rneure 


Taube Klüten. 301 


jtchen und die blauen, einen Abgrund von Liebe und 

‚ en Mugen berührten mich äußerjt jympathijh. Mit 

der Rafchheit meiner ſiebzehn Jahre ftredte ich dem Mädchen die 

nd entgegen, und ein: „Wie lieb Sie find; wir wollen gute 
reundichaft Halten!“ gewann mir ihr Tiebebedürftiges der 

In der Gaisblattlaube draußen in dem parfühnlichen Garten 
tranfen wir an demjelben Nachmittag Schweſterſchaft —- in Milch. 
Friedrich ſaß dabei und jah Edith famachtend an. 

„Wer's doch auch fo gut hätte wie Du, Cläre“, meinte er, an 
dem Heinen dunklen Schnurrbärtchen zupfend, „nach_jechsftündiger 
Belanntfchaft mit dem reizendften Weſen jchon auf Du und Du!” 

Edith erröthete bis unter bie braunen Haarwellen; mir erſchien 
die Bemerkung unfagbar albern, und mit der ganzen Würbe meiner 
fiebzehn Jahre fragte ich ironisch: „Wie alt wirft Du eigentlich am 
Sonntag, Friedrich?" — 

„Bweiundzwanzig Jahre, — und der väterlichen Autorität voll- 
ftändig entwachſen, ſchöne Couſine“, verfegte er lächelnd, — „und 
immer bereit, mein Herz zu verlieren, wenn ſich nur irgend eine 
mitleidige Seele finden möchte, um daſſelbe aufzuheben.“ 

Seine Schweiter Alice wandte fich heftig um, und ich jah wohl, 
daß ihr irgend eine feharfe Bemerkung auf den Lippen ſchwebte, die 
fie wohl nur mit Rüdficht auf Edith unterdrüdte. 

„Wenn Dein Herz nur fo viel Werth hat, um die Mühe bes 
Aufhebens zu lohnen“, kam ie) meiner Eoufine zu Hilfe. Im Grunde 
begriff ich nicht, was fie an der fleinen Plänfelei verbroß, und auch) 
Ediths Haltung erſchien mir räthjelhaft. Ich hätte dem ungezogenen 
Jungen anders gedient. 

Am Abend jang Edith im Salon. Ihre Stimme war wenig ge- 
ſchult, klang aber füß wie Vogelgezwitcher. Sie jang das alte Lieb: 

„Wenn's Mailufterl wehet, 

Bergeht im Wald drauß' der Schnee, 
Dann heben bie blauen Beigerl 

Die Köpferl in die Höh, — 

Unb die Bögerl, die geihlafen hab'n 
Die lange Winterszeit, 

Sie werben wieder munter 

Und fingen vor Freud’! 


Alle Jahr’ kehrt der Frühling, 
HR der Winter vorbei, — -- 
Der Menſch aber hat nur 

Ein'n einzigen Mail 

Und die Bögert fliegen ſudwäris 
Unb tehren wieber her: 

Der Menſch, wenn er fort if, 
Der kehrt nimmermehr. — — — 


Mir traten die Thränen in die Augen. 
„3a — ber Menſch, wenn er fort % der ehrt nimmermehr — 


mmermeht — — — — 


302 Laube Klüten. 


Friedrich hatte mid, in der dunkeln Ede, in welche ich mich 

urüdgezogen, um dem Gefange ungeftört laufchen zu fünnen, ent» 
dt und vermutete, da er wahr eintich meine Thräne bemerkt 
Hatte, wohl ein mitfühlendes Herz in mir. . 

„Iſt fie nicht bezaubernd?" flüfterte er dicht an meiner Geite, 
„armes Ding, und foll in die Welt hinaus, allein und ohne irgend 
eine Seele, die mit ihr empfindet. —“ 

Ich fah ihn erftaunt an. Seit warn war mein luftiger Vetter 
fentimental? — 

„Aber Deine Schwefter hat ja auch ihr Examen gemacht und 
will eine Stellung einnehmen“, warf ich ein. 

„Ach, Alice“, fagte er leicht, „Alice mit ihrer Selbftftänbigfeit, 
ihrem geringen Liebebebürfnig — und Edith! ich bitte Dich, Cläre, 
Du fiebft doch jonft ein wenig tiefer, wie kannſt Du da eine Parallele 
iehen?" — 

3 „Wenn ich tiefer fehen foll, fo fehe ich vor allen Dingen, daß 
Du bis über die Ohren verliebt bift, Dt 

„Nicht verliebt, ich bin ihr wirklich gut. Bedenke doch: ohne 
Eltern, ohne Freunde! Es ift ein guter Zug von Alice, dem Heinen 
Mädchen hier noch ein paar fröhliche Wochen zu vergönnen, eh' fie 
hinaus muß ins feindliche Leben.“ — — — 

„Es wäre vielleicht befjer, fie müßte gleich hinaus.“ 

Friedrich ſchien mich nicht zu verjtehen. 

ae fagte er leiſe. 

Edith fang: 

„Noch ift die blühende, gelben Zeit, 
Noch find die Tage der Rofen!" — 

„Sie antwortet für mich, Cläre. Der Menſch aber hat nur 
einen einzigen Mai! Weit Gott, was die Zukunft auch bringen 
mag, mein treuer Kamerad!“ 

Am Abend vertraute Alice mir ihre Veforgniffe an. Sie war 
ein ftarfgeiftiges Mäbchen und weicheren Gefühlsregungen wenig zu 
gänglich, des Vaters Liebling und von ihm wohl Berti, in ale ie 
verwidelten Verhältnifje der großen Wirthfchaft eingeweiht. Diefer 
Umftand mochte das junge Mädchen auch veranlaft Iaben, dem 
Wunſche der Eltern entgegen, ihr Staatderamen als Lehrerin zu 
machen. Im Seminar hatte fie Edith kennen gelernt und nad; ge 
meinfam beftandener Prüfung dieſelbe zu ihrer Erholung in das 
gaftfreie Haus meines Oheims eingeladen. Nun kam ihr hie durch- 
aus unvorhergefehene Leidenfchaft des Bruders für das keineswegs 
ſchöne Mädchen unangenehm in den Weg. 

„Bring' Du dem Jungen etwas Vernunft bei, Cläre, ihr hal 
ja immer fo gut mit einander geftanden“, ſchloß Alice ihre Rede 
dazu hab’ ich die Meine doch nicht eingeladen.“ 

Ih fah den Grund ihrer Beſorgniſſe nicht ein. „Laß bod 
Alice, wenn fie fich nur lieb haben.“ — 

„Macht Liebe ſatt?!“ 


Taube Slũten. 303 


„Dein Gott, jatt find wir doch noch alle Tage geworden, und 
tig und Edith werden in Zukunft auch nicht hungern. Ich finde 
ie jr paffend für einander. Und hochmüthig feid ihr doch nie 

gewefen." — 

„Es wär! befier geweſen“ — Alice hätte offenbar noch mehr 
gefagt, wenn in Diefem Augenblicke nicht Edith eingetreten wäre, 
einen prachtvollen Strauß halberblühter Rofen in der Hand tragend. 

„Seht die himmliſchen Rofen“, rief fie felig lachend uns ent- 
gegen, „ich fand fie drinnen auf meinem Schreibtiſch“ — 

Alice jeufzte hörbar. Ich beugte mich über die Blumen, um 
ihren balſamiſchen Duft einzuathmen, dabei fiel mein Blid auf ein 
Papier, das ich in dem Strauß verbarg. 

„Schau, Edith" — ich ‚es den Bettel aus feinem buftigen Ver 
ſteck — „das hätteft Du bald überjehen.“ 

Die Verje ftanden darauf, welche fie Heut’ gejungen: 

„Und frei iſt das Herz und frei iſt das Lieb, 
Und frei iſt ber Burſch, der bie Welt burchzicht, 
Und ein rofiger Kuß if nicht minder frei, 
Wie fpröb’ und verſchämt aud bie Lippe feil 
Bo ein Lied erflingt, wo ein Kuß fich beut, 
Da ift noch die blühende, golbene Zeit, 

Da find die Tage ber Rofen!” — 


DL 

Und eine goldene Zeit war es wirklich, die in jenen fpäten 
Sommerwoden für und alle erblühte Cs ſchien, als ftrahle noch 
einmal aller Glanz und alle Luft, welche die Räume des mweinlaub- 
umfponnenen Schlößchen® je durchflutet, blendend auf, jo wie die 
Sonne in den ſchönſten Farben erjt vor ihrem Untergang erftrahlt. 

Wenn ich jegt am jene Zeit zurüd denke und mir die Lieben, 
vertrauten Geftalten vergegenmwärtige, jo will es mir wohl fcheinen, 
als hätte ein aufmerffamerer Beobachter, ala ich es damals war, die 
dunfeln Schatten unter meines Oheims Augen, dad wehmüthige 
Buden um die Lippen feiner Gattin bemerken müffen. Aber das ıjt 
ja ber Sugenb felig Vorrecht, nur die Siehrfeite aller Dinge zu ſehen 
— und das tiefe Schattendunfel des Lebens bleibt ihrem Aug’ 


verborgen: 
Und herrlich war die Gegenwart 
Und forgenfrei das junge Her, — 
Und jeder Blid war lite Glut 
Und jedes Wort war teder Scherz! 


Friedrich ging nicht im Sturm auf fein Ziel los; feiner für 

“ empfänglichen Natur behagte das luſtige Verſtedſpiel, 

d ich ftand ihm treufich zur Seite, enthufiasmirt für den kleinen, 
leichfom unter meiner Aegide abfpielenden Roman. 

Onfel und Tante fchienen in der That feine Ahnung von dem 

jren Sachverhalt zu haben. Friedrich machte mir den Hof fo 

ſtlich, daß felbft Cine Mare Augen ſich mitunter mit Thränen 


304 Taube Blũten. 


füllten, wenn fie uns beide in den dunfeln Parfgängen im vertrau- 
lichen Zwiegefpräch traf. Das arme Ding! wenn es gewußt hätte, 
um welchen Gegenjtand fich diefe heimlichen Unterredungen drehten! 

Ein Tag Bit mir befonder3 Elar in der Erinnerung geblieben; 
vielleicht, weil das Schickſal an demfelben den erften Faden zu jenem 
Nee knüpfte, das meinen armen. Freund umentrinnbar in Keinen 
Maſchen verſtricken follte. 

Am Nachmittag war Beſuch gekommen, ein Stubiengenoffe 
Friedrichs, Neferendar Schröder. Derſelbe traf die ganze Gefellichaft 
im Garten beim Croquetjpiel verfammelt, — wir huldigten dieſem 
edlen Sport weiblich; — und trat, da einer meiner jüngeren Couſins 
foeben den Spielplag verließ, fofort in die Partie ein. Ich habe 
nie wieder einen Menfchen gejehen, jen erfter Eindrud nur ent 
fernt mit demjenigen verglichen werden Tonnte, den Hermann Schröder 
auf mich machte. 

Die Erſcheinung des ſchlankgewachſenen, hochblonden Mannes 
war nicht unangenehm, fein Wejen verbindlich, wenn nicht galant; 
und dennoch konnte ich mich eines eigenen ers nicht erwehren 
wenn id in dies gleihfam unter den Lidern verftedte, grünlich 
ſchillernde Yugenpaar ſah. Ein feltfam erregender, ich möchte faft 
jagen graufamer Ausbrud lag in ihm verborgen; ähnlich mag ber 
ik der Schlange fein, der ihr Opfer unentrinnbar t. 

Als der Gang des Spiele mid) in meines Vetters unmittelbare 
Nähe führte, flüfterte ich ihm zu: 

„Ist das Dein Freund, Friedrich?" — 

„Nein“, fagte er, „aber wir haben manchen fibelen Abend mit- 
einander verlebt. Weßhalb fragft Du, Cläre?“ — 

„Weil ich Furcht hatte, er fünne Dir mehr fein, als ein bloßer 
a e $ nr PEN Ein 

tedrich lachte mich an. „Bift Du etwa eiferfüchtig? Ei 
hübſcher Junge, Couſinchen. — aber gefährlich!" — i 

„Mir mon — ich hatte nur ein Achfelzuden, — „aber ſieh' 
die Blide, welche er Edith ji: — — — 

Friedrich ward augenblicklich ernſt. „Laß gut fein, Clärchen“, 
flüſterte er noch haſtig, da die Reihe des Spielens an ihn kam, — 
„ihrer bin ich ſicher, und feinen Eroberungsgelüſten werde ich einen 
Damm vorbauen.“ 

„Wie das? — 

„Ich will’3 Dir Heut’ Abend jagen, im Park, — gelt, Cläre, 
Du kommſt?“ — — “ 

Alice fah und flüftern und lächelte verftohlen. Ich triumphirte, 
jelbft feine fcharffichtige Schwefter ging in die aufgeftellte Falle. 
Nur flüchtig ſah ich noch, wie fie ſich zu Edith gefellte und eifrig auf 
diefe einfprach; dann nahm das Interefje am Spiel mich ganz gefangen. 

Am Abend benugte ich einen günftigen Moment, um mich aus 
der im großen Saal verfammelten Gefellichaft Hinauszuftehlen. Mein 
Oheim —* ſich in ſein Zimmer zurückgezogen, wo ein Herr aus 


Ein Prieschen. 
Nach einem Originalgemälde von H. Kotfgenreiter. 


Et 
SS, 


Bo 





Pa 


Laube Slüten. 305 


der Stadt ihn ſchon ftundenlang geſchäftlich in Anſpruch nahm, 
der unterhielt Alice, Edith ſaß am Klavier und phantafierte, 
Friedrich war nicht anwejend. 

Im Park draußen traf ich ihn. Er war erregt und feine 
Stimme zitterte. 

„Dank, daß Du kommft, meine liebe Cläre“, flüfterte er und 
faßte meine Rechte mit berzhaftem Druck. — Alice kann ich 
mich nicht anverirauen; ich habe das Gefühl, daß ſie meine Liebe 
mißbilligt; Vater hat den ganzen au feine Wirihſchaft im Kopfe, 
md Mama weint heimlich) — weiß Gott, was ihr Herz ſchwer 
mach, — ee San, willſt Du mir Io Ritt m & ich 

war erſt zweiundzwanzig Jahre, i ilich noch ein Theilchen 

Kur und mein Rath oh opt von Bedeutung, aber — 

® jemand anvertrauen und id) zitterte vor Rührung über 
iebe und dor Stolz über meine — 


„Sprid, Zeig! 

Ai fol ich's ihr ſagen?“ — — — 

‚, „Aber natürlich, wenn Du fie ernſthaft liebſt, natürlich“, rief 
id) vor Eifer glühend. 

,  „Ernithaft!" Ein feltfames, verflärendes Lächeln ging über fein 
junges Geficht. „Aber ich bin noch nichts, Cläre, ich Habe noch nichts." — 

„Aber ihr feid ja jung und könnt' doch warten,, — und Du 
brauchſt dann nicht in. Angſt zu fein, daß fie Dir am Ende noch ein 
anderer fortnimmt.“ 

Es mußte etwas in meinen Worten fein, was eine empfindliche 
Stelle bei ihm berührte. „Du meinft Schröder“, fagte er raſch, „er 
läuft jedem Mädchen nad, — und ich könnt’ es auch nicht mit an 
jehen, daß er ihr die Cour fehnitte und ein Recht zu haben glaubte, 
Jagd auf fie zu machen, wie auf eine wehrlofe Beute — — 

„Stehft Du — iehft Du wohl?“ rief ich lebhaft, ‚weßhalb alfo 
wilft Du zögern?!“ 

„Cläre, ich will's Dir jagen. Morgen früh fahren wir auf den 
Dohnenftieg, früh, wenn Schröder noch ſchläft. Du und Edith und 
Ace natürlih, — ohne bie geht es nicht, fie muß ihre ent 
Aber haben. Ohne Kutjcher, Clärchen, Alice fährt ja ſiets allein! 

um — 


Er hielt wie aufjauchzend inne. Durch feine Geftalt rann ein 
Schauer erſten, himmelftürmenden Leidenſchaft. Und als müſſe 
er am irgend einem Gegenftand die Gewalt feiner Liebe bemeifen, 
fr umfaßte er mich plöglid) und drüdte mir einen glühenden Kuß 
«uf bie Lippen 

„ogriebrichl" — 

Ein erftidter Schrei im Gebüfch, — ich rang mich los. 

Angezogener Junge, — wenn Edith füher — 

Er war plöglich ernüchtert. „Hörteft Du etwas?" — 

„Geh', geb’ Hinein“, fagte ich rafch, „kühle Dich drinnen ab in 
ir igten Gejellichaftstemperatur.“ - 

Der Salon 1889. Heft III. Band I. 21 


feine 


306 Taube Slüten, 


„Ein brüberlicher Ku, — bift Du böfe?“ verfuchte er eine 
Entfguldigung. 

„Geh — und wenn e3 auch fein brüberficher Ku war, — ich 
nahm ihn für Edith.“ 

Er late und haft nach meiner Hand, um dieſelbe famerad- 
ſchaftlich zu ſchütteln. Dann ſchlugen die Zweige Hinter ihm zu- 
jammen und feine hohe Geftalt verfant in ben Schattenwogen. 

Nun lag der Mondicein ſchimmernd auf den Parkwegen, aber 
ich Hatte. fein Auge fr die Schönheit der Nacht. Eilig bog ih in 
den nächſten, durch eine hohe Buchenhede abgefchloffenen Gang ein 
und I daß ich mich nicht getäufcht. An der Hede lehnte, von den 
Mondesftrahlen wie von einer Gloriole umgebend, erzitternd in herz⸗ 
Dreijenbem Schluchgen — Ebith. 

Edithl 
Sie Beste zufammen und ftredte mir abwehrend beide Hände 
entgegen. 

„ort!“ fam es von ihren Lippen, — „o, ich war eine Närrin, 
wenn ich feinen Bliden glaubte, o fort — nur fort! Alice hatte 
doch recht, recht wie immer.“ — — — — 

„Liebe Edith“, — ich verfjuchte, ihre Hände zu faſſen und fie 
an mich zu ziehen, was mir erft nach einiger Anttrengung gelang; 
aber dann war auch ihre Kraft zu Ende und wie eine gefnidte Roſe 
Tag ihr Köpfchen an meiner Schulter. „Was hat Alice Dir gejagt, 
Edith?“ 

„DO nur die Wahrheit: daß Friedrich Dich liebte und Du ihn, 
und daß er leichtſinnig genug fei, mit mir zu fpielen, — und daß 
ihr _beide ein Rendez-vous hättet im Park, — und da bin ich euch 
‚nachgefchlichen und hab’ es felber hören und fehen wollen.“ — 

„Und nun höre auch Du mic an, Edith“, —— ich ernſt. „Es 
iſt wahr, daß Fritz und ich uns lieb haben, — wie ſich eben Schweſter 
umd Bruder lieben. Und es ift auch wahr, daß wir uns im Park 
trafen, um über Dich zu reden und feine Liebe zu Dir, — und es 
ift wahr, daß er mich geküßt hat, aber nur im Uebermaß des Ent- 
zůckens als ich ihm fagte, daß Dur ihn Liebteft, Edith." — 

Sie laufchte, wie in Träumen verfunfen, mit dem Lächeln eines 
Kindes um den fnofpenhaften Mund. 

„Kannft Du mir das alles beſchwören?“ fragte fie zuletzt sogbeft- 

„Sp wahr ich Dich im Arm halte, Edith, ich habe die Wahr- 
heit gefagt!" 

Ha löſte fie ſich leiſe aus meinen "Armen und glitt auf die 
monbenjchimmernbe Erde nieder. Und die Kinderhände falteten fich 

‚um Gebet. 

5 Ein großer, dunkler Nachtichmetterling flatterte mit müden 
Schwingen um ihr gejenftes Haupt, um fi dann auf einem in der 
Nähe ftehenden Rofenftraudie niederzulaffen. Ich war dem Fluge 
des Falters mit den Blicken gefolgt und gewahrte im hellen Mon! 
licht noch eine verfpätete Roſenknoſpe. 


Taube Slũten. 307 


Und behutfam brach ich die Roſe und befeftigte fie in Edith 

braunem Haar. 

Noch ift bie blühende, goldene Zeit. — — 
„Sei getroft, Edith!“ , 


W. 

Der nächſte Morgen kam nicht licht und fonnenftrahlend herauf 
wie alle feine Vorgänger. Dumpf und dicht lag der Septembernebel 
auf ben na een und ſchlich wie ein Geift des Unheil drohend 
um das Haus. 

Wir waren heut’ ungewöhnlich früh um den Kaffeetiich ver- 
ſammelt, um zur rechten Zeit auf den Doßnenftieg zu gelangen. 

Tante präfibirte, da ihr Gatte nach einer ſchlummerloſen Nacht 

Morgenruhe hielt, und fah merkwürdig alt und verfallen in 
dem falten Licht dieſes Nebelmorgens aus. Auch, Alice erihien mir 
uur gestoungen freundlich, während Friedrich ftrahlte und Edith wie 
eine junge Rofentnofpe glühte. 

Der Neferendar ſchlief wirklich noch, und wir waren kindiſch 


froh, feiner lei entgangen zu fein. 
dehnen der Fahrt 34 der Nebel mitunter und Frie- 


drich prophezeite und den fchönften Tag. Gewandt brach er einen 
rothen Ebereſchenzweig, der während bes raſchen Fahrens unfere 
Köpfe fkreifte, und Befeftigte die leuchtenden Beeren an Ediths Hut. 
„Umd nun, Fräulein. Edith, geht Ihnen jeder loſe Vogel ins 
Gam; Sie brauchen nur die Satin ie anzuziehen, jo haben & ihr 
feit“, Iachte Frig übermüthig, al ie3 Lachen tönte ein traumhaft 
hohles Echo in der Nebelatmoiphäre wieder; „geben Sie nur acht, 
mit welch’ reicher Beute Sie heut’ heimfehren werben.“ 
Ich werfe feine Söjlinge aus‘, gab fie Heiter zurüd, „und nach 
Iofen Bögeln trag’ ich fein Verlangen.” 
„Und —5 doch auf den Dohnenftieg‘ — — — — 
is „Um gefangene Vögel aus den Nepen zu Löjen“, fiel fie 
raſch ein. . 
„Und finden Sie doch nad Ihrem Gejchmad, wenn fie fein 
zugerichtet auf die Tafel kommen“ Friedrich triumphirte wieder. 
Unter ſolchen Plänfeleien waren wir im Walde angelangt. 
iedrich hatte bald den Strich gefunden, aber er führte durch dichtes 
büfch, und unfer Wagen mußte zurüdbfeiben. Alice erklärte, nicht 
in der Stimmung zu fein, durch Gefträuch und fußhohes, nebel- 
feuchte Gras ſich einen Weg zu bahnen; fie wollte bei den Pferden 
“eiben. „Im übrigen will id) auch den Damen ben Kavalier nicht 
auben“, ſchloß fie ihre Begründung. 
Uns war's recht; der Zufall hien abſonderlich günſtig. Wir 
‚gaben und auf den Weg und fanden wirklich ein gut Theil Kram⸗ 
et3vögel in den Schlingen hängen, die ihr Verlangen nach ben 
uchtend rothen Beeren mit dem Tode hatten büßen müſſen. Bus 
3t Eonnte ich Friedrichs bittenden Bliden nicht mehr widerſtehen 
2ı* 


308 Laube Slũten. 


und erffärte, die Läftige Beute zum Wagen tragen zu wollen; bie 
beiden follten ruhig weiter gehen, ich käme — wieder zurüd. 
Ueber Edith ſchien eine eigene Verwirrung zu kommen. Sie Hängte 
fi) an meinen Arm und wollte durchaus mitgehen, und es koſtete 
rip umb mir nicht geringe Weberrebungsfunft, um fie zum Bleiben 
zu en. 5 


weg, 

„Und verirrt Euch nicht im Nebel, damit ich Euch auch wieber- 
finde“, rief ich noch lachend über die Schulter zurüd, um dam lang⸗ 
jam meinen zu verfolgen. 

Der Nebel tHeilte fich wirklich und & hin und wieder ſchon 
eine Fernficht frei. Alice, die in tiefes Sinnen verloren am Wagen 
— hatte mich nicht gehört und ſchrak fichtlich zufammen, als ih 
ie antedete. 

„Du allein, Cläre?“ unterbrach fie mich erregt, „wo find bie 
Sam 1" Taste ich Luftig, da it 1 

„Ins Garn gegangen!“ achte ich luſti es mir nicht länger 
nöthig ſchien, men Geheimniß zu — „Gelt, Alice, Du Ye 
Iommjt doch eine reizende Schwägerin; ich könnte Dich) bemeiben!“ 
Sie fu ig) auf und faßte mich krampfhaft bei der Hand. 
„Bag, Du inf ! rief fie rauh, als ob die Erregung ihre Stimme 
erftidte, „ich bitte Dich um Gottes willen, ſag', Du Lügft!! — — 

ftand ſtarr; das hatte ich micht erwartet. Verabſcheute 
Alice wirklich das holde, fleine Mädchen? Und warum hatte fie 
Edith dann mitgebraht? Hundert Fragen bligten mir durch ben 
Kopf, aber ich ftammelte nur verwirrt. „Nein. Ich begreife Dich 
nicht, — ich rede wahr, — warum bift Du fo en?" — 

Sie lachte grell auf. „DO du liebe Einfalt! jeil — weil — 
wir ja doch am Bankerott find, weil Friedrich kaum noch die Mittel 
haben wird, um fich als Neferendar durchzuſchleppen. — weil Edith 
bettefarm ift und nichts befigt als die leider auf ihrem Leibe, — 
weil — weil — doch wen puebige ich das alles?“ unterbrach fie 
ſich leidenſchaftlich — „was haft für eine Idee von des Lebens 
Noth?! D Hätt’ ich doch geſprochen und gewarnt! Aber wer mag's 
denn fagen, das Ungeheure: Es iſt aus, und uns bleibt der Bettel- 
ftab!? — Und warum führtet Ihr die abicheulihe Komödie eigent- 
lich auf, als liebte Friedrich Dich, die ihm doch eine anftändige Mit- 
gift mitbringen könnte, — doch nur, um uns alle blind zu machen, 
nicht wahr?" — — 

Ge pu war e8 mir gejagt, klar und deutlich, woran mein Kinds- 
Topf nie aud) nur im Traume gedacht. Ein Sonnenftrahl durchbrach 
die flutenden Nebel, ſcharf die verftörten Züge des Mädchens | 
leuchtend, und ein warmes Mitleid mit Alice durchzog mein He 

„Aber das ift ja ein furchtbares Unglüd“, fagte ich bebend, „v 
ift denn feine Rettung mehr möglich?“ 

„Keine“, verfegte fie dumpf, „feit geftern Abend keine mehr!“ 

„Und doch“ — id) fam hartnädig auf meine alte Idee zurüd 
mund doch fehe ich nicht ein, warum felbft unter diefen Verhältniſ 





Taube Slũten. 309 


Fritz und Edith fich nicht Tieben und aufeinander warten follen? 
Und wenn auch dies abjolut unmöglich ift, warum, Alice, warum 
Habt ihr Friedrich denn nichts gejagt?“ 

„sind“, antwortete fie mit qualvoll gepreßter Stimme, „Dir 
weißt nicht, was Du ſprichſt. Vater ift krank und ganz gebrochen 
durch diefen Schlag; Dlama ift ftet die große Dame geweſen, nur 
ra über ein von Domeftifen zu befehlen, — meine Brüder 
iind ſämmtlich unverforgt, und uns bleibt fein Pfennig übrig, kein 

fenmig, Kind — — Herrgott!” Jar fie auf, „wie e8 werden fol, 
wir wiſſen's nicht, — und da foll der Knabe ſich an das Meine Ge— 
ſchöpf hängen, feine fchönften Jahre vertrauern, um dann fpäter, 
wenn fie verblüht und feine Jugendideale verronnen, als ein gebun- 
dener Dann feine Knabenthorheit zu verfluchen, oder ein ehrlojer 
Schurke zu werben an feinem Wort?! Und warum wir ihm nichts 
gefagt Haben, fragjt Du? — Um bem füßen Jungen das Leben nicht 
zu verbittern, Claͤre, die etliche Mutterliebe litt es ja nicht, — 
und weil wir immer noch auf Aufſchub Hofften und Rettung, auf 
Rettung, bis geftern Abend der Jude aus X, fam und all’ die vers 
fallenen Wechjel in Händen Hatte, da ihm eine Prolongation nicht 
mehr räthlich fehien, — und weil, — was joll ich mich denn wieder⸗ 
holen? — weil wir glaubten, dab Du — — — — 

Sie brach jäh ab, und e8 war auch unnöthig für mich, daß fie 
weiter ſprach; jet verftand ich. ſah in den goldenen Morgen 
inein, aber bie Welt erſchien mir Öder und grauer wie vordem, als 

Nebel geg zwiſchen den Bäumen hing. or meinen Blicken 
war auch ein Schleier zerriffen, und bie plögfiche grelle Helle um 
mi und in mir that mir weh. Als ich aufjah, war Alice vers 
ſchwunden, und nur ihr helles Stleib je ich noch fern zwifchen den 
Bäumen flattern, und ich wußte wohl, wohin fie eilte in dem hohen, 
nafſen Graſe — — — — 

Ich fegte mich wie betäubt auf einen Baumftumpf nieder und 
wartete. 

Sie famen bald. Friedrich nicte mir glüdjtrahlend zu, Ediths 
Züge färbte verrätherijche Roſenglut; ihre füßen blauen Augen 
ſchimmerten feucht. 

Alice ſprach krampfhaft in einem fort, als fei es ihre Abficht, 
durch lebhaftes Reden zu verhindern, daß auch nur ein verrätheris 
ſches Wort fallen könnte. Während unferer Heimfahrt herrichte eine 
ſchwüle Stimmung in dem Heinen Gefährt, — jeder einzelne fuchte 
au verbergen, was doch alle wußten. 

„Und num, Frig“, jagte Alice zu da Bruder, ald wir wieder 
1f der großen Freitreppe des Schlojfes ftanden, wo Referendar 

Hröder ung ernſilich ſchmollend empfing, „nun fomm’ zum Vater; 
hat nad) Dir verlangt, um ſich in gejchäftlichen Angelegenheiten 
it Die I berathen.* 

Friedrich ſah fie erftaunt an, warf dann übermüthig den Kopf 

den Naden ımd folgte der Schweiter. 


310 Taube Blüten. 


Mic; fröftelte es; es fehien, ala ſei die Sonne mit einem Male 
umterge jangen. 
zu lange hielt ich es auch draußen nicht aus; das Lachen 
und Plaudern Schröders und meiner Jüngeren Vetter machte mic 
nervös. Ich trat ind Haus und ſchlich über den Korridor in das 
Heine Zimmer neben meines Oheinis Arbeitsfabinett. Wurden fie 
drinnen mit ihrer Berathung denn nie fertig? 
riedrich® Stimme lang manchmal laut und heftig aus dem 
dumpfen Gemurmel hervor, dazwiſchen das leiſe Weinen einer Frau, 
— Zante war aljo auch, darinnen. Ich ſchämie mich plöglich meines 
Thuns und preßte, mich abwendend, Die Stirn gegen bie Fenſter⸗ 
iheiben. Im Garten ging Schröder mit Edith fpazteren und unter 
hielt fie aufs eifrigfte. Arme, arme Edith! — 

Da wurde die Thür Hinter mir geöffnet; Friedrich trat aus dem 
Kabinett bleich bis in die Lippen. Als lachender Knabe war er 
Hineingegangen, ein fertiger entichloffener Mann ftand er vor mir. 

Ich ftredte ihm ftumm die Hand entgegen. 

„Du Haft es gut mit mir gemeint, mein treuer Kamerad*, fagte 
er mit leifer, ruhiger Stimme, „und haft mir eine Selunde des 

öchften Glückes verichafft, — Gott jegne Dich dafür viel taufend 

al! Sie haben es mir aber da drinnen eben verzweifelt Kar ge- 
macht, daß es jet meine Pflicht fei, mein Leben und meine Liebe 
für die Eltern zu opfern und mir fo bald wie möglich eine reiche 
Braut zu ſuchen. — fie fprachen auch von Dir, Eläre*, — und der 
Schatten eines Lächelns Hufchte über feine ſteingewordenen Bi — 
„aber ſei ruhig; en weiß id, daß Du mich nicht ſo Liebft, 
wie Du's für die Ehe für nöthig hältft, und anderentheils ftehit Du 
mir auch viel zu hoch für die gemeine Spekulation.“ 
8 aa mer, fieber Fritz — und bie Thränen liefen mir über bie 

jaden. 

„Alice kam ja gerade zur rechten Zeit“, fuhr er fort, „ehe ich 
mi) noch durch irgend ein Wort gebunden, und überlegt, wie fie 
ke ift, Taut unfere Namen rufend, um ja nicht die Zeugin unferes 

mdes werden zu müſſen. Was thut auch ein Kuß, — Du kennſt 
ja das Lied: Frei ift der Burſch' und frei ift Das Lied, und ein 
Tofiger Kuß ift nicht minder frei. — Siehſt Du, Cläre, das haben 
fie alles ganz genau durchdacht, fo da ich mir gar wicht mehr den 
Kopf darüber gerberßen rauche. Und ich trüg’ es ja auch, aber fie 
— Hölle und Teufel — meine Edith!" — 

Unb fein Blid fiel durch das Fenſter, und ein Schauer rüttelt- 
feine Geftalt, ala er die Gelichte gewahrte. 

„Ich reife heut! noch ab, — Seröber begleitet mich natürlich" 
fuhr er Haftig fprechend fort, „das Examen jteht vor ber Thür, - 
aber ich habe noch einen Wunſch, eine Bitte! — 

„Ich weiß es, rip, Du willft " Rebewohl jagen?“ 

na“, fagte er leidenfchaftlich, „fie ſoll nicht glauben, daß fı 
eines Schurfen Umarmung litt. Komm mit, Cläre, beidhäftie 





Laube Blüten, 311 


Schröder vor allen Dingen. Den Brautkuß nahmſt Du im voraus 
— den Abſchiedskuß ſoll ſie allein haben.“ 


* * 
* 


art Edith wandte fich purpurglühend um, als fie Friedrichs Schritt 
fannte. 

„Entjchuldige, Hermann“, fagte mein Vetter ohne viele Umstände, 
„entfchuldige, wenn ich Dir Deine Dame auf eine Viertelftunde ent 
führe. Meine Coufine wird jo liebenswürdig fein, Dir die öns 
heiten unferes Parts zu zeigen. Kg Edith, ich verſprach Ihnen 
neulich, Ihnen eine neue Kompoſition br ieblingsliedes vorzu⸗ 


jen, — wenn es Ihnen jest gefällig it?" — 
vs Gönhter ſandte Aitfernenden Paare einen heimtücki⸗ 
fen Blick nad). 


„Begreife eigentlich nicht recht, mein gnäbiges Fräulein, warum 
nicht aus wir an diefem Genuß theilnehmen dürfen?“ 

„Vermuthlih, weil der Komponift fein großes Auditorium 
wünfcht*, erwiberte ich fühl und unterzog mich dann mit bewunde— 
rungswürdiger Geduld meiner Aufgabe. 

Bei Tiſch Ko Edith; fie üeß ſich wegen Kopfweh entſchul⸗ 
digen. Als ich ſpäter hinaufging, fand ich ſie auf ihrem Sopha 
liegend, bleich und mit verweinten Augen. 

Sie fam mir langſam entgegen und ſchlang beide Arme um 
meinen Hals. 

„Sprih mir feinen Troft zu“, fagte fie mit Ieifer, müder 
Stimme, als ich die Lippen öffnen wollte, „ich bin wirklich nicht uns 
glüdlih in dem Bewußtſein, fo treu und innig geliebt zu fein. 
Mir thut auch nichts leid, Höeftens, daß ich den Frieden dieſes 
Hanfes geftört habe. Geſtern Abend wollte ich's nicht ertragen, Dich 
in feinem Arm zu fehen; ich glaube, ih wäre wahnjinnig geworben, 
wenn ich die Hoffnung auf feine Liebe hätte aufgeben müfjen. Aber 
nad) diejer Stunde weht mic; fein Sturm mehr um. Ich las geftern 
im „Daheim“ eine Stelle auögeboten, die für mic) pafjen würde und 
habe darum gefchrieben; fieh’ Dir den Brief an.” — 

Und fie zog mich nach ihrem Schreibtiſch; aber zu gleicher Zeit 
fielen unſere Altee auf die Blumenvaje, welche ben Auffag des ziers 
lichen Möbels ſchmückte. Darin Hing zerbrochen, verwelft, entblättert 
die legte Roſe, welche ich ihr geſiern gepflüdt. 

„Schau“, fagte Edith fchmerzlich lächelnd, „nun ift die Rojen- 
eit doch vorüber. Was thut es auch? 


Ale Jahr lehrt der Frülpfing, 
IR der Winter vorbei; 

Der Menſch aber hat nur 

Einen einzigen Mai. — — — — 


312 Laube Klüten. 


V. 

Sie ſtarben beide nicht an dieſem jähen Erwachen aus ihrem 
ſchönen Jugendtraum. Im Gegentheil, was ſchwankendes in ihrer 
Seele gelebt, erjtarkte und nahm feite Form an. Edith Hatte bie 
Stellung einer Erzieherin in einem hanndverfchen Pfarrhaufe inne 
und fühlte fich, ihren Briefen nad), von dem neuen Birfungstreife 
befriedigt. Friedrich war eiſern fleißig; er arbeitete nach glänzend 
beitandener Prüfung als Neferendar am Landgericht in C, dem 

eimatsorte Schröders, wo er mit dem alten Stubiengenofjen zu- 
jammentraf und bald in einen lebhaften Verkehr trat. In feinem 
väterlichen Haufe ſah es indeß trübe genug aus. Amar war es 
meinem Oheim gelungen, noch einmal muglofen Aufiaut bes drohen⸗ 
den Unheils zu erzwingen; dennoch fchwebte das Damoklezichwert 
ftindtich über feinem Haupte, und der eigenthümlich ſchlaffe Zug um 
feinen und trat um fo fchärfer hervor, je ſpärlicher und lichter 

gar an feinen Schläfen wurde. 

ir ſahen es alle, wie der alte Mann verfiel, und doch war 

jede augenblidliche Hilfe, die ihm gute an bieten konnten, nur 
wie ein Tropfen, der auf heißen Stein fällt und zijchend verdampft. 

In jener ſchwülen Zeit erhielt ih einen Brief von Friedrich, 
in welchem er mic; bat, doch mitunter hinauszufahren, — Lichtfelde 
war nur eine halbe Stunde von meiner Heimatjtadt entfernt — und 
feiner armen Mutter einigen Troft zuzujprechen. Er ſchilderte fein 
Leben und Treiben in C, aber jo ruhig und leichthin auch diefe 
Beilen lauteten, mein Ohr hörte doch bie Bitterfeit hindurchklingen. 

„Ich verfehre viel in Schröders Familie“, fo lautete eine Stelle 
bes Briefes, „es iſt ein gaftfreies, liebenswlürdiges, wohlhabendes 
gu Der alte Rechnungsrath hat außer Hermann nur noch eine 

ochter, Gerta. Sie ift munter und fehr Tebhaft, wenn auch nicht 
verblüffend geiftreich, und erinnert mich in ihrer Erſcheinung zu⸗ 
weilen an — doch wozu alle Erinnerungen wieder auffrifchen?! 
Passons-la-dessus! Hermann vergöttert feine Schweiter. Aengitige 
Dich nur nicht wieder dor meiner Freundfchaft mit Schröder, mein 
treuer Kamerad; die Zeiten, in denen fie mir gefährlich werden 
Zonnte, find lange vorüber. Meine Abende find nur gewöhnlich jehr 
einfam, und — wie gejagt — es ift ein wohlhabendes Haus und 
für Unterhaltung reichlich geforgt.“ 

Diefe Worte berügrten mich peinlich, ohne daß ich mir einen 
Grund hierfür angeben fonnte. Ich las die Stelle wiederholt, und 
bei der Erwähnung feiner „einfamen Abende” ward mir unmilltür 
lich das Auge feucht; ein nebelhaftes, fremdes Etwas ſchien zwiſche 

tig und mich zu treten. Mein verwöhnter Vetter, dem cinft du 
sterne nicht zu feſt genagelt erfchienen für fein Begehren, dem deu 
Champagnerfeld der ‘Freude von Feenhänden ſtets neu gefüllt wurde 
fobald er nur den Schaum davon geichlürft, ging jet, um ſein 
„einfamen Abende“ auszufüllen, alltäglich) in das „wohlhabende Haus 


7* 


Taube Klüten. 313 


des Rechnungsraths, — ich empfand ein erfältendes Gefühl im 

en. Sriebrid Bitte kam ich treulich nach, umfomehr, da auch 

lice in dieſer ſchweren Beit das Vaterhaus verließ, um die er- 
worbenen Kenntnifje genügen zu verwerthen. 

Das ift ja der Armuth Härtefter Fluch, daß fie das Kind aus 
den Armen der Eltern reißt, um die Brodbroden zu ſparen zu einer 

eit, da der Liebe Lächeln am nöthigften thut, um ihnen die bittere 
;peife zu verjüßen. 
ö Zum Seibjahr fiel der langerwartete Schlag. 

Kichtfelde wurde unter Sequeftration geftellt und das Inventar 
des Schlofjes von den Gläubigern mit Belä, belegt. Diefer Zus 
— der Dinge ſchleppte ſich ng bis die ofen zum andern Male 

übten. 


Zwei Jahre Hatte Friedrich doch gebraucht, um fein zudendes 
gen ganz in Staub zu treten. Und zulegt trat das Gejpenft der 
Fa grinfend vor ihn Hin und wies ihn auf den einzigen Weg zur 

‚ettung. 
„Die Verlobung ihrer einzigen Tochter Gerta mit dem Gerichts- 
Neferendarius Herrn Friedrich Georgi zeigen hiermit ergebenft an 
€, im Juli 188.. Schröder, Rechnungsrath und Frau.“ 

Und die Noth war zu Ende, der Schwiegervater warf feine 
Börfe in den Hlaffenden Spalt. Meine Tante weinte, als ich zur 
Sratulation hinausfuhr, vor Rührung und Freude. 

„Gott fegne meinen guten Jungen“, ſchluchzte fie, „das ift doch 
ein Lichtftrahl in die Finfterniß, die uns umgiebt! "Schröder hat 
viel Geld, Cläre, und kann Frig anftändig über Waſſer halten, bis 
er in Amt und Würden if.” — 

Ich ftand mit abgewandtem Geficht am Fenfter und ftartte in 
den vernachläffigten Garten hinaus. Bon der kahlen Beranda 
brödelten die Steine nieder, drunten auf dem Rajenplag aber dufteten 
füß und beraufchend die Roſen. Der Springbrunnen warf feinen 
kühlenden Silberftrahl mehr empor in die warme Sommerluft, — 
der eine Arm des Tritonen lag zerbrochen zwiſchen den Rofenbüjchen. 
Ich jah das alles wie im Traume, während meine Lippen murmel- 
ten: „Sa, Gott fegne ihn, — Gott fegne ihn“, aber fie thaten es 
nur mechanisch, und ich glaubte nicht an den Segen. 

Bald darauf kam Lichtfelde unter den Hammer; ein jpefulativer 

Geſchäftsmann erjtand das ſchöne Gut um einen verhältnigmäßig 
hohen Preis, um es fpäter in Parzellen wieber zu verfaufen. Und 
das Schloß, welches mein Oheim ſich in feiner beiten Zeit erbaut, — 
leider damit auch den Grundftein zu feinem Ruin legend, — kam 
ı die Hände eines findigen Reftaurateurs, welcher dort ein Ver— 
nügungslofal für die erhofungsbebürftigen Städter anlegte. Seine 
"see bewährte ſich glänzend, — Lichtfelde ift heute ein viel befuchter 
flugaort — sie transit gloria mundi! — 

Meine Verwandten fiedelten in die nahe Stadt über. Bon dem 

st fo großen Vermögen war nichts gerettet, — und es mußte ein 


314 Taube Slüten, 


Glück genannt werben, daß meinem Onfel die Agentur einer Ber 
ſicherungsgeſellſchaft übertragen wurde, deren Einkünfte die He 
doch vor ber äußerften Noth ſchützten — oder vielmehr ſchützen 
follten. Denn vier Wochen, nachdem der alte Mann fich blutenden 
Herzens von dem Erbe feiner Väter losgeriſſen, bahıten fie ihn in 
bem engen Wohngemadje feines neuen Heims auf. 

Die fladernden Lichter zu ‚Häupten feines Sarges warfen einen 
verflärenden Schein auf das ftille, friedliche Antlig. 

„Ihm ift wohl, Tantchen, er hat ausgerungen“, flüfterte ich der 
ebrochenen Frau zu, die in thränenlofem Schmerz zu Füßen bes 
& es kniete, — ein banaler Troft und dennoch der größte, ben 
ein Menſch zu ſpenden vermag. 

„Sa, ihm iſt wohl“, wiederholten ihre zudenden Lippen, „und 
die Kinder find ja aud) verforgt. Werner und Mar will meine 
Schwefter in Meg zu fi nehmen, — e8 ift freilich ein bißchen weit, 
ie aber fie find gut aufgehoben, — und nun kann ich ja auch wohl 
ſterben· — — — — 

Am Rajmittag kam Alice, faſſungslos, fo innerlich vernichtet, 
daß ich das willenskräftige Mädchen nicht wiederzuerfennen glaubte. 
Und der Abendzug brachte Friedrich. 

Er war — wie der Todte im Sarge. i 

„Ich wollte Gerta mitbringen, Mutter“, fagte er heifer, — „ich 
glaubte, fie jollte Dich tröften; aber fie lann feine Per ſehen — 
und kommt morgen zum Begräbniß, wenn ber Sarg geſchloſſen ift.“ 

„Gott jegne ihn, — Gott fegne ihn! Der alte Segenswunich 
tam mir in den Sinn. Aber was that es denn, daß Gerta Schröder 
leine Leiche jehen konnte? Sie brachte ihrem zukünftigen Gatten ja 
Schönheit und Friſche und Jugendfraft mit in die Ehe und Geh, 
— Geld genug, um ein Menſchenleben in Luft und Herrlichkeit zu 
verbringen, — was hatte Gerta Schröder mit dem. Tod zu thum? — 


VL 
te ſich ber verfpätet! Friedrich ging finfter und um- 
un unter, en Bl wieder und wieber auf das Zifferblatt der 
rm wendend; aber die Beiger rüdten unerbittlich, Iangjam vorwärts, 
ohne daß Gerta erjchienen wäre. 

Im Nebenzimmer waren die Leibtragenden verfammelt; der 
Geiſtliche, welcher nicht länger Herr feiner Beit war, trat endlich zu 
dem Sohne des Haufes heran und mahnte ihn zum Beginn ber 
Trauerfeterlichkeit. Wie aus tiefem Traume erwachend, ſah Friedrich 
ftarr in das ehrwürdige Geficht vor ihm und fagte abgebrochen: 
"Wohl, wohl, — Here Paſtor, — fangen wir an, — ich glaube, ich 
warte doch Ver 

Und ber Geiftliche ſprach die alten, ach fo oft vernommenen 
Worte des Troftes, die alles Weh im Menjchenherzen wieder aufl 
wühlen bis in die tiefite Tiefe und zu gleicher Zeit doch lindern 


-) 





Taube Blüten. 315 
Balfam in bie offenen Wunden träufeln. Ernſt und zuverſichtlich 
Hang feine Rede von der Fürforge Gottes für bie Feten und 

Waiſen, verfündend, daß Er dennoch einen Weg erſchaue und Licht 
in ber Finfterniß erjtrahlen ließe, wenn das furzfichtige Menfchen- 
auge nur Dunkel und unwirthbare Dede erblide. — 

Ein leifer, Inarrender Laut unterbrach die Kirchenftille des 
Trauerzimmerd. Ich ſah empor und erblidte Friebrih mir gegen- 
über ſich ſchwer auf ben Heinen Edtifch ftügend, neben welchem er 
lehnte. Und dann berührte ein kühler Luftzug meine Stirn, Hinter 
meinem Rüden wurbe eine Thür geöffnet. Ein leijes Raufchen — 
ein Halb erſtickter Schrei — ich fühlte inftinktiv, daß dies Gertas 
Stimme ſei — und die Thür ſchloß ſich wieder; neben mid) trat, 
nur mit den Sugen grüßend, Hermann Schröder. Sie kam doc) zu 
früh, die junge Braut, fie follte das ftille, todte Antlitz noch fehen. 

Als die Hammerfchläge verhallt waren, ließ Friedrich feine 
Mutter, die er in dem ſchwerſten Augenblide, der einem Frauen— 
herzen beſchieden, feft im Arme gehalten, vorfichtig auf da3 Sopha 
neben Alice gleiten und ging hinaus. , 

Sept kam Leben in Hermann Schröder. Er bot mir, die ihm 
umächft ftand, die Hand und verjuchte eine Entſchuldigung ber ent- 
Nanbenen Störung. Seine Schweiter ſei äußerſt nervös und er 

be, um ihr den unangenehmen und nuplofen Eindrud zu erſparen, 
fie veranlagt, lieber zu Fuß zu gehen und bei dem herrlichen Wetter 
noch einen kleinen Spaziergang mit ihr gemadjt. Mich wiberte fein 

Wortgeklingel in einem ſolchen Augenblide umfagbar an. Ich ver- 
feste daher kühl: „Sie thäten wohl beffer, Herr Neferendar, meiner 
Tante Ihr Beileid zu bezeigen, als fich bei mir zu entſchuldigen“, — 
und ließ ihn ftehen. 

Jehzt trat Friedrich mit feiner Braut ein, um biefelbe feiner , 
Mutter zuzuführen. Das alfo war Gerta Schröder! Bierlich, fein- 
gebaut, hochblond wie ber Bruder, ein allerliebites Sefiätcien mit 
einem capriciöfen Zug um ben Heinen Mund, in biefem Augenblid 
indeß erregt und ziemlich verdroffen breinblidend. Mit fcheuem Auge 
ftreifte Die jchöne Braut den gejchloffenen Sarg, die Trauerfleider 
ımd das verweinte Geficht der alten Dame vor ſich. 

. „Sei ihr eine gute Tochter, Gerta, und fteh' ihr bei in ſchwerer 
Stunde“, jagte Friedrich mit fchleppender Stimme und einer müden 
Armbewegung, — Hirrte nicht die Feſſel an feinem Handgelenk? 
Und Gerta machte einen zierfi Penſionsknix und füßte der 
Schwiegermutter die jchmale, durchſichtige Hand. 

Auch, die dumkelften Stunden gehen vorüber, und das Leben 
ſtellt an den jchmerzgebeugten Menſchen feine unerbittlichen Forde— 
Tungen. 

J ls wir jpäter im engjten Familienkreiſe verfammelt waren, 
gab ſich Gerta freier und Tebhafter, wenn aud) nod) einigermaßen 
von dem fonventionellen Zwange eingeengt, den das traurige Er- 
eigniß ihrer erregten Natur auferlegte. Das verwöhnte Kind ſchien 


316 Taube Slüten. 


ernftlich mit dem Bräutigam zu ſchmollen, daß diefer fie am Be- 
gräbnißtage nicht ſelbſt am Bahnhofe erwartet habe. 

Friedrich entſchuldigte fi. „Lieb“, fagte er bittend, „ich konnte 
Mama nicht verlafjen in jener Stunde umd glaubte überbem, daß 
Hermann Dich fiher und ohne einen Umweg bergeleiten würde.“ 
© „ber ich“, vief fie lebhaft, den in feinen Worten enthaltenen 
Vorwurf ſowie ihre Umgebung fcheinbar ganz ignorirend, „ich hätte 
Vater und Mutter und alles vergefien, um Dir entgegen zu eilen. 
Bift Du böfe, Frig?“ ſetzte fie ſchnell hinzu, als fie den verjtimmten 
rd in feinen Mienen wahrnahm, „böfe, weil ich Dich fo lieb 

Und leidenſchaftlich beide Arme um den Hals fchlingend, küßte 
fie ihn Heftig auf den Mund, J 

Ich las es in Friedrichs Augen, was ſeine feinfühlende Natur 
dabei litt. — - 

Und konnte ihm nicht _heffen. — — — — 

Mic beehrte Gerta Schröder mit einer sang befonderen Ab⸗ 
neigung, deren Urfache ich zuerft nicht begriff, allmählich aber, da 
ich dieſe EranfHaft-jenfitive Natur näher kennen lernte, als eine raſende 
Eiferfucht erkannte auf jedes Weſen, das Friedrich in irgend einer 
Art nahe ftand. . 

Die erjte Probe diefer Eiferfucht gab fie, als fie auf halben 
Befehl ihres Bräutigams und Hierdurch vielleicht föon gereizt, im 
meiner Familie einen Beſuch machte, bei welcher Gelegenheit fie mi 
leider allein zu Haufe traf. Im Laufe unferer Unterhaltung geriet! 
ihr mein Photographie Album in die Hände. Und als ihr, während 
fie achtlos die Blätter befjelben ummandte, Friedrichs Bild in die 
Augen fiel, küßte fie das Porträt leidenſchaftlich und fagte, mic) faſt 
drohend dabei anfehend: 

„Mein ift ec und mein bleibt er, und niemand gu ihn mir 
abſpenſtig madjen. Ich Habe ihn mir gefauft, Fräulein Clara, Halten 
Sie mich nicht für jo dumm, daß ich das nicht wüßte!“ 

Eiskalt durchſchauerte es mich, Bis jegt hatte ich fie nur für 
ein verwöhntes Kind gehalten und jah nun, daß ich mich geirrt. 
Sie war mehr. Und hatte vecht; das war das jchredlichite. Sie 
hatte fich den Mann gelauft, aber — man jagt ed doch nicht. . 

„Sie wundern fich über meine Rede“, fuhr fie erregt fort, „aber 
find Sie einmal feine Vertraute, jo fünnen Sie auch gleich die meine 
Fran Sie können es ihm aud) wieberfagen, wenn Sie Luft dazu 

Sriedrich, Friedrich! Ich fprang auf; in meinem Hirn trieben 
aufend alte ihr Spiel. Und meine Lippen öffneten ſich nur 
mit Mühe. 

„Danken Sie Gott, Gerta, wenn ich ihm das nicht wiederhofe! 
Sie fünnten den Ausſpruch bereuen!“ 

„Bereuen?!“ Gerta Schröder lachte hell auf, — „aber id) bitte 
Sie, geliebte Coufine in spe, — ich halte ihn doc) in Händen! — 


Laube Klüten. 317 


! 
Und wer ift die8?“ fuhr fie in ihrer fprunghaften Weife fort, auf 
die Photographie neben Friedrich® Bild deutend, „warum haben Sie 
dies Mädchen an feine Seite geſteckt?“ — 

„Edith“ — entjchlüpfte es mir, und graufam deutlich ftieg die 
Vorſtellung in mir auf, wie fo anders es heute hätte fein können. 

„Wer ift Edith?“ inquirirte Gerta weiter. 

Beunruhigen Sie ſich nicht, Fräulein Gerta“, erwiberte ich, in 
äußerjter Erregung meine Worte nicht mehr wägend, „Edith ift eine 
bettelarme, kleine Gouvernante im fernen Hannover, — fie kann 
Ihnen nicht mehr gefährlich werden.“ 

„Nicht mehr?! Und Gerta Schröder fprang auf, gerade als 

iebrich im Rahmen der Thür erſchien, am feine Braut von ihrer 

ifite abzuholen. Eine grenzenlofe Beftürzung malte ſich in feinem 
ſchönen, blafjen Geficht, ala Gerta, ihm entgegeneilend und feinen 
Arm umklammernd, mit fliegendem Atem auörief: 

„Wer ift Ebith, Frig? Was ift fie Dir? Und weßhalb Haft 
Du mir nie von ihr erzählt?“ 

„Wer hat Die denn von Edith erzählt?" Und der erfte vor» 
wurfsvolle Blick aus meines Freundes Augen traf' mich. 

J — war der Richtung dieſes Blickes gefolgt. lachte ſie 
itter auf. 

„O, beruhige Dich, lieber Frig! Fräulein Clara weiß das in 
fie gejegte Vertrauen zu rechtfertigen; fie hat mir nicht? von Edith 

ft. Aber mein Herz hat es mir zugefchrieen, daß dies Mädchen 
Dir werth geweſen — oder noch ift?“ % te fie fragend Hinzu, da 
fie den aufglimmenden unten in ihres äntigame Augen wahr 
nahm, „o, Fritz, Fritz, Hüte Dich! Du bift und bleibft mein — ver 
SE a babe ihn eine Aiper Driet, ſo ſchleuderte Seicric) Ge 

Habe ihn eine Viper rt, jo fchleuderte Friebris orgi 
des Mädchens Hände von feinem Arm und that einen Schritt feit- 
wärts. Dann Flang feine Stimme dumpf und grollend wie nahen» 
des Gewitter: 

ür Du Di, Gerta! Noch eine folche Scene und ich ver- 

eſſe Ehre und Pflicht und Zukunft, alles — Gerta, hörft Du? 
Mahne mid, nie an Edity — Du am allerwenigjten! Und nım“, 
fegte er langjam und jedes Wort betonend Hinzu, da er ſah, daß 
jie wieder emporfahren wollte, — „und nun verbiete ich Dir, noch 
ein Wort über diejen Gegenftand zu fprechen! Verſteh' mich wohl: 
ich verbiete es Dir!“ 

Das moralische Uebergewicht des zürnenden Mannes verfehlte 
doch feinen Eindrud nicht auf das Mädchen. Langfam, mit weit 
offenen Augen in fein Geficht ftarrend, wich fie vor ihm zurüd, um 
ich zufegt, beide Hände vor das Geficht jchlagend, von Eonvulfivi- 

Hem Schluchzen erjchüttert, in einen Seſſel zu werfen. 

Ih ftand rathlos. Es war eine tobende Angft in mir und 
3 wagte wicht zu reden. Friedrich aber trat, wie von einer weiche- . 
n Regung erfaßt, der Weinenden näher und fagte, mit der Hand 


318 Eaube Blüten. 


über Gertas blondes Lockengewirr ftreichend, mit gebämpfter Stimme: 
„Du bift frank, Kind, fomm fort.“ — — — — 

„Ja, Du Haft recht, Frig, ich bin frank, — frank von dem An- 
blick —— von den dnmargen ( —— und em 
der Hand zerriß fie die ſchwarze Kreppkrauſe, welche ihren Hals um- 
— Sant von dem einigen Weinen und Jammern um mic) 
ber, Frank, weil ich Dich nicht allein für mich Haben kann, — ja, 
fomm fort, Frig, aus diefem Haufe, aus Diefer Stadt, in wel 
mic nicht3 intereffirt ala die Steine, welche Dein Fuß berührt.” — 

Während Gerta im Nebenzimmer ihre Sachen anlegte, trieb es 
mich mit heimlicher Gewalt in die Stube zurüd. 

Am Tiſche vor dem aufgefchlagenen Album ftand Friedrich. 
Seine Bruft hob und fenkte ſich in Inngfamen, ſchweren Athemzügen, 
während die Augen fih in Ediths Bild Hineinzubrennen ſchienen 

Mit fliegendem Bufen trat ih auf ihm zu. Ich mußte der 
namenlofen Angſt in mir Luft fchaffen, felbft auf die Gefahr Hin, 
ihm weh, gu Km. 

„Friedrich, um ber Barmherzigkeit Gottes willen, — wie 
konnteſi Du _ pn — Hohe Sand geh Salſeh 36 
„Halt! — feine erhobene Hand gebot mir Stillichweigen. 5 
Habe xy gewählt. Und nun rühre mir nie mehr daran, fondern bete 
lieber zu Deinem Gott, daß er mir die Kraft gebe, es zu tragen!“ 


VIL 

Nun war Jahr und Tag entſchwunden. In meinem Leben 
hatte eine einfchneidende Veränderung Platz gegriffen; von X. hatte 
mid) das Geſchick an den fturmumtobten Strand der Djtfee ver- 
Pflanzt. So fam es, daß der innige Verkehr mit der Georgi'ſchen 
Demiie ein Ende erreichte und deren ferneres Ergehen mir nur im 
jeinen äußeren Umriffen befannt wurde. Alice hatte eine Privat» 
ſchule in &. errichtet, um ihre Mutter bei fich haben zu können, und 

üdliche Sterne lächelten über diefem Unternehmen von Anfang an. 
Berner Georgi war nad) abgelegtem Abiturienteneramen in den Boft- 
dienft getreten und ftand fchon auf eigenen Füßen, während Max 
mod) — Verwandten in Metz weilte, um dort das Gymnaſium 
zu befuchen. 

Von geietri hörte ich verhältnigmäßig am wenigften; nur 
vereinzelte Briefe von Alice brachten mir Hin und wieber Kunde von 
ihm. So erfuhr ich, daß er als Affeffor fich in der Landeshaupt- 
ſiadt aufhalte, in nächſter Zeit feine Ernennung zum Richter erwarte 
und daß die Hochzeit in Ausficht genommen A Gerta Hatte ſich 
nad) ihrem erſten Beſuch nie wieder veranlaßt gefühlt, ihre Schwieger- 
mutter aufzufuchen, obwohl Alice die Ferien mitunter im ae 
chen Haufe verlebte. Nach einem folchen Aufenthalt ſchrieb fie mir 
einmal, daß Gerta launenhafter denn je fei, Hermann feine Schweiter 
aber trotzdem abgöttifch zu lieben fcheine. 


Taube Blüten. 319 


Das war alles. 

Und dann war e3 wieder an einem fonnenleuchtenden blüten- 
duftigen Tage in der Roſenzeit. Blau ımd ficht wie einft in Licht- 
felde „paunte 1 der Himmel über der See, lächelnd und wolfenlos, 
ala ob es fein Ungewitter geben könnte im Himmelsraum und fein 
Leid im Menjchenherzen. Am Strande auf und ab wogte ber 

warm der Babegäfte, lachend, ſchwatzend und den Becher des 
Lel ſchlürfend bis zur Neige. Und inmitten dieſer glücklichen 
Tauſende fiel mein Bid auf das Zeitungsblatt, welches ein dienſt⸗ 
Seffijener Kellner wohl in Erwartung eines reichlihen Douceurs 
auf den Tiſch vor mir gelegt. — 
Die rauſchende Mufif der Badelapelle tönte an mein Ohr, — 
lachende und plaubernde Stimmen umwogten mich, doch ich Hörte 
keinen Laut mehr von all dem Treiben um mich her. Ich las und 


- [a8 wieder und lad zum dritten Male, — und langjam erft drängte 


7 das Verftänbniß der wenigen Zeilen mir auf, über die meine 
ide irrten: 

Geſtern Abend erſchoß fig in feiner Wohnung in der Wilhelm- 
ftraße der Gerichtsaffefjor Friebrich G...... “ 

„Ewige Satmherzt keit!“ Alles hatte ich erwartet — das nicht, 
nein, das nicht!! — hie und Zukunft, das Leben felbft hatte der 
Unglüdfiche geopfert um dieſes Weibes willen, — eine taube Blüte 
am Baum der Menjchheit war er vom Sturm der Vernichtung in 
den ewigen Abgrund gejchleudert, ohne eine andere Spur mehr zu 
binterfaffen, als wehmüthige Erinnerung — — — — 

Am Nachmittag erhielt ich die Todesanzeige. Im knappen Stil 
theilten die Hinterbliebenen das plöglich erfolgte Ableben ihres 
Sohnes und Bruders mit; von ber Braut fein Wort, feine Er- 
wähnung. — 

So bald es meine it erlaubte, fuhr ih u &., ohne indeß 
hier die erhoffte Löfung des Räthſels zu finden. Meine arme Tante 
tonnte id) nur Momente ſehen, da biejelbe, von rafendem Kopfweh 
fefottert, das Bett hüten mußte; Alice dagegen fand ich auffällig 
ühl umd dem Unfcheine nach nur empört über die Schmacdh, welche 
der Unjelige feiner Familie angetan. Der eine Umftand war mir 
neu, — und derſelbe verwirrte mich noch mehr, — daß Friedrich, 
von dem Vater Ki Braut zur Hochzeit gedrängt, das unglüd- 
felige Verlöbniß faft im letzten Moment getöh hatte. 

„Nun war er aber doch ein freier Mann“, gab ic) meiner erften 
Empfindung Ausdrud. 

Alice lachte bitter. 

„Ein freier Mann mit diefer Ehrenjchuld?! Ein freier Mann 
at dem Bewußtjein, dag Mädchen vier Jahre lang am Narrenjeil 
jerumgeführt zu haben, vier Jahre lang von der Gnade des Schwie- 
yervater8 unterhalten zu vn ihm alles zu verbanfen, von dem 
Hlaſe Wein auf feinem Ti Be zu dem Leinen auf feinem Leibe?! 
— — Glaub’ mir, ich habe Friedrich gefannt, beſſer als ihr alle, — 


320 Laube Klüten. 


und er hätte — ehrenhafter gehandelt, wenn vor feinem Auge nicht 
no immer Ediths Bild geitanden und ihn gelodt hätte, immer 
weiter bis zu jenem Punkte, wo ihm das Manneswort nichts mehr 
galt unb er ‚ein freier Mann‘ wurde! Geh, Kind, diefe Freiheit 
war es, bie er nicht ertragen konnte!" — 

„Am Narrenfeil ſoll er Gerta Herumgeführt Haben?” gab ich 
entrüftet über die ſchonungsloſe Härte ihres Urtheil® zur Antwort, 
„ich fage, fie fchleppte ihn an ber Sflavenkette vier Jahre langi 
Und daß er dieje emblich doch zerriß, als fle ihn ganz zu Boden 
drüdte und knechten follte, wer will ihm das verargen?“ 

„Die Welt“, jegte fie kalt, „die Welt fieht die Oberfläche, und 
was darunter verborgen liegt, kümmert fie nicht. Die Welt ficht 
den Schuldſchein über Taufende in der Hand von Gertas Bater, fie 
fieht das vernichtete Leben des Mädchens, das Terzerol in der Hand 
des GSelbftmörbers, — und zieht ihr Facit. Und uns bleibt die 

jande.“ 
I Das war die Grabrede der Schweſter. 

Ich grüßte kalt und ging. 

VOL 

Bald darauf befand ich mich auf dem Wege zur Nefidenz, um 
mir . Klarheit zu verichaffen. 5 

ch follte fie finden. j 

iedriche Wirthin empfing mich freundlich, nachdem ich ihre 
erſte Zurüdhaltung überwunden und die mißtrauijch Elingende ee: 
„Sind Sie etwa die Braut?“ — kurzweg verneint hatte. Die alte 
jaubere Frau mit dem jchwarzen Spisenhäubchen auf dem fchlichten 
grauen Haar hatte „ihren ſſeſſor“ geliebt und wohl einen 
tieferen Blick in das Geelenleben des unglüdlichen Mannes gethan, 
als die eigenen Angehörigen. Das bewies mir biefe erfte ‘Frage. 

Und nun ftand ich oben in dem trauten Stübchen, darmnen 
mein armer Better den legten, ſchweren Kampf gekämpft. 

Nichts erinnerte ben Beſuchet an das fchauerliche Drama, das 
hier gefpielt, und die Auguftjonne bligte lachend und Heiß durch Die 
blütenweißen Dorhänge, welche das Fenſter ſchmückten. Unb bı 
war es mir, als blidte mich ein bleiches Antlig an, wohin ih a 
die Augen wenden mochte, und zwei verfärbte, zufammengeprefte 
Lippen öffneten fich, um mir wie grüßenb zuzuraunen: „Mein treuer 
Kamerad.” — — — — 

Die alte Frau fah meine Bewegung. 

„3a, ja, er war ein lieber, ihre Mann, mein Herr Aſſeſ 
for“, fagte fie, „und wohl werth, daß ihm eine Thräne nachgewein 
werde. Gut und freundlich war er zu jebem, der ihn anfprach, unt 
war's auch der gemeinjte Mann. Nur wenn bie Briefe von de 
Braut kamen, dann iſt's aus gewefen mit aller Freundlichkeit, — 
dann fonnte er ftundenlang figen und vor fich Hinjtarren, — — je 
Fräuleinchen, die hat ihm feine Thräne nachgeweint!* 


Taube Slüten. 321 


„Doch — doch“, dachte ich bei mir. Sie hatte ihn doch aud) 
geliebt, wenn auch auf ihre eigene unedle Weile. „Und wie war 
3 rau Erwin, als er von feiner legten Reife zurückehrte?“ fragte 
ich laut. 

„Fräuleinchen, er fam anders wieder als er bingin ; aber nicht, 
als ob er die Braut verloren hätte, fondern wie ein der, glüd- 
licher Mann. Er hat ja nicht gejagt, was da pafjirt jein mag, aber 
das fieht unfereiner doch auch, wenn der Ring am Finger fehlt, wo 
er fo lang gejeffen. ‚Und jegt heit es zufammenhalten und |paren, 
Frau Erwin‘, hat er dann wohl gejagt, aber jo glüdjelig Etat 
dabei, als habe ihm einer goldene Berge verfprochen. Nun, “ hal 
das meinige getan, Fräuleinchen; er hat das Zimmer fajt um die 
Hälfte gehabt, mein Iieber Herr Afjeffor, weil ichs ja deutlich genug 
gejeben habe, wo ihn jegt der Schuh drückte. Er hat auch um ein 
illiges an meinem — gegeſſen und iſt nicht mehr in die theueren 
Reſtaurants gelaufen, aber lang hat die Herrlichkeit doch nicht ge- 
dauert, Fräuleinhen.” — — — 

„Ja, Frau Erwin, und wie fam es nun, daß“ — 

Sie unterbrach mich. „Wies fam, Fräuleinden? Ihnen will 
ich's fagen, Ihnen allein; vor den andern Hab’ ich mich gejchämt, 
einzugejtehen, daß ich gehorcht habe. Aber du liebe Güte, hab’ einer 
’mal einen Menjchen recht von Herzen lieb, dem ift das Horchen 
wohl zu verzeihen, wenn da hinter Finer Thür gezankt und gepol- 
tert wird, als follt' drinnen gleich einer abgethan werden — — — 
und er bat ihn doc auch eigene abgethan, der Rothkopf.“ — 

Wer?!“ Mir war's, als Habe der Blig vor mir eingefchlagen. 

„Kennen Sie den Menſchen, Fräuleinhen? Den Bruder von 
dem gnädigen Fräulein Braut, mit den Baronsmanieren und den 
grünen Augen, die immer thun, als fähen fie einen nicht, und doch 
alles merken, was rund umher vorgeht?! Mir ift doch gleich der 
Schred in die Glieder gefahren, wie ich den Menſchen jo die Treppe 
jinaufgehen jehe, und im jtillen Hab’ ich gedacht: ‚Was will denn 
er jegt noch bei meinem Herrn Affeffor, nun doch alles aus ift und 
vorbei“ Damals bin ich ihm aber noch nicht nachgegangen, fondern 
sat’ nur an ber Treppe geftanden, und das ‚Herz hat mir geſchlagen, 

5 ich es ordentlich hab’ hören können. Als es oben aber laut 
wurde und immer lauter, da” — 

„Und da, Frau Erwin?“ — 

„Da hab’ ich gehorcht, „gefuleinden! Den Aſſeſſor ab? ich 
auerſi gehört. Er hat dem andern Vorwürfe gemacht, daß ihn 

immer wieber in fein Haus gegogen und ihm von der Gerta 
Ber Liebe folange erzählt habe, bis er fie zur Braut genommen. 
er ber Rothkopf achtete darauf gar nicht, fondern ſchrie ganz aut 
heftig: ‚Und magſt Du Dich drehen und wenden, wie Du willft, 
ehrlofer Schurke bleibft Du doch! Läßt Dich jahrelang durch⸗ 
‚ern, um am Ende, wenn Du e3 nicht mehr nöthig haft! — — — 
» dann gab’3 ein Gepolter, ala ob ein Stuhl umgeworfen würde, 
3er Galon 1889. Heft I. Band 1. 2 


322 Taube Hlüten. 


— und ich hört’ meinen Herrn Affeffor deutlich ftöhnen; aber ver- 
ftanden Hab’ ic) fein Wort mehr von dem, was da drinnen noch 
weiter verhandelt wurde. Nur ein Klirren und Klappern hört' ich 
noch, al3 ob mit Würfeln gerollt würde, aber — Herrgott! e3 wär” 
doch wie Wahnfinn geweſen, wenn die beiden gefpielt haben follten 
a Seren ® Mi Ing das He 

„Frau Erwin, um Gottes willen!“ mic ſchi 8 Herz zum 
PR — ich ftand vor des Räthſels Löjung. 

„Dann wurde die Thür aufgeriffen?, fuhr die Frau fort, „und 
der Rothkopf fam heraus, ganz falt und zu, als fei drinnen gar 
nicht? paffirt. Ich hatte mich Hinter den Treppenpfofter gebrüdt, 
und er dacht' wohl nicht, daß einer ihm in das hämiſche Geficht 
jehen könnte. Beim Hinunterfteigen hat er ganz laut gerfffen — 
Gott verzeih' ihm die Sünde, es klang wie: ‚Ach, du Lieber Auguftin‘ — 
Und als ic) mich eben von meinem Schreden erholt hatte, ſchob mein 
Affeffor drinnen den Riegel vor, und ich hab’ ihn den ganzen Tag 
nicht mehr zu Geficht befommen. Und als er am Abend fort war 
und ich Hinaufging, um fein Zimmer in Ordmung zu bringen, da 
fand ich auch richtig noch die Würfel auf dem ee liegen und 
tröftete mich damit, daß dem Anfchein nad) doc der Streit un 
fo groß gewejen fein fonnte. Aber das Bett hab’ ich vergeblich auf- 
gemacht, denn erft am grauen Morgen ift mein Herr Mlefior nad 
Haufe gefommen. Gott erbarme fich, wie ſah er aus, — und wenn 
ich hundert Jahre alt würde, den Anblick vergeffe ich nie! Die 
Kleider mit Schmutz befprigt bis obenhin, es hatte die ganze Nacht 
geregnet, den Hut verdrüdt und das Geficht blaß wie eine Leiche. 
Und feine hübſchen, freundlichen Augen, — Fräuleinchen, die ſahen 
aus, als hätte einer eine Hand voll Aſche hineingeworfen. Er wünfchte 
mir Guten Morgen, als er mich unten im Hr traf und bat fich 
eine Taffe Kaffee aus, da er einen ordentlichen Nachtfpaziergang ge= 
macht habe. Du Lieber Himmel — Nachtſpaziergang! Als ob einer 
aus purem Vergnügen in Macht und Wetter auf Sen Feldern umber- 
rennen würde! Nun, feinen Saffee hab’ ich ihm gemacht, und als 
ich ihm das Getränk Bradte, jaß er am Tiſch und Arieh und wollte 
fi) partout nicht ftören lafjen. Den Brief hat er nachher auch noch 
jelbjt fortgetragen. Und dann, Fräuleinchen, hat er fich eingefchloffen, 
ſo daß ich dachte, er fchliefe fic gründlich aus, und Hab’ ihn nicht. 
mehr gefehen, bis — — big — —" 

Die gutherzige Frau übermannte die Rührung. Cie trodnete 
fi die Augen und ihre Lippen flüfterten den frommen Wunſch: 
Gott ſei feiner Seele gnädig!" — 

Nun hatte ich die gefuchte Löſung gefunden. Und dort auy 
dem Edtifche Stand der verhängnißvolle Ankrfebeder. Ich hab’ ihn 
Frau Erwin abgelauft und fpäter in das Meer geworfen, das mit 
feinen Wogen alle Sünde bededt und alle Schande. Es ſollte nie— 
mand mehr im Spiel die Würfel vollen Taffen, die todbringend über 
meines Freundes blühendes Leben entjchieben. 





Tanbe Blüten. 323 


Alfo war e3 doch Hermann Schröder gewefen, ber zerftörend 
in Friedrichs Dafein gegriffen, und nicht umfonft hatte ein guter 
Genius mir jene —8 einſt auf die Lippen gelegt. 

Und im Geiſte durchlebte ich mit Friedrich) noch einmal all’ die 
ſchweren Kämpfe der legten Zeit. Ich jah ihn ringen mit fich felbft 
in_ftrenger Ehrenhaftigkeit und endlich dennoch den großen Entichluß 
faffen, um jeden Preis frei zu werben und, nicht länger von un- 
würdigen Ketten herabgezogen, als freier Mann ſich zu des Lebens 
höheren Zielen emporzuringen. Ich fah ihn die Ehrenſchuld unter- 
zeichnen, um dann, von dem alten, freudigen Kr a befeelt, die 

me, troſtloſe, dornige Bahn der Entbehrung q reiten, an 

en äußerſtem Biele ihm wohl gleich einer Iodenden fata Morgana 
das alte verjunfene Paradies von Liebe und Glück zuwinken mochte, 
— und ich hörte dazwiſchen das heimtüdifche Lachen feines Böjen 
Dämons, und vor mir tauchte Hermann Schröders rothblonder Kopf 

or, und feine ſchmalen Lippen öffneten fih, um faut und hohn- 
voll zu rufen, damit alle Welt es vernehmen follte: 

„Und ein ehrlofer Schuft bleibft Du doch“ — — — — — 

Nein, ein Heros war mein unglüdlicher Freund nicht geweſen, 
nur ein Menſch, aber ein Menſch von jeltener Gemüthätiefe, und als 
folcher frug er au) die Konfequenzen jeiner Handlungsweiſe. 

Nun blieb mir nod ein Gang. 

Und Tachender Sonnenfchein ing über den Gräberreihen und 
flimmerte auf den Goldbuchſtaben Kreuze und Gedenktafeln. 
Schwül ftieg der Mofenduft aus diefem Todtengarten empor und 
das Raujchen der Cypreſſen Hang mir im Ohre wieder; aber nicht 
todesbang und Magend, ſondern ſehnſüchtig und liebeſelig: 

Noch iſt die blühende, gofbene Zeit, 
Noch find die Tage ber Rofen! — — — 


Nicht zwiſchen ben Ruheſtätten der Tobten wanbelte ih. Im 
Garten von Lichtfelde war's, und die Sommerfonne ftrahlte durch 
die hohen Parkbäume und wob einen Glorienſchein um Ediths 
jugendfhönes Haupt. Sie ftand an die Buchenhede gelehnt und 
ihre Lippen fangen leife das alte Lied. 

Da rührte der Wind die Hede an und Edith wandte fi — 
nein, nicht das junge, holde Antlig war's, das Friedrich, einst fo ſüß 
geläcelt. Ein paar große, traurige Augen blidten mir überrafcht 
aus einem frühverblühten Gejicht entgegen. Und dann that Edith 
einen Schritt vorwärts, und der Schleier zerriß — — — — 

„Ebith!“ 

Sie trete mir die Hand zum Gruße entgegen. 

„Er rief mich“, jagte fie trübe lächelnd, „und ich Habe ihm die 

ofen wiedergebracht, mit denen er mid) einft gejhmüdt. Sieh’ fein 

bermächtniß· — und fie zog einen Brief aus dem Buſen. Eine 

ode lag darin von Friedrichs Haar, aber nur eine Zeile enthielt 

8 Papier: „Meiner einzigen Liebe mein legter Gedanfe!" — — 
298 





Er Sande Blüten. 


. Das einfame Grab des Selbſtmörders war mit blühenden Rofen 

5 überbedt, deren Duft uns füß und betäubend umfing. Aber Die 

zu Cypreſſen raufchten kein Lied mehr vom Luft und Lebensfreude. 
Zeife und klagend Hang ihr Gejang an mein Ohr, jo wie Edith 
einft in Lichtfelde gefunden: „Und ber Menjch, wenn er fort ift, ber 
Tehrt nimmermehr — ber kehrt nimmermehr!! — — — — 





Meſſalina. 


ch ſtrebt' nach Dir! In Deiner Liebe glaubt! 
Ich jene heil’ge Flamme zu erfennen, 

Die dem Olymp der Promethide raubt, 

Die heilet, reinigt, ohne zu verbrennen. 





Mit meiner Seele weiht' ich den Altar, 

An dem ih gläubig biente ihrer Hehre, 

Mein 18 bot ich ihr big dar, 
af meine Hoffnung, meine Ehre. 


€3 hat mir Deiner Flamme ut aut gelobt; 

Sie zehrte gierig reinen inne 

Und Löfchte aus; nur Af “ ich fo tobt — 
Erinn’rungsqual vom Gößendienft der Sinne. 


Dahin! Was heil'ge Flamme mir gebäucht, 

Di der Verklärung a ber Sun umgaufelt, 
— Ein Irrwiſch war's, aus Moderduft erzengt, 
Der tückiſch auf verfall’nem Grab fich fchaufelt. 


Hermann Hirfhfeld. 


RR 


Ueber Fremdwörter. 
Bon Dr. Karl Panfi. 


„Seit älteſter Zeit hat bier es getönt, und 
fo oft im ermeuenden Umſchwun 
In verjüngter Geftalt aufftrebte bie Welt, 
Hang aud) ein germanifches Lieb nad.“ 
fang einft Platen und wollte fagen, daß auf Deutſch- 
lands Boden jeder ftantliche Aufſchwung auch einen 
Aufſchwung der Dichtkunſt nach fich gezogen habe. Er 
hat echt, aber auch noch eine andere Foige Hat jedes— 
mal der ftaatliche Aufjchwung, jei es, daß er !öon vollzogen war, ſei 
es, daß er fich vorbereitete, gehabt, ſofern die Stärkung des deutſchen 
Volksgefühls fi auch in einem Kampfe gegen die Fremdwörter 
äußerte. So war's, als Deutfchland unter und nad) dem ſchrecklichen 
Elend des dreikigjährigen Krieges ſich auf fich felbit zu beſimien 
anfing — da fümpften der „Palmenorden*, die „Deutjchgefinnte Ge= 
noffenjchaft“ und die „Pegnitichäfer“ für Die Reinheit der beutjchen 
Sprade; fo war's zur Zeit der Befreiungskriege, als der alte TZurn- 
vater Jahn die Fahne der Sprachreinheit hochhielt; fo ift es jegt 
nach der Neugründung des Reiche, wo nicht bloß Seine Ausgezeichnets 
heit, der Unterzuftandsgeheimniffer für Stellmagen- und Fernfchreib- 
weſen Lehrer von Kranz, der auf Deutſch Se. Ercellenz, der Unter 
ftaatzjekretär für Poft- und Telegraphenwefen Dr. von Stephan . 
heißt, für die Reinlichfeit das Seine thut, ſondern wo auch kürzkich 
ein eigener Verein mit hochachtbaren Namen an der Spige fich aufs 
‚ar hat, um und zu einer reinen deutſchen Sprache zu verhelfen. 
Vorſchrift — faft hätte ich das Fremdwort Rezept gebraucht — 
Bewerfftelligung dieſer Reinigung flingt auch einfach genug: 
erft alle entbehrlichen Fremdwörter hinaus und fegt beuff 
rter an ihre Stelle!“ aber in der Ausführung hat die Sache doch 
ſehr erheblichen Schwierigfeiten. Diefe liegen in der jchwanfenden 
r fließenden Beftimmung der Begriffe „Fremdwort“ und „entbehr- 
*. ber Begriff des „Hinauswerfens“ ift weniger ſchwierig 





326 Ueber Fremdwörter. 


Wir eben den Sag: „Die Tinte, mit der ich diefen Brief ger 
fchrieben, iſt mir von dem Berfäufer angepriefen worden.“ Das ift 
Doch ein ſchönes reines Deutjch, und doch find nicht Imeniger als fünf 
Wörter fremden Urſprunges darin: „Tinte, Brief, ſchreiben, Taufen, 
preijen“, kommen allefammt aus dem Lateinifchen, Die echt deutfchen 
Ausdrüde dafür heißen: „Schwärze (für Brief fehlt ein 1 jeher völlig), 
rigen, erhandeln, loben.” Wie nun, foll ic alle jene Wörter hHinaus- 
werfen und bie letgenannten an ihre Stelle jegen? „Mit nichten“, 
wird man mir entgegnen, „Die finl & längft eingebürgert und fo 
gut wie deutjch“, Die Antwort ift durchaus zutreffend und völli— 
Tihtig, aber es ift doch ein Aber babei. Denn es erhebt fid, foglei 
die Frage: wenn bie eingebürgert find, können das denn andere nicht 
auch, die es jegt noch nicht find? Das ift denn doch nur em 
zeitlicher Unterfdieb, fofern die eingebürgerten nur eine längere 
Beit im Munde unferes Volkes Aumgelaufen find, als die nichtein- 
gebürgerten, und eben dadurch die Möglichkeit gehabt haben, fich in 

aut und Form (pfui, ſchon wieder ein Fremdivort!) unjerer Sprache 
anzubequemen. Es ift wahr, dieſes Anbequemen geht jegt langſamer 
von ftatten als früher, wo man die Sprache nur ſprach, während 
man fie jet reichlich ebenfoviel ſchreibt (und drudt), und die Schrift 
übt auf alle Sprachformen, alfo auch die fremden, einen erhaltenden 
Einfluß aus, aber daß trogbem auch die jegt noch nicht eingebürger- 
ten Fremdwörter zu irgend einer Zeit einmal eingebürgert Fin wer- 
den, ift nicht zu bezweifeln, zumal ihnen eben dies Einbürgern durch 
die neue Rechiſchreibung in etwas erleichtert ift, denn ein „Konzert“ 
hat entſchieden ein deutſcheres Ausſehen, als ein „Concert“. 

Woher will man nun das Recht nehmen, diejen Einbürgerungs- 
vorgang, ber doch ein gefchichtlich gewordener ift, zu unterbrechen, 
und wo will man bie Grenze ziehen zwiſchen eingebürgerten und 
nicht eingebürgerten Fremdwörtern? Bon legterem zuerjt. 

Man könnte gemeigt fein, in Gemäßheit des oben Erörterten 
die Grenze zwijchen eingebürgerten und nicht eingebürgerten Fremd⸗ 
wörtern zeitlich ziehen zu wollen. Die Fremdwörter find zu fi 
verfchiebenen Zeiten in unfere Sprache gelangt und lagern darin in 
beftimmten, zeitlich verfchiedenen Schichten. Nun könnte man fagen 
wollen, bie älteren Schichten find eingebürgert, bie jüngeren nicht. 
Aber das entfpricht den Thatfachen nicht. Die Fremdwörter „Meter“ 
und „Liter“ z. B. gehören der allerjüngften Schicht an und doch find 
fie zweifello® eingebürgert: jeder Bauernburfche, jedes alte Weiblein 
fennt und braucht fie und verſchmäht um ihretwillen die Beutfihen 
Ausdrüde „Stab* und „Kanne“, die das Geſetz neben den fremi 
als zuläffig Hingejtellt hatte. Im dem Alter der einzelnen Fremd 
wörter kann aljo der betegte Unterjchied nicht Liegen. 

Aber vielleicht in ihrer Form? „Meter“ und „Liter“ Klingen 
fo hübſch deutſch, daß man ihnen den fremden Geburtsfchein mich: 
mehr anmerkt. Die Wörter „Pofaune” und „Trompete“ find dod 
gewiß eingebürgert, denn auch fie verftcht jeder Bauernburſche um 


Ueber Sremdwörter. 327 


jedes alte Weiblein, und doc ift ihr Klang und ihre Form fo gar 
nicht deutſch, ſchon die Betonung allein fennzeichnet fie ala Fremd» 
linge. Form und ang fann aljo den Unterjchied. aud) nicht be— 
jründen. Aber Halt! jet haben wir's doch wohl! Bei ben vor- 
Regenden Beifpielen ift immer das als eingebürgert angefehen wor- 
den, was jeder Bauernburſche und jebes alte Weiblein verfteht. 
Darin alfo wird's liegen! — Vielleicht. — Wenn jämmtliche Be— 
wohner Deutjchlandz ein Fremdwort fennen und verftehen, dann ift 
es ficher eingebürgert, das läßt fich wohl nicht anfehten Wenn 
aber nicht fämmtliche, wie liegt die Sache dann? Etwa die Mehr- 
zahl? Ja, wer foll denn das beftimmen? Dean ann doch nicht 
über jebes Fremdwort eine bejondere Volkszählung abhalten, um 
feitzuftellen, wie viele es fennen und verftehen. ienn Das aber 
nicht geht, fo find wir bei dem einzelnen Fall auf eine Schägung 
angewiejen. Das aber ift ein ledig jubjeftiver — man verzeihe mir 
das Fremdwort, aber ich weiß feinen deutfchen Ausdrad dafür — 
Mafitab, für den feine Gewähr der Richtigkeit gegeben iſt. Im einer 
großen Anzahl von Fällen wird ja allerdings die Schägung von 
allen Seiten unbeftritten fein, aber es giebt doch auch eine ganze 
Anzahl derjelben, über welche die Anfichten auseinander gehen 
werben unb über die man daher eine ſichere Entſcheidung nicht wird 
fällen können. 

Wir fehen aljo, daß, wie man die Sache auch drehen und wen 
den mag, ein ficheres Kennzeichen, ob ein Fremdwort eingebürgert 
fei ober nicht, ſich nicht findet. Es werben immer eine Anzahl Zälle 
übrig bleiben, bei denen man ſchwanken wird, ob die Einbürgerung 
ftattgefunden habe ober nicht. 

Wenn dem aber jo ift, dann tritt fofort die weitere, ſchon oben 
berührte Frage an uns heran, kraft welches Rechtes man die bei 
jedem Wort begonnene und bei manchen ſchon recht vorgerüdte Ein- 
bürgerung glaubt unterbredjien zu dürfen. 

Dan wird vielleicht jagen: „Weil wir eine reine deutſche Sprache 
ben wollen.“ Als ob e8 irgendwo in der Welt eine in diefem 
inne reine Sprache gäbe! Die giebt es fo wenig, wie es reine 

und ungemijchte Volker giebt. Im bunten Getriebe des Lebens 
wandern nicht bloß Perfonen von Ort zu Drt und laffen fs unter 
ftammfremben Leuten nieder, ſondern es finden auch gewerbliche Er⸗ 
eugniffe, Erfindungen u. ſ. w. des einen Volkes Eingang und Ber- 
Vrertung bei den andern, und in beiden Fällen dringt gar leicht ein 
gembmon ein, insbefondere behält zumeift eine fremde eingeführte 
sache auch ihren fremden Namen. Daher wimmeln denn aud) Spra- 
hen, von denen man es gewöhnlich gar nicht annimmt ober vers 
muthet, von ‘Fremdwörtern. Einige Beifpiele mögen das zeigen. 

Als Ulfilas zum erjten Male die Bibel in deutſche Zunge 
übertrug, da war doch ficherlich der Vorwurf der Frembländerei, wie 
man ihn uns fo oft macht, gegen die Gothen nicht zu erheben, und 
dennoch ftrogt feine Bibelüberjegung von Fremdwörtern, Nicht bloß, 


328 Heber Eremdwörter, 


daß er für die religiöfen und firchlichen Begriffe, wie apaustaulus 
.Apoſtel“, aivaggeljo „Evangelium“, sabbato „Sabbath“, aggilus 
„Engel“, die fremden Ausdrüde beibehielt, nein, auch ſonſt ftedt das 
Gothiſche voller Fremdwörter ‘aus aller Herren Länder. So find 
3. B. läteiniſch aurali „Schweißtuch“ (= lat. orale), aurkeis „Krug“ 
urceus), ſlaviſch ift plinsjan „tanzen“, galliſch find reiks 
„Si eisarnı „Eifen“ und mande andere. Da es fich hier um 
Ausdrüde des gewöhnlichen Lebens handelt, jo ift mit Sicherheit 
anzunehmen, daß nicht etwa Uffilas dieſelben in die gothifche Sprache 
einführte, ſondern daß fie bereit? vor ihm im Munde des Volkes 
gang und gäbe waren. 

Auch, das Franzöfifche ift von Fremdwörtern in einer geradezu 
erfchredenden Weiſe aurehfeht, nur daß die Sache hier minder auf- 
fällig ift, weil die Fremdwörter zumeijt berjelben Quelle entfloffen 
find, wie die echt franzöfifchen Wörter, nämlich dem Lateinijchen. 
Der Unterſchied ift der: echt franzöfifch find diejenigen Wörter, 
welde von den Römerzeiten her bei den Galliern und ihren Nach— 
fommen in ununterbrocdenem Gebrauche geblieben find, lateiniſche 
Fremdwörter find diejenigen, welche erft zu einer fpäteren Zeit, viel- 
ah durch Gelehrte, in die franzöfiiche Sprache wieder eingeführt 
find. Beide Arten von Wörtern find für den Sprachforjcher jehr 
leicht an ihrer verjchiedenen lautlichen Geftalt zu unterjcheiden. So 
ift 3. B. nation ein Fremdwort, echt — müßte es naison 
heißen, wie es raison, déclinaison, conjugaison heißt. So iſt chose 
echt franzöfifch, cause ein Fremdwort, beide vom lateinifchen causa 
herkommend; cbenfo ijt naif echt franzöfijch, natif ein Fremdwort, 
beide auf lateiniſch nativus zurüdgehend. 

Diefe Beilpiele genügen wohl, um zu zeigen, daß nicht bloß 
unſer jegiges Deutſch, ſondern alle andern Sprachen auch voller 
Fremdwörter fteden. Das Fremdwort ift der Niederichlag des Ver- 
kehrs von Volt zu Volk, und eine Sprache ohne Fremdwörter ift 
überhaupt nur denkbar bei einem Wolfe, welches fernab vom Welt- 
verfchr irgendwo im Ozean auf einer entlegenen Infel wohnt. Aber 
jobald das erfte europuͤiſche Schiff zu diem fommt und ihm bie 
Belanntjchaft mit dem „Feuerwaljer“ oder dem Schießgewehr ver- 
mittelt, dringt das Fremdwort auch in dieſe Meereseinjamkeit. Mit 
der fremden Sache ftellt auch das fremde Wort ſich ein. 

Von diefer Seite aus betrachtet, find die Fremdmwörter nicht bloß 
ein geſchichtlich gewordener, fondern auch ein geſchichtlich höchſt in- 
tereffante, ja jelbft wichtiger Theil der hraden. Es ſpiegelt fich 
in ihren verſchiedenen Schichten der Entwickelungsgang der ganzen 
Suftungefshichte eines Volkes wieder, und fie find gleichfam die Wahr- 
und Merkzeichen in ber Sprache, an denen man dieſen Gang ver- 
folgen kann. Sie austilgen, heißt einfach, an Stelle eines natürlic, 
gewachjenen Waldes eine Baumſchule jegen, und die Veitrebunge 
in diefem Sinne find etwa den Beftrebungen derer zu vergleichen, 
die unjere gefchichtlich getvordene Rechtſchreibung durch eine „Fonetijche 








Ueber Sremdwörter. 329 


Ortografi“ erjegen wollten. Auch jene Tempelſchändungen find 
ähnlich, die in manchen Städten aus den herrlichen alten Straßen 
mit ihren Beifchlägen, Erfern und dergleichen geradlinige Fahrıvege 
ſchufen, an beiden Seiten eingerahmt von elenden Miethafajernen. 
Der Mangel an gefchichtlichem Sinn ift e8, der in allen dieſen 
Dingen ſich zu erfennen giebt. 

Aber nicht bloß. die Entſcheidung iſt ſchwer zu treffen und 
ſchwankend, wie wir foeben gefehen, ob ein Fremdwort eingebürgert 
jet ober nicht, fondern auch der Begriff „Sremdivort“ ſelbſt wird 
gewöhnlich ganz einfeitig gefaßt und infolgedeſſen manches gar nicht 
ol Se wort angefehen, was doch im richtigen Sinne durchaus ein 
olches ift. 

Die Sache, die ich im Auge ‘habe, ift die folgende. Bekanntlich 
hat jedes Wort zwei Seiten, eine innere und eine Äußere, feine Be— 
deutung und feine Form. Die Iandläufige Veftimmung der Fremd- 
wörter geht num ganz einfeitig mur von der äußeren Geite aus, 
indem es ein Fremdwort nur das nennt, was der Form nad) aus 
der Fremde ftammt. Aber die innere Seite des Wortes ift nicht minder 
maßgebend, ja vielleicht noch wichtiger, weil in ihr die abweichende 
Anjchauung des fremden Volkes ſich darftellt, die fremde Volksſeele, 
wenn ich jo jagen foll. Wenn man dies erwägt, fo findet man leicht, 
daß es drei verfchiebene Arten von Fremdwoͤrtern giebt, folche, in 
denen Inhalt und Form, folche, in denen nur die Form, und folche, 
in denen nur die Anfchauung aus der Fremde herüber genommen ift. 

Wenn ber Sranzoje le heimweh oder heimve fagt, fo braucht 
er ein Fremdwort der erſten Art, denn Begriff und Form des Wortes 
ift ihm beides gleich fremd. Bemüht er fa, es zu überfegen, etwa 
durch le mal du pays oder le desir de la patrie, fo hört er zmar 
heimifche Laute, aber ein Fremdwort braucht er doch, denn der Be— 
wiff, Die in dem Worte liegende Anfchauung ift ihm cine fremde. 

on Fremdwörtern diefer Art, die man indeß gewöhnlich gar nicht 
als Fremdwörter rechnet, find aber die Sprachen nicht minder an- 
gefüllt, als von denen ber bloßen Form. So ift in dieſem Sinne, 
um nod ein weiteres Beiſpiel anzuführen, franzöfifches la contree 
ein Fremdwort, denn ed verdankt feinen Urjprung dem deutjchen 
„Gegend“, nach, deſſen Mufter man fic) von contre „gegen“ das neue 
Wort contree bildete. 

Fremdwörter diefer Art haben wir auch im Deutfchen genug, 
aber es wird bis jet Die Ningabe darüber vermißt, wie ſich der neue 
Seutjchgefinnte Verein gegen diejelben verhalten will. Will er auch 

fe verbannen, jo wird er fürwahr ein hart Stück Arbeit haben. 
IN er, was ich für wahrjcheinlicher halte, es nicht, jo erhebt fich 
fig die ge e, weßhalb er jo einjeitig nur gegen die Wörter vor- 
en wolle, die ein fremdes Gewand tragen, nicht aber gegen die, 
‚che ihrem innerſten Wefen nad Sremblinge find. Das ift ein 
„fahren, welches boch lebhaft an den alten Spruch erinnert: „Die, 
inen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen.“ 


330 Heber Sremdwörter. 


Das Vorftehende wird zur Genüge dargethan haben, daß in der 
That der Begriff „Sremdwort” ein ſchwaniender und fließender ift. 
Nicht befjer aber fteht es mit dem Begriffe „entbehrlich“. Hier fehlt 
die Beſtimmung, wem entbehrlid. Das macht ſchon bei Gegenftänden 
des gewöhnlichen Lebens einen bebeutenden Unterfchied, wen man im 
Ange bat bei der Frage, ob etwas entbehrlich fei. Dem Dandy find 
Zaditiefel und Monocle unentbehrlich, mir perjönlic find fie jehr ent- 
behrlich. Eine Weduhr hingegen ift mir unentbehrlich, aber dem Dandy 
Kir entbehrlich. Noch mehr aber tritt diefes Wem? hervor bei Dingen, 
ie das geiſtige Qeben betreffen. Ein lateiniſches Wörterbuch und Leffings 
ämmtliche Werke find mir nicht entbehrlich, aber einem Bauernburjchen 
jehr. Und eben jo ſteht's auch mit den Fremdwörtern. Ich kann die 
vembwörter „jubjeltiv“ und „objektiv“, für bie ich feinen beutfi 
usdrud weiß, nicht entbehren, dem Kaufmann werden fie entbehrlich 
fein. „Kredit“ und „Ched“ Hingegen, die mir ſehr entbehrlich find, 
werben biefem unentbehrlich fein. Dem Bauernburfchen aber werben 
fie alle entbehrlich fein. 

„Nun gut“, werden die Fremdwörterftürmer fagen, „jo wollen 
wir das Hinausthun, was allen entbehrlich ift“ Das ift jehr ſchön 
jo weit, aber ich habe doch auch hier meine Bedenken. Sind wir 

nn überhaupt in der Lage, feftzuftellen, ob ein Fremdwort allen 
entbehrlich ift?_ Das ginge doch in aller Schärfe wieder nur durch 
eine Bolfabftimmung in jedem einzelnen Fall. Da das aber eben 
nicht angeht, jo find wir wieder, wie bereils oben in einem anderen 
Falle, auf Vermuthung und Schägung angewiefen. Das ift aber 
wieder nur etwas Subjektives, welches in jedem einzelnen Falle auch 
der abweichenden und entgegenftehenden fit Raum läßt. Damit 
aber ift ber Deariff „entbehrlich“ ſchwankend und fließend geworden. 

„Aber es giebt doch aud) ein objeftives Kennzeichen“, würden 
bie Beutfäthänier erwidern, „ob ein Fremdwort entbehrlich fei ober 
nicht“. „Übjektives Kennzeichen“, das ift ſchweres Geſchützi Alſo 
demaskirt eure Batterie (pfur, pfui, „Demaskiren“ und „Batterie“!) 
ihr en. „Bremdwörter find dann entbehrlich, wenn es einen 
deutſchen Ausdrud für den betreffenden Begriff giebt.“ Vortrefflich, 
aber —. „Schon wieder ein Aber!?“ Ja, es thut mir leid, aber 
ich lann's nicht ändern. 

Giebt «3 denn überhaupt in je zwei Sprachen Ausdrücke, Die 
1 in ihrer Bedeutung völlig entfprechen? Das franzöfifche aimer und 
as beutjche „lieben“ deden fich in ihrer Anwendung zwar vielfach, 
aber durchaus nicht immer. Die Summe der möglichen Anwendungen 
eines Wortes macht aber eben feine Bedeutung aus. Iſt ein folches 
Nichtſichdecken aber ſchon bei fo alltäglichen Wörtern, wie den ge- 
nannten, der Fall, jo wird das um jo mehr fein bei Ausdrüden aus 
dem Gebiete des höheren geiftigen Lebens. Hier ift die Zahl ber 
Fälle eine recht große, in denen wir einen deutjchen Ausdrud haben, 
der dem fremden anjcheinend entipricht und ber in einer Reihe von 
Anwendungen ihm auch wirklich entjpricht, der aber dann in einem 


Ueber Scemdwörter. 331 


befonberen gegebenen Fall plötzlich verfagt und ſich mit dem fremden 
nicht mehr _dedt, fo dag man nad) einem anderen deutfchen Ausdruck 
ſuchen muß und zu dem ſchließlichen Ergebniß gelangt, daß man 
für das eine Fremdwort zwei oder auch noch mehr verfchiedene 
Bee Musbräde nöthig hat, um demſelben in allen Verbindungen 
gerecht zu werben. 

Das wäre nun freilich an fich nicht fchlimm, aber nicht Selten 
wird doch aud der Fall eintreten, daß Ne) war für die Mehrzahl 
der Fälle ein beutfcher Ausbrud einfegen —* der aber dann plötz⸗ 
lich in einem Falle nicht paßt, ohne daß ein zweiter deutfcher Aus- 
drud fi) finden will, jo daß man alfo dann doch das Fremdwort 
beibehalten muß und ed fomit nur für einen Theil der Fälle „ent 
behrlich“ ift. Dann läßt ſich aber doch billig fragen, warım man 
es denn nicht lieber überhaupt weitergebrauchen jolle. 

Wie man fieht, ift es alfo doch auch mit dieſem objektiven 
Be für die Entbehrlichfeit der Fremdwörter recht mangel« 

t beitellt. 

Eines aber hat mich bei dem obigen Sage recht angenehm und 
wohlthuend berührt, Dankbar anzuerkennen ift es, daß bie neuen 
Begnigfchäfer nur diejenigen Fremdwörter für „entbehrlich“ halten 
wollten; bie allen entbehrlich, find, daß fie alſo die jogenannten 
Kunftausbrüde, die termini techniei der einzelnen Willenfchaften 
oder Kreife des gewerblichen Lebens, ſchonen wollen, wenn nur — 
ich komme hier einmal der Abwechslung halber mit einem Wenn 
ftatt einem Aber — es ihnen hiermit auch wirklich Ernft ift. Aber 
es liegen allerhand bedenkliche Angeien vor, die in Bezug auf diefen 
Punkt etwas mißtrauiſch machen. Daß man vonfeiten der Reichs— 
poftverwaltung bie ſiameſiſchen Zwillinge Telegraph und Telephon 
don einander gejchnitten und aus legterem einen Fernſprecher ges 
macht hat, ift h jon recht bedenklich, noch bedenklicher aber, daß kürz- 
lich auf einer immermann-Verfammlung, die fi bedauerlicher 
Weiſe Architelten-Verfammlung nannte, alles Ernſtes geforbert ift, 
& follten bi] die Fremdwörter in ber Baukunſt, jo wie auch in 
der Grammatik durch deutjche Ausdrücke erjegt werden. 

So iſt's recht, Ihr Herren! Führt das nur einmal folgerichtig 
einige Jahre Bund) und Ihr werbet fehon jehen, was für Folgen das 
hat. Wenn Ihr Euch freiwillig auf den Iſolirſchemel jegt, jo werdet 
Ihr auch bald genug ifolirt Gin. Die internationale Wiffenfchaft 
wird über Eure Werke, beren Verſtändniß Ihr ohne Noth jo 
erſchwert, bald genug zur Tagesordnung übergehen und Euch ber 
ſelbſtgewollten oticthet überlaffen. 

Ind nun gar erit der zweite Vorſchlag! Die Schule wird recht 
dankbar fein, daß Ihr gerade jet, wo das Gejchrei über Ueberbür- 
dung aus allen Winkeln erſchallt, den Schülern eine Doppelte Garni— 
tur grammatifcher Ausbrüde, deren Zahl doch feine kleine ift, aufs 
bürden wollt. Zu entbehren find felbjtverftändfich die fremden Aus— 
drüde nicht, denn der Unterricht im Lateinifchen verlangt fie, mit 


DZ FE Ze 
Ueber Sremdwörter. 

were engen ʒvendigleit, und ebenfo auch der im 
und Englischen, denn Franzoſen und Engländer find 
Völker, ala daß fie einer Etoben Schrulle zuliebe aı 
nationalen Ausdrüde ‘Verzicht leiten ſollten. Nur un 
Schulen will man daneben noch „vaterländijche” 
aufpaden. 

Aber dabei ift man noch nicht ftehen geblieben. 
man auch die mediziniſchen Kunftausdrüde verbann 
Miene gemacht. Es muß recht hübſche Beortbilbungen 
man 3. den museulus sternocleidomastoideus auf deu 
will. Und recht nüglih wird's ja aus fein, wenn die 
Ausdrüde deutjch find, denn die Zahl derjenigen Leute 
Ausdrüde überhaupt gebrauchen, wie groß hi fie den 
den eigentlichen Fachleuten! 

ur zu auf diejem Wege, Ihr en, dann wird 
Lächerlichkeit fi bald genug von ſelbſt an Eure T 
Nur muthig fo weiter! 

Doch man mißverftehe mich nit! Ich bin n 
Gegner, wenigſtens fein grundjäglicher, diefer Sprac 
wegung. Das, worauf es mir bei diefen Erörterunge 
nur zweierlei, einmal, zu zeigen, Daß Die ganze Frage 
leicht und einfach ift, wie der gewöhnliche — Wald 
Sprachphiliſter jie ſich vorſtellt, und zweitens zu war 
doch ja fein vorſichtig und beſonnen vorgehe, damit ma 
das ind mit dem Bade ausfhütte und fich ſelbſt ü 
lich mache. 


— 


Der Yuchs. 


Nach dem Franzöfiigen von 8. Ludwig. 


Der Baumgarten meines Pathen zeigte mir noch ganz das alte 
Geficht; in Leier- und Fächerform gezogene Birnbäume Handen in 
einer Reihe längs der Einfafjungen da, und an ben Eden der Ge- 
müfebeete zeigten ſich die hübſchen Apfelbäume in Form von Cham- 
pagnergläfern ‚ober gefälligen Vaſen. Die Folter und Mißhandlung 

Bäume triumphtrte hier bei jedem Schritte. 

Auch mein Pathe hatte fie, nicht verändert. Im der grünen 
Laube figend, las er noch ohne Brille feinen alten Horaz, den ich 
von weiten auf den erjten Blid erkannte. Auch den alten Stroh- 
But der feinen Kopf bebedte, glaubte ich wieder zu erfennen. Die 

ſche feiner blauen Schürze barg eine Baumfcheere und ein Meffer 

um Pfropfen. Als er mich kommen hörte, erhob er ſich Tebhaft; 

jein magered Geficht Härte ſich auf und überzog ſich mit freundlichem 
in. 


„Wie, Du biſt es?“ Bei dieſen Worten umarmte er mich und 
küßte mich auf beide Wangen. „Nun denn“, begann er nad einem 
Weilchen, „was verjchafft mir das Vergnügen Deines Lieben Defuhes? 
Angenehm in der t, nur etwas zu felten, ohne Dir jedoch deß— 
Halb Vorwürfe machen zu wollen.“ 

„Sathe, ich komme, Sie um einen guten Rath zu bitten.“ 

Willſt Du? Und zu welcher Veranlaffung?* 

Zwei Familien, die ich befuche, haben beſchloſſen, mich zu ver 

traten.“ j 

„Den Teufel auch!“ 

„Man Hat mir zwei junge Mädchen vorgeichlagen, die beide 
ei zei und gleich —X find; die eine iſt brünett, die andere 
lond, und... .“ 


„Seit n ben beiden ſchwankt Dein . 
„Gewiß, fo ift && Sol ich die Blonde ober ‘die Brünette 
„heiraten?“ 
„Oder nehme ich weder die Dunkle noch die Helle?“ 
„Was denfen Sie dazu, mein teurer Pathe?” 
„Run, wenn Du durchaus meine Meinung hören willit, jo denke 
) wie Bantagruel, daß es eben jo viele Gründe für als gegen bie 
eirat giebt.“ 
"gi vollen Ernſt, welchen Rath, geben Sie mir?“ 
naenahee mich der liebe Himmel, Dir in dieſer Angelegenheit 
zathen!“ 





Am Kamin. 


„Und warum nicht?“ 

Wieberlege doch, wie viel Kummer es uns bereiten würde, went 
mein Rath fe Mir wäre und Du befolgteft ihn, oder er wäre gut 
und Du befolgteit ihn mich - BP 

„Was wünfchen Sie dann, das ich thue?“ 

Thue jegt gar nichts! .. Warte noch!“ 

Das Leben gleicht einer aus vielen Theilen guiommengefegten 
Uhr, deren Ueberwadhung man dem Uhrmacher überlaffen muß; je 
mehr wir und um ihre Zeiger und Räderchen befümmern, defto mehr 
risliren wir, ihre Bewegung in Unorbnung zu bringen. 

„Sie meinen aljo?“ 

„Die Sachen arrangiren ſich immer ganz von felbit; mifchen 
wir ımfere Hände darein, werben wir fie nur mehr verwirren.“ 

Geſtatten Sie!“ 

„Du kennſt die Gefchichte von Ariftomenes, dem waderen Vers 
theibiger feines Vaterlandes Meffenien.” 

Derſelbe, der in einen Abgrund Hinabgeftürzt wurde?“ 

„Genau derſelbe; cr wurbe von ben barbarifchen Spartanern 
mit einem Theil Kampfgenoffen gefangen genommen und in eine 
tiefe Felſenſchiucht hinabgeworfen. Alle feine Kameraden zerichmet- 
terten I! beim Hinabfallen an den rauhen Felfenwänden die Schädel. 
Nur Ariftomenes fiel lebend auf die Leichname feiner Kampfgenoöſſen; 
er überlebte fie aber nur, um einen längeren Todestanpt auszu⸗ 
halten. Ein Ungeduldiger hätte ſein Leiden abgelegt und an dem 
harten Felſen ſich den Schädel eingerannt. ‚ nicht jo dumm, 
Ta —D PR dem Geruch der 

„Endlich fam ein Fuchs, angezogen von er r Leichen... 
‚Er ift doch nicht vom Himmel herabgefallen, fagte fi —ES 
dieſer Abgrund muß demnach auch einen unbefannten Ausweg daben!“ 
Auf diefe Annahme Hin lauerte er auf den Fuchs, heftete ſich an 
feine Schritte und gelangte hinter ihm durch eine Deffnung ins 
Freie, erſchien wieder in Meffenien und, indem er aufs neue den 
Muth feiner Krieger anfchürte, zwang er die Spartaner, den Krieg von 
vorn anzufangen.“ 

„sa, und Ihre Meinung?“ 

vn... It, daß der Fuchs ſchon kommen wird; es genügt, ihn 
zu erwarten.“ 

„Sie haben gut reden.“ 

Ich ſpreche darüber freilich etwas gelehrt; allein ich habe mich 
ſelbſt u denſe ben Abgrunde befunden, in dem ich Dich ſehe ...* 

„Sie?“ 

„Und der Fuchs ijt gelommen, mich herauszuziehen.“ 

„Ei was! Man follte kaum denken .. .“ Bi 

„Sege Dich, ich will Dir das erzählen, indeß Katharine und 
das Frühſtück zubereitet.“ 

ch ſetzte mich auf die ländliche Bank, die Bienen ſummten um 
die Laube herum, angezogen von dem füßen Duft des Jasmin; in 





. Am Kamin. 335. 


der Hede ließ ein Rothkehlchen feine liebliche Weife ertönen und auf 
— benachbarten Kirſchbaume zankten ſich eine Bande Spatzen 
rum. 

„Sch war damals in Deinem After“, begann mein Pathe, „ebenfo 
erpicht auf die Gefchichte wie Dur auf die Malerei es biſt. Ich 
theilte mein Leben in zwei Hälften: ſechs Monate des Jahres durch- 
ftöberte ich die Bibliotheken von Paris, ſechs Monate hindurch reifte 
ih durch Europa, ftet? auf der Suche nach gejhichtlich genauen 
Thatjachen und Ausſtaffirungen. . 

Es war jene Zeit, wo ich mein Buch über die „Normannen in 
Sicilien“ vorbereitete. Ganz in dieſe Arbeit vertieft, hielt ich alles 
von meinem Leben fern, was nicht irgend eine Beziehung zur Herr⸗ 
Schaft der Normannen Hatte, und bewegte mich fajt nur unter Ge— 
fehrten, welche ftarf im Entziffern alter Urkunden und vergilbter 
Handichriften waren. Wenn id) aber von biefen Abendzirfeln nad) 
Haufe fam und mic) ins Bett legte, fo träumte ich doch nur von 
den Normannen und ihrer Baukunft in Palermo und Meffina. 

Niemals hatte ich daran gebadjt, daß noch etwas an meinem 
Glücke fehlen könnte. Unglücklicherweiſe hatte aber doch jemand für 
mid) daran gehadit An Tage, wo ich meinen Onkel Charles 
und meine Tante Godet benachrichtigt hatte, daß ich bald nad 
Neapel abreifen werde, jchrieben fie mir zu gleicher Zeit, gerade als 
ob fie e8 mit einander abgefartet gehabt hätten: 

Ich hoffe recht ſeht, daß Du nicht an Verfailles vorüberreifen 
wirft, ohne mir einige Tage gu ſchenken.“ 

Ich Hatte beabfichtigt, ihnen 24 Stunden zu wibmen und bil 
dete mir ein, damit völlig genug gethan zu haben, fo jehr hatte ich 
mit der Zeit geizen gelernt, die ich den Normannen entzog; allein 
beim Empfang diejes doppelten Briefes fühlte ich doch, daß diefe 
Knauferei mit der Zeit mich einer doppelten Beſchuldigung von Un— 
Dankbarkeit ausjegen möchte. 

Alles, was ich war und hatte, verbanfte ich meiner Tante 
Godet und meinem Onkel Charles. Allein in der Welt geblieben 
und bemahe ohne alle Hilfsmittel, auch abſolut untanglich zu einem 
einträglichen Geſchäft, würde ich ohne die Unterftügung, die fie mir 

fließen ließen, niemals fo theuere Studien ge fortjegen können, 
ie mir zu jener Zeit auch nicht das Mindefte einbrachten. Gewiß 
hatte ich nicht das Necht, dies zu vergeffen und durch meinen Beſuch 
ihnen zu zeigen. Ich jagte ihnen daher eine volle Woche zu, und bie 
habe ich ihnen denn auch geſchenkt. 

Die eriten Tage verflofjen auf die bejte Art von ber Welt und 
ich hegte nicht das mindeite Mißtrauen. Ich ſpeiſte bei meinem 
Onkel Charles zu Mittag und bei meiner Tante Godet zu Abend; 
fie ſchienen beide nicht gut auf einander zu ſprechen — er fanguis 
nijchen und fie Soletifgen Temperament, liebten fie ſich wenig und 
ſahen fi höchit felten. Ich erzählte ihnen von den Normannen, fie 
hörten mir gern zu und jo ftand die Konverjation nie ftill. 


336 Am Kamin. 


Den Sonntag nun — mein Lebtag werde ich jenen Sonntag 
nie mehr _vergeffen — "Hatte ich bei meinem Onfel, welcher damals 
in dem Haufe wohnte, das ich heute bewohne, zu Mittag geipeift. 
Nachdem die Vesperglode verhallt war, traten wir beide Arm in 
Arm unten im Baumgarten, wo wir jet find, einen Spaziergang 
an, und ich erzählte meinem Onfel eben wieder von den alten Nor- 
mannen umd ihren Bauten, als er auf einmal haftig ftehen blieb 
und x mir fagte: „Apropos; wann willſt Du Did verheiraten?“ 


Diefe von einem verftodten, alten Junggefellen fommende Auf- 
forderung zum Heiraten hatte für mic) etwas fo unerwartetes, daß 
“5 mich nicht enthalten Konnte, in ein lautes Lachen heraus zu 
plagen. J 

„Lachen Sie nicht, Monſieur“, fertigte mich mein Onkel kurz 
ab, „das ift durchaus nicht zum Lachen.“ 

Und er gerieth in der t in einen wahren Eifer, und ohne 
etwas hören zu wollen, hielt er dem Eheftande eine feierliche Ver- 
theibigungsrebe, in der er bie brolligften mit ben ernfteiten den 
mijchte und bald Stellen aus der Bibel und den Kirchenvätern, bald 
aus Nabelais citirte; alles war ihm recht. Ich war außer mir vor 
Erftaunen. 

„Wenn er nur vom gejundheitlichen Standpunkt wäre!” fagte 
er babei. „Giebt es wohl etwas, das Deiner ganzen Lebensweiſe 
nachtheiliger fein fünnte, als dieſe ewige Koft im Speifehaufe? 
Willſt Du denn auch fchlagflüffig und gichtkrank werben wie ich? 
Oder gelb- und gallfüchtig wie die Tante? Ober ziehft Du es etwa 
vor, eine Haushälterin zu nehmen, die Dein Vermögen aufzehrt und 
Dich nur ſchulmeiſtert ? 

„Aber mein lieber Onkel...“ \ 

„Ach, hier giebt es fein „aber mein lieber Onkel!“ .. Ich rede 
in Deinem Intereffe, und wenn Du da8 nicht gutwillig begreifen 
willſt, jo werde ich Dich wohl zwingen, es zu Fegreifen u. N 
werde Dir Deine Leibrente entziehen! .. .“ 

„Meine Rente!“ 

„Dann giebt es feine Unterfuchungen mehr! feine Reifen! feine 
Normannen! Ic bleibe taub und werde kein Wort erwidern.“ 

Nur mit Mühe vermochte ich heraus zu ftottern: „Das werben 
Sie thun?“ 

„Gewiß, Monfieur!“ B 

„Und auf welche Veranlaſſung Hin, mein gebietender Herr? 
Warum?" J 

„Warum? ... Weil ich Dich lieb Habe! Weil ich Dir nicht 
ein fo abgefchmadtes Leben wünſche, wie ich es führe, und damit Du 
nicht einen jo fchlechten Magen befommft, wie ig ion mir mache. 
Weil aud in der Schrift geichrieben fteht: „Der Menſch ſoll nicht 
allein fein!“ Und gewiß hat der, von dem dieſe Worte gejchrieben 
worden find, auch recht gehabt.“ 


Deine, Google 


% 


£ 


Am Kamin. 337 


„Mein lieber Onkel ... .“ 

Ich entziehe Dir Deine Leibrente und damit Baſta!“ 

Es war unmöglich, ihn davon abzubringen. Fir den Augen- 
blick wenigftens war er unbeugſam und ich wohnte nur bem Aus- 
bruch einer feit langem geladenen Mine bei. Ich fand es daher ein- 
facher, den Rückzug anzutreten und verfprah, mir die Sade zu 
überlegen, Fhlenderte hin und her, nad; Ausflüchten fuchend, fand 
aber nur fchlechte. 

Als ich zu meiner Tante Godet fam, um mit ihr zu Abend zu 
fpeifen, mußte fie auch meine Verzweiflung auf meinem Gefichte ge 
Tefen Haben; denn kaum war ich zu ihr eingetreten, fo ftagte % 
mid) fhon: „Sage mir, was ift Dir? ꝛ ö 

Mir? Nichts... Nur der Kopf ift mir ein wenig einge, 
nommen.“ 

„Armer, lieber Sohn!“ rief fie plögfic mit einer mitleibigen 
Stimme aus; „ich errathe Deine Befcäftigungen und erwartete auch, 
Dich Vertrauen von Dir... Du haft gehört, die Rathichläget der 

atur .... .* . 

„Sie wollen jagen? ...“ 
> „Du bift unzufrieden mit Dir! Du fühlt wohl, daß dieſes 
Leben fo nicht mehr länger fortdauern fan. Du begreift endlich, 
daß ber Augenblid gefommen, Dich zu verheiraten.” . 

Ein Angftfeufzer entjchlüpfte mir: „Wie? ... Noch einmal!” 

„Roc einmal? Sollteſt Du fchon verheiratet fein? Etwa im 
geheimen?“ . 

Ich Hatte nicht den Muth zu diefer Täufchung, die mich viel- 
Teicht gerettet Hätte. Ich ſchühte eine tolle Leidenſchaft für eine 
Frau vor, bie ig nicht ehelichen könne, da ſie mir in der Erinnerung 
immer als eine Todte erſcheine. oo. 

„Die Ehe wird Dich heilen“, erklärte fie, „wird Dich beruhigen.“ 

Und fie jchaffte die Argumente mit einer Vegeifterung herbei, 
die ich fonft an ihr nie bemerft hatte. Und mit welcher Beredtſam⸗ 
Teit ließ fie mich in die Leere meines freudlofen Dajeins hinein- 
hauen! 

! „Willſt Du denn, wenn Du frank wirft, von Sremben gewartet 
und gepflegt werben? Willit Du fterben, ohne Kinder zu himter- 
Yofjen, als Erben Deines Talents, um Dein Werk fortzufegen? .. .” 

Sie ſchloß ihre feierliche Rede mit den Worten, die ich er- 
wartete: „Was ich Dir fage, ift nur in Deinem Interejfe, und wenn 
Du eigenfinnig Dich nicht davon überzeugen willft, fo hoffe ich, Dich, 
dahin bringen zu koͤnnen; ich werde Dir Deine Leibrente entziehen!” 

Diesmal hatte es eim ſchönes Ende genommen. Jetzt galt es, 
ſich zu entf—eiden: entweber den Normannen zu entjagen, oder mich 
in eime weibliche Gewalt zu fügen, zwei Beripeftiven, welche mir 
einen gleichen Schreden eimflöhten. Endlich verjuchte ich zu ant- 
worten: 

„Aber, meine gute Tante, meine Kinder, wenn ic) welche habe,‘ 

Der Salon 1889. Heft IT. Band J. 23 


338 Am Kamin. 


werden vielleicht gar nicht wünjchen, mein Werk fortzufegen, und Die 
Gegenwart einer Sr wird mich verhindern, felbft es fertgufe a.“ 

Diefe legte euherung rief einen neuen Strom von Berel anne 
feit hervor: „Ganz im Gegentheil!“ rief meine Tante aus; „bie 
Gegenwart eines liebenden und geliebten Weſens wird Dich er- 
muthigen und Deine Kräfte verboppeln. Das ift ja gerade das 
Wunderbare in der Ehe: fie ſchützt Euch vor allerhand Widerwärtig- 
Teiten; fie verdoppelt Eure perſönlichen Hilfsmittel; fie fügt jedem 
der Gatten fämmtliche gute Eigenſchaften andern bei; fie...“ 

Sie ſprach nod) lange, aber ich hörte fie nicht mehr, da fiel 
ein Lichtjtrahl von oben herab und erleuchtete meinen Abgrund. 
Ich erblidte den Fuchs .. Und als fie geendet hatte, fing ich an: 

„Sagen Sie mir bod), meine liebe Tante, wenn Sie in ber 
Ehe fo viele Vollfommenheiten finden, warum haben Sie fi nicht 
verherratet ?" 

Meine Tante machte ein den Umftänden amgemeffenes Geficht 
—E „Ein junges Mädchen iſt nicht die Herrin ihres 

ichhal3." 

„Nun gut“, wagte ich fortzufahren, „aber eine ältere Dame?“ 

Sie blidte mid erftaunt an: „Was willſt Du damit fagen? 
Erkläre Dich!“ 

Meine Idee war wohl ein wenig macdjiavelliftiich; allein es 
blieb mir eben feine andere Wahl der Waffen; „Ich will jagen, 
meine Tante, daß ich mich gern verheiraten werde unter der Bedin- 
gung, a Sie mir mit einem guten Beifpiel vorangehen .. .“ 


Ich 

„Erlauben Sie! Wenn Sie nach Verlauf ihrer erſten drei 
Honigmonate mic noch ermuthigen, eine Frau zu nehmen, jo gebe 
ich Ihnen mein Wort, daß ich Ihnen das Vergnügen machen werde.“ 

„Da kannſt Du leicht Dein Wort geben; aber Deine Voraus- 
kan ift abgejchmadt, denn Du weißt wohl, da ich gar nicht daran 

enfen kann, mich zu verheiraten.“ 

„Sagen Sie nur, dab Sie nicht wollen!“ 

nu sit VE In 7 a angſtlich⸗ 

Ach, Sie find noch ſehr flott! .. Nur zu ängftlich. 

„Madit Du Dich FAR, über mid) Tuftige" 

„Gott bewahre mich! Fragen Sie nur meinen Onfel Charles, 
was er darüber denft!.. Er ſprach erſt vorhin noch mit mir über Sie.“ 

„Dein Onkel Charles?“ 

Meine Tante war wie aus einem Traume erwacht; aber dieſer 
Name ftieß fie weniger zurück, als ich befürchtet Hatte. Es blie 
mir demnach nur übrig, zu halten, was ich gejagt, und ich hielt e 
mit kühner Stirn. 

Ich erklärte daher, daß ihre beiderfeitige Antipathie ein Miß 
verftändniß wäre, daß fie ſich alle beide mehr liebten, als fie & 
ſelbſt glaubten, daß fie nur ſich geſchämt, e3 ſich einzugeftehen, da 
ich — Dank dem Himmel! — Har in ihr Herz fähe, daß ich mu 


! 


\ 








‚Am Kamin. 339 


Berjailles gefommen wäre, zwei fo unähnliche Wefen näher zu 
n und. bemgemäß bazu beizutragen, fi; zu verſtehen. 

Reine Tante hörte Hu ergriffen, gejchmeichelt und fich etwas 
> an. Ich fehrte alle Argumente zu Gunſten der Ehe, die fie 
: mir vorgeführt hatte, gegen fie um und fügte noch die hinzu, 
ſich mein Onfel gegen mich bedient hatte. Cine volle Stunde 
cch ſprach ich mit einer feurigen Beredtſamkeit, deren ich fonft 
hig gewejen war, und ging endlich von. bannen, die würdige 
in der Ueberzeugung zurüdlaffend, daß mein Onkel fie ſchon 
vanzig Jahren im ftillen verehre. 

Brechen wir denn auf! Und ftimmen Sie ein, liebe Tante?" 
Wenn ich jemals einwilligte“, erklärte fie,. „indem. fie mich 
3begleitete, jo geſchähe es nur um Deinetwillen, um Dich zu 
m, mir nadzuahmen.“ 

Im folgenden Morgen hatte ich meinem Onkel Rede zu ftehen, 
ir ſchon mit der e entgegenfam: „Nun? Wann verheis 
Du Dich?" 

Nah Ihnen!“ 

Ich? 


„Wollen Sie denn, wenn Sie in eine Krankheit fallen, von 
Fremben unterftügt und gepflegt werden, während Sie die.prächtige, 
fiebenswürrdige Frau bei der Hand haben, die Sie höher ſchätzt, als 
ich IHnen fagen kann .. .“ . 

„Wen meinft Du?“ 

„Meine ‚Tante Godet.“ 

„Zreibft Du Scherz?“ 

Durchaus nicht, Onkel; ich weiß es von ihr felbft ...“ 

Kurz, er fegte ſich zu Tiſch, überzeugt, daß ihn meine Tante 
immer geliebt habe. Beim Deſſert rief er dann aus: „Wahrhaftig, 
wenn ich jemals einwilligte, fo geſchähe es nur, um Dich zu zwingen, 
mir nachzuahmen.“ 

An folgenden Tage veranftaltete ich zwiſchen beiden eine Zu⸗ 
jammenfunft, und- drei Monate nachher war meine Tante Godet 
Madame Charles. \ 

Bei meiner Rückkehr von Neapel frühftüdte ich bei ihnen und 
ich habe fie feitdem oft gejehen. Niemals aber hat mich weder das 
eine noch das andere an mein Verfprechen erinnert oder meine Rente 
zurüdgehalten. Sie haben mich ganz ruhig bei meinen Normannen 
gelaffen. Doc gehen mir nun hinauf. zum Eſſen, denn Katharine 
erwartet und; aber ſprich micht mehr zu mir von der Braunen und 
von der Blonden, denn ich will Dir nichts fagen, was einem Mathe 
ähnlich fähe. Warte, bis der Fuchs kommt, ja der Fuchs! 


23* 


340 Am Kamin. 


Grillparzer in Norodeutſchlanoö. 


nlaßlich der Erſtaufführuug der „Judin von Toledo“ am 8. Oktober 1888 am 
Deutſchen Theater“ zu Berlin.) 


Was iſt uns ſchließlich Leſſings imgrunde völlig undramatiſcher 
„Nathan“ (Eröffnungsauffährung am Leffingtheater) im üppigften 
Bühuengewande imd Schillers „Demetrius“ (Eröffnungsaufführurng am 
Berliner Theater), diefer herrliche Torſo mit der banaufifchen Fort⸗ 
führung bes „bühnenpraftiichen“ Altmeiſters Laube, gegen ein 
wie Grillparzers „Jübin von Toledo“, dieſes köſtliche, Dramatifche 
Juwel, welches uns foeben in würdiger Faſſung vom — 
Theater“ dargereicht wurde?! Das deutſche Theater hat entſchieden 
mit dieſer — im Öegenfag zu Nathan und Demetrius — für Berlin 
leider! — wie. fo mancher von Grillparzer bisher nicht vorhanden 
gewejenen Dichtung ben. Manen bes Dichters ein liches Opfer 
gebracht. Die „YJübin von Toledo” ift und eine Novität gemeien; 
biefes fatale Faktum ift bezeichnend für bie Gleichgiltigkeit ımd 
Verfennung, welche Grillparzer bis jegt — 16 Jahre nach feinem 
Tobe! — vonfeiten des norddeutſchen Publikums entgegengebract 
murbe :.. Sah man body hier bisher zmitleibig Tacelnd auf ben 
„Donauſchiller“ herab; das wird nun anders werden müſſen! Der- 
jenige fennt Grillparzer nur wenig, der ihn nach feiner trefflichen 
Medea“ (dem Paradepferd aller Heroinen) beurtheilt; ber ganze 
dramatiſche Reichthum dieſes würdigen Genoffen eines Goethe, Schiller 
und Kleift muß ung nad) und Mi) plaftifch-verförpers von Der Bühne 
entgegeh treten — ber Anfang ift gemacht worden! — dann wird 
mancher reuig feine einem Iple u. j. w. nachgebeteten Eritifchen 
Zormeln ad aota legen und beſchämt ſig vor der Größe bes Genius 
beugen. Ein wunbervoller poetifcher Reichthum offenbart fi in 
Grillparzers Werfen (12 an der Zahl!)., Der Zauber einer minu- 
tiößefeincifelirten, märchenhaft-füßen Sprade, mit ben hertlichiten 
ſeeliſchſinnlichen Accenten Ohr und Seele beraufchend, burdhzieht — 
oft wie Muſik aus anderen Welten — die Werte diejes Ay eſten 
aller Epigonen, und trotz der Romantik des Stoffes, der Muſik der 
Sprache iſt Grillparzer ein echt moderner Dichter in der nervös— 
Pigchologifchen Anlage feiner Geftalten, in dem grübleriſchen An- 
paden tieffter Seelenprobleme, in der Betonung des Schopenhauer 
ſchen „Unbewuhten“. Wie Calderon ift ihm das Leben mur ein 
Traum. Aber nur einmal — vorübergehend — befannte' er fih in 
feiner „Ahnfrau‘ halb und Halb zu den Prinzipien eines Werner, 
Müllner und Houwald. Bald in lauten, bald in leiferen Schtuingungen 
erflingt überall bei ihm mächtig ergreifend die Klage der Endlichteit und 
Vergänglichteit alles Srdifchen, aller irdiſchen Luft und THorheit ... 
Mit Recht hat Profeffor Johannes Volkelt in Bafel, welcher 
unferem Dichter jüngft eine prächtige Monographie „Franz Grill 
parzer ald Dichter des Tragifchen“ gewidmet hat, das Tragifche in 
« 


Am Kamin, 341 


Grillparzers Werken in der des Dichters unfelig-fenfitivem Tem- 
ment entjprechenden, echt modernen Ausprägung hervorgehoben! 

ür Grillparzer fängt die Zeit rechter Würdigung jet erft an. Seine 

tiefe, zarte Innerlichteit, welche in glühend- optimiſtiſcher Dafeins- 
bethätigung ber Sinne Befreiung fucht und babei an den Riffen der 
rauhen Wirklichkeit den naturnothwendigen Schiffbruch leidet, wird 
naturgemäß immer lebhafter, mächtig fortreipender auf das fanguini- 
fchere Temperament des Sübdeutjchen einwirken, dem die Magie der 
Sprache, der Bilder und Tropen beraufchend wie Afti dünkt; aber, 
wenn auch erftanbestühter, fo ftehen wir Norddeutſchen Grillparzer 
auch deſto objektiver und nunmehr, in dem Beſtreben begangenes Un- 
recht wieder gut zu machen, um fo entgegentommmenber gegenüber; 
diejeß zeigten im hocherfreulicher Weiſe die anläßlich der Erflaufs 
führung der „Yübin von Toledo“ im ben maßgebenden Berliner 
Blättern erjchienenen — geradezu Abhandlungen zu nennenden — 
Beiprehungen und Recenfionen; da fonnte einem das ge aufgehen 
über diefe warmen Töne der Anerkennung, diejen ül er teömenden 
Zribut hohen Dankes, den die norddeutiche Kritik (allerdings etwas 
post festum!) dem großen Todten darzubringen fich veranlapt fühlte. 
Der natürliche Enthufiasmus des durch den Zauber echter Genialität 
gepackten Bubhitumg, die Ehrfurcht und Objektivität, welche die Er- 
habenheit Todes dem Genius gegenüber verleiht, war auf die 
ewig mälelnden, zünftigen kritiſchen Skribenten übergegangen und 
hatte fie, die ſonſt — gerade entgegen Winkelmann herrlicher An— 
meijung! — immer nur die ſchlechten Seiten an den Werfen auf- 
ftrebender junger Talente (allerdings Lebender!) auffpüiren, gezwungen 
wahr zu fin. Endlich einmal Tonnten fie ehrlich und uneingefchränft 
ihrer wirklichen Ueberzeugung Ausdrud geben und fie thaten es mit 
wahrer Wonne. Mit das Beſte gab der — Schaufpielteferent der 
„Freiſinnigen Zeitung“ in einem ausführlichen Feuilleton, aus dem ich 
einige markante Stellen hier herzufegen mir nicht verjagen Tann, da 
fie — in jeltener Weife kernig und offen — uns Norddeutſchen 
über Grillparper die Leviten Iefen und einem Dichter zu feinem Rechte 
verhelfen, welchem „Unrecht widerfahren ift im Leben wie im Tode“. 
Shrliparger war eine zu vornehme, feinbefaitete, porös-innerliche 
Natur, dabei ein Todfeind aller Reklame, um bei Lebzeiten durch» 
$ bringen; feine Werke follten für fich ſprechen und an dieſem natür- 
ichen Verlangen — heutzutage der größte taktische Fehler! — ift 
ihm manche ideale Forderung an Publikum und Kritit gefcheitert — 
„der Reſt ift Schweigen“. Hören wir nun unferen „freifinnigen“ 
und „feinfinmigen“ Kritifer! Da heißt es zumächft mit Bezug auf die 
„Jüdin von Toledo’: man hat den Sargdedel gefprengt, den Vor— 
urteile, kritiſche Oberflächlichkeit und das Nachbeten von Schlag- 
worten ſeitens eines „gebildeten Pöbels“ über eine der herrlichiten 
Dichtungen aller Zeiten gejenkt und verwundert mag fich mancher 
die Augen reiben und ausrufen: „Giebt es in ber literarifchen Schätz⸗ 
Tammer der Nation jo viele Stleinodien, daß man diejer Perle nicht 


342 Am Kamin. 


achtete?!“ Grillparzer Iebt und fol uns erhalten bleiben! Cs gab 
eine Zeit — heißt e8 dann weiter — fei ihrer ftets als ciner un- 
jeligen gebast — da im beutjchen Geiftesfeben auch ein preußifcher 
Partitulerismus beftand, ber aus den Vorurtheilen von Jahrzehnten 
feine Sumpfnahrung zog: man nannte Grillparzer den öfterreichiichen 
Dichter, die widerfinnigfte aller Bezeichnungen, als ob es ein Aus- 
and gebe im ibeafen Leben der Nationen! Das muß num anders 
werden — meint unjer waderer Kritifer, — benn „Grillparzer war 
ein Seelenverfündiger und in feinem jeelichen Aug’ gewann das 
Getriebe der Welt eigenes Leben und eigene Bedeutung“. Freudig 
wird jeder ehrliche Literaturfreund diefe Ausführungen aus vollitem 
Seren unterfchreiben! Auch in der Jüdin von Toledo „giebt es 

onnenfleden“ aber „was wollen fie befagen gegen das glutvolle 
Leben, das in biutwarmen Strömen ſich durch dieſe Dichtung ergießt, 
gegen ben reifen Tieffinn, den dieſes Werk predigt”. Die fonnenklare 
Wirkfichfeit, der echte poetifche Realismus ift es, der Grillparzers 
„Züdin von Toledo“ fo bebeutend macht. Grillparzer übernahm bon 
Lope da Vega nur das Nohftoffliche; wie aber wußte er ihm das 
individuell⸗ nervös Sprudelnde, innerlich — Nagende, Bohrende 
ſeines tragiſchen Selbſtes einzuimpfen, fodaß die urjprünglicen 
Thatſachen ſich zu einer Fülle von Konflikten von überwältigender Tra⸗ 
ie geſtalteten und in den Rahmen der Zengöbie hineinwuchfen! .... 

iejes ſchöne Judenmädchen Rahel, Halb Kind halb Dämon, mit 
feiner -verblüffenden Natürlicleit und Sinnlichkeit ift eine der groß- 


artigjten betatl-pfychologifchen Studien, eine Meifterprobe profunder' 


Kenntniß der Frauennatur, und diefer König Alfons — welch vol- 
Ienbete, magiſche Verförperung des Kampfes zwifi menſchlichem 
Gelüſte und ‚gerifherpflicht und Herrichergröße ftellt er bar! Ueber 
dem legten Aft Tiegt es wie ewige Dämmerung, aber nad} ber in 
der Weltliteratur einzig daſtehenden Auseinanderfegung zwilchen. 
Mann und Weib (Königin) fteigt die Sonne der Verföhnung am 
ginmel auf und felbft der ud, ben die Schweiter ber ermorbeten: 

tahel dem König nachfendet, Klingt in wehmüthiger Stepfis aus ... 


Ueber ber glanzvollen Infcenirung lag es (namentlich im III. Akt) wie 


Märchenhauch; alle Spieler gaben ihr Beſtes, allen voran Joſeph 
Kainz, der Darfteller des König Alfons, welcher — wie und ver- 
fichert ward — lange nicht einen jo guten Abend hatte und zum 
guten Theil die harten, Bitterfeit und perfünliche Gereintheit ber⸗ 
rathenden Anklagen widerlegte, welche jüngſt in der „Geſellſchaft“ ein 
ſonſt verdienſtvoller junger Schriftſtellet — „ohne Schminke” — gegen 
diefen einem verfehlten Realismus fröhnenden, manierirten, aber troß 
alledem talentvollen, allerdings in Berlin ſehr überſchätzten Schau- 
fpieler vorbrachte. Daß — Kainz als Liebhaber längſt über 
feine Glanzepoche hinaus ift, wird jeder, der ihn feiner Zeit in 
München kennen lernte, beftätigen. Das Organ hat bedeutend nach- 
gelaffen, dabei weifen Figur und Phyfiognomie, fowie die poin- 
tirte Spielweife den Künjtler auf Aufgaben des Charakterfaches 


Am Kamin. 343 


wie Franz Moor und Mephiftopheles Hin; thut er ben angebeu- 
teten Schritt, fo wird ſich ihm noch ein weites Feld originalen 
Schaffens öffnen, im andern Fall wird fein Talent mehr und mehr 
verfümmern. An ein Imdiejchrankentreten mit einem Matkowsi 

kann Kainz nie benfen, es fei denn er gäbe als Franz Moor die 
vielleicht dämonifche Folie_zu Matkowskys wunderbarem Karl. In 
ſolchen Rollen liegen die Quellen Rainzitäer Kraft. Um auf Grill 
parzer zurüczufommen, fo war es fein Geringerer wie Lord Byron, 
welcher uerf! diefen „Großen“ erkannte, indem er in fein Tagebuch 
am 12. Sanuar 1821 fchrieb: Mitternacht: ich las Guido Sorellis 
itafienifche Ueberfegung der Sappho des beutichen Grillparzer. Ein 
verteufelter Name, aber die Welt wirb ihn ausfprechen lernen müffen!“ 
Nun, fie hat ſich bis jetzt gefträubt, aber vielleicht ift der Name Grill- 
parzer bis zum Heilsjahre 1900 den Gebilbeten deutjcher Nation 
geläufiger und verehrungswürbiger geworben. 


Wilhelm Krent. 


Bilömerke, - 

Blauberei von Maria Asmus. ’ 
Auch ohne die Unterſchrift und ohne die den Beſchauern ein 
ehändigte gedrudte Erklärung würde man fogleich erfennen, was Frau 
midt von Preufchen auf ihrem privatim ausgeftellten Bilde zeigen 
wollte. Wir fehen ein mit dem Hermelin behängtes Gerippe. Den 
erſten Fuß jet es auf die Weltkugel, mit ber rechten Hand faht es 
ein Schwert, mit ber linken ſtößt es einen Thron um. Das Scepter 
— vom Seſſel, hat ſich aber wahrſcheinlich mit einer Ver ferung im 

das Kiffen gehaft, da e3 nicht fällt. Die Krone ift ſchon fat auf 
Zußboden angelangt. Wie fie und die abfallenden Blätter der Rofen 
und Lorbeeren ſich in ber Luft halten, ift nicht ulen. „Mors impera- 
tor“ will die Malerin mit ihrem Werk daritellen. Durch) die Haltung 
des rechten Fußes zeigt ung der Tod, welcher in dem Gerippe ver 
finnlicht ift, an, daß er über die Welt herrfcht, außerdem erinnert 
noch die linke Hand, daß auch die Throne in derjelben Welt in feiner 

Macht find. 

der empfinden wir bie Macht des Todes durch das Betrachten 
jener Gegenftände? Fühlen wir nicht ganz dafjelbe, wenn wir die 
Buchſtaben ablefen: „Mors imperator?“ Die Malerin führt uns ein 
Gerippe vor, wir bejinnen uns, daß darunter ber Tod verftanden 
fein fol. Wir fehen einen Thron und fchließen, daß damit die 
girfenmast gemeint ift. Die Roſen ftellen uns die Liebe vor, der 
'orbeer ben Ruhm, der Globus die Welt, die alle auf demjelben Bilde 
vorgeführten Einzelheiten in ſich ſchließt. Wir müffen uns Diefe 
Symbole in ihre Bedeutungen überjeben und dann duch Schlüfle 
unfer Gefühl dazu bringen, ſich die Macht des Todes zu vergegen- 
wärtigen. Dazu aber brauchen wir ſchon das Bild nicht mehr. Wenn 


344 Am Kamin. 


wir überfegt haben, können wir für Die weiteren inneren Vorgänge 
die Augen ſchließen. Die Malerin will diefem Bilde noch ein. Sei— 
tenftüd geben: „Regina vitae“ Wahrjcheinlich wird auch diefes ſich 
begnügen, durch Symbole die Gedanfenarbeit anzuregen, anftatt die 
Idee ſelbſt darzuftellen. Die beiden Gemälde follen den Spruch 
illuftriren: „Die Liebe ift ftärfer als der Tod.” Wenn wir das Bild: 
„Jairi Töchterlein“ von Guſtav Richter anjehen, jo empfangen wir 
jenen Eindrud durch die Kunft jelbit. Nicht unfere Reflektion, fon- 
dern der Künſtler giebt ihm uns. Wir jehen mit unjeren Augen 
die Macht de3 Todes und die Herrlichkeit des Todüberwinders. 

Die Symbolik ift in der Künft ausgeſchloſſen. Wenn fie fih in 
einem Kunjtwerf findet, z. B. in den Attributen eines Gottes, fo 
hat der Künftler damit nur der Geſchichte gerecht werden wollen, 
aber die Kunft hat keinen Theil daran. Er muß die Idee in die 
Geftalt legen, fonft hat feine Kunſt fie nicht ausgeſprochen. Wir 
müffen Zeus, Neptun, Venus nicht an ihren Attributen erkennen, 
ober dieje würden gleichbedeutend mit auf die Gejtalten gejchriebenen 
Namen fein. 

Dagegen leihen fich allegorifche Figuren vollfommen der fünft- 
Ierijchen Darftellung Sie find. die Perſonifizirung einer Idee. 
Wir empfinden ohne Reflektion, ganz unmittelbar den künftlerifchen 
Gedanken. Wir fehen die Freiheit in. dem Weibe mit dem fühn 

jetragenen Haupte, dem ftolzen Lächeln ber Lippen, in ber erhabenen 

Gattung der Geftalt. Niemand würde fie mit der Germania ver- 
wechjeln, welche uns die Kraft, die Trene umd Geradheit unferer 
Nation vorführt. Die Wiffenihaft, die Poefie, der Glaube, die 
Hoffnung und viele andere Abjtrafta ftellen ſich uns durch allego- 
riſche Figuren dar. Aber nicht alle. Die einzelnen Künfte würden 
ſich z. 3. ſchwer indivibualifiren laſſen. Die Darftellung jchöner 
Frauen mit den entfprechenden Kunſtwerkzeugen würde den Gedanken 
wieder zu verjtehen geben, ihn aber nicht malen. Wer lacht nicht 
herzlich über die Eingangsilluftrationen zu ben belannten Gefdichten: 
„Die böfen Buben von Corinth“ und „Der Elephant” — „Nachdenk- 
lich fügt in feiner Tonne — Diogenes hier in der Sonne” und 
„Den Efephanten fieht man da — Spazieren gehn in Afrika” —? 
Uber in einer ſchönen rau mit dem Pinfel und der Palette erfenne 
ich ebenfo wenig die Malerei wie in zwei aus einer Tonne hervor 
ftedenden Beinen ben Diogenes, oder wie in einigen Strichen und 
Palmen den Erdtheil Afrika. Die Kunft weiß genau, in welches 
Bild die Idee zu — iſt und grenzt fie ſcharf ab gegen andere, 
und der wahre Künftler geht nicht irre. . 

„Die Parzen“ von Thumann bedürfen der Attribute, um ver- 
ftändlih zu werden. Ein junges Weib löſt den Faden von ber 
Spindel, ein anderes, reifer erblühtes, das Lorbeeren und Blumen 
in der Hand und im Schoße hält, nimmt ihn auf, eine Alte Fauert 
daneben und hebt die verhängnißvolle Schere. Wir empfinden duch 
die Darftellung nicht Die Bedeutung der Vefchäftigung jener Weſen, 


Am Kamin. 35° 


wir: haften uns an die Betrachtung ihrer Formen. Die Mythologie 
muß den Cindrud vollenden. Das Bild bietet fein Ganzes, denn die 
Stellungen weijen auf eine Bebeutung hin, bie außer dem Bilde Tiegt. 

Anders ift es mit der plaftifchen Gruppe „Amor, von Venus 
jezüchtigt“ von Guſtav Eberlein. Wir find durch den Anblick be— 
int und verlangen feine Erklärung, auch wenn wir nichts von 
dem Bogen und dem Köcher des Knaben wilfen. Wir jchen, daß 
der Mutter ein Leid von dem Seinen zugefügt ift, ihr verzagtes 
Gefichtchen fpricht Von eigenem Schmerz umd die Züchtigung ift ſo— 
wohl Erziehung als Rache. Das Wert bietet an ſich ein Ganzes. 
Wohl wird unſer Interejje noch lebhafter erregt, wenn wir erfahren, 
daß hier der Uebelthäter, gegen den wohl jedermann eine Beſchwerde 
aufzuweiſen hat, ein Mal für viele Male bejtraft wird, und daß es 
Berfämergen find, welche die Thränen aus den Augen der pietüts- 

3 bebandelten Mutter Ioden. Aber wie man diefe Erklärung nicht 
braucht bei der Betrachtung, fo erhöht fie auch nicht das Kunftgefühl. 
Den ſchadenfrohen Kihzel Ant die Gedichte hinzu. Er ift uns will- 
tommen, aber für das Stunitwert können wir ihn miffen. 

Daſſelbe ift es mit allen der Gefchichte entnommenen Gegen- 
ftänden. Wenn die Gemälde erflärt werden müſſen, um verftändlich 
u werden, wenn fie gar einer am Rahmen angebrachten Erzählung 

dürfen, jo find fie feine felbftftändigen Darftellungen, geben feinen 
vollen Eindrud, find alſo keine Kunſtwerke. Steigt unſer Intereſſe 
und unjere Befriedigung durch die Kenntniß der gejchichtlichen Thats 
ſache, die aber zur Fünftlerifchen Vollendung des Bildes nicht ges 
hören ‚darf, fo vereinigen fich zwei in fich vollendete Kräfte zur 
Wirkung auf den Menjchen, Die Kunſt und bie Gefchichte, wie [7 
aan Melodie im Liede verbinden, die Seele in thren Tiefen 
zu fafjen. . 

Der Künftler muß ein Ganzes gebert, darum muß er den voll- 
endeten Kunftgedanten in fich aufgenommen haben und nen fchaffen. 
Weder die Idee noch die Formen dürfen mechaniſch fopirt werben. 
Ein belichiges Stückchen Wirklichkeit bietet kein Kumjtwerl. Es muß 
abgefchloffen fein, fertig empfunden und gegeben von dem Schöpfer, 
einheitlich wirtend auf den Beſchauer. Wenn fo nicht jede Wirklich 
feit wahr ift, jo ift das Wahre doch nur in der Wirklichkeit. „Auf 
dieſer Erde wurzeln unfre Freuden“ und jede Regung unferer Seele. 
Bei den märchenhaften, mythologijchen und bibliſchen übernatirlichen 
Weſen ift das Unnatürliche faſt immer eine Zuſammenſetzung 
Natürlichen und wirkt, wo es nicht das Wefentliche des Werkes aus- 
macht, nicht ftörend auf den Kunftjinn. Es ift mit den Engelaflügeln, 
mit den Faunfüßen u. ſ. w. wie mit den ſchon erwähnten Attributen 
der Götter: das Wefen jener Geftalten liegt nicht in diefen Aeußer— 
lichkeiten. Aber wie joll eine Landfchaft mit unnatürlichen Farben 
Stimmung erweden? Wenn Bödlins Farben die Allgemeinheit des 
realen Bodens verlafjen zu Gunften des Individualismus einer uns 
genügfamen Phantafie, wenn Makarts Farben aus Höflicher Müc- 






346 . Am Kamin. 


fihtnahme für einander ihre Natur verleugnen, wie follen dieſe 
‚arben unfer Empfinden weden? Die Stimmung ift zum großen 
heil Erinnerung und läßt nur die Saiten ertönen, bie ſchon ein— 
mal geſchwungen haben. — — 





Der hiſtoriſche Hut. 

Einem vor längeren Jahren erſchienenen Aufſatze eines Pariſer 
uutmachers über den bekannten hiſtoriſchen Hut, entnehmen wir 
olgende Stellen: Seit meiner früheften Jugend mit ber Hutfabri- 
Tation befchäftigt, habe ich alle Fortichritte dieſer Branche aufmerkjam 
beobachtet. In diefem Aufſatze aber möchte ich mich über die Frage 
ausfprechen, ob und in welder Weiſe zwifchen dem Hut und dem 
Geſicht eine Wechſelbeziehung beiteht? Der Hut dedt das Haupt, 
ſchützi e8, verbirgt feine Mängel und hebt die Züge und Phyfiognomie 

hervor. Der runde Hut batirt fein Entftehen aus dem 14. Jahr: 
Hundert. Er joll äußerlich den achten Theil des menfchlichen Körpers 
darftellen, er joll dem Kopfe, den er repräfentirt, angepaßt fein. Er 
ſoll im gehörigen Verhältniffe zum Körper ftehen, foll er anders nicht 
entftellen. Der Hut muß mit dem Gefichte, der Stirne, den Schläfen, 
en Haaren und der Taille harmoniren. Iſt der Kopf Elein, jo muB 
der Hut biefen Bester decouvriren; das Gejicht zu vergrößern, ift er . 
eine uptaufgel e. Iſt dagegen der Kopf ftark, jo jo der Hut nichts, 
als eine enge Einhüllung des Gefichtsumfanges Im erften Falle 
thun die Haare gute Dienfte, und fehlen fie — die Perrüde. 

Kaifer Napoleon I. widmete dem Anzuge überhaupt, befonders 
aber dem Hute, große Aufmerkſamkeit. Doc, Tiebte er c3, durch Ein- 
fachheit den größtmöglichiten Effekt hervorzubringen. Bonaparte 

wählte den grauen Ueberrock und ſchuf den Hiftorifch gewordenen 
Heinen Hut. Ich weiß von jemanden, der damals in den Tuillerien 
angeftellt war, daß, als Napoleon zum erften Male diefen Eleinen 
gu auffegte, er mit der größten Aufmerkfamfeit die verſchiedenſten 
stellungen damit verfuchte. Buerft fegte er denſelben ber Länge 
nad auf. Da er aber bemerkte, daß diejes der Gravität jeiner Figur 
Abbruch that, jo fegte er ben Hut jchnell in die Breite. So are 
er fi und fo ward es beibehalten, denn in diefer Art wurde 
Ausdrud feines Geſichts gehoben, der dadurch freilich mehr ftrenge 
als graziös wurde. Wenn Biefer Heros eilenden Schritte dur 
feinen Garten ging, nachdem er kurz vorher einer Staatsrathsſitzung 
er hatte, jah man feine Gefichtszüge unter dem Heinen Hut 
fich auffallend beleben, und feine Augen glänzten. Stieg er aber in 
Toben der Schlacht zu Pferde, um das Feldherrntalent zu üben, fe 
drüdte er den Hut, verbunden mit einer rajchen Veränderung be 
— tief ins Geſicht, derſelbe bildete dann gleichſam die Begrenzun 
ſeiner energiſchen Figur, und Napoleon erſchien wie ein Siegesgot 





Fr 


Am Kamin, 37T 


Diefer Hut kann als Meifterhut betrachtet werden, und es ift in der 
That ſchade, daß man ihm nicht mehr tragen kann. 

Murat hatte in feinen Jugendjahren volle runde, rothe Wangen, 
Augen voll Feuer, natürliche Eleganz; feine Figur war die eines 
entſchiedenen Charakters; deſſen ungeachtet gefiel er mehr im Salon 
als zu Pferde, wo er mehr einem Tankred ähnlich ſah. Als Murat 
noch Marſchall war, hatte er feinen dreiedigen, weiß ausgefchlagenen 
gu der Länge nad) figen. Allein er wendete oft Eofettirend den 

opf, um von vorn gejehen zu werden. Im der Schlacht, wenn man 
ihn von vorn fah, hatte jein Geficht etwas martialifches, hinreißen⸗ 
bed. Damals trug Murat das ſchöne, weiße, himmelblau ausge- 
ſchlagene Kleid, mit Diamanten beſetzte Cpauletten, einen Anzug, 
von dem ſchon fo viel erzählt worden ift. Nachdem Murat König 
geworben, jo war fein Hut bald der eines kaiſerlichen Großwürden⸗ 
trägers, bald der Czako eines Reiters. Seht ihr ihn, wie er, mit 
Gold, Seide und Edelſteinen bedeikt, einer der Vorderiten beim Ein- 
zug in Straßburg, auf die Koſaken einbringt? Geht ihr ihn wie 
er Beitfchenhiebe und Edelſteine austheilt, wie er durch Luxus und 
Muth die Be eifterung ber Seinigen erregt? Wer gab das Zeichen 
ur lacht bei Dresden? Es war ebenfall3 wieder Murats Eu 

r ſich auf den Höhen von Plauen zuerſt fichtbar machte. in 
leid pflegte mit einem goldenen Gürtel umfchloffen zu fein, in 
welchem ein prächtiger Säbel hing. Allein alles dies & ihm nicht . 
Del Ausdrud, als ber Hut mit den wunderfchönen Straußfebern; 

13 war ber Anzug, in welchem Murat feine Soldaten ins Feuer führte; 
in diefem Anzuge fteht er an ihrer Spige, felbft auf Wegen, die burı 
Roth und Somun ungugänglich find. — Düro widmet feinem Hute 
gar keine Aufmerkjamfeit; daher entitellte er aud feine Figur. 

Moch eine Menge folcher Veifpiele könnte ich anführen, um zu 
beweifen, daß ausgezeichnete Männer großes Gewicht auf die Art 
ihrer Kopfbebedun, Daten, aber ich fomme zu meinem Thema zurüd, 

en ſchmalen Gefihtenn jagen am beften längere Hüte mit breiten 
Rän zu; breiten volleren efttern aber mehr fürzere Hüte mit 
aufgebogenem Rande. Lange, gebogene, herunterhängende (auch rothe) 
Nafen verlangen einen breiten Rand des Hutes, überhaupt einen 
Hut, ber dieſe Fehler bededt. Kleine Leute follen es ja nicht ver- 
ſuchen, —F hohe Hüte ihre Geſtalt vergrößern zu wollen, ſo wenig 
als große Leute ihre Süße durch niedere Hüte vermindern dürfen 
(nach dem Grunbfag, daß der Hut den achten Theil des Körpers 
usmachen fol.) Laffet Die gewölbte Stirn hervorragen, dieſes ftolze 

‚eichen der Intelligenz. Die Engländer, welche biefe Regel außer 

Ht laffen, find feine Meifter in der Wahl der Kopfbedeckung. Man 
bt ſtets ihre langen Geſichter in hohe Hüte gedrüdt, ihre Augen- 
‚en find verftedt, und ihren Augen find nur wenige Linien zum 
en vergönnt. 68. 









— 
⸗ 








Am Kamin. 
Ein ungariſcher Eſſayiſt. 


Dr. Adolf Koput, in Mindszent in Ungarn 1847 geboren, hat 
Kon eine große Anzahl Bücher veröffentlicht. Es ift nun einmal 
ode geworden, daß die — Faulen dem Fleißigen vorwerfen, fie 
kin von „un eimlicher chtbarkeit“, Ienjen, Telmann, Heyie, 
;pielhagen, Ebers, ff u. v. a, jeder der feiner Mufe lebt und 
jedes ‚Jahr ein Ai! von 1—3 Bänden veröffentlicht, das doch 
niemand gezwungen ilt, zu faufen ober zu Iejen, fie find alle denen 
ein Dorn im Yuge, welchen die Zeit es nicht erlaubte, ihre zerſtreuten 
euilletons ober Novellen, ober jonftigen Kleinigkeiten in einem Kon- 
erenzbande auf den Markt zu werfen. Karl Bleibtreu bemerkt im 
„Magazin“ fehr richtig: „Schwer möglich ift echte Freundſchaft nur 
unter Kollegen, in welchem Stande auch immer, denn im Kollegen 
ftedt immer der Rival.“ 

Dr. Adolf Kohut nun macht -eine Löbliche Ausnahme. Er hat 
neuerdings zwei Bünde „Ejfays“ Herausgegeben, unter den ebenjo 
bezeichnenden als originellen Titeln: Eſſays und Skizzen: „Leuc;- 
tende Fadeln.“ (3. C. C. Bruns. Minden. 1887. Mark 2,40) und 
„Ragende Gipfel“. (Ebendaſ. 1887 Mark 3.) Sie find unter dem Zeichen 

udiger Anerkennung, menfchenfreundlicher Milde und oft mit wirk- 
licher Begeifterung geichrieben. Sie zeichnen ſich durch einen leicht flüj- 
fa allgemein verjtändlichen Stil aus, gerade wie ſich der Verfaſſer 
jelbft durch eine ftupende Beleſenheit und Gelehrjamfeit auszeichnet. 
Die „Ragenden Gipfel“ find Geiftesheroen aus dem legten und 
diefem Jahrhundert. Es ift höchit interejfant, Ausfprüche il 13 über 
riftftellechonorar, (S. 13) Herders, des Humanitätsapojtele, über 
das größte Duldung und Humanität gebietende Chriftenthum, (im 
Stöderichen Zeiten!) zu lefen! Kohut führt uns Schiller im Urtheile 
Jeiner Zeitgenoffen und feine Abelserhebung vor, bei welchem Aulaß 
otta nad) Weimar fehrieb: „Es ift eine feltene Erſcheinung, da das 
Diplom durch dem geadelt wird, dem es ertheilt wurde!" Der Ver- 
fajjer führt ung dann Mar von Schenfendorf, Leopold Säefer, 
Varnhagen von Enfe, Bettina von Arnim, Arago, Humboldt, 
Juſtinus Kerner, und ben Charafterfopf des rechtsgelehrten Schrift- 
ftellers Rudolf von Ihering vor; und wenn der Literaturgeſchichtskun⸗ 
dige die Worte Goethes bei Kohut wiederholen möchte: „Stoff und Be- 
züge find uns befannt“, jo müßte er auch den zweiten Theil des Sapes 
Hinzufügen: „aber wie er fie wieder aufnimmt, erfcheint er ung neu 
und individucl.“ Der Laie wird aus den beiden, gut ausgeftatteten 
Bänden eine Fülle von Anregung und Belehrung jhöpfen. Wenn ich 
etwas u tabeln hätte, fo wären es manche der angeführten Bei— 
fpiele, die für bie pietätvolle Verehrung der Geiftesheroen Kohuts 
Propaganda und Profelyten machen jollen, die aber unferen heutigen 
Geſchmack nicht mehr fo ganz befriedigen. So das Gedicht Leopold 
Schefers: „Wonne ift Wonne“ u. |. w. Das Gedicht des gleichen 
Autors: „Der Liebendfte ift der Glücklichſte“, ſcheint mir doch nur 








Am Kamin, 349 


eine Baraphrafe bes befjern, weil fo viel fürzeren Goethefchen: „Slüd- 
lich allein ift Die Seele, die liebt!“ Sehr bezeichnend nennt Kohut 
Bettina von Arnim, das Kind, „eine fich in ihren Phraſen beran- 
ſchende Bacchantin.“ Oeſterreichiſche Lefer werden fich beſonders an 
den Aufjägen über Zofephine Gallmeyer, Marie Geiftinger, auch Jenny 
Bürde-Ntey erfreuen; für Mufikfreunde fei die „Dresdner Oper" em- 
pfohlen, welcher Kohut Kürslic übrigens auch ein Prachtwerk ge» 
widmet hat. . Daß Dr. Adolf Kohut nicht nur großen Todten, wie 
etwa Friedrich dem Großen, fondern auch noch nicht fertig ab» 
eſchloſſenen Lebenden Denkmale fett, ohne fie gleich, wie die Frank 
Aaher ihr Börne-Denkmal, mit Tinte zu bejudeln, ſpricht für feine 
literarifche Urbanität. Er meint nicht wie Saphir: „Ach, über wer 
fol man denn Wige machen, als über feine Freunde? Die Feinde 
nehmen es Einem gleich übel!“ ı . u 
. Dr. Alfred Friedmann. 


Pr 


Hippfaden. 

Ein altes Univerfalpeilmittel. Eine Broſchure aus bem Jahre 1713 hat 
folgenden Titel: „Ausführliche Nahriht von der ſehr nütligen Magenbürfte, melde 
itzo zu befommen bey bem Burſtenbinder in bes alten Hoff-Sattiers Haufe auf der 
Breiten Strafle in Eölln an der. Spree.“ Cs mag wohl ſchon mancher gewünſcht 
haben, feinen Magen einmal gründlich auspugen zu können, unb jener fpefulative 
Bürftenbinder hat. biefem Wunfce ſchon zu jun bes achtzehnten Jahrhunderts 
greifbare Geftalt verliehen. Dieje in der Brofchlire abgebildete Magendürſte ähnelt 
einem mobernen Pfeifeneiniger, if jedoch eutjprechend größer angelegt. Der Stiel 
beſteht aus vierfach aufammengebrehtem Draht, der mit Zwirn, Seide ober Bändchen 
ummunben ift und nach Vorſchrift 26 Zoll Länge hat. Die am unteren Ende befind- 
uche Burſte iſt 2 Zol lang und 1%, Zoll breit, fie beſteht aus Ziegenbarts-Haaren. 
werm man ſich jedoch 3 bis 4 Wochen an ihren Gebraud; gewöhnt hat, läßt unan 
fi eine andere Bitrfte aus Pferbehaaren machen, „denn biefe Haare find etwas 
ftarler und thun baher befleren Effekt.“ Die Anwendung biefer „fürtrefffichen" Bürfte 
iſt ehr einfah: man brüdt fie Be A Schlund bis in ben Magen hinab und 
putzt benfelben durch Hin» und Herziel . Herauf- und Herunterftoßen ber Bürfte 
ordentlich aus, dann trinkt mau Talte® Waffer oder rangbranntiwein, jet bie Bürfte 
wieber ein und pußt fo Iange, bis ber Magen gänzlich rein if. Die „Kur ift jeben 
Morgen zu wieberhofen. 

„Im Anfang“, fagt der Verfafler bes Buches, „wird Dir es etwas incommode 
fallen, ehe Du die Bürfte hinter Triegft, aber indem Du ſolche oben an bem Gaumen 
umd zum Munde hineinfteden, fo ziehe zugleich Wind und Athem an Did, und flede 
fie in währendem Anztehen gemachlich nah und nad hinunter, fo wirb ſie ohne 
fonbere Mühe feicht hinuntergehen, es iſt um bie erften 8 ober 14 Tage zu thun, 
Du wirft es alfo in wenig Tagen gewohnt werben als das tägliche Eſſen und Trinken.” 

Natitrlih ift bie tägliche Anwendung ber Magenbitrfte das unfehlbare Mittel 

legen alle Krankheiten, bie man fid) überhaupt benten fan. „Ber biefe Kur gebraucht, 
Bedarf feiner andern Mebizin, denn fie ift gut vor alle falte, hitige und gifftige 
ieber, macht Appetit zum Effen, ift gut vor Engbrüftigkeit, Blutftückungen, vor 

upt- Wehe, fo aus dem Magen entfteht, vor Bruftbefhwerung und Huften, vor bie 
Schwiudſucht, dem Schlage, vor Zahn- und Augenwehe, Bauc-Ruhr, Bräune ber 
Zungen, vor bie Bräune im Halje und Halsgeihwüre, vor bem Hertz Spau und 
Magenbrüden, beförbert bie Dauung, flärdet das Here, bertreibet bie Hige im Haupt, 
benimmt bie Teundenheit, if wider das Witrgen bes Magens und den Zwang im 





350 Am Kamin. 


Leibe u. . w. madet alliufette und engbrüfige und aufgeſchwämmte Leute mager, 
hingegen magere fett.” Dieſe großartige Wirkung wird jebod nur erreicht, wenn 
man die Bürfte in Verbindung mit einem Gligir gebraucht, deſſen Zufammenfegung 
der „Bilrften-Binber auf ber Breiten Strafje” offen mittheilt: „Aloes 2 Loth, Safften 
1 Dutl, Rhabarbara */, Loht, Lerhenihwamm 1 Dutl., Zitwer /, Outl., Enzian 
4, Dutl., Mörehen 1 Butt, Theriec. Opt, ar Dutl.“ Der Theriak durfte zu bar 
mafiger Zeit naturlich in feinem twirffamen Mebitament fehlen. Der Theriaf, jenes 
unfinnige Gemifh bon Arzneimitteln, twurbe ja in Gegenwart der Magiftratsperfonen 
amter Paufen und Drommetenſchall bereitet, für fo wichtig galt er als Arcanum 
egen alle Krankheiten. Bon.bielem Elirxir hat man nach ber Magenwäſche 40 bie 
& Tropfen in Wein zu nehmen, baffelbe „präferbiret 24’ Stunden vor allem Gifft 
und Peftileng." 
Das interefjante Büchlein von ber „Magen-Bürfte" befindet fi im Beſitze bes 
mãrtiſchen Provinzialmuſeums 


Ueber Steintohleuformatison. Die Steinkohle beſteht ohne Zweifel ans 
vegetabilifchen Stoffen, wie ans ihrer chemiſchen Zufammenfegung, ihrer mitkroſto- 
piſchen Struftur unb vor allem dirch bie im ihr fo oft mod) deutlich erkennbaren 
Wflangenrefte hinlanglich beiviefen wird. Weniger ſicher if man inbeffen hinfichtlic 
des Brogeffeß, durch melden bie Kohlenbildung vor fih gegangen if. Nad ber Mei 
nung ber meiften Geologen beftehen unfere Kohlenflöge ans Pflanzen, welde auf ben 
—e unter Denfefben befinbfich geweſenen Erdſchichten ihren Standpunkt hatten. 
Diefe Annahme findet Beftätigung burch ben Umftand, daß Baumflämme, weiche in 
ben Kohlen erfennbar waren, mit ihren Wurzeln bis tief in dem unter dem Kohlen- 
flög gelagerten fogenannten „Liegenben' verfolgt werben Tonnten. Da alle biefe 
Unterlagerungen ber Steinkohle aus Schichten beftehen, jo muß ihre Bilbung unter 
Waſſer vor fi gegangen fein und man vermuthet, daß fie einft bie Sohle vom 
Marien, Slufrändungen oder Sagunen geivefen find, auf welchen ih unter günftigen 
Minatifhen Bedingungen eine Vegetation entwidelt bat, bie wilber und Üppiger ger 
weſen, als fie je eine frühere ober fpätere geologifche Periode hervorzubringen ver» 
mochte. Bei dem gieißpeitigen, beftänbigen tfiehen und Bergehen mächtiger 
Balbungen auf berjelben Stätte und vieleicht aud durch auf Strömen aus auberen 
Gegenden berbeigeführte und angeſchwemmte Pflanzen und Pflanzentheile, mußte fich 
allmählich eine enorme Mafle vegetabilifcher Stoffe an einzelnen Stellen anhänfen. 
Die Umwandlung biefer Stoffe in Kohle ging wahrſcheinlich während eines langſamen 
Sinfene der VBobenfläce vor fi, auf mwelder biefe vorweltfihen Kiefenp| 
wuchſen; durch bie Wärme und unter bem Drud ber fih anf ihnen anfammelnden 
neuen Schichten, fowie durch nicht genau nachweisbare chemiſche Veränderungen untere 
fagen biefe Maffen einer Zerfegung und alimählichen Verfeinerung, b. b. ihre Um - 
wenblung in Steinkohle ging während einer außerorbentlih Iangen.Zeitperiobe vor 
fi. Unpäpfbare Generationen von Pflanzen mußten Ieben und flerben, ehe der bide, 
fruchtbare Pflanzenſchlamm fi auch nur in einen Quadratfuß Steinlohle umbilden 
Tonnte. So erzählt uns unfer Brennmaterial, weldes man mit Recht verfleinertes 
Sonnenlidt nennt, wunberbare und ſeltſame Dinge aus einer fernen, nicht mit Zahlen 
nachzurechnenden Urzeit. 

Der Opal als Verkündiger der Zukunft. Henry War Beeger (geboren 
24. Juni 1813 zu Litchfield in Connecticut), einer ber berühmteften amerilanifchen Kanzel ⸗ 
zebner ber Neuzeit, war in einem großen Stanbalprogeß wegen angeblihen Chebruche 
mit ber rau feine® ehemaligen Freundes Tilton verwidelt. Diefer Prozeß bauerte vom 
4. Januar bis 2. Juli 1875 vor dem Brookiyner Gerichte, wobei fi bie Geſchworenen 
nicht einigen fonnten, ba neun für Freifprehung und brei für Vernrtheilung waren. 
— Berher hatte feiner Frau an einem Jahrestage, ihrer Vermälung, einen Opal- 
ſchmud verehrt, ben fie jedoch nur wenig trug. Kurze Zeit vor Beginn bes erwähnten 
Standals wollte fie den Opalſchmuck anlegen und bemerfte, dah bie Steine tribe, 
wie mit Dampf beichlagen, ausfahen. Alles Putzen war vergeblich und von ſchlimmen 
Ahnungen erfüllt, ſchloß fie den Schmud wieder in feinen Behälter. Als der Stan- 
dal feinen Höhepunt erreicht hatte, hatte ber Opal jeden Glanz verloren und gewann 


Am Kamin. 351 


dieſen immer meht wieber, je mehr bie über Beechers Haufe ſchwebende Trubſals 
woile fih Mlärte, aber Frau Becher hat den Schmuc niemals wieder angelegt. Sie 
war unerfütterli im bem Bertrauen in bie Tugend und Ehrenhaftigkeit bes von ihr 
ohne Schwanken geliebten Mannes geweſen. 





Salon · Züchertiſch. 

Fictennadeln vom Libanon. Loſe Reiſeblätter von Theodor Sourbed. 
Baſel. Kommiſfionsverlag von Benno Schwabe. 1888. An einem glutzitternden 
Septembertage geht ber Werfaffer biefer Iofen Reifeblätter vol übermütbiger Reifer 
faune in Wlegandrien zu Schiff, um an Port Said, Jaffa, dem alten Joppe, vorbei 
nad) Beirut zu dampfen, von wo er zu Pferbe weiter durch Syrien reif. Er wohnt 
im prachtvoll gelegenen Hötel am Abhang bes Fibanon und reift weiter über ben 
Antifibanon, vorbei an ber uralten Wöfterftraße mit ben Pelsinfchriften des Ramſes 
des Großen, bes affyrifen Königs Ganherib, bes rämifchen Kaifers Mark Aurel, 
des ägyptifhen Generals Ibrahim Pafcha und — Napoleons II, nad Damashus, 
von welder Gtadt, „das Halsband der Schönheit” genannt, ber Berfafer einen Ab- 
leder nach ben Ruinen von Baalbed macht, um dann nad Ramleh zurüczulehren. 
Die ganze Reifebefchreibung if in ſcherzhafiein Tone gehalten, die Schilderungen von 
Land und Lenten, allerlei Reifeabenteuern, befonber® ber Stäbte Beirut und Damaskus, 
fotwie ber Ruinen von Baalbed find änperft lebhaft, friſch und farbenreich, und bie 
iandſchaftlichen Befchreibungen erheben ſich zumeilen zu poetiſchem Schwung. Mande 
ber zahlreich eingefirenten humoriſtiſchen Ergüffe würde ber zartfühlenbe Leer dem 
Berfaffer wohl ſchenlen. Sie find nicht immer fein, und wo es ſich um bibliſche 
Reminiscenzen handelt, bie fi zahlreich auf dem Wege des Wanderers finden, fo 
übergießt er biefe insbeſondere mit ber nicht einmal immer witigen Lauge feines 
Spotted. Wer indeflen fi eines näheren über bie Verhältmiffe dieſes Theile von 
Syrien belehren fafjen will, wird bie „ichtennabeln vom Libanon“ gewiß nicht ohne 
Imtereffe und Nugen lefen. 


Amfelrufe. Neue Strophen von Karl Henkell. Züri 1888. — Karl 
Hentell zahlt ohne Zweifel zu ben begabteften Vertretern ber jüngeren Poetengene 
ration. Leider if er noch immer micht zur tieferen Erkenntnig und Päuterung ber 
in ihm ſchlummernden eblen Geiftesträfte gelangt, oft genug geht feine urfprüngliche 

bung in vollſtändig poeſiefeindlicher wüfter Tendenzmacherei unter, Das Yau- 
ſtiſche Zweifeelenelement iſt beim reinen Lyriker mit Recht verpönt, ba es beflen Aufgabe 
iR, oßne Schminke bie Tiefen feiner Individualität preis zu geben. Wo Hentell 
dies in entzüdenb naiven und reinen Liebesliederchen thut, ummeht ber Hauch echter 
und lauterer Poeſie bie Seele des Leſers, fobald unfer Dichter aber für bie „Rechte 
bes vierten Gtanbed eintritt, geihieht dies in fo einfeitig-abfloßenber manierirter 
Weiſe, daß er unbeſchadet des ebel zutage tretenben Patriotismus bie Sympathien 








ber keſer berſcherzt. — . 
Die getran Ein Berliner Roman von Paul von Szezepanski, Leipzig, 
8 d arl Reißner. ' 


it Intereſſe fehen wir ben jungen Autor, deſſen Novellen und vortreffliche 
Stigzen aus bem Weltſtadtleben feit ein paar Jahren ſchon die Aufmerkfamteit ber 
Literaturfreunde ven, zum erſten Mal das Gebiet ber Romanthätigleit betreten. 
Seine Begabung Halt and hier in ber erfreulichften Weiſe fand, Mit der Gewanb- 
heit unb rubigen Sicherheit eine® tafentvollen Beobadhters unb Kiebensmwikrbigen Er- 
zäblers ſchlingi er die Fäden ber verfdiebenartigften, durch bie Mannigfaltigleit des 
Großftadtlebens verfnüpften Lebensichidjale ineinander, fpinnt fie in feſſelndſter Weiſe 
fort und hebt aus dem bunten Gewebe ben Faden der um bie Titelpeldin gruppirten 
Haupthandlung immer krãftig wirtſam hervor. Die feſſelnd Heransgearbeitete, naturwahre 
Seſtali ber retzenden Polin, die von ber ärmlichen Eriſtenz einer Zeitungsfalzerin 
durch das Stabium ber Operettenfängerin, von Glück und Zufall begünſtigt bis zum 
Rang einer wirklichen Gräftn emporgehoben wird, ſchenkt man trog aller -Rüdfichte- 


352 Am Aamin. 


lofigteit, mit ber fie Uber das Wohl und Wehe ihres ſympathiſchen, gutmüthigen Liche 
habers hinweg zum Ziele ſchreitet, bis zulegt gefpanntes Zuiereſſe. Ihren bunten 
Schidfglen gegenüber verliert bas hoide, |hlichte FiebeeibyN, das ber Erzähler (ba 
ganze Wert hat bie Form eines Ich-Romans) fi felbft erleben läßt, feinen Augen ⸗ 
biid an Intereffe. — Kurz, das nen betretene Gebiet daun als ein erobertes im 
Bir winfgen bem fleigigen, firebfamen Berfaffer ber Falzgräfin zu ber weiteren Veſitz 
nahme deffelben vedht herzlich Glüc! 


Bildertifl. 


Sonnenuntergang. 
Er war ein fühner Geifteöftreiter; 
Nun hält das Alter ihm im Haus, — 
Unb braußen rollt das Leben weiter 
Mit raſchem, flutendem Gebraus, 


Tief finnend figt er Stund' um Stunde, 
Da endlich tritt im Abendſchein 

Mit Ungem Wort und treuer Kunde 
Der Freund, der ernſte, bei ihn ein. 
Nun wird's lebendig um ben Alten, 
Num lauft er hungrig dem Bericht, - 
Und ımter feiner Stimme alten 
Sprüß'n feine Blide Gut und Licht. ° 


Lebenbig fieht er nmu vom weiten 

Des Lebens ſturmiſches Gebraus. — — 

So wirft der Wogenſchlag der Zeiten 

Dog eine Welle ihm ins Haus! — _ı. 


„Eine Resität” und „Ein Priescen“. Bon bem belichten Maler H. Kotſchen - 
zeiter, ber es fo prächtig verſteht, den flbbeutichen Vollscharafter zur Anſchauuug zu 
bringen, führen teir unferen Lefern heute ein paar koſtliche Menbants, Aobildungen 
bayerifßer Dorfmufitanten, vor. „Cine Rovität" zeigt une dab fnflige —— — 
das muftfaktfehe Genie der Dorflapelle, beim Studium eines Glanzfiitdes, geteil 
eines flotten Walzers aus ber neueften Operette, bie vor furzem in der Hauptflabt 
zinbete. Beim Ablefen ber Noten fieht ber Mufitant ſchon im Seiſte die Burfcen 
unb Mäbcen fliegen und jauchzen. Mancer blante Waren fällt bei ſolch einem 
Zugftäd daun aud) für ihm ab. Kein Wunder, daß fein gemüthfiches Geficht ſchon 
im voraus leuchtet! Mit ebenfo brolligem Schmunzeln blidt der Slötenjörg, ber 
‚Held des anderen Bildes, vor fih mieber. Sein ftiller Cuthuſiasmus gilt jedody nicht 
ben Rhythmen von Strauß und Millöder, fonbern einzig und allein feiner alten 
giebften, ber braunen Dofe wol Schnugftabat träftigfter Sorte. Nimmt man an, 
daß in ber nächſten Minute ein zweiter Liebesblid das frifchgefüllte Ma| jel treffen 
wird, ba8 neben dem Braven auf ber Bank fteht, fo kann man wohl mit t dere 
muthen, der flötenjörgel gehöre zu der Klaſſe ber Spielleute, denen, von bem ganzen * 


Mufittram, die Taufen halt body das Liebfte find. I 

Mutter und Kind. 

Ob wohl auf dem Erdenrund Das Puppchen im Feſtgewand 

Ziweie nod fo glüdlic, find, Pranget gar Kofz und fleif 

As hier in ber Feierſtund' Im kniſternden Seidenbanb . 

Mutter und Kind? — — Und golbnem Reif. 

Wie iht fo traut vereint Böglein thurs fÄmetternd kund, 

Zänbelt und lacht babeil Wie fie jo glüdiih find 

Slüdfelige Kinder ſcheint In friediicher Feierſtund: 

Ihr alle zwei! — Mutter und Kind! — 


— — 





Fr. 1. Anzug für Mädgen Nr. 2. Auzug für Mädepen 
aus dunfelrofa Boile. aub Yenfee und „nattblauen 
munet. 


Der Ealon 1989. Heft IT. Band I. 


Ar. 


Anzug für Nädgen, 


24 





354 Arnefte Moden. 


aus bunfelrofa Seide, deſſen Enden vorn auf benfelben herabfallen und oben in 
der Taille eine Schleife bilden. Die faltigen Vorbertheile der Taille werben von 
einer Faltenkraufe und Winbungen aus buntelrofa Seide Bebedt. Die Aernel 
haben einen gleichen Aufſchlag. Togue aus altrofa Surah, mwelder in Bäuſche 
genommen unb vorn mit einer weißen Feder und roſa Flügeln gehalten wird. 
Der Rand bes Hutes ift mit gleichfarbigem Sammet bebedt. 


Ar. 2. Anzug für Mädchen aus penfee und mattblauem Sammel. 

Das ruſſiſche Kleidchen aus penſee Sammet ift am Hals in Falten genommen. 
Ein Gürtel aus mattblanem Surab umgiebt die Taille und bildet an ber Seite 
eine Schleife mit herabhäugenben Enten, welde mit Duaften zuſammengefaßt find. 


Nr. 4. Capote Gall. 


Bon der Echulter, ſowie vom glatten Stehkragen herab bis zum Saum bes Rodes 
iR_ein breiter, mattblauer Surahftreifen fchräg aufgefeßt. An ber innern Seite 
beffeiben befinden fid) Meine Pliffcfalten. Die Wermel baben einen gleichen Aufe 
ſchiag Der runde Hut bat einen niedrigen Kopf, an beffen obern Rand farbige 
Bandſchleifen und eine mattblaue Feder befefligt find. Der Schirm des Hutes 
iR vorn hoch aufgefhfagen und innen mit mattblaner Seide gefüttert. Blaue 


Striimpfe. 
Ar. 3. Anzug für Mädden, 

Der erfte Rod dieſes Kleides aus karrirtem Wollenftofj mit indifd-rothem 
Grund if} durchgehende in tiefe Doppelalten gelegt und im ſchräger Stofflage an- 
gefertigt. Die Polonaife aus inbiih-reiher glatter Boile bevedt als Salirze das 
Vorbertheil des erſten Rodes und ift an ber Taille über den Hüften faltig empor - 
genommen. Die Ructheile find ähnlich kefefligt. Die vorn offenen Borberthe’fe 





‘ 





_ Aenefte Moden. 355 


ber Faltentaille füllt ein ſaltiges Latztheil aus karrirtem Stoff und bildet am obern 
Rand einen Kopf. Die ben Äusſchntt vervollſtäudigende Guinpe aus rother Surah 
iR am Hals faltig eingereiht und Bifvet eine hochftehende Kraufe. Die Aermei 
haben am Hanbgelent einen farrirten Aufſchlag. Die Taille umſchließt ein breiter 
Gürtel mit Stahiſchnalle. Der runde Hut bat eine vorn bocpaufgebogene, mit Surah 
gefütterte Krempe und ein oben hoch am Kopf angebrachies rothes Schlupfenbitfchel. 
Ar. 4. Gapote „Gall“, ” 

Der herbſtgrüne Hut mit fehr flachen Kopf ift vornauf nur mit einigen, ſchmal 

nad) vorn fich neigenben Bandichlupfen garnirt, von denen bie ſich an den Seiten 
flach anlegenden Bindebänder ausgehen. Der born weit offene Schirm bes Hutes 


R 


Mr. 5. Capote aus fapbirblauem viüſch 


iſt mit grünen Tüllpuffen gefüllt. Zwei grünabſchattirte Federn find an biefen 
Buffen, auf das Haar herakfallend, bejefigt. 


Ar, 5. Gapote aus ſaphirblauem Pfüld. 

Das glatte, mit Pluſch belegte Kopftheil des Hutes hat am vordern Rand hoch - 
ſtehende fr nad) vorm meigenbe, nußfarkene Faillebäufche, weiche am ben Seiten in 
flachen Falten befeſtigt find und fi) unter beim am untern Ranb bes Hutes befinb- 
Tihen nußfarbenen Bindebändern verlieren. An ber Seite biefer Faillebäuſche ift 
7 [höner Phantafievogel befefigt. 

Ar. 6. Anzug aus ſchwarzem Tuch und Afrakan. 

Der Faltenrock dieſes Anzugs hat glatte Vordertheile, die an ber Seite ge- 

walten find und unter welchem fi Pliffefalten Befinden... Das eine dieſer Theile 
24* 


Nr. 6. Anzug aus ſchwarzem Tuch und Aftcafan. Ne. 7. Mantel aus gemuftertem Wollenftoff und Sammet. 


Deine, Google 


358 Neueſte Moden. 


ift etwas höher unter ber Taille befeftigt unb an der Seite herauf mit einem, unten 
breiten, fpig nach oben verlaufenden Aſtrakanaufſchlag beſetzt. Den untern Rand 
ber glatten, vorbern Rodtheile zieren Baflementrofetten. Die Rüdtheile ded Rodes 
falen flach herab Die glatte Taille ift fhräg übereinandergehenb gefhloffen und 
ebenfalls mit vier Paffementrofetten vorn herab beſetzt. Der unten breite, oben jpite 
zugebende Aftrafankefat ber glatten Aermel ift gleichfalls mit einer Roſeite verfeben. 
An der Taille befindet fih ein Afrofantheil, weldes an der Hlfte mit bem von 


Mr. 8. Meiner Beutel zu Stidereien ıc. 


unten tommenben gleichen Teil befeftigt iſt und das ſich nad vorn breit auf ben 
Taillenrand auflegt und unter dem ilbergefnöpften Vordertheil enbigt. Stehtagen 
von Aftrafan. Der Heine Muff von Tuch hat Pelzränder und obenauf eine Schleife, 
Gapote von Sammet mit Gofbfebern verziert. Helle vandſchuhe Zu diefem Anzug 


Nr. 9. Jage aus englifhem Stoff. (Border und Ridanfiht.) 


iR an Stoff verwendet: 1 Mtr. Tud zum Falten. 1 Mir. 30 Centin. zur Draperie 
tete. 2 Dir. GO Gentm. zum Puff und zur finfen Seite. 1 Mtr. 50 Gentm. zur 
Taille. Im Ganzen 6 Mir. 40 Eentm. 


Ar. 7. Mantel aus gemufleriem Bollenfioff und Tammel. 


Die Bordertbeile ber Taille find anliegend und haben in ber Diitte Falten, 
welche fi auf den Nodtheifen fortfeßen. Dieſe Zalten werden oben mit zwei breiten, 





Lu 
- Aenefle Moden. 359 


fPihauslaufenden Sammetaufihlägen begrenzt. Am Schluß ber glatten Rückentheile 
beginnen Sammettheile, welde mach unten fid) verbreiten und abfhrägen unb bie 
nad) der Hüfte zu angebrachten Rodfalten am Hintern Rand herab fehalten. Die 
langherabreiienden Wermeltheife faufen am ber dordern Seite der Hlftfalten herab 
md endigen am Rodfaume in einer Spige. Die unteren Ränder des Mantel, 
welche außerhalb ber Falten fih befinden, haben einen breiten Rand aus Sammet. 
Der vorbere Rand des Aermels bildet einen in ber Breite bem untern gleichen Be- 
fa und verbreitert fih don da bis nach ber Hüfte. Bon ber Schulter ausgehend 
befindet fi auf bem Aermeltheil aus Wollenfoff ein oben breit angeſetztes Sam- 


Mr. 10. Runder Hut. 


mer heil, welches bie ganze Länge deffelben herabreicht und in einer Spige, ba wo 
der vordere Sammetbeſatz bes Nermeltheiles endigt, ebenfalls befeftigt ift. Kleiner 
&: ımetmuff mit Pelzrändern Capote von Sammet mit cremefarbigen Tüllrüſchen 
un eber. Helle Handiduhe. 


Ar. 8. Kleiner Beutel zu Hlidereien it. 

Ein vierediges Stüd roſa Atlas ift mit einem befidten Spitzentheil bon 
m belegt. Die beiden gegenfeitigen Ränder befielben werben einige Centimeter 
d in Salten zufammengezogen unb ber obere Rand des Meinen Beuteld mit 
ein © beftidten Spitenfalbel umgeben. An ben zufammengenommenen Enben be- 
fir n fi roſa Bandfcpleifen, unter welchen bie Enden des Beutels herborftehent. 


22: 


360 Neueſte Moden. 


Ar. 9. Fade aus engliſchem Stoſſ. (Border- und Rüanfidt.) 

Die vorn offenen Vordertheile find auf ein glattanfiegenbes Latztheil aus 
gleichem Stoff vermittels Meiner Knöpfe befeigt. Diefes Patstheil hat oben und 
am unten, eine Spige bildenden Rand aufgenähte Borben. Auch ber Stehlragen 
und bie runden, gefpaltenen Ränder ber Fade finb damit Genäht. 


Ar. 10. Runder Hut. 

Der. fehr niedrige Kopf und Rand dieſes Hutes ift mit ſchwarzem Sammet 
belegt. Nach der Mitte zu, am äußerften Rande des Kopftheiles, befindet fih eine 
große, bochftehenbe Aigrette aus ſchwarzen Atlasbaudſchlupfen. Den Rand des Hutes 
dedt vollfländig eine große ſchwarze Feder, welche am Hinterkopf mit einer ſchwarzen 


Nr. 11. Haarfrifur. 


Aulasbandſchleife befeſtigt if. Der innere Raub des Hutes if mit Sammet belegt 
und das Kopftheil mit ‚weißem florence gefüttert. 


” Ar. 11. Saarfrifur, “ 

Diefe kleidſame Friſur wird auf ber Höhe des Kopfes nah vorn aufgefledt. 
Auf einem Heinen aufammengerolten Haarknoten befefligt man, mit Ausnahme eines, 
am Naden zurüdgelaffenen Strähns, die nah oben vereinigten Haare. Die Stirn- 
Tödchen werden in Ermangelung ſtarken Haarwuchſes durch untergefchr ne Löckchen 
erfegt. Hat man von bem mad) oben genommenen Haar, welches ebenfalls hei nicht 
genügenber Fülle mit einigen Strähnen vervollſtändigt werben kann, Schlupfen und 
Kuoten geftedt, fo nimmt man dann ben Nadenfträhn auf und befetigt biefen ber- 
artig inter den nad) vorn hochſtehenden Schlupfen, daß dieſe bad’ & eine Stile 
erhalten. Auch die im Naden berabfallenden Löcchen können dei K mangel fünft- 
lich erfegt und unter dem Strähn befeftigt werben. 


Wevaction, Berlag und Drud von &. 9. Bapne in Meubnig br: ( :1Piig- 





Nenjahrs-- Bilder. 
Nach einer Originalzeichnung von Wilhelm Grögler. 


N) 


HHotographien aus dem Offiiersleben.: 


Bon A. von Gersdorf, 


I 
Kamerad „Gilka“. 


erwünfchter Zuftand! — Da fige ih nun allein in 
diefer mijerablen Wohnung und denke nach!! Kann 
es etwas wahnfinnigeres geben?! Wenn’s nur ein 
Anderer gewefen wäre, ein Befjerer als ih! Weiß 
Gott, jegt fühle ich erft, was mir das Weib gewefen! 
fen fahl£öpfigen Salathüpfer zu nehmen, ein Menſch, 
ıt einmal reiten kann! — fit wie eine Klammer auf 
e! Aber gefchieht Dir ſchon recht, mein guter Lud⸗ 
wig, Du Hatteft ja noch unendlich viel Zeit! Was joll ich nur 
anfangen? Ich lann mich doc, nicht allein hinfegen und dieſen ver- 
wünſchten Abend mit Seft begießen! Wenn ich ur jemand da hätte, 
dem kgenüber ich mid) austoben fünnte! Will 'mal zu Gilfa gehn!” 
mb der Premierlieutenant Graf Röbern drüdt bie Mühe auf 
die umbüfterte Stirn und verläßt die mijerable Wohnung, die ihm 
der erjte Decorateur der Stabt — „haute nouveaute“ natürlich — 
eingerichtet hatte. Nur in ſolchen Stunden bedeuten geſtickte Vor⸗ 
hänge umd magnifique Raffepfer! —* nicht allzuviel! 
—D taunsdorff!“ — Der verzweifelte Graf ſtand in der 
engen Straße und vief gedämpft zu ben dunklen Zenftern hinauf. 
„Scheint nicht zu Haufe zu Kin! Es wird doc) ein wenig zu 
viel des Bummelns! Sit ein guter Junge, ber befte Kamerad, den 
es giebt, aber, wenn er fo fort macht, befommt er auf Ehre näd- 
ſtens 8. S. S. in der Conduite; verdient wahrhaftig jeinen Spig- 
namen 2 ih 
Ein Fenſter öffnet ſich droben und das Haupt Friedrichs, des 
Och erjcheint. 
Lieutenant fatafen, Ser Graf!“ 
läft!? Unſinn! die Thür auf.“ Es geſchieht; der 
Graf "Himmt ftolpernd die — le Stiege hinauf und — Aſſein⸗ 
Der Salon 1889. Heft IV. Band I. 


362 BPhotographien aus dem PVffisiersieben. 


in das Schlafzimmer des Lieutenant® von Staunsdorff, unter den 
Kameraden „Gilfa“ genannt, aus naheliegenden Grinden. 

‚Schon im Etut, alter Freund? 's it faum zehn Uhrl?“ 

„Mir war fchauderhaft jchlecht, Beſter!“ 

„Wie glaubjt Du wohl, daß mir ift?“ fragte der Graf. „Erna 
hat ſich verlobt!” 

„Nun gut, da bift Du ja die Gefchichte los! Du Hatteft Dich 
ja Eräftig zurüdgezogen! Weißt Du, wern man dem Bedienten zehn 
Mark giebt, damit er fagt, er habe die Einladung an Dich bergelfen, 
und bie Seigte kommt "raus, dann kannſt Du Dich nicht wundern!“ 
s En ern, nein! Ich bin außer mir. Sept fühle ich erft, wie 
ich fie liebe!“ 

„Guter Ludiwig, mein Kopf ift wie in einer Schraube, Du 

könnteſt vielleicht morgen — —!“ 
. „Gilka, ich kann nicht allein bleiben, ich muß austoben. Thue 
mir den Gefallen und gehe mit!“ 

„Nun, weine nicht, Graf! Ich fteige in die Montur und geh’ 
mit Dir, wenn's Dir Erleichterung bringt, mic wird's nicht todt 


Wenige Minuten jpäter waren die Freunde auf der Strafe und 
der gutmüthige Gilfa konnte vor Kopfjchmerzen kaum den eg 
fehen, aber er Hatte in feinem ganzen Leben noch feinem Menichen 
eine Bitte abgelchlagen! 

Einige Tage fpäter begann das Manöver. Eine fühle, regne- 
riſche Biwal-⸗Nacht fand unferen Freund Staunsdorff-Gilfa auf behag⸗ 
lichem Strohlager in feinem Zelt, das er mit zwei anderen Offizieren 
ae Plöglih fühlte er fi etwas unfanft am ber Ehulter 
efaßt. 

s „Was giebt'3? Iſt Alarm?“ 

„Aların ift nicht!“ fagte der junge Lieutenant Solm, der vor 
ihm Stand, „aber Sie knirſchen jo entjeglich mit den Zähnen, liebſter 
Staunsdorff, mir läuft ein falter Sipaner nach dem andern über!“ 

„Bedaure aufrichtig, aber vielleicht könnten Sie einichlafen, 
wenn ich eine Weile wace!?“ 

„Kein Gebante, “ bin ſchon vollitändig nervög!“ 

‚ „Nun, jo gehn Sie hinüber in Meerheims Zelt, 's iſt ja nicht 
beſonders weit!“ war der freundliche Rath. 

„Meerheim, dem ich ſchon am Tage fo weit ala lich aus 
dem Wege gehe!? Sehen Sie, ich bin geftern den ganzen Tag über 
Hin- und hergejagt — ein Ordonnanz- Offizier vom alten Artmann 
Hat mabnhaftig fein leichtes Leben!“ 

„Lieber Solm, Sie feinen zu wünjchen, daß ich mein eigenes 
‚Belt, verfaffe und bei Meerheim eine Unterkunft erbitte!?" 

Damit ftand der gute „Gilka“ langſam auf, nahm fein Strol 
unter den Arm und verließ Eopfichüttelnd das Belt. 

In Meerheims Zelt hatte er num die Rechnung ohne den Wirth 
gemacht, nicht weil dieſer Schwierigkeiten erhoben hätte, er wäre au“ 


Photographien aus dem Effiyiersichen. 363 


das hül 
blauen Augen und dem kurzen, blonden Schnurrbart, dem euer zu—⸗ 
gelehrt und machte weiter feine Höheren Anſprüche an das Schidſal. 

Wer hatte ihm nicht gern? Wer hatte ihm nicht ſchon Heinere 

ober größere Gefälligkeiten zu danken? Ueberall war er willfommen, 
und wo es noch fo eng war, für den alten „Gilka“ und fein. Glas 
wurde Pla gemadt. Man war fo ficher feines gemmärdigen Nickens 
oder feiner ftehenden Antwort: „Wenn's Dir Erleichterung bringt, 
Kamerad, — natürlich!” fobald man ihm mit einer Bitte nahte. 
B Hatten Freunde in angeregtem Zuftande Streit befommen, 
Gilka ftedte fein gemüthliches Geſicht dazwiichen: „Na, Kinder, lat 
die Geſchichte geh'n, da füllt mir 'mal mein Glas!“ und legte mehr 
als einmal die Geſchichte bei. 

Wollte ein Kamerad Jagd⸗Urlaub, oder hatte er andere drin— 
gende Angelegenheiten auswärts Br ungelegener Zeit, wie oft hieß 
es da: „Gilka, oller Junge, Du bleibt da, Du vertrittft mich, wenn's 
Dir nicht unbequem ift!?" Es ſchien ihm felten unbequem zu fein, 
und er machte freundlich und oft genug ben Lücenbüßer. 

Hatte ein Avantageur Dummheiten gemacht, die ihm die Epay- 
letten often Tonnten, er balf ihm aus ber Klemme! Nur mit 
schriftlichen Arbeiten durften Sie ihm nicht kommen, davor hatte er 
eine unglaubliche Scheu! 

Das Mandver ift vorüber. Ein großes Liebesmahl ift gewefen. 
Mit einem glänzenden Eindrud werden die auswärtigen Kameraden 
der Divifion dad Regiment verlaffen. 

Das Diner ift % tadellos, Dank dem Tiſch⸗Direktor Grafen 
Nöbern, der Ernas Verlobung überwunden zu haben ſcheint, denn 
in der Heuchelei war er niemals Meifter, und er tjt unglaublid) ver- 

mügt. Die magnifiguen Räume des Kaſino enthalten einen Kleinen, 
” idenen Spieljaal, in dem zuweilen natürlich kleines Epiel ges 
fpielt wird, wie es höheren Ortes geftattet ift, aber ſeht euch nicht 
um nad den bedeutenden Summen, die da zuweilen bin und her 
25* 5 


364 Photographien aus dem Vffiziersleben. 


gleiten. Es dringt nichts davon hinaus in die „Geſellſchaft“, man 
ift unter Kameraden, alſo „en famille“, und das find ſchöne, edle 
Einrigtungen. Der Corpsgeiſt der Regimenter, Achtung vor ihm! 

Im Kaffeezimmer auf einem bequemen Plüſchſopha, eine Taffe 
Molka und ein itöngäschen vor fich, figt Lieutenant von Staunsdorff 
bei der friedfamen Befchäftigung, das müde Ausjehen feiner alten 
Müge durch geichidt eingelegte Schwefelhölzer zu Heben; da wird 
die Goire aufgeriffen und ein Offizier, es ift der Freiherr von Meer⸗ 
heim, ſtürzt ziemlich verftört, wie es fcheint, durch das Gemach; 
Gilfa erbliden, auf ihn zueilen, feine Hände faſſen und ihm jammer- 
voll in die runden, blauen Augen jehen, ift eins! 

„Run, Kamerad, was jol’s?“ 

„Alter Freund, warjt immer an der rechten Stelle, wo's noth 
— ‚fernen alle Deine gentlemanliten Gefinnungen, mußt mir 

jen!“ 
* „Natürlich, wenn's Dir Erleichterung bringt, Kamerad!* ift die 
etwas betroffene Antwort. 

„Es würde mich von einer Zentnerlaft befreien.“ 

Sprich nur geug Du weißt ja!“ . 

„Gewiß Freund, Du mußt mir Deinen Namen zu einem Wechſel 
eben, habe drinnen unglaubliche Summen verloren, muß morgen 
üh zahlen, muß — veritehft Du?“ 

„Natürlich, aber Wechſel Türziben ohne einen Heller in der 

Tafche, kommt meines Glaubens dicht vor Einbruch!” 

Ich verfichere Dir, reine Formſache! Du giltit als wohlfituirt, 
bift es ja auch wahrjcheinlich! Ich zahle am erften die Summe, 
hörſt nichts wieber von der Gefchichte, auf Ehre!“ 

& Und Herr von Meerheim wiſchte fih den Schweiß von ber 
tirne. 

abe nicht einen Heller in der Tafche, mein Beſter!“ 

Was thut das, Du ſollſt ja auch nicht zahlen!“ 

WMachſt — am Ende unglücklich, Meerheim?“ 

„Nun, jo laß es, muß dann eben zu andern, habe Dir meinen 
höchſien Schwur gethan, mehr kann ich nicht!" 

„Beruhige Dich, Kamerad, ich will ja, natürlich!“ 

„Dank, vielen Dant, iu: auf mich im Leben und Sterben!“ 

Bald darnach figt Gilfa wieder in der Sophaede; er betrachtet 
zufrieden die reparirte Müge, hat ein bampfendes Gläschen Punſch 
vor fich und fat die ganze Affäre vergeſſen! 

Und vier Wochen fpäter: Wo bift Du, Kamerad Gilfa und 
Dein Glas? Wo bift Du, guter, gemütlicher, gefälliger Kamerad 

Da liegt er ausgejtredt auf fühlem Waldesgrund, das hübfche 
gemütvolle Geficht ſtill und ernit dem Himmel zugewendet. 

Ein Freund Hat ihn erſchoſſen! 

Warum? Wieſo? 

Wie war's möglih? Gerade ihn? 

Das find Fragen, die das Ehrengericht angehen! Es ift ftren 


BPhotographien aus dem Bffiiersleben. 365 


IL, 
Harry, der Löwe. 


„Lieber Hauptmann Erfah!“ 
Gnẽdiges Fräulein befehlen?“ 
„Sie find ja mit dem Lieutenant v. K. befreundet, kommt er 
eigentlich Heut’ Übend? 
„Weiß der liebe Himmel, wo er fein Gebiet burchftreift!“ ift die 
Antwort de3 jungen Infanterie-Hauptmanns. 
„O, es ift jchon recht fpät und ich bin zur erſten Françaiſe 
mit Herr v. K. engagirt, wenn er aber nicht fommt, jo — —!“ 
„So ift er des Glüdes nicht werth, daß Sie auf ihn warten, 
meine Gnädigſte“, fagte der Hauptmann, nicht ohme einen Anflıy 
leiſen Spottes. „Es ift neun Uhr, aber der „Löwe“ pflegt Fr 
erwarten zu laſſen, nicht weil er eitel wäre, — fondern weil er 
faul ift“, wollte der Hauptmann jagen, verbefferte fi aber und 
ſchloß: „weil er fehr in Anſpruch genommen ift.“ 
„Warum nennen Sie den Lieutenant v. K. der „Löwe“ und fo 
offenbar fpöttifch, ‚Ser Hauptmann? Mir ift er immer nur als ein 
“benswürbiger und geiftvoller Offizier erfchienen!“ 
Der Hauptmann ſetzte langfam fein Glas auf: „Tant pis pour 
mein Kätchen“, denkt er dabei und antwortet bieder: „Weit ent- 
at, gnäbiges Fräulein! Ich ſchätze den guten K, jehr, doch werden 

zugeben, daß er folange „Löwe“ ift, als er „König der Wüſte“, 
Ite Yagen: der Saifon hi nun, vor diefen Thieren iſt immer gut, 
arnt zu Jin, ſelbſt im gezähmten Zuftande find fie gefährlich, 
” Sie bleiben immer Raubthiere, die vierbeinigen Löwen zerreiken. 


366 Photographien aus dem PBffiyiersieben. 


und verjchlingen ben Menjchen ganz, wonach ihnen wieder wohl ift, 
die zweibeinigen —5 nur das Fa befte und auch das 
nur dom zarten Geſchlecht. Doch da ift er und ich weiche!“ 

Hauptmann Erlach verneigt fich und ftreift an dem Eintreten- 
den freundfchaftlich vorbei, ihm mit dem bewaffneten Auge eine 
Sekunde zublinzend. 

„Wirſt fehr erwartet, Harry!“ 

„Meinetwegen!“ 

„Bift nicht bei Laune, Bruderherz? Sieh’ Dich vor, ſcharfes 
euer da drüben!“ 

„Bah, Hatte befferes vor! Bleibe nur eine Stunde, wenn ich 
Tostommen Tann!” 

Ob er fchön war? DO ja! Geiftvoll und liebenswürdig? Auch 
wohl! Denn dieſe Schönheit ftrahlte von intelleftuellem Glanz. 

Ih fah einſt ein höldes, junges Geſchöpf in der Ede eines 
—8 lällſaales ſtehen, und hörte fie leiſe flüſtern: „Ob er wohl 

w iſt?“ 

Dies iſt Die letzte Frage, ſchöner, liebenswürdiger Löwe, ob Du 
wohl brav bift? 

Langſam geht er durch den Saal, die hohe, ſchlanke Geftalt, 
bie ihren Auf verführerifher Schönheit mehr der, unübertrefflichen 
Geſchmeidigkeit, als vielleicht vollendeter Proportion zu banfen hat; 
ein Hein wenig gebeugt, dadurch jeltfam abftechend von ben Same- 
raden mit der militäriſch geraden Teen den ebel geformten Kopf, 
die großen, ſchwarzen Augen, die jo zärtlich, jo Luftig und auch fo 
unendlich vorwurfsvoll zu bfiden veritehen, vergißt nicht leicht das 
Herz eines Weibes, zu dem er fich in ſchnell verraufchter Liebe ein- 
mal hinab gebeugt. 


‚umeilen bleibt er jtehen, hier eine Hand ſchüttelnd, bort ein 


Lächeln, ein Scherziwort erwibernd, oder raſcher dahingleitend, ger 
ſchickt auf die Stelle parirend, um feinen ſchönen Kopf ehrfurchts- 
vol zu neigen und eine Sefunde gehorfamft zu zögern, einer mög- 
lichen Anrede von ſchöner oder ren Kippe Zeit zu Iaffen! 

Wie fie ihm nachblicken, hier jtrahlend, dort verftohlen, der 
ältere Kamerad, mit Wohlwollen und Billigung und Freude, denn 
er ift der vollendete „Gentleman“ überall, am Bantetttiih, am 
Spieltifch, in Ehrenhändeln unter vier Augen!! Seine Diskretion 
jeht ins unglaubliche, der jüngere und jüngfte Kamerad fieht ihm 
Friend und bewundernd nad, fein nachläſſiger Gang, der Schnitt 
jeiner Haare, die unvorjchriftsmäßige weiße Schnur oberhalb feines 
Uniformrodes wird vorfichtig kopirt, fogar die ihm ganz allein eigene 
Art, vertraute Freunde mit den Augen und Augenbrauen zu grüßen, 
findet_mehr oder weniger Nachahmung. 

D prächtiger Löwe! 

Nur einer hat Heute fein Verftändniß für ihn und feine Be— 
wunderung, fein Auge, feine Begrüßung, als einen jchlaffen, geiftes- 
abwefenden Händedruck. Es ſchweift fein Blick über die Menge, bir 


Photographien aus dem Offisiersleben. 367 


fi) eben zur Quadrille in Ordnung zu bringen fucht, und mit ver- 
‚weifeltem Gefichtsausdrud ſchiebt er den Finger ab und zu in den 
Febr engen Kragen der Uniform. Es ift der maitre de plaisir. 
Harry winkt dem Unglüdlichen mit den Augenbrauen und jagt im 
vorbeigehen: „Mache es nicht zu lang, Werber!“ erhält aber nur 
ein Achjelzuden zur Antwort. 

Ihre Erzellenz, die Höchiteommandirende hat ihm ſoeben im 
vorbeigehen gejagt: „Machen Sie es recht lang, mein lieber Werder, 
das Souper ift noch nicht fo weit, Sie verftehen?!“ 

Tiefe Verbeugung. Er gehorcht und ſchiebt den nachläffig bum- : 
melnden Löwen an feinen Pla, ihm noch zuraunend: „Commanbire 
ein aut bei Dir da, im Carte ift immer eine heillofe Konfufion 

uch“ 

Harry ift mist ‚u verwechfeln mit dem gewöhnlichen Allerwelts⸗ 
Courmacher oder Hofgrafpler. Was er fagt, hat Hand und Fuß, 
und ift oft ſchön gedacht. Seine ‚Sufbigungen find vollwichtig und 
fein Geſchmad nicht leicht zu befriedigen, aber bie Ungenirtheit, mit 
der er feine Bewunderung oder Liebe zeigt, unübertre| in Da fteht 
er mitten im Saal, einer jungen & vnheit feinften Stils einige 
Verſe eines berühmten Dichter? als Antwort auf eine unbebachte 
Frage ihrerjeits, mit einem Ausdrud in den tiefen, ſchwarzen Augen, 
daß Seine Exzellenz, der feine zwei Schritte von ihm fteht, fait er- 
ſchreckt zurüdtritt. Hat er ernfte Abfichten? 

Zumeilen einen Anflug, doch er läßt nicht gern etwas davon 
verlauten. Im allgemeinen pflegen ja doch Löwen ſchließlich zu 
heiraten und damit aufhören Löwen zu fein, aber Harry hat fein 
Vermögen, aber immer Geld. Er iſt tadellos beritten, treibt den 
Sport, aber nicht jodeimäßig, nennt fich mit feinem Rittmeifter „Du“ 
und füßt feine ehemalige Gouvernante, eine fluge und liebenswür- 
bige alte Dame, die er zuweilen eff, 

Löwe, viel geliehter, beiwunderter, verwöhnter Löwe! wart Du 
es, der in jener reichen und bewegten Winterfaifon fo oft leidend 
Br Ind den Himmel des Ballſaals ohne Sonne ließ, d. h. ab» 
jagte?! 

Warft Du es, der den folgen Kopf unter jene Eleine, niedrige 
Thür neigte, wo die gute, alte Dame wohnte, und im Kleinen Kreiſe 
gen hoch im Nange ftehender Menfchen, die von Ballfaal und 

ſeüſchaft nur aus Büchern wußten, bis weit nach Mitternacht ſaß 
und fein gutes Herz, feinen luſtigen Wig, feinen echten Sumor 
lenken ließ? Warft Du es, der ſchweigend das En jene Nixen⸗ 
haar bewundert, wenn der Eleinen Lampe Schein es jo herrlich aufs 
leuchten ließ, war es Dein Kuß, der fo heiß auf den fchlanfen, 
weißen Händen brannte, die auf den Tajten des alten Klaviers 
rubten? Come back again? War ed Deine Thräne, die auf diefen 
Händen funtelte, ala Du Abſchied nahmit und fie übers Weltmeer 
ziehen ließeft, woher fie gefommen, um dem alten, nüchternen Europa 
zu zeigen, was Schönheit war!? Jawohl, Du gingſt ruhig und 


368 Photographien aus dem’ Hffiyiersichen. 


traurig, aber ohne Selbftvorwurf und überwandeft muthig die Er— 
innerung an das Ideal Deines ehrlichen Löwenherzens. 
Da geht ein Schrei durch die Gefellichaft: „Harry heiratet!” 
Man beklagt es, man nimmt es übel, man findet ihn unbegreif- 
lic, man jagt ihm nichts gutes in der Ehe voraus, aber, man kann 
Sa nicht ändern und ergiebt ſich in das gebrudte oder Lithographirte 
tum. 
Junge Löwen fpringen verjucheweife auf das freigewordene 
Boftament, können ſich aber nicht halten, man ift verwöhnt und der 
öwe muß fertig fein wenn er erfcheint, nicht erft werben, fonft ver- 
fehlt er den Zweck. Ja, er heiratet und wird Bater! Wen?! 
Wo?! Wie?! Das geht und nichts an! Er ift ja nicht „Löwe“ 
mehr! — 


u 





Brida von Shüß. 


Ein romantiſches Bühnenmwanberfeben früherer Zeiten. Bon Anna Löhn - Siegel. 


vethe fagt in den Frankfurter „Gelehrten Anzeigen“ vom 

9. April 1773: „Laßt uns jede, auch Die unerheblichite 

Nachricht vom Zuftande. ber deutſchen Bühne aus Patriotis- 

muß nicht verachten" — und an einer andern Stelle: „es 
ftedt oft mehr von unferm volfstyümlichen Geifte in getreuen Nach- 
richten über die deutfche Bühne und ihre Vertreter, als in langen 
Abhandlungen über unjere Nation.“ 

Diefe Ausiprüche des Altmeifters finden volle Anwendung auf 
die künſileriſche Perjönlichfeit, um deren Lebensgang es ſich hier 
handelt. So furz die Spanne Zeit war, die ihr das Geſchick gu 
Entfaltung ihrer Bühnenwirkſamkeit gönnte: fie konnte als eine 
berufenften rtreterinnen deutſcher Innerlichleit und deutſchen 
Humors gelten, die in unſerer Jahrhunderthälfte von der Schaubühne 
herab die zarteſten Saiten unſeres Gemüths erklingen machte. 

Frida von Schütz gehörte zur Zeit ihrer höchſten künſtleriſchen 
Reife dem Dresdener Hoftheater an, zu deſſen ſchönſten Zierden fie 
gibt wurde. Diejenigen, die von dem erfrijchenden Hauche der 

arftellungen und der volfsthümlichen Liedervorträge dieſes echten 
Naturtalents berührt worden find, haben fie nie vergeffen fünnen, 
und ftimmen mit dem Dichter Otto Ludwig überein, der von ihr 
jang: 
ſang Des deutſchen Herzens Wehmuth, ſtilles Sehnen, 
ünd feines derchenjubels Wunbertöne, 
Du trugſt fie in der Bruſt.“ 


ig war ein merkwürdige Gemiſch von Idealismus aus 
merfter Anlage und Begabung, und von Naturalismus aus Mangel 
Schulbildung und Verfeinerung durd) Erziehung. Trotz Dieles 
ingels, der ans unglaubliche grenzte, und hauptjächlic, in dem 
elojen Bühnenwanderleben ihrer Eltern zur Zeit der Schulpflich- 


370 B Frida von Schũtz. 


tigfeit be3 Kindes zu fuchen war, zeigte der ideale Grundzug ihres 
ejens doch Beftändig, Wie die Magnetnadel nad) Norden, mit einer 
wahrhaft rührenden Schnfucht nad) jenen lichten Höhen, auf benen 
die Blume der Veredlung durch Erfenntniß blüht. Das hatte zur 
Zolge, daß fie fich, wo immer es möglich war, an Perjonen anſchloß, 
von denen fie mit feinerrathendem Gefühl vorausfah, fie würden 
bei näherer Befanntfchaft ihre Unbildung nicht belächeln, jondern ihrem 
Wiſſensdrang unterftügend und belehrend entgegenfommen. Bald 
hatte fie unter allen Kolleginnen meine Wenigfeit zur Vertrauens— 
perfon auserleſen, etwas, das mich umſomehr überrafchte, als mir 
noch nie von einer jungen Kunſtgenoſſin eine ſo freiwillig gebotene 
und ſich liebend unterordnende Zuneigung zutheil geworden war. 

Frida wollte immer lernen, fie-fragte und forſchte unausgeſetzt, 
ſchämte fich mir gegenüber ihrer Unwiſſenheit nicht, und ar dem 
dauerbaren Pfeifer jochen Lehrens und Lernens ruhte unfere Be- 
kanntſchaft, die fich durch des trefflichen Mädchens dankbare Anhäng- 
lichkeit zur Freundſchaft erhob. 

„ijfene“, fagte fie einmal in ihrem treuherzigen öfterreichifchen 
Dialekt zu mir, „i_ möcht Ihne alles erzähl'n aus mein'm Leben, 
und i möcht, da Sie all’ das Zeug auffchrieb'n.“ 

So gejhah ed. Sie erzählte, und ich fehrieb, denn „all dag 
gu war merkwürdig, nicht allein in Bezug auf die Gemüt3- und 

Iententwidelung ber Erzähferin, ſondern aud um ber oft wilden 
Romantik willen, die fid) in ben Fahrten ihrer Eltern mit den beut- 
ſchen Schaufpielertruppen durch die Steppen und Heinen Städte 
Ungarns, Siebenbürgens und Kroatiens während der faft noch eijen- 
bahnlofen Zeit der dreißiger und vierziger Jahre ausprägte, 

In Lugos im Banat wurde Frida von Schütz geboren. 

„Sie war halt a verfrühtes CHriftkindl“, pflegte ihr Water zu 
jagen, „denn ber 22. Dezember 1838 bracht' fie ind Haus, und ihre 
Mutter lag in a nit viel befjerm Bettg’ftell, al a _Kripp'n.“ 

Frau von Schüß ftammte aus ber ſchönen Steiermark, Eine 
unüberwindliche Neigung zur barftellenden Kunft hatte fie ans guten 
bürgerlichen Verhältniffen zum Bühnenwanderleben fortgetricben. In 
Siebenbürgen lernte fie bei einer umherziehenden Schaufpielertruppe 
den bayerijchen Lieutenant von Schüg fennen, ber dem Kriegahand- 
wer entfagt und gleichfalls aus Begeifterung für Mufif und Theater 
Dienfte bet der dramatifchen Mufe genommen hatte. 

Er war Iyrifcher und komischer Tenor, jpielte aber, wenn Noth 
war, auch Väter und Intriganten, und verfah zeitweilig mancherlei 
Aemtchen, die bei der Truppe gerade unbefegt waren. Beide deutjche 
Kunſtenthuſiaſten fchloffen ein Herzensbündniß, das ſpäter Die kirch- 
liche Weihe erhielt. Außer Frida wurden dem liebenden Paare noch 

‚wei Kinder geboren, ein Sohn und eine Tochter. Als ich die 

milie in Dresden fennen lernte, wurde von derſelben der Pater 
Bellermann an der fatholifchen Hofkirche bafelbft gerade erfucht, mit 
feinen Herren Amtsbrüdern in Ungarn und Kroatien zu forreipons 


Er 


Frida von Schũh. 371- 


diren, um für Sepp, den jungen Sohn, ein Taufzeugniß zu erlangen, 
das, wie die Mutter fagte, „mit vielem andern Thenergrrümpelt 
verloren gegangen war. Die Eltern aber wußten nicht mehr genau, 
wo Sepp die heilige Taufe erhalten hatte, der Water meinte in 
Temesvar in Ungarn, die Mutter behauptete, in Jaszka in Kroatien. 

In Kroatien auch begann Fridas Lebensgang über die Bühne, 
und zwar in Karlaftadt, wo fie im Alter von vier Jahren als Kleiner 
Sranzl in der Poſſe: „Der verlaufte Schlaf“, ihre erften Lorbeeren 
pflüdte. Durch die Freimüthigkeit und Natürlichkeit ihres Spiels 
gewann fie ſogleich ‚alle Herzen. Ihre wirkliche Mutter, eine hübſche 
junge Frau und routinirte Schaufpielerin, war zufällig ihre Theater- 
mutter im Stüd, und als der Schaufpieler Menks, der den Vater 

anzels darftellte, Fridas Mutter auf der Bühne wieberholt zu 
füffen hatte, improvifirte die Kleine, von einer Art Eiferfucht erfaßt: 
a, Du kannſt aber nit genug krieg'n mit Deine Buffertn“ 

Selbſtverſtändlich — eine ungeheure Heiterkeit im Publi- 
tum, bie fid) lange nicht beruhigen wollte und Frida ganz verdutzt 
machte. Leiſe fragte fie die Mutter: „Was hab'n denn d’ Leut’ da 
unten, daß fo an Spektakel mad'n?“ 

Franzl wurde mehrmals herausgerufen und ein riefiger Sufenn 
offizier, der auf der nächiten Bank hinter dem Orchefter ſaß, nahm 
die Kleine von der Bühne herab und reichte fie weiter, jo daß fie 
im ganzen Parterre von Arm zu Arm wanderte, wobei viele Zwan— 
ziger und größere Gelbjtüde, auch Zuckerwerk und Obft, in bie 
Hofentafchen des Heinen Franzis flofjen. 

Diefer Lachjubel Amieberholte fid) ein Jahr fpäter in gg in 
Kroatien, ald Frida den Knaben Chriftel im Luftfpiel „Der Wittwer“ 
fpielte. Da geſchah es, daß in dem Heinen, mangelhaften Mufen- 
tempel ber altersfchwache Vorhang von Gingan, mitten entzwei riß, 
als man ihn aufzog, weil Frida berausgerufen wurde. Das frühs 
reife Kind empfand das Lächerliche dieſes Vorgangs, ſchaute verdrießlich 
in bie Höhe, wo ber letzie übrig gebliebene pen flatterte, und 
tief dem Borhangaufgieher zu: „Hörens, Sie müff'n den alten Gin- 
gan nit jo befpeftirli zammreiß'n.“ Natürlich verdoppelte ſich nun 
der Beifall des Publiftums, und man warf dem Heinen muthigen 
Chriſtel Apfelfinen zu und anderes Opft, aber im fmeigjefafteften 
Sinne. 

Diefe Sinbergefchicten wurden von Fridas Mutter beftätigt, 
und noch viele hübfche Anekdoten, die das aufgeweckte Mädchen ge— 
liefert hatte, Hinzugefügt. 

Mit Sepp, dem jüngeren Bruder, Hatte fie manchen tollen 
Streich ausgeführt. Die Kinder wuchſen ja ziemlich unbewacht auf, 
denn Vater und Mutter waren vom frühen Morgen bis in die 
finfende Nacht mit ihrem Beruf befchäftigt, mit NRollenfernen, Pro— 
benbeſuchen. Koftämzufammenfegen, und fat allabendlic, mit Komoͤdie⸗ 
tg Es war ein wahrhaftiges Zigeumerleben, das die Familie 
ührte. Oft gab es Eleine Gage und ſchmale Biffen, und Frida Tief 











Frida von Schũtz. 


mit Scpp am frühen Morgen auf die Wiefen hinaus, um die gungen 
Keime des Löwenzahn zu jammeln, woraus dann ein Salat bereitet 
wurde, der bem täglichen Mittagsejjen, dem Maisbrei, einige Würze 
verlieh. Mit einem leifen moralijhen Schauder ſetzte die Erzäh— 
lerin hinzu: 

„Und denkens nur, warn m’r an rechten Hunger hatt'n, i und 
der Sepp, da hab'n m’r Obft g'raubt. Und a Brud’n war in ber 
Näh', und da hab'n m'r ung unter an Bog'n g’dudt, und da hab’ 
m'r's verzehrt.” 

An einem ftürmifchen Novemberabend in einer fleinen Stadt 
Siebenbürgens war Frida mit dem jüngern Sepp, wie faft allabenblich, 


“ allein zu Haufe geblieben, während die Eltern ihrer Pflicht im 


Theater nachfamen. Sie bewohnten ein elendes, kaltes Zimmer im 
Erdgeſchoß eines baufälligen Haufes, denn die möblirten Stuben 
waren in dem Orte rar. Che fie fortgingen, hatten fie die Kinder 
in die Betten geftedt, d. h. in zwei Kiften für den Transport der 
Garderobe beftimmt, worin ſich die Kleinen mit alten Kleidern und 
einigen Kiſſen zubedten. 

Aber Frida und Sepp konnten nicht einjchlafen, denn der Sturm 
tobte entfeglich, riß die fchlechtbefeftigten Fenſterladen los, trieb fie 
hin und her, und die Slinder famen bei manchem heufenden Wind⸗ 
ftoß auf den Gedanken, es feien Wölfe vor den Fenftern, und fie 
würden in das übelverwahrte Häuslein eindringen und fie, die Hilf» 
108 Berlafjenen, zerreigen. 

Beide kannten die furchtbaren Raubthiere von den Fahrten der 
wandernden Schaufpieler durch die Steppen Ungarns her. Sie hatten 
einzelne gejehen, da8 grauenerregende Leuchten ihrer Augen in ber 
Nacht, das markerſchütternde Geheul, mit dem fie herantrabten, war 
den Meinen im Gedächtniß geblieben, ebenfo eine Schauergefchichte, 
die ihnen die Mutter oft erzählt hatte. 

Einftmals, als Frida und Sepp noch jehr Klein gewefen waren, 
folgte ein ganzes Rudel heißhungriger Wölfe der in einigen Schlit⸗ 
ten untergebrachten, auf der Reiſe begriffenen Künſtlergeſellſchaft des 
Schauſpieldirektotrs Mohring in Ungarn. Die Nacht war hereinge⸗ 
Srochen: Immer näher und näher fam das gräßliche Gethier dem 
Schlitten, worin die verzweifelnde Mutter faß, ihre Kleinen krampf- 
haft umklammernd. Die furchtſcheuen Pferde Hatten gezittert und 
gebebt, und doch im tiefen Schnee faſt nicht mehr fortgefonnt, die 
Männer hatten Schüffe abgegeben, denn ohne Schußwaffen in jener 
Gegenden zu reifen, war damals unmöglich. Alles vergeblich. Da 
hatten die Fuhrleute ein äußerſtes Vertheidigungsmittel angerathen: 
Stroh mußte aus den Schlitten herausgezerrt, angezündet und in 
brennenden Bündeln gegen die blutgierigen Beftien Gelfeubert wer⸗ 
den. Ihre Furcht vor dem Feuer war größer gewefen, als ihr Hunger, 
und hatte wenigftens zur Folge gehabt, daß bie Heerde einige gi 
lang zurüdblieb, wodurd) es den inzwiſchen in der Nähe einer rt- 
isch angelangten Reifenden möglich wurde, der töbtlichen Gefahr zu 


Frida von Schũtz 373 


entfliehen. Die ahnungsloſen Kinder hatten gefchlafen; umfchlungen 
von den Armen ber in Todesangjt bebenden Mutter, war weder das 
Angitgefchrei der Verfolgten, noch die über ihren Häuptern abge 
feuerten Schüffe, noch das Geheul der nahenden Raubthiere, in ihre 
findlichen Träume gedrungen. Die Engel des Himmels hüteten ihr 
Leben und ihren Schlummer. 

So behauptete Frida, deren frommes Gemüt an die unmittel- 
bare Einwirkung himmliſcher Mächte glaubte. 

Die Erinnerung an diefe, von der Mutter oft gejchilderte 
grauenvolle Steppenfahrt erfüllte jegt bie verlaſſenen Kleinen im 
einfamen dunfeln Kämmerlein, wo der Sturm jie umheulte und fie 
fi) von Wölfen bedroht wähnten, mit Schredfen. Ihre Angſt fteigerte 
ſich bis zu einem ſolchen Grade, daß fie’aus den Kiften herausffet- 
terten, nach der nur ſchwach mit einem Holzriegel gejchloffenen 
Hinterthür tappten, fie öffneten, und fo wie jie waren, d. h. nur mit 
einem Hemdchen beffeibet, trog Sturm und Kälte, den Weg nad dem 
Theater einſchlugen. Sie bildeten ſich ein, die Wölfe feien vor der 
Vorderthür des Haufe, und ihre Findliche ‚Befangenbeit glaubte, 
dur die Hinterthür müßten fie der Gefahr unbedingt entrinnen 
fönnen. Dort lag ein Hof, diefen mußten fie überfchreiten und durch 
eine Lucke unter einem gejchloffenen Thore auf allen Bieren hinweg» 
kriechen. um die Gaffe zu erreichen. 

Aber wer bejchreibt das Entjegen der Eltern, als fie die Kleinen, 
fölotternb vor Froft, in diefem Aufzuge hinter den Souliffen, er- 
bfiden! Die Mutter, die gerade als eine mit Zlitterpug überladene 
Feenkönigin auf der Bühne fteht, unterbricht ihre pathetifche Rede 
mit einem jähen Schredengfchrei, der die ganze Zuhörerfchaft in Auf- 
zegung verjegt. Man glaubt, ein Unglück fei geſchehen, einige Stim- 
men rufen: Feuer! feuer! es entiteht ein Angſtgeſchrei und ein Lopfe 
Iofes Drängen nach) den Ausgängen — da erſcheint, vom Direktor 
der Truppe faſt hinausgeftoßen, Fridas Vater auf der Bühne und 
ruft: „Halt! Halt! Es iſt nix vorgefallen, fein Unglüd, fein Feuer!” 
— Aber der Mann ift jo erjhüttert, daß er plöglich ftodt und nur 
gerade die Wahrheit ftammeln fan, indem er hinzufegt: „Es ift nur, 
meine verehrten Herrichaften, daß unfere Heinen Kinder, die Frida 
und der Sepp, ſich 3° Haus gefürcht' haben und uns in Hemd'ln 
hierher nachg’laufen find —“. Weinend bricht er ab. 

Das erührte Bublikum aber bricht in einen Beifallsjturm aus, 
der feine Theilnahme an Vater- und Muttergefühlen befunden foll. 
Viele Frauen Fate Man verlangt, die Kinder zu jehen. Fridas 
Mutter rafft ihre jilbergefticte Seenäleppe empor und widelt den 
"uben hinein, der Vater trägt die in einen alten Schafpelz gehüllte 

riba, und fo treten die Feenfünigin und der Spaßmacher im Stüd 
it ihren Kindern vor die Lampen. Das allgemein Menfchliche geht 
r alle fünjtliche Phantajterei und Feerie, man bejubelt und bes 
net die Kleinen, und erjt nad) langer Pauſe kann die Kunjt, die 
ch die Natur verdrängt worden war, wieder zu ihrem Recht gelangen. 


374 Frida von Sqhũt. 


Aber auf Frida, ein zartes, leichterregbares Kind, wirkte dieſer 
Abend verderblich für ihr ganzes Leben ein. Er legte den Keim zu 
allen ihren fpäteren Leiden, ja zu ihrem frühen Tode. Wiederholte, 
vielleicht wenig beachtete Erkältungen, denen fie auf den mannigfachen 
beſchwerlichen Wanderungen der Schaufpielertruppen ausgejegt war, 
verjehlimmerten den Buflans, welcher endlich in höchſt femengpafte 
und bedenkliche Gichtanfälle überging. ‚Eine fchwere Krankheit brach 
über das frühreife, talentvolle Mädchen herein, und befümmert ftan- 
den die Eltern oft an ihrem Lager, ehe fie zum Muſentempel ſchrit⸗ 
ten, um bie ſchauluſtige Menge duch Wig und Humor, der ihnen 
nicht vom Herzen fam, zu ergögen. 

Um dieſes ımftäten Wanderlebens willen konnte Frida nicht zur 
Schule geichidt werben. Die Mutter erzählte, daß gerabe damals 
in ihrem fünftlerifchen Erdenwallen eine Zeit eingetreten fei, wo die 
Schaufpielertruppen faum länger als drei bis vier Wochen in einem 
Ori geraftet hatten. Und wie jchlecht waren bie Schulen jener Ort⸗ 
ſchaften beichaffen! Selten wurbe, und in ganz mangelhafter Weiſe, 

.deuiſcher Unterricht ertheilt. Der ungariſchen und ber ſlaviſchen 
1, die in jenen Gegenden geſprochen wurden, waren aber die 
‚Kinder auß der deutſchen Femii nicht mächtig, nur einige im Ge- 
ſchäfts⸗ und Wirthichaftsleben nöthige Redensarten, bie fie von den 
Eltern hörten, hatten fie aufgefchnappt. Auch ſchienen die Schulvor⸗ 
jtände nicht geneigt, folche Heine Zugvögel vorübergehend in ihre Bil- 
dungstempel aufzunehmen. Man bebeifallte die Schaufpieler zwar auf 
der Bühne, aber im bürgerlichen Leben mochte man weder ihnen noch 
ihren Kindern gefällig und nüglich fein. Das tiefgewurzelte Borurtheil, 
das allerdings in dem Verhalten mancher Mitglieder jener Wander 
tmuppen reichliche Nahrung finden mochte, wirkte auch hier verderblich ein. 
Und doc bildeten dieſe oft ungulänglichen deutſchen Schaufpielvor- 
ftellungen ein nicht zu verachten jand, weiches Die von magyari- 
ſcher und ſlaviſchet Flut umraufchten beutfchen Sprachinfulaner jener 
Gegenden in gewifjem Sinne mit germanifcher Kultur verknüpfte. 
Die armen deutſchen Schaufpieler waren doc ein Stüd Vaterland, 
das zu den vereinfamten Landaleuten kam, und fie hätten ſich ſelbſt⸗ 
bewußt fagen fönnen: Auch wir tragen ein Scherflein Kultur 
dem Dften, oder helfen doch wenigſtens dazu, daß fie am Leben bleibe. 

Zridas Vater beſaß viel mufifalifches Talent und eine gute 
Tenorſtimme, aber durch die Anftrengungen, denen das Organ durch 
tägliche und oft übertriebene Ausnugung unterworfen war, nahm 
deifen Wohltlang bald ab und es traten Heiferfeiten und Halsent- 
zündungen ein. Diefer Umftand veranlaßte Schüß, ſich bet Zeiten 
und nach Kräften ber Ausbildung der heranwachſenden talentvollen 
en anzunehmen. Aber welche mangelhafte Ausbildung! Frida 
empfing, wenn es die Zeit des vielbeichäftigten Water3 geftattete, 
einige Anleitung zur Mufit, d. h. er fpielte ihr auf der Geige Me- 
lodien vor, die fie nachjingen mußte. Nachdem fie, unterftügt von 
einer feltenen mufifalijhen Begabung, mit lieblicher Silberftimme alle 


Frida von Sit. 375 


Töne rein und ohne zu fehlen wiedergegeben hatte, legte ihr der 
Vater das, was fie Veen gejungen hatte, in Noten vor. Gie 
mußte, die Melodie wiederholend, mit bem Fingerle die runden 
ſchwarzen KöpferIn (wie fie ſich ausbrüdte) begleiten, auf den langen 
Noten verweilen, wenn Achtel und Sechzehntel famen, fchneller hüpfen, 
bie WVorfch! marfiren, und auf dieje Weife, gleihjam taſtenlos 
Klavier fpielend, ihren Gejang mit den jchwarzen „Köpferln“ in 

bereinftimmung bringen lernen: Hätte Frida nicht ein außer- 
ordentliches Naturtalent beſeſſen, dem es leicht ward, felbft die 
ſchwierigſte Tonfolge ſchnell aufzufafjen ımd richtig nachzufingen, fo 
würde dieſer Höchjt primitine Unterricht wohl faum von einem 
guten Reſultat begleitet geweſen fein. Aber Frida war ein Wald- 
vöglein, das die Vorbedingungen zur Kunft von Gottes Gnaden im 
Buſen trug, und dem ber Sangesjutel ‚Herzensbebürfniß war. Faft noch 
glängender offenbarte ſich ihr fünftlerifches Können für das gejpro- 
bene Wort. Eine Rolle, die ihr nur einige Male vorgejagt worden 
war, haftete in ihrem Gedächtniß, nicht genug, fie traf den dazu 
paſſenden Ton, das charakteriftiiche Mienen⸗ und Geberdenfpiel, mit 
einer Unmittelbarkeit, die Staunen erregte, und ohne jede Anleitung. 
Ia, ihr angeborener Kunftinftinkt lehnte jede belehrende Einmiſchung 
ab, fie hatte das Gefühl, fie dürfe fich ihrer natürlichen Eingebung 
getroft überlaffen, die würde ſchon das Michtige treffen. Und fie 
traf nicht nur das ala richtig längft Anerfannte, ſondern fie ſchuf 
aus Altbefanntem, Hergebrachtem, etwas neues, originelle. Rollen, 
die feit ihrem Entftehen in einer und berjelben Manier verlebendigt 
Fr waren, wußte fie mit einem neuen, ungeahnten Reiz zu 


Ein merkwürdige, in feinen Folgen ſchwerwiegendes Abenteuer, 
in das Fridas Vater auf ‚einer Reiſe durch das wilde Vellebich⸗ 
gebirge nach Zengg im roatikheilavonifihen iitärgebiet Dejterreiche 
verwidelt wurde, veranlaßte die Eltern, ihre junge Tochter ſchon mit 
elf Jahren zur Mitarbeiterin am künftlerifchen Broderwerb zu machen. 

Herr von Schüg hatte die Seinigen in den vom Direltor ber 
Schaufpielertruppe, bei welcher er und feine Gattin gerade engagirt 
‚waren, geftellten Wagen allein abreijen laffen, ich weiß nicht mehr 
von welchem Orte in Dalmatien oder Kroatien, und wollte ihnen 
einen Tag fpäter in einer fogenannten Landkutſche nachfolgen. Der 
Direktor der Truppe hatte ihn nämlich beauftragt, eine neue Poſſe 
‚zu erliften, die eigentlich vom Dichter hätte gefauft werden müjjen, 
aber die von dem ungetreuen, in dem betreffenden Orte zufällig auf- 
hältlichen Souffleur einer andern größern Schaufpielergejellichaft ge- 
ftohlen, d. h. abgefchrieben worden war, und an den meijtbietenden 
Theaterdireftor verfauft werden ſollte. Diefer nichtewürdige Schmuggel, 
ber bie durch fein Geſetz geſchützten Schriftiteller um das Honorar 
betrog, war damals allgemein, und foll nicht nur an Kleinen Wander- 
bühnen geübt worden fein, fondern fogar an ftehenden Theatern. 
‚Herr von Schütz eroberte den Schag durch ein Mehrgebot, von 


376 Frida von Schũt. 


5 fl., denn fehr billige Preife mußten ‚die biebijchen Abfchteiber ftellen, 
weil bie Direktionen ſonſt befjer gethan hätten, gejegmäßig zu ver- 
fahren und das betreffende Stüd vom Verfaffer zu laufen, der eben⸗ 
falls genöthigt war, fich mit einem Handwerkerlohn für fein Kunft- 
werf zu begnügen. B 

Als Herr von Schüg im Vegriffe ftand, nach Zengg abzureifen, 
und um einen Plag in einer poftähnlichen —Se handelte, 
wurde ihm von einem Geſchäftsmanne aus dem eben genannten Orte 
für ein Billiges deſſen Reitpferd zur Benutzung angeboten, das auf 
diefe Art in feine Heimat zurüdgebracht werden jollte. Der Ge— 
ſchäftsmann und Beſitzer des Gauls hatte noch längere Zeit am 
Plage zu verweilen, und mochte das Thier bis zu dem unbeitimmten 
Tage feiner Abreife nicht im Gaſthofe füttern laſſen. Man wurde 
hanbelseinig, und Herr von Schüg, der ehemalige bayerifche Offizier, 
war angenehm berührt von ber Ausficht, einmal wieder einen tüch⸗ 
tigen Ritt ausführen zu können. "Sein Weg führte ihn durch dichte 

älder und durch ein einfames, rauhes Gebirge. 

Man Hatte ihm viel von einer Räuberbande — die jene 
Gegenden unficher machte, allein er ſagte ſich tröſtend, daß die Räuber 
nad einer ſchlecht abgefchriebenen Poſſe fein Verlangen tragen wür- 
den. Neichthümer aber beſaß er nicht, faum das nöthige Reifegeld, 
nicht einmal eine Uhr, die gerade auf einem Beihhaufe nd 
war. Dennoch befaß er ein —* das ihm zwar nicht geraubt, 
aber welches doch derartig gemißbraucht werden follte, daß er Dadurch 
faft ums Leben gefommen wäre. Im Abendbunkel ſah er auf einer 
von Bergen eingefehloffenen Halde plöglich Lichter funkeln, endlich 
auch ein Kochfeuer, um welches ſich Geftalten bewegten. Da jene 
Menſchengruppe die Nähe der Landftraße nicht fcheute, konnte es ſich 
bier unmöglich um die berüchtigte Räuberbande handeln, vor der 
er gewarnt worden war. Herr von Shi ritt aljo zuverfichtlich 
weiter, um noch vor Einbruch der Nacht die nächſte Deraafı zu 
erreihen. Da jah er fich urplögfich von phantaftifch, oder auch halb 
‚effeideten, wilden Männern umgeben und angehalten. Er fannte 
das heimatlofe Völkerbruchſtück fehr wohl aus ben Pußten Ungarns 
und aus den angrenzenden öfterreicdhifchen Landen, e8 waren Bigeumer. 
Sie hatten die Abficht, ihm jeinen wadern Miethgaul abzunehmen, 
nachdem fie ſich überzeugt, daß bei dem armen Schelm ſonſt nichts 
zu faffen war. Denn den Werth der Poſſenabſchrift unterfchägten 
diefe Kumitheiden felbjtverftändlich und warfen das foftbare 
Papiere auf einen unappetitfichen Haufen von Küchenabfällen neben 
dem Kochfeuer. Nur mit Verachtung allen und jeden Ekels bes 
Kulturmenfchen, und der Gefahr, von den Flammen ergriffen zu 
werden, rettete Herr von Schüg die für feinen Direktor eroberte 
Poſſe und barg fie von ba an unter der Weite auf der Bruſt. Seine 
ſchlechten Reifekleiver hatte das Gefindel glüdlicherweife nicht bean 
ſprucht, der Gaul galt ihnen als das Begehrenswertheſie. Im 
übrigen benahmen ie die weltbefannten Pferdediebe menſchenfreund⸗ 


Frida von Schũtz. 377 


licher als ber ee Reiſende e3 erwartet hatte. Sie Iegten ihm 
ihre Abendfoft, halbgejottenes Pferdefleiich vor, auch ein Becher 
Ungarwein fehlte nicht, denn man beging die Geburtäfeier eines 
äigeunerifchen Weltbürgers. Dem Hauptmann war ber erfte Sohn 
geboren worden. Kind und Wöchnerin lagen in einem, aus dem. 
nãchſten Bauernhofe gejtohlenen Schweinetroge. Wan jang Lieder 
zur Geige, um den Hauptmannsfprößling zu ehren, und tanzte dazu, 
oder trampefte vielmehr um ben Trog herum. Auch Herrn von 
Schütz reichte man die Geige und ermunterte ihn freundlich, ein Lied 
zu fingen, um das neugeborene Kind zu ehren. Und hierin lag die 
große Unvorfichtigfeit des armen Komoͤdianten: er fang und verrieth, 
daß er gut zu fingen verftand. Er trug mehr ſich jelbft, als den 
ägyptifchen Abkömmlingen, ein deutfches Lied der Sehnjucht vor, denn 
er gedachte der fernen Seinigen, und wie fie um ihn bangen würden. 
Bangte er doch felbit, ob das Abenteuer einen glüdlichen Ausgang 
nehmen und er Frau und Kinder wiederfehen werde. 

Raum hatte er das Lied geendet, als etwas unbegreifliches ge- 
ſchah. Unter widerlichen, freifgend hervorgeftoßenen Lauten in der 
ihm unverftändlichen Zigeunerfprache drängte man Sm von Schütz 
zu einem, in jenen Gegenden gebräuchlichen Keinen Dchſenkarren mit 
niedrigen Rädern, und bedeutete ihn, aufzufteigen. Als er fich weigerte, 
wurde er unfanft angepadt und ohne weiteres auf den Karren ger 
worfen. Ein zottiger ſchwarzbrauner Burfche von riefiger Gejtalt 
fegte fid) neben den Gefangenen und umklammerte ihn mit beiden 
Armen. ger von Schüß jammerte: „Das ift mein Todesgang! D 
meine Kinder, meine Kinder!“ — Der Gaul aus Zengg wurde vor 
den Karren gefpannt, Zigeunerbuben liefen voraus und hinterdrein, 
und fort ging die nächtliche Fahrt über Stod und Stein und Sturz 
ader. Die Sigeunerburfhen heulten einen feltfamen Gefang, Herr 
von Schüg meinte, es jeien Grabgeſänge, eine andere Nadoweſſiſche 
Tobtenklage. Beim Morgengrauen erreichte das Gefährt einen ſtädtiſch 
ausfehenden Ort. Dort wurde Halt gemacht und in einer der unter- 
geordnetſten ſchmutzigſten Weinichänfen — wer beſchreibt de3 ge- 
Ängftigten Sänger? Staunen — eine Art Konzert veranftaltet. 

das aljo war des Pudels Kern! Die Zigeunerburfchen fangen 
einige tolle Lieder und führten einen Tanz dazu auf, dann reichten 
fie Herrn von Si die Geige, bie fie mitgeführt hatten, und be— 
fahlen ihm unter drohenden Zurufen und Geberden zu fingen, ohne 
Aufhören zu fingen. Für feine Leiftungen forderten Die zottigen 
Konzertgeber vom Wirth, der ſelbſt Zigeuner zu fein fchien, Speife 
-ınd Tranf, von den Gäſten Geld und Wein, und machten auf dieſe 
Art den unfreiwilligen Konzertanten zu ihrer melfenden Kuh. Bald 

ermochte Herr von Schüg feinen Ton mehr Hervorzubringen. Die 

‚odesangft, die ausgeftandene rajende Nadıtfahrt, Die verzweifelte 

Yage, aus der er ſich nicht zu befreien wuhte, alles wirkte vernichtend 

uf ihn ein. Er verfuchte es, fich einigen ihm nahefigenden Gäjten, 

*e den beſſern Ständen anzugehören ſchienen, verjtändlich zu machen. 
= Galon 1889. Heft IV. Ban L 26 


378 Seide von Schũt. 


Aber es waren Kroaten, die fein Deutſch verftanden. Sie begriffen 
nicht, was er wollte, und reichten ihm Wein. Er ftürzte einen Beer 
Hinab, in der Hoffnung fi zu ftärken, jeinen Muth zu beleben, aber 
das ſchwere Getränk hatte Die gegentheiligen Folgen. Er ſank ohn—⸗ 
mächtig zu Boden. Als er erwachie, in er in einem elenden Pferde⸗ 
ſtalle und erblicte in feiner nächiten Nähe den von ihm gemietheten 
Saul aus Zengg, der ihn mit den Hinterhufen fait berührte. Das 
Thier wurde fein Retter. Zwei Männer aus Zengg traten in ben 
‚Stall. Sie redeten deutfh, und Herr von Schüg vernahm, daß fie 
das Pferd, das ihrem Nachbar in Ieptgenanntem Drte gehörte, er- 
kannten. Ihnen entdedte I) nun, obgleich er faum ein lautes Wort 
fprechen konnte, der verzweifelte deutſche Sänger. Sie fühlten Mit- 
feid mit dem Aermften, hauptfächlich weil fie gegen die Zigeuner, 
die Pferdediebe von Profeffion, wütheten Dies hatte zur Folge, 
daß fie den erfchöpften Mann auf ben Gaul fegten und ihn auf den 
richtigen Weg nach dem Städtchen Zengg brachten, in deſſen unmit- 
telbarfter Nähe er ſich befand. QTodtmatt langte er bei den Seinigen 
an, die in fehweren Sorgen um ihn gewejen waren, und erfraufte 
an einem bigigen Nervenfieber, das ihn für lange Zeit unfähig 
machte, feinen Beruf zu erfüllen und fogar fein Leben bedrohte. 

Dadurch geriet die Familie in große Bedrängniß. Zwar er: 
hielt Fridas Mutter mit ihrer Heinen Gage die Ihrigen zur Noth, 
aber Arzt und Apotheker wollten bezahlt fein, und bie roftfofen, ja 
graufamen Einrichtungen bei den Heinen, nicht jubventionirten Bühnen 
jener Zeit, und felbft noch unferer Tage, die fich doch ihrer huniani— 
tären Beſtrebungen rühmen dürfen, erflären den erkrankten Künftler 
nad) einer kurzen, im Kontrakt vereinbarten Zeit fr vogelfrei. Nach 
acht oder vierzehn Tagen Krankſein — nur bei größeren Bühnen nad) 
drei biß vier Wochen — hat der Schaufpieler fein Recht mehr, die 
feftgefegte Gage zu beanfpruchen, er Tann enttafjen werden, ijt brod⸗ 
1083, auch wenn er fich die Krankheit (wie e& doc} in 99 von 100 
Fällen gefchieht) im Dienste feines Brodheren zuzog. Dieſes Ger 
hie hatte Herrn von Schüß erreicht. Laut kontrattlicher Seltimmung 
erhielt er feinen Gehalt nur noch acht Tage lang, und durfte währen! 
der längften Zeit feines Leidens höchitens ein Almojen von ber 
Gnade des Direktors erwarten, für ben zu arbeiten er augenblidlich 
nicht imftande war. 

In diefer entfeglichen Nothlage ging Fridas Stern rettend auf. 
Sie hatte vor ber Erkrankung ihres Vaters, obgleich ein Kind von 
faum elf Jahren, die Rolle der „Zugend“ in der Pofje: „Der Bauer 
als Millionär“ bei demfelben ftudirt. Einem in Zengg zufällig an— 
wejenden, der Mutter Fridas wohlbefannten Schaufpieldireftor aus 
Brud an der Mur, wurde dieſe jugendliche Jugend probeweife vor- 
geführt. Er war entzüct von ihrem friſchen Darftellungstafent und 
ihrer umfangreichen Stimme, und um Frida für Die bei ihm gerade 
bevorftchenden Aufführungen der beliebten Poſſe zu gewinnen, engagirte 
der Schaufpielunternehmer die Familie. Die Mutter für — 


Frida von Süß. 379 


damen und geſetzte Liebhaberinnen, welches Fach gerabe erledigt war, 
Heren von Schüg, der noch immer Fränfelte, vorläufig für das In— 
!pigienten- und Zettelträgeramt. Ueberglüdlich, endlich einmal wieder 
in civilifirte Gegenden einziehen und den ungariſch-kroatiſchen Miß— 
uftänben entfliehen zu können, „segette Herr von Schüg mit ben 
Seinigen in die ſchöne Steiermarl über und gewann bier das eble 
Gut der Gejundheit bald wieder. 

Die jugendlichite Jugend, die wohl & auf einem Theater ge- 
ſtanden hat, fang und fpielte fo hinreißend anmuthig, daß kunſtver⸗ 
ftändige Berfonen den Eltern dringend riethen, mit dem hochbegabten 
Kinde nah Wien zu gehen, und dort für ſeine mufifaliiche Ausbil- 
bung Sorge zu tragen. 

Allein die materiellen Verhäftnijfe der Familie machten ein fo 

roßes Opfer für ein einziges Glied derfelben unmöglich, und aufer- 

jeigts & fi, daß größere Anftrengungen der Stimme und eine 
voreilige Ausbildung derjelben für das zarte Mädchen verhängnißvoll 
hätten werden fünnen. Nachdem die offe: „Der Bauer ala Mil- 
fionär“ zahlreiche Male aufgeführt worden war, fühlte Frida_eine 
bedenkliche Ermattung ihres Organs, fo daß ‚Tangandauernde Ruhe 
unbedingt geboten erſchien, wenn bafjelbe Sämehz und Kraft be⸗ 
wahren follte. 

In jene —* fielen merkwürdige Vorgänge in der Seele der 
findlichen Künſtlerin, die fie mit einfachen aber ergreifenden Worten 
ſchilderte. Sie entdedte mit Entjegen ihre gänzliche Kenntnißlofigfeit, 
ihren Mangel an Schulbildung, ihre ——— auf religiöjem 
Gebiet. Bis in des Kindes Träume ftahl ſich der Schmerz über 
dies Unglüd, und oft mifchte Frida im unruhigen Halbjchlummer die 
wenigen heiligen Gejänge und Gebete, die fie von der Mutter gelernt 

tte, mit dem Lieb der Jugend, die fie am felben Abend auf der 
me. dargeftellt haben mochte: „Brüderlein fein! Brüderlein fein! 
Mußt mir ja nicht böfe fein!“ Ihr frühreifer Verftand erkannte ja 
die Schuldlofigfeit der Eltern an dieſem entjeglichen Mangel. Der 
Vater hatte ihr wohl Gebrudtes und Gejchriebenes leſen gelehrt, 
auch mit der Notenſchrift war fie ziemlich vertraut, aber mit dem 
Schreiben ftand e3 übel, und wie nun erſt mit allem Wiſſen, das 
über dad Handwerlsmãßige der Schauſpielkunſt bei kleinen Bühnen 
inausging! 
s h Aber follte der mit dem Broderwerb durch Rollenſtudiren 
und Theaterämter unausgeſetzt beſchäftigte Vater, wo bie mit Koftüm- 
herrichten, Kleider⸗ und Wäfchefliden für die Bebürfniffe der Ihrigen 
abgehegte Mutter, die ihre Anjtandsdamen und Liebhaberinnen Haupt- 
ſächlich des Nachts memorirte, wo follten dieſe überanſtrengten Leute 
die Zeit hernehmen, um von dem Neft der Schulfenntniffe, der ihnen 
im Sturm und Drang ihres Wanderlebens verblieben war, den Kin— 
dern ſoviel mitzutheilen, als fie felbft ed wünfchten? 
ida liebte ihre Eltern mit findlicher Herzlichkeit, fie erkannte 
dankbar die aufopfernden Bemühungen derſelben an, für den Lebens- 
26* 


380 Srida von Schũt. 


unterhalt der IHrigen’aus allen Kräften zu ſorgen. Nührend war 
es, wenn fie erzählte, wie fie, um ben Vater nicht zu kränken, e& 
nur ein einziged Mal gewagt habe, ihn recht ſchoͤn zu_bitten, mit 
ihr zum Herrn Pfarrer irgend einer gut deutſchen Ortſchaft zu 
gehen, wo bie fpielertruppe, der die Eltern angehörten, ſich 
gerade aufhielt, und den Hochwürdigen, dem die Schulen Spren- 
gel3 unterftanden, zu fragen, ob et nidjt geitatten wolle, baß die 
{unge Lernbegierige für die Zeit ihres Aufenthalts im Orte unter 
ie Saüileeimen der Hauptſchule aufgenommen werde. 

„DO mei!" ſagte Frida traurig, „nu ging's aber ſchlimm. Der 

Pfarr’ war fehr Liebreich, aber a Prob’ mußt’ i ableg'n, a 

ob’, was i fonnt’ ımd nit fonnt. Ja, was i nit font, das 
war's ſchrecklichſte. Was Half m’r nu all’ der Theaterplunder, ba i 
jo dumm, fo dumm wie a Ganferl war?“ 

Zitternd und weinend, und von tieffter Beſchämung zerknirſcht, 
Tief das arme und doch fo ebrgehhige, jtrebfame Kind wieder nach 
Haufe, und der liebevolle Water litt mit ihr und wehflagte lange, 
da er nicht imftande fei, den Seinigen eine rechtſchaffene Schul- 
Biumg zutheil werden zu laſſen. Der Pfarrer hatte nämlich wohl- 
wollend den Vorſchlag gemacht, Frida möge doc) erft noch Privat- 
unterricht nehmen, um nicht in die Klaffe der kleinſten Schulkinder, 
ran ſchon fo ftattlich herangewachſenes Mädchen, eintreten zu 
müffen. 

Infolge diefer fchmerzlichen Erfahrung verfiel Frida in Schwer- 
muth, und durch & neue ftarfe Erkältung auf einer Reife im 
Winter, in ein rnae ches Fieber, das fie dem Tobe nahe brachte. 
Die Gicht, dies fürchterliche Uebel, das ihr blühendes Leben unter- 
grub, trat ſchon damals mit folcher Heftigkeit auf, daß es nur den 
angeftrengteften Bemühungen ber Aerzte und der aufopfernditen 
Bilege der Ihrigen gelang, dem Tode feine Beute zu entreipen. Als 
ſie endlich durch die Schwefelbäder von Iſchl geneſen war, für wel- 
hen Ort die Eltern um Fridas willen ein Sommerengagement an- 

enommen hatten, ſchien es, als fei plöglic des jugendlichen ro 
Anz Lachen für immer von ihr gewichen und ein vorzeitiger, weh⸗ 
müthiger Ernſt in ihr Gemüt eingezogen. 

Die Eltern hatten, nachdem die Pforten bes Mufentempels im 
ſegensreichen Iſchi gefchloffen worden waren, cin Winterengagement 
in einer Stadt angenommen, wofelbit fich ein berühmte Frauen— 
kloſter befand. Dieles Klofter Hatte für Frida und ihre nachdent- 
fiche Gemütsrichtung eine unwiderſtehliche Anziehungskraft, und eines 
Abends fand die Pförtnerin deſſelben das ihr fremde Mädchen 
knieend in der Vorhalle des Gebäudes. 

„Was willft Du hier, mein Kind?“ fragte freundlich die fromme 
Schweiter. Frida brach in Thränen aus und geftand ihr treuherzig 
ihr tiefes Sehnen nach Unterricht, nad) Kenntniß von Gott, der 
heiligen Gottesmutter, ihrem hochgelobten Sohne und allen Heifigen 
des Himmels. Cie fei nun ſchon fo groß und dod noch jo uns 


Irida von Schüß. 381 


wiſſend wie ein Meines Kind, und das ließe ihr feine Ruhe und 
quäle fie bis in den Schlaf hinein. Gerührt erfaßte die Nonne des 
jeltenen Mädchens Hand umd führte fie zur Oberin des Kloſters, 
und auch dieſe war fief ergriffen von den Geftändniffen der „Gottes- 
jehnfüchtigen“, wie fie Frida nannte, und dieje mußte alles erzählen, 
was Bezug auf ihr Seelenleben und ihre bisherigen Schidfale Hatte. 
Sie that es mit fo ftaunenswerther gehhaftigfet der Schilderung 
und fo großer Innigkeit des Ausdruds, daß die Nonnen, von ber 
Wahrheit ihres Schnens Burjbrungen, den Entſchluß faßten, fich 
ihrer nad) Sträften he Frida durfte von diefem Tage an, 
fo oft fie wollte, ins Kloſter fommen, und die Oberin unterrichtete 
fie liebevoll im Glauben, und die freundlichen Schweftern ließen fie 
Gebete leſen, fchenkten ihr heilige Bildchen mit frommen Sprüchlein, 
die fie auswendig lernen mußte, und übten fie in mancher nüglichen 
Handarbeit. Nur im Schreiben erhielt fie keinen Unterricht, und 
Frida ſprach bie Vermuthung aus, daß die guten Nonnen wohl 
jelbft nur geringe Fertigkeit in diejer Kunst beſeſſen haben möchten. 
Sie überli es ihrer Schülerin, fich allein darin zu üben, und 
Frida malte mit Eifer alle bejchriebenen Zettel, die ihr in die Hände 
fielen, ab, auch Rollen, die von den Eltern gelernt wurden, jchrieb 
fie mühevoll nach, woraus allerdings eine Sandfehrift hervorging, 
die ihren eigenen Ausſpruch rechtfertigte, wenn fie mir zuweilen eines 
ihrer rien ſchüchtern überreichte: „Können's denn nur meine 
Krafelfüß' Iejen?“- 

Das Glück des Kloſterbeſuchs währte nicht allzulange, die 
Eltern mußten mit der Wandertruppe, der fie angehörten, weiter 
ziehen, raſilos weiter, wie des Ahasveros Söhne, und mit tiefftem 
Seelenjchmerz trennte ſich Frida von den guten Nonnen, die auch 
fie herzlich Lieben gelernt hatten, und bei denen fie jogar gern für 
immer geblieben wäre. Es war. merfwürdig, wie Frida, das Welt 
Find, die fahrende Schaufpielerin, ſich von der Poefie des religiös 
beſchaulichen Stilllebens im Klofter noch zur Zeit unferer Belannt- 
Schaft fo ganz durchdrungen fühlte, als habe fie Die gottgeweihten 
Räume erſt geftern verlajjen. Ihre feelenvollen Augen gen Himmel 

erichtet, erzählte fie leiſe flüfternd von den feligen Schauern, die 
K in den langen, düftern Sioftergängen einft überriefelten, und wie 
die letzten hereinbrechenden Strahlen Abendfonne dort noch ein 
Kruzifiz, da ein Muttergottesbild überzudten, und wie bie Zweige 
der Bäume im fleinen Kloftergarten janft an den Scheiben der 
hohen Fenſter nidten, und wie die heilige Stille ringsum fie mit 
ſolchem Entzüden überwältigt habe, daß fie am nächſten Altare je 
ternd in die Kniee habe finfen müfjen, um, von heiker Dankbarkeit 
cfüllt, alle Gebete zu liſpeln, die fie von den Nonnen gelernt hatte. 

Im Jahre 1851 Hörte fie der Kapellmeifter Binder aus Wien 
fingen, und war fo überraſcht von dem Wohllaut und der Ausdrude- 
fähigkeit ihrer Stimme, welche damals eine feltene Tiefe befaß, daß 
r die Ausbildung Fridas zur dramatifchen Sängerin. dringend 


382 Frida von Schüt. ' 


wünfchte. Aber trog der Vereitwilligfeit ber Eltern, Opfer über 
Opfer zu bringen, war es unmöglich, nach Wien zu ziehen, um Frida 
auf die Hohe Muſikſchule zu ſchicken. Bivar' follte fie nad) Binders 
Rath vorläufig nicht Gefangsunterricht nehmen, im Gegentheil: die 
Stimme müfje mehrere Jahre ruhen, lautete fein Urtheil, aber Frida 
follte die Zwiſchenzeit bis zur vollftändigen Feſtigung ihres Organs 
zu mufifalifchen Studien in umfafendem Sinne und zur Vervoll- 
Tommnung ihrer höchſt mangelhaften Schulbildung benußen. Sicher- 
lich wäre auf diefe Art eine bedeutende dramatifche Sängerin aus 
dem talentvollen, in jeder Hinficht begabten Mädchen geworben, aber 
die Verhältniffe der Familie forderten gebieterijch, daß Frida fchon 
jest ihr Brod felbft verdiene, und jo mußte fie fich darein ergeben, 
ein Engagement beim Direktor Calliano in Laibad) anzunehmen, wo 
fie nur Chor zu fingen und kleine Rollen zu fpielen Hatte Cine 
ihrer Hauptpartien war dort die Brautjungfer im „Freiſchütz“ 

Von Laibach zu den Ihrigen zurüdgefehrt, überfiel das jchwer- 
jeprüfte Mädchen abermals jenes alte rheumatifche Leiden. Sie lag 
ſechs Wochen lang unter unnennbaren Qualen, ihr Körper war fo frumm 
ezogen, daß man zweifelte, ob fie je wieder werde aufrecht gehen 
Önnen. Der Gebrauch der berühmten Heilquellen von Iſchl that 
auch diesmal Wunder, zugleich wohl auch bie u} ungebrochene 
Jugendkraft der Leidenden. Aber ihr Gedaͤchtniß und ihre Stimme 
hatten durch die Wuth der Krankheit empfindlich gelitten. Lange 
ging, fie am Stod wie eine Greifin, und konnte nicht daran benfen, 
ie Bühne zu betreten. Ein Gelübde, das die gläubige, junge Seele 

Gott auf ihrem merzenslager gethan, gab ihr endlich, wie fie 
feſt glaubte, die vollitändige Gejundheit zurüd. Infolge dieſes Ge- 
lübdes ging Frida ſtets zur Kirche und betete inbrünflig zu Gott, 
wenn fie eine ſchwierige Rolle durchzuführen hatte. Und darin war 
nichts angelerntes, feine Sklaverei der Gewohnheit, feine Ki 
Frömmelet, oder etwa gar ber Wunfch, das Wohlgefallen der ki 
lich Geſinnten ihres Glaubens. zu erregen. Nein, es war Herzens 
bebürfniß, es war der freie Erguß einer tiefen, reichen Innerlichteit, 
Die ſich dem Erhabenen verwandt fühlt, und die bei dem Urquell der 
Geifter Kraft, Muth und Erhebung für die dürftende Seele fucht. 
So’ jpenbete Frida auch aus innerjtem Herzensbrang Blumen und 
Kerzen in die katholiſchen Kirchen der Ortjchaften, in denen fie 
gaftirte, und legte finnbilblich ihre irdifchen Triumphe am Throne 
des Höchſten nieder. 

Nachdem die Krankheit, wie es ſchien, vollſtändig überwunden 
war, durfte Frida nur äußerft wenig fingen, aljo nur in ben klein— 
ften Rollen bejchäftigt werden. Aber mit,der nad) und nach wieber- 
erftarfenden Geſundheit erwachte auch die Theaterleidenihaft von 
neuem umd die Sehnſucht, die Schwingen ihres Talents zu regen. 
Das langweilige Chorfingen und Statiren, zu dem fie verpflichtet 
war, drüdte ihren Geift nieder, fie fühlte ſich unglüdlich bei dieſer 
unbedeutenden Beſchäftigung, und als eines Tages in Wiener Neu- 


Srida von Schũtz. 383 


ftadt, wo fie mit den Eltern engagirt war, die Poffe: „Die Klofter- 
bäuerin“ auf das Repertoir kam, ſetzte Frida re ganze Willenskraft 
ein, um eine in dem Stüd befindliche, zwar Meine, aber bei guter 
Darstellung dankbare Gefangspartie Pi erringen, die fie beim Vater 
umeilen durchgegangen hatte. Sie begab fich zu der Dame, die im 
Beni der Rolle war, und trug ihr die Bitte um eine einmalige 
Ueberlaffung derjelben bejcheiden vor. Die Künftlerin, in der Mei- 
nung, daß in einem faum fünfzehnjährigen Mädchen, das bis dahin, 
ſo viel fie wußte, noch nicht vielmehr für die Kunft gethan hatte, 
als Chor gefungen, feine Rivalin zu fürchten ſei, willigte barein. 
Nachdem dies gelungen war, eilte bie von ihrem Runfttrieh und 
Talent begeijterte Jüngerin der Mufen Ei Direftor der Truppe 
und erbat fid) die Erlaubniß, in der Rolle der Minfa ein einziges 
Mal auftreten zu dürfen. Die Antwort war: „Wenn Fräulein R., 
die Befigerin der Minka, nichts dagegen einzuwenden Hat, meinet- 
wegen. Sie können ſich mir, wenn der Verfuch gelingt, vielleicht 
manchmal durch Alterniven oder Einfpringen für erkrankte Mitglieder 
nüglich machen.“ 

Im Triumph trug Frida die Partitur nach Haufe und ftudirte 
die Arie der Minfa unter Aufficht und Anleitung ihres Waters mit 
dem größten Eifer. Am Morgen der Probe ging fie zur Kirche und 
betete innig zu Gott, dab er das Werk möge gelingen laffen, um 
ihren Eltern, als dankbare Tochter, endlich einen Theil ihrer Sorgen 
abnehmen zu können. 

Aber nicht ohne Herzklopfen verfügte fich Fridag Mutter am 
Abende der Aufführung in den Zufchauerraum. Neben ihr ſaß eine 
eifrige Theaterbefucherin und fagte ziemlich laut, als Frida-Minka 
die Büpme betrat und ſich um Sologefang rüjtete: „Na, was will 
denn die Statiftin da?" Aber ſchon nachdem Die hübjche, freundlich 
fächelnde Minka einige Strophen geſungen und die erneute Kraft 
und den wiebererrungenen Wohllaut ihrer Stimme Er hatte, 
ertönten Bravorufe, welche fih bis zum Schluffe des Gejanges fort 
während fteigerten, fobaß der Erfolg der jungen Künftlerin ein durch— 
greifender ji nennen war. J 

Wer beſchreibt Fridas Glück! Sie erzählte, ſie habe Vater und 
Mutter fait unig'rifſen vor Freud'“, als alles jo wohl gelungen 
war, und habe gerufen: „Nu ſeid's aus aller Sorg', Ihr, die Spt 
mit mir fo viel Noth und Sorg' ausg’standen habt. O mei lieber 
Gott, wie dank’ i Dir für Deine Gnad'!“ — Selbftüherhebung und 
Uel ätzung konnte nicht in dieſes tief veligiöfe Gemüt eindringen, 
das ſich in der Abhängigkeit von Gott fo glüdlich fühlte, wie es 
ihre oft wiederholten Worte ausdrüdten: $ glaub’, unfer licher 
Herrgott ſchaut m'r immer zu, was i red’ umd was ti thu‘.” 

Am Tage nach der Minfa-Leiftung engagirte der Direktor Frida 
von Schüg für erjte Solopartien. In einem Alter, wo andere 
Kunftjüngerinnen faum daran denken, ihre theatralifche Laufbahn zu 
beginnen, jtand fie jchon als erflärter Liebling des Publikums; faft 





384 Frida von Schũtz. 


täglich auf dem Volkstheater zu München, wohin fie im Jahre 1854 
berufen worden war. Dort fand fie jo recht eigentlich den Boden 
für ihr Talent. Die gemütlichen, ſchauluſtigen Bayern mit ihrer 
natürlichen Empfänglichkeit für Humor und überftrömende Herzlich” 
feit, die, ergriffen von Ho ſchelmiſchem und wieder fo ſeelenvollem 
Liedervortrage das beifalldonnernde Echo dazu bildeten, waren jo 
ganz geeignet, ihre herrliche Begabung für die volksthümliche Kunft 
hervorzulocken, wie die Sonnenjtrahlen Keime und Blüten am jungen, 
triebfräftigen Baume. Alle Herzen flogen ihr zu, auf ihr filberhelles 
Lachen wurden Ländler fomponirt, ee genannt, und wo 
fie fich zeigte, drängte man ſich um fie, um einen Sunnenblid ihrer 
heitern Zaune, ein Wigwort ihres immer jchlagfertigen Genius zu 
erhaſchen. Trog ihrer Jugend war ſchon damals eine ihrer Vortreife 
lichften Rollen die fehwierige der Thereje Krones im gleichnamigen 
Stüd. Die jugendliche THerefe konnte wahrlic) nur vermöge ihres er- 
rathenden Schöpfergeijtes ein überzeugendes Lebensbild jener Künftlerin 
bieten, deren ſtürmiſche Schidjale und Charaktereigenichaften weit jen- 
ſeits de Horizontes ber reinen, frommen, dem Trivialen abholden 
Darftellerin lagen. Sie fpielte die Rolle oft zwei Mal an einem Tage 
und wurde mit Beifall und Blumen überjchüttet. Won einer unge 
treuen geldgierigen Theateranzjeherin war ihr einmal ein rothes 
Mieder, das fie als Therefe getragen Hatte, entwendet und an einen 
Verehrer Fridas verkauft worden. Aber kaum hatte dieſer das er- 
rungene Kleinod glückſtrahlend feinen Freunden gezeigt, jo war es 
ihm auch ſchon entwunden und von ihnen in eine Fetzen zerriffen 
worden, „damit jeder a Stud Frida-Mieder an der Uhrkett'n tragen 
konnt“ 

Später nahm fie bei dem damals rühmlichſt bekannten Schau- 
jpieldireftor Kramer in Regensburg, dem Water des langjährigen 
Sofieaufpiclers in Dresden, ein Engagement als Lofaljängerin und 
Soubrette an, welches ihrem Talent zu großem Vortheil gereichte. 
Dort verfeinerte fich ihr Spiel ganz außerordentlich. Während im 
Münchener Voltstheater die Volfsfeele in Freud’ und Leid bis zur 
Ausgelaffenheit hervorbrechen durfte, während dort die unverfälichten 
Herzenstöne vom übermüthigften Juchzer bis zum thränenteichen 
Ausbruch einer verlaffenen Liebenden um fo ftürmtjcher aufgenommen 
wurden, je naturtreuer fie erlangen, mußte im Sünftlerfreife zu 
Negensburg Maß gehalten und Spiel und Gejang in möglicfte 
Uebereinftimmung gebracht werden. Fridas feines Kunftgefühl er- 
kannte dieſen Vorzug gebührend an, ihre vom Herzen fommende 
Sehnſucht nad) Veredlung fand bald fein Genügen mehr an beı 
Spielweife der fogenannten Vorftadttheater und trachtete daher im 
ftillen zmausgejent nad einer Anjtellung an einem Kunſtinſtitu 
erften Ranges. Die Erfüllung diejes Wunſches follte ihr jpäter zu 
theil werden. Sie erhielt zunächst Engagement am Krollichen Theate 
in Berlin, wo fie glänzend aufgenommen wurde, machte dort die 
Bekanntſchaft eines Künftfers, der am Dresdener Hoftheater, ange: 


Frida von Schũt. 385 


ftellt gewejen war, und wurde von diefem veranlaßt, fi an den 
tunftfinnigen Intendanten. und einfichtsvollen Förderer junger Ta— 
lente, Geheimrath von Lüttihau in Dresden, zu wenden. Sie that 
jo umd erhielt die Antwort, fie möge ſich perfönlich vorftellen. Um 
diefe Vorftellung zu ermöglichen und um zugleich Herrn von Lüttichau 
Gelegenheit zu geben, fich ein felbftftändiges Urtheil über ihre Leiftun- 
gen zu bilden, bewarb ſich Frida um ein Gaſtſpiel beim Nesmüller- 
chen, fogenannten „zweiten Theater“ in Dresden. Dies zu en 
war unſchwer, denn Herr Direktor Nesmüller, ſtets befliffen, jein 
Publikum durch interejjante Gäfte in angenehmer Spartnung zu er— 
halten, ging jogleih auf den Antrag ein und hat fih dadurch ein 
bleibendes Denkmal bei den Kunftfreunden Dresdens gefichert, indem 
Fridas Gaſtſpiel auf feiner Bühne die regſte Theilnahme fand und 
Veranlaffung zu ihrer Anftellung an der, unter Herrn von Lüttichaus 
Zeitung ftehenden, hochbedentenden Kunftitätte wurde. 

Am 1. Mai 1858 trat fie in den Verband des Hoftheaters ein 
und erwarb ſich auch auf diefen heißen Brettern, obgleich das Feld 
ihrer Darftellungen von dem herrſchenden Repertoir der Tragödie, 
des großen Schaufpiels und der Oper ſehr eingefchränft wurde, die 
allgemeinften Sympathien. Denn wie Fridas Gefang und Spiel 
aus dem Herzen kam, jo ging es zum Herzen, und die überrajchen- 
den Talentblige, die ihre natürliche Begabung allüberall einftreute, 
erregten jenes urfräftige Behagen, das, wie Goethe fagt, des Zu— 
ſchauers und Hörerd Gemüt durchdringt. Sie gab das Beite ihres 

efena, wenn fie in dem Liederjpiel: „Ss Lorle im Schwarzwald“ 
fang: „I bin Dir gar zu gut, i kann Di leide“ Ihre Seele redete 
in diefen einfachen Tönen mit einer Wärme, die aud) die Kühler 
geftimmten des großen Publitums mächtig ergriff. zeigt minder 
entzüdte fie durch ihren Humor und ihre Drollerie in dem Liederſpiel 
„Hans und Hanne“, wo fie die ländliche Befangenheit der Hanne fo 
poffierlich und wiederum fo rührend darftellte, daß fie eine der höch- 
ten Kunftwirtungen — Laden und Weinen in einem Zuge — bei 
den Bujchauern erreichte. Sprihwörtlich war damals die Antwort 
der armen, bejehränften Hanne geworben, die fie dem flotten Hans 
auf die Frage giebt: „Na, Hanne, kannſt Du denn leſen?“ — „Ob i 
leſen kann? Ja, Erbjen und Linfen.“ 

In den Alpenjcenen: „3 legi Fenfterl“ und „Drei Jahre nach 
dem letzt'n Fenfterl” erreichte Frida eine wahrhaft tragijche Wirkung, 
wenn die jchmerzlich harrende Geliebte plöglic ihren todtgeglaubten 
Herzensichag wiederfieht und bei feinem Erſcheinen einen Schrei aus- 
jtößt, in welchem fich der höchſte Jubel und die Befürchtung, es jei 
ur fein Geift, nicht er jelbft, ausdrüdt. Sie traf den Ton, der Die 
yihörer bis ins Mark erſchütterte mit einer Unmittelbarfeit, welche 
‚on der Schöpferfraft ihres Talents das glänzendfte Zeugniß ablegte. 
-ida fonnte den befannten Ausjpruch auf fich beziehen: „Ihr Genre 

nicht groß, aber fie ift groß in diefem Genre.“ Gegenüber dem 
oüchſigen Naturtalent, das fie durch feine Eingebungen oft fogar 


386 Frida von Süß. 


auf gleiche Höhe mit großen, feingefchulten Künftlern ftellte, mußte 
man zu der Frage gedrängt. werden: Was wäre nun erft aus'ihr 
geworben, wenn jie eine vollendete Ausbildung genoſſen hätte? Aber 
es gab einen Troft für diefen unleugbaren Mangel. Würden Ver- 
feinerung und Ajcleifung durch regelrechte Studien nicht auch den 
arten Blütenftaub von ihrem Gefange und ihrer Darftellung abge- 
— haben, jenen Zauber ber Ur! prünglichteit und Kindlichfeit, 
welcher die Gaben ihres Talents einem Blumenftrauße, friſch in 
Wiefen und Wäldern gefammelt und mit den köftlichen Thauthränen 
des Himmels befeuchtet, vergleichbar machte? 

tida von Schüg beſaß feine fieghafte Perfönlichkeit. Ihre 
Geftalt war groß und ſchlank, ihre Züge ausdrudsvoll, aber nicht 
unbedingt ſchoͤn. Schmale Gejigtebittung, ein fedes Stumpfnäschen, 
eine Stirn, auf welcher ein felbittändiges Denken thronte, und die 
von ſchwarzen, glänzenden Scheiteln umrahmt war, ein großer 
Mund, der aber die Teifeften Abfichten oder Schattirungen der 
Sprecherin durch feine Ausdrudsfähigfeit unterftügte. Sieghaft ſchön 
waren nur Fridas Augen, von jener unbeftimmten, graubraunen 
Farbe, die bald hellglänzig-harmlos ſchimmert, bald dunfel glutvoll 
bfigt. Dieſe fehönen, großen Augen, die der treuefte Spiegel ihres 
jeelifchen Reichthums waren, umfriedigte das dunkle, ſeidene Wimper- 
haar wie das Schilf einen umergründfichen Alpfee. Fein gebogene, 
ſchwarze Brauen bildeten gleichfam die Thore, unter welchen hervor 
der Geift der Künftlerin in nedifchen, zärtlichen, zürnenden, neugierig- 
Kindlichen und ſeelenvollen Biden feinen fiegesfreudigen Rundgang 
durch die Kunftwelt hielt. 

Es verjteht fich fait von felbit, daß eine Künſtlernatur, wie Die 
Fridas, alle Zerrbilderei und Uebertreibung verabjcheute. Die Kunft 
war ihr die feufche Göttin, die nur herabgewürdigt werden fann 
durch Die fchon damals eingeriffene und feitdem immer mehr ausge: 
bildete Effefthajcherei und alle jene pifanten oder frivolen Spigfin- 
digfeiten im Spiel, die für tiefes Eindringen in die Rolle und für 
neuerfonnene, wunderbare „Nuancen“ gelten möchten, und doch feinen 
gu haben, al3 den: das Publikum zu verblüffen und zu ftärferen 

eifallskundgebungen anzuftacheln. Frida fonnte niemals zur Vir- 
tuofin im modernen übeln Sinne werden, davor bewahrte fie ihre, 
bei aller Naturwahrheit in der Parftellung, dem Idealen zugewen- 
dete Geiftesrihtung. Aus dem Vortrag ihrer Heinen, harmlofen 
Lieder ſprach die deutſche Volfsjeele; ihr Humor, zwar zuweilen 
derb, aber grumdbeutjch-treuherzig und aller Zweideutigkeit wie 
der Himmel der Erde. Das feingebildete Publitum Dresdens, und 
namentlich auch der Hof, erfannten diefe Vorzüge gebührend an und 
ehrten Frida durch einen Beifall, welcher der Wärme und erquiden- 
den Naturtreue ihres Spiels entiprad. Man beflagte nur, daf das 
für den Kothun in Wort und Geſang hauptſächlich berechnete Re 
pertoir des föniglichen Hoftheaterd (mit Ausnahme. ber im Sommer 
1858 noch ftattfindenden, von 1859 an aber für immer eingeftellten 


Frida von Süß. 387 


Vorftellungen im föniglichen Theater auf bem Linkeſchen Bade, die 
hauptſächlich im Dienjte der draſtiſch-heitern Muje ftanden) Frida jo 
wenig Gelegenheit bot, ihre Talentſchwingen zu entfalten. , 

Nur gar zu gern hätte fie ſich zu dem Fach der Soubretten 
in_ber Spieloper emporgearbeitet, und an Fleiß und Strebfamkeit 
würde e8 der mit einer feltenen Willenskraft begabten Kunftjüngerin 
nicht gefehlt Haben. Aber zweierlei ſtand leider der Erreichung dieſes 
Zieles entgegen: die für ein künſtleriſches Opernenjemble, wie das 
der, Dresdener Hofbühne, doch zu mangelhafte muſikaliſche Aus- und 
Stimmbildung, und der öſterreichiſche Dialekt, der, wie es ſchien, mit 
ihr verwachien und faum zu entwurzeln war. Wenigſtens vermochte 
Frida in den anderthalb Jahren, während welchen fie der königlichen 
Hofbühne angehörte, troß regſtem Eifer und hingebendftem Studium, 
diefe Mundart noch keineswegs zum Hochdeuiſchen abzurunden ohne 
geziert und unnatürlich zu werden. 

- Ihre Hauptrollen in Dresden waren und blieben daher: die 
Almerin in „Das DVerjprechen hinterm Herd“, die Hanne in „Hans 
und Hanne“, Liefe in „Die Verlobung bei ber Laterne", woraus fie 
ein Hinteißendes, ländliches Genrebild fehuf, Salome in „Der Talig- 
mann“, die Jugend in „Der Bauer als Millionär”, Roſa in „Der 
Verſchwender“, die Titelrolle in „'s Lorle im Schwarzwald“ und die 
Almerin in „'s letzti Fenfterl“ und in „Drei Jahre nach dem legt'n 
Fenſterl“. Ein Verſuch mit der Rolle der Baronin im „Wildſchuͤtz“ 
wurde unternommen, und wahrlich, die ehrgeizige und ſtrebſame 
Junge Künftlerin ließ es an Fleiß beim Einſtudiren nicht fehlen. 
Sie bezwang wohl leidlich den Dialeftanklang in der Profa, aber 
man merkte eben den Zwang, die Abficht, und wurde verftimmt. 
Noch ſchwieriger war es mit dem Gejang. Die korrekte mufikalifche 
Ausbildung, der höhere künſtleriſche Schliff fehlte, und fomit die 
vollendete Beherrſchung des Organs, um die immerhin trefflichen 
Intentionen der talentvollen Darjtellerin zur Geltung zu bringen. 
Vom jchmer; ficgen Gefühl des Unvermögens bedrüdt, detonirte Frida 
an jenem A fogar, was ihr fonft nicht begegnete. Nicht viel 
beffer ging es in „Doktor und Friſeur“ wörin ihr bie italienifchen 

jeden, die. man ihr beizubringen bemüht war, verzweifelt viel zu 
potter machten. Es war eben all dies ae lediglich auf 

frühen Mangel an Schule und an jener Geiftesdrejjur zurückzufüh- 
ven, wodurch die Fähigkeit, verſchiedene Bildungsformen mit größerer 
Leichtigkeit anzunehmen, entwidelt wird. Dieſe Gefchmeidigfeit in 
ben zwanziger Jahren nachzuholen, ift allerdings unendlich ſchwer, 
fajt unmöglich. Vennoch bezmweifelte man nicht, daß, wenn Frida 
am Leben geblieben wäre und fich einer ausdauernden Gejundheit 
u erfreuen gehabt hätte, noch manches ſchöne Ziel, das vorläufig 
ern fehien, bei ihrem jtarfen Willen und ihren vorzüglichen Anlagen 
erreicht worden wäre. Der geiftvolle und gemüthreiche Pater Beller- 
mann von der Dresdener Hoffirche, der für fein ehrlich-fromm ges 
finntes Beichtlind lebhafte Theilnahme empfand, fagte treffend: „Sie 


388 Frida von Schũtz. 


ift aus einem Stoff, aus dem ſich alles formen läßt. Ich Hoffe das 
beſte für ihre fünftleriiche Weiterentwidelung.“ 
Diefe Weiterentwidelung im höchften geiftigen Sinne übernahm 
der Himmel. Im Herbit des Jahres 1859 fang und jpielte Frida 
noch in Tetjchen an der Elbe zum Beſten einer dort zu errichtenden 
Realſchule. ALS fie nach einer unbehaglichen Nachtfahrt früh 4 Uhr 
urüdfehrte, überfiel fie ein heftiges Froſtſchütteln, woraus ſich ein 
atarch entividelte, ber fich nicht verlieren wollte. Dennoch folgte 
die ſchon Kränkelnde aufopferungsvoll dem Rufe ihrer Schweiter, 
welche in Annaberg in Sachſen bei einer_reifenden Schaufpieler- 
geſellſchaft als Soubrette engagirt war. Diefelbe wollte ſich ver- 
heiraten, brauchte Geld und bat Frida, in ihrem bevorftehenden 
Benefiz zu gaftiren, damit fie. cine gute Einnahme made. Trog 
bringendfter Warnungen der Mutter reifte Frida, nachdem fie den 
erbetenen Urlaub erhalten hatte, bei höchft ungünftiger Witterung 
ab und fehrte nach fünf Tagen, zwar mit einem tüchtigen Schnupfen 
behaftet, der in Fieber überging, doch in heiterer Stimmung und 
guten Muthes zurüd. Cine abermalige Einladung, in Tetfchen zu 
fingen, wurde leider nicht abgefchlagen, obgleich Frida feit der Anna- 
berger Gaftjpielreife fi) nie ganz fieberfrei fühlte. Nach diefem 
dritten, bei ungünftigitem Herbitwetter gewagten Ausfluge, traf Die 
Aermfte ſchon tobtfrant zu Haufe ein. Die Gicht, an welcher fic 
jeit frühfter Jugend jo unfäglich und ſchwer gelitten Hatte, trat in 
furchtbarſter Weife hervor. Doch ahnten die Ihrigen nicht die tödt- 
liche Gefahr, ebenſowenig die Freunde und Bekannten. Als ich zum 
letzten Male an Fridas Lager ftand, nidte fie mir nur ſchwach zu, 
denn ein entjeglicher Gichtanfall hatte fie fo matt niedergeworfen, 
daß fie nicht —3— fonnte. Demungeachtet fürchtete man noch 
nicht das Aeußerſte. Der Arzt tröſtete die Mutter, und fie hoffte 
alles von der Tochter guter Natur. Dann famen Herr von Schü, 
der beim Nesmüller-Theater als Soufflcur angeftellt war, und der 
Bruder nad) Haufe, der an demſelben Theater als Orcheftermitglied 
wirkte, fie beflagten wohl as das Leiden der theuren Tochter 
und Schweiter, aber fie gaben fich ſämmtlich vertrauensvoll dem Ge— 
danken Hin, eine Reife nach) Teplig und der Gebrauch der dortigen 
Quellen im nächſten Frühjahr, werde Heilung bringen. Die Vor— 
fehung hatte es anders beichloffen. Im der Nacht zum 26. Novem- 
ber war die Gicht nach fpäterer Ausſage der Nerzte in den Kopf 
getreten und hatte einen Gehirnfchlag herbeigeführt. Frida fchrie 
plöglich angftvoll auf, e8 war ihr, als kämen ſchwarze Männer auf 
fie Tosgefchritten, die fie ermorden wollten. Ihre Mutter Tief nach 
dem Arzte, der Vater nad) dem Pater Bellermann, nur ihr Brude 
blieb bei ihr. Im feinen Armen verfchied fie; ihre legten Wort: 
zeugten nod) von ihrer Herzensgüte und Pflichttreue, fie jammertı 
als fie ihr Ende herannahen fühlte: „Meine armen Eltern!“ 
Der hereinbrechende düftere Novembermorgen fand die Tieblich 
Blume gefnidt. Frida von Schütz ftarb 1/,6 Uhr am 26. November 185 


Frida von Schũt. 389 


und wurde am 28, unter innigfter, tiefgefühlteiter Theilnahme der 
ganzen Stadt auf dem katholiſchen Friedhofe der Friedrichſiadt be— 
erdigt. Pater Bellermann hielt eine erſchütternde Leichenrede, die 
der allgemeinen Hochachtung und Liebe, welde Frida ſowohl als 
Künftlerin, als auch al3 Privatperfon genofjen hatte, den ehrenvoll⸗ 
ften und beredteften Ausdrud lieh. — 

Werfen wir noch einen Blick auf die früh Dahingefchiedene ala 
Nichtkünſtlerin, als Kollegin, Gefellichafterin, fo entrollt ſich vor una 
ein Bild reich an Farbenwechjel, nedijch und lieblih. Frida war 

“heiter, voll wigiger Einfälle, aber nie verlegend in ihren treffenden 
Ausfprüchen. Nichts war poffierlicher, als wenn fie von jemand be— 
hauptete, fie fenne ihm in- und auswendig und wiſſe nicht gerade 
viel gutes über ihn zu fagen. Dann warf fie bedeutungsvolle Seitens 
blicke, nickte langſam mit dem Kopfe und fagte mit fehnarrendem 
Tone: „Na, den fenn’ i, als ob i ihn g'macht hätt’. 

Einer meiner Dresdener Freunde, dev königliche Oberbibliothelar 
und Kulturhiftoriter Hoftath Klemm, wünjchte jehr, Frida im ges 
jelligen Kreiſe kennen zu lernen, da er fo viel von ihrer Tiebens- 
würdigen Dfjenheit und ihrem unverwüftlichen Humor gehört Hatte. 
Ich veranftaltete deßhalb eine Kleine Abendgefellichaft und lud außer 
Hofrath Klemm und Frida von Schü noch einige andere Kolleninnen 
vom Hoftheater ein. Es war in der That eine Iuftige Gejellichaft, 
Frida fprudelte über von guten Einfällen, die freilich nicht immer 
zu ben feinften, gefchniegeltiten gehörten, vielmehr etwas derb waren, 
aber die den Kulturhiftoriter zu dem Ausſpruch veranlaßten: „Wenn 
man ein Götterbild fernigen Dre Volkshumors aufitellen wollte, 
müßte Frida von Schü auf das Pojtament gehoben werben.“ 

„Was?“ rief Frida lachend, „heben wollen's mi? Aufheben bei 
denen alten Mumrien in Ihr'n großen Tempel drüben? (Sie meinte 
das Bibliothefgebäude.) Na, da wollt i doc) lieber, daß alle vier- 
gehn Nothhelfer und die elf taujend Jungfrauen mi auf den Feuer- 

oden 'naufheben thäten, al3 jo ang'nagelt und fteif in a'n Glas— 
faften aufg hoben z'werben.“ 

As ich eine dampfende Bowle Punſch auftragen lieh, rief Frida 
lachend: „Na, das iS guat! Mr fein al’ a biſſel ausg’laflen, da 
verjchreibt uns die liabe Kollegin a’n ſchwachen Kamüllenthee, der 
fol das G'blüt beruhigen.“ 

In Defterreih hat man den Ausdrud: „Du garjtiger Ding“; 
Zrida machte ein Femininum daraus umd fagte herzlich begütigend, 
As ich ihr ob des „ſchwachen Kamüllenthees” drohte: „Nir für un= 

iat. Wiſſens aber, Sie garftige Dingin, daß S' mir heut’ noch fa 
uffer! geben haben?“ 

Die legte Zeit ihres jungen Lebens wurde der herzigen Kollegin 

H trefflichen Künftlerin durch die Gefinnungslofigfeit eines Mannes 
bittert, der fich zuerit aus allen Kräften um ihre Liebe beworben, 
» al er fie endlich errungen und Frida ihm ihr treu- und warm» 
inbendes Herz dahingegeben Hatte, fi eines ſolchen Schatzes 


390 Seide von Schü. 


nicht würdig zeigte. Wer in ſolchen verzweiflungsvollen Stunden, 
wo wieder einmal einer feiner Briefe ihr gezeigt hatte, daß fie nicht 
fo geliebt wurde, wie fie liebte, daß Familienvorurtheile wohl gar 
imftande fein dürften, von feiner Seite eine Löfung des Verhält- 
niſſes herbeizuführen, wer da_von ihr die unter taufend Thränen 
geitammelten Worte hörte: „OD Du mei lieber Herrgott, laß mir 
doch nur den einzigen lieben Mann, i will All’s auf Erd'n entbehr'n, 
aber laß m’r nur ihn!“ der fühlte, daß Frida ein Mädchen war, 
das am gebrochenen Herzen fterben konnte. 

Daß diefe unglüdliche Liebe an ihrem Leben zehrte, daß dies 
ewige Schweben zwijchen Hoffnung und Verzweiflung einen verderb- 
lichen Einfluß auf ihre Gefundheit ausübte, war denjenigen, die ihr 

nahe ftanden, fein Geheimniß, ſodaß auch die hinzutretende jomee 
Krankheit bei der im Gemüt fo tief Bewegten leichteres Spiel haben 
mochte. 
ine legte Rolle war bie der Liefe in „Die Verlobung bei der 
Laterne“, in welcher ſich ihr fchöpferifches Talent jo wunderjam be- 
thätigte. Die heimliche Liebe der armen Magb zu dem von zwei 
zeichen Wittwen umworbenen Peter wußte fie jo rührend, fo einfach 
wahr darzuftellen, daß man in dem luſtigen Stüdlein oft Thränen 
ſah, die Fridas Spiel und Geſang hervorgelodt hatte. Das ift 
eben der echte Humor, welcher Aifen Scherz und Ernſt wie ein 
m zwiſchen feinen Ufern dahinrauſcht. Und diefen Humor be- 
jaß fie. 

Zum legten Dale ſtand Frida von Schüg auf der königlichen 
Hofbühne, als die Mitglieder des Hoftheaters gelegentlich der Schiller- 
feier die Statue des beutjchen Vichterfürften befränzten. Ach, fie 
war fo kindlich fröhlich an jenem Abende, fie ahnte. ja nicht, daß 
I pon Fr Brettern, deren Bierde fie geweſen, den ewigen Ab- 

ied nahm. 

si Ein rührender Bug des theilnahmvollen Herzens des liebens— 
werthen Mädchens beichließe dieſe Schilderung ihres Charakters und 
ihres Lebensganges. Als unfer verehrtes Königshaus einen e 
ſchmerzlichen Verluft in dem plötzlichen Dahinjcheiden der jugen! 
lichen Erbgroßherzogin von Toscana, der Tochter Königs Johann 
von Sachen, erlitt, war Frida außer fi) und weinte bie bitterften 
Thränen, indem jie rief: „O wenn i's nur dem guten König Jagen 
konnt', wie ſchwer i fein’ Kummer mitempfind. Kommens“, fagte 
fie zu mir, „wir geh'n ins Schloß, da liegt a Bud, da kann m'r 
fich einfchreib'n, da lieſt er's doch, daß m’r mit ihm wein'n.“ Ich 
entgegnete, Died Buch fei doc, wohl nicht für uns ausgelegt, es 
könne am Ende gar zubringlich erfcheinen, wenn wir uns bort ein- 
ſchrieben. Es half alles nichts, ich mußte mit, denn Frida fagte: 
Gehn's mit Ihre Bedenken! Wenn die Krafelfüß’ meiner Namens- 
unterſchrift auch nit red'n könn’, wie's in mein'm Herzen ausſchaut, 
der gute König merkt's doch, wie's g'meint is.“ 

Einen warmempfundenen poetifchen Nachruf widmete ihr der 


0° Seide von Schät. 391 


Schriftſteller Robert Waldmüller in der Dresdener Konftitutionellen 
Zeitung, er feiert das Naturfind, die Almerin, die fie fo unwider- 
jtehlich treu und wahr zu verlebendigen wußte, und endigt mit den 
Worten: . 

„D hätte Dich die. donnernde Lawine 

Dabingerafft, wenn fie zu Thale jagt! 

D lügft Du jet, wo Deine wahre Bühne, 

Bon Kindern des Gebirg's umringt, umllagt! 


O konnten wir bie Täufhung une bewahren, 

— Denn nun hat fie allein für uns noh Sinn — 
Du ſei'ſt im Wetterſturm dahin gefahren 

Und ſtarbſt den Tod der echten Almerin!" 


Münden im Jafre 1888. 
Bon Adolf Heilmann. 


nmer und Herbſt des Jahres 1888 waren 

m die Zeit theild reicher Ernte aus frühe» 
theils der Ausfaat für die Zufunft; eine 

iſche Epoche erften Ranges; ein Nachweis 
iAufſchwungs in Literatur, Induftrie und 

, we um ‚Deitelten Sinn und des ftaatlichen Lebens, 
Die Wiſſenſchaft Münchens ging ihren ehrwürdigen, fteten Gang; 
ein äußeres, in die Erjcheinung tretendes Zeichen, ein vor das finn- 
liche Auge tretendes Bild des Sonft und Segt, haben wir nur im 
Bufammenhang mit jenem Nachweis, nicht für fie allein zu ver 
zeichnen. a ein Jahrhundert ift es, jeitdem die Saaten geftreut 
wurden. Sie find pn nicht etwa erjt im Jahre 1888 aufgegan- 
en, wohl aber haben die Stadt und das Land, nachdem die tiefe 
vauer um ben tragifchen Heimgang König Ludwigs IL abgelegt 
war, in diefem Jahre Akt davon genommen, daß und wie die. Saat 
aufgegangen ift und haben dies äußerlich bethätigt und zu erkennen 
jegeben. In diefem Sinne haben wir den Frühling, Sommer und 
rbft des reichen Jahres eine Zeit der Ernte genannt; gleichjam 
ein Exntefeft, welches alle bisherigen Ernten zufammenfaffen jollte. 
Von der Saat felbit, welche ſchon der legte Kurfürjt und zus 
leich der erfte König, jodann fein erhabener Sohn, König Ludwig L, 
Beide gemeinjam mit den Männern ihres Sinnes und ihrer Wahl 
und ihre Nachfolger ausftreuten, wollen wir unfere Lejer ebenjo 
wenig unterhalten, al3 von der Art und Weife und Zeit des Auf 
jangs dieſer Saat, der Störungen und Henimniſſe deifelben und 
Fines endlichen, glüdlichen Sieges über dieje Elemente. Das find 
Dinge, welche der Gejchichte angehören. Nur wie fi München 
ſchon feit zwei Jahren gerüftet und im Jahre 1888 ausgeführt Hat, 
vor ganz Deutſchland Zeugni abzulegen von dieſem Steg — nur 
davon fei Hier die Rebe, wobei aber — wie wir gleich jet hervor— 


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Münden im Jahre 1888. 393 


heben wollen — nicht etwa eine Nachlefe der Taufende von hierüber 
erfchienenen Zeitungsartifeln gesatten, ſondern ein das Ganze umfaffen- 
des Bild gegeben werden fol, in welchem nur einzelne hervorragende 
Punkte, die das Publikum bereit Eennt, vielleicht als liebe Bekannte 
in einer gewiffen Gejammtbeleuchtung mit Gefammtwirfung wieder 
hervortreten dürften. Denn jenes -war der leitende Gedanke der 
Schöpfer und Führer bei allen Veranftaltungen, Zeiten und ſonſti— 
en Kundgebungen, welche im Laufe jener Monate die Stadt und 
8 Land in Aufregung verfegten und erhielten, welche die Augen 
und Reifegele einer ee roßen Anzahl von Gäften auf 
München lodten, auf die fchöne efibenz Bayerns an ben Ufern der 
Iſar, von denen fonft nur das eine die Stadt begrenzte, während 
fie fich jet, vom. einer Einwohnerzahl von etwa 50, zu Anfang 
dieſes Jahrhunderts bis auf nahezu von 260,000 gewachſen, an 
beiden entlang ausdehnt, und beide um den Vorrang der Schönheit 
ftreiten. Und da diejer Streit ſich bisher von ſelbſt zugunften des 
rechten Iſarufers entichieben hat, welches ehemals mit der Stadt 
feinen anderen Zufammenhang hatte, als eine rg ift jetzt 
im Frühjahr 1888 auf dem linfen Ufer der Palaſt der Sunft- - 
‚ewerbeausftellung erbaut und hiermit die Enbgiltigfeit jener Ent- 
i pin wieber zweifelhaft geworden. war in der That ' 
eine geniale Kühnheit des Architekten H. Emanuel Seidl in Münden, 
Biejes Ufer für dieſes Gebäude zu wählen, oder, wenn er es nicht 
K ft gewählt Hat, bort jeinen Bau zu wagen — ein lang hinge⸗ 
trecktes, von jeder Flußwaſſerſteigung überflutetes, grobes Sties- und 
Steingerölle, nur, etwas entfernt vom Waffer, mit alten Kaftanien- 
bäumen und wenigen, elenden Hütten — Häufer im heutigen Sinne 
Münchens kann man nicht jagen — befeßt, von der oberen Ifar- 
brüde, welche die Zweibrückenſtraße mit der Vorſtadt Au verbindet, 
bis Herunter zum Mariannenpla, aljo längs der ganzen alten Quai— 
und Floßſtraße fich ausbehnend. Die Hütten mußten angefauft und 
abgebrochen, das Land mußte bedeutend aufgetragen und erhöht und 
die Ufer mußten mit einer Dauer eingebaut werben. Es durjte 
aber feine einfache Mauer werden. Sie wurde ein Schmud des 
Ufers mit zwei großen vorjpringenden, halbrunden Balkons, in deren 
Mitte eine breite Treppe in den Fluß _hineinführte, geziert mit zwei 
auf Felſen Hingejtredten, firnig in Die Flut ſchauenden Zlußgöttinnen 
vollendetfter Formen. Gar Mancher ſchüttelie den Kopf über dieje 
ſcheinbare Syjiphusarbeit und den Koftenaufwand. Aber die Arbeit 
wurde in Angriff genommen, für dag Geld wurde geforgt, bald er— 
der ſich eine ebene Terraſſe auf dem Steingerölle. So hätte es auch 
er große Säemann, König Ludwig J., gemacht, als er Stadt und 
Land mit den Bauten ſchmückte, die fo manches Blatt der Gejchichte 
der Baufunft füllen, und feine Saat war aufgegangen. Es galt ju, 
eine deutfche Kunftgewerbeausftellung zu veranftalten und der Welt 
zu zeigen, daß das deutjche Kunſtgewerbe wieder, wie ehemals zur 
‚Zeit der Nürnberger Meifter, auf eigenen Füßen zu jtchen gelernt 
Der Salon 1889. Heft IV. Band I. 27 


394 München im Sahre 1888. 


habe, vor franzöſiſchen und englifchen Muftern nicht mehr zurückzu— 
ſchrecken brauche und daß man im neuen deutſchen Neid) nicht mehr 
diefe, fondern deutfche Produkte fuchen müſſe, um Zweckmaßigkeit, 
Nüglichkeit, Behagen und Bequemlichkeit, verbunden mit Schönheit 
in Geräthe und Gefchmeide, in Wohnhaus und gataft, in Kapelle 
und Don einziehen zu laſſen. Zwar befteht in München ſchon feit 
1854 der Glaspalajt, der damal3 nach dem Muſter des englifchen, 
furz vorher für die vom Prinzgemal, Prinz Albert infpirirte erfte 
Weltausstellung errichteten Glaspalaftes ebenfo kühn auf ödes Land 
bingezaubert worden war, wie jet der Ausftellungspalaft an der 
far. Aber er war fchon vergeben für die internationale Kunftaus- 
stellung, welche ebenfalls im Sommer 1888 ftattfinden follte Und 
jo wurde denn reiht hier eine Reihe von Sälen eingerichtet, 
unterbrochen von großen, fufengetragenen Kuppelwölbungen, in denen 
mächtige Fontänen raufchten, um Gemälden und Bildhauer- 
arbeiten beutfcher, öfterreichijcher, ungarifcher, belgischer, Holländischer, 
italienifcher, ſchwediſcher englifcher, amerikanischer Künftler eine wür- 
dige Aufnahme und Aufftellung zu gewähren — und dort ein leichter 
Bolten auf neu gefchaffenem Grunde errichtet, der, al3 er noch vom 
jerüfte umgeben in der Entjtehung begriffen war, in allen, die den 
Entwurf in feiner Vollendung nicht Tennen zu lernen Gelegenheit 
Hatten, feine Ahnung davon auffommen ließ, welches Bild ſich nad 
Entfernung der Gerüfte ihrem erftaunten Auge zeigen würde. Denn, 
wenn fie auch in ihrem Leben alle Ausstellungen der Welt geſehen 
hätten — ganz andere Formen follte der Münchener Ausftellungs- 
palaft tragen. Aber — fo zweifelte man — wo jollen denn die 
Menfchen fich ergehen und vergnügen, wenn fie die Ausftellung be— 
fuhen? Da ift ja fein Park, der Raum am Ufer vor dem Ge: 
bäude ift ja zu eng! Auch diefer Befürchtung, die wohl begründet 
war, wurde begegnet. Diejer enge Raum wurde zu einer anmuthi- 
gen Promenade verwendet und die dem Ufer gegenüberliegende, von 
zwei Sfararmen gebildete, baumbefchattete Injel zu einem Park aus- 
erfehen, um darin ein befonderes (zweites) Reftaurationsgebäude zu 
errichten und die Infel durch eine Bride mit dem das Ausstellungs 
gebäude tragenden Ufer zu verbinden. Kurz nach biejen Worberei- 
tungen erhob ſich auf dem Iſarthorplatz die mächtige Rotunde für 
die dritte Ausftellung, diejenige der Kraft» und Arbeitsmafchinen, 
und die Stadt jah einem Sommerbefuch und einem Zuſtrom von 
Kunftgewerbe- und großen Induftriegegenftänden entgegen, wie nie 
zuvor. 
Aber auch das Hoftheater hatte Vorbereitungen getroffen, um 
im Laufe des Sommers feine Hallen einem erwartungsvollen, großen 
Zurutun öffnen und ihm ein Repertoir von beſonderem Intereſſe 
ieten zu können. Im Sommer 1887 waren zwei neue baterlän- 
difche Dramen des Münchener Dichter Martin Greif erfchienen und 
die königliche Intendanz hatte fie zur Aufführung angenommen: 
„Heinrich der Löwe“ und „Die Pfalz im Rhein“, echt deuttche Stüde 


Münden im Yahre 1888. 395 


ferniger Art, gefchichtlich in fich To eng zufammenhängend, daß fie 
immer je an zwei Abenden hinter einander über die Bühne zu gehen 
beitimmt waren. Sie wurden mit der größten Sorgfalt einftudirt 
und bereits im März zum erjten Mal mit durchichlagendem Crfolg 
geaeben. Eine zweite, vielbeiprochene Novität befand ſich in ber 

orbereitung, die Wagnerſche Zugenbo T: „Die Feen“. War es 
dort die Dichtung, der ſich bie ftellenden Künſtler mit voller 
Wärme hingaben, da fie die Belchnung des Haufes Wittelsbach mit 
dem Serzogetum Bayern und den Sturz bes troßigen Welfen, vor 
dem der Kaifer in Bartenkirchen (nicht in Chiananna, wie ältere 
Quellen bisher vermuthen ließen) den berühmten Fußfall that, 
wieder mit chernem Tritt in die Gegenwart hereinfchreiten lieg — 
fo war es hier bei den „een“ die Pracht der Ausftattung, mit wel- 
cher das Hoftheater bei den oft wiederholten Aufführungen allabend- 
lich bei dicht befeßtem Haufe verdiente Lorbeeren ernten follte. 

Bereit für 1886 war eine impofante Feier des 100jährigen 
Geburtstages Königs Ludwig I. geplant worben, welche damals 
wegen ber erjchütternden Geigniffe im Königshaufe unterbleiben 
mihte und nun für den Sommer 1888 in Ausjicht genommen war. 
Die ſchon früher konftituirten Komites waren feit Anfang des Jahies 
in voller Thätigfeit, um der Gentenarfeier eine Geftalt zu geben, 
welche erfennen lafjen follte, daß Stadt und Land es der Ausjaat 
diefes Königs verdanfe, in München jet die Stadt zu fehen, die 
es geworden. Man wollte feitiymboliich zeigen, daß er den Grund- 
ftein zur jegigen Ausdehnung der —— Reſidenz gelegt und 
Dſen date Kunſt und Kunſtgewerbe in dieſelbe eingefühet habe 
und daß fein deutjcher Sinn es gewefen, welcher, wenn auch lang⸗ 
jam, das jegige Staatsleben des Königreiches und feine jegige Stel- 
lung in und zum Reich vorbereitet hatte. Der Mogiftrat hatte 
einen der bedeutenditen Künftler Münchens, Wilhelm Lindenjchmid, 
Profeſſor an der Akademie der Künfte, beauftragt, in einem für das 
Rathhaus beftimmten (und gegenwärtig bort bereits prangenden) 
Koloffalbild jene Thätigkeit des Königs nmbolife) und zugleich hiſto⸗ 
riſch darzuſtellen. Verfaſſer dieſer Kun bat das Wild entjtehen 
fehen, geräihrt und erhoben von der Pietät gegen ben König, welche 
nicht bloß den Künſtler perfönlich zu dem großen Werf begeifterte, 
ſondern fich gleichfam in feiner Sünftlerfeele fo fpiegelte, wie man 
fie allüberall in der Stadt wahrnehmen konnte. 

Aber — — ein trüber Schatten lag über all diefem Denken 
und Schaffen. Nur wer es felbit gejehen, kann ein treues Bild von 
der Wärme haben, mit welcher das bayerijche Volt am beutfchen 
Kronprinzen hing, der deſſen Söhne in ruhmreichen Schlachten gegen 
den Feind geführt und ihnen einen Antheil am der Entftehung 
neuen Reiches gejichert hatte, vor welchem trübe Erinnerungen aus 
früherer Zeit, wie Nebel vor der Sonne, verſchwanden. ‘Und dieſer 
Mann war foeben, felbft ſchon umraufcht von den Schwingen des 
Todesengels aus San Remo an das Sterbebett des Vaters, Kaijer 

27* 


396 Münden im Sahre 1888. 


Wilhelms geeilt! Daß der greije Kaifer ſchon am 9. März ruhm- 
gekrönt und von einer Welt, nicht nur vom deutjchen Volk, verehrt 
und geliebt, wie nie ein Monard), heimgegangen war, rief natürliche 
Trauer hervor. Aber fie war gemijcht mit dem Stolze, einen fol- 
hen Mann auf dem Throne feines neu gegründeten Reiches gefehen 
zu haben und Trauer, ebenjo wie diefer Stolz, Iprach 19 in dem 
Riefenkatafalt aus, der in München mit Aufwand aller Kunſt und 
Brad, denen die Stadt fähig war, errichtet wurde. Der Gebanfe: 
der König ift tobt, es lebe Der König! — beherrichte alle Kreife der 
Bevölkerung, wie allenthalben im Kein, Aber die Sorge um ben 
nun auf den Thron gelangten, geliebten Kronprinzen wich nicht. 
Tag für Tag riß man ſich auf den Straßen um die Tagesblätter 
ober fragte: Wie geht's dem Kaifer? und in banger Ahnung nahmen 
die Vorbereitungsarbeiten für den Sommer ihren Fortgang. 

war die Stimmung. Weihevoll und ernft für Vergangenheit und 
Bufunft, Hangend in peinlicher Befürchtung für die Tage der Gegen- 
wart, die in Arbeit und Schaffen ausgenugt werben mußten. 

Im Mai wurden die Ausftellungen an der Ifar und im Glas— 
palaft eröffnet. Außen war alles fertig, im Innern noch nicht. Täg- 
lich_mehrten ſich Kiften und Kaften und faft fehlten die Räume, fo 
groß und weit fie auch bemeffen waren. Die Baumerfe der Kunſt⸗ 
gewerbeausftellung an der far ftanden in vollendeter Geftalt, frei 
und zugäng id), ſchon umfprieft von bem feimenben Raſen und um- 
bangen und leicht bejchattet vom zarten Laub des Wonnemondes. 
Sie waren vornehm und fürſtlich in einem wirklichen Stile erbaut, 
feine großen, unſchönen Kuppeln, ober Reihen niedlicher Schweizer- 
häufer waren zu fehen, wie fie jo häufig bei folchen und äuch bei 
den gleichzeitig mit der Münchener in_diefem Sommer veranftalteten 
Ausftellungen anderer außerbeutfcher Städte in Anwendung gebracht 
worden find. Man ftand hier vor großen Maffen in fhönjter Grup- 
pirung, vor einer hellfarbigen, heiteren Architektur mit Duaderungen, 
ſtark vorfpringenden, gefälligen Gefimjen, mächtigen Fenfter- und 
Portalhalbkreiſen mit allegoriig jemalten Friefen und mythologifchen 
Figuren reich geſchmückt. Der Gedanke, nur einen leichten Holzbau 
vor ſich zu jehen, fam gar nicht auf, denn Die Formen des Baͤues 
und die Baſſins mit wafjerfpeienden Pferden und Ungeheuern, ge- 
tragen und gehalten von riefigen Männer» und rauengeftalten, 
feffelten und fättigten das Auge vollftändig. Ihren Triumph feierte 
die Architektur mit ihrer naiven einfachen Stonjtruftion in Bau- und 
Färbung des Rejtaurationzjaales im Hauptgebäude und im Mittel- 
pavillon deſſelben mit dem SKaiferfaal. Was hier improvifirende 
Deforationsmalerei geleiftet Hatte, das überbot fat der Reftaurations— 
pavillon auf der Injel, der unter ſchattige Baumgruppen hingezaus 
bert fchien, mit feiner wohlthuenden und einlabenden Kombination 
von Veftibül, Saal, Zimmer, Verandas und Terraffen und einer 
wunderbaren, man fann frgen geiftvoll angebrachten Studaturorna- 
mentif. Biwifchen beiden Gebäuden erhoben fi mitten und un— 


Münden im Sahre 1888, 397 


mittelbar ohne jedes Baifin aus dem Fluß drei riefige Fontänen, die 
6—8 Stodwert hoch emporraufchten und durch deren PDiamanten- 
fprühregen hindurch man bei fonnigen Tagen die entzüdendfte Aus— 
ficht hinüber auf das in ganz ähnlichem Bauſtil wie das Haupt- 
ausſtellungsgebäude aus reichen Baumgruppen hervorragende Mazi- 
milianeum, eine Stiftung König Marimilians IL, des Sohnes König 
Ludwigs I, genießen fonnte. Beſonderes Intereffe erregten bie 
abendlichen elektrijchen Beleuchtungen, welche oft von vielen Taufen- 
den befucht waren. Man Hatte auf dem Altan de3 nördlichen Ein- 
ganges mit dem fugenannten „Ausfichtsthurm“, eines Gebäudes von 
hervorragender architeftonifcher einfacher Schönheit, durch welches 
ein weites, offened Thor in den Park führte und auf deſſen mäch- 
tigem, in quadratijchem mit Statuen und Kandelabern geſchmückten 
Stufen fich erhebendem Unterbau ein Thurm emporragte, einen elet- 
triſchen Apparat angebracht, der ſich nach verfchiedenen Seiten hin 
drehen ieh um die an ſich ſchon reizende Tandichaftliche Umgebung 
des Parkes auch zur Nachtzeit in Bildern erfcheinen zu Iaffen, deren 
Auswahl ſchon eine fünftlerifche Thätigfeit genannt werden durfte, 
Ein anderer, gleicher Apparat ftand jenem gegenüber tief in einem 
Schopfen mitten im Fluß; in diefem befanden fich zugleich die un— 
geheueren Turbinen, welche die erwähnten drei Springquelfen empor— 
trieben. Drüben liegt, auf ber Höhe des Ufers, die fogenannte 
Gafteiganlage und mitten in ihr eine alte, Heine Kirche mit ihrer 
trüben Erinnerung an das vatifanifche Konzil von 1870, deren 
Infallibilitäts- und Unbefledtheitsbeichlüffe veranlaft Hatten, daß 
men den „Altfatholifen“ dies enge Stirchlein einräumte, umgeben von 
einer Yaumgruppirung feltenfter Fülle und Pracht. Dorthin — das 
war 3.3. eines jener Bilder — warf ber hochaufgeſtellte Apparat 
weit über den Strom hin feinen Strahl, in welchem Hunderte von 
eleftrijchen Funken, wie Sternfchnuppen zudten. In derjelben Linie 
"gleißgeitig tief unten im Fluſſe erglänzt die eine jener Spring- 
quellen, getroffen vom Strahl des im Schopfen aufgeftellten Appa— 
rates. Jetzt verwandelt fich phantaftifch-Luftig feine natürliche Wafter- 
farbe im tiefes Uftramarinblau, dann in blendendes Smaragdgrün 
und endlich in Roth, daß man meint, Bacchus Täge im Fluffe und 
fpiee Rothwein in die Lüfte. Zugleich erglänzt in demfelben Roth 
die obere Fontäne auf ganz bunfelem Grunde der tiefen Nachtluft- 
farbe. In der Mitte ſieigt unbeleuchtet in natürlichem geifterhaften 
Scheine die dritte und größte majejtätijch empor und die Taufende 
von Gäften, erft in tiefes Schweigen gebannt durch diefe Macht und 
diefes Spiel der Natur und ihrer Kräfte, bricht in lautes, jubelndes 
Beifallrufen und Händeklatfhen aus. — Und doch — wenn das 
elektrische Licht gegen */,11 Uhr erlofchen war und man über Die 
Brücke Heimfehrend noch einen Blick auf das ganze Bild warf, wel- 
ches nun in einfachen, natürlichen Glanze der Yeräpellen, jest mond⸗ 
glänzten Zaubernacht vor unjerem Auge liegt, der Palalt hinge- 

‚et am Flufje in feinen großen, ſchönen Formen, theilweije tief 


398 Münden im Jahre 1888. 


befchattet von den buſchigen Kronen ber alten Kaſtanien; bie drei 
Springquellen wie Geifter auf den grünen Wellen der Iſar tanzenb; 
der gothiſche Thum der: Mariahilffirche in der Au mit feiner filis 
granartig Durchbrochenen Spige, hineinragend in die von der Tages- 
glut noch zitternde Nachtluft — dieſes Bild war und ift immer 
noch jchöner, als das elektriſch beleuchtete. 

Die internationale Kunftausftellung im Glaspalaſt hatte einen 
ganz anderen Charafter. Es war natürlich zwar eine einladende 
Reftauration daſelbſt eingerichtet. Das war aber 'aud) alles. Im 
übrigen blieb das Intereffe der Befucher feſt an den außgeftellten 
Kunſtwerken haften, auf welche hier näher einzugehen uns Beruf 
und Raum fehlen. Im allgemeinen trugen fie einen vorherrſchend 
ernſten Charakter. Bon Humor zeugten wenige Werke, und eines, 
an welches fich bereits eine Novelle geknüpft hat, kann nicht uner- 
wähnt bleiben. Im Saal der Statuen und Büſten ftand auf einem 
Sodel eine etwa dh Meter hohe Venus, die ihren Amor übergelegt 
hat und mit der Ruͤthe züchtigt, während diefer mit dem Händchen 
fi an der betreffenden Stelle zu fügen und die Hiebe der wunder 
ſchönen, aber jehr erzürnten Mutter zu pariren fid) bemüht. Dazu 
fam noch etwas. War's Abjicht oder Zufall — kurz, unmittelbar 
vor diefer Gruppe war diefe Büfte des greifen Döllinger in Paftoral- 
tracht jo aufgeftellt, daß er die Zücjtigungsfcene mit anfehen muß. 
Später wurde fie anders poftirt. Wahrſcheinlich gab es ber Lacher 
dod) zu viele. Ernſt und würdig war der Eingang in das Gebäude. 
Hatte man den Vorſaal mit den Garderobe und Kaffenräumen durch 
ſchritten, fo gelangte man in eine mächtige Halle, wo die Koloffal- 
ftatuen, z. B. Kaiſer Wilhelm L, Graf Moltfe zu Pferde a. a. m. 
Platz gefunden hatten und ein weites, hoch übermwölbtes, mit Zier- 
Pflanzen und Ruhefigen umgebencs, Iuftig plätfcherndes Wafferbafin, 
innerhalb einer großen Säulenrotunde immer dem Raume liebliche 
Kühlung brachte. Von hier aus faroffen ſich nach rechts und links 
die mit Kunſtwerken dicht befegten Reiten der verfchiedenen größeren 
und fleineren Säle an, alles befegt mit geflochtenen Deden, ſodaß 
fein Tritt der Umherwandelnden hörbar war. Das praftifche Er— 

ebniß der Ausitellung war jehr befriedigend. Für eine volle Mill. 
arf wurden Gemälde u. |. w. verkauft. 

Der Kraft: und Arbeitämafchinenausftellung näher zu gedenten, 
geht uns Beruf und Sachkenntniß ab. Sie war Icdiglic dem In— 
tereffe einer großen Anzahl von Gäſten an den neuen Erfindungen 
gewidmet. Von allen brei Ausftellungen aber gilt ber eingangs er 
mwähnte Gedanfe an Ernte und Saat gleichmäßig, Die Induftrie- 
ausjtellungen vorhergegangener Jahre hatten den Grund gelegt zu 
der auf der letzten Kunftgewerbeausftellung von 1888 klar hervor- 

jetretenen Befreiung des Geichmades von den verfchiedenften Ein— 
Mitten des Mode und Muſter gebietenden Auslandes und eigener 
Seichmadsverirrungen. Und in diefer Befreiung liegt der Keim ihrer 
befruchtenden Wirkung auf dem ſchon jegt emporblühenden Handel 


Münden im Sahre 1888. 399 


mit dem Kunftgewerbe und feinem Export. Ihre baulichen Erſchei— 
nungen waren ſchon durch die Gejchmadsrichtungen Königs Ludwig I. 
und feiner Meifter vorgezeichnet. Die Kunftausftellung im Glas— 
palaft war bie Frucht all jener großen Beſtrebungen beifelben Mo⸗ 
narchen und der von ihm berufenen und durch ſeinen hohen Sinn 
durchwärmten bildenden Künſtler. Sie wird ihrerſeits die Grund- 
lage und den Anlaß zu einem ftändigen internationalen Kunſtſalon 
in München werben, der die Beitrebungen der Künſtler in enge Ver- 
bindung mit dem fünftlerifch empfindenden Theil der Nation bringen 
fol, wonach ſich gerade die namhafteften Künftler Münchens fehnen. 
Dann müßte freilich der bisherige Comment aufhören, den man in 
München in den Ausjtellungen und auch in dem Heinen, mit jenem 
ftändigen erfehnten Salon nicht zu vergleichenden Kunftvereinsfalon 
übt. Denn We einer Ignorirung ober kurzen, wenn auch höflichen 
Antwort ausgeſetzt zu fehen, wenn man jemanden — und befonders 
eine Dame [ohne fich gegenfeitig zu Fennen, oder wenigjtens vorgeftellt 
zu fein] — anredet, um feinen Gebanfen und Selühlen über die 
auunftwerke Ausdrud zu geben, — in den erjten Logen und im 
Parkett bes Hoftheaters findet mar daſſelbe — dient wahrlich nicht 
dazu, zwifchen ben Beſtrebungen der Künjtler und dem künſtleriſch 
empfindenden Theil der Nation jene Brücke zu fchlagen. So gut 
der Künftler ein Publikum braucht, ebenfo nöthig bedarf das Publi- 
kum freie Sitte ungezwungener und etifettefofer Unterhaltung in den 
Hallen der Kunſt. 

Der Gedanke, den hundertjährigen Geburtstag König Ludwigs J. 
(den 25. Auguſt 1786) feftlih durch eine Centenarfeier zu begehen 
und den Dank für feine Verdienfte um Münden feinen Manen in 
diefer Form auszusprechen, war jchon feit drei Jahren Iebendig ges 
worden, aber die Igor oben angebeuteten traurigen Ereigniſſe in 
den Fürftenhäufern Wittelsbach und Hohenzollern Hatten ſich dem 
frohen Schaffen entgegengeftellt. Ende Juli 1888 waren die Kata- 
ftrophen vorüber und namentlich der Geiſt des jungen Kaiſers und 
feine Thatkraft für den Weltfrieden flößte allen Kreifen frifches 
Leben ein. Der Zufttom von Gäften zu der Eentenarfeier überftieg 
alle Erwartungen, Geſandte vieler beuticher Städte, unter anderen 
Straßburgs, der Geburtsſtadt des Königs, aber auch Athens, welches 
ihm Heute noch aus jener Zeit der Regierung bes jugendlichen Königs- 
johnes, Otto L, ein warmes Andenfen bewahrt, trafen cin — wie 
mandjer herzliche Händedrud wurde da gewechjelt, welche begeifterten 
Worte wurden gejprochen, welches Reich ſchönſter Erinnerungen er— 
ſchloß fich den jet Lebenden! Die eranftaltungen des Feſtes 
waren finnig und groß, die Ludwigſtraße mit der Univerſität, der 
Ludwigskirche und mehreren anderen monumentalen Kultusgebäuden 
wurden zu einer Via friumphalis umgewandelt, durch welche ſich ber 
Feſtzug bewegte, den Taufende, in zwei dicht gefchloffenen Spalieren 
aufgeftelft, an fich vorüberjchreiten ließen. Alle Kunft- und Gemwerbe- 
genoſſenſchaften Hatten prächtige Wagen mit fymbolifcher Auzftattung 


400 Münden im Jahre 1888. 


gebaut. Leider verfiel die Kaufmannfchaft in eine Uebertreibung de3 
Guten. Acht Efephanten, die ihr aus dem Circus Hagenbed über- 
laſſen wurden, follten in ihrem Gefolge erfcheinen und biefer Irr— 
weg rächte fich durch die befannte, damals in allen Beitungen be— 
ſprochene Panik, hervorgerufen durch das Ausbrechen der Thiere aus 
dem Feſtzug, dem jelbjt durch die umfichtigiten Vorfichtsmaßregeln, 
die man getroffen, nicht hatte vorgebeugt werden fünnen. Zwar im 
allgemeinen war der Mißton bald verflungen, aber in den Häufern 
der unglüdlich Betroffenen wird er noch lange nicht vergeffen werden 
und wohl unvergefjen. bleiben. 

Bald Hierauf, zu Anfang September, wurde abermals ein Zubi- 
läum gefeiert und es würde zu einer allgemeinen Feftlichfeit gewor— 
den fein, wenn es nicht ben ganzen Tag geregnet hätte. Der Erz 
bifchof von München Freifing, Freiherr von Steichele, feierte fein 
funfzigjähriges Priefterjubiläum. Da es in feinem Palais verlief, 
könnte es bei gegenwärtiger Schilderung Münchens im Jahre 1888 
üÜbergangen werden, wenn nicht auch dort das Sonft und Jept figni- 
ficant Bernorgetreten, wäre. Der Jubilar erfuchte ben Rufmusminiter, 
Minifterpräfidenten Freiherrn Dr. von Zug, beim Feftdiner vor einer 
illuſteren Geſellſchaft geiftlicher und weltlicher Würdenträger den 
Toaſt auf den Papſt auszubringen. War es ſchon außergewöhnlich 
und von hergebrachter Etifette abweichend, daß fich der Erzbiſchof 
bei diefer Gelegenheit des Wortes zugunften des Kultusminifters be⸗ 
gab, fo überrajchte noch vielmehr der überaus fühle Ton, den 
von Lug anſchlug. Von der Wirkung deſſelben auf die Tifchgejell- 
ſchaft Hat nichts verlautet. 

Heroorragend in der Mitarbeiterfchaft an dem großen Kultur 
bild des Sommers 1888 war die Intendanz des Königl. Hof- und 
Nationaltheaterd. Der beiden bebeutendften Vorbereitungsarbeiten ift 
oben ſchon gedacht worden. Aber auch Darftellungen, zu denen man 
an dieſem Theater feiner Vorbereitung bedarf, weil fie in 24 Stun= 
den aufs Repertoir gejegt und aufgeführt werben fünnen, zogen das 
größte Intereffe auf fih. Won ihnen müffen wir hier namentlich 
zwei hervorheben, bevor wir über die Aufführung von R. Wagners 
„seen“ und M. Greifs „Heinrich der Löwe" und „Die Bi, im 
Rhein“ unfere Lefer Eurz zu unterhalten verfuchen wollen. Jene 
beiden Darftellungen waren diejenigen der alten Opern „Don Yuan“ 
und „Fidelio“. Es ift wahr, e3 find alte Opern. Aber wie fie hier 
gegeben wurden und jegt wohl immer werden gegeben werden, dürfte 
wohl an diefer Stelle eine Gewähnung verdienen. 

Die gewöhnlichen Aufführungen des „Don Juan“ an unferen 
Bühnen, bebeutendere nicht ausgenommen, leiden an einer Entftel- 
lung des Libretto. Da begegnen uns nicht nur ans komiſche, fogar 
ans abgejchmadte ftreifende, fundern auch unklare, kaum verftänd- 
lie Scenen. Die Gerichtsdiener, die Don Juan zu Haufe aufjuchen 
und inquiriren, find überlebte Karikaturen. onna Anna tritt 
mehrmals, z. B. bei der fogenannten Briefarie auf, ohne dag man 


Münden im Sahre 1888. 401 


Anlaß und Zweck verftcht. Wie ſich die Gefellichaft im Sertett bes 
zweiten Aktes zufammenfindet, bleibt gewöhnlich unverftändlich. Am 
Schluffe öffnet ſich ein Höllenſchlund und Teibhaftige Teufel holen 
den ofemicht und übergeben ihn den ewigen Flammen. Alle bieje 
Klippen werden jept hier guaua vermieden. Die Gerichtsdiener er⸗ 
ſcheinen gar nicht mehr. Donna Anna erſcheint ſtets in Begleitung 
Octavios, an ben fie ihren Geſang richtet. Zugleich iſt fie als vor- 
nehme Spanierin durch die Begleitung mehrerer Diener gekennzeichnet, 
wodurch Don Juan an ihr verübter Frevel noch mehr im richtigen 
grellen Lichte erjcheint. Die Scene des Sextettes fpielt in einer 
offenen, an Promenaden ſtoßenden Halle, in welcher recht wohl die 
Mitwirkenden al3 an einem öffentlichen Orte, wenn auch zur Nacht: 
zeit, ſich zufällig zufammenfinden fönnen und wo der in Don Juans 
Mantel gehüllte Leporello, die Entdeckung des Betruges fürchtend, 
Elwiren zu entkommen hoffen mag. Während der fteinerne Gaft 
auftritt, durchzuden draußen leuchtende Ba die Luft; das Wetter 
fommt näher, man fühlt die waltende Nemefis und im legten Augen- 
blick, wo die gewaltige Muſik von D-moll in D-dur überfpringt, 
ſchlägt der Bliß als dröhnendes Strafgericht in das Haus, welches 
jofort in Flammen fteht und über dem Haupte bes Frevlers zu- 
jammenbrit. So zieht fich der Mare Gedanke durch das Ganze, 
daß die Opfer der Sünden Don Juans ihn gene zu erfpähen und 
Rache an ihm zu nehmen fuchen, daß er aber wohl ihnen, jedoch 
nicht dem vernichtenden Arme höherer Mächte entgeht und der siefige 
Träger ber Titelrolle, Herr Eugen Gura, zeigt und nicht nur den 
vornehmen, fondern auch den abgefebten, blafirten Wüjtling in jeder 
Scene. Was die mufifalifhe Seite der Darftellung betrifft, jo be- 
darf es zwar feines Wortes des Ruhmes für Sängerinnen, Sänger 
und Orchefter. Ihre Virtuofität ijt allbefannt. Aber bei Opern 
wie „Don Juan“ ducchgeiftigt fie ſich. Die drohende Vergeltung 
und die ihr gegenübertretende Verhöhnung feitens Don Suans, 
Momente, welche Mozart an gar manchen Stellen der Oper in ſei— 
nen unfterblichen QTönen wiedergegeben hat, werden mit einer Klar— 
heit und Ueberzeugungskraft — die jauberhaften und bejtridenden 
Klänge, 3. B. im Terzett vor dem Balkon Elwirens und das Ständ- 
hen, letzteres nur mit einer voll» und wohlklingenden Zither im 
Orchefter bei oftenfibel ruhigem Tempo begleitet, mit einer Eleganz 
und Zartheit wiedergegeben, daß das Publikum mit all den alten 
Herren, die es umfapte und die ihren Don Juan Gott weiß wie oft 
-2hört hatten, immer in jubelndem Applaus ausbrad). 

Was den Fidelio betrifft, jo giebt man hier jegt immer nur 
ne und zwar Die große, durch die Trompeten-Fanfare auf die dra- 
atiſche — der Oper hindeutende und fie vorbereitende C- 
\uverture. Der Zwiſchenakt bleibt für die Alleinherrſchaft der 
Sitalifchen Einleitung in dem zweiten Aft frei. Daß ſchon eine 

verture das Publikum efeftrifirt, ift nicht häufig. Jene aber hat 
* immer denjelben Erfolg. Er war bei den diesjommerlichen Auf- 





402 Mũnchen im Bahre 1888. 


führungen um fo hervortretender, als fie von einer großen Zahl 
Fremder befucht waren, denen es vielleicht felten befchieden geweſen 
jein mag, dieſe Ouverture zu hören und noch feltener, ben Reid 
thum ihrer oft verdeckt Tiegenden Motive und ihre geniale Verbin- 
dung fo wahrnehmen zu fünnen, wie man es bem jegigen Drchefter 
verbanft. u ſchauſpieleriſch angeſehen boten die Aufführungen 
hervorragende Schönheiten und zwar durch die einfachiten, aber im 
richtigen Augenblide angewendeten, dem ernften Libretto eng ange 
paßten Mittel, z. 3. wenn Leonore nad) der Befreiungsfcene un- 
mittelbar vor der Verwandlung der Sceneric an ber Edjäule des 
Kerfers, wo fie das Grab für ihren Gatten hat graben helfen, mit 
einem Schrei — ähnlid dem berühmten „Wolter-Schrei“ nad) dem 
Kampfe, der ihre Kräfte natürlich hat erjchöpfen müffen — ohn- 
mächtig zufammenbrict und dann in der fegten Scene mit rührend- 
frauen! after Herzlichfeit und zugleich im Vollgefühl ihrer Freude 
Die arme, enttäufchte Marzellina beim Kopfe nimmt und abfüßt und 
mit vollendete Chevaleresferic ſeitens des Gouverneurs aufgefordert 
wird, jelbft die Ketten Floreſtans zu löfen, wobei die mit fiegee- 
froher und danferfüllter Innigfeit fomponirten und gefungenen Worte: 
„Bott_diefer Augenbli!* faum ein Auge thränenleer laſſen. 

So tief greifende Wirfungen darf man von dem, einem Mär- 
hen Gozzis entnommenen „Feen“ nicht erwarten. Hier war es bie 
überaus große Pracht der ſceniſchen Ausftattung, die es möglich) 
machte, das weite Haus fajt bei jeder Aufführung wöchentlich wenig- 
ſtens einmal auszuverfaufen. Da dies Jugendiwerf noch nirgends 
zur Aufführung gelangt ift, hat ſich die beutjche Preffe im vergan- 
genen Sommer jehr vielfach damit beſchäftigt und feinen poetiſchen 
und mufifalifchen Werth, mit echt beutfcher Gewiſſenhaftigkeit auf 
Wagner und antiwaguerſcher Seite abgewogen. Merkwürdigerweiſe 
weichen die Urteile auf beiden Seiten nicht gerade weit von ein- 
ander ab und machen es der hiefigen Intendanz gleichfam zum Vor— 
wurf, daß fie das Werf hervorgejucht und hiermit in dag Genre 
der Augftattungeftüde gedrängt habe. Das mag dahingeftellt bleiben; 
aber ein gutes Geſchäft it gemacht worden. 

Die Dramen Martin eis wirkten auf das Publikum in gan; 
anderer Weife als die Opern. Sie hoben den durch Pracht, Mufit. 
ge Feuerwerke — das Feuerwerk bei der Centenarfeier wurde in 

om vorbereitet, von dortigen Meiftern hier in Scene gejegt und 
koſtete 40,000 Mart — gerltreuten und taumelnden Sinn der Men— 
ſchen wieder auf die Höhe des ernften nationalen Gedankens, *ır 
us durch die Kaiferreifen ſich durch alle Vergnügungen Hindu h 
Geltung verſchafft und Bahn gebrochen Hatte und nun in je 'n 
vaterländifcen Dramen von der Bühne herab ebenfalls Anregı ıq 
und Nahrung fand. Cie führen uns in jene Zeit der hohenftar ü- 
ſchen Romfahrten, mitten in den Konflikt zwifchen Bapft und Kai! ır. 
Aber gleichzeitig rüftete ſich auch der jegige deutfche Kaifer zu jeiı er 
Romfahrt und eine ber erſien Reifeftationen ift München zu Anfo ig 





Mũnchen im Sahre 1888. 403 


des Herbſtes. Aufs neue ſchmückt ſich die Stadt. Pete iſt's fein 
Kriegezug, wie damals, wo der mächtigſte Kaiſer vor feinem Vaſallen, 
jenen Heinrich den Löwen, auf? Knie ſank, um- feine Hilfe zum 
Kampfe um Italien zu erlangen. „Der Kaifer iſt der Friebe!“ 
jubelt heute die Nation. Er And in Rom den treueften Bundes⸗ 
genoffen und eifte dahin in vollgiltig faiferlicher Majeftät, während 
er damals ſich erft in Rom die Krone erjtreiten und mit (euer und 
Schwert den Weg dorthin ebnen mußte, wo heute der Jubel des 
ganzen Volkes ihm „Willlommen“ zum Das war bie Stimmung 
aud) hier in München, als Kaifer Wilhelm IT. in die Stadt einzog 
und mit braujenden Hochrufen bis zur Nefidenz geleitet wurde. 
Jeder fühlte ben ungeheueren Wandel der Zeit. Auch damals war 
es ein Wittelsbacher, der dem großen Hohenftaufen treu zur Seite 
ftand. München war aber nur ein Dorf. Heute iſt's wieder das 
Haus Wittelsbach, welches den jungen Hohenzoller begrüßt und den 
hohen Gaſt mit ausgefuchter Pracht in feiner Königsburg bewirthet, 
um welde ſich die aus jenem Dorf erwachfene große Stadt aus⸗ 
breitet, eine ber fchönften des Reiches. 

Der Winter ift hereingebrochen. Die Ausftellungen find ge- 
ſchloſſen, leer ftehen die Hallen. Eine bleibende Erinnerung verlangt 
aber das Publikum und es hat fein Augenmerk auf den Pla an 
der Iſar geworfen, ber der Stadt neu erfchlojfen worden ijt und 
nun eine würdige Verwendung finden fol. Es ift ein Nachklang 
an die bedeutenden, jüngjt verlebten Monate, wenn fich viele Stim- 
men in der Preffe regen, um Vorjchläge über jene Verwendung zu 
machen. Es gejchieht mit folcher Wärme und Energie, daf die Väter 
der Stadt bald vor der Schwierigkeit der Wahl ftehen werden. 
Und jenes Verlangen der Bürgerjhaft hat eine tiefe innere Berech- 
tigung in dem dunfferen Gefühl der einen und in der Haren Er- 
fenntniß ber anderen, daß diefer Sommer ein Bild unferer Zeitrich- 
tung gegeben hat, wie es felten in folcher Vollſtändigkeit hervor- 
getreten ift. Es war das Bild des ringenden Wettlampfes aller 
ebelen Kräfte. Arena certamini artium! Mit großer Golbichrift 
waren diefe Widmungsworte am Eingangsthure der Ausftellung an 
der Ifar zu leſen. Im der fönen Hülle diefes Kampfes liegt aber 
auch der andere ernitere, der Kampf aller um das Dafein verborgen. 
Die Geifter und alle beten Kräfte find zum Wettbewerb um bie 
Auffindung neuer Wege, um die Löfung der Probleme der Gegen- 
wart auf Ben Plan gerufen. Nicht — Wiſſenſchaft und Staats- 
kunſt, fondern auch die ſchönen Künfte, Gewerbe und Induſtrie be» 
theiligen fi an diefem Reigen, der die ganze Kulturwelt umfaßt. 

Uenthalben find die Fermente neuer Ideen wirkſam rchoen die 
dem Leben einen anderen Inhalt verſchaffen. Ueberall in München 
bot ſich dem denkenden und ſinnigen Wanderer das Bild dieſes Beit- 

eiſtes und hierin ſehen wir den kulturellen Werth aller geſchilderten 
seite und Veranſtaltungen, deſſen Erkenntniß ung dieſe Zeilen in die 
seder diktirt hat. 


—+&88+— 


Eine Weiderlaune. 


Bon Hatalie Guth. 
n den eyffufivften Reifen der Refibenz jpielte Blanda von 
Bergen unftreitig die erfte Rolle. Die Komteffe war nicht 
mehr jung, jondern ftand in bem Alter, in welchem unge: 
wöhnliche Frauen bedeutenden Männern am gefährlic ” 
zu fein pflegen. Worin eigentlich der Zauber ihres Wa 
beftand -— was es war, das jeben, der in ihre Nähe kam, beftı 
darüber hatten ſich fchon weit jüngere und ſchönere Frauen ale 
den Kopf zerbrochen. Blanda von Bergen war aud) nicht | 
nad) den strengen Regeln und Gejegen der Schönheit — ihr G 
zeigte weiche, unregelmäßige, faft kindliche Züge und doch konnt 
eine eigenartige, geradezu fascinirende Schönheit nicht, abgefprı 
werben. Dieje Schönheit lag nicht in einzelnen Partien 
runden als ovalen Gefichtes, nicht in ben großen, träumerij 
grauen Augen, nicht in dem Heinen, fein geſchnittenen Munde, 
dern in dem geiftigen Leben, das aus diefen Augen ſprach uni 
ganzen Gefichtszüge adelte, aud) in der Belebtheit und Beweglü 
diejer Gefichtszüge; vor allem in ihrem ganzen Auftreten. "Geifi 
und lebendig war die Komteſſe Bergen, etwas Berüdendes lag in 
Art ihres Auftretens, etwas dämonifches in ihrer Unterhaltung 
wenn fie angeregt war, tif fie alles mit fich fort. Sie war ei 
führlicher Umgang für Männer, wenigitens wurde von ihr behar 
daß noch jeder Mann, der in ihre unmittelbare Nähe gelommer 
Feuer gefangen habe. Selbſt bie Frauen gaben das adjjelzuden 
„Sie ijt alt und jung zu gleicher Zeit, und fie hat cin 
liches Katzengeſichtel“, hatte ein, öſterreichiſcher Edelmann einfi 
klärt, als man ihn vor einem Korbe warnte. „Berfucht wird 
Ding, denn fie hat die Neize, die nicht vergehen.“ 
Leider befam ihm fein Verſuch fehlecht, denn er trug fi 
Korb heim wie alle die anderen. 
Ihr neueſter Verchrer, ein blonder Jägermajor, der ſch 
Offizier in feinem Regiment, hatte einft bei Gelegenheit eines Bi 


Eine Weiberlaune. 405 


wo er Blanda von Bergen in fofetter Balltoilette gefehen, ſich be- 
gehen dahin ausgeſprochen: „Wiffen Sie, daß mich die Erſcheinung 
biejer Dame an eine jchöne, orientalifche Wendung erinnert, der 
man in den atabifchen Schriftftellern bei der Schilderung fchöner 
Frauen häufig in einer oder der anderen Form begegnet? Da heikt 
es, nachdem des Halſes und der Schultern vollendete Formen ges 
priefen wurden: ‚Ihre Augen aber ſchöſſen Pfeile nach dem Kühnen, 
der dieſe Schönheit zu bewundern oder gar zu begehren wagte! So 
bliden ihre großen, ernſten Augen, als wollten fie jagen: Sieh, wie 
reizenb ich bin! Aber wage es nicht, mich zu berühren ober auch, 
nur mit begehrlichen Blicken zu betrachten; anſehen darf man mic, 
auch jchön finden, wie man ein fchönes Bild bewundert, aber mehr 
ſoll feiner wagen!” 

Blanda von Bergen war trotz dieſer gerlihmten, eigenartigen 
Schönheit eine alte Jungfer geworden, und es fchien, daß fie diejem . 
Stande treu bleiben wolle, denn fie wurde älter und älter und fie 
„griff nicht zu“, obgleich fie die Gelegenheit gehabt hätte, 

Warum wollte fie durchaus eine alte Jungfer werden? „Ich 
Iobe mir meine ſchöne, goldene Freiheit!“ pflegte fie auf Diefe Frage 
zu erwidern — oder: „Sa, das ift nun jo, e3 erging mit wie ben 
meiften meines Gefchlechtes. Die, welche mid, liebten, waren mir 
gleichgiltig, und bie, welche ich liebte, konnten wieder fein Wohl- 
efallen an mir finden, oder fie hatten ſchon eine Frau und an 
remdem Eigenthum konnte ich mich Doch nicht bereichern!“ ober: 
„Alle Eugen und bedeutenden Männer find Kampfgaft darauf ver- 

. jeflen, jchöne, unbebeutende Frauen zu Heiraten. Die Folge davon 
ift, daß für Die efiheiten Mädchen die dummen Männer übrig 
bleiben, und was 5 ein gefcheiteg Mädchen mit einem dummen 
Manne anfangen? Ich frage —?* . 

Eine ieler Angaben war unftreitig jo falſch wie die andere. 
Welches nun war der wahre Grund? Eine unglüdliche Liebe? Man 
mußte nichts von einer ſolchen. . Blanda von Bergen ſah auch 
mit nad) einer unglüdlichen Liebe aus. Sie war die Uebermüthigite 
und Auögelaffenite ihres Geſchlechtes; luſtig bis zur äußerten 
Grenze des Erlaubten. Keiner ihrer Bekannten hatte fie je ernit 
gefannt. Eine Eigenthümlichkeit hatte fie noch, die man aber eine 
WWeiberlaune nannte, eine Caprice —: fie konnte feine Geige hören. 
Sie befuchte nie ein Konzert, nie die Oper, und wenn es ber Sufall 
mit fid) brachte, daß ein Geigenton ihr Ohr fraf, dann wurde fie 
todtenbleich, fie fing an zu zittern, man jah ihr den tapferen Kampf 
a ben ſie mit ip fämpfte um nicht zu erliegen, aber er enbete doch 
in ner mit ihrer Niederlage — fie wurde ohnmädhtig. Und doch 

:g in ihrem eleganten Bouboir eine Kleine, braume Geige und ein 
gen. Es fei eine echte Amati, behauptete fie, und gehöre zum 
chlaß ihres Vaters, der fie meifterhaft gefpielt habe. Dieſe Kleine, 
une Geige hing in unmittelbarer Nähe der Bewohnerin, gerade 
enüber dem Plage, an dem Blanda von Bergen jaß. wenn fie 


@ mw 


406 Eine Weiberlaune. 


daheim weilte. Ihr Auge mußte, jobald fie den Blick hob, auf die 
Geige fallen, deren Saiten geritten herabhingen und beren Wirbel 
verquollen waren... „Sonderbar, daf fie das Inftrument in ihrer 
ummittelbaren Nähe placirt, deffen Ton ihr fo verhaßt ift" — fagten 
ihre neueren Bekannten — „doch, die Launen und Capricen fchöner, 
vornehmer Frauen find ja meift fonderbar“ — fchloffen fie dann 
nad) einigem Nachdenken. Wieder andere erflärten ganz entſchieden: 
„Ich glaube aber nicht, daß fie feine Geige hören kann!“ und da 
wurde ihnen von noch anderen die Antwort: „Sie glauben e3 nicht? 
Wir aud) nicht — aber darauf fommt ja auch nicht? an! Es iſt 
eine Caprice von der Bergen! Sie will fid) dadurch interefjant 
machen! Das foll doch etwas heißen! Sie kann nicht hören, was 
jedermann entzüdt — ift das nicht ungewöhnlich und originell? 
Anders als die Maffe, die jeder Geige nachläuft!“ 

Noc jonderbarer aber würden es jene Beſucher des eleganten 
Boudoirs, denen die Geige dort aufgefallen war, gefunden haben, 
wenn fie Gelegenheit gehabt hätten zu beobachten, daß die Bewoh- 
nerin des laujchigen Zimmers die Geige oft herabnahm und auf 
ihren Schoß legte, daß fie den Bogen oft an jener Stelle mit den 
Xippen berührte, wo ihn der Violinift berühren muß, wenn er die 
Saiten zum Klingen bringen will; daß fie das Inſtrument gegen 
die Schulter ftemmte, als wolle fie ſelbſt ein Spiel auf ihm begin- 
nen, und baß fie babei zärtlich ihr Köpfchen zu der Geige herab- 
neigte, ſodaß ihre dunfelen, feidenen Loden auf die zerjprungenen 
Saiten herabfielen ... 

Ja, diefe Heine, braune Geige im Boudoir ber ſchönen Blanda 
von Bergen hatte eine Gedichte, und wenn fie imftande geweſen 
wäre, dieſe Gefchichte zu erzählen, dann würde das Räthſel fe 
Löfung gefunden haben, das alle Welt beſchäftigte. Die Ge 
wußte, wehhalb Blanda von Bergen eine alte Jungfer war, o 
bleiben wollte... 

Eines Abends ſaß die Komteffe allein in ihrem bequemen F 
teuil zurückgelehnt, den intereffanten Kopf mit dem glanzlofen, n 
gelodten, üppigen Haar, das ihr über die Stimm don bis in 
Augen fiel, in die Hand geftügt. Sie wußte mit diefem Ab 
abſolut nichts anzufangen. — hatte ſie es, ihn zu verleben 
alle die anderen, in luſtiger, fröhlicher Geſellſchaft, in deren Treiben 
man vergaß ... ber jie waren alle gegangen, um Wilhelmy zu 
hören, ber mit feiner Wundergeige gefommen war, die Hörer zır ent 
züden. Sie hatte da nicht mitgehen Fönnen — unmöglich! Wi 
man fie gequält und beftürmt, und wie man damit graufam c“ 
Erinnerungen in ihr wieder gewedt hatte... Ein Teuer B 
traf jetzt in der halben Dämmerung die Geige — cin Fröſteln üb 
Tief die fchlanfe Geftalt der Einfamen — die fleine Hand mit d 
Grübchen ftredte ſich nach der Klingel aus — aber jie ſank ſchl 
jerab. Müde lehnte fie jegt den Kopf in die Poljter zurüd x 
ſchloß die Augen... 





Eine Weiberlaune. 407 


Ganz deutlich vernahm ſie die weichen, ſchmelzenden Klänge 
einer Geige, die Schumann Träumerei fpielte — meifterhaft fpielte ... 
Ton an Ton erklang in ihrer Erinnerung ..... wie lange das ſchon 
ber war... Sie meinte eine Emigfeit Peitbein gelebt zu haben. 

Damals war fie noch ein Tuftiges, hübjches, junges Ding ge- 
wefen — weit übermüthiger und ausgelafjener noch, als die Gejell- 
Schaft fie jegt kannte. prit hatte ſie ſchon damals beſeſſen, und 
jene eigenthümliche Art ſich zu geben, die alle Welt entzüdte — 
Lebendigkeit des Geiſtes auch, und ein kleines, wild klopfendes Herz⸗ 

n. übermüthigem Leichtſinn Hatte fie ſich auf einer abend⸗ 
lichen Waſſerpartie eine ſchwere Erfältung zugezogen und der Arzt 
jandte fie ihrer Nervofität halber ne einem Eleinen Badeorte. 
Nicht im Kushanfe follte fie ſich einlogiren, nicht in einem ber doch 
immerhin belebten Hötela, fo wurde ihr eingefhärft, ſondern in einem 
Bürgerhaufe in einer ftillen Straße ber Heinen Stabt, bamit ihre 
gereizten Nerven Ruhe finden. Verſehen mit dieſer Inftruftion, die 
ſie ſich mit ſchelmiſchem Augenzwinfern von Zeit zu Zeit laut an den 
gingen berzählte, reifte fie in Begleitung ber alten Hausdame ihres 

ters — fie war ſchon als Kind mutterlos — nad) der ländlichen 
Idylle ab, während Graf Bergen in bie Tirofer Berge ging. Strifte 
befolgte fie die Vorſchriften ihres Arztes, und als fie nach der erjten 
Nacht, die fie in ihrem neuen Heim verlebt, erkannte, daß fie gerade 
durch das Befolgen diefer Vorjchriften "das Gegentheil von dem er- 
reiht hatte, was ihr beforgter Arzt bezwedte, da wollte fie ſich aus— 
ſchütten vor Lachen. Das Schichſal Hatte es nämlich gewollt, daß 
fie dem „Stadtpfeifer“, wie men in jenem Weltwinkel den ſtädtiſchen 
Mufikdireftor oder Kapellmeifter nannte, gerade grggnüber Wohnung 
jenommen hatte. Die alte Franzöſin, Blandas Beſchützerin, war 
fe hungelod, als pünktlich um 7 Uhr, Tag für Tag, das Gebudel 
frage der Flöten und Geigen begann, fie war nahe daran, 

ihre Koffer zu paden und das Weite zu juchen, als einft eine Klari- 
nette, früh morgens beginnend, ununterbrochen bis Mittag brei Takte 
aus der Duverture zur weißen Dame, Takte, welche dem jugendlichen 
Spieler beſondere tvierigfeiten zu bieten fchienen, meberholte. 
Sobald dieje aus allem Rufammenang ‚ausgeriffenen drei Takte 
durchgefpielt waren, begann die Klarinette das graufame Spiel frampf- 
Haft von neuem. Aber Blanda amüfirte fich darüber. Ihr Ueber 
muth fand es entzüdend, daß der würdige Geheimrath mit feinen 
dantischen Inftruktionen an des Stabtpfeifers Klarinette Schiff 
erlitt. Und als die behäbige Wirthin, die ob biefer unwill- 
tommenen Nachbarjchaft citirt worden war, flehend ihre Blide auf 
ihre vornehmen Abmiether richtete und bedauerlich erklärte, „ja, das 
Taffe fi nun nicht ändern, freilich die Damen ſeien nicht die ein- 
zigen, Die gegen jolche Nachbarſchaft Proteſt einlegten, der Stadt- 
pfeifer: Habe feit feinem kurzen Aufenthalte hier den ganzen Ort 
ſchon kreuz und quer durchzogen. Wo immer er auch ſich häuslich 
niedergelafjen, Habe er das Verhängniß gebildet ober jei ſelbſt in 


408 Eine Weiberlaune. 





ein jolches hineingezogen worden. Entweder man fündige ihm nad 
einem Bierteljahre die Miethe, oder jämmtliche Bewohner der Nadj- 
barfchaft zögen um. Auch hier fei ihm ſchon wieder gefündigt, aber 
vor der Hand müffe man das Kreuz eben noch tragen, man fünne 
den Kerl doch nicht am die Luft fegen. Freilich, verdient habe er 
es! Es fei himmelfchreiend, was er feine Leute quäle! Er gönne 
ihnen feine Minute Ruhe. Das fei ſonſt nicht jo gemwejen. Und 
wozu auch? Hier verjtehe man doch nichts von Konzert und Oper! 
Wenn der Mann gute Tanzmufif aufjpiele, jo fei man ja feelen- 
zufrieden und dazu bedürfe es feiner tagelangen Uebungen, die feinen 
anderen Zwed hätten als die Nachbarſchaft aus ber Haut fahren zu 
machen.“ . 

„Der arme, arme Mann!” rief die kleine Komteſſe, die mit 
weiten Augen zugehört hatte und in deren weichem Herzchen fich das 
Mitleid zu regen begann, „wir wollen ihn gewiß nicht verbrängen, 
und uns auch durch ihn nicht verdrängen Taffen! Um ber heiligen 
Kunſt willen wollen wir es geduldig binnchmen, wenn eine Kleine 
Klarinette die boshafte Abficht zeigt, Steine zu erweichen.“ 

Das war mın freilich leichter gefagt als „erduldet“. Die ehr 
muſikaliſche Blanda begriff im übrigen nicht, daß ein fo tüchtig ein- 
geſchultes und gut zufammenfpielendes, kleines DOrchefter in ſolch 
einem Weltwinkel exiſtiren fönne, und wenn die Kapelle zufammen 
jpielte, dann fenkte fie ihr Buch mit dem neueften franzöfifchen 
Romane, hörte fopfichüttelnd und verwundert zu und trilferte wohl 
aud) leije die Melodie mit. Aber es gab Leider auch Tage, wo bie 
einzelnen Inftrumente ohne jede Rüdficht auf einander ihre Partien 
ſelbſtſtändig einübten, dann gehörte die äußerfte Selbftüberwindung 
dazu, nicht davon zu laufen. 

Eines Abends hörte Blanda, am Fenjter figend, plötzlich eine 
einzelne Geige... Wer das möglih? Konnte es hier in des 
Stabtpfeifer® Häuschen und unter feinem Chor einen Mufifanten 
geben, der in dieſer Weife befähigt war die Geige zu ſpielen? Mit 
angehaltenem Athem laufchte daS junge, reizende Mädchen den füßen, 
einſchmeichelnden Tönen. Diefer Anfag! Man hörte überhaupt 
nicht, daß der Bogen die Geige berührte.... Und wie rein und 
glodenhell fich jeder Ton von ben Saiten löfte! Zu dieſer Geige 
hätte fie fingen mögen! Wie kam ein folder Geiger nad) Seebach? 

„Das ift der Stadtpfeifer ſelbſt!“ verficherte die abermals citirte 
Logiswirthin. „Er fragt ganze Nächte lang auf dem unglüdlichen 
Holze herum.“ 

„Unmöglih! Das fann Ihr — Stadtpfeifer nicht fein! D 
ift ja ein Künftler!“ rief die alte Franzöfin begeiftert. 

„Wie ich Ihnen füge!” behauptete die Wirthin mit ſtoiſch 
Nude. „Sie können ſich ja davon überzeugen, wenn er dus er 
Konzert im Kurjaale giebt.“ 

nacigen Sie uns doch einmal diefes Weltwunder von einc 
Stadtpfeifer!” rief die junge Gräfin enthuſiasmirt. 





Eine Weiberlaune, 409. 


Und fie ſaß juft über einer Perlftiderei gebeugt, als die Treppe 
ächzte und die alte, fchwerfällige Dame im Rahmen ber Thür er— 
schien. „Gnädiges Fräulein!“ feuchte fie außer Athem, und deutete 
Fr kurzen, diden Zeigefinger nach dem Fenſter: „Der Stadt- 

fer!” 
Und Hurtig fprang Blanda auf — alle ihre Perlen fielen zur 
Erde — ber Sage ... Ya, einem Geiger, einem Künftler glich er 
aber nicht. Auf Schwelle de Kleinen, gegenüberliegenden Häus- 
chens jtand ein großer, ftarfer, breitfhulteriger Mann mit frifcher, 
gelunber Gefichtöfarbe. Er trug ſehr elegante Straßentoilette und 

öpfte joeben feine Handſchuhe. Ein Wi Strohhut bededte den 
dunleln Kopf mit bem ſchwärzen. kurz geſchnittenen Haar. Die Züge 
des Geſichtes waren markant, aber nt fein gefchnitten, ein präi 
tiger Schnurrbart bedeckte die Oberlippe. Das follte ein Künftler 
fein? Der Künftler, der allabendlich feinem Inftrumente jo weiche, 
berüdende Klänge entlodte? Unmöglich! 

ß „Der Menſch ſieht ja aus wie ein Bierbrauer!“ entſchied Blanda 
entſehl 

„Ich finde eher wie ein feiner Landgutsbeſitzer!“ milderte die 
Franzöfin. „Wie ein Künftler fieht er nicht aus, aber das ſchadet 
ihm in meinen Augen nichts. Ich liebe es nicht, wenn man die 
Firma allüberall mit fich Herumträgt. Er fieht übrigens durchaus 
nicht unbedeutend aus.” . 

„Aber nicht wie ein Künftler!“ fchmollte Blanda und warf die 
Oberlippe auf. 

Dann las fie in dem fleinen, ftädtifchen „Intelligenzblatt“ die 
Anzeige des erften Surtongerte. Ein Flötenvirtuos follte auftreten, 
ein Bofaumenbiäfer — beides auswärtige Größen. Von einem 
Geigenfolo war nichts zu leſen. Das durfte nicht fein! Ja, wie 
aber e3 ändern — —? Gott, wie bejcheiden diefer Mann war bei 
all feinem Können! Er wußte offenbar gar nicht, was er leitete... . 
Ja, wie nun zu einem Geigenfolo fommen? — — halt! fie wußte 
&! Er verdiente ſchon für fein Spiel eine Anerkennung, eine Heine 
Sämmeihelei Das Talent bedarf ja überhaupt der Aufmunterung, 
fol es nicht erlahmen. Sie wollte ihn um ein Geigenjolo bitten. 

Und alsbald ſaß fie vor ihrem Schreibtifche und fchrieb mit 
Hochrothen Wangen ein Hleines, duftendes Briefchen: 

„Herr Mufikdireftor Norden , 
wird hierdurch ganz ergebenft gebeten, den bezüglich feines Kon- 
zertes angefündigten Solovorträgen auch ein Geigenſolo anzu— 
reihen. — und Poſaune würden mich nicht in das Konzert 
ziehen; wohl aber Ihre Geige. 
Vielleicht, wenn man recht ſchön bittet, läßt fich dieſe Geige 
u einem recht zarten Solo bewegen? Aber Sie jelbft müffen 
iejen Vortrag zu Gehör bringen. 
Bitte, jagen Sie nicht nein! 
Blanda von Bergen.“ 
Der Salon 1989. Heft IV. Band 1. 28 


410 Eine Weiberlaune. 


Von dem Zeitpunkt, an welchem das Heine Briefchen in bie 
Bünde des großen Mannes gelangt fein konnte, ſchwieg nunmehr 

ie Geige. 

An dem Nachmittage aber, der dem Konzert voranging, erhielt 
Blanda einen Brief durch die Stadtpoft, und als fie ihn öffnete, fiel 
das Programm zu dem bevorftehenden Konzerte und die Viſitenlarte 
des Mufitdireftors vulgo Stadtpfeifers heraus. Mit lachenden Augen 
las Blanda unter der vierten Nummer, mit Blauftift Teicht angeftrichen: 
„Elegie“ von Ernft, vorgetragen von May Norden. Als fie am Abend 
den Konzertfaal betrat, jah F zum erſten Male den Violinenſpieler, 
der fo wenig einem Künftler in ſeinem Aeußern glich, in der Nähe. 
Er jtand am Eingange des Saales, gleichjam fein Publifum em- 
pfangenb, Impofant fa er aus in feinem tadellofen Salonanzug, 

von Frad und weißer Weite bis herab zu den Laditiefeln einem 
Kavalier Ehre gemacht hätte. Und etwas hatte er denn Doc, was 
fofort den Künſtler verrieth — e3 lag dieſes Etwas in den Augen. 
Ein Paar Feueraugen, aus denen das Genie förmlich herausleud- 
tete, blidten aus bem frijchen Geficht. Sie drängten fich Dicht an 
der Wurzel ber fein gebogenen Naſe zufammen und begegneten einen 
Moment mit fcharfem, prüfenden Blide dem grauen, ſchwärmeriſchen 
Augenpaare des vornehmen, jungen Mädchens. 

Das Konzert war allerliebit. Die ftimmführenden Inftrumente 
zeichneten ſich durch auffallende Reinheit der Intonation und große 
Sicherheit — und Die begleitenden durch lobenswerthe Decenz aus. 
Der „Stabtpfeifer“ bewies, daß er auch ala Dirigent ein Künftler, 
und jehr wohl imftande war, ein ganz anderes Grisefter noch zu 
leiten als das feinige. 

Dann geigte er feine „Elegie“. Der Betrag, war meijter: 
Haft. Die halb wehmüthigen, halb einjchmeichelnden Klänge nahmen 
der jungen Zuhörerin förmlich das Herz aus ber Bruſt. Aber ſie 
vermochte auch ihre Blicke nicht von der äußeren Erfcheinung 
des Kuͤnſtlers zu trennen. Wie hatte fie nur etwa® an Diejer 
Erſcheinung vermiffen können! 3 war die marfige, Fräftige Cr- 
ſcheinung eines echten Mannes, die da vor ihren Bliden jtand. Und 
wie graziös die wunderbar feine, wohlgepflegte Hand den Bogen 
ührte! 

VE ie vortheilhaft Du Dich in der Nähe entpuppt haft, mein 
großer, dicker Protege*, murmelte fie Pati zwiſchen den Zähnen, 
Auge in Auge gleihjt Du freilich feinem Vierbrauer! Ich fürchte | 
— id) fürchte — mit Deinen Augen und Deiner Geige kannſt Du 
den Weibern ſehr gefährlich werden, Mar Norden, „Stadtpfer r* 
von Seebad!” 

ALS er geendet hatte, traf fie ein langer, fragender Blick ſer 
Auen, Augen. „War es fo recht?“ fragte dieſer Blid, „bift Du u- 

jeden?“ 

Sie war ed, und fie ließ fich den jungen Mann vorfte 
Nicht? von Scheu ober Verlegenheit der vornehmen Dame gegen 





3 


a 5 


Eine Weiberlaune. 411 


war dabei in feinem Auftreten zu bemerken. Eine gewiſſe felbft- 
bewußte Sicherheit trug er zur Schau. Und als fie ihm für die 
liebenswürdige ereitwilligfeit dankte, mit der er ihren Wünfchen 
nacgefommen war, da hatte fie Gelegenheit, die regelrechte Salon- 
verbeugung zu bewundern, mit der er ben Dank ablehnte und 
die Behauptung aufftellte, daß er es fei, der hier zu danken habe. 
Und als er fie dabei feine nachſichtige und wohlwollende „Bönnerin“ 
nannte, theilte für einen Moment ein jchnell wieder verſchwindendes 
Lächeln feine Lippen und unter dem ſchwarzen, glänzenden Schnurr- 
bart bligten feine prächtigen Zähne. 

Bon da an hörte Blanda Abend für Abend zur gleichen Stunde 
die „Elegie*. Abend für Abend öffnete der Geiger fein kleines 
Sealer, und unmittelbar darauf traten die Klänge, die er feinem 

inſttumente zu entloden verftand, den Weg zu Blandas zen 
an. Sonft hielt er fich ſtolz yurüd. Er drängte fich zu ihr feines- , 
wegs auf, wurde ihr nicht läſtig. Weilte fe aber am gleichen 
Orie mit ihm, dann He fie förmlich, wie das dunkle Auge des 
interefjanten Mannes auf ihrer reizenden Erſcheinung ruhte — mit 
einem ſeltſamen Ausdrud — ftarr — wie gebannt. Und wenn fie 
mit ihm fprad) — bisweilen war fie fo „gnädig*, ihn anzureden — 
dann Tief ein jonderbares Zucken über fein Sehgt. Das amüfirte 
fie, und es gefiel ihr au. Es lag eine namenlofe, ftumme Huldi- 
gung in diefem feinem Gebahren, eine Huldigung, genen] eben 
von der, die man ihr bisher dargebracht hatte. Aus Dankbarkeit 
dafür begann fie ihn auszuzeichnen. Nie brachte er einen Vortrag 
in feinen Konzerten zu Gehör, der ihm nicht eine liebenswürdige An- 
erfennung von ihrer Seite eingebracht hätte — und dann machte fie 
aud) fpeztell für ihn Toilette, ebelein fie das nicht einmal ſich ſelbſt 
eingeſtand. Und doch war es fo. Sie wollte ihm gefallen, wenn 
fie ſich „Ihön“ machte. 

Und er hinwiederum fpielte feine Melodien nur für fie; für 
niemand fonft. 

„Herr Mufikdireftor! Sie follen gelobt werden!“ 

Dann pflegten feine Augen einen Moment aufzuleuchten, und 
während er einen bezeichnenden Blick auf fein Inftrument warf, fi 
tief, wie vor einer Köhigin, vor dem ſchönen Mädchen zu verneigen. 
„Ganz wie Sie gebieten, gnädigfte Komteffe, wir ftehen durchaus zu 
Ihrem Belieben — die Geige und — ich!“ 

Ein andermal: „Haben Sie Ihr Knopfloch noch frei? Sie 
follen deforirt werden!“ und ſchelmiſch lächelnd Hielt fie ihm ein 
Veilchenſträußchen entgegen. 

„Einer ſolchen Deforation würbe jede andere natürlich weichen 
müffen!* 

Der: „Wenn ich eine große Majeftät wäre, dann würde ich 

ie zu meinem Kammervirtuofen machen, und dann müßten Gie 
„nerfort geigen, Tag und Nacht — bis Ihnen die Heine, braune 


Beige aus Hand fiele.“ 
26 


412 Eine Weiberlaune. 


„Das würde immerhin einiger Zeit bebürfen! Ich „eefige einige 
Widerftandatraft und einen eifernen Körper. Ich würde fon im- 
ftande fein, dieſer von Ihnen fo verlodend geſchilderten Stellung 
ln: =hre Geige it für mih fon gar nich 9 cin sb 

nn: „Ihre Geige ift für mi jon gar nicht mehr ein tobtes 
Inftrument! Sie kommt mir vor wie Ichenbig! Sie kann lachen 
— an und fpricht eine fürmliche Ernör, die ich ganz gut 


„Wenn Sie diefe Sprade nur nicht ganz Lerſtehen, gmäbigftes 
Fräulein! Ih glaube faum, daß Sie — würden, was 
leine, braune Geige Ihnen ſagt.“ — 

Wie geht e meinem Liebling, der kleinen, vielſagenden Geige?“ 
Fri ao danke der gütigen Nachftage, die beneidenswerthe befindet 
ich, wohl.“ 

de Kapellmeifter! Grüßen Sie, bitte, die Geige von mir.” 

nle ganz ergebenft! Werde gewilfenhaft ausrichten! Zur 
Vermittlung ähnlicher Botſchaften halte ich mich beitens epfohlen!” 

So ging es hin und ber — bei einer jebeamali 

Ein junger, eleganter Kavalier meinte eimft Fe „Wie 
rührend! Das Elingt ja Beinahe I perlißt 

„Sol es aud, Die Hleine, braune Geige be 
get, Norden ift mein Perg Ih bin in das Heine Ding ver- 

„Wenn fich das nur nicht weiter frißt!“ 

Ein hochmüthiges Aufwerfen der Oberlippe, ein hoch» 
mütbigerer Bli der vornehm Halb gefchloffenen Augen: „| wenn 
— ba hätte ih doch auch niemand um Erlaubniß zu fragen? Das 
wäre meine Sade!” 

So verging die Saifon. 

Ganz & Ende berjelben traf die junge Gräfin Mar Norden 
mitten im Walde. 

Sie Hatte fich einer Gefellfchaft ihr befannt gemordener Dan 
und Damen angefhloffen und man hatte einen gemeinjchaftlichen 
Ausflug nad) einem ſchönen Ausſichtspunkte gemadt. Jetzt befand 
fi Blauda mit ihren Velannten auf bem Hei je und war, 
Blumen pflüdend, ein gutes Stüd zurü— ehticen. a hörte fie 
einen raſchen Schritt Hinter fich, und? plöglid) ftand der junge Maim 
vor ihr. Ucherraft ſah er zu ihr herab, und zog dan, fich tief 
verneigend, ben Hut. 

Da begann fie wieder in übermüthig-nedenbem Tone nad) feiner 
Geige zu fragen, aber er antwortete nicht. Ein langer, grübelnde 
Blid feiner wunderbaren Augen traf ihr Geſichtchen. Er Aien ve: 
gebens nad) einer Antwort auf ihre harmlofe ir e zu —3 — 
endlich ſchuͤttelte er heftig den Kopf. „Nicht vi iafjen Si: 
das, verehrtes gnädiges Fräulein! — Sie meinen es gut und ich — 
ach, Sie thun mir damit jo namenlos weh — wenn Sie wühten“ . 

„Weh?“ fragte fie erftaunt und ihm förmlich Hilflos in das den 








Eine ‚Weiberlaune. 413 


merkwürdig bfeiche Geficht blickend. „Weh thun fol ich Ihnen mit 
meiner Freundlichkeit? Das verftehe ich nicht!“ 

„Das glaube ich Ihnen gern“ — entgegnete er bitter, „e3 geht 
mir wie den Blumen in ihrer Hand. Wohl liegt für fie ein Glüd 
in dem Umftande, daß fie von Ihnen gebrochen wurden und fi 
Ihres Beifalls erfreuen — Ihnen näher. fein dürfen als alle die 
anderen kleinen Waldblumen, aber dieſes Glück ift zugleich ihr Tod 
— fie gehen daran zugrunde. Mir geht e8 nicht befer.“ 

„D, Herr Norden!” rief Blanda verwirrt, „wie undankbar Sie 
reden! Ich bevorzuge Sie in jeder nur erdenklichen Weiſe und 

Ja, ich weiß das!“ fiel er ihr in Die Rede, „Sie fpielen mit 
mir! Aber ih — ich liebe Sie!" Er ſtieß es zwilt den Zähnen 
hervor und feine dunkeln Augen flammten in wilder Leidenſchaft 
auf, Fr die Züge des Gefichtes etwas unbewegliches, ftarres 
annahmen. 

Erjchroden jenkte fie das Auge zu Boden und ihr Blic fiel 
dabei zufällig auf feine Hand — auf die Hand, die jo ficher, jo 
feſt und energiſch den Taltftab regieren und fo elegant den Bogen 

u führen wußte, welcher ber Eleinen, braunen Geige die fühen 
Sänge entlodte, die dem fchönen Mädchen das Herz Elopfen machten 
— diefe Hand zitterte heftig. 
Langſam hob Ylanda den Blick wieber zu ihm empor. Er 
tand noch immer unbeweglich vor ihr, den Hut in der Hand. Durch 
18 Gewirr der Blätter und Bweige fiel der Sonnenfchein und 
fpiefte auf feinem dunfeln Scheitel, die Waldvöglein fangen leiſe 
zwitſchernd ihre Abendlieber und in dem Geficht des Mannes, der da 
vor ihr ftand, war fo gar nicht? von dem ftillen Frieden ringsum 
u finden — Die Leidenjchaft arbeitete in feinen Zügen und ließ 
Ben marfigen Körper leicht erbeben — während ſich dem fchönen 
Mädchen plöglich mit unwiberftehlicher Gewalt die Mebergeugung 
ufbrängte, daß fie diejen Mann ohne Rang und Namen ganz ebenfo 
leidenſchaftlich Liebe wie er fie. 
a begegneten fich ihre Augenpaare .. . 

Eine bei, glühende Sehnfuct Tag in den dunfeln Augen des 
arınen Geiger? — eine flehende Bitte — eine angftvolle Frage... 

Nun! fie konnte ihn nicht zurücweifen .. . fie konnte nicht. 

Er follte grath fein — einen Yugenblid wenigftens, und fie 
wollte diefen Augenblid voller Seligfeit mit ihm genießen — ganz 
der Gegenwart eben — denn an die Zukunft durfte fie nicht denfen, 
ohne: daß ihr die Sinne vergingen. Nur den Eingebungen ihres 
Sefigte folgend, ſchloß fie ihre kleinen, rofigen Finger feit um feine 
‚zitternde Hand. 

„Mar!“ fagte fie leiſe, und ihre Stimme bebte wie ber ſtarke 
Mann, der vor ihr ftand, „weßhalb ſprichſt Du das aus, als ob es 
ein Verbrechen wäre? Giebft Du mir nicht das Höchfte, was Du 
geben Tannjt, das edelſte Gefühl Deines Herzens, indem Du mir 


414 Eine Weiberlaune. 


Deine Liebe jchentft? Auch ich habe Dich Tieb — wer will ung 
das wehren? Wir felbft find das nicht einmal imjtande! Ich —“ 
Aber noch ehe fie weiter ſprechen konnte, hatte er fie ungeſtüm 

an fich geriffen und fie ruhte, feit von feinem ftarfen Arm ums 
fchlungen, an feiner Bruft ... Mit einem Gefühle Halb ber Selig- 
feit, halb der Todesangft, laufchte fie auf das wilde Klopfen feines 
Serien, und als fich fein dunkler Kopf zu ihr herabbog und feine 
ippen die ihren fuchten, da ſchloß fie die Augen. Sie fühlte feine 
Umarmung wie einen förperlichen Schmerz und feine Lippen brann- 
ten wie Feuer auf den ihren — fo ftanden fie lange forweigenh, be⸗ 
rauf von dem höchſten Glüde, das die Erde dem Menjchen 

ietet. — — 

ALS dann die Nacht hereingebrochen war und das junge Mäd— 
hen allein am offenen Fenſter ihres Stübchens lehnte, fam ihr mit 
niederfchmetternder Gewalt die nüchterne Erkenntniß deſſen, was fie 
gethan ..... 

Am nächtlichen Himmel flimmerten friedlich die Sterne und 
durch die Stille der Nacht zogen die Klänge einer Geige... Aus 
den Augen des ſchönen Mädchens aber fiel Thräne aue Träne und 
benegte ben Stein. der Fenfterbrüftung. Während da unten ber 
Mann, ben fie liebte, in jubelnden Herzenstönen vom Glüde ber 
Liebe ſchwärmte, brach ihr vor Weh fait das Herz, Was Hatte fie 
gethan? ... Sie durfte ihm nie angehören ... ihm, bem Manne 
ohne Namen und Rang... Nimmermehr! Ja, wenn er noch ein 
berühmter Künstler gewefen wäre, ein Künftler von Gottes Gnaben, 
den die Welt anftaunt und den man an die Throne der Fürften 
ruft, um ihm-den Lorbeer um die Stirn zu flechten .... und felbt 
dann noch würde die Geſellſchaft über eine ſolche Wahl gejpöttelt 
haben, wenn fie von einer Gräfin Bergen ausgegangen wäre — und 
ihr Vater — —. Was würde er fagen zu ‚Projefte feiner 
Tochter, Frau „Stadtpfeiferin‘ von Seebad) zu werden? Cr, der 
mit nichts zu rechnen pflegte al3 mit feinen dritten Ahnen? „Mar 
Norden“ war fein Name, der dem ftolzen Ariftofraten imponiren 
konnte. Und der Träger dieſes Namens — er war weder der Geiger- 
könig Joachim, noch der in feiner Art einzige Wilhelmy — fein be 
zühmter Künftler . . freilich ein Künftler wohl, das konnte fie ihm 
nicht abftreiten, ohne ala Mufikverjtändige mit ihrer eigenen Ueber- 
zeugung in Widerjpruch zu gerathen. Aber was galt das bort, wo⸗ 
ber fie fam? Tauſend thörichte. Vorurtheile, die troß der gerühm- 
ten Aufflärung unferer Zeit ein üppiges Dafein friften, obgleich fie 
vor dem Nichterftuhle der reinen Vernunft nicht beftehen könn 
unzählige Regeln und Gefege von Erlaubtem und Schicklichem, v 
dem blinden Menfchen felbft erfonnen und ausgeflügelt, um fich 
quälen und das Leben zu vergiften, ftanden zwiſchen ihr und b 
armen Teufel, den fie liebte... Nein, es ging nicht. 

Und als fie zu dieſem troftlofen Schlufje gelangt war, war . 
nächſter Gedanke die Flucht. Zort von Hier, ſobald als mögl: 








Eine Weiberlaune. 415 


Fliehen vor ihm und vor der Liebe, die nun einmal eine verbotene 
für fie war! Fort! Und fie fegte fi) vor den Schreibtiich und 
ſchrieb ihm alles das, was hu das Herz bewegt hatte in näcjtlicher, 
einfamer Stunde. Sie fchloß damit, daß fie beide entjagen müßten, 
daß er ihr verzeihen möge, eine kurze Spanne Zeit wenigſtens feien 
ſie beide doch glüclich gewefen — treu bleiben wolle fr ihm ihr 
Leben lang — nie einem anderen angehören. 

Dann padte fie mit zitternder, nervöfer Hajt ihre Koffer und 
allen Einwendungen ber vor Erftaunen ftarren Gefelljchafterin zum 
Trog, ſah fe icon der frühe Morgen auf dem Bahnhofe, und bald 
eilte fie auf Flügeln des Dampfes der Ferne entgegen, wo die Hei- 
mat Igrer harte. 

er arme Mufikant aber hatte, bevor er fich zur Ruhe Iegte, 
die Heine, braune Geige, der er all fein Glück verbankte, zärtlich 
an feine Lippen gedrüdt. Dann träumte er von einem Morgen 
voller Liebesglüct und Sonnenfchein, während Blanda, mit ihrer Liebe 
ringend, heiße Thränen meinte. 

Als die Flüchtlinge die Heimat erreichten, war Graf Bergen 
von feiner Reife noch micht heimgelehrt, aber die junge Gräfin fand 
ſich doch deßhalb nicht vereinfamt. Sie machte Beſuche und die 
Freunde ihres väterlichen Haufes beeilten fich, diefe Befuche zu er- 
widern und die junge Dame in allerfei- raufchende Vergnügungen 
und anregende Gejelligfeit hineinzuziehen, und alle diefe Einladungen 
nahm Blanda, ganz entgegen ihrer fonftigen Gewohnheit, jegt regel- 
mäßig an. Die alte Hausdame, die fie gewiffenhaft allüberall hin 
begleitete, begriff ihre Gebieterin nicht mehr, deren Launen alles bis- 
ber Dagewejene übertrafen. Einmal wagte fie auch einen Einwand, 
als Blanda mit überwachtem, bleichem Geficht und tiefliegenden 
Augen, aufs äußerte angegriffen noch vom vorhergehenden Tage, Die 
Bufage zu einem weiteren Vergnügen nieberjchrieb. 

„Wenn Sie fo fortmachen, werden Sie krank, gnädigſtes Fräu- 
Tein! Wozu dieſes ewige Jagen und Hajten? Es macht mir den 
Eindrud, als ob Sie auf der Flucht vor der Einfamfeit wären.“ 

Da hatte Blanda luftig aufgelacht. „Wie ſchön gejagt! Wie 
gewählt Sie fprechen, befte rau von Montpre! Aber ed nügt Ihnen 
nichts, daß Sie für Ihre Bequemlichkeit Stimmen! Für Ihre Nacht: 
ruhe! Dan ift nur einmal jung!" Es Hang unnatürlich, als das 
ſchöne Mädchen fo fagte, und noch weit unnatürlicher Hang bas 
Lachen, mit dem fie ihre Nebe begleitete, aber man befuchte das 
Rauberfeft des Grafen Lorm. . 

Als Blanda von dort zurüdfehrte, fand fie auf ihrem Tiſche 
in ſchmales, längliches Padet. Verwundert durchſchnitt fie Die 
Schnüre, und mit zitiernden Fingern entfernte ſie die Hülle — kam 
8 doch aus weiter Ferne, aus der kleinen, waldigen Idylle jenſeits 
er Berge, wo fie ihren erſten Liebestraum geträumt —. 

Aber todtenbleich wurde fie, als fie den fnifternden Briefbogen 
ntfaltete, der ihr entgegenfiel. Der Brief war von Mar Norden. 





416 Eime Weiberlaune. 


— 
„Blanda!“ ſchrieb er mit verzerrter Handichrift, „wenn Du dieſe 
Beilen erhältft, weile ich nicht mehr unter den Lebenden! Ich kann 
nicht entfagen! Und ich Tann aud meinen Beruf nicht mehr aus- 
füllen! Der Gedanke an Dich und mein verlorene Glück verläßt 
Hr nicht eine Sekunde! Er raubt mir alles are Denken und jede 
Luft zu meiner gewohnten Thätigfeit. Was bin ich doch ein un- 
glüdlicher Menſch geworden! Ein Stümper — denn ich kann meine 
Gedanken nicht mehr auf meine Leiftungen fonzentriren. Was ich 
fpielen fol, leſe ich ohme es zu verftehen, und was id) fpiele, höre 
ich nicht. Um Deinetwillen wurde ich der Kunft untreu und der 
Heinen, braunen Geige, die Du fo liebteſt — wie Du fagteft .... 
Sonſt war fie aud; meine Liebe geweſen — jegt mag fie von dem 
Treulofen nichts mehr wiljen. Ich nichts mehr vom Leben. Ich. 
habe zuviel verloren. Blanda — alles! Jept bin ic jo grenzen: 
103 müde — laß mich fchlafen gehen! Gute Nacht, Blanda! 
D Mi ⸗ beiden Hände "nal den Shläfen 
as junge Mädchen griff mit beiden Händen nad) den äfen, 

umd richtete einen irren Sie auf die Geige Nordens, die mit zer⸗ 
fprungenen Saiten vor ihr lag .... Einen Moment fehien alles 
Leben aus der wanfenden Geſialt gewichen, die fich zitternd an den 
Tiſch lehnte, dann brach fie leife wimmernd zufammen. Tauſend 
Gedanken kreuzten fich in ihrem Hirn .... 8 follte fie thum? 
Hin zu ihm und das Entfegliche jehen? Sie ſchauerte ... Nein! 
Nein! — Das ging nicht! Das konnte fie nicht ertragen. — 
Schreiben an ihre alte Wirthin und fich nad) dem erkundigen, was 
ß bereit wußte? — Welchen Zweck fonnte das haben? — Was 
onſt? — Es gab ja nichts mehr, was ihm und ihr helfen konnte 
— nit? ... Jegtzt ftand fie nur vor der Wahl, ob weiter leben 
mit dem Bewußtfein deffen, was hinter ihr lag, ober vielleicht den 
leichen Schritt der Verzweiflung zu thun, den er gethan hatte. 
Saft beneidete fie ihn um bie Entfptoffenteit, mit welcher er der 
nagenden Qual ein Ende gemacht hatte. Cie felbft war nicht im— 
ftande, ihm das nachzuthun, das wußte fie. Jhr graute aber auch 
vor dem Leben und fie gedachte des Dichterwortes, daß mancher 
gern todt fein würde, wenn es nicht gälte, vorher zu jterben. Es 
alt für. fie weiter zu leben. Mit hämmernden Schläfen und 
[opfendem Herzen lag fie dann auf ihrem Lager mit weit offenen 
Augen — erſt gegen Morgen verfiel fie in einen fieberhaften Schlaf 
und fie träumte einen entfeglichen Traum: 

Noch einmal ftand fie, wie geftern Abend, vor der traurigen 
Sendung, aber fie verfiel nicht der gleichen Schwäche. Mit zittern 
den Händen riß fie fich die gleißenden Feitgewänder vom Leibe, mi 
athemlofer Haft warf fie fich in bie erfte, ihr in die Hände fallent 
Straßentoilette und eilte mit zitternden Knieen die Treppe Hina 
nad dem nächjften Droſchkenplatze. Dann fuhr fie die ganze Nach 
mit dem Schnellzuge und langte im Morgengrauen in dem kleinen 
Städtchen an, das fie vor wenigen Wochen jo eilig verlafjen hatt 





Eine Weiberlaune. 417 


Es ſchien ihr, eine Ewigkeit fei feit jener Zeit verfloffen. Und wäh- 
rend fie über das noch feuchte, holprige Pflafter in Fliegender Haft 
dahin eifte, wiederholte fie im Geifte immer nur das eine: „Lebt er 
noch — oder komme ich zu ſpät?“ Wenn ich ihn nur noch finde 
— lebend — dann will ich ſchon wieder gut machen, was “ ver⸗ 
brach! Dann ihm angehören, aller Welt zum Trotz und follte ich 
darüber heimatlo8 werden und mit allem brechen müſſen, was mir 
bisher das Liebſte war. 

Aber fie fam zu fpät — der arme Teufel war fchon todt ... 

Sie fah ihn dann nod in dem kleinen Todtenhäuschen am 
Friedhofe. Sie Hatten ihn dort auf rohe Bretter gelegt, weil der 

rg noch nicht fertig war... Konnte das wirkfich der von Kraft 
-,und Leben ftrogende Mann fein, der hier jo fchlaff und bemegungs- 
103 vor ihr lag? Der dunkle Kopf haltlos zurüdgefallen, die jchöne 
Hand feitwärt® von dem Brette herabgeglitten? Das fchwarze, 
länzende Haar klebte vom Blute geträntt an der Stimm, die Ge 
Feptögüge waren bereit erftarrt, die dunkeln Augen mit dem ver 
laften: Blicke ftanden halb offen, ein fchmerzlicher Zug lag um den 
eſt zufammengepreßten Mund, ein Zug, den Blanda nie vorher in 
dem Gefichte des Lebenden bemerkt hatte... 

Mit einem halb erſtickten Acchzen brach fie an der Leiche zu- 
ſammen und riß den Tobten zu fi empor. Sein Kopf ſank ſchwer 

- auf ihre Schulter — fie verfuchte ‚den ſchmerzlichen Zug von feinem 
Munde mwegzufüffen — der ihr das Herz zerjchnitt — aber es ge 
lang ihr nicht · .. Halb irrfinnig vor Dual, hörte fie wie aus 
weiter, weiter Ferne die Stimme der alten Bürgersfrau, deren Häus- 
hen fie einft bewohnt. Mißbilligend Hang das harte Wort, das fie 
vernahm: „Gott — die Vornehmen! Wie die fich jegt anftellt! Und 
wer iſt denn an dem ganzen Elend ſchuld als fie? Erſt hat fie dem 
armen Teufel den Kor verdreht — wenn er ein Neichögraf geweſen 
wäre, fie hätte es nicht raffinirter anftellen können, und ald er dann 
drinn ſaß in dem Nehze, das fie ihm doch erft gejtellt hatte, da war 
er ihr dann doch nicht gut genug und fie konnte ihn nicht ſchnell 
genug wieder [08 werben.“ 

Und als fie aus diefem Traume erwachte, war ihr eriter Ges 
danfe wieder jenes Entjeglihe — fie dachte und dachte daran, bis 
ſich ig die Sinne verwirrten. 

nge, lange Wochen lag dann die junge Gräfin todtkrank dar- 
nieber. 


Und als fie genefen war, verfolgte fie die Erinnerung an jenes 
erſchutternde Ereigniß durchs Leben, und foviel fie auch verfuchte, ſich 
durch taufend Dinge zu betäuben, es gelang ihr nicht. Sie konnte 
nicht vergeffen; nicht jenes fchauerliche Creigniß, nicht den Mann, 
den fie geliebt hatte und deſſen Bild nie ein anderer aus ihrem 
Herzen verbrängte. ı 

Dann. — Jahre waren feitdem vergangen — hörte fie einmal 
zufällig von ihm — auf dem Perron eines kleinen Bahnhofes — 


a8 Eine Weiberlaune. 


wo? wußte fie jegt nicht mehr. Zwei Frauen, i 
eine Seebacherin erfannte, fprachen von ihm. , 
nicht? Aber das ift doc) eine alte Geſchichtel € 
Kugel vor den Kopf gefchoffen — damals. Ich d 
Mutter, der wir natürlich gleich telegraphirten, v 
Iammer bei dem Anblide! Der einzige Sohn, m 
und fie eine Wittwe, für die er immer rechtſchaf 
Es war aber auch zu entfeglich! Ich vergeffe es 
lang nic, wie er fo balag. 3 Herz that einen 

„Aber — fo was!“ war die Antwort, „das hi 
zugetraut! Da Hätte ich ihn für zu vernünftig geha 
einem Mädchen, jagen Sie?" 

„Ich danfe!“ lachte die erftere — „ein Mädche 
leibhaftige Gräfin! Und anfangs war fie ganz ve; 
feine Geige und ärger hinter ihm her als cin It 
Hafen! Wir werden — 

Hier_ wurden die beiden Frauen von Blandas 
und der Schaffner, der ſchon länger neben einem ı 
ftanden hatte, wurde ungeduldig. „Bitte, beeilen € 
Dame!“ 

Wie elend fie wieder gewejen war auf jener | 
war geftraft genug! 





Sept, wo fie alle diefe Erinnerungen abermals 
hatte, wo fie allein ſaß in der hereinbrechenden & 
feinen, ftummen Geige gegenüber — der HZeugin ı 
legte ſich ein bitterer Zug um ihren Mund. Seht 
reich — Herrin ihres Handelns — jetzt würde 
Sie wußte in diefem Augenblide, daß fie den Sd 
der fie über alle Borurtheile hinweg an Mar Nord 
mußte. — Jetzt war er todt.... 





Auf einem Abfage, dort wo die große Stein 
dung machte, die zu dem Ronzertfaat führte, wı 
Wundergeige erklingen ließ, jtand ein ftattlicher 2 
Schleppjäbel dicht an fich gezogen, den Oberkörper v 
er hinunter nad) der Halle, wo die Wagen vorfuh 
Schleppen der vornehmen Damen raufchten, die ©! 
klirrten. 

„Und die Komteſſe Bergen?“ fragte er wenige 
eine Gruppe plaubernder Herren und Damen, die la 
heraufftiegen. Mit ungeftümer Haft fragte er es u 
züge drüdten Enttäuſchung aus. 

„Gott, was wollen Sie, Graf Dahlen? BWiffı 
daß fie feine Geige hören fann? Iſt Ihnen 1 
Bergen fremd? eute müſſen Sie fich ſchon eiı 
faden Gejelljchaft begnügen! Ein ander Dal haben 


Eine Weiberlaune. 419 


„Den ganzen Abend wie eine Melancholie an Laura!" nedte 
den fichtlich Verſtimmten fpäter eine reizende Blondine. Kennen 
Sie nicht das ſchoͤne Wort: 

Ueber Wetter · und. Herrenlaunen 

Runzle nimmer bie Augenbraunen 

Und bei ben Grillen ber hülbfchen rauen 

Mußt Du immer vergnügfih ſchauen! 
Lernen Sie es auswendig!” 

Er verfuchte ein Lächeln, das ihm aber mißlang. „Ich muß da 
ſehen, ehe ich glaube!“ murmelte der Offizier mit finjter grübelndem 
Blicke, „ich glaube es nicht.“ 

In dem Konzert traf er eine Bekanntſchaft von früher, die ſich 
u geſchäftlichen yon in der Nefidenz aufhielt. Diefe Belannt- 
Isa fam ihm jehr erwünfcht und er erneuerte fie und lud fie zu 
einem der nächiten Abende zu fid) ein. Dieje Bekanntſchaft war der 
Kapellmeifter einer Eleinen Oper und an einem £leinen Hoftheater 
angeftellt. Graf Dahlen hatte einft dort in Garnifon gelegen. Es 
war verzweifelt langweilig gewefen in dem Eleinen Nejte, und der 
Kapellmeifter hatte Sort mit zur Nobleffe gezählt. Durch irgend ein 
Vorkommniß, das der Offizier längft wieder vergefjen hatte, war er 
dem Danne nod) dazu verpflichtet geweſen, genug, fie wurden faft 
Freunde — fo jo — was man Freundichaft nennt. Dieſen Kapell- 
meifter fultivirte Dahlen in dem Wilhelmyſchen Konzerte und lud 
ihn zu einer muſikaliſchen Soiree mit fammt feiner Geige zu ſich ein. 
Und er kam. 

Zu diefem Feſte war die halbe Arijtoftatie geladen und auch 
die Gräfin Bergen. Die mufilalifchen Genüffe, welche dieſes Feſt 
bot, waren verſchiedener Art, meift von Dilettanten ausgeführt — 
ulegt kam der Geiger. Er geigte tadellos und dem verwöhnten 

efidenzpublitum zu Danke. Äls er begann, ftand der Gaftgeber 
inter einer Säule, in unmittelbarer Nähe der ſchönen Blanda von 
jergen. und ar Augen Hingen mit ungläubigem Ausdrude an ihrer 
graziöfen Geſtalt. 

Aber jebatt der Geiger mit feinem Inftrumente auf der mit 
ZTeppichen belegten Ejtrade erſchien, wurde das ſchöne Mädchen, das 
der Beobachter leidenfchaftlich liebte, todtenblaß. Ihre Augen hingen 
mit dem Ausdrude des Entſetzens an dem Manne dort drüben, —— 
intereſſante Erſcheinung die Blide auch der Uebrigen ſchon deßhalb 
feſſelte, weil zwiſchen dieſer Erſcheinung und der Leiftung, die er 
bot, ein ſcharf ins Auge fpringender Kontraſt beftand. Unter der 
Berührung feines Dogens itterten die Klänge feines Inftrumentes 
wie ein Hauch durch den Saal — und er war cin großer, hünen- 
after Mann, ſtark, kräftig — er ſah durchaus nicht aus als ob er 
ünftande fein könne ein jo Eleines, feines Inftrument fo zart zu be 
handeln. Als er aber die Geige hob und der Bogen über die Saiten 
litt — die erſten Takte der Schumannfchen Träumerei durch die 
autlofe Stile Elangen, da griff die Hand der Gräfin Bergen taftend 


420 Eine Weiberlaune. 


ins leere — fie ſchien eine Stüge zu ſuchen — ein Ausdrud gren- 
zenlofer Angft brad) aus ihren Augen, und mit einem halb erftidten 
Aufſchrei fent fie ohnmächtig zufammen. 

Trogdem glaubte Graf Dahlen nicht an diefe Schwäche. 

„Sie ijt aber wirklich ohnmächtig!” verficherte der Arzt, der ihr 
in ein Nebenzimmer gefolgt war und fie dann nach Haufe begleitet 
Hatte. Aber auch dieje Werficherung begegnete nur einem umgläubi- 
en Lächeln der Gefellichaft. „Eine Weiberfaune! Dips als eine 
Lapricet flüfterte man lächelnd. „Sie Tann feine Geige hören! 
Wußten Sie das nicht? Graf Dahlen!“ 

„Es war mir in der That fremd! gi einen Mann etwas & 
myſtiſt am e3 zu glauben!“ war die malitiöfe Antwort, „zu unbe= 
reiflich!" 

s Unbegreiflich! — Noch unbegreiflicher war es der Gejellichaft, 
als wenige Wochen fpäter die Verlobungsanzeige der Gräfin Bergen 
mit eben jenem objfuren Kapellmeifter veröffentlicht wurde. 

„Heiliger Gott! Das ſieht ihr mim wieder ähnlih! Das ift 
in der That verblüffend! Ste fann feine Violine hören! Beim 
erften Geigenton, der ihr Ohr berührt, wird fie ohnmächtig! Wie 
intereffant? Nicht? Welcher Roman läßt ſich zwiſchen ben 
Zeilen leſen! Aber nicht genug damit! Sie taufcht, plöglich ins 
entgegengefegte Extrem verfallend, ihren alten Namen an den unbe 
Tannten, bürgerfichen Namen eines Geigenfpielers! Noch origineller! 
Ganz um fpradhlos zu ſtehen! Ja, das will fie eben!Jetzt nur 
nicht merken Lafjen, daß man aus den Wolfen gefallen ift! Diejen 
Gefallen ihr nicht thun! Um feinen Preis! DO, Weiberlaunen!“ 

Am Sylvefterabend Hatte Graf Dahlen jene mufitalifche Soirée 

jegeben, am Neujahrsmorgen ftand ein großer, blafjer Mann, deſſen 
ſchwarzes Haar ſchon Hin und wieder Silberfäden Burchgogen, und 

fen jeltfam glänzende Augen wie zwei Flammen aus bleichen 
Geficht herausleuchteten, vor einem der hohen Fenſter des Hötels, 
in dem er logirte. Geine zitternde Hand hielt einen Heinen Brief, 
und er aeg, diefen Brie‘ u öffnen. 

„An die kleine, braune Geige bes Herrn Kapellmeifters Norden“ 
Tautete die Adreſſe — und die Handfchrift .... 

Endlich erbrad) er den Brief. Eine Meine, elegante Glüds 
wunfchlarte, wie man fie in bürgerlichen reifen, wenn auch viel- 
leicht weniger elegant, dem Liebiten beim Jahreswechſel zu fenden 
pflegt, fiel heraus: Tauſend Glückwünſche aus treuem Herzen, der 
Meinen, braunen Geige!“ las ber große, blafje Mann. 

Wenige Stunden fpäter betrat er die Wohnung der Abfenderin. 

„Herr Kapellmeifter Norden” meldete das Böfchen. 

„Mag!“ rief eine jubelnde Stimme ... 

Zögern Stand er einen Moment auf der Schwelle... ‚Ja — 
haft Du mic, denn noch lieb?“ fragte er zweifelnd. 

Dann aber lag er zu ihren Füßen, und fie drückte ihr Geficht 
in fein lodiges Haar und füßte taufend Mal feine Augen. 


Eine Weiberlanne. , ) 421 


il welchem Umftande verbanfe ic) dieſes große, unverdiente 
Bid” fragte. ſie enhlich, währenb fie ihm das Haar aus der Stirn 
Mei und mit dem Ausbrude namenlojer Zärtlichkeit in. feine wun⸗ 

derbaren Augen blidte. „Jahrelang habe Dis als einen. Tobten 
beweint und. jest bift Du plöglich  uerftan 

„Welchen Umjtande?“ wiederholte er bewegt, „einer unficheren, 
zitternden Hand, bie den tollen Kopf ſchlecht mit "der Waffe traf, 
und — einem alten Mütterchen, das einen zweiten Schuß verhin- 
derte und am deſſen aufopfernder, hingebender Liebe das kranke Herz 
des Sohnes langſam foweit genas, daß er ben Gedanken an ein 
Weiterleben nicht mehr als unmöglich von fich warf.“ 

„Und mic ließeſt Du über das alles alle bie Jahre in Un⸗ 
wiffenheit?" Frage fie mit leifem Vorwurf. 

Ich meinte, es fei beſſer für Dich, Du bliebeft in dem Glau- 
ben, ich fei tobt. Mein Tod überhol "Sich aller Verpflichtungen 

gegen mich. Du wurdeft dadurch frei und > ri mit Deinem 

Serien nicht in Konflikt, wenn Du vielleicht glüdlich werden 
wollteit mit einem — Anderen.“ 

„Und die Gemiffensgunfen,, die mir Dein Tod verurfachte? 
Nechneteft Du fie für fo gering?“ 

„Sch meinte — an meinem Tode fei nicht viel ‚gelegen, ebenfo- 
wenig an meinem Leben. Was fonnte das einer vornehmen Dame 
viel madjen, ob man den „Stabtpfeifer von Seebad“ zu ben Zobten 
ober Lebendigen zähle — imgrunbe zählte er ja nicht mit . 

„Mar!“ bat fie angitvo 

„Sei mir nicht böſe!“ bat nun auch er. „Jetzt ift das ja alles 
vergeben und vergeffen. Das Unmögliche wird ja möglich werden. 
Die Gräfin Bergen wird einen armen Mufifanten heiraten — einen 
Heimen meister aus irgend einem obſkuren Neſte da Hinten in 
irgend welchem troftlofen Weltwinkel. Sie will hinabfteigen aus ber 
Höhe — warum nur?“ 

„Weil fie mei, daß fie bei diefem Hinabfteigen dag Glück am 
Biele ihres ri es finden wird, das fie auf ber Höhe ihrer Verhält- 
va Fi ng 1 None vermifte“ — unterbrach ihm lächelnd das 

ch verfpricht fie ihrem großen, ſtattlichen Lieb- 
en ei feiner damen Geige, daß fie nicht nur glüdlich werben, 
fondern vor allem glücklich machen will.“ 


HB 


VUERS2 RTWSWEVesansEHn 


. 


Earl Gutzkow und das Gutzkow-Denkmal. 423 


Auf der Generalverfammlung bes „Allgemeinen deutfchen Schrift 
Ttellerverbandes“, die im Herbfte 1879 in Dresden tagte, wurde auf 
Antrag Dr. Rudolf Döhn’s, eines vortrefflichen Schriftftellers, ber 
jahrelang in Amerika ben deutſchen Namen hochhielt und mit Ruhm 
bededte, der Beichluß gefaßt, „in anbetracht der großen Bedeutung 
Carl Gutzkows für die Literatur, insbefondere auch in Anerkennung 
der Wirkſamkeit dejjelben für Die Snterefjen des Schriftftellerftandes, 
eine Sammlung zum Zwede der Herftellung eines würdigen Denk— 
mals für den torbenen anzuregen.“ Der Stadt Dresden ge- 
bührt das Verdienft, daß hier auf die hochherzige Anregung auch ſo⸗ 
fort die That folgte. Am Abend des 13. Dezember 1880 fand die 
vom Gutzkowdenkmal⸗Komité veranftaltete Suglonfeier im Saale des 
Gewerbehaufes ftatt. Es wirkten hier bedeutende Künftler, wie 
Therefe Malten, Frau Niemann-Seebach, Joſeph Joachim, Franz 
Wüllner u. a. mit, — ber Reinertrag, 1200 Mark, wurde dem Vor— 
Stande des Schriftftellerverbandes überwiefen. So waren benn bie 
erſten Gelder für das Denkmal aufgebracht, — aber das Gefamint- 
ergebniß der Sammlungen, welche in Berlin, Leipzig und anderen 
Städten veranftaltet wurden, war innerhalb der nächſten Jahre ein 
ſehr geringfügiges, und noch heute wäre Gutzkow fein Denfmal er- 
ſtanden, wenn der err Oberbürgermeifter von Dresden, Dr. Stübel, 
— ein um das Aufblühen der Shadı, um Kunft und Wifjenfchaft 
—S Mann — und andere Vertreter der Reſidenz die 
Koſten der Aufſtellung der von dem Bildhauer Herrn Emmerich 
Andrejen — dem Schöpfer des Tübinger Hölderlin-Denkmals — in 
Bronce ausgeführten Gutzkow-Büſte nicht übernommen hätten. 

So wurde denn, wie gejagt, am 11. Juni 1887 auf dem Georgs⸗ 
plage das Gutzkow⸗Denkmal, welches neben dem Standbilde Theodor 
Körners, des Sängers und Heldenjünglings, und dem des Lieder- 
Meifters Julius Otto aufgeftellt ift, unter entjprechenden Feierlich⸗ 
teiten, im Beifein des Vorjtandes des , Allgemeinen beutfchen Schrift- 
ftellerverbandes“, der ftädtifchen Behörden Dresdens u. |. w., enthüllt. 
Auch die Frau und die ältefte Tochter des Dichters — Frau Yuftize 
rath Ofius aus Hanau — und fein Schwiegerfohn aus Frankfurt a. M. 
wohnten der erhebenden eier bei. Profefjor Dr. Adolf Stern, der 
befannte Dichter und Literarhiftorifer, hielt eine inhaltlich wie formell 
meifterhafte Anſprache, worin er mit großen Zügen das Wollen 
und Denken, das Leben und Streben Gutzkows zeichnete. Im Namen 
des Schriftftellerverbanbes übergab hierauf der Redner das Denkmal 
dem Vertreter der Stadt, Herrn Oberbürgermeifter Dr. Stübel. Tief 
empfundene, warme, für alles Hohe und Ideale begeijterte Worte 
prach Diefer_bei der Webernahme des Denkmals und er gelobte im 

men der Stadt, dafjelbe nicht bloß zu ſchützen, fondern auch ben 
Geiſt zu hüten, welchen der Mann, defien Auge auf die Anmefenden 
herabblickte, fein ganzes Leben hindurch bethätigt habe. Hierauf Iegte 
Dr. Rudolf Döhn mit bewegten Worten im Namen des Schriftiteller- 
verbandes einen Lorbeerkranz auf den Fußfodel des Denkmals nieder. 


424 Carl Gutzkow und das Guhkom-Benkmal. 


Daffelbe ift eine meitterhafte Schöpfung des noch jungen Bild- 
hauers Ma Andrefen, Geftaltungs-Vorfteher an ber Königl. 
Rorzellan-Manufaktur in Meißen, welches Dresden zur Zierde reicht. 
Der Künftler, welcher fich durch dieſes Standbild mit einem tage 
einen berühmten Namen gemacht hat, ift am 20. Februar 1843 ai 
Sohn des 1849 gu Ueterfen in Holftein verjtorbenen Rektors 
Andreas Andrefen dajelbft geboren. in Bruder ift der _befannte 
Germanift, Profeſſor Dr. Guſtav Andrefen in Bonn a. Rh. Bis 
zu feiner Konfirmation bejuchte er die Kettoraticule feines Heimat- 
ortes, war von 185963 Lehrling in dem Studaturgeihäft von 
Vivis in Hamburg und ftudirte von 1868—68 im Atelier des be- 
rühmten Bildhauers Profefjor Dr. Hänel in Dresden. Nach feiner 
Etablirung in diefer Stadt fehuf er zuvörberft die. Statue aber 
waldjens für die Hamburger Kunfthalle, dann die lebensgroße Mar- 
morftatue Gefeſſelte Pſiche“, welche von Seiner Majeftät dem 
Deutfchen Kaifer Wilhelm L angefauft wurde und fid) im königlichen 
Schloſſe zu Berlin befindet. Später führte er die Statue noch ein- 
mal in Marmor aus und zwar für das Thaulow-Mufeum in Kiel, 
— äußere figürliche Dekorationen auch von ihm hertühren. Hier⸗ 
auf ſchuf er den feirzfigen Schmud der faiferlihen Yacht „Hohen- 
zollern“, fowie einen in Eichenholz ausgeführten Cyclus germantfcher 
Götter für einen hamburger Runttfreusd. Seine ferneren Wrbeiten 
find: die Modelle für die Ausfhmüdung bes Kaifer-Wilhelm-Gym- 
nafiums und Die des neuen Seminars in Hannover. Ich habe fchon 
erwähnt, daß Andreſen auch das Hölderlin-Denkmal geigaffen, wel- 
ches 1880 im botanifchen Garten in Tübingen unter Betheiligung 
der Univerfität und der afademifchen Jugend, die den Meifter am 
30. Juni durch einen Sadelsug augzeichnete, enthüllt wurde. Be- 
tannt ift Die 1880 entitandene Statuette „Onkel Bräfig“, welche 
große Verbreitung in zahlreichen Eremplaren gefunden. Später ſe 
der Meifter für die königliche Porzellan- Manufaktur in Met 
eine Reihe von Modellen und ift feit einem Jahre ala Geftaltungs- 
vorfteher an diefem weltberühmten Kunftinftitut angeftelt. om 
Januar 1884 bis April 1887 war er Stadtverordneter in Dresden 
und hat als Title bes Verwaltungsausſchuſſes ſich die nicht gemug 
anzuerfennenbe Mühe, die künftleriihen Verhältniſſe von Elbathen 
u fördern, gegeben. Gegenwärtig iſt Andrefen mit einer Büſte 
Bartciers, des Erfinder des Meißner Porzellans, und einer Pegafus- 
gruppe zu Ehren des Königs Johann beihäft, t. 

Was nun das reiffte und gebiegenfte Bart Andreſens, das 
Denkmal Gutzkows, betrifft, allen Büſie wir heute unferen Lefern im 
wohlgelungenem Holzſchnitt vorführen, fo zeichnet fich daſſelbe vor allem 
durch eine überaus natürliche Sharakterftit aus. Wer diefe Büfte 
fieht, erfennt fofort den eigenartigen Dichter und Charakterkopf, der 
bereit3 am 13. November 1840 von fich jelbit gejagt hat -— wie er 
von nt aus an Levin Schücking ſchreibt — „es liegt in mei« 


nen Zügen etwas finfteres, dag mein Gemüt nicht fennt..... Das 


Karl Gubkows Porträtbüfe vom Guhkow-Deukmal in Dresden. 





Earl Gutzkow und das Gußkow-Benkmal. 425 


Leben hat mir zu tiefe Wunden gejchlagen, als daß ich heiter hinein⸗ 
bliden könnte. Was bin ich, das ich nicht durch mich jelbit gewor- 
den wäre? Was hab’ ich, das ich nicht erobern mußte?“ Andrejen 
fertigte die Büfte in 1’/, Lebensgröße des Dichterd und zwar auf 
Grund einer von dem intimften Freunde Gugfows in Dresden, dem 
Advofaten Fafold, geliehenen Photographie an. Anfangs hatte er 
nur die Abjicht, die Büfte deforativ zu behandeln, aber bei ber 
Arbeit intereffirte ihn der Kopf immer mehr. Wie in ben Werfen 
des Dichters und in deſſen Leben, findet fa aud in feinem Kopfe 
der Dualismus: Stirn, Auge und Nafe find wie vom Abler, der zur 
Sonne fliegt, Mund und Unterfiefer aber von ber Bulldogge, die 
fich Hier unten herumbeißt. Die Büfte Gutzkows erhebt ſich auf einem 
von den Dresdener Architekten Giefe und Weidner entworfenen und 
von Friedrich Rietſcher in Häslich bei Biſchheim in der Laufig vor- 
üglih ausgeführten Oranit-Boftament. Auf zwei aus bfauent, ge- 
Koitten laufiger Granit hergejtellten Stufen fteht ein einfaches Poſia⸗ 
ment mit kräftiger Profilirung von polirtem tothem meißener Granit. 
Eine Bronzetafel mit dem Namen Gutzkow an ber Worderfeite des 
Boftamentes ift die einzige Infchrift. Die Architekten Giefe und 
Weidner haben es vortrefflich verftanden, das Ka und. Edige 
im Charakter und Wefen des Dichters durch das Poftament und den 
mit Edblättchen verzierten Büſtenfuß hindurchklingen zu laffen. Das 
Boftament hat influfive der Stufen eine Höhe von 2,, Meter, das 
ganze Denkmal eine folhe von 3,5, Meter. 

Hat Carl Gugfow, der vor einem Jahrzehnt, am 16. Dezember 
1878, heimgegangene Dichter von „Zopf und Schwert“, „Urbild des 
Zartäffe, Ariel Acofta*, „Ritter vom Geifte” und des „Zauberer 
von Rom“ in der That verdient, daß fein Andenken in Erz und 
Marmor verewigt werde? — Gewiß! Es ijt nichts als eine alte 
Schuld abgetragen worden, als ber Führer bes „jungen Deutichland“, 
der Schöpfer des neuen Dramas, der Vorkämpfer de3 modernen 
Geiſteslebens und der Schriftftellerwelt par excellence, fein Stand- 
bild erhielt. 

Bar Gutzkow auch ein ausgezeichneter Publiziſt, ein ſchneidiger 
Kritiker, ein namhafter Aefthetifer, jo befteht doch die unleugbare und 
bleibende Bedeutung deffelben in der deutſchen Literatur, befonders in 
kim theatralifchen Werten, feinen Erzählungen. Er hatte einen fehr 
feinen Inftinkt für Tagesfragen und für die Stimmungen und Strö- 
mungen der öffentlichen Meinung, und in feinen Bühnenftüden fpie- 
ylt ſich dieſes tendenziöſe Ausbeuten der „Aktualität“ vielfach wieder. 

ie hervorragendften unter feinen Bühnenſtücken find: Richard 
Savage“, Trauerfpiel (1839), „Zopf und Schwert“, hiftorifches Luft 
ſpiel (1844), „Das Urbild des Tartüffe“, Luftjpiel (1847), „Uriel 
Acofta, Tragödie (1847), „Der Königslieutenant”, Luftipiel (1849). 
Es pulfirt in allen dieſen Schöpfungen große, dramatijche Geftal- 
tungefraft wahre Poeſie und eble Geſinnung. Die hiftorifchen Luft 
fpiele müffen geradezu als mujtergiltig bezeichnet werden. Die Thea— 

Der Ealon 1889. Heft IV. Band L 9 


426 Carl Gutzkow und das Gußkow-Benkmal. 


terftüde waren es, die den Namen Gutzkows zu einem ungemein 
gefeierten gemacht haben. Sie wurden in faft alle lebenden Sprachen 
überjept und behaupten ſich feit einem Menfchenalter auf dem Reper- 
toir aller guten Bühnen mit ungeſchwächter Kraft. Zu feinen ſchwäch- 
ften Stüden gehört „Der Königslieutenant“, welches denuod) ſehr po- 
pulär ift, weil fahrende und effekthaſchende Virtuofen & la Friedrich 
Haafe in ber Titelrolle fpielen und es zu einem Paradepferde gemacht 
haben. Es würde ungerecht fein, wollten wir es hier — bei aller 
Verehrung für Gutzkow — verjchweigen, daß er in feinen Dramen 
leider! gar zu oft die Kunft dem Effekt geopfert und von hochtönen- 
den Phrafen in umerlaubter Weiſe Gebrauch gemacht hat. Der 
Menge freilic) imponirten am meiften die hohlen Redensarten, ſobald 
Bein ga ‚Darmays und Haafes ihre Rollen recht fräftig herunterge- 
rüllt haben. 

Noch unmittelbarer an die Zeit ſchloß fich der Dichter in feinen 
tulturhiftorijchen Romanen an, von denen die bedeutendften find: 
„Die Ritter vom Geift“ (Leipzig 185052, 9 Bände) und „Der 
Bauberer von Rom“ (Leipzig 1858—61, 9 Bände). Dieſe Erzäh- 
ungen zeichnen ſich durch große Gedanfenfülle, charafteriftifchen 
Sitwationgreihthum und viele treffenden Bemerkungen über einzelne 
Schwächen de3 Zeitalter aus. In den „Nittern vom Geiſte“ 
jeht dad Streben de3 Dichters darauf aus, die Demofratie humani— 
tiich zu geftalten und fie als ein geiftig und fittlich gemildertes 
Bildungselement durch alle Klaſſen der Gejellichaft zur wahren Wie- 
dergeburt berjelben vorzubereiten. In dem genannten Roman wird 
mit meifterhaften Zügen die Reaktionsperiode, welche der Revolution 
von 1848 folgte, gejchilbert, während im „Zauberer von Nom” die ge— 
jammte deutfch-ultramontane Welt vor uns vorbeibefilirt. Von feinen 
übrigen Romanen find die bemerfenswertheften: „Zrig Ellrodt“ (Jena 
1872, 3 Bände), „Die Söhne Peſtalozzis“ (Berlin 1870, 3 Bände) 
und „Die neuen Sarapionsbrüder“ (Breslau 1877, 3 Bände). 

Gutzkow ift einer der umfaſſendſten und vieffeitigften Geiſter in 
unferer Xiteratur. Er hat faft feine Tonart in derjelben anzufchla- 
gen unterlaffen — überall erzielte er Erfolge, denn fein frucgtbarer 
und beweglicher Genius wußte jedem Stoffe eine neue und fefjelnde 
Seite abzugewinnen. Er wäre fiherlich einer unferer größten Dichter 
geworben, wenn bie ätzende Skepſis eines großen, aber jelbftquäferi- 
chen Verſtandes nicht oft den Blütenftaub der Poefie verweht hätte. 
Dieje Skepfis führte ihn einmal zu einem Selbſimordverſuch, fie zer- 
rüttete ſchließlich feine Nerven und erzeugte in feinen legten Schrif- 
ten eine außerordentliche Bitterfeit, welche auf das Kunſtwerk oft 
zerftörend wirkte. . un 

Freilich gehörte er zu jenen Unglücklichen, die Jahrzehnte Ianı 
mit der Noth des Lebens, mit der Engherzigkeit der Theaterdirel: 
toren, der Bosheit der Kritifer und dem Stumpffinn der Mafje 
jchwer ringen mußten, — wer wollte daher ben erſten Stein auf ihn 
werfen? Wer fände feinen Menſchenhaß nicht erflärlich? 


Earl. Gutzkow und das Guhkem-Benkmal. 427 


Mit trefflichen Worten fagte Adolf Stern in feiner Weihrede 
am 11. Juni 1887 von Carl Suyton, auf die Bedeutung dieſes 
Meifters hinweifend: „Die Wahrheit des Herberfchen Wortes: „Die 
denen en des Gejchmads find nie ganz eines Menjchen 
ille, fie find im der Gefchichte des menjchlichen Geſchlechts wie die 
onen Punkte der Saite, es müffen Diffonanzen dazwiſchen Liegen“, 
habe Gutzkow in feiner erften Entwidelungsperiode an ſich erfahren. 
Nicht das dürfe uns befremden, dab unter den Beiteindräden Cup 
kows frühere Werfe allzuftarfe Spuren der politischen Beſtrebungen 
trugen, daß vom Tag zu viel, vom Ganzen des Lebens zu wenig im 
fie hineinfloß, fondern das müfje mit Erftaunen und Bewunderung 
erfüllen, wie raſch ſich Gutzkow über die politifirende Publizijtit er- 
hoben, mit wie emergijcher Selbjtkritif er feine geiftigen Beftrebungen 
mit den künſtleriſchen Forderungen des Bühnenftüds, der Erzählung, 
in Einklang gebracht habe. Wohl fei auch in den Werfen ein ſiarkes 
Element der Tendenz zurüdgeblieben, welche dies Jahrhundert über 
dauern und bleibende Denkmäler feines geiftigen Ringens für die 
Nachwelt fein würden. Die beiten dramatiichen und erzählenden 
Werke Gutzkows ftünden auf jener Höhe, auf der wohl noch über 
Bedeutung des Einzelnen, aber nicht mehr über Bedeutung und 
dauernden Werth des Ganzen geftritten werbe. Gleich anderen großen 
Schriftftellern vor ihm wird Gutzkow jene volle Gerechtigkeit zutheil 
werden, welche mit der klareren Erfenntniß der Gebantengänge, der 
urjprünglichen Abfichten des Zuſammenwirkens von innerem Antrieb 
und äußerem Eindrud für alle fommt, welche ein großes und ganzes 
jewollt — ein großes und ganzes geweſen find. Schon Gui 
ows geiſtiges Ringen allein, die Ibealität feiner Ziele flößt Theil» 
nahme und Ehrfurcht ein. Auch dürfe nie vergefjen werden, unter 
wie jchweren Bemmniffen Gutzkows Schaffen zum Theil ftattgefun- 
den habe, wie ausſchließlich der große Schriftfteller auf die eigene 
Kraft und den unabläffigen Einjag derfelben angewiefen geblieben 
jei. Unter dem Drude äußerer Umftände habe er jederzeit noch die 
reiheit des Geijtes, Die Größe feiner Entwürfe bewährt, die Freiheit 
der Stimmung und der fünftlerijchen Vollendung oft nur theilweife 
erreichen können.“ 

Geboren wurde Carl Gutzkow am 17. März 1811 in Berlin 
als Sohn eines prinzlichen Leibkutſchers. Dort erhielt er feine erfte 
Ausbildung. Er ftudirte zuerft Theologie, kam aber nicht dazu, ſich 
diefem Berufe praktifh zu widmen. Sehr jung betrat er bereits 
die Schriftftellerlaufbahn, nachdem er in Heidelberg Philofophie und 
Philologie ftudirt hatte. Er lebte an verjchiebenen Orten, in Frank 
furt a. , Mannheim, Hamburg, ging dann nad) Italien und auf 
einige Zeit nad) Paris. Er lebte dann längere Zeit in Dresden, 
wo er an Tieds Stelle Dramaturg am Hofkhenfer wurbe. 1861 
übernahm er das Generalſekretariat der „Schillerftiftung“ in Weimar. 
Zerwürfniffe aller Art, Aufregungen und Arbeit machten ihn fo ner- 
vös, daß er 1865, wie bercits erwähnt, fogar einen Selbſtmord— 

29* 


= ri 


428 Carl Gutzkow und das Gutzkor 


ver machte. Geneſen, ging er zuerjt nad} 
nad) Berlin. Bulegt lebte er Wieber in Zu 
dort am 16. Dezember 1878. 

Ein auferorbentlicher Dichter und Schriftjteller, ein edler Wäre 
tyrer, ein anregender und ſtets geiftreicher Mann war Carl Gutzkow 
und nur mit lebhafter Befriedigung fann man es begrüßen, daß die 
Nachwelt die vielen Diffonanzen in dem Leben des Poeten in dem 
Fr Schlußakkord eines ſchönen Denkmals verjühnend aus— 

lingen ließ! 


3u dienen der Kunſt! 


ie [prachen viel 
yon dem leuchtenden Ziel 
Der Wahrheit; 


Bon himmlifcher Schönheit 
geben Duft, 
ion der fanften Klarheit 
Des Götterlichts 
Und den Schmerzen der Erde... 
Und er fagte fein Wort: 
Ging einfam fort 
Einaus in bie Nacht, 
in den Nebeldunft — 
Zu dienen der Kunſt. 


Wilhelm Arent. 


Admont. 


Ein Bild aus der grünen Steiermark. 
Bon A. 6. %. Rötfinger. 





den Anblick Admonts von der fchönften Geite ge— 
nießen will, der wandere von Hieflau her Ennsaufs 
wärts ‚durch das „Gefäufe“, durch jene Wildniß, die 
mit ihren Felskoloſſen und dem alles übertofenden 
Braufen der Enns de3 einfamen Wanderes Herz cr 
beben macht. Schaut man da unter dem Donnern des urgewaltigen 
luſſes an den ſenkrechten Felfenwänden empor, wie broben über den 
tenfpigen bie weißen Wölffein das tiefblaue Firmament durch- 
jegeln, oder wendet man den Blick auf die Schuttrinnen, Die ein 
heftiger Wolkenbruch in einer Stunde geriffen, und die, hundert und 
mehr ritte breit, den grünen Tannenwald Hinmweggefegt haben 
und ihn durch eine Wüfte voll Geröl und Felsblöcke erjegen, und 
betrachtet man dann die Strafe und den Schienenweg, die beide mit 
Mühe ftelenweife dem Felſen oder dem Waffer abgerungen wurden, 
und die zu zerftören nur ein ftärferes en der Enns oder 
ein herabpolterndes Felsftüclein genügt, jo muß einem wohl in ben 
Sinn fommen, daß es ſich doc) verlohne, dann und wann ein bittend’ 
Wörtlein zu unferem gott zu reden. Und tritt man nun plößs 
lich aus engen Gefäuje hinaus in das breite, fruchtjtrogende 
Admonter Thal, 5 wird man, hat die Schredenswildnig einen das 
ae —5— auf gottgeſegnetem Grunde wohl auch des Dankens 
t vergeſſen 
Und fürwahr, der Wechſel zwiſchen fürchterlichſter Wildniß und 
n freundlichen Thale ift ein Fneller. Die Enns, die wir eben 
t in gewaltigem Zorne gifchtend aufbraufen jahen, fließt hier ruhig 
: großen Windungen, ohne Ahnung ihrer Stärke, zwiſchen gepfleg- 
ı Aderboden und grünem Wiejenlande dahin, bie Ufer mit niden- 
2 Weidengebüfch oder auch mit ſchilfbewachſenen Sumpfftellen um— 
‘mt. Die Feljenwände, die vor kurzem nod) fnapp an der Strafe, 


40 Admont. u 


gerurzelt, trennt nun ein breiter Thalboden, und wo früher büfter- 
rüne Tannen ihre Weite ausgeftredt, winfen uns nun die Helfen 
hürme des St. Blafienmünfters von Admont, dem Ziele unferer 
Wanderung. 

Die Lage des Marktes Abmont, der am rechten Ufer der Enns, 
eigentlich nur aus einer langen Strafe beftehend, das Thal der 
Breite nad) durchzieht, ift eine Herrliche. Im Norden fchliegen Die 
Haller Mauern, die mit ihren Zelfenthürmen und Wänden über 
vorgelagerte Waldberge herüberbliden, das Thal ab, — ftolze Häupter: 
der grobe Pyrgas und der Scheiblingftein, der Hochthurm und ber 

renthurm und wie fie alle heißen mögen, — während die füdliche 
halwand meift von bewaldeten Höhenzügen gebildet wird. Doc, 
nicht immer find biefe Höhenfetten, beſonders aber die eritere, für 
neugierige Bergguder zu Haufe; gar mancher ift —D — nach 
Admont gezogen und hat ſie noch immer in ihrer Nebelkappe ver⸗ 
ftedft gefunden. Am Fuße der Haller Mauern, eine gute halbe Weg» | 
ſtunde nördlich von Admont, Liegt das Dertlein Hall, bei welchem, 
wie fein Name uns ſchon va einft Salzbergbau betrichen wurbe. 
Hall ift uralt; es beſtand ſchon lange, bevor noch das Kloſter ge— 
ründet wurbe und „Die Se in der Bell“ von Diefem den Namen 
dmont erhielten. Dort ſoll auch das Schloß Purgftall geitanden 
haben, in weldem die Stifterin Admonts, Gräfin Hemma, wohnte. 
Als fie aber einft vor ihrem böfen Vogte die Flucht ergriff, ſoll dag 
ganze Schloß, jowie ihr Fuß es verlieh, in unergruͤndlichem Sumpfe 
verſunken fein. 

Auf einem ber grünen Waldberge, welche fich ſüdlich von Ad- 
mont hinziehen, Tiegt malerifch ein Schlößlein mit Thurm und Erfer 
aus dem 17. Jahrhundert, das den Namen Nöthelftein trägt und 
dem Kloſter gehört. In feinen Gemäcern jteht noch manches alte 
Hausgeräth, Feb geichnigte Käften, Defen von funjtvoller Schmiebe- 
arbeit und anderes. Auch eine alte Gemälbegalerie ift darin unter⸗ 
gebracht. Die Bilder find meift von geringem Werthe, eines ift 
jedoch darunter, das feine Wirkung nie verfehlt. In einer bunfeln 
Ede eines wohnlichen Saale hängt ein Damenporträt. Weiß und 
Iodenb leuchtet dir ein voller Bufen aus Sammet und Spigen ent- 

jegen, und trittft bu näher in der Erwartung, unter dem tiefen 
tten eines breitfrempigen Hutes und wallender Straußenfedern 
ein reizendes Gefichtchen zu erbliden, jo grinft dich höhniſch ein 
tahler Zodtenjhädel an ..... Die Mauern, einſt der Schu bes 
Schlößchens vor lüfternen Feinden, haben jegt nur mehr die Hirjd 
und Rebe von dem Kohl und den Bohnen des alten Müttercher 
abzuwehren, das im Schloffe wohnt, und bie alten gelbfälange 
die von ihnen herab ind Thal gebräut, liegen jetzt — 
ei 
fers 





ij 
unter den Arkaben des Schloßhofes auf ihren morſchen 
trauernd, daß ſie nicht anders mehr den Ruhm ihres Schöpfers ver 
künden können als durch die Inſchrift, die fie auf ihrem Rüde 
tragen: „Mebardus Reig in Graz hat mich gegoflen.- 1653,“ 


Admont. . 431 


Ennsaufwärtd liegt mitten im Thale ein Berg für fi allein, 
der Kulmberg, der auf feinem Rüden die ftolze Wallfahrtskirche 
Senuenberg mit ihren weitläufigen Nebengebäuden trägt. In der 

ähe befinden fich jegt noch die Ueberrefte einer alten Thalſperre, 
die einft Abt Heinrich IL. von Admont zum Schuge des Kloſters er- 
richten ließ; doch fehren wir jeßt zu biejem ſelbſt zurüd. 

& war im Jahre 1072 des Heils, als der hochwürbige Erz- 
bifchof von Salzburg, Here Gebhard, Graf von Helfenftein, mit et- 
licher Begleitung Ennsabwärts in jene Gegend gezogen fam, wo jetzt 
das Stift Abmont fteht. Die Heilige Hemma, Gräfin von Frielah 
und Zeltſchach, eine Blutsverwandte Kaifer Seinridis bes Heiligen, 
hatte, nachdem ihr ber Tod all ihre lieben Söhne genommen, dem 
damaligen Salzburger Erzbifchof Balduin ihr ganzes Beſitzthum ver- 
macht unter der Bedingung, daß er im Ennsthale ein Benedictiner- 
Hlofter gründe. Doch erit 30 Jahrg, nachdem die fromme Wittib zu 
Hall geitorben war, dachte der Nachfolger Balduins, Gebhard, daran, 
das Verjprechen feines Vorfahren zu erfüllen. Als er nun 1072 
das Thal nad), einer paffenden Stelle für das neue Klofter durch- 
forjchte, glaubte er dieje dort gefunden zu haben, wo am rechten 
Ufer der Enns am Rande eines Wildbaches ein Gehöfte ftand mit 
dem Namen „Adamunta*, jo da heißet: Wajfermündung.. Nach diefem 
GeHöfte nannte man auch das Klöfterlein Adamunt, und nicht etwa 
Darum, weil e3 ad montes ftand. Das Jahr darauf ſah man bereits 
fleißige Hände Balken behauen und Steine herbeiſchaffen, und 1074 
konnie das fertige Klofter eingeweiht werben. Aus ber Zeit ber 
Einweihung geht noch eine Sage unter dem Volke: Unter den 
Bergen, die dad Thal von Süben her einjchließen, ift einer, deſſen 
Gipfel vier teile, jeltfam geformte Felfenfäulen bildet. Dort ftand, 
als die Klojterbrüder im Thale drunten in Heim erbauten, ein 
Seibentempet, bei dem ein alter Heidenpriefter zu feiner Wartung 
wohnte. Diefer aber Hatte einen Hahn, welcher zu bejtimmter Stunde 
fein Krähen erjchallen ließ umd jo das Volt zum Gottesdienfte rief. 
Dod immer mehr vertaufchten den alten Gott mit dem neuen der 
Kloſterbrüder, bis es endlich nur mehr vier waren, die beim Glau— 
ben ihrer Väter ausharrten. Da that aber der Priefter einen grim- 
men Schwur: „So wenig ald wir vier je zu Stein werden, fo wenig 
fol je den Mönchen dort im ne ihr Glöcklein erklingen!“ Und 
wie er die verwegenen Worte geiprochen, da ſchwamm das erfte Ave— 
Dearia-Geläute vom Klofter ins jtille Abendroth hinaus, und die vier 

ibenmänner wurden x ftarrem Stein. — Nicht lange follte die 
junge Siedelung fih Ruh’ und Friedens erfreuen. Berthold von 
Moosburg, ein unter ‚Herr, hub an, mit Erzbifchof Gebhard um bie 
Infula zu ftreiten, und bei dieſem Streite mußten auch die treuen 
Klofterbrüder von Herrn Bertholds Knechten manche harte Unbill 
erfahren; auch hatten fie nebenbei von Adalbero des Rauhen Be- 
fuchen zu leiden, der nicht verfäumte, von Zeit zu Zeit zum Klojter 
einen ine zu thun. Doc waren dieje Schäden bald wieder ſo weit 


432 Admont. 


ausgeheilt, daß Abt Wolfhold 1120 daran denken konnte, auch Weib- 
fein nad) St. Benedicti Regel ins Thal zu ziehen*), von denen 
einige fo zierliche Lettern auf Pergament zu malen verftunden, wie 
Negilind und Irmingard, daß man fie bald nur mehr die gelehrten 
Frauen von Adamunt hieß. Doch blieben auch die Mönche nicht 
unthätig. Während die einen draußen Wälder rodeten und Felder 
anlegten, fehrieben die anderen in ihren gel gelahrte Bücher, wie 
ſolches Gottfried, fein Bruder Irimbert, Iſenrik, Engelbert und viele 
andere gethan. Der erjte Admonter Benedictiner, der Einfluß auf 
die Geſchichte des Reiches nahm, war Abt Heinvich II, welcher Rath- 
geber des Kaifers Rudolf von Habsburg und fpäter auch Kaiſer 
Albrecht? wurde. Sein Ende war bafjelbe wie das jeines letzten 
Herrn. Als er im genge des Jahres 1297 über den Lichtmeß) 
ins Paltenthal ritt, fiel er der Nachgier eines feiner Verwandten 
gm Opfer. — 25 Jahre jpäter erhielt St. Blaſius, der Schugpatron 
e3 Kloſters, hohen Beſuch. Friedrich der Schöne, der eben auf dem 
Zuge wider Ludwig den Bayern begriffen war, hatte zu Admont 
Derberge genommen. Damals foll ihn Abt Engelbert inftändigft ge- 
eten haben, das Kampfgewühle ja zu meiden, da Bruder Bartho- 
lomäus für den ſchönen Kaijer Unglüd aus den Sternen gelejen 
habe... Als Antonius, ein heiterer Italiener, die Abteswürde er- 
Tangte, brachen für die Mönche abermals böje Tage herein. Abt 
Antonio ließ nämlich die ihm anvertrauten Schäflein regelrecht aus- 
Kan und ſchickte die Beuteſchätze nad) Italien, um diejen nach 
ich bald felbft auf den Weg zu maden. Er gelangte jedoch nur 
bis nad) Kärnthen, allwo man ihn feitnahm; Die erzürnten Stlofter- 
leute aber jeßten ihr Oberhaupt hinter Schloß und Riegel auf den 
Gallenjtein bei St. Gallen, wojelbft er 1492 ſtarb. Dann brachen 
die Zeiten ber Reformation herein mit all den Schredniffen, Die 
dieſe in Sefotgfäctt hatte, als Bauernaufftänden und anderem mehr. 
Abt Valentin Abel zeigte fich einem Uebertritte zur neuen Lehre gar 
nicht abgeneigt, führte ihn jedoch nicht aus. Um fo entjchiedener 
Bing fein Nachfolger Johann IV. an der Tiara; es gelang ihm auch, 
was im Ennsthale und in den benachbarten Gebieten Iutherijch ges 
worden war, in den Schoß ber alten Kirche zurückzuführen. Seit 
diefen Tagen floß das Leben unferer Klofterbrüder ruhig und heiter 
fort bis in die neuefte Beit, als nämlich) 1865 das Kloſter in Ger 
fahr kam, ganz niederzubrennen. 

Die Spuren dieſes Brandes machen ſich bei einem Beſuche des 
Klofters allenthalben bemerkbar. Nicht nur der rohe Biegeljtein. 
der und an den Stellen entgegentritt, an welchen die abgebrannten 
Trakte ſich an die erhaltenen Khfoffen, auch der neue St. Blafien- 
münfter ſelbſt ift gewiffermaßen ein Vermächtniß der Feuersbrunft. 
Derjelbe wurde an Stelle der alten Kirche, welche Abt Heinrich IL 





*) Das Nonnenllofter Admont wurde im 16. Jahrhundert bereite wieder aufs 
gehoben. 


Admont. 433 


1286 vollendet hatte, und die durch häufige Um- und Zubauten ganz 
ftillo3 geworben war, von W. Bücher in gothifcher Bauart neu er- 
richtet. Die Altäre find in kunſtvoller Holzichnigerei ausgeführt; 
den Hauptaltar \ mückt das gerettete Blatt von Altomonte: 
. tiefer Künftler beforgte auch die malerische Ausſchmückung der 
1774— 1781 mit größtem Prachtaufwande erbauten Bibliothek. on 
Abt Anton dachte um 1740 daran, den Bücherſchätzen des Kloſters 
einen würdigen Aufbewahrungsort zu ſchaffen; doc war e3 dem Abte 
Matthäus vorbehalten, den Plan jeines Vorgängers zur Ausführung 
zu bringen. Der Vücherfaal, in italienischer Nenaiffance erbaut, 
nimmt zwei Stodwerfe der Dftfront ein bei einer Länge von 70, 
einer Breite von 13 Meter und wird durch 60 Fenſter erhellt. Er 
ift fomit bei weitem größer als der berühmte Bibliotheksſaal des 
Kloſters St. Gallen in der Schweiz. Die Dede des Saales gliedert 
ſich in fieben Kuppelgewölbe; dem mittleren, al3 dem größten, ent- 
ſpricht im Grundrifje einer Rotunde. Rings um den Saal läuft 
eine Galerie; der Boden ift mit ſchwarzen, weißen und rothen Mar- 
morplatten gepflaftert, deren jebe einen Dufaten koftete, während Die 
Schränke in Weib und Gold gehalten find. Die fieben Kuppel 
gwötbe find mit den ſchon erwähnten Fresfen Altomontes geſchmückt. 
Meijter hat in denjelben in zahlreichen allegoriichen Geſtalten 
alle Künjte und Wiffenfchaften abconterfeit, darunter in erjter Linie 
die Theologie mit allen ihren Unterabtheilungen. An ben beiden 
Schmalfeiten des Saales find große Reliefs in Holzichnigerei ange 
bracht, welche „Salomos Urtheil und die Königin von Saba“ und 
„Chrijtus lehrend im Tempel“ zum Gegenftand haben.. In ber 
Mittelrotunde des Saales ftehen vier aus Lindenholz geſchnitzte, 
bronzirte Statuen von Stammel (+ 1765): der Tod, das Gericht, 
die Bote und der Himmel, als die vier legten Dinge. Die Biblio- 
thef zählt 80,000. Bände, außerdem bei 1000 Handichriften und über 
700 Inkunabeln. Von jenen Folianten, mit welchen die Gründer 
Admonts das Junge Klofter ausrüfteten, ift noch eine zweibändige 
Bibel erhalten; ältere Manuffripte famen fpäter in die Bücherei, 
darunter ein Gloffarium aus dem neunten Jahrhundert, das in alter 
Zeit ala unjeäggares Kleinod an einer Kette hing. Dieſe Bücherei 
war ſtets der Stolz Abmonts, dem zu Anfang unjeres Säkulums 
ein Bibliothekar des Kloſters in folgendem Diſtichon beredten Aus- 
d lieh: Jactarunt veteres septem miracula mundi 
Octavo nostra est bibliotheca loco.*) 

Noch eine andere Bücherei befigt das Klofter, die, wenn auch 
niger berühmt, von Stennern nicht minder gejhägt wird, als die 
en befprochene, und aus der mancher, dem die Folianten des Klofters 
„benfiegelig verfchloffen blieben, fich tiefe Weisheit geholt. Es ift 
jenige, von der e& (bei Baumbach) heißt: 

* Sieben zählten einſt die Alten Wunder des Weltalle. 

Set‘ auf den achten Play umfere Bibliothet. 





434 Admont. 


Der Bucher Einband iſt von Holz, 

Sechs Reifen hat ein jeber, \ 
Der Bibliothelare ftolz 

Trägt einen Schurz von Leber ... u 


Und da der Weg zur Slofterbücherei gerade am Kloſterleller 
vorüber führt, ift mandjer nicht dazu gekommen, ſich am Anblide 
jener zu erfreuen. — j 

ings um das Kloſter, das mit allen feinen Nebengebäuden das 
Ausfehen einer Kleinen Stadt Hat, zieht fi eine Mauer, die auch 
einen Park mit fchattigen Baumgängen und fiſchreichen Teichen, der 
oftwärts vom Kloſter ſich ausdehnt, mit einſchließt. 

Admont hat, wie viele Schidjalsgenoffen, bei bebeutenden Bor- 
theilen einerjeits, in mancher Beziehung wieder durch den kn 
verloren. Denn während jet Die Lofomotive, die Wildnik bes 
früher unwegſamen Gejäufes durchpuftend, Fracht und Reifende an 
Admont vorüberträgt, mußten ehedem Laft- und Pojtwagen, die mit 
Vermeidung des Gejäufes unterhalb Hieflau bei Altenmarkt unb 
Weißenbad die Enns und die über Hieflau nach Eifenerz führende, 
fogenannte „Eijenitraße* verließen und auf ber Straße über St. 
Gallen über die Berge von Nord-Dft her den Heberpang nad) Admont 
fuchten, Halt und Zeche machen. Dafür wird der Markt jedoch durch 
den Beſuch zahlreicher Reiſenden und Bergiteiger, welche daſelbſt 
— der Sommermonate längeren Aufenthali nehmen, genügend 
en! igt. 

Wir haben zuvor der „Eifenftrage“ und in Verbindung mit 
biefer des Marktes Eifenerz Erwähnung gethan. Dieſer Ort tft Die 
quite Kulturftätte der nörbtichen Steiermarf. Während man im 

fofter zu Admont beutiche Wifjenjchaft pflegte, gewann man im 
Ergben je zu Eiſenerz deutſches Eiſen. Gott fei gedankt: beide 
hal Hrersben Nationen gegenüber guten Klang .... 


— 


u 


Eine Mutter. 


Nach dem Däniſchen des A. Steenbuch. 





ie war ein armes Mädchen, die Tochter eines Tagelöhners. 
Mit zwanzig Jahren wurde fie die Beute eines vornehmen 
BVerführers, der fie und ihr Kind im Stiche ließ. 

- Da es im den Lebenskreifen, welchen fie angehärte, 
nicht üblich ift, dab Eltern ihre Kinder um eines Fehltrittes willen 
verjtoßen, jo nahmen auch ihre Eltern fie bei ſich auf, pffegten fie 
und thaten während des nächten halben Jahres an ihr und dem 
Kinde, was fie zu thun vermochten; fie theilten das Brod mit ihr, 
welches fie für des Vaters Tagelohn und das wenige Geld kauften, 
was die Aufwartdienfte der Frau in einigen Familien einbrachten. 
Aber dabei ging es jehr fnapp zu, da auch noch andere da waren, 
mit denen gerheift werden mußte. So wurde das Kind eine Laft. 

Die Mutter konnte feinetivegen feinen Dienft annehmen, dent 
wäre fie nicht bei dem Kinde geblieben, jo hätte die Großmutter 
feinetwegen daheim bfeiben müffen. 

Eines Tages verunglüdte ihr Water bei ber Arbeit und jo 
wurde die Armuth zur Noth. 

Nun ftand einft im Tageblatt eine Anzeige des Inhalts, 
daß eine wohlhabende Familie, die feine Kinder habe, ein hübſches, 
Meines Mädchen als ihr eigenes anzunehmen wünſche. Beit und Ort, 
fich zu melden, war beigefügt. 

Des Kindes Großmutter Ins es zuerft; hiernach las es Die 
Mutter. Jede wußte von der anderen, daß fie es gefejen hatte, doch 
fie vermieden beide fich anzufehen und davon zu fpreden. 

Die Großmutter hatte die Kleine auf dem Schoße, doch die 
Mutter nahm fie ihr ab, fegte fi) in einen Winkel der Stube, 
drüdte das Kind mit einer Heftigleit an ſich, daß fie es faft erfticte 
und begann zu weinen. 

Die Alte jagte nicht und ging hinaus in die Slüche, 





Eine Hutter. 
Das Mädchen legte das Kind vor ſich Hin, I es an, küßte es 


wieder und wieder und ihre Thränen fielen auf ſein kleines Geſicht. 


„Nein“, fagte fie zu ſich, „ich könnte, ich könnte mich nicht von 


ihm trennen!“ 





Dann erhob fie ſich und legte das Kind aufs Bett. Das war 
ein elendes Bett, wenig Kiſſen waren noch darin geblieben. Sie 
blickte ſich in der Stube um; da ſah es ſchon fo leer und ausge— 


räumt aus, denn Stück für Stück war aufs Leihamt gewandert. 


Sie entfärbte ſich, holte tief Athem und ſah nicht nach dem Kinde. 

Doc nein, fie konnte nicht! fie konnte nicht! 

Sie ſank neben dem Bett auf die Kniee nieder und ſchluchzte 

Bald darauf trat die Alte wieber herein; fie hatte ein Tuch 
um die Schultern gefchlungen. 

„Willft Du ausgehen, Mutter?" fragte die Tochter. 

„Ich will ins Krankenhaus, um nad) Deinem Vater zu ſehen.“ 

„Doch — willjt Du nicht zuvor etwas efjen?“ 

Eſſen? Es iſt ja nichts mehr da.“ — Die Alte ging auf die 
Thüre zu, blieb aber mit der Hand auf der Thürklinke ftehen und 
jah fih um. 

Die Tochter wußte, weßhalb die Mutter fie anblicte, doc) fie 
wagte nicht, fi umzumwenden und dem Blick ihrer Mutter zu be 

egnen. 

I Das dauerte eine Weile, endlich ſagte die Alte: „Wir können 
das ja ertragen — aber wenn es äuch an die Kleine kommt, die 
wird es ſchwerlich ertragen künnen.“ 

Damit ging fie hinaus, . 

Leichenblaß wendete fich die Tochter um und fah nad) der ge 
ſchloſſenen Thür. Da eben das Kind zu weinen anfing, machte fie 
eine Bewegung zu ihm zu gehen, blieb aber auf halbem Wege ftehen. 
Es ſchien a, als fürdte fie ſich, es anzuſehen. Sie ſchlug die 
Hände vord Gefiht und ging oder rannte vielmehr in der Erube 
hin und her, während das einen de3 Kindes lauter und lauter 


erjcho] J 

Endlich begab fie ſich in bie Küche und oh die Thür Hinter 

ji. Sie wollte verfucen, ſich einzubilden, daß fie fein Kind mehr 

habe und zu denfen, es fei fo, wie es früher geweſen. Doch die 
robe gelang nicht, da fie es noch immer weinen hörte. 

Sie ging nun auf die Hintertreppe hinaus und verſchloß auch 
die Küchenthür. Jetzt Tagen zwei gejchlojjene Thüren zwiſchen ihr 
und ihrem Kinde und dennoch vernahm fie fein Stimmchen noch. 
Denn Angft und Liebe zwangen fie, ihr Ohr an das Schlüſſelloch 


zu legen. 

I packte fie die Verzweiflung, fie wollte zu ihrem Kinde 
Hineinftürzen, es füffen und ihm fagen, daß fie es nie, nie von ſich 
geben könne. Doc da fielen ihr die Worte der Alten wieder eir 
und mitten in ber Küche blieb fie ftehen. Kein Feuer brannte hie: 
jeit mehreren Tagen war nichts mehr gefocht worden... Die Thü. 


Eine Mutter. 437 


des Küchenfchrankes ftand offen; auch nicht fo viel wie cine Brod— 
frufte war barin zu jehen. 

Und fie murmelte vor fi hin: „Wenn es auch an die Kleine 
kommt, die wird es nicht ertragen fünnen.“ 

Sie mußte ſich gegen die Thür lehnen, ihre Füße trugen fie 
nicht mehr und während fie da ftand, fah fie mit ihrem geijtigen Auge 
das Heine Angeficht blafjer und verfallener werben, fie jah, wie die 
lieben, hellen Augen größer wurden und wie die Heinen Glieder im 
Sieber bebten; und 1 ſelbſt ſah fie neben dem armen, franfen Ge- 
Garen figen, vol Angft es anbliden und warten, da der Tod 
es erlöfe. 

Sie riß die Stubenthür auf, nahm das Kind, hüllte es ein und 
vermied es, in fein Geficht zu fehen. Sie eilte mit ihm hinaus und 
floh faft die Straße entlang, fehneller und jchneller, als ob ihr 
graue zur Befinnung über bas zu fommen, was fie vorhatte. 

Einer von den reichten, jungen Kaufherren der Hauptftabt, oder 
vielmehr deſſen Frau, wünſchte das Eleine Mädchen anzunehmen. 

och die Dame wollte nicht das erfte befte, fie wollte vor allem ein 
ſchönes Kind und wünfchte eine Auswahl unter armen Kindern zu 

ben. Nach Tanger eberlegung hatte fie daher das erwähnte 

jerat mit ihrer Wohnungsbezeichnung und Zeitangabe veröffent- 
lichen laſſen. 

An dem beſtimmten Tage hatte ſie einige Freundinnen einladen 
laſſen, welche ihr bei der Wahl einer Adoptivtochter behilflich fein 
jollten. Ein gutes Frühſtück ging diefem wichtigen Afte voraus. 
Der Portier hatte Befehl erhalten, die mit Heinen Kindern eintreffen» 
den men über bie Hintertreppe hinaufzuweiſen. Aus einem 
roßen Raum, ber gewöhnlich bei. Bällen ober großen Geſellſchaften 

mugt wurde, hatte man alle Gegenftände, die möglicherweije ge— 
ftohlen werden Eonnten, entfernt. Die Gardinen hatte man hoc. 
emporgeftedt und die Möbel, welche ftehen geblieben, hatte man ſörg⸗ 
fältig_verbedt und eingehüllt. 

In dem Zimmer der Hausfrau hatte man Wachstuch von der 
Thür bis in die Mitte gelegt, die Gardinen zurücgezogen, um 
befferes zit zu haben. Flaſchen mit Kölner Waller und ein Brett, 
mit einem Xilörfervice ftand auf dem runden Tijche, um welchen die 
Damen auf Hochlehnigen, bequemen Stühlen faßen. 

€3 fehlte noch eine Viertelſtunde zu der beftimmten Zeit. Man 
begann zu gähnen. 

„Wenn niemand konmen follte!” rief eine der Damen. 

Der Diener, welcher an einer der Thüren poftirt war, bemerkte 
höflich: „Seit einer halben Stunde wartet ſchon die erjte.“ 

„AH!“ rief es im Chor, „fangen wir doch an.“ 

Ya, vor einer halben Stunde war ſchon die erſte gefommen 
und num warteten jchon jo viele Mütter mit Kindern in dem ele- 
ganten Saale, der ſichs wohl nie hatte träumen Laffen, Daß jo viel Arm=- 
elig keit, Elend und Leid über fein glänzendes Parkett fchreiten werde. 





488 Eine Mutter. 


Jede diefer Frauen, bejfer oder jchlechter gekleidet, hatte ein 
Kind im Arme oder an der Hand. Einige ſaßen vn tern in eine 
Ede gedrückt, andere blidten keck um fi), manı üfterten unter 
einander, einzelne lachten. Und mitten unter die Harrenden trat 
auch fie; fie öffnete die Thür und ſchloß fie ſchaudernd wieder; 
öffnete nochmald und trat zögernd ein. Ihr Geficht war_leichen- 
bloß, fie biß die Lippen zulartmen, drüdte ihr Kind an fih und 
flug die Augen nieder, ſodaß man glauben Eonnte, fie habe fie ge- 
fchloffen. - 

Drinnen im Sabinett der Hausfran wurde eime der Mütter 
nad der anderen vorgelaffen, ihr Kind betrachtet, und nachdem man 
nad) allen Einzelheiten gefragt, Namen und Wohnung aufgefchrieben, 
wurden fie alle mit dem Bemerken, man wolle ſich s bedenken, Durch 
den Diener wieder auf die Haupttreppe hinausgeführt. 

Die Damen fühlten ſich abgefpannt, fie nippten an den Lilör— 
giiasen, um ſich zu erfrifden. Die Hausfrau wurde nachdenklich. 

3 war doc) feine jo leichte Sache, das kleine, hübſche Kin zu 
finden, welches man wünfcte. 

Und fo fam denn endlich auch fie. 

Als der Diener die Thür für fie öffnete, bfich fie auf der 
Schwelle Stehen; der Diener mußte ihr winken näher zu treten und 
ein Wink der Frau brachte fie erft bis in die Mitte des Zimmers. 

Die Damen bogen jich vor, um fie richtig zu fehen. Und wie 
fie fo ftand mit dem Kind im Arme, das ernfte, blaſſe Geficht jenen 
zugefehrt, jah fie anmuthig, faft ſchön aus, obgleich fie feine Schön— 
heit war. ‘ ö 


„Wie heizen Sie?“ fragte man fie. 

Warie.“ 

„Weiter?“ 

„Hanfen.“ Ihre Antwort kam leife und beflommen. 

„Wie alt ijt das Kind?“ 

„Etwas über ein viertel Jahr.“ 

Ah! das war das gewünfchte Alter. 

„Können wir es jehen?“ 

Das Kleine war eingejchlafen. Die Mutter ſchob das Tuch, 
harein fein Köpfchen gehüllt war, beifeite; vorfichtig, wie um es nicht 
zu weden. j 

Die Damen erhoben ich und neigten Die Köpfe über das kleine 
Kinderantlig. 

„Ach, wie ſüß es ift!“ Hang es im flüftertone, und das Tuch 
wurde weiter hinweggejhoben, um beffer jeden zu fünnen. Ein 
milder Schein ergoß fich über die Züge ber Frauen, ber fie ver- 
ſchönte, und eine Weile wagte feine zu fprechen. 

„Könnte ich es wohl nehmen?“ Aapte die Hausfrau. 

Die Mutter zudte zufammen und drüdte das Kind fefter am 
fi), fo feſt, daß es erwachte, doch es weinte nicht und blidte mit 
großen, hellen Augen auf. 





Eine Mutter, 439 


„AH! fo wunderfchöne Augen!“ Und fie näherten alle ihre Ge— 
fichter mehr noch dem des Kindes. 

„Bitte, geben Sie es mir einen Augenblick!“ jagte die Dame. 
des Haufes wieber. 

Die Mutter reichte ihr das Kind hin und die Frau jeßte fich 
mit dem Kind auf ihrem Schoße nieder und ließ ihre Finger leiſe 
über feine Wänglein gleiten. 

Die anderen Damen fnieeten neben ihr am Boden und ftreichel- 
ten de3 Kindes Arme und Hände. 

„Es ift auch gar nicht roth, wie andere arme Kinder“, fagte die eine. 

„Und e3 hat eine jo zarte Haut“, meinte die andere. 

„Dag fein, daß es einen feinen Water hat.“ 

Alle jahen auf die Mutter, doch diefe blidte vor ſich nieder, als 
ob fie nicht? gehört hätte. 

Dann ſchwiegen alle eine Weile ftill, bis eine Halblaut fragte: 
„Wer ift der Vater?“ 

Da feine Antwort kam, fahen fich die Damen einander an, und 
blidten dann auf den Diener. Sie Tiebfoften das Kind noch immer, 
doc ihre Gedanken waren neugierig mit dem Vater beffelben be- 
ſchäftigt. Endlich fagte die Hausfrau zu dem Diener und der 
Kammerfrau, die. auh im Zimmer war: „Geht doch beide einen 
Augenblid hinaus.” 

Hierauf winkte fie des Kindes Mutter, die näher trat, und auch 
Die anderen Frauen drängten fich dicht heran. 

„Wie ift fein Name?“ kam die geflüferte rage. 

Das ſage ich nicht“, klang die Antwort feſt und beſtimmt. 

Aergerlich winkte man Marie wieder hinweg und dieſe ſtand 
nun und hörte die Fremden unter einander flüftern und ſich be 
tathen. Doch fie verſtand nur foviel davon, daß fie den Entſchluß 
faßten, ihr das Kind zu ftehlen. Sie bemerkte auch, daß ſie fie 
aufmerkſam anfahen und dann wieder das Kind betrachteten und fie 
berechneten, ob dafjelbe hübſch und wohl gar eine Schönheit werben 
tönne. Und die Mutter fpähte voll Todesangſt in den Mienen der 
fremden Frauen, fie hielt Athem an, fie rang die Hände inein- 
ander und biß die Zähne zufammen, um nicht laut aufzufchreien, 
als fie endlich jah, wie fi) die Frau herabbog, um bes Kindes 
Stien zu küſſen. 

Sie fühlte, daß es ihr jegt genommen war. 

„Wie heißt fie?“ fragte die San 

Sie ließ die Arme ſinken und beugte den Kopf. 

Theodora.“ 

„Das bedeutet Gottesgabe“, ſagte eine der Damen; eine religiöſe 
Nührung ergriff fie alle und fie waren einig darüber, daß des Kindes 
Name eine gute Vorbedeutung wäre. Das Kind follte der Frau 
Glück und Segen bringen. 

„Sottesgabe!" — Die arme Mutter bildete das Wort mit ihren 
Lippen nach, aber ohne es auszufprechen. Und fie fegte ein Frage 


440 Eine Mutter. 


zeichen dahinter, welches fragte, wen denn 
Gottesgabe fein folle. 

Die Frau gab dem Diener den Befeh 
zu ihr zu kommen. 

Und gleich darauf erfchien er auch, 
beim Eintreten an und fchien nad) dem o 
ſchläfrig zu fein. 

Triumphirend hielt ihm die Frau da 
meinjt Du dazu?“ fragte fie. 

„Ah! Und was meinen die Damen?“ 

„Ein füßes Kind!“ 

„Well!“ er verneigte fich, „ein ſüßes 

„So behalten wir'3 alſo?“ fragte fein 

„Wenn Du willft, meine Theure!“ 


an. „Zit das —?“ 


„3a, das ift die Mutter.“ 

„Ja, meine gute Frau“, fagte er, 
fragte: „Oder Mädchen?“ 

Sie neigte ganz wenig den Kopf. 

„Alfo, oder mein gutes Mädchen! Wi 
natürlicherweife nur unter der Bedingung, 
wiffen lafjen, daß Sie feine Mutter find.” 

„Ganz natürlich”, fielen die Damen ei 

Sie blickte überrafcht zu ihm auf und 
glaubte, ihn nicht recht beriianden ‚u habe 

„Hertgott! wie ſchwerfällig Diele Leute 
trat ganz dicht an fie heran und fagte lau 
Sie mid) nicht verftehen? Entweder find € 
und fo nehmen Sie es wieder mit fich, odı 
Mutter und es bleibt hier. Ein und bafje 
eine Mutter haben, follt’ ich denken.“ 

„Nein! Nein!“ ſchrie fie entjegt auf 
vorwärts. 

Doch die Frau fahte unwillfürlich dai 
mit der Hand ab, 

„Nein“, fagte der Mann gelaffen, „ma 
mitnehmen. Betteln werden wir doc nicht ı 

BZögernd hob die Frau das Stind au‘ 
ſich inzwifchen gefaßt, trat wieder zurüd, 
ihrem Schmerz und janf doch dann überwä 
jelben zujammen, laut ſchluchzend und mit ! 
zudend. 

Die Damen wurden bleich, eine oder d 
Sie ftanden auf, um zu der am Boden Lie 
Kaufber winkte ihnen, zu bleiben. Er be 
‚enden nieder und fragte: „Sagen Sie, mei 
ind ernähren?“ 


Eine Mutter. 441 


Sie blickte nicht auf und fehüttelte leiſe den Kopf. 

„Wollen Sie es dennoch behalten?“ 

Sie gab kein Zeichen einer” Antwort und er wieberholte feine 
Frage einige Male. Sie ſchluchzte immer wilder auf, ſchüttelte aber 
endlich den Wer j ge dah des 8 

machte er feiner Frau ein Zeichen, 3 Kind weg⸗ 
gebracht werben follte und & übergab es der Kammerfrau mit den 
geffüfterten Befehl, es fofort in ein warmes Bad zu bringen. 

Die Mutter merkte nicht? von dem, was ba vorging; fie blieb 
Tiegen, ſchluchzend und ji merglich eſchüttelt. 

Der Kaufherr zog fein Notizbuch hervor: „Laffen Sie ſehen“, 
ſprach er, „wie alt iſt das Kind?“ 

Die Damen esten es ihm. . 

„Na, ich bente hundert Thaler Pflege- und Koftgeld für jeden 
Monat und hundert extra, macht vierhundert.“ Er reichte ihr einige 
Beitel Hin, doch fie ftredte die Hand nicht nach dem Gelde aus, und 
To ftedte er ihr's endlich in die Tafche. 

Gerührt nidten ihm die Damen zu. „Wie hübſch das von 
Ihnen ift!“ fagten fie. 

„Bagatell!" Er machte eine abwehrende Handbewegung. „Na, 
fo wäre die Sache I abgemacht.* 

Noch immer blieb das Mädchen liegen und da ging die Frau 
auf fie zu und flüfterte: „Sie brau nicht jo betrübt zu fein, ic) 
werde gewiß immer gut gegen das Sind fein.“ 

Nach einiger Zeit ſah das Mädchen auf, ſchob die Frau beifeite, 
erhob ſich —X und ließ ihre Blicke angftvoll ſuchend durchs Zim⸗ 
mer ſchweifen. Und jo ſiand fie eine Weile mit ſtarren Zügen und 
ufommengepreften Händen. Plöglich ging ein Zuden durch ihre 

lieber und langſam, wie zum Tode erfchöpft ſchlich fie der Thür 
zu, welche der Diener ihr öffnete. 

In einem Deka dumpfen, müden, betäubten Buftande 

ab fie fich nad) ihrer Wohnung. 
Den Ehe io heimfam, war ihre Sauter Yon vom Hofpital zurüds 
gekehrt. Die Alte fragte nichts, als die Tochter fam, fie veritand 
gleich, was gefchehen war, und ohne zu fprechen machte fie ſich ge- 
räufchlos in der Stube zu raten, 

„Dein Vater ift todt!“ fagte fie endlich. 

Die Tochter fah auf ohne zu antworten. j 

„Run können wir beide wieder arbeiten“, bemerkte die alte Frau 
dann mit einem ernften Kopfniden, indem fie Hinau ing. 

Marie ſaß den erften Tag ftill daheim und jah ſtumm vor fi) 
in ohne eine Hand zu rühren. Gegen Abend begann fie zu weinen, 

Hlief dann ein und fchlief lange und feit. I . 

Die folgenden Tage ging fie aus, um fid einen Dienſt zu 
uchen, doc) vergebens. Die Leute wollten ein Luftiges, heitere3 Ge⸗ 
icht jehen ud 1 wetten vor ber Trauer in ihrer Stimme zurüd. 

So kam der Sonntag. Sie ging am Vormittag aus, ohne zu 

Der Salon 1889. Heft IV. Band I. 30 J 


442 Eine Mutter, 


wiffen wohin und ſah ſich plöglich in der Straße, wo ber reiche 
Kaufberr wohnte. Sie ftand fill und fah das große Haus an, 
ſchlich fi näher und näher und laufchte endlich in die Gitterthür 
nein. Bor dem Hauseingang ftanden zwei Sandfteinfiguren, ein 
ofeidon mit dem Dreizad und ein mes mit Flügeln an den 
erjen, hinter biefem befand ſich die ſchwere Mahagonithür mit ge 
ſchnitzten Engelföpfchen und matten Glasicheiben. 

Es fiel ihr ein, daß fie dies alles nicht gejehen, ba fie zum 
erften Mal hier gewefen, num ſah fie jedes einzelne jo genau, daß 
fie es nie mehr vergaß. 

Als es ihr fchien, als bewege fich etwas hinter der Thür, wich 
fie fchleunig zurüd, blieb aber doch in einiger Entfernung ftehen 
und fah fid um. 

Und da fah fie einen Kinderwagen, den eine Amme vor fi 
herſchob, Die einen Dunkeln, fammtgeränderten Rod, eine große, weiße, 
geftidte Schürze und eine Haube mit goldenem Nadenftüd und großer, 
other Seidenihleife trug. 

Marie jtand und ftarrte darauf hin. Die Amme mit dem 
Kinderwagen fam an ihr vorbei und brinnen, hinter feidenen Gar- 
Dinen erblidte fie ein Meines Geficht, welches fie genau fannte. 

Zangfam folgte fie dem Wagen, bis die Amme ſich in einer 
benachbarten Anlage auf einer jonnenbefchienenen Bank niederlieh 
und ven Bogen fo sur ne ehe w- fie Fr en tonnte. 

arie blieb in der jtehen, ſetzte ſich al nad eini⸗ 
ger Zeit auf das äußerjte Ende derjelben Bank. 9 

Das Kind fah fie nicht, es fah die Amme an und ſchlug mit 
ben Händchen in die Luft, fo umangefochten von der ‚a 
welche es gefommen war, als ob es immer ein Seidenhütchen auf 
dem Heinen Kopfe getragen hätte und immer in einem bequemen 
Wagen auf jpienverzierten Kiffen gefahren worden wäre. 

Marie mühte ſich hierüber zu lächeln, und eine Art Stolz, dab 
Dies ſchöne Kind ihr Kind fei, kämpfte in ihrem Herzen mit dem 
fürchterlichen Bewußtſein, dem Kinde jo nahe zu fein, ohne es in 
ihre Arme nehmen und an fich drüden zu dürfen. 

Einige elegant gefleibete Damen mit mehreren fleinen Mädchen 

ingen an ihr vorbei, von denen das jüngfte in einem Wagen ge 
Fahren wurde, wie ihr Kind. Sie fah den Kindern nach bis fie 
ihren Augen entſchwunden waren und ſah in ihnen gleichſam die 
tufenjahre, die ihr Kind durchlaufen würde, und ein unklares, über 
wältigenbdes Gefühl fagte ihr, Daß bie Pracht, welche heute ihr Kind 
umgab, der Anfang einer Kluft ſei, die ſich mit der Beit zwiid n 
ihm und ihr mehr und mehr erweitern würde. 

Sie konnte nicht länger hier figen bleiben, denn fie wußte, i B 
fie, wenn fie nicht entfloh, das Kind aus dem Wagen reißen ı. d 
mit ihm davon laufen würde. Und fo ftand fie auf und ging weii c. 

Und nun Sega fie ihr neues Leben, welches fie ohne 9 » 
werhfelung oder Veränderung dreißig Jahre lang fortführte, 





. Eine Mutter. 443 


In einem alten Haufe weit draußen in einer ärmlichen Vor— 
ſtadt miethete fie fi ein unter der Treppe gelegenes Kämmerchen, 
in welchem früher Feuerungsmaterial aufbewahrt geweſen und wel- 
ches nur ein winziges, hoch oben, fajt an ber Dede befindliches, nach 
dem Hofe gehendes Fenfter hatte. Hierher brachte fie ein altes 
— einen kleinen Schrank, Tiſch und Stuhl und fo richtete fie 
ich ein. 

Im Anfang beſchäftigte fie ſich mit Scheuern, Waſchen, Gaffen- 
fegen und Wegegehen, doc gab fie dies bafd auf, da fie lohnenderen 
Verdienſt fand. 

Man konnte fe nun als Lumpenſanmlerin fehen, wie fie die 
Höfe abjuchte und zur Umgugsgeit in den Gafjen umherſpähte. 
Nichts Tieß fie fich entgehen, Lumpen, altes Eifen, Knochen und 
Glasbroden las fie auf., . 

Am Hafen bei den Kohlenfchiffen war fie zu finden, wo fie 
jedes Kohlenſtückchen, welches etwa den Fäſſern der Kohlenmefjer 
entfiel, während Diefe über das Brett vom Esifte nad den Wagen 

ingen, aufhob und in ihren Sad ftedte. Sie drängte ſich da zwi- 
Ken den anderen armen Weibern herum und pidte die Brojamen 
auf, wie ein Sperling die Samenkörner auf dem {Felde oder bie 
Krumen an einem Bäderladen aufpiet; und die Kohlenmefjer hatten 
Erbarmen mit dem armen Sperling. 

Kam man an einem Zimmer- oder Bauplatz vorbei, jo jah mar 
fie auch da ficherlich befchäftigt, Brettftüdtchen und abgefallene Spähne 
zuſamnienzuleſen. 

‚Hatte fie dann dmm Abend ihre Beute heimgebracht, fo machte 
fie fid) daran, fie zu fortiren. Die Lumpen famen für fi und 

ingen nad) der Papierfabrit. Das Holz fpaltete fie Hein, alles 

tte feinen bejtimmten Platz. Sie hatte feſte Kunden in der Stadt, 
fparfame Hausfrauen, an welche fie das Anzündeholz und die Kohlen 
verfanfte. Much gab man ihr da oft außer dem Gelbe noch ein 
altes Kleidungsjtüd, ein Bündel alte Zeitungen ober eine Mahlzeit. 
Sie lernte es ſchnell, zur Eſſensſtunde zu kommen, fo daß fie regel- 
mäßig in den Häufern ihrer Kunden mit fatt wurde. 

Während fie aber noch jung war und gut ausjah, geſchah es 
wohl hie und da, daß fich ihr des Abends ein Mann nahe, fie 
zärtlich anblickte, mit einſchmeichelnder Stimme zu ihr ſprach oder 
feinen Arm um fie ſchlang. Da fühlte fie, daß fie noch jung war; 
doch gedachte ihres Kindes und riß ſich los. 

hre Ausgaben waren gering und ihre Einnahmen wuchien; fo 
daß fie bald in der Lage war, Geld in die Sparfajje zu legen. Den 
Srundftod bildeten die 400 Thaler, welche ihr der reiche Kaufherr 
in Die Tafche geftedt hatte. Sie hatte zu niemand davon gejprochen 
und nie davon genommen. Bas Geld gehörte bem Kinde. Niemand 
ſollte ihr nachjagen können, daß fie ihr Kind verkauft habe. 

So ging eine Neihe von Jahren dahin und die Heinen Leute, 
mit denen fie in einem Haufe wohnte, würden fie für veich gehalten 

30* 


44 Eine Mutter. 


haben, wenn fie gewußt hätten, wie viel fie befi 

ſpornte fie zum Sparen an; fie ſparte nicht für 

heimliche Freude des Geizigen an feinem zufam .....,., — 
ihum und die Angſt, dies alles nach ſeinem Tode anderen laſſen zu 
— waren ihrer Seele fremd. Ihr Kind war es, für welches 
ie ſparte. 

Sie folgte dieſem Kinde durch alle die Stufenjahre, die ſie einſt 
mit ahnendem Yuge erblidte, und jebe freie Minute opferte fie der 
Möglichkeit, ihr Kind von ferne fehen zu können. Und als es be 
gann auf feinen Eleinen Beinchen umberzutrippeln, jo tröftete es fie, 
wenn fie zu fich felbft mit ihm redete: „Ich könnte Dir ja einen 
uppenmagen mit einer Wachspuppe im Seidenkleid faufen, doch 

u haft gewiß viel Spielzeug und Kleine Kinder müffen nicht ver 
wöhnt werben. Du wich mehr Freude an meinem Gelde haben, 
wenn Du einmal groß wirft.” 

Als die Heine Theodora größer wurbe, machte e8 ihrer Mutter 
Freude, Hinter ihr auf der Straße herzugehen und vor fich hinzu⸗ 
murmeln, wie etwa: „Du haft da einen recht hübſchen Sommenfchirm, 
mein Kind! Möchteft Du einen noch fchöneren? Sag's nur, Du 
weißt doch, wir fünnen Rath ſchaffen.“ 

Und da es erwachſen war, ſah fie ihr Kind einft mit gelodtem 
Haar, die zarte, feine Geftalt von raufchendem, leichtem, fpigen- 
bejegtem Gewand umwogt, in einen Wagen fteigen, und fie murs 
melte: „Ja, nun fahren wir zum Balle! Du ſchämſt Dich wohl 
Deiner Mutter, da fie ein sihchen ärmlich gekleidet iſt. Das ift 
vet dumm; ich hätte mir ja fo gut auch ein Sammetkleid kaufen 
önnen.“ 

Später ſchien e3 ihr, daß das junge Mädchen verlobt fein 
müffe, da fie ihr eine® Tages am Arme eines feingefleideten, jungen 
Herm begegnete. Sie dachte ſich er könne wohl auch Kaufherr fein, 
doch um ficher zu gehen und ihm nicht zu wenig Ehre anzuthun, 
nannte fie ihn Baron. „Sie willen, Herr Baron“, flüfterte de, ins 
dem fie ftehen bfeibend dem Paare nachblidte, „daß fie eine große 
Mitgift befommen wird. Ich hoffe doc; nicht etwa, daß Sie meine 
Tochter ihres Geldes wegen nehmen.“ 

Und fo fuhr fie fort, mit beiden zu plaudern, da fie bemerkt 
hatte, daß fie getraut worden waren und mit in demjelben großen 
Haufe, unter dem Schuge der fteinernen Götter Pofeidon und Her- 
mes wohnten. Und fo führte fie ihre Gefpräche auch mit den 
Entelfindern fort, wie diefe num fo mit der Zeit, eins u dem 
andern, von der fchöngepußten Amme im Kinderwagen ausgefah 
wurden und auch jpäter noch, da fie ſchon felbftitändig auf ih 
Beinchen herumliefen. 

Und Hinter all diefen Trojtmitteln lag der ftolze Gebante, 
fie in ihrem trübfeligen Dafein aufrecht erhielt; der Gedanke, } 
dieſes Kind, welches das Gefchid ihr entriffen und welches man di 
die Macht des Reichthums ihr fern zu haften gefucht, einft r 


Eine Mutter. 445 


ihrem Tode erfahren follte, daß es eine Mutter gehabt, deren fein 
Kind des Reichthums ſich zu ſchämen Urfache habe. 
Sie machte fein Teltament. Bu was denn auch? Sie wußte 
ja doch, daß es ein Landesgeſetz gab, wonad das Kind jederzeit feiner 

tter Erbe war. Kam ihr mopt auch zuweilen flüchtig der Ge— 
danke, daß eine fchriftfiche Hinterlaffenfchaft ihres Willens erforber- 
Tich ei, jo wurde er bei ihrer raftlofen, anftrengenden Lebensweiſe 
doch nie zur That und fie war fig aud nie darüber Far, daß ach 
ihrem Tode eigentlich doch niemand wiſſen könne, daß fie ein Kini 
Bejefien und wo dieſes Sind fei. Seit dem Tode ihrer Mutter hatte 
fie feinen Verkehr mehr, ja fie war feit langem fo gut wie jelbft 
geftorben für alle, die fie in ihrer Jugend gelannt. 

Da fie den Vierzig nahe war, Fe fie an, alt auszufehen. Die 
Leute in ihrer Nachbarſchaft hielten fie für eine Wittwe und fie galt 
für etwas befchränkten Geiftes. Das fam daher, daß all ihr Denken 
nur auf eines gerichtet war, ihr Kind. 

Da geſchah e3 einftmals im Sommer, daB fie an dem großen 
ufe mit den Göttern vorüber fam. Auf jeder Seite neben ben 
tatnen war ein Plafat angeflebt und fie mußte ftehen bleiben, um 

es zu leſen. Das war eine ſchwere Sache. Mit der Ueberfchrift in 

gro) Buchftaben wurde fie bald fertig: „Detonntmagung“, doch 

von dem, was Darımter in Kleinen Budfiaben gedrudt ftand, N 

ſtabirte fie nur das Wort: „Auktion“ heraus und ganz zulegt noch: 
öbel, Silberzeug und dergleichen Dinge. 

Das war ja ounberlig)! ie fehüttelte den Kopf. Was konnte 
dee ben Sommer ſoh fie j, wie Möbel aus ben Säufern gefafft 
eben Sommer fah fie ja, wie Möbel aus den Häufern g 
wurden, wenn familien aufs Land zogen. Aber daß man fie ver- 
Taufte, war bad) eltfam. 

Aber Halt! hatte fie'3 gefunden. Sie wußte auch B fo 
wenig Beſcheid mit den Gebräuchen der reichen Leute. Die Lieben, 
die ſo lange dort gewohnt, wollten jedenfalls bie Stadt num auf 
immer verlaffen, hatten fich wohl ein Herrſchaftsgut gekauft, ober 
wollten auf lange außer Landes reifen. 

Betrübt ai fie die Straße entlang; fie war fo wehmüthig 
geworben. 0 konnte das Br lange währen, ehe fie Kind und 

indeskinder wiederſah! Vielleicht ſah & alle niemal3 mehr! 

Auf einige Zeit brachte fie diefe Entdedung aus dem Gleich- 
gewicht. Doch fie griff zu ihren alten Troftmittel. Sie plauberte 
it ihren Kindern und emmelte Geld für die Abreifenden. 

„Herr Baron“, fagte fie, „ich habe Ihnen ein Nittergütchen ge- 
uft! — Keinen Dank, mein Lieber, das ift nur ein Heiner Vor— 
aiß von dem, was Sie nach meinem Tode erhalten werben. Ich 
ıube, daß meiner Tochter, der Baronin, und den Kleinen, die Land» 
"t gut thun wird.“ 

Dder fie murmelte lächelnd: „Leute unferen Standes müſſen 
ser Landes reifen, das gehört ich. Ich bin meiner Tochter noch 


446 . Eine Mutter. 


ein Geburtstagsgeſchenk ſchuldig, hier find die Billets für die Eifen- 
bahnfahrt.“ 

Sie merkte, daß Fremde in das große Haus zogen, und als ſie 
eines Tages vorüberkam, ſchien es ihr, daß es eigentlich gar 
nicht mehr fo groß und ſtolz ausnahm, wie früher. Sie ſtellie ſich 
an die Thür vor die Götter und rief diefen jpöttifch zu: „Wir find 
ausgezogen, weil es und hier zu eng wurde. Ihr armen Kerle jeht 
auch nicht mehr beſonders gut aus und feid recht alt geworben.” 
Sie machte eine geringshägige Miene und Handbewegung, wie um 
ihnen anzudeuten, daß fie außer Dienft geient feien und fortan, wenn 
fie vorüberging, that fie, al3 ob fie die alten Götter nie gefannt hätte. 

Aber trog dieſes felbfterfundenen Troftes ging es doch nicht 
mehr mit ihr wie früher. Sie vermißte fo tönen lich das Glüd 
eines, wenn auch noch fo kurzen und feltenen seltene des An- 
blid3 ihrer jungen, liebreizenden Tochter und der niedlichen, Heinen, 
gepugten Enkelchen. Im Verlauf des Spätfommers und Herbites 
alterte fie ſichtlich, redete weniger und fühlte fih oft müde. Sie 
verfuchte feit an der Hoffnung zu halten, daß bie ihr.fo Theuren 
bald wiederfehren würden, doch es gab Zeiten, wo fie doch den 
Muth verlor. 

h Eins Zu e8 be — im inters war fie ma sinem 
außerha! ı Stadt gelegenen Zimmerplag gegangen und fie fehrte 
nun mit ihrem gut gefüllten, ſchweren Sad auf Dem Rücken heim. 

Es war igon dunfel, da fie beim Gehen an dem erleuchteten 
Fenſter eines einen, ein wenig abſeits des Weges gelegenen Häus- 
chens einen Kinberfopf fah. Kinder waren ihre ſchwache Seite,’ fie 
ging felten an einem Kinde vorbei, ohne ftehen zu bleiben und ihm 
nachzuſehen. 

So blieb ſie auch jegt ftehen, obgleich der Kopf vom Fenſter 
verſchwunden war. Gie ließ ihren Sad am Wegrande, ging bis an 
das Häuschen und fpähte in das erleuchtete Stübchen hinein. Was 
fie da_fah, war Noth, das kannte fie gut. Aenige ärmliche Möbel, 
eine Einrichtung, welche den Verſuch zeigte, die Armut mit einem 
gewiffen Schein von Zierlichkeit zu überfleiden, ein Werfuch, der aber 
doch zum Theil ſchon aufgegeben zu fein ſchien. Am Fenſter ftand 
eine Nähmaſchine, an welcher ein herabhängendes Stüd Leinenzeug 
noch die eben verlaffene Arbeit zeigte. 

In einer Ede des Stübchens ſaß zufammengefauert ein Eleiner 
Knabe. Auf dem Rande eines Bettes ſaß eine magere, blafje, ärıns 
lich gekleidete rau, welche auf ein kleines, auf ihrem Schoße Tiegen- 
des Mädchen traurig und zärtlich nieberblidte. 

Das Kind fchien frank zu fein; feine Wänglein waren mage 
und farblos, feine Augen hatte es geſchloſſen und feine Glieder 
bebten. Auch der größere Knabe zitterte, obgleich die Kinder warır 
eingehülft waren. Es war alfo fein Feuer im Ofen. 

Die Armen!“ Marie jchüttelte mitleidig den Kopf. „Dir 
arme Mutter!” dachte fie. Pie Frau fah aus, als ob Angft unt 


Eine Mutter. 447 


Sorge um ihre Kinder fie zahllofe Nächte wach erhalten und nicht 

einmal hätte einfchlafen Taflen, 

Eine Kefome Bewegung ergriff die alte Marie. Etwas, wenn 
auch noch jo wenig, im Aeußern diefer Frau erinnerte fie an ihre 
Tochter. Hätte fie nicht jo ganz gewiß gewußt, daß ihr Kind eine 
reiche, junge Frau mit vollen Wangen und lachenden — eine 
feine Dame wäre, die nicht ein altes, verblichenes Wollkleid wie 
diefe Frau, fondern prächtige Seidenkleider trug und blühende Kinder 
hatte, jo hätte fie fait einen Augenblick denfen fönnen, diefe arme- 
Mutter müſſe Theodora fein. Sie wußte ja auch, daß ihre Tochter 
ein Kind mehr, noch einen Kleinen, diden, brolligen Jungen hatte. 
Doc, die große Aehnlichkeit verdoppelte ihre Rührung und erhöhte 
ihr Erbarmen. \ 

€3 fiel ihr ein, daß fie ja Drennbol, im Sade hatte und fie 

ing hin um ihn zu holen. Uber fie hob ihn doch mit zögernder 
ash auf; das Holz follte ja verkauft und ber Erlös dafür zu dem 
anderen Gelbe gelegt werden, was fie nächitens wieder auf die Spar- 
banf tragen wollte. 

Sie ließ den Sad auf halbem Ziege ftehen und ſah nochmals 
durch Fenfter. Aber da fie die zitternden Kinder erblidte, eilte fie 
zurüd und klopfte gleich darauf an eine Thüre, welche, wie fie an- 
nahm, zu dem erleuchteten Zimmer führte. 

Faſt verlegen ſtand fie in ber Thür und fchob den Sad vor 
fih hin. Die Frau mit dem Kinde auf dem Schoße blidte erftaunt 
auf und wollte ſich erheben. 

„Bleiben Sie nur figen“, meinte die Alte, „ich bringe nur ein’ 
wenig Spanholz, das “ aufgelefen_ habe.“ 

Und damit fauerte fie ſich am Ofen nieder und machte Feuer an. 

Die Frau auf der Vettfante wollte etwas fagen, doch fie brachte 
fein Wort heraus und begann zu weinen. 

„Nun, nun“, fagte die Alte mild, „feien Sie nicht jo betrübt, 
es wird ja aud) wieder beffer.“ 

Doch fie jah die Frau nicht an dabei. „Sehen Sie ba“, rief 
fie sufftebent, „nun flackert's fo hell. Ich ſchichte das andere neben 

Ofen und Sie brauchen nur nachzulegen.“ . 

Damit job fie fich eilig mit ihrem leeren Sade zur Thüre 
jinaus. 

s Haufe angefommen, nahm fie ein in ein großes Halstuch 
jebundenes Padet aus feinem Verftede hervor, in welchem fie ihr 
Sparbuch und das angefammelte und noch, nicht eingegahtte Geld 
serwahrte, zu welchem fie aud) das an biefem Tag verdiente legen 

‚sollte. \ 

Sie begann eben fich bei dem Herrn Baron zu entſchuldigen, 
daß fie Brennholz weggeichenft hatte und ihm zu jagen, daß ie Holz 
genug in dem zu feinem Gut gehörenden Walde wachſe; boch fie 
anterbrad) fich, indem fie das Geld aus ihrer Tafche nahm. „Herr 
gott“, dachte fie, „wo hatte ich meine Gebanten? Das Geld konnte 


448 Eine Mutter. 


ich ja doch ihr geben! Gewiß waren die Kinder auch hungrig.“ Sie 
betrachtete das Seh eine Weile in der Hand, beeilte fi) dann aber 
plöglic und ſchloß es ſammt dem Sparbuche weg. 

Sie legte fich nieder, konnte aber nicht Kloten. Das Bild der 
armen, betrübten Stau mit dem franfen Kinde auf dem Schoße 
hatte ſich vor ihren Augen feigefegt und ließ fich nicht verjcheuchen. 

Und daneben ftieg noch ein Bild auf, je nämlich, wie fie 
ſelbſt in ihrer Mutter leeren Küche mit wanfenden Knieen und ge 
rungenen Händen geftanden und ihr Kind in ber Stube drinnen 
freien gehört und wie fie ſich damals felbft ahnend gefehen mit 

m armen, kranken Gefchöpfchen auf ihrem Schoße Abend, vol 
Angft es anblidend und wartend, daß der Tod es erlöfe. 

Und dann famen all die qualvollen Stunden de3 Vermiſſens, 
des Entbehrens und der jfämersvolfen Sehnſucht in ihrer Erinne⸗ 
zung zurüd, all die ruheloſen, friedloſen Gedanten, welche zu be 
täuben und zu bändigen es ber unaufhörlichen, anftrengenden Arbeit 
bedurft Hatte. 

Sie erhob ſich Halb im Bett und ſchloß die Augen und da ſah 
fie die Frau, die fie am Abend gejehen, fo lebendig vor ſich und fie 
mußte fie unverwandt anbliden und dadjte babei, dab die Arme jegt 
dafjelbe litt, was fie einft gelitten hatte und vielleicht auch all das 
andere ſchwere noch würde leiden müffen. 

„Arme Kleine‘, murmelte fie und Elopfte fie im Gedanten auf 
die Wange. Um ihres Leides willen wurde fie ihr fo Lieb. 

Einen Augenblid tauchte der Gedanfe in ihr auf, daß fie ja 
reich ſei und es in ihrer Macht habe, die Frau von ihren Leiden zur 
erretten. D. leich darauf erſchrak fie über fich felbft, roch unter 
ihre Dede und flüfterte: „Vergebung, Herr Baron! — Nein, nein, 
mein Kind! Du follft alles haben; e3 tft ja Dein und ich will es 
Dir nicht ftehlen!" — Aber der Gedanke kam doch rrlich immer 
aufs neue, Iodend und verführerifch wie ein ſchönes Bild, aber zu- 

eich voll Schreden, eines halben Menſchenlebens Arbeit mit einem 
lage zertrümmernd. 

Am nächjften Tage hatte fie feine Ruhe, fie mußte beim Duntel- 
werden nach jenem Haufe gehen. Das Fenfter war verhängt, aber 
feitwärts der Gardine konnte fie in die Stube laufchen. Die Mutter 
jaß an der Nähmafchine, Tieß aber jeden Augenblick die Arbeit Kegen, 
um nad) dem kleinſien Kinde zu Tehen, welches wie todt auf dem 
Bette lag. Sie beugte fich nieder, richtete ne wieder auf, jah ver 
zweifelt um ſich und hielt die Hände an die Schläfen. Dann begab 
ſie ig wieder an ihre Arbeit. 

ie alte Marie fehlich fich fort, ftreifte eine Weile in der Um: 
gegen herum, bis fie einen Arzt gefunden hatte, den fic bat, nac 
em Kinde zu fehen. Sie legte dabei zwei Thaler auf den Tiſch 

Hierauf ftrich fie wieder voll Unruhe in den Gafjen umher, be 

‚ab ſich aber nicht nach Haufe; es litt fie nicht, fie mußte am jpäte 
bend nochmals nach dem Kleinen Haufe gehen. 


Eine Mutter. 449 


Sie ftand da draußen mit angehaltenem Athem, fühlte nicht, 
daß fie kalt wurde, vergaß, daß es tüchtig fchneite, einen naſſen 
Thaufchnee, der ihr von obenher in ihre Kleider drang und von 
unten ihre Schuhe durchweichte. 

Drinnen jah fie den Doktor am Bette ftehen, und ala er fort 
gi , hörte fie ihn fagen: „Sie wiſſen nun, wie die Krankheit ihres 

tindes heißt, der Hunger.“ 

Die Mutter treichelte die Wangen des Kindes, ftand dann auf, 
rannte mit gerungenen Händen durch den Heinen Raum und ftürzte 
endlich laut fluhpenb neben dem Bette nieder. 

Als die alte Marie ganz langſamen Schrittes ihr Kämmerchen 
erreicht hatte, zündete fie ein Lichtjtümpfchen an und zog das Padet 
im Halötuche hervor. Sie ſchlug ihr Sparbuch auf und zählte, wie- 
viel darin verzeichnet ſtand; dann ſaß fie lange und jah das Buch 
an, löſchte dann das Licht und fegte fich in ihrem feuchten Anzuge 
auf den Rand ihres Bettes. 

Theodora“, agte fie mit leifer Stimme, „Du mußt Dich darein 
finden, daß Deine Mutter eine arme Frau ift. Ich kann das nicht 
aushalten, Du, ich kann nicht! Wenn Du nach meinem Tode das 
Buch befommft, jo wirft Du ſehen, daß ich einmal ſehr reich ge- 
weſen bin. So brauchſt Du Dich doch meiner nicht zu ſchämen.“ 

Sie lächelte und nidte ind Dunkle hinaus, erhob s stellte fich 
feierlich gegen die Wand, that ein paar Schritte und fagte: „Herr 
Baron, e3 bleibt nur graufam wenig für Ste. Doch Sie brauchen 
ja aug nicht mehr.“ 

achdem fie am nächiten Morgen das Beſte von ihren wenigen 
Sachen angelegt Hatte, ging fie nad} der Sparkaffe und verlangte 
alles, was in ihrem Buche ftand, ausgegaßit zu haben, ausgenommen 
die zuerſt eingezahlten vierhundert Thaler. 

„Auch die Zinfen davon?“ wurde gefragt. 

„Die Binfen? Ja, gewiß! auch die Zinfen! aber nicht die von 
den vierhundert Thalern.“ 

Da fie das Geld Hatte, ging fie hinaus und ſah das Eleine 

u8 zum erften Mal bei Tageslicht. Sie gudte nicht durchs Fenſter, 
jondern Hopfte gleich an die Thür und trat ein. 

Die abgezehrte, bleiche Mutter fnieete am Bett und fah angt- 
voll in ihres Kindes Geficht. - Da Marie eintrat, blickte fie auf, 
wollte fich erheben, um ſich für die umfängft erzeigte Wohlthat zu 
bebanten, blieb aber mit dem Ausdruck des Staunens in den Bügen 
in ihrer Stellung. Die Alte erſchien auf ihre Weiſe feltiam gepupt 
und nicht nur das, fie bemühte ſich au— en|heinlih, mit einem ge 
wiffen Geptäge von Vornehmheit und Würde aufzutreten. 

Sie ſetzte ſich feierlich auf einen, der wenigen im Bimmer be- 
findliggen Stühle, räufperte ſich einige Male und begann: „Ich bin 
ehr reich, ich habe ein großes Vermögen, mit dem ich anfangen 
ann, — ich will. Nun möchte ich gern ein kleines, hübſches Mäd- 
yon .“ 





20: Eine Mutter. 


Die Mutter wendete ſich nad) ihr um und fah fie mit weit auf- 

geriſſenen Augen erftaunt an. 

„3a, ich möchte gern folch eine Kfeine haben, die ich mit einer 
Amme in weißer Schürze fpazieren fchiden könnte, und der ich ein 
Seidenhütchen auffegen und die ich in fchönem Kinderwagen auf ge— 
ftidten Kiffen fahren laſſen fünnte.“ 

Die Mutter lag immer noch vor dem Bette auf den Snieen, 
wenbete rg aber noch mehr herum. 

Die Alte ſah fie gar nicht an, ſondern fuhr, auf ihrem Stuhl 
urüdgelehnt fort: „Wenn fie größer wird, joll fie einen Sonnen= 
Fe befommen, dann in Seidenfleidern gehen und wenn fie er= 
wachfen ift, auf den Ball fahren.“ 

Marie ſah hier plöglich die Frau an, zeigte auf das Kind und 
fragte: „Wie alt ift fie?” 

„Mein Sind?“ Die Mutter jah fie entfegt an. 

„So ein halb Jahr paßte mir gerade“, ſagte die Alte, trat an® 
Bett und fragte: „Könnte ich's fehen?“ 

Die Mutter ftieß fie geit und fehrie voll Angft: „Was wollen 
Sie denn? Was meinen Sie? - 

„Geben Sie mir Ihr Kind“, fagte Marie, „ich will es als mein 
eigenes annehmen.“ 

„Nein, nein!“ fchrie die Frau auf und deckte das Kind mit ihrem 
Körper zu. Es begann zu fchreien. 

Die Alte ſchloß die Augen und horchte. Dann fagte fie lang- 
fam: „Sie fönnen das wohl ertragen, aber wenn es an die Kleine 
kommt, die wird es nicht ertragen fönnen.“ 

Die Mutter brach in lautes Schluchzen aus. 

„Könnte ich es wohl nehmen?“ fragte die Alte. 

Die Mutter rührte ſich erft nicht, aber dann ließ fie Marie 
doch das Kind aufnehmen und diefe jegte fi) mit dem Kinde auf 
dem Schoße nieder, ftreichelte feine Wänglein, befühlte feine 
Händchen und Arme und fagte: „Es ift auch gar nicht jo roth, wie 
andere arme Kinder.“ . 

Nachdem fie eine Weile nachgefonnen, fuhr fie fort: „Und es 
hat eine jo feine Haut.“ 

Hierauf küßte fie das Kind auf die Stirne, jah die Mutter an 
und fragte: „Sahen Sie nicht, daß ich das Kind küßte?“ 

die Mutter nicht antwortete, fondern nur vor ſich hin 
ſchluchzte, fragte fie: „Wie heißt fie?“ 

—— J 


a. 

Ein Schauder überlief die Alte; ſie ſtand mit dem Kind auf 
dem Arme auf, trat ganz nahe an bie Frau heran und ſtarrte ihr 
ins Geficht. Nein, nen, was find das für wahnfinnige Grillen, die 
ihr immer wieber fommen! Ihre Tochter? Gie, die fo ſchön, jo 
jung, fo reich war und biefes abgezehrte, arme, gealterte Weib! Das 
iſt ja Wahnfinn! 

Sie ſchüttelte dieſe beängftigende Idee unwillig von fi) ab 


Eine Mutler: 451 


und fagte mit leifer Stimme: „Das bedeutet Gottesgabe, Das Kind 
fol mir Glüd und Segen bringen.“ 

„Nein, nein!“ vief die Mutter nad) dem Kinde greifend. 

„Sagen Sie“, fragte die Alte, „tönnen Sie die Kleine ernähren? 

Die Gefragte fehüttelte den Kopf. 

„Und wollen es doch behalten?“ 

„Sa! ja!“ 

Dann war e3 ftill in der Kleinen Stube. Marie legte das Kind 
in feiner Mutter Arme und wandte fich tiefergriffen ab. Dann ftrei- 
helte fie mit der harten Hand die Stirn und das Haar ber armen 
ga, ging auf und ab und murmelte dann: „Nein, ich will feiner 
— iht Kindchen nehmen; doch ich will etwas für die Kleine 
thun. 

Und damit legte fie das Geldpacket in der Mutter Hand. „Ich 
hatte ſelbſt einmal fol ein kleines Kind, für welches id) das Geld 
hier gefpart habe“, ſagte fie, „doch das braucht es nicht, denn“ — 
und fie lächelte geheimnigvoll — „es ift jegt eine reiche Frau und 
lebt im Auslande.“ . " " 

Die Mutter wollte das Padetchen zurüdgeben, doch Marie 
wehrte mit der Hand ab. „Es gehört nicht Ihnen“, ſagte fie, „Ion 
dern dem Kinde, jo haben Sie fein Recht, es zurüdzumeijen.“ Sie 
fann wieder ein Weilchen nad und fügte dann halblachend Hinzu: 
„Es ift ja auch nur eine Bagatelle!” 

Die junge Frau ergriff ihre Hand und ihre heißen Thränen 
fielen darauf nieder. Doch plöglich breitete fie die Arme aus und 
einen Augenblid hielten fie ſich beide umjchlungen und füßten fich. 

Doch gleich darauf glitt die Alte Ham zur Thür hinaus. 
Als fie nach Haufe fam, fühlte fie fich frank. Der nafe, thauende 
Schnee, der ihre Kleider durchdrungen, hatte ein Fieber in ihr ange- 
fat. Sie fühlte ſich ermüdet und ihr Kopf war heiß und ſchwer. 

Dennoch ging fte nicht gleich zur Ruhe. Sie zog ihr Spar 
Taffenbuch hervor, ſchlug es auf und ftarrte lange auf Die große 
Zahl, die zulegt darin verzeichnet ftand. 

„Sie kann doch fehen“, murmelte fie, „wie viel ich heute heraus— 
genommen habe und fo genau wiffen, wie reich ic) geweſen bin.“ 

Als fie im Bette lag, verwirrten ſich ihre Gedanken. 

„Herr Baron“, fagte fie drohend, „warum find Sie nicht mehr 
bei Ihrer Frau? Warum haben Sie fie allein gelaffen, nun fie 
trank und bieich geworden ift? Warum laſſen Sie Ihre Kinder 
Hunger fterben?“ j 

Und nad} einiger geit tief fie: „Ich bin Ihnen nichts ſchuldig, 

Baron! Meiner shter habe ich das Geld gegeben; es gehört 
ihr und fo ift alles in Ordnung!“ 

Dann ftöhnte und wimmerte fie und mit müdem, fchlaftrunfe- 
nem Tone hauchte fie zulegt ganz leife: „Meine kleine Gotteögabe 
Hat alles ganz allein befommen.” — — 

Als die Nachbarn mehrere Tage lang die alte Frau nicht ſahen 








i y Eine Mutter. — Sauber der 


und ihre Kammer verfchlofjen blieb, lich n 
da fand man fie todt. 

Die Gerichtöbeamten kamen in einer © 
fuchten die Kammer und ſchrieben alles ar 
ihrem Nachlaß fand ſich auch ein Sparbuch 

undert Thaler fammt den feit dreißig Jahı 
tanden. 

Die Wohnung der Verftorbenen wurde 
verfchloffen und die unbefannten, etwaigen, 
Wittwe Marie Hanjen wurden öffentli 
pfangnahme des Erbes zu melden. 

Doch es meldete fe niemand, und fo fl 
Tajje zu. 


Zauber der Weiße 


ftile Nacht, o heilige Nach 
DO teined Himmelslicht! 
Ein jedes zum Glüd ı 
Zu füßer Liebespflicht ... . 
Mit Kerzen ſchmüdt ſich jet 
Mit Liebe jedes Herz: 

Als wär die Welt ein licht 
Daraus verbannt der Schme 


Die Erde rings deckt weißer 

Ein milder Engel ſchwebt; 

gelber Friede auf allem ® 
nd nur die Liebe lebt! — 








a. 


Sin „Reufcher“ Roman Bolas. 


Verleger und Ueberfeger müffen wohl den neueften Roman 
[a8 „Der Traum“ (überfegt von Alfr. Ruhemann, Verlag von ©. 
iſcher, Berlin) ala einen bedeutfamen Wendepunkt in der literari- 
hen Thätigfeit bes Vater bes modernen Realismus und Natura 
liösmus und fomit als epochemachend angefehen haben, daß fie ſich 
beeilten, die deutſche Ueberjegung zugleich mit der franzöſiſchen Yu 
ausgabe (15. Oktober des Jahres 1888) erjeinen zu laffen und nicht 
erft ein Urtheil der franzöfifchen Kritit abwarteten. Allerdings 
bietet Zola hier uns ganz etwas neues, einen Roman, in welchem 
Zola nicht mehr Zola ift, einen Roman, der in nicht? an die nätu⸗ 
— Schilderungen, um nicht einen bezeichnenderen Ausdruck 
ng rauchen, in „Nana“, „Bot Bouille“ und „La Terre“ erinnert. 
ies nimmt auch der Verleger als Ausgangspunkt feiner buchhänd- 
Terifchen Empfehlung, indem er mit fetten Lettern verkündet: „Der 
Roman ift von einer Keufchheit, die felbft die prüdeften Gemüter 
für den Dichter einnehmen wird“, ala ob feufche Schreibart allein 
die Gemüter der Lefer gefangen nehme, ala ob nicht ‘noch andere 
Mittel nothwendig find, den Leſer mit dem Dichter zu befreunden, 
als ob nicht vielmehr lebenswahre Darftellung, tief dichteriſche Em- 
pfindung, reiche Erfindungsgabe ben Leſer über mandes gewagte 
Wort Hinwegjehen läßt. ehe Schreibart ift nicht das ängftliche 
Vermeiden jedes anftößigen Wortes, wie es in der That im vor= 
liegenden Romane zutage tritt — die Keufchheit eines Romans bes 
fteht in -dem fetichen Sanfte, den das Ganze durchdringt, in dem 
poetifchen Bauber, fich über das Ganze auöbreitet. 

Darin unterfcheibet fi ja gerade der geſunde Realismus wahrer 
Dichter wie ber Spielhagens, Jenſens, Paul Heyfes u. dgl. m, 
gar nicht zu reden Goethes, von dem ungejunden Naturoliämus 
Zolas und dem noch ungefünderen feiner deutjchen Nachtreter, daß 
bei jenen das Künftlerifche unter dem Realismus nicht leidet, dieſes 
jenem untergeorbnet ift, während bei diefem das Künſtleriſche ſich 
aur auf einzelne Sapbildungen bejchräntt, für das Ganze aber ver- 
oren geht, und man den Eindrud hat, als fei das ganze Werf nur 
gefchrieben; um in behaglicher Breite Scenen grobfinnlichhten Inhalts 
em Lefer naturgetreu borzuführen. Wo andere andeuten, malt, 
ein photographirt Zola, und wenn auch die Forderung berechtigt 

äre, daß alles, was dargeftellt werden joll, naturgetreu dargeftellt 
erben müffe, jo enthält dies doch nicht die Forderung, daß alles, 
a3 da ift, auch darzuftellen ſei. 


454 Am Kamin. . ö | 


Da ift denn nun wirklich etwas überrafchendes und geeignet, 
das Erftaunen und die Neugierde der Welt hervorzurufen, daß Zola 
einen keuſchen Roman gejchrieben hat, einen Roman, „der felbft bie 

‘ prübeften Gemüter für den Dichter einnehmen wird.“ 

„Einnehmen wird" — ja, das ift es, eine Ausföhnung fol mit 
dem Publikum ftattfinden; ob diefer Roman aber einen Umſchwung 
in Zolas Thätigkeit bezeichnet, ob er für bie Bolge einen entgegen= 

fetten Weg einschlagen wird, ob auf ihn in Anlehnung an ein 

fanntes Wort wird angewendet werden können: „Junge Nealiftiter, 
alte Myſtiker“, ijt ſehr fraglich. Es iſt nit unwahrjcheinlich, daß 
diefes Buch vielmehr beftimmt ift, das Publifum fo einzunehmen, daB 
es eine Brüde u den früheren Werfen dieſes Dichters bilde, wenn 
nicht gar daffelbe ihm einen Weg zu dem ſchon längjt erjehnten 
Seſſel in der Akademie bahnen fol. 

Jedenfalls ift der Ruf, Zola habe einen feufhen Roman ger 
ſchrieben, eine wirkſame Reklame; die greugierbe, den Verfaffer des 
„La Terre“ als den Dichter eines Werkes Tennen zu Iernen, welches 
man ohne Bedenken jungen Damen in die Hand geben könne, ift ja 
u erwarten; doch wie ſehr wird man enttäufcht fein, wenn man 
Kine Neugierbe befriedigt Hat. 

n diefem Roman treten die Mängel Zolafcher Dichtung umfo 
mehr hervor, ala — das fehlt, was ſeinen früheren Schriften 
trotz aller Gegnerſchaft einen ſo großen Leſerkreis verſchaffte. Zola 
iſt arm. an Erfindung, er iſt ein Feiner Beobachter, ein bewundernd« 
werther Schilberer feiner Wahrnehmungen, aber die Fabel ift bei 
ihm jtet3 eine dürftige, er verjteigt ſich höchſtens zu Lebensbildern, 
aber von dem Scürzen eines Knotens, das den Beer in Spannung 
hält, je fejter Die Schlingen gezogen werden, und einer Löfung, die 
den Lefer nach) und nach aus der Spannung befreit und jenen Fünft- 
ferifchen Genuß gewährt, der bei und die Befriedigung Hinterläßt, 
die ein Kunftwerk in uns erzeugen foll, davon ift bei Zola feine 
Spur. Was jeine früheren Werke bei dem großen Publikum begeh- 
renswerth und unterhaltend macht, ift — die Lascivität, die unge 
ſchminkte Darftellung von Verhältniffen und Vorgängen, die ng 
ſonſt der Oeffentlichkeit entziehen. Wir können ums doc nicht 
darüber täufchen, dab bei einem großen Leſerkreis die Sinnlichkeit 
ausſchlaggebend für die Lektüre Zolas ift, andererfeits verſchmaͤhen 
auch beſſer angelegte Naturen nicht ein Buch dieſes Schriftſiellers in 
die Hand zu nehmen, befriedigt er doc, eine Neugierde durch Die 
Eröffnung eines Einblids in Kreife, Verhältniffe und Situationen, 
deren Kenntniß fie durch Selbſtſchau und perfünliches Eintreten in 
diejelben nicht erwerben möchten. Ohne an perfünlicher Ehrbarkeit 
zu verlieren, fann man hier im Geifte mit Menjchen verfehren, von 
denen man fich im wirklichen Leben fo fern wie möglich hält, kann 
Zeuge von Scenen fein, an denen man in Wirklichkeit feinen Au— 
theil haben möchte. Fehlte dieſes ftimulirende oder Neugier erweckende 
Element in Zolas Schriften, jo wären fie langweilig, und wer es fich 


Am Kamin. 455 


nicht längſt bei der Lektüre feiner Bücher gelost hat, wer fich nicht 
längſt die Frage vorgelegt: Schiede ich das Lascive, grobfinnlich 
Naturaliftiche aus, was bliebe dann? der wird durch den neueften 
Roman diefes Meifters der naturaliftiichen Schule belehrt. 

Zola hat fich felbft vergewaltigt, indem er „Der Traum“ vers 
faßte. Durch das Unterbrüden dejjen, was feinen Namen zu einer 
Art Begriffswort machte, verzichtete er auf viel. Er verzichtete auf 
Schilderung von Situationen, in welcher er fich eine Meifterfchaft 
erworben, er verzichtete aber auch zugleich auf eine Menge von Stoff, 
fein zu füllen. In dem vorliegenden Roman tritt fo recht Die 
Uermlichleit der Handlung hervor; woher aber die 368 Seiten? 
Hier kam ihm feine unbeftrittene Meifterjchaft in der Detailzeichnung 
uftatten, die er aber, weil er Füllſel brauchte, nicht in weiſer Be- 
Voröntung vermerthete, fondern in peinlichfter leinlichfeit ausführte, 

B fie abjtoßend wirkt und langweilt. Das gilt jowohl von der 
Beichreibung des Domes von Beaumont, in der fein Säulchen und 
fein Ornament zu fehlen feheint, wie auch von der Gefchichte des 
geufes Hautecveur und ganz befonders von der Erläuterung der 

iſtſtickerei, wie Die Fäden gewählt, wie der Stoff umftochen, durch- 
ftodden wird, welche Stiche hier, welche dort gemacht werden müffen 
uf. mw. u. f. w., alles Dinge, die einen Fachmann jehr interefjiren 
werden, für die große Menge der Lefer aber nichts anderes bedeuten, 
als die mühfame Aufanbe, fich eine Anzahl von Seiten, die felbft 
ein ftattliches Heft bilden, mit der fteten Hoffnung bald zu Ende 

u fein, durchichleppen zu müfjen. Dazu fommt nod) eine weitläu- 
Ye Imbaltsangabe alter Legenden und Heiligengeichichten, die dann 
noch zweimal etwas fürzer wiederholt wird. So liegt die Lange 
weile über dem ganzen weihrauchdurchdufteten und myſtikerfüllten 
Buche auögebreitet, für welche uns manche feine Beobachtung und 
mandje hübfche Stelle, die das Erzählertalent des Verfaſſers befun- 
det, nicht entjchäbigt. Die Fabel des Romans ift folgende. Eine 
arme Stiderin, als Findelfind in das Haus des Stiders Hubert 
aufgenommen, wächſt in Abgefchiedenheit von anderen Kindern auf. 
Ein altes en bildet ihre Leltüre und nimmt fo ihre Sinne 
gefangen, daß fie fh von Heiligen und Märtyrern überall umgeben 

laubt. Doch hat Angeligue aus all diefen Legenden nicht das Ent- 
jagen gleich jenen heiligen Frauen, die jungfräulich bis zu ihrem 
martervollen Tode gelernt, nur der unverrüdbare Glaube an das 
Wunder ift bei ihr eingezogen; wie jenen ein Engel plöglidh Er—⸗ 
Töfung brachte, ße müffe ſich auch an ihr, dem armen Mädchen, ein 
Wunder durch die plögliche Erſcheinung eines Art Märchenprinzen 
bewähren, der als der ſchönſte, liebenswürdigſte und reichite aller 
Menjchen, fie zu feiner Gemalin mache, daß fie, wie eine Prinzeffin 
eſchmückt, über unzählbare Reichthümer verfüge, die dann als fegen- 
Poenbender Goldregen die Armen beglüden jollten. Das Wunder 
vollzieht fich; fie gewinnt die Liebe eines jungen und ſchönen Man- 
nes, der fich ihr unter dem unſcheinbaren Aeußern eines armen Glas- 


456 Am Kamin. 


malers naht. Es ift dies aber ein funfzig Millionen-Erbe aus bem 
fürftlichen Gefchlechte derer von Hautecveur, Sohn des Biſchofs von 
Beaumont. Der junge Mann durfte zwanzig Jahre lang, feit feiner 
Geburt, nicht vor das Angeficht des Baters fommen und war, un- 
befannt mit feinen Berhättnif jen im Haufe eines jchlichten Land⸗ 
pfarrers erzogen worden. Hatte ja feine Geburt das Leben ber 
Mutter, der von ihrem Manne fo heißgeliebten Gemalin, gekoſtet. 
darum jollte das Kind vom Angelichte des Vaters verbannt bleiben, 
der dann feinen Schmerz in ein Kloſter ug, von wo aus er von 
Stufe zu Stufe jteigend, die Bahn des Weltgeiftlichen einſchlug, bis 
er endlich auf ben Biſchofsſitz von Benumont gelangte. Als zwan- 
zigjähriger Jüngling durfte Felicien endlich heimfehren, nachdem er 
über feinen wahren Stand aufgeklärt worden war. In der Heimat 
verliebte er fih nun in bie öne Angelique, die nicht lange im 
Zweifel über den mahren Stand ihres Anbeters bleibt, fich aber im 
ihrer Schlihtheit und Weltunfenntniß nicht denken ann, daß der 
Standesunterſchied zwifchen einem Findelkinde und eines Fuͤrſten 
Sohn irgendwie der Verheiratung hindernd jein könnte. Wenn mar 
fich Tiebt, heiratet man ſich doch! Wer follte das hindern? Das ijt 
ihr unerfchütterlicher Glaube, das ift das nicht zu widerlegende Argu- 
ment, das fie ihrer fie warnenden Pflegemutter immer wieder ent 
jegenhält. Zu ihrem Schreden erfährt fie aber, daß der Biſchof dem 
Cohn, der ihm feine Liebe entdedt hat, mit einem ‚Niemals!“ jede 
weitere Rede abgefchnitten und bei den ärgften Scenen, die Felicien 
ihm macht, umerjchütterlich bleibt. Ohne Wilfen des Sohnes hat er 
der Familie Voixcourt das Verſprechen, Felicien mit deren Tochter 
Claire zu verheiraten, gegeben, und er will fein Wort mic brechen. 
Angelique ſelbſt macht dann einen Werfuch, den ftrengen Vater um- 
uftimmen; „Niemals!“ ift das einzige Wort, das fie von ihm Hört. 
da wird Angelique bis auf den Tod Eranf, man erwartet ihre legte 
Stunde. Der Biſchof, deſſen Herz nicht ganz ungerührt geblieben, 
als das junge Mädchen bittend vor ihm lag, ſchidt fich an, derſel⸗ 
ben in eigener Perfon die letzte Delung zu reichen, eingedenk 
Wahlſpruches feiner Ahnen „Wenn Gott will, will ich!“ der ja auch 
feinen Vorfahren Johann V. beivogen, die Peftkranfen zu beſuchen, 
deren Hände zu füffen, worauf fie genafen. Denn er Aare feinem 
Sohne das Verfprechen gesehen, in Die Heirat einzuwilligen, follte 
bei ber in Agonie liegenden Angelique noch ein Wunder geſchehen 
Und das Wunder gejchieht, fie wird wieder gefund. Noch nicht voll- 
ftändig genefen, feiert fie im großen Pomp die Hochzeit mit Felicien, 
und da seh darin wiederum ein Wunder: fie gehörte ihm an, 
aber iht Leib follte unberührt bleiben: Seieien hebt nad) der Trau= 
ung feine junge Gemalin in den Wagen, den erſten heißen Kuß drückt 
er auf ihre Lippen, und ihre Seele entflieht. 

Unzmweifelhaft enthält dieſer ergäblenbe Theil im Roman manche 
hübſche Epifode. Die Scene am Bache, in welcher Angelique zum 
erſten Male mit Zelicien zufammentrifft, die Scene auf dem Ballon, 


22}13@ gaajıg uog agpuaßpnmdt wanna Poyß 
uaiſpipſabaaguacag 





Am Kamin. 457 


von wo aus fie Felicien zum erften Male erblidt, zeugen von ber 
Dichterifchen Kraft Zolas. Das find aber nur eben —X Hin⸗ 
gegen gelingt es ihm nicht, ein keuſches Mädchen zu ſchildern. Aller— 
dings ſoll e8 ein naives Kindergemüt verrathen, wenn Angelique den 
ftürmifchen Liebhaber, ber nachts den Balkon vor ihrem Zimmer er- 
jtiegen, zwei Mal zum Eintreten in ihr Zimmer ermuntert, oder 
wenn fie nachts ſich aus dem Haufe ftiehlt, im bis zum Morgen- 
grauen im Atelier ihres Geliebten in deffen Gefellichaft zu verwerlen. 
Aber das ift Doch weder Keujchheit noch Naivetät, das iſt in unjerem 
Zalle, da die Zufammenfünfte jo ehrbar bleiben, daß nicht einmal 
ein Kuß gewechjelt wird, allerdings nicht Frivofität, aber mehr als 
Unbefonnenfeit; es find das Handlungen, die von einer Unzurech⸗ 
nungefähigfeit zeugen, welche nicht geeignet ift, Angelique zur Heldin 
einer Erzählung zu maı . 

Wie ſteht es endlich um die jo Fr gerühmte Realiſtik des 
Meifters? Er giebt uns jelbft genau an, daß im Winter des Jahres 
1860 Angelique in das Haus der Huberts als neunjähriger Find- 
ling gefommen fei, mithin fpielte deren Liebesroman im Jahre 1869. 
Wir wollen es ihm verzeihen, daß er Beaumont ftatt Beauvais 
nennt, denn dieſe Stadt ijt Sit eines Biſchofs. So weit ab liegt 
doch aber dieſe fabrifreiche Stadt nicht vom Weltgetriebe, daß ein 
jo jenfationelles Ereigniß, wie die vioplige Ankunft eines Erben von 
funfzig Millionen, bes Sohnes bes Biſchofs, ber auf die Trauung 
unmittelbar erfolgte Tod der jungen Frau, nicht feiner Zeit durch 
alle Tagesblätter der Welt wäre befannt geworden. Hier ift doch 
Namennennung und Hinweis auf die jüngſte Vergangenheit von Uebel. 

Das müfjen wir freilich bemerken, hätte der Verfafjer nicht aus- 
drücklich die Zahl 1860 genannt, wir hätten in dem Roman an eine 
Begebenheit aus dem Mittelalter gedacht, denn kein Zug außer dem 
nebenfächlihen von ber Eriftenz eines Armenpfleger® erinnert an 
die Gegenwart. 

yftit und Weihrauchduft mit einer guten Portion Sentimen- 
tafität iſt die Signatur dieſes Buches, denn nicht nur Angelique und 
deren Pflegemutter Hubertine vergießen reichlich Thränen, fondern 
auch Felicien und der alte Hubert weinen, ja auch ber Biſchof wird 
von diefem edeln Naß nicht. verfchont. 

Der Verfaffer nennt fein Buch „Der Traum“, ja es ift ein 
Traum und zwar ein fehr wüfter, ber beim Erwachen nicht? anderes 
als Kopfſchmerzen hinterläßt. 

Und nun die Ueberjegung. Sinige Heine fprachliche Verſtöße 
find nicht die ſchlimmſten Fehler derfelben, der KHlinmitr Sehler iſt 
fie ſelbſt. Stünde nicht Zola auf dem Titelblatt als Verfaſſer, 
wahrlich niemand hätte dieſes Machwerk einer Ueberjegung ve 
gehalten, und fomit ift diefelbe wiederum ein beredtes Zeugnik, daj 
man in Deutfchland noch immer auf dem Zola-Kuftus rechnen darf, 
mit dem man jedoch endlich gebrochen haben follte. 

_ A. Sulzbach. 
Der Salon 1889. Heft IV. Band 1. 31 








458 l Am Kamin. 


Meine Neujaßrstleisen. 


Die Weihnachtsfreuden und -Leiden find noch faum vorüber; 
der durch bie reichlich genofjene Sylvefterbowfe erzeugte kater-alifche 
Zuftand beherrjcht noch unfere im normalen Zuſtande ſonſt ganz 
gglumben fünf Sinne, ala wir bereits zu neuen Qualen erwachen. 

er gute Jean Paul hat im feiner altväterlichen Weiſe einft „die 
Neujahrsnacht eines Unglüdlichen“ geſchildert — o fehöne Zeit, wo 
bift Du Hin, als es nur Einen Unglüdlichen in der Neujahrsnacht 
gab, — Heutzutage fchreitet das Unglück ſchnell und die Zahl der- 
jenigen, welche mit einem Brummſchaͤdel erwachen und bei denen das 
Gefühl der vollendeten „Wurjchtigkeit“ — um mit dem Herrn Reichs⸗ 
kanzler zu ſprechen — zum Durchbruch gekommen, ift Legion. 

Brr! Der Bote Stephans bringt und die Morgenpoft. Noch 
janz traumbefangen, von einer heiteren, fteuer-, zind- und krankheits 

fen Zukunft träumend, greifen wir beim Anblid des modernen 
Merkurs freudig nad) den zahlreichen Briefichaften. Wie ſchön iſt's 
doch, wenn man jo viele Verehrer und Freunde befigt! Aus allen 
Theilen der Welt fendet man mir gewiß aufrichtige und herzliche 
Glüdwünfche; niemand fpart das Porto, um mir zu bezeugen, daß 
er mich — t und mir zum Jahreswechſel gratulirt. da wen 
der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu fein! .... 
Guten Morgen, Herr Boftrath! Na, was bringen Sie? Laffen Sie 
doch fehen! ... Sch öffne die Briefe... O Blendwerk der Hölle! 
Der Schneider glaubt, „daß ich ihm auch am 1. Januar den Rod 
nicht werde bezahlen können“. Es lebe mein Glaubensgenofie! .. . 
Der Weinhändler droht mit der Klage, wenn ich die Champagırer- 
rechnung nicht endlich begleiche. .... Der Schuhmacher macht die 
alberne Bemerkung, daß ic) wohl auf großem Fuße leben müßte, da 
ich fo jehr viel Schuhe gebrauchte, aber die Honvrirung der Stiefel 
vergäffe. .. . Und mein Bankier, der an der Börſe als unverbeſſer— 
licher Witzbold befannt ift, Teiftet fich den wohlfeilen Wi, daß der 
Jahreswechſel ihm als fchidlicher Anlaß diene, mir meinen Wechſel 
zu überreichen. Angſtſchweiß tritt auf meine Stirn. Der Brief- 
träger empfindet ein menjchliches Rühren, er. wünjcht mir wahrhaft 
elegiſch: „Ein geſegnetes neues Jahr!“ ... „Ein Blick von Dir, ger 
liebtes Leben, und ich bin belohnt genug!“ citive ich und gern greif’ 
ich in mein Portemonnaie und überreid;e dem mic jo theilneymend 
anblidenden Beamten den Obolus. 

„Die Woche füngt gut an!“ fagte Jack, al3 man ihn am Montag 
hängen follte. ... Das Jahr füngt gut an — wäre ih nur nad 
Grönland verreift, hätte eine Nordpolerpebition mitgemacht ober in 
Aſyl für Obdachlofe mich aufgehalten! nun Unheil, nimm’ deine: 
Lauf! Eine Figur, welche ich fonft nur als Kind in meiner Phan 
tafie erblidte, womit mic, meine Mutter ängjtigte, wenn ich unartir 





Am Kamm. 459 


war, taucht vor mir auf, indem fie den Briefträger beinahe über den 
Haufen rennt. 

— Broft Neujahr! gnädiger Herr! 

— Dante, jehr gütig! — Neujahr! 

— Na, auf eine Kleinigkeit wird es dem guädigen Herrn wohl 

„auch nicht ankommen! . 

— Ad fo, aus diefem Loche pfeift der Wind! 

Und ich öffne aufs neue mein Portemonnaie und entnehme fei- 
nem Inhalt einige Münzen, um fie dem Mohr von Venedig, pardon 
dem —— der mich auf eine ſo zarte Weiſe an meine 
Pflicht gemahnt hat, zu übergeben. 

. Gottlob, daß der ſchwarze Mann weg ift! Man fann jegt un- 
geftört mal feine Zeitung Telen. Gedichte... . Natürlich! die Neu- 
jahrsgedichte ‚find wohlfeil wie Brombeeren. .... Was ix ih? 
Gedichte nicht bloß im Blatte, fondern auch als Ertra-Beilagen! 
Bricht eine Iyrifche Sündflut über uns herein? Herrſcht die Dich- 
teritis denn überall? Wer mag das beſonders ſchwungbolle Poein 
verfaßt haben? — Ha, eine Dame, die Zeitungsträgerin! Und bevor 
ich noch Zeit habe, über die poetiichen Anfälle der alten Schachtel, 
welche mir täglich zum Srühftüd das Blättchen vor die Thür legt, 
meine Betrachtungen anzuftellen, erſcheiut fie jelbft in eigener Perſon 
Pe mir das fliegende Blati mit einer tiefen Verbeugung 
und fagt: ' 

— Ein gelegnetes neues Jahr! 

— Broft Alte! Bringen Sie mir ein Ertrablatt? 

— Heute haben wir Ruhe. Meine fieben Kinder und mein 
blinder un: 

— Ich weiß ſchon. Hier, trinten Sie eins auf mein Wohl. 
Mebrigens habe ich geglaubt, daß Sie bloß drei Kinder haben. und 
daß Ihr Mann nur kurzfichtig iit . - . 

— Taufend Dank, lieber Herr Doktor! Die drei Kinder find 
von meinem dritten Mann, die übrigen vier find von feinen Vor— 
gängen, Der Mann ift wirklich blind — farbenblind. Gefegnetes 

teujahr! 

Es war höchfte Zeit, daß fie verbuftete, denn er erfchien, mein 
Verſchönerungsraih, mein Figaro, welcher den Klatſch der ganzen 
Welt kennt, deffen Zunge dem mobile perpetuum gleicht, weil fie 
nie ftille fteht, um mich zu rajiren. Bligfchnell bin ich eingefeift, 
und indem der Barbier mir fein Meffer an die Kehle fegt, ruft er: 

— Proft Neujahr, Herr Doktor! Wifjen Sie ſchon, daß fich 
der reiche Geizhals X heute morgen die Kehle abgejchnitten? Bbſe 
Menjchen behaupten: ein verrüdter Raſeur hätte ihm die Halsſchlag- 
aber durchichnitten, weil er ihm fein Trinkgeld gegeben, das ift aber 
nicht wahr! Der Harpagon hat in der Nacht eine Flaſche Rothipohn 
mehr getrunfen und fich dieſe Koften gar zu fehr zu Herzen ge- 
genommen. 

Ich fühlte,- wie der Schaumfrige mit dem Raſirmeſſer meine 

sı* 








360 Am Kamin. 


Gurgel figelte, wie er mit dem Mordinftrumente hin und her fuch- 
telte und ich machte im Geiſte mein Teftament. Alle meine — 
Schulden hinterließ ic dem Antineujahts-Gratulationd- Verein und 
empfahl meine Seele dem Herrn. In diefem Augenblide mußte 
Figaro niefen und das Nafirmefjer abjegen. Ich Jerang wie von 
der Tarantel geftochen auf, rannte zu meinem Schreibtifch und Iangte 
daraus ein nicht unbedeutendes Trinkgeld hervor. Der Figaro fprang 
vor Freude mit dem Rafirmeffer Hin und ber, ich ftörte ihn in fei- 
nem tollen Vergnügen nicht, denn meine Kehle war gerettet... . 
Seit jenem entjeglichen Neujahrämargen raſire ich mich felbit. Ich 
bin am Halje — ers kitzlich ... 

Es tlopft! Na, dachte, ich, jetzt kommen die Gratulanten im 
Frack, im Claque und in Glacéhandſchuhen! Ah, muß eine Rede 
eben — ſcheußlich unangenehm! Welcher Irrtfum! .... Zwei nichts 
weniger als fajhionabfe gekleidete Geftalten, die ich gar nicht kenne, 
erzeigen mir die Ehre, mich zum neuen Jahre zu befuchen. 

— Bas verihafft mir das Vergnügen, meine Herren? Mit 
wem habe ich die Ehre? . 

— Ein glüdliches, ein gefegnetes neues Jahr! Kennen Sie 
mich nicht, gnädiger Herr? $a bin ber Nachtwächter! Und mich 
— ich bin der Hausmann! 

— Wie ſchwach mein Gedächtniß ift! Ich kann mich wirklich 
nicht entfinnen, Sie je gefehen zu haben. Ich Habe im verflojjenen 
Jahre meines Wiſſens den ‚Sonsfitäfet nie vergeffen und Sie da- 
her, Herr Nachfwächter, nie inkommodirt! ... Und ein Hausmann? 
Was? Hat diefe Barade auch einen Hausmann? Ya, wo fteden 
ie denn? Bis jegt hat der Wirth ftets höchfteigenhändig den Zins 
eingeftedt und Ihre Eriften, war mir bisher ein Geheimniß wie der 
Mord in Whitechapel‘ Wie recht hat doch Shakeſpeare, wenn er 
jeufzt, daß es Dinge zwiſchen Himmel und Erde gebe, wovon ſich 
unjere Syulteizheit nicht? träumen laffe!! 

Die beiden Baffermannjchen Geftalten jahen mich mit p durch⸗ 
bohrenden Blicken an, daß ich es doch für rathſamer hielt, meine 
Neujahrsgratifikationen⸗Pandorabüchſe vollends zu leeren und den 
Inhalt derfelben dem Diosfurenpaar in den Schoß gleiten zu laſſen. 
Wie leicht kann es geichehen, daß ich doch einmal den Hausfchlüffel 
vergeffe — der Mann fieht jo grimmig aus, daß es ihm wohl zu- 
zufrauen ijt, daß er mir die Pforten meiner Wohnung nicht Öffnet, 
wenn ich jegt nicht ablade. ... Und mit dem Hausmann ift nicht 
zu jpaßen. Gefährlich iftö, den Leu zu leden. Nach dem Haus- 
wirth ift er ja der Schredlichfte der Schreden und aus den Wolfen 
ſeines Grimmes ohne Wahl zudt der Strahl auf das Haupt des 
unglüdjeligen, feine Trinfgelder gebenden Miethers. ... Ruhe ift 
die erſte Bürgerpflicht und Ruhe kann man fi nur durch frei 
willige Steuern erfaufen. 

Ganz refignirt und zu allem bereit, laffe ich hierauf den Strom 
der Gratulanten, welche ihre Hände öffnen, über mich ergehen, — 


Am Kamin 461 


nur einmal verliere ich mein europäifches Gleichgewicht, als der 
Theaterbiener bei mir erfcheint und mir ein glüdliches Neujahr zu— 
rufend den fpeziellen Wunſch ausfpricht, daß mein Luftipiel einen 
glänzenden Erfolg erringen möge. 

— Das ift he] zu toll, Sie Theaterteufel! Wiſſen Sie denn 
nicht, daß mein Stüd im vorigen Jahre durchgefallen ift? Sie wollen 
mich wohl noch verhöhnen? Da foll doch gleich das Donner... .! 

Der Hurtige Theaterdiener machte fich flugs aus dem Staube 
und feine Flucht Hatte unter den mich umlungernden „Schnorren* eine 
derattige Panıf hervorgerufen, daß jelbit die klotzigſten unter den 
Bettlern das Hafenpanier ergriffen. 

Schon glaubte ih, von den Neujahrsparafiten befreit zu fein, 
ala zu meinem Entfegen — ich bin etwas abergläubiih — ein in 
volle Gala gefleideter Beamter der „Mifericorbdia*, d. h. des Glanz⸗ 
beftattungävereins erfter Klaſſe — mit vierjpännigen Galaleichenwagen 
wartet die Gefellichaft den vornehmen, d. h. theuer zahlenden, Todes— 
fandidaten auf! — in mein Zimmer trat. 

— Herr! Was wollen Sie? Ich lebe noch und habe nicht die 

eringſte Zuft, troß des heutigen verrüdten Neujahrstages, zu fterben! 
ollen Sie mir auch Proft Neujahr wünfchen? Machen Sie, daß 
Sie forttommen! 

— Nicht jo higig, mein Herr! Ich wünfche Ihnen, da Sie fo 
unhöflich find, fein fröhliches Neujahr — mein Beſuch gilt auch 
nicht Ihnen, jondern Ihrer Köchin, die meine Braut ift und heute 
ihren Ausgehtag hat. 

mi drüdte ich ihm 5 Mark in die Hand und ihn ſelbſt an 
meine Bruſt — endlich, ein Menfc, der fein „Proft Neujahr” wünjcht 
und nichts dafür bezahlt haben will. Ecce homo! 

Adolph Kohut. 


Sin Prama der Wahrheit. 
«Don Zofe Ehegarays „Narrheit ober Heiligfeit", zum erften Maf aufgeführt am 
2. Dezember 1888 im Belle-Alliance-Theater zu Berlin.) 

Während die grangjen politifh mehr und mehr ihre Groß- 
machtſtellung verlieren, liegt ganz Europa im Banne ihrer frivolen 
dramatischen Erzeugnifje und oft genug find fünf franzöfiiche Stüde 
zu gleicher Zeit (angejichts unferes gegenwärtigen Bühnenreichthums!) 
an den Anichlagfäulen Berlins angekündigt! Iſt es ba nicht ein 
köſtliches Erfrifchungsbad, wenn man aus der ftidigen Treibhausluft 
der franzöfiichen Ehebruchswirren in die Gewalt eines echten, ganzen 
Dichters und „Philofophen dazu‘, wie es dieſer Spanier 
it, geräth? Der Spanier ift ein Gegenfag zu dem vielgerühmten 
Norweger Ibſen, mit dem er indefjen den gleichen ——— 
Drang nad) der abſoluten Wahrheit theilt — der geborene Drama— 
tifer. Scheinbar unmöglich theatralifch-wirkfame Probleme weiß er 


462 Am Kamin. 


in überrafchender Weife dramatifch zu beleben. Schon fein „Ga— 
leotto*“, weldem Joſeph Kainz feiner Zeit am „Deutichen Theater“ 
zu einem vollen Erfolge verhalf, hat die üppige Schlagkraft drama- 
tifcher Steigerung dieſes aufßergewöhnlichen Schriftfteller® gezeigt, 
obwohl Paul Lindau in unbegreiflicher Verblendung diejes urjprüng- 
lich in Verjen gefchriebene Kunftwerf ‘arg verballhornt umd wie ein 
fpanifcher Literaturfenner in der Sonntagsbeilage der „Voſſiſchen 
Zeitung“ nachgewiejen hat, das befte Leben des Anginals gemaltjam 
- unterbunden hatte. In „Locuras o Santitad“ („Narrheit oder Heilig- 
feit”) nun hat Echegaray endgiltig bewiefen, daß die Weltliteratur 
künftig mit ihm zu rechnen hat. Noch mehr Dichter wie Ibſen, 
welcher vielleicht der größere Schriftfteller ift, hat er gezeigt, daß er 
mit einem Drama furchtbarere Anklagen gegen den inneren eigengeift 
der menſchlichen Natur, die hohlen Konventionen der „Gefellichaft“ 
erheben fann, als Ibſen mit einem Dutzend feiner tendenziöfen, dialo- 
gifirten Novellen! Das Thema wird, nachdem vorher als Leitmotiv 
‚eine Definition der „Wahrheit“ feitens bes Helden vorangegangen 
war, haarſcharf, fonnenklar exponirt, mit grandiofer Steigerung in 
gerader Proportion” unerbittlich durchgeführt, bis es zulegt in der 
unheimlichiten Schlußapotheofe gipfelt, welche je von einem Dichter 
geſchrieben worden ift. Echegaray leugnet nicht mehr und nichts 
weniger als die Möglichkeit des Beſtehens der Wahrheit, dieſes Tob- 
feindes der Geſellſchaft, und wir gen ihm, wir bewundern die 
unerbittliche Folgerihtigfeit feiner Logik, die eiferne Konjequenz, mit 
der er bis zum „Urgrund der Dinge“ gelangen mödhte. ... Wie 
knapp und £riftallffar fließt Diefe Sprache, welche nur zuweilen blig- 
artig von warmen poetiichen Lichtern durchzuckt wird. Keußertt 
Hrarlam wendet der Autor — nur hier und da einmal — ein Bild 
an, aber wie überrajchend beleuchtet e8 dann die Situation! So 
das herrliche: „Welch' düftre Gruppe! Welche ſchwarze Wolfe wälzt 
je in das Blau unferes Himmels?! welches die Liebenden im 
erften Aft beim Nahen der „Choana“, diefer unfeligften aller Mütter, 
ausftoßen. Dieje „Choana“ (Luife Franz) und der Gelehrte, der mit 
der Naivetät und dem Tiefblid des Genius begabte Held (Karl 
Wiene vom Hoftheater in Stuttgart) ftanden natürlich im Mittel- 
punkt der nervenerjchütternden Sandtung und führten ihre Rollen 
mit ben Mitteln eines gemäßigten Realismus aufs feinfinnigfte durch. 
Die gefammte Berliner Kritit war erſchienen, dazu die bekannten 
„Premierengefichter“ und man fonnte in den Zwifchenakten im Foyer 
mand)’ erbauliches Apergu zu hören befommen! Der beforatine 
Rahmen war nicht ftörend, aber die Nebenrollen ungenügend beſet 
das Velle- Alliance» Theater ift nun einmal fein Schaufpielhau: 
Pietätlos gegen den Dichter war es, die Statiften im legten 9 
nicht paffender auszuwählen, die tragifche Stimmung wäre auf e 
car zeritört worden. Und nun noch eins, Echegaray ift in fein 
eimat vornehmlich als Gelehrter, Mathematiker hochgefchägt — w 
emundern den Dichter. Hermann Balter. 





Am Kamin. 


Zwei Scherg · Gedichte. 
Dann, ja dann. 


Wenn der Schein des letzten Sternes 
Sid) in eine Schnuppe hüllt, 
Und aus meines Mädchens Auge 
Eine dicke Thräue quillt: 
Dann will es mir immer fcheinen, 
Als wenn Sterne Thränen weinen. 


Aber wenn ein Sternenfunfeln 

Dedt die ganze Himmelsflur, 

Und ic) hänge mejnem Mädchen 

Um den Hals ’ne Perlenſchnur: 
Dann, ja dann, ich ſag' es gerne, 
Iſt's, als lachten taufend. Sterne! 


Samstags. 


Was macht ihr da für tollen Lärm 
Im ſtillen Gotteshaus!“ 

So ruft zu einer Kinderſchaar 

Der Küfter zornig aus. 


„Gleich, ſcheert euch weg, jonft führ ich euch 
Zum Paftor alle hin, 

jamit er für das loſe Schrei'n 
Euch lerne frommen Sinn.“ 


Die Kinder ſchau'n verwundert auf, 
Und treten ſcheu zurüd; 

Nur ein beherzter Bube fpringt 
Hervor mit fugem Bid: 


„Herr Küfter! feid doch nicht fo grob! 

jenn Ihr es noch nicht wißt, 
Daß „Samstags“ unfer Herrgott in 
Der Synagoge ift!“ 


Hans von der Bogelweibe, 


464 . Am Kamin. 


Mailänder Grinnerungen. 


Mächtiger und kühner denn je darf der Deutjche in Italien 
fein Haupt erheben, feit unfer junger Kaiſer dem öfterreichifchen 
Nachbarkaiſer und dann dem König Umberto in feiner italieniſchen 
Hauptftadt einen Beſuch abgeftattet hat. 

Seller Enthufiagmus begrüßte das deutſche Landesoberhaupt 
aller Orten und hochauf jubelten die fern der theueren Heimat im 
Ausland anfäfligen Deuttchen! Namentlich die Mailänder Kolonie 
hat fich Durch eine warmempfundene Adreffe Br und von 
Klein-Baris, der handelsmächtigen, lombardiſchen Kapitale möchte ich 
heute wieder einmal — in Ergänzung meines feiner Zeit im „Salon“ 
erfchienenen Mailänder Briefes — ein weniges plaudern, fintemalen 
mir die Erinnerungen gerade jet wieder jo friſch zuftrömen, als 
wäre ich mitten drin in dem tollen, lärmenden, athemlojen Getriebe, 
und der Ruf ber eitumgeträger und Obftverfäufer ſchlüge mir noch 
gellend ins Ohr, ala ob ich bloß ein paar Schritte aus meiner Cafa 
zu thum brauchte und mir der herrliche Dom in feiner marmorpran- 
genden Schönheit winfte! 

Ja, das Mailänder Leben! Wer es bejchreiben könnte, dieſes 
Tohumabohu von feiljchendem Krämerfinn und naivem Ginnen- 
taumel. In der fogenannten Gefellichaft mag's zugehen wie ander- 
wärt3, nur wahrlich ein bißchen Iuftiger, denn dieſe Marcheſas und 
Ducheffen find feurige, üppige Raffeweiber von beraufchend-naiver 
Sinnlichkeit, aber das Volk im großen und ganzen, — nun das 
arbeitet, wenn auch) die deutfche Solibität mangelt; aber es verfteht 
ſich auch zu amüfiven. 

Freilich der Karneval ijt todt, aber was gab der. italienischen 
Oper den jüßen Melodienzauber, der jo magijc die Sinne berüdt? 
Was anders als Italiens Licht, Luft und Sonne; das heiße, glü- 
hende, farbige. Leben des Südens pulfirt in diefen Rhythmen. Und 
diefer Sangestuft ift au der Mailänder voll; er mag im übrigen 
Berlin als Hauptftadt Defterreichs an die Donau ſich denken ımd 
ein Genie, wie feinen Mantegazza „Charlatano“ benamjen, — von 
feinem vergötterten Verdi, feinem Bellini u. |. w. kennt er jede Note 
einer Partitur, als wenn er fie felbft gefchrieben hätte. Und wel- 
hen Antheil nimmt er überhaupt an der Mufif; fie ift fein eigent- 
lichſtes Lebengelement. 

Gleich in zweiter Linie fommt die Plaftif, welche ſich ebenfalls 
einer koloſſalen Popularität erfreut; auch der Aermfte ſchmückt das 
Grab des Heimgegangenen mit einer, in irgendwelcher Manier, in 
Stein ausgeführten Gebenf- oder Bildnißſäule; eine ſchöne, nach— 
ahmenswerthe Sitte, welche ſich in Deutſchland, wo man meift nur 
geihmadtofe Sreuge und ähnliches kennt, ebenfalls einbürgern follte, 

onft flößt hier die bildende Kunft weniger Interefie ein, aber die 
— hat ihre Stätte in jedem gebildeten Haufe, und das will viel 
jagen. 


Am Kamin. 465 


Wer fcheert ſich bei uns um die Beftrebungen feiner zeitgenoj- 
ſiſchen Schriftfteller, wer kauft und lieſt fie? — Höchſtens werden 
ein paar platte Modelyrifer und Romanfabrifanten des „Einbandes“ 
ober ber Gelegenheit wegen angefchafft. In Italien ift Dies anders. 
Dort Hält man es noch für feine Schande, geiftig fih an ben köſt⸗ 
lichen Blüten der Lyrik zu .erfrifchen; nicht im Verborgenen stühen 
die Rofen und Veilchen echter Gefühledihtungen, wenn aud, aller- 
dings manch’ prüdes norddeutjches Dämchen erröthend die gefeierten 
Stechetti, Rapifardi u. ſ. w. aus den Händen legen wird, weil fie 
Ma die gewohnten verlogenen Mondicheinphrafen, fonbern das 
wilde Schäumen, Wogen und Begehren der Leidenfchaft, ben ſüßen 
Jubel des Beſitzes und die himmelläfternde Klage jatanifcher Ver— 
zweiflung findet. 

Auch die Schaufpielbühne, über deren vorzügliche Qualitäten ich 
mic, ſchon ausgeiprochen habe, fteht in regitem Kontakt mit der 
Nation und nimmt eine hohe Stelle im Geijtesleben ein. Shake— 
peare ift in Italien faft jo heimifch wie in Deutfchland. In keinem 
Lande der Welt hat „Othello“ fo oft auf dem Repertoire geftanden. 
Gleichermaßen vermittelt die Bühne die beten Erzeugniſſe moderner 
franzöfifcher und deutfcher Augenblidsdramatit. ährend meines 
Anfenthalts gab es kurz hinter einander „Krieg im Frieden“, „Raub 
der Sabinerinnen“ und „Der ſchwarze Schleier“; Teßteres wurde ab- 
gelehnt, während das erite Stüd einen ähnlichen Erfolg wie des 
une erga „Cavalleria rusticana“ in ganz Italien aufzu— 
weifen bat. 

Kann es etwas intereffanteres geben, wie das eigentliche Bolt 
in feinem angeftammten Mailänder Mufentempef, dem „Teatro fossati“ 
und „Teatro gerolanio“ zu beobachten! Eine ähnliche naive und 
doch jelbitkritiiche Art des Genießens wird man bei uns nur hier 
und. da bei einem kleinſtädtiſchen Galerie-Bublitum finden. Kind 
und Kegel wird mit hincingefchleppt, die ganze Familie muß dabei 
fein und läßt ſich die vorgejegte dramatiſche Rott vortrefflich ſchmecken. 
Doc, wehe, wenn die Tendenz des Stüdes nicht volksfreundlich ift, 
die Darftellung fi Nr auf einem gewiffen Niveau erhält, das 

iebt böjes Blut, das ſich in ohrzerreißendem Lärm und Pfeifen 
uft macht. „Othello, der Schaggräber von Paris“ (nad) Felix 
Byat), „Tereſa“ (eine kraſſe, aber tool Behandlung der Rettung 
einer geratiam ind Mönchsklofter Entführten) und ähnliches von 
der „Compagnie Napoleone Borelli* gut dargeftellt, fand den reich- 
ften Beifall. Im „Gerolanio“ (einem — putzig eingerichteten, 
bühnlich überraſchenden Marionettentheater) ſah ich „Vor Dogali“ 
(das afrilaniſche Abenteuer ſtand auf der Tagesordnung); doch ben 
‚Grande ballo Mephistophele“ abzuwarten, erlaubte mir die Sorge 
Für meine Gefundheit nicht, da die Luft von all’ den Müttern, 
Säuglingen, Burſchen der _unterften Klaſſen wie verpeftet war. 

Da ich gerade beim Ballet bin, bitte ich den freundlichen Lefer, 
den Sprung nad) der „Scala“ mitzumachen: ich muß mir mein hoch 


466 Am Kamin. 


gradiges Entzüden vom Herzen fchreiben über die Wunder Terpfi- 
chorens, welche mir Zufchauer vergönnt war. Keine Frage: Mai- 
land ift das Eldorado der Tanzpoeme. Der cherne Gang der Welt 
eſchichte und eine Fülle Liebesromane trippelt gleihermaßen in ben 
Hängen diefer bezaubernd -graziöfen Gejchöpfe über die Bretter. 
ailand (d. h. vor allem die Jeunesse doree) war gerade zur Zeit 
in zwei Lager getheilt: hie Monti (Dal Verme), hie Sranzioni (Scala)! 
Ich gebe der erteren, einer hinreißend finnlich-poefievollen „prima 
ballerina“ den Vorzug und habe fie eingehend in ihrer — Heutzu- 
tage bei uns in Deutjchland ebenjo wie die „Mimik“ arg vernad- 
Tälfigten — Kunft in meinen damaligen Mufilbriefen gewürdigt. 

Die Kultur der Schönheit leitet mich zum Teatro milaneje über, 
auf dem Corſo Vittorio Emanuele (Fortjegung des Corſo Venezia), 
einer der ſchönſten Straßen Italiens gelegen. Bier ſpiegelt im rein- 
ften Dialekt die Gejellihaft des mit Recht beifpiellos berühmten 

avilla das unverfälfchte Mailänder Leben mit all’ feiner Skepſis, 

feiner nüchternen Gejchäftigkeit, bem liebenswürdigen Leichtfinn feiner 

jewohner. Ein Komiker erften Ranges, jchreibt und fpielt der 
Direktor felbft zumeiſt die Hauptrolle feiner Stüde. Zur Seite fteht 
ihm Mademoifelle Ivon (Anagramm), die frühere berüchtigte Cout- 
tifane und Bevorzugte des Königs Vittorio Emanuele, — jegt eine 
ganz brauchbare —— 

So geht der Lauf der Welt, und das Wort Ben Alibas be— 
wahrheitet ſich zur Abwechslung auch einmal nicht! Die Stellung 
der Frau iſt Übrigens in Italien eine ganz andere: fie iſt auf das 
Haus beſchränkt, wird in geiftigen Fragen ald nicht gleichftehend be 
trachtet, im übrigen öffentlich aber mit ganz anderer Achtung wie 
bei uns behandelt. Gewiſſe Elemente jind auf die Case di tole- 
ranza (Maison d’amour) beſchränkt, jodaß jede Dame allein ohne 
Begleitung in ein Cafe, Riftorante oder fonft wo hingehen fann. 
Das ganze Leben Hat eben überhaupt — wein aud in beſſerem 
Sinne wie in Amerika — einen freien Anſtrich; die jtaatlihe Be— 
vormundung ift eine viel geringere wie in Deutjchland. Allerdings 
liegen die Verhältniſſe ja auch in fozialpolitifcher Beziehung anders. 
Im übrigen ergeben fich für beide Nationen ähnliche Gefichtöpunfte. 
Beide haben die lang erjehnte Einigfeit erhalten, und die Kräfte 
beider Länder Gentrafiiten fi unter der Herrfchaft eines gemäßigt- 
monarchiſchen Prinzips! 

Wilhelm Arent. 
Aippſachen. 

Eine Parodie. Ich will hier von einer Parodie erzählen, bie ihres eigenari 
Humors wegen wohl nicht verbient vergeffen zu werben, wenn fchon nur wenige 
ihrer erinnern mögen. Ich hörte fie von meinem alten Oheim, bem Pfarrer 
Groß · Z. in einer unjerer Oftfeeprovingen, deſſen Worte ich hier ftatt meiner E— 
lung folgen laffen möchte. 

„32, ja“, meinte ex, behaglich aus ber langen Pfeife rauchend, zurüdgelept 





Am Kamin. 467 


feinen alten Lederſtuhl am offenen Fenſter, „ia, als ich noch fo jung war wie Du 
jett, und zur Univerfität Halle am ſchönen, grünen Saaleſtrand einzog, ja, da 
wars doch anders, friſcher, fröhlicher, freier!” Und träumeriſch blidte ber alte Ser 
in den Gommerabend binaus, ber mit all’ feinen wunderfamen Dilften und Melodien 
in das Etubierftübchen voll hereinflutete, und bie hagere Hand fuhr faſt tramig 
über bie Hohe Stirn und die weißen Baden. Es war in ben breißiger Sabıen, 
turz bevor bie Ehofera bort in Halle ausbrach. Das war ne ſchlimme Selbi 
das Bier mundete uns Burſchen nicht mehr recht; jeder mied ben anderen änghfich: 
er Lönnte ja vielleicht, und man könnte doch night wiffen — ımb — und — und 
man wirbe ſich doc) Hoffentlich nachſens wieber einmal jehen! Und bann fo ſchneü 
wie nur möglich fort, jeber mit bem feſten Vorſatz, das nächſte Mal. bem andern 
ſchon von ferne auszumeichen. Ya, bie Hörfäle, damals hieß das noch Hörſäle 
und nicht Aubitorien, ſchütielte er mißbilligenb ben Kopf, bie Hörfäle waren eben 
fo Teer, ſelbſt beim Geſenius, bem alibeliebten Kritilker und Ausleger des alten 
— Sonf Hatte alles, Kopf an Kopf bicht zufammengebrängt, ben Worten 

tigen Rebnere zugehört, — nun fah man Gefenius felbft kaum auf ber 
Eiche aueh ängflih und eilig vorKberfaufen. Und er war doch fonft eim gar großer 
Kenner der ſemitiſchen Sprachen und ber Orientafia, aber der Gaft aus bem gelobten 
and, ben tonnte er nicht vertragen, er, der fonft fo begeiftert von der Schönheit 
—* Abel ſprach alles deſſen, was mit der Sonne von Often tam, wie er zu 
jagen pflegte. 

„Eines Abenbs wurde das Gerücht laut: Gefenius fährt morgen früh nad) Norb- 
haufen — er war ein Norbhäufer — und am nächfien Tage in ber Univerfitätshalle 
— war benn alle Furcht und Angft vor ber Krankheit fort, verſchwunden? Dicht 
drängte fi alles um eine Stelle am ſchwarzen Brett, woher bie Buchftaben groß 
Teuchteten: Abſchied des gewaltigen Helden Heftor von feiner theuren Andromache, frei 
nad Schiller bearbeitet. Mrd) ich Ia6 und nun höre bie Löichle Parobie, bie ich je 
gelefen: 


Student: Willſt Dich, Dokter, treuloe von uns wenden, 
Beil bie Cholera mit gierigen Händen 
Zum Eoicytus flarre Opfer fhidt! 
Ber wirb künftig —e— lehren, 
Hiob ieſen, Geneſis eril 
Wenn Du mit —E Dich gebrüdt? 


Doktor: Theure Freunde, ſtillet eure Thränen! 
- Rad) Norbhanfen fteht mein freubig Sehnen! 
Weit genug iſt gut vorm Schuß. 
Nicht anftedend fei fie, ſchrein bie Spötter, 
AG, fein Thee, Flanell, noch Ehlor iR An, 
Schleppt fie mid hinab zum ſtyg'ſchen 51 


Student: Rimmer lauſcht man Deiner Rebe Schalle; 
Einfam-feht Dein Yubitor in Galle, 
Stüdwert bleibt Dein Mofistommentar! 
Du wirft hinzieh'n, wo die Schweinmaft blühet, 
Branntweinduft hin durch bie Filfte ziehet; 
Doch wie ſteht's mit unferm Honorar? 





Doktor: Wollt doch nicht an bie paar Thaler denken! 
In ber Lethe Strom mögt ihr fie fenten: 
net drumm ein Leben nicht. 

rc! Schon bIAR ber Schwager vor ber Thilre, 
Lebet wohl, wer bumm ift, der frepiere! 
Geſenius flirht hier an der Cholera nicht!“ 


468 Am Kamin. 


Frantreichs alte Fahnen. Die älteſte franzöſiſche Fahne, von welder bie 
Geſchichte fpricht, ift das Panier mit ben.Lilien, deſſen Ruhm jeboh bald burd andere 
verbunfelt wurde, befonders durch die fogenannte Chappe, das heißt den Mantel des 
heiligen Martin, der in Kriegen vor ben Königen hergetragen wurbe. Martin war 
ber Schutpatron bes Reiche; von feinem Tode zählten bie Franzoſen ihre Jahre, an 
feinem fefte eröffneten fie ibre Parlamente, und an feinem Grabe wurben bie heiligften 
ide geſchworen. Diefer Mantel war bas Reichspanier zu ber Zeit Karls bes Großen. 
Er wurbe unter einem Zelte bewahrt, welches barum Ghapelle hieß, wovon unfer 
Heutiges Wort Kapelle famınt. Getragen murbe biejes Panier von bem Großfenefchall, 
der den mächften Rang nad; bem Könige behauptete. 

Die Zeit, mo man aufhörte, ben Mantel des heifigen Martin ale Fahne flattern 
zu Iaffen, ift unbeſtimmt. Bermuthlid warb er verbrängt durch das Banier bes 
Heiligen Denys, Oriflamme, fo genannt von ber goldenen, darauf geftidten Flamme 
Ueber ben Urfprung biefer Flamme find bie Geſchichteſwreiber nicht einig. Munde 
faffen fie bei ber Taufe Chloviwige, welche am Weihnachtstage 496 in Rheim® gefchah, 
erſcheinen. Andere fegen bie Zeit ihres Auflommens unter Karl den Großen. 
Setoiß aber if, bafı bie Könige Franfreich® nie im ben Mrieg zogen, ohne zuvor mit 
frommer Demuth aus ben Händen bes Abtes von St. Denys biefes Panier zu 
empfangen, welches fie ftet® der Obhut bes mürbigften Ritters anvertrauten. Der- 
jemige, der biefe Fahne empfing, bemahrte.fie unentfaltet auf ben Nothfall. Bisweilen 
hing ihm der König das Oriflamm um ben Hals; bann trug er es als ein Ghren- 
zeichen, bis es etwa nöthig warb, bafielbe an einer Lanze flattern zu laſſen. Die 
Ehre, es zu tragen, mar fo groß, daß zu Karl bes Weifen Zeiten ein Herr vom 
Andrefon die Würde eines Marſchalls von Frankreich nieberlegte, um dagegen das 
Driflamm zu empfangen, umd es bfieb baffelbe im Gebrauche bis anf Karl VI. Das 
dritte Panier, unter welchem bie Franzoſen gelämpft, war ein weißes, mit Lilien 
betreutes Kreuz, welches bernad; mit einer Stanbarte vertanfcht wurde. Es warb 
wicht bloß im Nothfall eutrolft, fondern befand fih ſtets im Heere, oft mit dem 
Oriflamm zugleih. Die Standarte wurde ebenfall® nur treuen uub geprüften 
Nittern anvertraut. 

Auch die Brüberfchaften und befonders die Kirchen hatten ihre eigenthümlichen. 
verfgiebenfarbigen ahnen, je nachdem fie biefem ober jenem Heiligen gewibmet 
waren. Die Farbe des heiligen Martin war bla, baher man glaubt, bafı bie Könige 
von Frankreich, als fie die Pilien zu ihrem Wappen gewählt, dieſelben zu Ehren 
biefes_ ihres Schubpatrons auf blauen Grund fegten. 

Die Stanbarten ber leichten Reiterei famen unter Ludwig XI. auf, wogegen 
die Fahnlein (guidons) erft feit Errichtung ber Ordonnangsompagnien unter Kari IX. 
erifürt hal ©. T. 





ben. 


Salon-Büdertifg. 

Auf den Weihnachtstiſch des Leferpublifums Tegt in biefem Jahre auch bie 
Leipziger Verlagefitma B. Elifger Nachfolger, Bruno Windler, eine veizenbe, 
werthoolle Gabe in Geftalt ber „Bier Weignachtserzählnugen“ von Wilhelm 
Ienfen (Brei 5 Mark). Das Novellentuch if wie jedes Iiterarifche Erzeuguig des 
befiebten Autors eine meientlihe MWereiherung ber Erzählungshunf. Cmmft und 
Humor vereinigen fih, ben Leer in einen unentrinnbaren Zauberbann zu verftriden. 
Im eiflen Gtüd bes Nobellencyfius „Cine Weihnahtsfahrt” wird in reigboller 
Schafkhaftigkeit bie Fiebesidylle eines jungen Arztes gefcilbert, beffen erfte Patientin 
eine leichtverlegte Kuh unb beffen zweiter Fall eine nur durch Sympathie heilbar 
Herzenstzanfgeit ift. In ber zweiten Grzählung „Droben im Walde“ zündet ein 
erſchutternde Tragik bie Weihnachtslerzen im hohen Forſthaus an und fette beinal 
die ſtille Glüdesfätte im einfamen Walde zur chrifffeftlihen Zeit in Flammen. „Ci 
mweißeß Haar“ erzählt bie Geſchichte eines alten Ctubdenten, "dem zu Weihnadsten ba 
herrlichfle Gefcent, die Tiebreizende Braut, zutheil wird. Much in der Schlufnonell 
Tehnt fih das Glüd in Geflaft eines klonden Madchenkopfes beim Lichterglang + 
der Winterſonnenwendnacht an bie Bruft bes geliehten Mannes, Damit — 








Am famin, 469 


Hergensgefchichten aber nicht allzu ungebunben erfcheinen, hat der Verleger das Bert 
mit einem geſchmacvollen Driginaleinband ausgeftattet, welcher an Schönheit dem 
Imbalt der Erzählungen gleich zu tommen fught und ba® Bud) insbefondere als ein 
paffendes Weihnachtsgeſchent empfiehlt. Dr. E. Tr. 


Eines der ſchönſten BWeipnachtsgefcpente iſt jedenſalls bie im Berfage von X. 
9. Bayne in Reubnit bei Leipzig erſchienene Junſtrirte Jamilien-Bibel.“ 
Der impofante, prächtig außgeftattete Band enthält die vollfländige Bibel nach ber 
beutfchen Uel ung Dr. Martin Luthers mit erMärenden Anmerkungen von 
Brofeflor Dr. Otto Delitih, fowie 36 fehr ſchöne und, wirfungsbolle Delbrudbilder, 
2 Karten, bie flattliche Reife von 431 Holzſchnitten, und eine Mebaillon-Familien- 
Urtunde zum Cintragen aller in ber Samilie vortommenber Geburts- und Sterbe · 
jälle und Heiraten, Wir vermögen zur Empfehlung ber Bapne’ihen Illuſtrirten · 
amiſien · Bibel“ nichts befleres > thun, als ben Ausſpruch einer hochberühmten 
torität, bes Stiftspredigers und Ober-Ronfiftorialtathes Dr. Burd in Stuttgart, 
über’ biefe Bibel zu citiren. Er lautet: „Wenn irgend etwas unfer evangeliſches Bolt 
yu,jener Bertrautheit mit der heiligen Schrift zurlläführen kann, um welche wir unfere 
iter beneiden, jo iſt es eine Familien-Bibel, melde den Hausvater in ben Stand 
fegt, ohne voraugehendes Stubium umfangreicher Auslegungen, das Wort Gottes 
mit ben Geinigen in ber Weife zu Iefen, baß bie Hinbernifle bes Verſtändniſſes 
durch kurze Erläuterungen weggeräumt werben. Im bieler Hinficht bieten bie der 
„Süuftrivten Familien « Bibel“ beigegebenen Anmerfungen des Herm Profefier 
Deliti gerade das, was die hriftlihe Familie braucht. Gelehrte Unter- 
fusungen beifeite laſſend, weiß berfelbe bie Ergebniffe gläubiger Bibelforſchung 
einer für jeden benfenden Ehriften veränblichen Geftalt kurz zufammen zu fallen, 
fo baß fowohl in Beziehung auf bie äußere Hülle des Gottesworts buch gefchichtliche, 
geographifce unb arhälogifche Erläuterungen bie erforberlihe Belehrung dargeboten, 
als auch ber beilsgefhichtlihe Inhalt deffelben durch kurze Wingerzeige ins rechte 
Licht geflellt wird und Auftöße befeitigt, Eimwenbungen gegen bie Wahrheit der Schrift 
idgewiefen werben.“ Diefe Bibel ift zu dem reife von 24, 25, 27, 29 und 
Mark, je nach ber Ausfattung bes Einbandes, durch jede Buchhandlung und " 
obigen Berfag zu beziehen. 


Ber einem guten Wlufiler oder einem gebilbeten Dilettanten zu Weihnachten 
eine Freude maden will, lann in ber That nichts beſſeres thun, als Pahne'e 
„Kleine Bartituren“ zu wählen. Diefes reizende und für Mufifer eminent prattiſche 
Unternehmen, das fi in kurzer Zeit ben ungetheilten Beifall aller Mufiter und 
Dilettanten erworben hat, präfentirt fih in ben hübſch ausgeftatteten, handlichen 
Bänden gang beſonders vortheilhaft und anziefend. Wir eriumern und nit, ſeit 
langem bei einem ähnlichen Wert einen fo gebiegenen, einfachen und gleichzeitig ele ⸗ 

janien Einband gefehen zu haben. Es liegen von biefem mufitalifhen Sammelmwerte 
folgende Bände vor: Beethoven, Duartette; Haybn, 24 Öuartette und 30 
Duartetie; Mendelsfohn, Quarteite, Alavier-Zrios, Duintette und Octette; Mo- 
jart, 10 berühmte Ouartette, ferner biefe und bie 5 Streid-Quintette und Klari- 
netten-Quintett; Schubert, 3 berühmte Ouartette, 2 Trioe, Quartett und Octett, 
fowie baffelbe nut mit fänmtlichen Ouartetten und bem Borellen-Duintett; Shnmann, 
Streich · Quartette, Klävier-Zrios, Mlavier-Duartette und Duintette; Spohr, 4 
Doppel-Duartette, Oetett und Nonett. — Diefe letzten 6 Werke find nod nie in 
Bartitur erfhienen und wahre Perlen der Kammmermufil. Die Sammlung enthält 
(im Heften) noch viele andere Mufitwerke von höchftem Intereffe fir ben Mufiter 
und Mufilliebhaber, 3. ®.: 3 Ouartette von Eherubini, 3 Ouartette von Ditterd- 
dorf. Die große Serenade fir Blasinftrumente von Mozart, bie beiben Diverti» 
wmenti in.B-Dur und D-Dur. Die Preife ber Hefte variiren von 40 Pig. bis 
1 Mart 70 Bfg., diejenigen der Bände von 6 Marl bis 13 Dart 50 Pig. 





470 Am Kamin. 


Der thätige Berlag von Meißner und Bud in Leipzig, deſſen Spezialität 
one Bücher in Farbenbruden für bie Jugend und fir ben Salontifc find, hat in 
biefem Jahre eine Reihe von Prachtwerken anf ben Weihnachtemarkt gebracht, bie 
fich ihrer ganzen Art nach ganz befonders zur Auſchaffung empfehlen, zumal auch bie 
Breife “ F Minderbemittelten geſtatten in das Gädel zu greifen. Da find bie 

„Sterne der Heimat, Bild und Reim ans bes Kindes Daheim. HMufrirt dom 
% OH. inte, mit Gedichten von Frida Shanz“ Wie kaum ein anbere® Bilber- 
buch iſt dieſes geeignet, — n trauten „Sternen” unter dem Weihnachtsbaum 
zu firablen. faler und Di feiern jeder im feiner, aber beide in en 
tamiger Weife das Leben in der Kindheit Heim, bei Tag unb Nat, beim 

und im Traum, im Lenz unb im der Bintersjeit, in Leib unb in 

Muttergerz muß frobfoden, wenn es bie innig-füßen Berfe nnd Reime in m, 
wenn eb inne wird, wie ber Liebling fi baran erbauen foll. Unfere Sugendi 
namentlich bie Voche des beutfchen Heimathaufe hat in biefem Buche mit feinen 
chlieten, formenfhönen unb fo innig volfsthiknficen, ‚Herzen ſprechenden 
Berfen und lieben Bildern einen Schaf erhalten, ven «6 7 noch lange bewahren 
fol. Nah Art der Hey-Spedter’ichen Yabeln follte das Buch ein Gemeingut, eim 
Bollabuch werden. Aehnlich ift bie ugendluſt von Frid Rei mit Keimen 
von Friebrid Erk, Hier Herricht mehr daS broffige Kinderlich und ber Humor 
aus dem Kinderleben vor. Das Buch if ganz allerliehft ansgefuttet und bie nied- 
lichen Sinberbifber be6 Degen Malers Feie Reiß machen fh Wirklich in ihrer 
flotten Manier ganz prächtig. Die „Oeidereien, ein durch Wald unb 

And ein niedliches Meines Saal mit bunten Lanbfcha| und Blumenbi 

auf ſchönſtem Papier, welche ſich je um ein befanntes Gedicht ſchlingen. Da® nette, 
Hanlice, ie elegant außgeflattete Werten wird namentlich junge Däbchen erfoeuen. 
Ein viertes Meines Prachtwwert, betitct „Werte des ', enthält Sinufprüde, 
Sentenzen, kleine Gedichte mit niedlichen, bunten Bildchen verpient Auch biefes, 
sehr Hüßeh gebundene Buch eignet fich als eines, finniges Weihnacdhtsangebinbe. 


Bebeutenb als künftierifches Prachtwerk ift der in Edwin Bormann’s Selbf- 
verlag in Leipzig erihienene „Ließerkert in Gang und alaus in Bild und 
Bert“ von Edwin Bormann, bem belannten und beliebten ſächfiſchen Humoriften. 
In einem prägtig außgeflatteten, fehr fhön gebundenen Großquartband enthält ber 

Sieberhort” eine —S— ammiung friſcher, fröplicer Gedichte und fengbare: 
Beifen, welche bie verſchiebenſten Töne unb Stimmungen, aber immer heitere unb 
iupige, anſchiagen. Das Wert if in fieben Bücher eingetheilt; ben Reigen eröffnet: 

‚Dae Bud) von der Mutter Natur“, weiches ganz reigende parobifiice und fatyrife 
Serge über Dinge der Raturwiffenfchaften in iprer neueften Entwidelung enthält; 
dann folgt harmlos · parodiſtiſche Nederei, in ber Edwin Bormann ein Meifter ik 
in bem „Buch ber Weltgeſchichte.“ Daß das „Buch vom Durfte” einen kefonbers 
feugptfröhlichen Charakter trägt, fagt ſchon der Titel, aber auch das vom Fre 

Beiblihen" if nedifh und mit mandem Stachel verfehen, mit 
inbeffen nur zart verwundet. Das „Buch vom Kulturfortichritt“ Geigakint Ro m AH mit 
allerlei Tagesfragen unb das „ ber Bücherwelt“ feiert bie {hmwarze gu mb unb 
das Reich der „Gulen und KXrebfe" in ber bekannten geiftvoflen Mawier Ber 
„Das Buch Kunterbunt‘ macht mit buntem Reigen ben Beihluß. — gr 
bas Wert durch eine glänzende Reihe vortreffliher Iuftrationen, von Meifterhasb 
gegeichnet. or allem hat fi geoder Flinger, der „Leipziger — mit feinen 
fellen Zeichnungen, Ornamenten und netten um Das Bud bverbient gema 
Suber ihm Nleuerten noch Gehrte, ber famoſe Mindener Ile, Kieinmichel, Kant. 

x. prädtige Zeichnungen bei. Daß jebes Lied nach einer Melodie zu fingen if, ' 
Bormann in fehr gelhidter Weiſe angeorbnet. Meiftens find allbelannte Melon 
dazu gewählt, einige Sieber find aber eigens Lomponirt worben. eben biefer =. 
autgabe Hat Bormann eine Heine, handliche und natürlich um vieles biigere 
ausgabe feines Fieberhort® veranftalter, welde wir ebenfall® auf das Mär 
empfehlen können. 








Am Kamin. 471 


101 nene Jabeln. Serausgegeben von Frida Schanz, iffuftrirt von Feodor 
grinzer Kein ‚ Ambr. Abel. — Unter Mitwirtung von Friedrich von 
odenftebt, ilior Blütgen, Franz Hirſch, Iulins Lohmeyer, Pauline 
Schanz, Julius Sturm m. a. hat uns bie beliebte Jugendſchriftſtellerin im 
Berein mit dem trefflichen Thierzeichner einen wahren Schatz für unfere Jugend 
jeliefert. Die halb ſchon veraltete und vergefiene Dichtgattung feiert in bem ſchoͤnen 
mb eine Auferſtehung, beren ſich jeber Päbagog und Jugenbfreund mur von 
Herzen freuen fann. Die Mehrzahl der gefammelten Stüde werben in bie Schul- 
bucher und von bier in das Gebähtmiß des Volles übergeben: fie bieten das 
wahrhafte Ibenl ber Fabel: in Mmapper, tabellofer orm bie Darlegung einer 
wmoralifhen ober ethifchen Idee, unter fpielendem, liebenswürbigem Humor ernfle 
Hinweife auf Tugend und Wahrheit, im ganzen nie über das kindliche Verſtändniß 
binansgehenb, und doch tief genug, um Pt; dem Erwachſenen Stoff zum Nachdenlen 
zu geben. Wie meifterhaft ber Illuſtrator es verſtanden Hat, dieſe Fabelideen zu 
derbildlichen, lann fich jedet denken, ber einmal mit Verſtändniß bie wunderbaren, 
in ihren qalalteriſtiſchen Zügen frappant aufgefaften Thiergeſtalten Flinzers betvun- 
derte. Der Berleger hat offenbar für das Buch gethan, was man nur an eine 
Erſcheinung von bleibenbem Werth wendet. Die Ausftattung ift eine glänzende; ber 
Preis (5 Mark) im VBerhäftnig ein billiger. — Fur Liebhaber eriftirt übrigens eine 
—D zit Buntbildern verfehene Ertraausgabe in Prachtband zum Preife von 
art. 


Garlette, Bon Leipzig na der Sahara. Mit ca. 100 Iluftrationen und 
einem feitiwort von Hr. von Hellwald. 6 M. broſch. 8 M. geb. gr. 8%. 24 
Bogen. Berfaffer, ein Leipziger Buchhändler, fehildert hier feine letzte Reife 
durch Frautreich, Spanien, Algier und bie Ziban Dafen, Freiherr von Hellmalb, 
der berühmte Geograph und Kulturhiftorifer, fagt im Vorwort u. a. folgendes: Das 
Bud, dem ich dieſe Zeilen woranfende, hat es eigentlich nicht nöthig, das eine fremde 
Feder ihm zu Gevatier ſtehe. Wer daſſelbe Suffätägt, wird fon burd die forgfame, 
vornehme Austattung, durch den Schmuck zahlreicher, künſtleriſch ausgeführter Bilder 
von vornherein beſtochen. Der Berfaffer iſt ein liebensmwilrbiger Plauderer, der ſchon 
ein gut Stüd Welt geſehen unb feinen Bid geihärft für Menſchen und Dinge. 
&r iR ein guter Beobachter, ein lebhafter Schilberer. Die deutſche Reifeliteratur 
würbe nur grwignen, verftünben e8 ihre hochverbienten Berfafler, öfter als es bie 
Regel, ihre Echilberungen mit bem Gewande der Anmuth zu umlleiben, wie hier 
geihieht x. Wir fhlleen uns bem Urtheil Herr von Heltwald's voll’und ga 
an, unb bemerfen noch, daß der farbenprächtige Umſchlag und Einband genau na 
einem Bogen der Alhambra hergeftellt ift. dar Bert if für den Weihnachtetifch 
ſehr zu empfehlen. 


Dentſche Dichter von bis auf unſere Tage im Urteil zeit⸗ 
genäffiiger und nachgeborener Dichter von Dr. Mabrenheig. Leipzig 1887. 
5. Oranbfletter. Zu aefipetifcper Lektüre, zum Auffpeichern geiftiger Sagerfloffe, fruchte 
tragenber Keime feeliicher Läuterung — wer will heute noch die Zeit dazu finden?! Es 
iſt wirklich traurig, wie völlig ifolirt, ohne jebe aufmunternde Theilnabme das Schaffen 
ber wirklich tiefere Probleme aufgreifenden Dichter (Lyriler und Romancier) heutzu- 
tage fi bei uns vollzieht! ögejehen von der — durch das Teibige Efiquenmefen 
ſtart beeintrãchtigten — Anerkennung rein literariſcher Kreiſe iR bie Summe von 
Veachtung und Berfländniß, welche dem jungen Schriftfteller entgegengebradt wirb, 
verzweifelt gering. Was Wunder, daß unter den meiften eine fo derbe Berbitterung, 
Hin fo ſchneidender Peſſimiemus Platz gegriffen hat, bag man über Neben und Ger 
bahren biefer Leute mandmal faft erihreden möchte! — Unwillkürlich trübt ihren 
id der Weihrauch, welcher dem Iebernften Klaviervirtuoſen und Salontompofiteur 
‚ejpenbet toirb und macht fie umgerept und — neibif! Allerdings ift der Mufit- 
"moindel bei unferem benfträgen Publikum nachgerabe zu bebenflicher Höhe heran- 

wochſen, aber Zeichen ber Befferung find ſchon vorhanden. Jedenfalls „left“ der 
-tjche an und für fi) genug (vide Leihbibliothefen!) und die Bahn bes Boeten 


472 Am Kamin. 


war von jeher eine „dornenvolle · Im Beten, der m Tiat find_die „Tränmer“ und 
„Ideologen“ immer überflüf iſſig“ geweſen — obigen Werte möge mar bie 
Abf'pnitte Aber Goethe und —* een um nie Wahrheit des Geſagten ber 
Nätigt zu finden. Das Werk if im übrigen recht gefchidt Gufammengefeit x und ger 
währt einen überrafgenden Einblick „hinter bie Eonliffen.” Wahrlih alle Nationen 
tönnten uns um ben Zaubergarten beuticher Dichtung beneiben, wenn fie ibm nur 
tennen würden! W. A—t. 





Heitt er lt en Denk Brölt, prefifher dye Meran ud 
waifers. Dargeftelit von Dr. Guftau Prölf, ät zu m 
Babgaflein. 9. Auflage 1888. Werlag bes Herausgebers. Preis 15 Kreuzer. Bir 
maden hiermit auf eine Heine Brojhlire aufmerkſam, melde der auch in weiteren 
Kreifen befannte und verdienfivolle Arzt zum Wohle ber leidenden Menfchheit verfaßt 
hat. Man laffe fi) das Schriften kommen umb forge für Werbreitung feines 
Inhaltes. Indem mander Kranke das Gafteiner Waſſer daheim benugen Tann, 
ohne in das nicht Billige Bad reifen gu mäffen, wirb bie Heine Brofdjlre äußerk 
eınpfehlenswerth. Ewald Haufe. 


Bildertifg. 


Der gewandte unb flott zugreifende Zeichner wilden m arögter verherrlicht 
in —8 moriſtiſchen ife auf unſeren beiden erſten Siluftvationen bie beiden 

fte, welche das eine das Enbe, das andere ben Anfang des Jahres bezeichnen: 

ten und Reujehr. Bie in der Chriſtnacht und in der Nenjahrönecht 

in Hütte und Palaft, auf der Straße der Großflabt, wie im fernen @ebi 1, je 
im fernen Kamerun und auf hobem Mafttorbe, im Cafe, wie im trauten ilien- 
Treife gefeiert, gejubelt, gezecht und auch wohl geweint wirb, das alles flellt und ber 
Maler auf ben beiden Blättern in flotter originelle Beile dar. Die brüte 
Süufration bringt die Porträtbüfte Kerl Gnttems anf dem Dentmet des Dichters 

des „Uriel Acofla“, bas ihm im Juni 1887 in Dresden erridtet wurde Den 
Tert dazu finden unfere Leſer in einem Auffage ans der Feder Adolph Kokuts über 
Suglow im gegenwärtig igen Salon «Heft. FR az gang ezäplt auf 
unferm lehten Bilbe bie Alte: ben faufcenden hübfchen Mäbchen, Garakterifiide 
Köpfe reiht Deutlich dae lebhafte Imtereffe wieberfpiegeln, weldpes bie Mäbrpen az 
den Gruſelgeſchichten der Alten nehmen. 


— 





Neueſte Moden. 


. Ar, 1. Binterhut aus ſchwarzem Filz. 
Der Gazeſchleier, melder zur Ausſchmückung des Hutes verwendet ift, bildet 
vorn am Kopitheif beffelben dicht zufammengezogene Bäufche, welche hoch nach oben 


L-- 


Nr. 1. Winterhut aus ſchwarzem Filz. 
Der Salon 1889. Heſt IV. Band I. von Dit 32 


474 Aenefte Moden. 


fäcjerartig emporftehen und au ber einen glatten Seite mit einer fchräggeiledten, 
verzierte Feder geftügt werben. Der Schleer winbet ſich dann in zwei Theilen an 
dem Kopftheil des Hutes nad) hinten, wird bort ineinander» und nad vorn loſe 
unter dem &ium geidlungen. Die Krentpe des Hutes in an ben Eeiten ftark aufe 
gebogen und hat einen emporfiehenben breiten Ranb 


Nr. 2. Winterhut. 


Ar. 2. Vinlerhut. 

Der ſchwarze Filzhut mit niedrigem Kopf hat eine, vorn breit vorſtehend⸗ 
zu einem Bogen gerundete Krempe, weiche imen mit ſchwarzem Sammedeie 
ift. Den hinten fhmalverlanfenden Rand des Hutes bededen obenauf mehrere neben 
einander aufgefetste Goldborden. 

Das Kopftheil fpmüdt eine reihe Gtiderei, welde ‚von mehreren „an Hinter: 


Acurfte Moden. 475 


topf angebrachten und nach vorm, fowie aud am bintern Rand bes Hutes herab» 
fallenben Federn beſchattet wird. 
Ar. 3. Binterhut, 
Den niedrigen Kopf des maronenfarbigen Filzhutes umgiebt eine, vorn breite, 


Nr. 3. Winterhut. 


erabe vorfiehenbe und nach hinten fehe ſchmale Krempe. Der innere Rand ‚des 

Shirmes if mit Federn bededt. Die Bindekänder find am Hinterkopf in ihrer 

Mitte befeftigt. Gin Theil berfelben hängt von ba aus frei herab, bie anderen En 

den werben unter bem Kinn in eine Schleife gelnütpft. Den Kopf kededen nad) 

vorn zu gelegte breite Arlasichlupfen und ſchöne fh dazwifchen. fehlingende dedern 
32° 


Deine, Google 


Deine, Google 


478 Aeuefte Moden. 


Ar. 4. Mantel aus brofhiriem poau de sole. j 
Die glatten Vordertheile des Mantels haben einen Falteneinfag. Die faug 


Nr 7. Diantel aus blauem Tuch und Sammet. 


beraßreichenben, vorn offenen Aermeltheile find an ben Rändern mit blauem Fuche 
pelz befeht. Der Rüden it anfiegend und enbigt in ‚Rodfalten weiche mit einer 


Neueſte Moden. 479 


großen, am RNuͤdenſchluß befeftigten,. laug herabhängenden Faillefchfeife Gebet find. 
Der rumde Hut von fehmargem Filz bat einen Yinten f—hmalen, vorn gerabe bor 
Rehenden Raud und zur Ausfhmüdung vornauf hochſtehende Bandfeleifen. Stoff 
zue Anfertigung bes Dantels ift erforberli: 12 Ditr. Geide und 7 Mir. 50 
Tentm. Pelz. 





—— 


EN 


DEATH 






must line aan: 


Nr. 8. Bitte. (Ballumpang). 


Ar. 5. Anzug für Mädden. 


i Der Ueberrod aus otterfarbigem Sammet hat eine glatte Taille mit faltig 
angefegtem Rodtheil, welches aus fünf Stofjbreiten Sammet hergeftellt if. Ein 
Dreifadper Pelerinenkragen umgiebt die Schuftern. Den Hals umfliegt ein Steh 
ragen. Der Nodanfag wird von einer fChönen Geibenfhnur mit Duaſten gebedt! " 


480 


; 

Das Vorderthe 
reifen. Das faltig 
finden ſich zadig um 
Die fegrägtiegenden { 
vorn über einem we 
theile. Die glatten 
Rodtheilen, fowie ei 
Hals umgiebt. Die 
bogen und bort mit 
fhlupfen befinden, bı 


Ar. 
An einem vor: 
angefegt. Die Bord 


Gürteltheife befefigt. 
den Seiten glatt bis 
falten. An den Seit 
bat eine, anf ber Er 
fchleifen befinden. D 


Diefer fehr ele 
Die vorn abgerundet: 
Ein zadig abjcht 
ziert. Die glatten, 
Pelzquaften zufamme 
den Yale ift eine gl 
abpängen md unten 





Auf einem We 
und mit einer ſchön⸗ 
Amfeltopf bervorfieht 
futter bedt die Inne: 


Reraction, } 





Murillos '„Unbefleckte Empfängniß.“ 


Qo 
Pa 


Auf Gapri. 
Blaudereien von Anton Andrea. 





is vor einigen Jahren wußte der Neapolitaner nicht 

viel mehr von dem lieblichen Eiland, als daß es 

feiner Stadt gegenüber liegt, daß er es dicht vor 

Augen hat, wenn er in der Billa Nazionale fpa- 

ieren geht, und daß es dank der berühmten blauen 

Brotte und der malerischen Tiberiusbautentrüm- 

en viel von Künftlern und Reifenden bejucht wird: 

e genug, um ſich das Leben daſelbſt jo eimförmig 

4 „eilig wie möglich vorzuftellen! 

ute freilich hat man ſich überzeugt, daß auf Capri auch herr⸗ 

liche Ausfichten, erfriſchende Luft, ftärkende Bäder und eine Anzahl 

guter Hötel3 vorhanden find, wo man mit den —ãe— — Typen 

der in und ausländiſchen Geſellſchaft zuſammentrifft und in allen 

Sprachen Unterhaltungen pflegen fann. Und was für köſtliche Aus- 

flüge zu Fuß, Wagen und Pferde! Und die jeuberbafte Kahnfahrt 

— mit und ohne Seekrankheit — um die Inſel! Die Eſelsritte nach 

dem Monte folare, die Mondfcheinpromenaden nad) dem Tiberius- 

berg, wo fi) Donna Bettinas Weine und belegte Butterbrode jo 

harmoniſch mit den Genüffen, welche ve Natur dem Wanderer 

darbietet, vereinen! Donna Bettina ift nächſt dem traditionellen 

Denkmal Tiberianifcher Graufamfeit die erfte, ihr ſich in drei Jahr⸗ 

jängen präfentirendes Fremdenbuch, die zweite Merfwürdigfeit auf 

m befagten Berge. Arme Donna Bettina — treues Mutterherz! 

Noch nad) zehn Jahren trägſt Du Trauerkleider um Deinen in 

Umerifa zugrunde gegangenen Sohn, und beteft täglich, ftünblich 

Dein Avemaria und Dein Paternofter für ihn, was Dich jedoch nicht 

abhält, Deine Gäfte freundlich zu bemwirthen und ihnen Deine Nuto- 

graphenjammlung zur Anficht, wie zu neuen „gefälligen“ Beiträgen 

vorzulegen. Himmel, welch’ ein Reichthum von Dokumenten menſch- 

lichen Blödſinns! . 
Der Galon 1889. Heft V. Band 1. 88 


482 Auf Capri, 


Bo ift der Mann, Donna Bettina, der auf der ſchwindelnden 
Böbe des Tiberiusfelfen geftanden und nicht eine poetiſche Anwand⸗ 
ung gehabt hätte? Und gar erjt die Frauen und Fräulein! Dein 
grembenbug Hagt fie alle mit taufend Stimmen der Verjündigung 
jegen die Muſen an, und Du Unſchuldige ahnſt nicht, wie ſchwer fie 
— büßen werben müſſen, wenn Apollon am jüngſten Parnafjos- 
ine Werke auf die Wage feiner Kritik Iegt.... . 
ir, wie allen ſich zur Zeit auf Capri befindlichen Reifenden, 
ſchlug Donna Bettina einen dramatijchen Anlauf aus namenlofer 
Feder in ihrem Buche auf, mit der Vorausfegung, daß es „bellissi- 
mo“ fein müßte, weil zwei Damen (ic) wette, dab es Blauftrümpfe 
waren!) beim Leſen deſſelben Thränen een hätten. Getroit 


tage 





machte ich eine zweite Gedankenwette: Verfalferin gleichfalls Blau—⸗ 
ftrumpf! — Gewonnen! Donna Bettina Härte mich bereitwillig 
darüber auf: Eine Ausländerin, die ſchon feit mehreren Sommern 
nach Capri fommt, und zwar zufammen mit der „wunderjchönen 
Marquife Adele". . 

„Wer ift denn Die ‚munderfchöne Marquife Mdele‘?“ 

„Die elegante Dame in ber Geſellſchaft des ‚Onorevofe‘.“ 

„Und der ‚Onorevole‘?“ 

Donna Bettina jah Be) an, als ob fie fagen wollte: Wenn 
Sie das mic wiffen, jo wilfen Sie überhaupt nichts! Erwiderte 
jedoch zuvorfommend: „Der Deputirte von Chiaja, Marcheſe Ungaro. 
Wenn Sie in Duififana wohnten, Herr, würden Sie die ganze vor 
nehme Gejellichaft kennen lernen.“ 

Dem kann geholfen werden! Ich wohnte zwar im Hötel Pa: 
gano, der gemütlichen Künftler- und Stubentenherberge, fchnürte 
jedoch noch an bemjelben Tage mein Bündel und fiedelte um nad 
Quififana, Signor Serenas großem Etablifjement, dem Fein anderes 
Gaſthaus auf Capri den erften Rang jtreitig zu machen wert. Wie 
gewöhnlid; war hier bereits „alles — aber Signor Serenas (in 
traulichem Umgang Don Federigos) Gaftfreundfchaft, die ſich zunächſt 
von meiner Auſpruchsloſigkeit überzeugte, fand mir noch ein nied- 
liches Schlupfwinkele in feinen eigenen Wohnzimmern, und id 
wurde binnen kurzem Mitglied der „vornehmen Geſellſchaft“ in 
Quiſiſana. 

Don Federigo, Dein Name ſteht obenan auf dem Gedenkblatte 
meines Gabrefer Aufenthalts! — Eine Marlittide Ideal-Männer- 
geftalt, auffallend Hübfche, nichtsfagende Phyfiognomie und mangel- 
hafte Orthographie kennzeichnen den äußeren, Gutmüthigfeit, Schlau: 
heit, Gewinnfucht und Furchtfamteit den inneren Mentchen. Ven 
fie gut bezahlen, geht Don Federigo für feine Gäfte durch’s Feuer - 
vorausgefegt, dab es ihn nicht brennt. Seine Toilette wie ji n 
Selbftbewußtfein richten fich nach den Einnahmen. Gegenwär g 
fteht er mit feinem Hotel im Zenith feines Erfolges: Alles, was | h 
duch, Rang, Schönheit, Geift, Spleen und Abenteuerlichkeit audzei F 
net, ſcheint ſich in Duififana Stelldichein gegeben zu haben! — I r 









Auf Capri. 483. 


Onorevole“, ein Typus des vornehmen Neapolitaners*), gewandt, 
oberflächlich, gemütvoll, lärmend, elegant und unverwüftlicher „Bla- 
eur“: Er vergieft Thränen über feine eigenen im Wahlklub ge- 

Itenen Reden, prügelt feinen Diener und leiftet ihm nach verflo- 
jener Aufregung reuig Abbitte; Hilft Armen und Bedrängten mit 
Feier Fürfprahe und dem Gelde anderer, fchreibt ſchwungvolle Ge— 
Dichte über den Tod feiner Gemalin, die er gerührt dem eriien beiten, 
der ihm während feiner poetifchen Anwanblung in den Weg kommt, 
vorlieft und erfreut ſich der Achtung und Liebe von gaug Deapel. — 
Der —S Fürſt Corrigliano, ein fo großer Muſikfreund, 
daß er ſelbſt nicht an der Table d’höte ohne feinen für die Sommer- 
Ken gedungenen Kammerfänger erfcheint, an deffen wohlbeleibten 


Perſon alle RE und -Enöpfe bligen, die man gegen. die 


neapolitanifdhe Mode an feinem Herrn vermißt. — Der feine Herzog 
von St. Dpidio, mit feiner munteren Gemalin und feinem wohl⸗ 
erzogenen Söhnchen. — Der vielbelefene Marquis d’Anunziante mit 
Familie, in ber ſich die fünf männlichen Sprößlinge durch Klugheit 
und phänomenale Nafen auszeichnen. — Der junge Graf Miramon 
— Sohn de3 an einem Tage mit dem unglüdlichen Kaijer Mazi- 
milian zu Queritaro erfchoffenen General? Miramon — mit feiner 
ſchneeweißen Dogge Lie. — Die blonde, zierliche, arg geſchnürte 
Prinzeffin von Velmonte, und vor allem die „wunderfhöne” Mar- 
quife Adele mit ihrer Dianengeftalt und dem ftolzen Jundaugenpaar! 

Das find ungefähr die Repräfentanten des Ranges und der 
Schönheit. Ihnen ſchließen ſich Die des Geiftes an: Der braun- 
gelodte Graf Pompejo Litta (unter den Dichternamen Loppi in der 
italieniji Riteratur debutirend) mit dem Arm in der Binde, in 
Rekonvalescenz — nad; einem Duell, in welchem feine Gattin eine 
ve Tugend nicht fchmeichelnde Hauptrolle fpielte, und das ganz 

tailanı in Aufregung brachte, — ſchwärmeriſcher Anbeter ber 
schönen Marquiſe und eifterter Freund feiner Schweiter in der 
Literatur, der mir durch Donna Bettinas Reklame befannt gewor- 
denen „Ausländerin“, die gleichfalls zu den Vertretern des geiftigen 
Elements unter_ Don Feberigos Säften gehört und eine durchaus 
internationale Erſcheinung ift; dann: der Veroneſiſche Maler Paul 
Cagliari (aus der Familie bes berühmten Paolo Veronefe) mit feiner 
ausdrudvollen Slate, feinem genielen Binfel und ſchönen Bariton, und 
der geiftreiche, junge Advokat Margotta aus Neapel, dem ewig 

idelnde Wige und „Calembours“ auf den Lippen ſchweben; bieje 
Gilden das Kunft-, Literatur- und Wiffenjchaft-Vierblatt. 

Der Spleen ift in dem bartlofen, von den Damen verzogenen 
Jüngling Dr. Bud, und den Mit Lucy anfchmachtenden Mr. Benny 
fon verkörpert, und die untrügliche Abenteurerfigur begegnet uns in 

onfieur Mortier, der von nie befeffenen Millionen, nie geſchlage— 





*) In Reapel giebt es überhaupt nur zwei Typen: ben „Signore“ und ben 
„Razzarone". 
33% 






484 Auf Eapri. 


nen Duellen ftrogt, Monte Carlo unſicher macht, große Abſchieds— 
Diners zu feiner „bevorjtehenden Reife nach dem Orient“ giebt, feine 
Tobesanzeige inferiren läßt und dann plöglich wieder auf Capri zum 
Vorſchein kommt, um die Glückwünſche zu jeiner fröhlichen Aufer- 
ſtehung Itg en zu nehmen. Man munfelt von feiner Verlobung 
mit ber Hül fen, totetten Tochter bes Marquis d’Anunziante. — 

Bei ſchönem Wetter macht die ganze Sefeliiaft unter Anfüh- 
zung bes „Onorevole“ und den Liedern des Kammerſängers des 
gür ten einen Ausflug auf die Berge, der, wenn die allgemeine 

une gut ift, mit einem von ben Engländern veranftalteten Tanz 
mit Mondftheinbeleuchtung auf dem Tragaroplag endet. In Erwäs 
gung beffen wird die zuerſt vorgefchlagene Bergpartie zu einem Nitt 
nad; Anacapri umgewandelt. ie Marquife, ſtrahlend vor Schön- 
heit und Lebensluft, in ihrem marineblauen, mit goldenen Knöpfen 
verzierten Zouriftenanzug, Der dazu gehörigen bunfelblauen Toque 
auf dem prächtigen, natürlich gewellten, tiefbraunen Haar, zieht es 
vor, fich anftatt des Ejels einer „Carrozzella“ zu bedienen. 

„Gewähren Sie mir, dem Herz» und Leberfranfen, ein Pläg- 
Gen in Ihrem Wagen, holde Marquife!“ fleht Graf Litta. Er fieht 
aus, ala ob er ihr zu Füßen finfen möchte. 

„Jeden Tag bringen Sie eine neue Krankheit and Licht, Grafl“ 
Tächelte die |höne Frau, „Dabei weiß fein Menſch, was Ihnen eigent- 
lich fehlt. Steigen Sie ein!“ 

Der junge Advokat, deſſen anerkannt ſchwache Seite das Neiten 
ift, nimmt den Nüdfig ein, und der Wagen eröffnet den Zug. - 

Die Prinzeſſin Belmonte im grauen Promenabenkleid, einen 
rieſigen, mit Sorrentiner Seidentüchern garnirten Strohhut, an dem 
gm Ueberfluß noch eine große Diamantnadel funfelt, auf dem ges 

äufelten Blondhaar, läßt fih von Mr. Bud auf ben Eſel heben. 

Der jugendliche Yankee hat, als auserlefener Kavalier der Brin- 
zeſſin, die Teichtfüßige Stute Terefina mit einem fchwerfälligen Lang- 
ohr vertaufchen müſſen. Graf Miguel Miramon I feine kluge 
Lis ab, um durch ihr befanntes Pochen mit der Pfote an der Thür, 
der internationalen Literatin (allgemein kurzweg „Mademoifelle“ ge= 
nannt) dieſe u benachrichtigen, daß man fie erwarte. Der Graf 
hält die von Mr. Bud fehweren Herzens aufgegebene Tereſina für 
fie am Zügel, während Don Feliciello, der dide Efel-, Pferd» und 
Wagenlieferant von Capri, die hochbeinige Barracca für ihn ſelbſt 
—— Lis erſcheint mit ber Verſpäteten. Sie trägt ein glatt- 

efaltetes, HL Kleid und einen Meinen, dunfeln Neithut: die 
ichterin ift zur Amazone geworden! 

„Haben Sie noch in der Eile ein paar unglüdlich Liebende ve 
eint, Mademoifelle, oder die Welt von einem Böſewicht befreit! 
fragt fie der Herzog von St. Dvidio, mit dem ihm eigenen feine 
Xädeln, indem er ihr die Hand zum Auffteigen bietet. 

„Viel ſchwereres, mein Herr Herzog!" lacht fie munter, „i 
habe mir einen Handfchuhkuopf feftgenäht.” ö 





Auf Eapri. 485 


Von Lis gefolgt, fchliegt Graf Miramon mit ihr den Bug. 
Sie bilden das einzige Baar zu Pferde. 

Auf dem großen Plage (la Piazza grande), der den Weg nach 
Anacapri eröffnet, fehlagen Ejel und Pferde unverſehens ein feuriges 
Tempo ein, wodurd eine fürchterliche Verwirrung entjteht und alles 
aus Reih' und Glied kommt. 

Die Caprefer Ejel haben feine Idee von Disziplin und Schule! 
Wenn einer läuft, holen fie alle aus. Steht einer ftill, jo ift Feiner 
mehr in, — _ — Fi: Des En len z zum 

itergehen zu bewegen. t ganzes fittli jewußtjein Eonzen- 
trirt is .. = Zreiber, ai —— 
a8 It zu Pferde wird im ftillen von fämmtlichen Ejels- 
reitern und "Reterinnen, beſonders von Mr. Bud beneidet. Es 
imponirt fogar Don Feliciello, der ſtets feine Pferde lobt, wenn fie 
gut geritten werden. 

„Halt!“ ruft ihm Graf Litta zu, als es am Wagen der Mar- 
quife vorbei trabt. 

Gravitätifch erhebt er fi) vom Sige und gebietet mit einer 
Handbewegung auch den Nachfolgenden Stillftand. Man’ glaubt, es 
jei etwas ungewöhnliches gejchehen. 

„Mabemoifelle!* ruft er der überrafchten Amazone zu, „went 
Sie je wünfchten, es möchte fi jemand in Sie verlieben, jo er- 
Icheinen Sie ihm zu Pferde, und er ift ein verlorener Mann. Sie 
ind eine famoje Reiterin! — — Ich habe gejprochen, Marſchl“ 

— — — 6 oft die „Quififaner“ nach Anacapri fommen, guckt 
das ganze Städtchen bewunbernd aus Thüren und Fenſtern. Herr 
Hermann Moll öffnet weit die gaftlichen Pforten feines echt deutſch 
eingerichteten Bierlolals. — — Der neapolitaniſche Onorevole ge= 
hört zu feinen Stammgäften. — — — — 


* * 
* 


Ein trüber Tag! Das’ Meer geht hoch. Das Dampfboot 
bleibt aus. Die Luft athmet Schwermuth, aber Don Federigos 
Säfte merken nichts davon. Die Damen haben große Toilette ge- 
madt. Im Haar der Prinzeffin funkelt ein Diadem von Brillanten. 

„Berehrte ——— Graf Litta zu der in einem Schaufel- 
ftuhl ruhenden Literatin, die in ihrem ſchwarzen Seide das einzi 
trübe Stimmungsbild darjtellt, „ich habe Nerven, beruhigen Sie mg 
Wenn's jo fort geht, verliebe ih mic) allen Ernſtes gleichviel in 
ven — norauögeieht, daß es eim weibliches Weſen ift.“ 

Die Angeredete zieht ein Büchlein aus der Tafche und fchreibt 
nter eine Reihe von Beiwörtern auf einer Seite, die mit dem 
tamen des Grafen Litta anfängt, das Wort „toll*. 

„Darf man fragen, was dieſe merfwürdige Geheimfchrift bes 
utei?“ mifchte ich mich neugierig in die Unterhaltung. Graf Mi- 

non und der junge Advolat, die gleichfalls ein lebhaftes Intereſſe 


486 Auf Capri. 


für das Büchlein verrathen, klären mid, darüber auf: Mademvifelle 
hat die Vervollfommnung ber geiftigen Entwidelung der drei junger 
Leute in die Hand genommen, und führt unter anderem genau 
Conto über ihr „Betragen“ (welches Gemütsjtimmung und gefammtes 
Thun und Treiben der Betreffenden einſchließt). 

Der Kürze halber bekommt jeder das einige täglich, in einem 
Adjektivum ausgedrüdt, zu Iefen: Es ift im Kauft der Zeit eine voll⸗ 
ftändige Charafterifirung in Beiwörtern geworben. 

„Wollen Sie mich-nicht auch in Ihre bildende Obhut nehmen? 
gnädiges Fräulein.“ . 

„Nein!“ erhalte ich kurz zur Antwort, „Sie find ein Deutjcher, 
das heißt, es giebt an Ihnen nichts mehr zu ändern, nichts zu ver— 
befjern. Mich intereffirt nur das Unferige” .... 

Nach den Dejeuner findet eine Generalverfammlung im großen 
Saale ftatt. Welch' eigentHümliche Bauart! Er hat Don Federigo 
viel Geld und Kopfzerbrechen gefoftet, und ift ein wohlgelungenes 
Semifc) von Luxus und Gejchmadlofigfeit. Im der Mitte, zwiſchen 
vier Säulen, erhebt fi, eine Art Podium, auf welchem das Piano- 
forte Platz gefunden hat; ber übrige Raum ift in fünf offene, be- 
haglich ausgejtattete Schmollwinfel eingetheift, in welche ſich die 
Nichtfosmopolitifchgefinnten ihrer Nationalität entjpri d zuͤrück⸗ 
iehen; derjenige der Engländer iſt gewöhnlich am ftärkften, der der 

eutjchen am ſchwächſten bejegt. Die cigarrettenrauchenden Herren 
und Damen (Cigarren find eine feltene Ericheinung in Quiſiſana, for 
fange der größte Theil feiner Gäfte aus Italienern beiteht) ziehen 
ſich in das anſtoßende Fumoir“ zurüd, bis die unterhaltenden Vor⸗ 
gänge im Saal fie wieder dorthin loden. . 

Der Sänger des Fürften Corrigliano erfcheint mit feiner Man- 
dolina. Er hat ſich während bes Dejeuners etwas heifer gefungen, 
nimmt jedoch nichtsdeftoweniger mit einer Verbeugung, die feinem 

ın alle Ehre macht, ben ar gejpendeten Beifall der Gefell- 
haft entgegen. Dann giebt der Fürſt — Schüler feines Dieners — 
jelber das „Ave Maria“ von Gounod auf der Mandolina zum beften. 
Gleich darauf gudt Don Federigos Kellnergeficht verfchmigt lächelnd 
durch die Spalte der Saalthür: „Seine Majeftät, der König Viktor 
Emanuel, fommt angeritten, meine Serial — Aus um 
Garten hinausführenden Flügelthür ſtürzt auf einem Steden gatop- 
pirend der Maler Cagliari. Er trägt einen papiernen Helm auf der 
Slage und hat die Baden fo funftvoll aufgeblafen, das Geſicht jo 
eſchickt geſchminkt, verzerrt, verzogen, ba er allerdings eine gewiſſe 
Kepnticfen mit ber befannten „Re galant 'uomo“ - Phyfiognomie 
erhält. 
Ein braufender Sturm allgemeiner Heiterkeit! Seine Majeftät 
verjchwindet, um zwei vornehmen, Bee aufgepußten Türken 
Platz zu machen, die einen mit allerlei Firlefanz behangenen, mufel- 
männilgen Bitherfchläger mit ſich führen. Der eine verräth die 
pompöfen Manieren des M. Mortier, unter dem Fez des anderen 


Auf Eapri; 487 
ragt die beifpiellofe Nafe des äfteften der jungen d'Anunziante her- 
vor, und der pausbädige Zitherfchläger hat die bligenden Augen, die 
umfangreiche Taille des Luftigen Marchefe Hektor Pignone, der erſt 
am Abend zuvor feinen Einzug in Duififana hielt. 

Der orientaliſche Sänger trägt ein Paar echt ncapolitaniiche 
BPiedegrottacanzoni vor, und erregt damit eine fo hohe Begeiſterung 
Hi Publitum, daß fänmtliche neapolitanifche Rangperfonen mit ein= 
timmen. ' 

Endlich zerftreut fich die Geſellſchaft; Mr. Bennyfon giebt den- 
felben Abend einen großartigen Ball, und Hofft ſich bei diefer Ge— 
Tegenheit mit Mi Lucy zu verfoben. Graf Litta wird zu guterlegt 
jentimental. Er bemerkt, daß ſich die Damen — fine Damen — 
zurüdziehen und geht noch in aller Eile „pofnifch betteln“. " 
’ „aniebenswürdige Prinzeſſin, ein legtes Lächeln! — Sehr ver- 
Funden!“ 

„Schöne Marquife, ein Patſchhändchen! — Taufend Dank!“ 

„Ehere Mademoiſelle, ftreiheln Sie mir gefälligft die Borſten. 
Ic bin gewaltig aufgeregt. — Sie follten nicht als Schriftitelferin, 
fondern als Dapnetiiur durchs Land ziehen.“ 

„Sie Glüdspilz!” ruft Miguel Miramon mit einem eiferſüch— 
tigen Blick auf die Marquife und die Prinzeffin aus. Dann flüjtert 
er ber internationalen Literatin zu: . 

„Ein herrlicher Negentag, um meine Lebensgefchichte los zu 
werden, Mabemoifelle, wollen wir nicht in der Vorhalle fpazieren 
gehen!“ 

„Wenn die ‚Lebensgefchichte‘ nicht länger als eine Halbe Stunde 
Dauert. — Va pour une promenade in der Vorhalle!“ 

„Der Spanier ift ein Egoift!” ruft Fürft Gorrigtiane aus, „ers 
hören Sie ihn nicht, mildherzige Mademoifelle! ein Votum ift, 
daß fämmtliche Damen fih in ihre Gemächer zurüdziehen und bis 
zum Diner der Ruhe pflegen. Ich beabfichtige heute Abend mein 
beftes im Tanze zu leiten.“ 

Inzwiſchen Hat der junge Advofat fänmtliche Fächer der Damen 
mit feinen Epigrammen geftempelt. Er nährt eine geheime Leiden- 
{haft für Epigramme und Damenfächer! In Duifffane giebt es 
keine einzige Dame, auf deren Fächer er ſich nicht etwa in folgender 
Weiſe verewigt Hätte: 

„Die vornehme Frau ift oft ohne Herz, aber nie ohne Fächer.” 

„Der Fächer iſt die Gedanfenjprache der Frau, darum macht jie 
ung jo gern Wind vor.“ . . J 

„Die Frau ein Engel? — Sagt lieber ein Teufel. Und der 
Fächer das Werkzeug ihrer hölliſchen Zauberfünjte.“ ‚ 

„Wenn die Fran fo gewiſſenhaft lernte ihr ig zu bilden, 
wie ihren Fächer zu handhaben, wäre fie das Meifterwerk des 
Schöpfers.“ . u 

Zerbrich der Geliebten den Fächer und Du zerbrichſt ihr das 
Herz“ 








488 Auf Capri. 


„Willſt Du das Wejen der Frau, die Du liebſt, verftehen, 
ieb acht auf den Fächer in ihrer Hand: bewegt fie ihn ſchnell, ift 
fe unbeftändig, — Tangjam, fo hat fie ein tiefes Gemüt; ſchlägt fie 
ihm oft auf, iſt fie gefallfüchtig; hält fie ihm lang geſchloſſen, jo 
bleibt fie Dir treu" — u. |. w. 


* * 
* 


Zür alle anderen fiel Mr. Bennyſons Ball glänzend, für feine 

eigene Perſon verhängnißvoll aus. Im der Vorahnung des ihr zu- 
gedachten Heiratzantrags war Miß Bun nicht nur ben Abend auf 
ihrem Zimmer geblieben, ſondern hatte Mr. Bennyſons Balleinladung 
in aller Form. zurüdgewiejen. Wir erfuhren diejen Umftand fpäter. 
Um feinen Gram zu betäuben, Teiftete Mr. Bennyſon Uebermenfc- 
Ads im Tanz und Champagner. Plöglich verſchwand er vom 
Schaupla . 
EEE gellner hatten ihn zu Bette gebracht. Einige Stunden 
nad Mitternacht wurden die ballmüden Schläfer im eriten Stod 
des Hotels durch ein entjegliches Knaden, Klirren und Stöhnen auf- 
gefchredt. Die Beherzten liefen Hinzu und fanden Mr. ennpfon 
mit blutenden Fäuften in den Armen des Marquis Ungaro, welcher 
fi) tapfer bemühte, ihn zu Seigwicstigen und zu verbinden. Mer. 
Bennyfon war nur mit einem langen Nachthemde befleidet: bleich, 
mit bergersten Zügen; das grauenhafte Bild eines Irrfinnigen. Der 
Unglüdliche hatte in einem Anfalle von Raſerei ſämmtliche auf die 
Terraffe Hinausführende Fenſter eingejchlagen. — Den nächſten Mor- 
gen erſchien ber Vorfall wie ein wülter Traum. Mr. Bennyfon 
wunderte ſich über die zerbrochenen Fenfterfcheiben und feine arg 
ugerichteten Hände. Im Übrigen war er vollitändig ruhig und ber 
Shnen. Gegen Mittag beftellte er ein lukulliſches Diner für vier 
Perfonen und [ud den rarquis Ungaro, den Grafen Miramon und 
mich auf fein Zimmer zum Speifen ein. Die Einladung lautete auf 
4 Uhr. Als wir und alle drei zugleich pünktlich bei ihm einjtellten, 
jaß er im Nachthemde am Tiſch und jchrieb. 

„Was wollen Sie?“ fuhr er uns barſch an, „ſehen Sie nicht, 
daß ich an Miß Lucy ſchreibe und allein bleiben will?“ 

„Warum haben Ste uns denn zum Speijen eingeladen, lieber 
Zreund?* warf der Marquis bejänftigend ein. 

„Speifen — — jpeifen? Sie find wohl verrüdt! Ich werde 
in meinem Fr Mg: nicht mehr fpeifen.” — — — Mit einem 
Mal jehr höflich und freundlich: „Entſchuldigen Sie mich gütigf. 
Ih muß den Brief auf die Poft tragen, jonft würde Miß eh 
nicht mehr vor Abend befommen.“ 

Wie er ftand und ging, lief er zum Haufe hinaus. Bm 
Stunden fpäter fand man ihn erſchöpft auf einem Felſenvorſprun 
am Wege nad) Anacapri jigen, und brachte ihn wie einen entlaufı 
nen Sträfling nad) Quififana zurüd. Den nächften Tag bezahlı 


Auf Capri. 439 


er feine fich ins ungeheuerliche belaufende Hötelrechnung, und fchiffte 
ſich —— Schutze eines von Don Federigo engagirten Reife 
begleiter® von Neapel aus nad) England ein. 

Das war der Anfang vom Ende! Die faft ſprichwörtlich ge- 
wordene Heiterfeit der Duififanergefellichaft erkrankte und lag bald 
im Sterben. Man ſprach von der Abreile, padte Koffer und ſtudirte 
Fahrpläne. Don Federigo ließ fein Mittel unverjucht, feine Gäfte 
zu Satten, aber vergebend. Das Verhängniß ereilte ihm und noch 
jemanden. 

Der Präfelt von Neapel — Schwager des Grafen Litta — 
theilte Serena telegraphifch mit, daß die Gräfin Litta mit dem 
nächften Dampfboot auf Capri eintreffen werde. Er möchte für ein 
Zimmer in feinem Hötel forgen und die Dame von der Marine ab- 
holen, dem Grafen. jedoch ihre Ankunft verſchweigen. Es handle 19 
um eine Ueberraſchung. — Schöne Ueberrajhung! Seit dem Due] 
das dem Grafen beinahe den Arm gefoftet hatte, hielt er die Gräfin 
eine3 derartigen Gemwaltftreiches unfähig. Aber Die Dame fah einem 
wichtigen Familienereigniß entgegen und bedurfte eines Gatten in 
ihrer unmittelbaren Nähe. Die Fett thut's einmal nicht anders! .... 
je Der almungslofe Dichtergraf zeigte fich während des Dejeuners 
jehr nervös. 

„Sie find heute wirklich ungemütlich, here Mademoiſelle!“ fagte 
er zu feiner ſchweigſamen Tifcpnachbarin. Ich fah es dieſer an, daß 
fie entichlofjen war, ihn auf die ‚Ueberrafchung‘, von ber das ganze 
Hötel ſich bereits unterhielt, nur er nicht? wuhte, vorzubereiten. 

Was gie mich denn heute die Leute jo neugierig an?“ 
fährt er verdrießlich flüfternd fort, „al ob man nicht täglich Ge— 
legenheit hätte, meinen ftruppigen Apollonkopf zu bewundern! Mar- 
quife!“ richtet er das Wort laut an fein fchönes Gegenüber, „Made- 
moifelle wird nad, Tiſche mit mir im Garten eine Cigarrette rauchen. 
Sie find doch auch dabei?“ 

Bedaure!“ entgegnet diefe froftig, „ich muß nad) der Marine 
fahren. Mein Mann fommt!“ 

„Mir kommt nichts auf der Welt ungelegener, ala ber Mann 
einer ſchönen Frau!“ raunt der Graf feiner Nachbarin zu. 

„Rauchen wir in der That nachher eine Gigarrette im Garten, 
Freund!“ erwiderte dieſe mit erziwungener Gleichgiltigfeit, „aber allein, 
ich habe Ihnen etwas zu fagen.“ ... 

Die Gräfin Litta, eine noch Junge, bleiche Frau mit finftern, 
unruhigen Augen, in einen langen, faltigen Mantel gehüllt und ein 
:fegantes Hütchen auf dem Totöblonden, hochfriſirten Haar, erfährt 
dei ihrer Ankımft, daß der Graf fich höchſt leidend auf fein Bimmer 
urüdgezogen hätte. Sie zudt die Achjel und ein halb ungläubiges, 
Bas verächtliches Lächeln umfpielt ihre vollen Lippen. Das Gericht 
von dem Iuftigen Leben ihres Gatten war bis Mailand vorgedrun- 
en, fein Wunder, daß ihr fein „höchft leidend“ feinen mit! eibigen 
Eindrud machte! Schweigend begab fie ſich in das für fie eingerich- 


490 j Auf Capri, 


tete Gemach, und ließ den Grafen duch ihre Kammerfrau zu fich 
bitten. Wird er fommen? Ja! ALS er jedoch dur) Die Vorhalle 
geht, fieht er fchredhaft bleich und verftört aus, trägt den feit einiger 
Zeit geheilten Arm von neuem in ber Binde und tritt unſicher, 
Iamantenh, wie ein Trunfener auf. — — Sie war eine Erbin aus 


 — 


Sriedrih Hölderlin. 


3 Ein Lebensbild von Dr. Emil Traut. 


3 der Gefchichte bes deutſchen Geiftes regt fich zu 
mehrfachen Zeiten ein geheimnißvoller Zug nach 
Süden. Es ift, als fchlummerte in der beutjchen 
Volksſeele eine tiefe Sehnſucht nad) der verhangenen: 

3 Zerne des mittelländifchen Meeres, aus welchem das 





Hafftiche Land wie die Schönheitsgättin emportaucht. In gewiffen, 


Perioden wird diefe Sehnfucht lebendiger und mächtiger denn je und 
fodt die Geifter mit unmwiderftehlicher Gewalt auf die Wanderjchaft 
en Hellas und Italien. So zog es im Mittelalter das jtolge 
atfergefchlecht der Hohenftaufen unaufgaltfam iimärts über die 
Alpen, jo tritt auch im vorigen Jahrhundert in Kunſt und Wiffen- 
ſchaft die Sehnfucht nach Griechenland mit befonderer Heftigfeit her⸗ 
vor. Aber mur wenigen war es vergönnt, die Schönheit ungeblen- 


beten Auges anzufchauen, vielen winkte es verderblich herauf auf: 


Süden aus der norbiſchen Heimat weg und manch' Kaijerfrone und 
manch' Saitenfpiel liegt zerbrochen im fremben füdlichen Lande. 
Unter den Unglüdlichen, deren Geift ſich an der Sehnfucht nad) der 
klaſſiſchen Antike verzehrte, findet ſich auch Friedrich Hölderlin, in 
ihm wird diefer Drang mit maßlofer Heftigfeit rege; trunfenen 
Geiſtes, die Seele voll von Heimweh nach Schönheit und Licht, ſtürzt 
er ſich in die griechifche Gedanfenwelt, aber der ftolze Flug feines 
Genius wird zum Itarusflug und von der fonnigen Höhe herab ſinkt 
ku Geiſt in die öde Tiefe der Finſterniß. Selten iſt ein Leben fo 
trahlena und verheikungsvoll aufgegangen, um fo fternenlos in Nacht 


zu verfinken; wie ein erſchütterndes Schickſalslied klingt es wehmuths⸗ 


voll durch das Leben und Dichten des eblen deutſchen Sängers. 
Johann Ehriftian Friedrih Hölderlin ift am 29. März 1770 
zu Lauffen, unweit Heilbronn, geboren. Seinen Vater, einen würts 
tembergifchen‘ Verwaltungsbeamten, verlor er in frühzeitiger Kind- 
heit; die Mutter, die Tochter eines aus Altenburg in Sachſen itam- 


492 | Ariedrich Hölderlin. 


FREE . . 
menden Pfarrers, namens Johann Andreas Heyn, fuchte ihm dieſen 
Verluft durch eine aufopfernde Hingebung zu erjeßen, mit zärtlichem 
Mutterauge wachte fie über der — und koͤrperlichen Entwicke⸗ 
lung des ſchönen Knaben. Hölderlin hat die mütterlichen Sorgen 
und Mühen mit kindlicher Dankbarkeit vergolten, er hat in unwan- 
delbarer Treue der Mutter, wie auch feiner Schwefter Henriette und 
feinem Bruder Karl, der einer zweiten, aber gleichfalls durch Todes- 
fall frühzeitig beendigten Ehe der Mutter mit dem Kammerrath God 
entftaminte, mit überftrömender Liebe angehangen. Friedrich kam 
bald auf die Lateinische Schule zu Nürtingen am Nedar, wohin jeine 
Mutter ihrem zweiten Gatten gefolgt war. In ber altberühmten 
Schule lef er mit dem fünf Jahre jüngeren Schelling, dem nach⸗ 
maligen berühmten -Philofophen, einen Freundſchaftsbund für das 
Zeben; hier wurde ber ſtrebſame Schüler unter der Leitung bewährter 
Lehrer in die Schriften der Alten eingeführt, Hölderlin widmete ſich 
mit Eifer dem Studium ber griechifchen und römijchen Klaſſiker und 
legte jomit bereit in früher Jugend den Grund zu der eigenartij 
Richtung feines unverwandt nad) Hellas ausblidenden Geiftes. Im 
fünfzehnten Lebensjahre trat Friedrich, für die theologiſche Laufbahn 
beftimmt, in das nahe gelegene Seminar zu Denkendorf, vun wo 
aus er reichliche Gelegenheit zu einem innigen und unmittelbaren 
Verkehr mit den Seinigen hatte. Um jo ſchmerzlicher war für ihn 
feine im Jahre 1786 erfolgende Verfegung in das Seminar zu 
Maulbronn. Vom Mutterhaufe weit entfernt, verjenkte fich der zarte 
Süngling um fo tiefer in feine Lieblingsfchriftfteller des Alterthums, 

“auch verfuchte er fich bereits jegt an dichteriſchen Stoffen, welche 
ihm eine anmuthige Liebesidylle mit der jungen ochter eined Maul- 
bronner Beamten reichlich darbot. In den geheimnißvollen Kreuz⸗ 
gängen des Kloſters wie in den ſchönen Waldungen mit ihren ftillen 
Seen um Maulbronn trafen-fich verftohlen die Liebenden und tauſchten 
ihre Herzen gegen einander aus. Sein junges, —T Liebes⸗ 

lück vertraute Friedxich dann einer träumeriſchen, ſchwermuthsvollen 
joeſie, welche in Hſſianſche Nebelgeſtalten zerfloß. Durch. diefe 
urückgezogenheit feines Geiſtes auf ſich ſelbſt und die mente 
eigung zu Louiſe gewann feine Denfart und Empfindungsweije 
bereit3 jegt einen fast ätherifchen Zug und jene gefährliche Weich 
it, welche den Dichter bei feiner Berührung mit der rauhen Wirk- 
ichkeit des Lebens bis ins innerfte erigüttete Eine: anhaltende 
Krankheit, in welcher ſich Hölderlin mit dunklen = obeögebanten bes 
ſchäftigte, trug dazu bei, feine an ſich jo zarte geiftige ftitution 
noch mehr zu verfeinern. 

Im Herbft 1788 bezog Hölderlin die Tübinger Landesuniverfi- 
tät, um fi, dem Wunfche feiner Mutter entjprechend, dem Studium 
der Theologie zu widmen, obſchon ihn Neigung und Geiftesrichtung 
der Dichtkunſt und der Philofophie zuführten. Seine Vorliebe für 
Die rung der Haffiichen Antike wurde immer heftiger, er ver 


fenkte fich mit Leidenfchaftlichkeit in die Sophoffeifche Tragödie und 


Sriedrich Hölderlin. 498: 


bie jerteimmerte Götterwelt Griechenlands; aber, ftatt fi) an dem 
Anblid der erhabenen Sqhonhen jener klaſſiſchen Gedankenwelt zu 
kräftigen und wie Goethe bie Gegenwart und Wirklichkeit damit wie 
mit blühenden Kränzen auszuſchmücken, maß er ſeine Umgebung und 
feine Zeit an ben Zuftänden des Perikleifchen Athens und fand in. 

m egenjägen eine Quelle feelifchen Unbehagen und einer immer 
wachfenden Unzufriedenheit mit der Mitwelt und fich felbft Dazu 
beförberten der Höfterfiche Zwang, welchem er als theologijcher Semi- 
narift zum Theil unterworfen war, und die Abneigung gegen das 
Brodjtudium feine melancolifge Stimmung. An den gejelligen und- 
lärmenden Vergnügungen ber Studenten nahm er nur geringen Ans 
theil, dagegen pflog er mit gleicgefinnten Genofjen, darunter dem 
bichterifch beanlagten Ludwig Neufjer, dem gleichfalls poetih ſtreben⸗ 
den Rudolph Magenau und dem Philoſophen Hegel einen freund- 
ſchaftlichen Verkehr. Dft zog er ſich wochenlang in die Einſamkeit 
zuräd, Bing feinen Träumereien nach und klagte feine wirklichen und 
vermeintli Leiden feiner geliebten Mandoline. Die Deihätigung 
mit der Muſik ift ihm bis an fein Lebensende theuer gewejen und- 
iur ihn in den dunklen Tagen feiner Geifteszerrüttung vielfachen 

voft gewährt. Hölderlin beſaß einen leidenſchaftlichen San zur 
Tontunt, auf ber Flöte, welche er in Tübingen bei dem blinder 
Flötenfpieler Dülon lernte, war er Meifter. Auch in feinen Werfen 
zeige fü Sie mufilafifche Element mit bejonderer Stärke und feine 
melodijchen Verſe ftrömen oft dahin wie Mufil. In Tübingen be- 
ſchäftigte ſich Hölderlin auch bereits mit feinem Hauptmwerfe ‚Sue 
zion“, doch hat er feine einzige dieſer Skizzen in jein ſpäteres Werk 
mit aufgenommen. Auch gab er in der Tübinger Stubentenzeit einige 
Igrifche Schöpfungen an die Deffentlichkeit, welche den nachhaltigen 
Einfluß Schillers und Klopftods nicht verfennen laffen. Durch das 
Studium Platos und Spinozas bildete der junge Stubent au 
bereit3 feine Weltanfhauung aus, welche auf der Grundlage einer 
unbegrenzten Anbetung der Natur dem Bantheismus zuftrebte. Be— 
zeichnend für den Jünger Spinozas ift, daß er ım Jahre 1791 ſei— 
nem freunde Hegel_die Worte Goethes aus der Spfigenie „Luft 
und Liebe find die Fittiche zu großen Thaten“ mit dem Symbol 
nv xaı may“ ins_Stammbuc) eintrug. 

Nach Beendigung feiner afabemtfchen Studien und nachdem er 
durch zwei Abhandlungen „Parallele zwifchen den Sprichwörtern 
Salomonis und ben Sagen und Werfen des Hefiob“, ſowie einer 
Geſchichte der jchönen Künfte unter den Griechen” gleichzeitig mit 

gel die afabemiiche Magiſterwürde erlangt hatte, verließ Hölderlin 
ı Sahre 1798 Tübingen, um zunächſt eine Hofmeifterftelle im Haufe 
Freiherrn von Kalb in attershaufen anzunehmen, welche ihm. 
chilier, der Freund der Frau von Kalb, verſchafft hatte. Ein Jahr 
rauf fiedelte er mit feinem kränklichen Zögling nach Jena über. 
er wurde er von Schiller, welchem er eine fchwärmerifche Ver— 
zung entgegentrug, mit warmer Herzlichkeit aufgenommen und im 











494 Sriedrich Hölderlin. 


feinen poetifchen Beſtrebungen in liebevolffter Weife unterjtügt. Im 
Schillerjchen Haufe traf Hölderlin auch zum erften Mal mit Goethe 
ufammen. Hölderlin ſchreibt über diefe Begegnung an feinen Freund 
teuffer: „Ich trat hinein, wurde freundlich begrüßt, und bemerkte 
taum im Hintergrunde einen Fremden, bei dem feine Miene, auch 
nachher lange fein Laut etwas befonderes ahnden ließ. Schiller 
nannte mich ihm, nannt' ihn auch mir, aber ich veritand feinen 
Namen nicht. Kalt, faft ohne einen Blick auf ihn begrüßt’ ich ihn, 
und war einzig im Innern und Aeußern mit Schiller beichäftigt; 
der Fremde — lange kein Wort. Schiller brachte die ia, 
wo ein Fragment von meinem Hyperion und mein Gedicht an das 
Schidjal gedrudt ift, und gab es mir. Da Schiller fid einen Augen- 
bfid darauf entfernte, nahın der Fremde das Journal vom Tiiche, 
wo ich ftand, blätterte neben mir in dem Sragmente und ſprach fein 
Wort. Ic fühlt es, daß ich über umd über roth wurde. Häit' ich 
gewußt, was ich jet weiß, ich wäre leichenblaß geworden. Er 
wandte en zu mir, erkundigte ſich nad der Frau von Kalb, 
nad der end und dem Nachbar unſeres Dorfs; und ich beant- 
wortete das alles fo einfilbig, als ich vielleicht felten gewohnt bin. 
Aber ich hatte einmal meine Unglüdsftunde. Schiller fam wieder, 
wir ſprachen über das Theater in Weimar, der Fremde ließ ein paar 
Worte fallen, die aber wichtig genug waren, um noch etwas ahnden 
u laſſen. Aber ich ahnte nichts. Der Maler Meyer aus Weimar 
fam auch noch. Der Fremde unterhielt ſich über manches mit ihm. 
Aber ich ahnte nichts. Ich ging und erfuhr an demfelben Tage im 
Klub der Profefjoren, was meint Du? Daß Goethe diefen Mit 
bei Schiller gewejen fei. Der Himmel helfe mir, mein Unglüd uni 
meine dummen Streiche & ‚u machen, wenn ich nach Weimar komme. 
Nachher fpeift’ ich bei Schiller zu Nacht, wo diefer mich fo viel wie 
möglich, tröftete, auch durch feine Heiterkeit und jeine Unterhaltung, 
worin fein ganzer koloſſaliſcher Geift erichien, er) das Unheil, das 
mir das erſte Mal begegnete, vergeffen ließ.“ Allerdings hatte fich 
Hölderlin durch fein eigenartige Benehmen bei dem Dichterfürften, 
wie er felber jagt, „eben nicht mit Glück“ eingeführt. Ende 1794 
ging Hölderlin mit feinem Telemad) auf Wunſch der Frau von Kalb 
na jeimar. Hier ſaß er freilich nicht mit an der Tafel der lite 
zartl en Götter, doch fuchte und fand er mannigfache Berührungs- 
punkte mit den in Weimar verfammelten Geiftesheroen. Dieſes 
Leben mochte ihn aber zugleich die Unfreiheit, welche feine Hof- 
meifterftellung naturgemäß mit ſich brachte, um fo drüdender er- 
fcheinen laſſen; bereits begann fein Genius die Flügel mächtig aus- 
zubreiten und er ftieß fi) dabei an der Enge der ihn umgebenden 
Verhältniſſe. Hölderlin entfchloß ſich kurz, Diefer Abhängigkeit ein 
Ende zu machen, und nahm feinen Aufenthalt wiederum in Jena, 
wohin ihm außer Schiller namentlid, Fichte 329, der an der Thür 
tingifchen Univerfität feine begeifternden Gedanken vor einem zahl- 
zeihen Auditorium entwidelte. Hölderlins Abficht war daran? ge 


Friedrich Hölderlin. 498 


richtet, eine Profeffur an der Univerfität zu erwerben. Schiller naym 
fich feiner auch jegt wicder „wahrhaft väterlich” an, wie Hölderlin 
jelber an feine Mutter fehreibt, und lud ihn, um ihm zugleich peku— 
niär zu unterftügen, ein, an feinem Journal „Die Horen“ mitzu- - 
arbeiten. War Höfderlin doch fein „Liebfter Schwabe“. Hölderlin 
befand fich noch mächtig im Banne des Schillerichen Dichtergeiftes 
und noch fpäter gefteht er dem Meifter, daß er zumeilen im gehei- 
men Kampfe mit beffen Genius fei, um feine (Freiheit gegen ihn zu 
retten, und daß er befürchte, von ihm durch und durch beherrſcht zu 
werden. Doc, war die Urfprünglichkeit feiner dichterijchen Schöpfer- 
kraft zu gewaltig, um Hölderlin zum bloßen Sklaven der Schiller- 
schen Mufe zu machen. Schiller felber ftand dem aufftrebenden 
Jünger mit Rath und That zur Seite, er erfannte mit fcharfem 
Blid die Schwächen des dichteriſchen Genius feines Schüglings und 
wie eine Warnung Elingt des Meifters Rath an den jungen Freund: 
„Nehmen Sie Ihre ganze Kraft und Ihre ganze Wachſamkeit zu- 
jammen, wählen Sie einen glüdlichen poetiſchen Stoff, tragen ihn 
Tiebend und forgfältig pflegend im Herzen, und laffen ihn, in ben 
ſchönſten Momenten des Dafeins, ruhig der Vollendung zureifen; 
fliehen Sie womög jr philoſophiſchen Stoffe, fie find die un- 
Dankbarften, und in fruchtlofem Ringen mit denjelben verzehrt fich 
oft die befte Kraft, bleiben Sie der Sinnenmwelt näher, jo werden 
Sie weniger in Gefahr fein, die Nüchternheit in der Begeiiterung zu 
verlieren oder in einen gefünftelten Ausdrud zu verirren.“ Während 
der Jenenſer Lehrzeit erhielt Hölderlin reichliche Unterjtigung von 
jeiner Mutter, die alles aufbot, die Lieblingswünfche ihres Sohnes 
zu erfüllen. Dankbar erfennt Hölderlin die mütterliche Güte in 
einem Briefe an feinen Bruder an: „Es müßte“, fchreibt er, „fein 
menſchlich Herz in uns fein, wenn bie Theilnahme einer foldhen 
Mutter uns nicht unendlich ftärfte in unferem geiftigen Wachsthum.“ 
Das Verhältniß des Dichters zu feiner Mutter iſt ein wahrhaft 
ſchönes geweſen, ihr widmete er die Erftlinge jeiner Mufe in Eind- 
licher Liebe, in der Fremde ſchweifen feine Gedanken immer wieder 
zu der geliebten Mutter, an deren Herd fich hinzudenfen ihm Er- 
holung nad) den Paradeftunden einer soft n Geſelligkeit gewährt. 
Wie ein aus voller Seele ftrömendes Bekenntniß und ein Treus 
gelübde richtet er von Jena aus die ſchönen Worte an die Mutter: 
„Sie find beforgt um mich, theure Mutter! und ich habe feine Sorge, 
als Ihnen fühe Tage zu machen, jo wahr Sie einzig find und Ihre 
Güte! Es ift der erſte meiner Wünfche, diefe Güte vergelten zu 
fönnen; werb’ ich's je können? Ich hab’ es mir heilig geſchworen, 
von num an nicht müde zu werden im Fortſchritte zu reinem Guten 
und Wahren, und in diefem Fortfchritte bin ich einer Hilfe gewiß. 
Sie fennen dieje. Es ift mein fefter, ernfter Glaube, wie der Ihrige, 
der Vater ber Geifter und der Natur verfagt feiner redlichen Er 
mühung feinen Beiftand. Wenn wir dahin fraten und ringen, 
wohin ein göttlicher Trieb in der Tiefe unferer Bruſt uns treibt, 


496 Eriedrid) Hölderlin. 


dann ift alles unfer! Selbft der Widerftand ift ein Berfgeug der 
ewigen Weisheit, uns feft und ſtark zu bilden im Guten.“ Diefer 
Brief ift gleichbezeichnend für Mutter wie für Sohn. Hölderlins 
Hoffnungen, in Jena einen Lehrſtuhl zu gewinnen, fcheiterten jedoch, 
ein anderer wurbe ihm vorgezogen, und eine tiefe Verſtimmung be- 
mäcjtigte ſich des Dichters; er fühlte fich zurüdgefegt und in feinem 
Seldftgefühl ſchwer gefränkt. Se war, zumal aud bie zur ve 
gung ftehenden Geldmittel erſchöpft waren, feines Bleibens in Jena 
nicht länger. Er verlieh die freundliche Stadt an der Saale, die er 
jo hoffnungsfreudig betreten hatte, und kehrte zu den Seinigen zurüd. 
Nun kam er, ber die Bruft gejchwellt von ſtolzen Plänen ausge- 
zogen war, ohne Rang und Stellung, der Mittel entblößt, im Mutter- 
haufe wieder an, das Glüd, das er geſucht, war vor ihm rn 
wie ein Jrrliht vor dem Wanderer, trübe Schwermuth fenkte fich 
wie ein Schatten über feine ruhmesburftige Seele. 
Hölderlin ftand jegt vor dem Wendepunkt feines Lebens. Cine 
neue Hofmeifterjtelle wurde ihm in Frankfurt am Main in dem an- 
ejehenen Haufe des reichen Kaufherrn Gontard angeboten. Hölder⸗ 
Im traf im Sanıar nd der ee Soetbes BR Das 
Glück ſchien ihm enbli wie ein mer Stern aufgehen zu 
wollen, er ahnte nicht, dos der Schritt über die Schwelle Be glän- 
‚enden Patrizierhaufes ihm zum Berhängnif werben follte. Zunädjft 
Hihte er fi) von dem Lichte und Wärme, welche durch feine 
neue geinftätte ftrömte, aufs wohlthuendſte berührt; feine Zöglinge, 
zwei Knaben und ein Mädchen im Alter von fieben bis zehn Jahren, 
dingen ihm bald mit Eindficher Zärtlichkeit an, verehrte er doch im 
inde die Freiheit und ungetrübte Schönheit der menſchlichen Natur. 
„Es ift ganz, was es ift, und darum ift es fo ſchön“, fagt er ein« 
mal in feinem „Hyperion“. Auch die feinfühligen Eltern feiner 
Pflegebefohlenen kamen ihm mit Achtung und Freundlichkeit entgegen 
und juchten ihm die Abhängigkeit feiner Lebenzftellung nad, Kräften 
u erleichtern. Seine finanziellen Verhältniſſe waren durchaus gün- 
Mige, ſodaß er daran denken konnte, durch eine hochherzige Unter 
ftügung feinem Bruder das Univerfitätsjtudium zu ermöglichen. Jetzt 
nahm auch fein Dichterifcher Geijt einen — edlen Aufſchwung. 
ſeine poetiſche Geſtaltungskraft wuchs zuſehens und ſeine Poeſie 
reifte immer mehr und mehr unter den glühenden Augen einer ge— 
liebten Frau. Cine gewaltige Beidenfchatt ftieg in feiner Seele auf 
und ftrömte über im Liede in mächtigen Strophen von unendlichen 
Wohiklang, Gedankenreichthum und Formſchönheit. Es find — 
von einer Reinheit des Ausdrucks und einer Tiefe der Empfindung, 
welche Hölderlin ben Rang unter den erſten Lyrikern Deutjchlands 
ſichetn und zum Theil das Gepräge der af ität tragen. Wir 
ſchwere ehren im Winde wogen bie herrlichen Verſe Hin und her. 
„Ein Saitenjpiel und ſüße Sorgen und Träum’ und Thränen gabft 
Du mir“, befennt er rührend im feinem Liebe an das Schiefal. Di 
meiften und veifften feiner lyriſchen Schöpfungen find im Versma 


Friedrich Hölderlin. 497 


der griechifchen Dde gefchrieben, aber er beherricht das kunſtvolle 
Metrum mit folcher Leichti— keit und künſtleriſchem Feingefühl, daß 
ſich die Form aufs herrlichſie mit dem Geiſte vermält und der Ge— 
danke wie von einem ſchönen Körper umgeben erſcheint. Es ſei ge— 
ſtattet, einen kleinen Kranz feiner duftigſten Liederblumen zu binden. 
Im „Sonnenuntergang“ feiert er in faſt griechiicher Weife den Ab- 
ſchied des fchönen Bits: 


Bo biß Du? trunfen dämmert bie Seele mir 
Bor aller Deiner Wonne; denn eben if’e, 
Daß ich gelaufcht, wie, goldner Töne 
Boll, der entzüdenbe Sonnenfüngling 


Sein Abenblieb auf himmliſcher Leier ſpielt; 
Ee tönten rings bie Wälder und Hügel nad, 
Doch fern ift er zu frommen Böltern, 
Die ihn noch ehren, hinweggegangen. 


Aus ber „Abendphantafie“ Klingt eine tiefe Sehnfucht nach Ruhe und 
Frieden; das Lieb ift von einer zarten Wehmuth umgoffen, die in 
der Natur das Bild bes Lebens findet: 


Bor feiner Hütte ruhigem Schatten figt J 

Der ehiaen, dem Geniügfamen raucht fein Herb. 
Gaftfreumbli tönt dem Wanderer im . 
Friedlicpen Dorfe bie Abendglode. 


Wohl tehren jet bie Schiffe zum Hafen auch 
In fernen Städten fröhlich verrauſcht des Maris 
Geſchaft'ger Lärm; in filler Laube 
Glänzt das gefellige Mahl ben Freunden. 


Wohin denn ih? Es Ieben bie Sterbligen 

Bon Lohn und Arbeit; wechſelnd in Muh' und Ruh 
IM alles freubig; warum ſchlaft denn 
Nimmer nur mir in ber Bruſt ber Stachel? 


Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf; 

Unzählig blüh'n bie Rofen und ruhig ſcheint 
Die gold'ne Welt; o borthin nehmt mich, 
Purpurne Wolfen! und mögen broben 


In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb’ und Leib — 
Doch, wie verſcheucht von thörichter Bitte flicht 

Der Zauber! dunkel wird's, und einfom 

Unter bem Himmel, wie immer, bin id. 


Komm Du nun, fanfter Schlummer! zu viel begehrt 
Das Herz; dech enblic, Sugend, verglüft Du ja, 
Du rubelofe, träumerifche‘ 
Friedlich und heiter iſi bonn das Alter. 


In dem einſtrophigen Gedicht „Guter Glaube“ iſt ein tiefſinniger 
Bebanke in reizvoller Anmuth poetiſch ausgeſprochen: 
Schönes Leben! Du liegſt krant und das Herz iſt mir 
m ee Fr en bie Furcht in mir. 
ni lauben, 
Er Merbeh, fo ang Fu Heif. 
Der Salon 1889. Heft V. Band I. 4 


498 ariedrich Hölderlin. 


Rührend umd fromm wie ein Gebet Elingt feine „Wbbitte*: 
Heilig WBefen! gefört ki ich bie goldene 
Gotterruhe Dir oft und ber geheimeren, 
Ziefern Schmerzen bes Lebens 
Haft Du mande getrennt von mir. 


O vergiß es, vergieb! gleich dem Gewölbe bort 
Bor bem friebfi Mond, geh’ id dahin und Du 
Ruhſt und glänzeft in Deiner 
Schöne wieder, füßes Light! 


Klaſſiſch ſchön ift fein Gefang „Die Heimat“, Liebesfehnfucht und 
imweh nad) den Seinigen weht durch bie melodiſchen Reihen, um 
in der faft antik zu nennenden Shtußwenbung i im allgemeinen Men- 
ſchenſchickſal Refignation zu finden 
Fa lehrt ber Schiffer Yeim an ben ftillen Strom, 

bon Infeln fernber, wenn er geerntet hat; 

So lam' auch ich zur Heimat, hätt! ich 

Guter fo viele, wie Peib geerntet. 


Ihr theuern Ufer, bie mic erzogen einft, 
Stiltt Ihr der Siehe Leiden, verfpredht Ihr mir, 
Ihr Wälder meiner Zugenb, wenn ich 
Komme, die Ruhe noch einmal wieder? 


Am kühlen Bache, wo ich ber Wellen Spiel, 
Am Strome, wo id gleiten die Schiffe ſah, 
Dort bin ih bald; auch, traute Berge; 

Die mich behliteten einft, ber Heimat 


Berehrte fichre Grenzen, ber Mutter Haus, 

Und fiebender Gejcwifter Umarmungen 
Begrüß' ich balb, und ihr umfchließt mich, 
Daß, wie in Banden, das Herz mir heile. 


Ihr treu geblieb’nen! aber ich weiß, ih weiß, 

Der Liebe Leib, bieß henet fo bald mir nicht, 

Bis et tem — —— den entend 
mic aus dem Uni 


Denn * bie uns das himmfifcpe Ba leihn, 

Die Götter ſchenken heiliges Leid uns auch. 
Drum bleibe dies. Ein Sohn ber Erbe 
Bin id, zu lieben gemacht, zu Teiben. 


Ahnungsvoll und —— beſchwört er in feinem Liede „Die 
Varzen“ das Schiefal, ihm die Ausreifung feiner Dichterkraft zu 
gönnen, es raufcht von feinen Saiten erhaben wie ein Chorlied der 
griechiſchen Tragödie: 
Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigenl 
Und einen Herbft zu veifem Gefange mir, 
Daß williger mein Herz, vom füßen 
Spiele —28 dann mir ſterbe ĩ 


Die Seele, ber im Leben ihr göttlich Recht 

Richt warb, fie ruht and brumten im Orkus nice; 
Doch ift mir einft das Heil ge, das am 
Herzen mir liegt, das Gedicht gelungen: 


Friedrich) Hölderlin, 499 
Willtommen dann, o Stile der Schattenwelt! 
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenfpiel 
Mic nicht hinabgeleitet; einmal 
Lebt‘ ich, wie Götter, und mehr bedarf's nicht. 


Aber das Schichal verjagte ihm die heißbegehrte Erfüllung feines 
heifigen Wunſches; ſchon im Frühling feines Lebens zerpflücte der 
Sturm bie Blüten feines Geiftes und das goldene Saitenfpiel, noch 
voll der jhönften Töne, entglitt dem Arme: des Sängers. 

Im Jahre 1797 erfchien nun auch der erite Band bes „Hype- 
ion“. Hölderlin hat biefen Roman immer für fein Hauptwerk ge- 
haften, er lebte und webte in demſelben, wie er jelber jagte, und hut 
al fein Denken und Empfinden in demfelben niedergelegt, feine bejte 
Lebenskraft unermüdlich daran gejegt. Der Roman ijt in Briefen 
geigrieben, eine Form, welde der Literatur des vorigen Jahrhun- 

erts beſonders nahe lag und ein Schwelgen in Gefühlen und das 
Ausſchwingen ber Leidenſchaften in Iyrifche Attorde begünſtigt, da- 
en der epifchen Darftellung einer Handlung widerftrebt. Auch 
$ Iberfins „Hyperion“ entbehrt des eigentlich Fk ichtlichen Inhalts, 
der Roman ijt ein unendlich dahin ftrömender lyriſcher Erguß. Aber 
dieſe Briefe find von einer Schönheit und Gebanfenfülle der felten- 
ten Art, die Profa gerflicht oft in eine rhythmiſche Sprache, welche 
zum Gefange wird. Inſofern erinnert das Werk an Goethes Egmont 
und ber eriten in Proſa ausgeführten Bearbeitung ber Iphigenie, in 
welchen gleichfallö einzelne Stellen in Berje ſich auflöfen. „Hyperion“ 
iſt ein hohes Lieb der Natur, ein Hymnus an die Freundichaft, ein 
Dithyrambus der Liebe. Hölderlin ift fein eigentlicher Schilderer. 
der Natur, er verbindet das Lebendige mit bem Wefenlofen, das 
Menfchliche mit Himmel und Erde, die eigenen Gefühle mit den leb— 
loſen Geftalten der Erjcheinungswelt, ſodaß die Natur die Verkörpe— 
rung feiner eigenen Empfindungen wird, wie ein lebendiges Wejen 
mit ihren wunderjamen Räthſeln und Myfterien uns anblidt und 
eine Seele zu haben ſcheint. Es hängt dieſe Feier der Natur mit 
der. pontbeifiicen Weltauffaſſung Hölderlins zufammen, von welcher 
auch der „Hyperion“ gefättigt ift. Wie eine Blüte hängt er am der 
Natur, wie der Geliebte vor der Geliebten weint er vor ihrem An- 
geficht die fehnfüchtigften Thränen, er möchte hinüberftrömen in den 
länzenden Aether, wie ein Laut verflingen in ber ewigen Melodie 
der Sphären. Es ijt diefelbe Stimmung in dem Romane, welcher 
ölberlin in einem Briefe aus biefer Zeit an feinen Bruder einen 
rakteriftifchen Ausdrud verleiht: „Freilich fehnen wir uns oft aud), 
aus dieſem Mittelftand von Leben und Tod überzugehen ins unend- 
liche Sein ber ſchönen Welt, in die Arme ber ewig jugendlichen 
Natur, wovon wir auögingen.” Hhperion erinnert in feiner Natur- 
anbetung an Werther, man fönnte ihn den griechiichen Werther 
nennen; mit dem Goethejchen Helden hat er auch die Leidenſchaft⸗ 
lichkeit der Empfindungsweife und eine geivifje Veberanftrengung der 
Gemütsfräfte gemeinfam, welche für Hölderlin, der die Goetheſche 
. 34* 








500 Friedrich) Hölderlin. 


ähigfeit nicht beſaß, Bur die poetifche Darftellung fich von feinem 
stoffe zu befreien, gefährlich werden mußte. Zugleich gewinnt im 
„Hyperion“ die Sehnſucht Hölderlins nach a8 ihren klaſſiſchen 
Ausdrud. „Ich Tiebe dies Griechenland überall. Es trägt die Farbe 
meined zens. Wohin man fiehet, liegt eine Freude begraben“, 
ſchreibt fein Fe Damit verbindet Hhperion-Hölderlin zugleich eine 
griechische Auffafjungsmweife vom Schidjal, dem felber die olympifchen 
Götter fich beugen mußten und das in feiner ftarren Nothwendig- 
teit etwas graufames für die moderne Anfchauung hat. „Aber es 
gt alles auf und unter in der Welt“, fchreibt er, „und es hält der 
eh mit aller feiner Riefenkraft nichts feſt. Ich ſah einmal ein 
Kind die Hand ausftreden, um das Monblicht zu haſchen; aber das 
Licht ging ruhig feine Bahn. So ftehen wir da und ringen, das 
wandelnde Schichſal anzuhalten.“ Dieſe leidenſchaftliche Liebe zu 
Griechenland verführt den Dichter am Schluſſe ſeines Romans zu 
den bitterſten Ausfällen gegen ſeine deutſche Heimat; mit ſolcher 
Heftigfeit hat wohl ſelten ein Dichter fein eigenes Völk angeklagt. 
„Thatenarm und gedanfenvoll* nennt. Hölderlin ſchon in feinen Ge» 
dichten die Deutfchen, im „Hyperion“ verbichtet fich aber biefe Ver— 
ftimmung zum wüthendften Hafje, welcher fich im mefentlichen gegen 
die damalige politiiche und gejellichaftliche Unfreiheit de beutjr 
Volkes richtete und ſchließlich doch auf dem Grunde einer tiefen 
Liebe zum Vaterlande ſteht. Im „Hyperion“ hat Hölderlin gleich 
zeitü Finer Liebe ein poetijces Denkmal gefegt. Diotima, die Heibın 
des Romans, ift die Geliebte feines Herzens, die Mutter feiner Zög- 
linge. Hölderlin betete Die Herrin des Haufes wie ein ER 
Götterbild an. Frau Gontard war von ſchwärmeriſcher Natur, für 
alles Schöne und Große leicht empfänglich, die Seele voll von 
Sehnſucht nad giftigen Verkehr mit einem Gleichgefinnten. Da 
trat Hölderlin, den feine Freunde mit einem Apollo verglichen 
haben, in feiner jugendlichen Schönheit ihr entgegen und beide um- 
loderte bald_die Fiamme ber vernichtenden Leidenſchaft. Hölderlin 
erblickte in Diotima fein griechiiches Ideal, fie war ihm eine helle 
nische Madonna. Zu Neuffer, der den Dichter in Frankfurt befuchte 
und der Frau des Haufes vorgeftellt, deren Schönheit nicht genug 
zu preifen wußte, fagte Hölderlin: „Nicht wahr, eine Griechin?“ Im 
diefer Neigung fühlte ſich Hölderlin mengi ſelig, er hatte lange 
des Liebesglüdes ſchmerzlich entbehrt, um fo feuriger neigte ſich fein 
Herz der ſchönen Frau. „Ich bin in einer neuen Welt“, ſchreibt er 
an Reuffer, „ich konnte wohl fonft glauben, ic) wilfe, was ſchön und 
gut fei, aber feit ichſs fehe, möcht’ ich lachen über all mein Willen. 
ieber Freund! es giebt ein Weſen auf der Welt, worin mein Geift 
SJahrtaufende verweilen kann und wird, und dann noch fehe, wie 
ichülerhaft all unfer Denken und Verſtehen vor ber Natur 15 
gegenüber findet. Lieblichkeit und Hoheit, und Ruh' und Leben, un 
Geiſt und Gemüt und Geftalt ift ein feliges Eins in diefem Weſen. 
Du fannjt mir glauben, auf mein Wort, daß felten jo etwas geahndet 


Friedrich Hölderlin. ’ 501 


und ſthwerlich wieder gefunden wird in diefer Welt. Du weißt ja, 
wie ich war, wie mir Gemöhnliches entleidet war, weißt ja, wie ich 
ohne Glauben Tebte, wie ich fo- farg geworden war mit meinem 
‚Herzen umd darum fo elend; konnt' ich werden, wie ich jegt bin, froh 
wie ein Adler, wenn mir nicht dies, Dies Eine erſchienen wäre, und mir 
das Leben, das mir nichts mehr werth war, verjüngt, geftärkt, erheitert 
hätte mit feinem Frühlingslichte. Ich habe Äugenblicke, wo all 
meine alten Sorgen mir fo durchaus thöricht fcheinen, fo unbegreif- 
lich wie den Kindern.“ Im einem anderen Briefe an feinen Freund 
heißt es: „Noch bin ich immer glüdlich, wie im erften Moment. Es 
ift eine ewige, fröhliche, heilige Freundfchaft mit einem Wefen, das 
fich recht in dies arme geift- und ordnungslofe Jahrhundert verirrt 
hat! Mein Schönheitsfinn ift nun vor rung Es orientirt 
ſich si an diefem Madonnenkopfe. Mein ftand geht in die 
Schule bei ihr, und mein uneinig Gemüt befänftigt, erheitert 1 
täglich in ihrem genügfamen Frieden. .... Sie ift ſchön wie Engel. 
Ein zartes, geiftiges, himmlifchreizendes Geficht. Ach! ich könnte ein 
Iahrtaufend lang in feliger Betrachtung mich und alles vergefien, 
bei ihr, jo unerfchöpflich reich ift dieſe anſpruchsloſe, ſtille Seele in 
diefem Wilde.“ Aber diefe Leidenschaft mußte ſchon wegen bes fitt- 
lichen Konffiktes, in welchen fie gerieth, zum Verderben des Dichters 
ausſchlagen. Bald verwandelte ſich der Seelenfrieden, der ihm aus 
der en Neigung aufquoll, zum tragifchen Kampfe, welcher feine 
Bruſt zerwüßlte und in welchem er feine phyſiſchen Kräfte aufrieb. 
mBruberherz“, fchreit er in ber Dual feines Herzens in einem 
Schreiben an den Bruder auf, „ich hab’ auch viel, fehr viel gelitten, 
und mehr, als ic} vor Dir, vor irgend einem Menjchen jema 8 aus⸗ 
ſprach, weil nicht alles außzufprechen ift, und noch, noch leid’ ich viel 
und tief, und dennoch mein’ ich, das Beſte, was an mir ift, fei noch 
nicht untergegangen.“ Die unheilvolle Neigung konnte dem Gatten 
nicht verborgen bleiben und fo wurde Hölderlin genöthigt, im Scep- 
tember 1798 feine Stellung im Gontardſchen Haufe aufzugeben. 
Ohne Abjchieb verließ er Frankfurt, der Himmel verhüllte die ſchönen 
Sterne, nach denen er in holder Schwärmerei ſehnſüchtig aufgeblict 
Bette, und Naht und Sturm empfingen den unglüdlichen Sänger. 
it dieſer Zeit geht ein tiefer Riß durch fein ganzes Leben, an dem 
fein Herz langſam verblutete. Hölderlin hat Die Neigung zu Dio- 
tima nie überwinden fönnen. Noch lange Zeit blieben die Liebenden 
im brieflichen Verkehr, nad; einer geheimen Werabredung blickten fie 
‚u gleicher Zeit in denfelben Stern, um ſich in dem ſchönen Lichte 
jleichjam geiſtig wieber zu jeden. Diotima zu vergefjen, hat Hoͤl⸗ 
erlin nit vermocht. „Wer in die Stille dieſes Auges gejehn“, 
hreibt er im „Hyperion“, „wen dieſe ſüßen Lippen ſich aufgeſchloſſen, 
‚ovon mag der noch fprechen?“ 
Hölderlin wendete fi) zumächit nach Homburg, um am Herzen 
eines Freundes Sinklair von den Stürmen, die feine Bruft durch- 
’gen, auszuruhen und in einem Kreiſe feinfinniger und hochgebildeter 


502 Friedrich Hölderlin. 


Männer Zerftreuung zu finden. Zugleich widmete er fich mit leiben- 
haftlicher Energie Peihen poetifchen Beftrebungen, als wollte er aus 
m Born der Dichtkunſt Heilung für fein Liebesweh ſchöpfen. Das 
wahre Ziel der Kunſt entjchleierte fih ihm immer mehr, fie wurbe 
ihm, wie fie ihm immer heilig gewejen war, zur Religion. Auch 
äußerlich hat Hölderlin unable an der Vervolllommnung feiner 
Schöpfungen gearbeitet, er meißelte unermüblih an ber poetifchen 
Form, bis er den reinften Ausdrud feines Gedankens gefunden zu 
haben glaubte. So hat er ein einzelnes Gedicht nicht felten in ſechs 
verfeie nen Geftaltungen zu Papier gebracht. Mühſam entrang ſich 
das Lied feiner gebärenden Seele, nicht wie Pallas Athene entjpra: 
es ihm in vollendeter Schönheit. Ein poetiiches Glaubensbefenntni 
hat er in einem aus dem Jahre 1798 aus ra! datirten Briefe 
feinem Freunde Neuffer abgelegt; es zeigt ſich in diefem Schreiben 
gleich, daß Hölderlin fich der Vermustdbaren Stelle feines Dichteri- 
Ken Genius wohl bewußt war. „Das Lebendige in der Poejie“, 
ſchreibt er, „ist jegt Basjenige, was am meiften meine Gedanken und 
Sinne befchäftigt. Ich fühle fo tief, wie weit ich nod) davon ent 
fernt bin, e8 zu treffen, und Dennoch ringt meine ganze Seele bar- 
nad) und es ergreift mich oft, daß ich weinen mh wie ein Kind, 
wenn ich um und um fühle, wie es meinen Darjtellungen an einem 
und dem andern fehlt und ich doch aus den poetifchen Irren, in 
denen ich herumwandle, mich nicht herauswinden kann. Ad! bie 
Welt hat meinen Geift von früher Jugend an in ſich zurückgefcheucht, 
und daran leid’ ic) nod) immer. Es giebt zwar ein Hofpital, wohin 
ſich joe auf meine Art verunglüdte Poet mit Ehren flüchten lauu 
— die Philofophie. Aber ich kaun von meiner erjten Liebe, vor 
den Hoffnungen meiner Jugend nicht laffen, und ich will lieber ver- 
dienſtlos untergehen, als mich trennen von der füßen Heimat der 
Mufen, aus der mich bloß der Zufall verfchlagen hat. Weißt Du 
mir einen guten Rath, der mich jo jchnell wie möglich auf das Wahre 
bringt, fo gieb mir ihn. Es fehlt mir weniger an Kraft ala an 
Leichtigkeit, weniger an Ideen als an Nuancen, weniger an einem 
Hauptton als an mannigfaltig geordneten Tönen, weniger an Licht 
wie an Schatten, und das alles aus einem Grunde; ich jcheue das 
Gemeine und Gewöhnliche im wirklichen Leben zu jehen.“ Das war 
aud der Grund, warum ihm die Poeſie nicht zur Heilquelle wurde; 
-ein Üübermäßiger Idealismus, eine jaft krankhafte Subjeftivität führte 
ihn in eine feindliche Pofition zur Wirklichkeit. Ihm war es nicht 
jegeben, die Gejtaltungen der Außenwelt mit liebendem Auge anzu- 
Pahuen und bie iehroffen Gegenfäge des Lebens in dem alles ve- 
ſöhnenden Humor in der Idee und der Poeſie aufzulöfen; fein Bli 
war trogig in fich ſelbſt gefehrt. Ahnungsvoll hatte Schiller üb 
ihn an Goethe gefchrieben: „Er hat eine heftige Subjektivität u 
verbindet bamit einen gewilfen philojophifchen Geiſt und Tieffin 
Sein Zuftand ift gefährlich, da ſolchen Naturen fo ſchwer beizı 
kommen iſt.“ Im der Homburger Zeit ſchuf Hölderlin fein Tragi 





Sriedrid, Hölderlin, 503 


dienfragment „Der Tod des Empebofles“, in dem er die Sage, nach 
welcher ſich der Agrigentiner Philoſoph in den Krater des Yetna 
eſtürzt hat, poetiſch verarbeitete. Das Drama ift eine Verherrlichung 
r Naturphiloſophie, eine Apotheofe des Pantheismus; erdenmüde 
und Iebenzjatt, wie vom Heimweh nad) der Natur ergriffen, wie von 
Sehnſucht nad) der Auflöfung in das AU getrieben, ſtürzt der Phie 
Ba) in den Flammentod. Die düftere Stimmung Hölderlins 
offenbart ſich in dem ſchaurigen Trofte der Panthen: 
„Mit in ber Bär und Purpurtraub' 
Iſt heilige Kraft allein, es nährt 
Das Leben vom Leibe fih, Schwefter! 
Und trinkt, wie mein Held, doch auch 
Am Tobestelhe ſich gtüdtid 1" 
ölderlin vollendete jegt auch, feinen „Hyperion“, der einen witk- 
ichen Abſchluß allerdings überhaupt nicht gefunden hat. Wie eine 
bittere Ironie endet der Noman mit Briefpaſſus „Nächftens 
mehr.” Hier entwand das Schiefal dem Dichter die Feder. Auch 
die poetifche Erzählung „Emilie vor ihrem Brauttag“ entftand in der 
Homburger Lebensepoche des Dichters. Diefe Belenntniffe einer 
raut an ihre Freundin jind von einer unendlichen Zartheit, Ein- 
fachheit und Schönheit und muthen umfo eigenartiger an, ala Höl- 
derlin in ihnen den Ton eines ihm ſonſt jo fremden Realismus an- 
ſchlägt. Daneben ſchuf Hölderlin in_diefer Zeit feine herrlichſten 
Igrifchen Dichtungen, er ſtand auf der Sonnenhöhe feines dichteriſchen 
Schaffens, aus tiefftem Schmerz ftrömten ihm bie reifiten Lieder. 
Mit rührender Semiffendaftigtett folgte die Mutter den poetischen 
Schöpfungen ihres Sohnes, aber die Traurigkeit feiner Weifen machte 
ihr Herz bange. Im frommen Betruge juchte er Die mütterlichen 
Sorgen zu wichtigen. „Das Gedichtchen“, vermuthlich die oben 
wiedergegebene Dde „Die Heimat“, ſchreibi er, „hätte Sie nicht be— 
unruhigen follen, theuerfte Mutter! Es follte nichts weiter heißen, 
als wie ſehr ich wünfche, einmal eine ruhige Zeit zu haben, um das 
u erfüllen, wozu mich die Natur beftimmt zu haben fchien. Ueber- 
upt, fiebjte Dautter! muß ich Sie bitten, nicht alles für ftrengen 
Ernſt zu nehmen, was Sie von mir lefen. Der Dichter muß, wenn 
er feine Heine Welt darſtellen will, die Schöpfung nachahmen, wo 
nicht jedes einzelne vollfommen ift, und wo Gott regnen läßt auf 
Gute und Böje und Gerechte und Ungerechte; er muß oft etwas 
unwahres und wiberfprechendes jagen, das fich aber natürlich im 
ganzen, worin es als etwas vergängliches gejagt ift, in Wahrheit 
und Harmonie auflöfen muß, und fo wie der Regenbogen nur ſchön 
ift nach dem Gewitter, jo tritt auch im Gedichte dad Wahre und 
Harmonifche aus dem Falfchen und aus dem Irrthum und Leiben 
nur deſto jchöner und erfreulicher hervor.“ Aber nach dem Gewitter; 
fturm, welcher die Seele des Dichters bis ins innerfte aufgewühlt 
hatte, jollte ihm die Sonne in ihrer ftrahlenden Schönheit nicht 
wieder aufgehen. Sein geiftiger und körperlicher Zuſtand wurde 


504 Exiedric) Hölderlin. 


immer gefährlicher; der einft blühende Züngling war zum Schatten 
Herabgehunfen. Seine verbitterte Gemütöjtimmung 309 aus Der 
Erfolglofigfeit feiner Unternehmungen neue Nahrung. in Plan, 
eine äfthetif —— zu begründen, ſcheiterte, ſeine erneute Hoff⸗ 
nung, eine Dozentenſtelle in Jena zu erlangen, wurde vermuihlich 
an dem Widerjpruch Goethes zunichte. Solche maflofe, ins unend⸗ 
liche ftrebende Naturen, wie diejenige Hölderlind, waren dem im 
ſchönen Gleichgewicht der Kräfte ficher auf fi ſelbſt ruhenden 
Dichtergotte entgegen. Im Dezember 1800 nahm Hölderlin in der 
Hoffnung, an der großartigen Setfehermelt fein Teidendes Gemüt zu 
erholen, eine Hofmeifterjtelle in der Schweiz an, woſelbſt er Lavater 
und Zolliofer kennen lernte. Im Angeficht der himmelanjtürmenden 
Gebirge bejann fich fein Genius wieder auf ſich felbft, Hötberlin 
ſchrieb während feines Schweizer Aufenthalts einige prachtvolfe Oden. 
Bald aber zeigten ſich an ihm die Spuren einer furchtbaren Geijtes- 
ermattung. Die Hofinung, eine Ausgabe feiner Gedichte zu veran- 
ftalten, rief ihn im Die Heimat zurüd, ſchlug aber fehl. So ent- 
ſchloß er ſich, zumal mit Rückſicht auf feine ungünftige pefuniäre 
Lage, eine Hauslehrerjtelle bei dem Hamburger Konful in Bordeaux 
anzunehmen. Im Dezember 1801 reifte er nad) einem ſchweren Ab- 
ſchied von den Ceinigen über die gefürchteten überjchneiten Höhen 
der Auvergne; die Fahıt war wegen der Verfehräunficherheit des 
rauhen Gebirges von befonderer Gefahr. „In Sturm und Wildnik, 
in eisfalter Nacht und die geladene Piftole neben mir im rauhen 
Bette — da hab’ id) aud) ein Gebet gebetet, das bis jept das Beſte 
war in meinem Leben und das ich nie vergefjen iverde“, fchrieb er 
kurz nad) feiner Ankunft in Bordeaux an die theure Mutter. So 
Winter und Sturm um fich her und Winter und Sturm im Herzen 
verließ er die Heimat. Zunächſt lebte er fi in die neuen Verhält- 
niffe mit Leichtigkeit hinein, noch immer hoffte er, nad) den Prü— 
fungstagen der Jugend zufrieden und glüdlich zu werden. Nach 
turzer Zeit war Hölderlin verjchollen, wohin er Hi jeivendet, nie⸗ 
mand wußte darüber Nachricht zu geben. Endlich) im Sommer 1802 
erſchien er plöglich wieder in Deutjchland, nachdem er wie cin Land» 
freier Frankreich durchirrt hatte. In erfchütternder Weife hielt er 
bei Matthijfon Einkehr. Leichenblaß, abgemagert, von hohem, wilden 
Auge, langem Haar und Bart, wie ein Bettler — tritt er zu 
- Matthiffon ind Zimmer. Erſchrocken ſteht Matthiſſon auf, die 
ſchreckensvolle Gejtalt betrachtend, die nad) einer langen Pauſe näher 
tritt, fich über den Tiſch neigt und mit dumpfer, geifterhafter Stimme 
murmelt: „Hölderlin“. Alsbald ift fie auch ſchon wieder verfchwi 
den. Im Juli traf er bei feiner Mutter in Nürtingen ein; er 
ſchien im Zuftande des grauenvolliten Wahnfinns, jagte die Mut 
und fämmtliche Hausbewohner in einem Wuthanfall aus dem Ha 
und verfiel fodann in eine todesähnfiche Geiftesapathie, aus der 
ſich nur allmählich erholte. Seit Waiblingers bivgraphifcher Ski 
über den unglüdlichen Dichter geht die Sage, da Hölderlin 


Eriedric Hölderlin. 505 


Borbeaug durch sügeltofe Ausfchweifungen feine Geiftesfräfte er- 
ſchöpft Habe, diefe Annahme entbehrt jedoch jeglichen Anhalt. Im 
mütterlichen Haufe nahm er feine Bievfingshefeäft ung, die Poeſie, 
wieder auf und verjenkte fich noch einmal in Die Werke der Alten. 
Er überjegte fopar Sophofles’ König Debipus und Antigone in 
fünffüßigen Jamben und dem Originale entfprechenden Chornetren. 
In den Anmerkungen lagert neben geiftvollen Gedanken der herz- 
zerreißendfte Unfiun. Der Landgraf von Heffen-Homburg nahm ſich 
in biejer Lage bed Dichters an und v8 ihn als Bibliothekar in 
feine Reſidenz. Allein der Zuftand Hölderlins wurde immer bedenf- 
Ticher, fo daß man ihm nicht mehr fich felber überlaffen Fonnte. 
Unter dem Worwande, daß er in Tübingen Bücher einzufaufen habe, 
wurde er im Herbſt 1806 in das dortige Stlinifum gelodt, woſelbſt 
die legten Heilungsverfuche mit ihm angeftellt wurden. Die fchließ- 
liche Diagnofe war unheilbarer Wahnfinn. Im Sommer 1807 
wurde er in der familie eines wohlhabenden und waderen Tifchler- 
meijter8 namen® Zimmer in Tübingen untergebracht, in welcher er 
bis zu feinem Tode gelebt hat. 

In der erften Zeit hatte Hölderlin noch zuweilen Anfälle von 
Raferei, in weldyer er einmal jämmtliche Gejellen zum Haufe hinaus- 
trieb und die Thür verfehloß, fo daß er fchließlich mit Fauftichlägen 
bewältigt werden mußte. Später verlor fich aber die Tobſuchi voll- 
ftändig und feine Geiftesfranfgeit nahın den Charakter einer unge- 
Heuren pſychiſchen Erfchlaffung an, welde eine Sammlung der 
Gedanken ünd ein logiſches Aneinanderreihen der Vorſtellungen 
unmöglich machte. Körperlich war ſein Zuſtand bis zu ſeinem Ende 
ein vortrefflicher. In der Zuſammenhangsloſigleit ſeiner Ideen glich 
er einem Kinde. Er mußte übrigens auch wie ein ſolches behandelt 
werden. Nicht ſelten begleitete er ſeine Pflegeeltern in die Gärten 
und Weinberge, woſelbſt er ſich auf einen Stein ſetzte und die Heim- 
ehr erwartete. Was er fand, mochte es der geringfte und werth- 
loſeſte Gegenftand fein, ftedte er ein und nahm es mit nad 

ufe. In feinem Zimmer wollte er nichts dulden, was nicht ihm 
elbſt gehörte, deßhalb ftellte er, ſobald er gegefjen hatte, das Ge— 
irt —— vor fein Zimmer auf ben Fußboden hinaus. Cine 
kindiſche Freude empfand er, ald man ihm ein Sopha in feine Stube 
fegte, auf dem nun ein jeder Befuch Play nehmen mußte. Befuche 
von Belannten empfing er gern, er befitelte fie mit „Euere Majeftät, 
Euere Heiligkeit, Herr Baron, gnädiger Herr Pater“, war artig und 
öffich gegen fie und mifchte in feine Unterhaltung mit Vorliebe 
Kanpöfifhe Broden, bildete aud) neue, finnlofe Wörter. Oefters ver- 
arrte er auch in feinen einmal begonnenen Selbſtgeſprächen. Sich 
elbſt Tieß er gern „Herr Bibliothetar“ anreden. Einen erquidenden 
Anflug übte auf ihn die Natur aus, noch immer hing er an ihr 
it findlicher Liebe. Inter feinen Fenſtern floß der Nedar und 
ufchte ihm von den ſchwäbiſchen Bergen heimatliche Grüße zu. 
‚ne ſchöne Mondnacht Todte ihn mitten aus dem Schlaf ang 






506 Eriedrich Hölderlin. 


Fenſter. Da ftand der unglüdliche Sänger und fein erlojchener 
Blid ſchweifte unftät in die duftende leuchtende Nacht. Auch die 
Muſik blieb ihm in den Jahren des Irrſinns eine liebe Freundin. 
Tagelang blich er am Klavier jigen und übte hunbertmal diefelbe 
einfache Melodie. Hatte er einige träumerifche Akkorde gegriffen, jo 
fiel plögfich fein Auge zu, das Haupt richtete ſich auf und er be 
gann im wehmüthigen Gejange feine Leiden auszuftrömen. Im 
Übrigen trug er für bie Geſchehniſſe um ſich her und für die Er 
eignijfe der Zeit nur weuig Theilnahme zur Schau. Nur als man 
ihm von den griechiſchen — erzählte, wachte feine alte 
Liebe zu Hellas wieder auf; aber der arme Sänger, der ala Hyperion 
im Geifte für bie Umabhängigfeit Griechenlands gekämpft hatte, 
lauſchte nun mit verjtörten Sinnen den Stegesnachrichten aus feiner 
eiftigen Heimat. Seine Kieblingsbejchäftigung blieb jedoch die Poeſie 
Anfänglich beichrieb er mit einer wahren Wuth jedes Papier, das 
ihm in die Hände fam. Sein Hauptthema war Diotima. 3 
„Hyperion“ lag faft immer aufgejchlagen auf feinem Tifche. Er las 
gern daraus vor. So erzählt Waiblinger, ber als Student mit 
Hölderlin freuudſchaftlichen Umgang gepflogen, daß der Dichter nad) 
einer Stelle aus dem „Hyperion“ einmal mit heftigem Geberbenfpiel 
ausrief: „O ſchön, fhön, Euere Majeftät‘, dann weiter las und 
plöglich Hinzujeßte: „Sehen Sie, gnädiger Herr, ein Komma!“ Die 
Gedichtsfragmente aus diejer Zeit find noch immer von melodiſchem 
Wohliaut erfüllt, aber die fternenlofe Nacht des Wahnſinns brütet 
darüber und nur hier und da bligt wie ein Wetterleuchten ein 
ſchöner Gedanke plöglih und fehnell verlöfchend aus den Zei 
vor. Wie eine erjchütternde Zragif flingt es aus Dem See: 
zälfte des Lebens“, welches als eine Probe ber Hölderlinjchen 
ahnſinnsgedichte hier Plag finden mag: 

Mit gelben Blumen hänget 

Und voll mit wilden Rofen 

Das Land in ben Ser, 

Ihr holden Schwäne, 

Und irunken von Küffen 

Zunft ihr das Haupt 

Ins heilig nüchterne Waſſer. 

Weh mir, wo nehm’ ic, wenn 

Es Winter if, die Blumen und wo 

Den Sonnenfdein, 

Und Schatten der Erbe? 

Die Planen Reben 

Sprachlos und Lalt, im Winde 

Klirren die Bahnen. — 

Endlich, am 7. Juni 1843 fand Hölderlin auch feinen Ieiblid n 
Tod. Ein Lorbeerfrang, ber ihm im Leben verfagt war, j—mü 2 
bas Haupt des entichlafenen Sängers. Seiner Leiche folgten v & 
Brofeiforen und Studenten. In Tübingen liegt fein fterblicher ZH il 

egraben. Aber fein Licd lebt ewig. 
— 











Sharon. 
Bon Zanthippus. 


illfommen, erquidender gas), 
Schütteljt die Tropfen Du gleich 
Von dem Geäjt mir herab! 
Willfommen nad) laftender Schwüle des Tags! 
E74 wie fühleft die Stirn du woblig 
Ad, wie ſchlürft mit Entzücken die Bruſt 
Deine belebende Jen te, welche 
Wohlgerud von Millionen 
Jäh vom Regen zerichlagener Blüten 
Würzet beraufgenb! 
Tief noch hängt das Gewölk, 
Nachtend, es mahnt Pr Vorficht den Schritt. 
Sr james Ohrs und reges Herzens 

ande’ ich müde den einfamen fad, 
Der das erfehnte Obdach verheißt. 
gurh! weit witternder Hunde Gekläff 

ünbet mich an en, das Dorf ift nah. 
Seh’ ich die Giebel nicht ſchon 
Ragen im gelblichen ſchmalen Streif 
Dort, wo des Himmels Gewölbe 
Aufliegt der trunfenen Erbe? 
Nicht mehr reget das weithindröhnende Lich 
Eintönig klagend, ber Rohrbommel mich auf. 


Plöglich zerbricht das Gewölt, 

Wie fi) ein Vorhang theilt. 

Froher erathm’ ich, mich „gelihet das fchwärzliche Blau 
Gleich) dem unendlichen Meere, 

Wenn es der müßvoll hinauf klimmende Pilger, 

Um des höchſten Gebirgs letzten 

Vorſprung ſich wenbend, erfchaut. 

Siehe, da gleitet er Hin, der filberne Kahn, 

Sicher dahin durch ewige Zeichen, 

Die auf der Weite ſchimmernd ſchweben. 

Als ic ein Kind war, aiigte die Mutter lächelnd 

Wohl im Monde den Mann und erzählte das Märchen. 
Und nun heute? Geſteh' ich es nur, ich jehe 

Deutlich des leuchtenden Schiffe hoshragenben Fährmann. 
Grüßt er herab? Mir ftartt das Blut. 

„Wer Du auch feift, ein Holder vder ein Unold, 

Sci mir gegrüßt und verehrt, Erhabener!” -— 

Kennft mic) wohl nicht? Bin Charon genannt. 





508 Eharon. 


dien nicht, F meinen 8 Ingrunbe nicht ſchlecht, 
hrlich nicht ſchlecht mit euch Wichten, 
ch und der alles erlöjende Tod. 
Jehzo gleit' ich Dir hin wie ein liebliches Bild nur, 
Das Di) nad) Tages Gewühl erfreut, denn Grüße 
Tragt ihr ihm auf an die ferne Geliebte, 
Srübe nehmt ihr zurück und Gelöbniß der Treue. 
Und id) wehr' es Euch nicht, doch kennt ihr 
Wenig des Sehnfucht weckenden 
Weſen und Abficht. — 
„Du biſt's Charon? Vergieb, dort wußt' ich Dich nicht. 
Tauſcheſt Du fo wie bie Jugend uns täufcht und bie Hoffnung? 
Schöne Maske, kenn' ich Dich nun? Hab Dank, 
Daß Du jo freundlich Dich nennit. 
Denn auch fo, Du löſeſt die Seele in Wehmuth, 
Aengſteſt mich nicht. Deine ſtygiſche Flut erlabt mich. 
Juhren und hüteſt getreu der Ladung, 
nermäbli n erlicher Du!“ — Noth 
Ja, man plackt ſich, doch geht es zur Noth jetzt, 
Da ſich ein wenig des Gi Tohmuth — 
Nicht auf lange, denn immer von neuem 
gadt Euch die Mordgier an. Wie lang’ iſt's 
af ich das Röcheln vernahm und den flehenden Blick ſah 
Zaufender, die mit wollten über die Nacht zu ihrem Erlöjer? 
Uns kann's gleich fein, doch macht man fich feine Gedanlen — 
„Giebt es denn Heil für uns? D fag’ mir, Charon!“ 
gi? Ich mein’, ich hörte mal fo was, 
iner hab’ es entdedt und fie hätten ihn graufem, 
Teufliſch geſchunden dafür und Hingefchlachtet. 
Und Jahrhunderte lang, jo dünkt mich, 
ört" ich die Läfternde Lüge, | 
on dem Gott, der die Liebe fei | 
Und ein Herr der Schlachten zugleich. | 
€ Er es fie jo gelehrt, fo Togen die Frechften. ! 
Wirſt es ja wiffen, was fit es uns an? 5 
Wir thun unfere Pflicht, ihr feht, wie ihr durchlommt! — 
„Sharon, kämſt Du herab! erfüllteft die Herzen, . 
Lieber Freund der armen Gequälten, 
Ad, mit Deinem milden Worte! Charon! 
get Du mid, nicht? Weile doch! 
ch, wo bliebejt Du? Charon! Charon!" — 


Schaurig braufet der Sturm, von neuem 
Stürzen die Waffer herab, doch ich bin am Ziele, 
Gott fei Dank! Lange noch, lange 

Blieb er mir fern der erlöjende Chlaf. 





Weifebilder aus dem Südoflen Guropas. 
Bon Irma v. Troß-Borofiyäni. 
L 
Auf der Bonau. 

8 war vor zehn Jahren, ald faum die Kanonendonner bes 

ruſſiſch⸗ türliſchen Krieges verhallt waren, daß ich zum eriten 

Male nach dem Süboften Europas meine Schritte lenkte. 

Ein böſes Geſchick lag auf mir. Ein einziger Augenblid 
hatte den een Bau meiner energiichiten Beftrebungen, Die 
wärmften Hoffnungen meines end zertrümmert. „Kant am 
Herzen, arm am Beutel, ſchleppt' id) meine langen Tage‘. Da floh 
ich die Heimat und fuchte im fremden, unbelfannten Lande Vergeijen 
etänfchter Erwartungen, Kräftigung der Seele und des Körper zum 
Beginn eines neuen Wirkens. 

Im Herbſt des een Jahres nahm ich num noch einmal 
einen mehrwöchentlichen Auf enthalt in Zalta, dem wegen Traubenkur, 
Seebad und ftärfender Meeresluft von Ruſſen vielbefuchten kleinen 
Städtchen an der Südoftküfte der Krim, und will es verjuchen, aus 
beiden Reifen den Lefern diejer Hefte die mir ſelbſt unvergehlichen 
Bilder, wenngleich nur in flüchtigen Umriffen, zu entwerfen. 

Der flugähnlichen Rapidität, mit welcher der Kurier-Zug mic) 
binnen zweimal vierundzwanzig Stunden von Wien nad) Odeſſa hätte 
bringen fönnen, zog ich bie längere, aber auch unvergleichlich intereſ⸗ 
fe-tere Fahrt zu Schiff auf der Donau vor. Nach einer in Buda- 
pı t gehaltenen kurzen Raſt beitieg ich am 17. September das ftatt- 
Ti je Dampfboot „Kadetzky“. Es war elf Uhr abends und ich fand 
& fo überfüllt, daß ich nur mit Mühe ein kleines Plägchen zum 
€ gen auftreiben fonnte und jo die Nacht im gemeinfamen Salon 
vı bringen mußte, wo die Damen auf den Divans herumlagen und 
di Männer an verfchiedenen Tiſchen Karten fpielten, rauchten und 
tr ıfen. B 





510 Reifebilder aus dem Südoften Europas. 


Angenehmer als diefe erfte Reiſenacht war der kommende Tag. 
Zwar ift die Gegend hier flach und im ganzen einförmig, aber Die 
Yeite mit veizenden Wäldchen bededten, theils gleich künſtlichen 

öſchungen, nicht hoch aber fteil abfallenden Ufer, jowie ber immer 
gewaltiger anwachſende Strom jelbft bieten doch ſtets anmuthige 

feine Bariationen. Wir zogen vorüber am Biſchofs- und Jejuitenfig 
Kalocja, am weinberühmten Szegizard und dem ſchlachtenberühmten 
Mohacs. Dann kam Draued (bei Efjegg), wo ſich die Drau in bie 
Donau ergießt, und man der Waffer fein Ende zu fehen glaubt. 

Am 19. September nachts wedte mich ber Saflagierstwechfel in 
Bazias; ich hatte zwar auch jegt feine Hängematte, doch aber einen 
Divan zu meiner Verfügung, was immerhin ſchon als eine jehr 
werthvolle Errungenjchaft betrachtet werben mußte! 

Die allerdings bejtändig wechſelnde Reifegejellfchaft ift aus allen 
Nationen zufammengewürfelt. Da Hört man außer ben Deutjchen, 
franzöfifchen und englifchen Weltſprachen auch itafienifh, ungariſch 
Terbitd, armenifch, griechiſch jprechen und durch einander jchreien, und 
man iann fi) zum Zeitvertreib die verſchiedenſten Nationaltypen 
beraugfuchen. — Die Gegend, welche wir heute durchziehen, iſt wım- 
dervoll. Die Gebirge beginnen nad) Belgrad mehr und mehr anzu: 
deiaen, aber die Dunkelheit der Nacht. verhüllte fie meinen; Blidk 

immer enger drängen fie den braufenden Strom ein und ſchon haben 
wir mehrere Engpäffe-paffirt, den bedeutendften zwilchen fieben bis 
acht Uhr morgens. Ein eifiger Sturm wehte und entgegen; Dichter 
Nebel dedte den Himmel und trieb in wilder Jagd um Die Hoch in 
die finftern Wolfen tragenden Felſen, zwilchen benen des Stromes 
ungeheuere Wafjermafje bald in wüthenden Stromſchnellen bahin- 
ſchießt, bald in majejtätifcher Ruhe fich fammelt, welche fie einem 
Bergſee ähnlich erjcheinen läßt. Dort erhebt fich, von einer eben aus dem 
Nebel aufgetauchten Feljenjpige, kreiſenden Flugs, ein getvaltiger 
Abler, ein an enormer Flügelweite ſeltenes Iplar; — da ragt 
ein thurmähnlicher Feld mitten aus dem fchäumenden Strombett 
heraus. Wahrlich! ich bereue es nicht, ungeachtet der Warnungen 
meiner Reijegefähttinnen, ber winterlihen Temperatur Trog 
zu haben, um, wie außer mir nur einige wenige Männer, in Plaid 
und Pelz gehüllt auf dem Verdeck dieſes grohartige Schaufpiel zu 
bewundern. 
Um halb zehn Uhr morgens in Trenkova angefommen, mußten 
wir auf einen Miniaturdampfer umfteigen, der unjere Bagage auf 
einem Floß ind Schlepptau nahm. ittlerweile ift e8 warm ne 
worben, bie Berge treten zu beiden Seiten zurüd, aber zeigen ſch 
in ihrer vollen, bedeutenden Höhe. 

Wir gelangen nun zu dem berühmten eijernen Thor, ein is 
faft in die halbe Breite der Donau hineinreichendes Felſenriff, m f- 
ches nur einen ſchmalen Streifen fahrbares Wafjer den Schiffen Lö it, 
da die übrige Hälfte in ciner Länge von 30—40 Faden von KL pr 
pen durchzogen ift, über die der Strom raujchende, ſchäumende We! m 


Keiſebilder aus dem Sũdoſten Europas. 511 


wirft. Der Kanal des Fahrwaſſers ift Sur ein vothes Zeichen, wie 
jene an Eifenbahnen, angezeigt, Die Strede zwiſchen Trentova und 
DOrfova kann nur bei Tage befahren werden. 

Bald erbliden wir die Trümmer einiger uralten Gemäuer, die 
Ueberreſte römifcher Seftungen Längs des Fluffes kann man auch 
die deutlichen Spuren ber ei enfo alten trajanischen Straße verfolgen. 
Auch entdeden wir die Stelle einer ebenfalls in jener Beit erbauten 
Brüde, ſowie bie trajaniſche Gedenktafel, eine Felfenplatte mit latei⸗ 
nifcher Infchrift, welche jegt allerdings durch Rauch von Hirtenfeuern 
fo edit ift, da man aus einiger Entfernung feinen Buchſtaben 
mehr zu unterſcheiden vermag. 

Immer weiter brauft Yo Schiff und Bild an Bild, zieht an 
uns vorüber. 

In einer Heinen Station befteigt eine reizende Serbin unferen 
Dampfer, reizend Jemeht durch ihre dunklen Augen unter den langer 
Wimpern, durch ihre blühenden Farben und die weichen, üppigen und 
dod yarı zarten Formen ihrer Geftalt, als aud) durch ihre maleriſche 
Nationaltracht, die alle diefe orzüge ihrer Erjcheinung im beiten 
Lichte zeigt. Ein Heiner, hellrother Fez, von fchweren dunklen 
Zöpfen umfchlungen, die ihrerſeits wieder von einem lichtblauen 
Bande ummunden, diademartig durch eine gigernbe Brillantnadel 
rm find; ein fehwarzes, enganfchließendes Leibchen mit blauen, 
lipartigen Einfägen. 

Und welch buntes Gewimmel regt fich dort am Ufer! Won ber 
gelkrogenden Uniform der Tumäntfden und ſerbiſchen Offiziere bis 
v Mangel an Kleidung ſich Tennzeichnenden Tracht des 
—— auf Eſel reitende, bärtige Türken in weißem Hemd und 
blauer Hofe, eine rothe Sehärne um die Lenden und den bunten 
Turban auf dem Haupte; der Wallache in weiter Gatie und kurzem, 
taum zum Gürtel teichendem Hem de, an welchem jedoch Gattin ober 
Geliebie die mühfamft ie durchbrochenen Shume nicht fehlen 
laßt; der ferbifche Bauer mit herabgebogenem Schnurrbart und der 
Hohen, ſchwarzwoölligen Mütze und fein Weib, Kopf und Bruſt, faſt 
wie bie Türfin, mit großen weißen Tüchern verhůllt Dort drängt 
ſich die Uniform eines Marineoffiziers gi ifchen einen Schwarm von 
nur mit Hemd und Schürze befleideten Wallachinnen, und hier wird 
eine and Land tretende elegante Abendländerin von einem Kaufen 
halbnackter, an Farbe den Rothhäuten ähnelnden Trägern überfallen, 
welche zudringlich ihre Dienfte anbieten. 

Unzählige große und Fleine Segelfchiffe begegnen und oder wer- 
den von unſerem Dampfer überholt. Eben zog eine flotte von 19 
Segeln an und vorliber, umkreiſt von Hunderten jchnellflügeliger 
Möven, die pfeifgefchwind bald Hart an der Wafferfläche hinſchießen, 
bald hoch über den ftolgen Maften. Zerner und ferner treten bie 
Ufer des Stromes zutüd, und immer feltener werden die Spuren 
menſchlichen Daſeins an denfelben; ja Stunden verrinnen ohne auch 
nur ein einfames- Fiſcherboot, ober eimen feine Heerde tränfenden 


| 








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512 Reifebilder aus di 


reitenden Hirten entdeden zu Iı 
Wildenten halb im hohen Sch 
dahinſchwebenden Reiher. 

Infolge ihres geringen F 
gleiht die Donau nun weit mı 
und die tiefe Ultramarinfarbe i 
nirgend fonjt ihren Namen der 

Die Sonne neigt fi gege 
Ebenen und bejonders eine fern 
der Balkankette, mit jenem wunl 
wohner des Abendlandes in ent 
Tag lächelt ein heiterer, freunt 
ftrahlt das freundliche Tagesgeſ 
gang entgegenfahren, befto rofigı 
die Luft. 


An Schiftowa mit dem gegt 
fangreihen Stadt ganz türkiſche 
ten Minarets gezierten Mofcheen 
und Kähnen belebten Hafen, an 
vorüber (Städte, welche in dem 
eine fo bedeutende Rolle fpielte: 
Galag ein, von wo ein rüuſſiſch 
mündung ins Schwarze Meer un 


g 

Keine Stadt der Erde viell 
nationalen Charakter, wie diefe 
Nordens und Südens, des Occil 
nicht erzeugt, durch Klima und ! 
Sommer erweden die verfchieder 
Kleidung fich anpaßt; Schiffe au 
empfängt und entläßt der geräu 
an Getreide; faum gerin er viel 
ſonders Luxusartikeln. In fein 

roßer Luxus entfaltet, wie hie 
ren größtentheils aus Bari 
Zoiletten. 

In Mitte des vorigen Yahı 
felige Fifcherhütten an der Stel 
Einwohner zählenden Handelsft 
häfen unſers Kontinents, wie T 
Seite geftellt werden kann, ja die 
und ihrer, ausgenommen im « 
Häufer, an Ausdehnung wohl ül 

Kind unferes Jahrhunderts 


Deine, Google 


Reifebilder aus dem Südoflen Europas. 513 


erabe, ſchneiden ſich in rechten Winkeln und überraſchen durch ihre 
Kattice Breite, wie durch die fchattigen Alleen, mit denen fie 
bepflanzt find. ’ 

Und welch ein — faſt aller civiliſirten und unciviliſirten 
Nationen der Erde! Der kühl zurückhaltende Engländer, neben dem 
lebhaft geſtikulirenden Italiener; der ſchachernde Jude, neben dem 
nicht minder ſchlauen Griechen. Franzofen und Deutſche, Holländer 
und Schweben, fie alle jtellen ihr zahlreiches Kontingent von Be— 
wohnern. Selbjt ein Brüderpagr Shane verfauft köſtlich aromati- 
ſchen Thee in feinem vorzüglid) ausgeftatteten Geſchaͤftsloklale. Koftüme 
aller Art, außer der bereit3 am Schiff begegneten, drängen fich hier: 
dort ein Trauben und anderes Objt verfaufender Tatar aus ber 
Krim; hier ein Tcherfejfe zu Pferde; da wieder einige Armenier. — 
Und alle die Laute und Sprachen! ein wahrer Thurm Babel! 

Begegnete ich nicht auf jedem Schritte den ‚IJswostſchik“, nichts 
würde mir fagen, daß ich in Rußland bin. Aber in welchem andern 
Lande der Welt trifft man dieſe Art Ziafer? Ein Meines, leichtes 
Wägel mit fehr engem Sitze für zwei Perfonen, mit einer durch 
hohen ven über dem Kopf des Pferdes verbundenen Gabeldeichjel; 
meift 108 ein zweites Pferd frei zur Seite gefpannt; der Kutjcher 
im ruſſiſchen Kutfcherfoftüm, dem wattirten, weiten, bis zur Erde 
reichenden Faltencod, der mich, wenn id) eben das bärtige Geficht 
nicht jehe, in Zweifel läßt, ob ein männliches oder mweibliches Weſen 
auf dem Bock die Zügel lenkt. Ich hatte indeß Bien Jswostſchit 
bald eine ſehr anziehende Seite abgemerft: ihre Billigkeit. Für 
20 Kopefen (etwas mehr als 20 Kreuzer öfter. W.) machen Tie jede 
beliebige Fahrt in der Stadt. Und dennoch thut ihnen Ddeſſa das 
Zeidweien an, heutigen Tages mehrere Tramway-Streden durch das 
Innere der Stadt und nad den verfchiedenen, häufig bejuchten 
Punkten der Umgebung zu befigen! Bebauernswerthe Jswostſchik! 

Als ic) im verfloflenen Herbſte dafelbit ankam, empfingen mic) 
die Hallen eines neuen, prachtvollen Bahnhofgebäubes, ftatt des alten, 
ſchmutzigen Labyrinthes; auch fand ich bedeutende Verbeſſerung im 
Pflaſter und in der Neinhaltung der Straßen, in welcher Hinficht 
ſich Odeſſa vor ben meiften ruſſiſchen Städten vortheilhaft auszeichnet. 

Am 22. September 1885, gegen drei Uhr nachmittags ſchiffte 
id) mic) mit meiner junsen, ruſſiſchen Freundin, die wir Raiſſa 
Pawlowna nennen wollen, auf dem Dampfer „Olga“ ein. Dreimal 

- tönte das Beichen der Abfahrt: die Glode und das dumpfe Horn, 
defjen düſter flagender Ruf über die heiter ſchwatzende Gefellichaft 
auf dem Verdeck und durch die klare, ruhige Luft weithin fallt, 
wie ein Warneruf vor den Gefahren, welche das krügerifche Meer in 
jedem Augenblid heraufbefchwören kann. Geſchäftig drängen ſich die 
Matroſen durch die Menge, welche ſich beim dritten Zeichen, den ab- 
reifenden Freunden nod) einmal die Hände fhüttelnd, über die Zall- 
treppe ang Ufer zurüdzieht. Die Anker werden gelichtet, und langſam 
ſetzt fich der Schraubendampfer in Bewegung, langſäm windet er ſich 

Der Salon 1889. Heft V. Band I. 35 





514 Neifebilder ans dem Südoften Europas. 


durch das Gewimmel der Schiffe zum Hafen hinaus, zwijchen den 
doppelten Breakwater hindurch. Leije Beginn das wohlgebaute, aber 
nicht ſehr große Schiff zu ſchwanken; leiſe nur, benn fpiegelglatt 
dehnt ſich die Fläche des Meeres; feine drohende Woge, Tein weißer 
Kamm hebt ſich: die beiten Auguren ruhiger, unbeläftigter Fahrt. 

Weiter und weiter bleibt die hinter dem Hafen ua ſtolz aus⸗ 
dehnende Stadt zurück, unmerklich ziehen wir ans dem breiten Golf 
auf die Hohe Sce hinaus; nad) etwa anderthalb Stunden verſchwin⸗ 
den die legten Unebenheiten des Horizonte, die legten Spuren bes 
verlaffenen Landes und endlos dehnt fich das Meer ringsumher. 

Prächtig war der Tag, herrlicher noch die Nacht. Der dunkle 
Sternenhimmel über und ſchien mit der dunflen Sec unter uns fich 
u einen. Silberflutend ſchimmerte der endloſe Streifen, den unſer 
Hampfer Hinter ſich ließ im milden Licht des Halbmonds. Dort 
und da Begegnete uns ein Segler mit hoch am Maſte glänzender 
Laterne und zog langjam an uns vorüber. 

Zange wollt’ ich mich nicht trennen von dem Genuſſe dicfer 
imbejchreiblich jchönen Nacht, und ſpät war es, als ich meine Kabine 
aufſuchte, in meine Hängematte kletterte und fanft gewiegt an ber 
Seite meiner Freundin in ruhigen Schlaf verfiek. 


UL 
Sewafopol*) 

Gegen fieben Uhr morgens liefen wir in die Bucht von Sewaſtopol 
ein. Zwei weit ins Meer en Landzungen, von denen Die 
zur Linken von einem folojfalen, maſſiven Fort gekrönt ift, umrah— 
men fie. Weiterhin theilt fie ji in drei Arme, deifen längſter fich 
wohl drei big vier Werft**) ins Innere des Landes erftredt, und den 

rößten Schiffen weithin einzulaufen geftattet. Die Natur Hat hier 
elbſt alles. getfan, um den bequemjten und ficheriten Hafen zu 
ſchaffen, und außer dem von Felſen ganz eingefchlojjenen, aber Heinen 
Keſſel von Balaklawa bietet das ſchwarze Meer nichts ähnliches. 

Die vor dem Krimkriege jo bedeutende und blühende Stadt liegt 
auf den verfchiedenen Landzungen und den Ufern ber Buchten zer- 
ftreut, aber au) Heute no), 30 Jahre nad) ber furd)tbaren Belage- 
rung, größtentheil® in Trümmern. Wir benugten die fünfftündtge 
Naftftation unjeres Schiffes, fie in der Kreuz und der Quere zu 
durchwandern. Ganze lange Straßen find nur aus Schutt- und 
Steinhaufen und aus halb noch) ftehenden Mauern einftiger Häu 
gebildet, aus deren ausgebrochenen Fenſterhöhlen Greuel und X 
wüftung des Krieges wie aus hohlen Augen uns anjtiert. Dort ı 


*) Bei im Deutfpen und Ruſfiſchen gleichlautenden Ortenamen behalten 
bie der ruffifcen Ausfprade möglichft entfprecenbe Orthographie bei. 

=>) Werft if das ruffifhe Lüngenma fir Gntfernumgen. 1,94 Merft 
1 Ritometer, fobaß ungefähr 7 Werft auf eine geograppifcpe Meile Tommen 


Reifebilder aus dem Sũdoſten Europas. 515 


da hebt ſich allerdings ein neues Gebäude aus der Mitte der öden 
Auinen; doch fcheint es uur dem Bild der Zerftörung ein lebendigeres 
Relief zu verleihen. . 

Dicht neben dem Landungsplag der Dampfichiffe führt eine 
breite fteinerne Treppe zu dem von weißen Säulen getragenen Por- 
tifus, vor welchem viele die Ueberfahrt über die Buchten vermittelnde 
Boote verfchiedener Größe nor Anker Liegen. Das Ufer gegenüber, 
dem Einfahrenden zur Linken, bejhügt noch ein zweites En und 
hinter dieſem erblidt man an einer Kalt anfteigenden Anhöhe die 
Friedhöfe der Hier gefallenen Ruſſen, Franzoſen und Engländer; fie 
gleichen, um der vielen der fie befchattenden Bäume willen, ausge— 
dehnten, freundlichen Gärten. Died ijt wohl das einzige Plägchen, 
an defjen mildem Grün das von dem grellen Sonnenlicht des Südens, 
den weißen Kalffeljen und den aus demjelben weißen Gejtein erbauten 
Häufern geblendete und durch die fahle, nadte Erbe ermüdete Auge 
ſich ausruhen kann. 

Kaum hundert Schritte vom Landungsplage, am rechten Ufer 
der weiten Bucht, hat man es verfucht, die traurige Dede burch 
einige neue Gartenantagen, angenehm zu unterbrechen; aber auch fie, 
weder von dem jteinigen Saltboden noch won dem regenfargen Him- 
mel begünftigt, zeichnen fich, wie die ganze Landſchaft, Durch Mangel 
an grünender, blühender Vegetation aus. Dicht am Meeresitrande 
ladet und eine fühle Grotte, in welcher ein ſprudelnder Brunnen 
plätfchert, zur Ruhe ein; unter dem heißen Sonnenbrande Lot mich 
paſſionirie Schwimmerin indeß noch verführeriicher die Badehütte 
in nächfter Nähe, wie primitiver Art fie auch ſei. Das von feinem 
Wellenichlag bewegte Waſſer der Bai iſt blau, wie Saphir, tar und 
durchfichtig, wie Krijtall; viele Klafter tief fieht man deutlich auf 
dem Grunde jede Muſchel, jedes Steinchen glänzen. 

Nach der köſtlichen Erquidung bes Seebades fteigen wir die 
felfige Anhöhe über die Stadt hinan, auf welcher der wenig Schat- 
ten aber eine weite Umſchau gewährende Boulevard, immer bergan, 

u bem bebeutenditen Gebäude der heutigen Stadt führt: einer dem 

:ommen Andenken ber im Krimtriege gefallenen ruſſiſchen Strieger 
erbauten Stiche, in deren halb unterirdiicher Gruft die unter den- 
jelben hervorragenditen Generäle und Admirale beigejegt find. Fried- 
lic) ſtill und kühl ift'3 hier unten zwifchen den ſchweigenden Gräbern: 
Friede des Todes. 

In Sewaſtopol verließen viele unſerer Mitreiſenden das St 
um zu Wagen Jalta zu erreichen; eine Strede von beiläufig 80 Werit. 

Den Hafen_verlaffend und ſich nad) links, Südoft, wendend, 

‚mfchiffte unfer Dampfer den kaum drei jt von Semwaftopol ent- 
ernten Cherjonnes. Hier bezeichnet eine von der Land- und von 
r Seeſeiie weithin fichtbare irde die Stelle, wo der erſte chriſtliche 
ürft Rußlands, Wladimir J. 988, die Taufe empfing. 

Noch einige Werft weiter kommen wir an ber Heinen Landzunge 
fiofept vorüber, und nun beginnt das bisher flache Ufer almäyfıh 
368 


516 Heifebilder aus dem Südoflen Europas. u 
anzufteigen. Einer von Menjchenhänden errichteten Mauer ähnfich, 
chtoff ins Meer abfallend, erhebt es fich anfangs faum ein paar 

uß, bald einige Klafter hoch, und jo höher und höher. 

Wir fahren an dem uralten, in der Geſchichte der Krim oft 
erwähnten St. Georgäflofter, mit feinem hochaufragenden Kicchthurm, 
an dem halbverftecten Eingang zu dem Eleinen Hafen des Städtchens 
Balaflawa — welches unjern Blicken jedoch verborgen bleibt — 
und an dem Kap Phoros, der ſüdlichſten Spige der Halbinjel vorbei. 

Bald erbliden wir num ganz auf der Höhe des Gebirges, 
2800 Fuß über dem Meere, ein trog der Entfernung deutlich ficht- 
bares, den Felſen durchbrechendes Thor, das Barbarthor, durch wel- 
ches die von Sewaftopol nad) Jalia führende Strafe geht. Sie 
überfteigt bier das SJarlagebirge imd bie Strede vom Baidarthor 
bis Alupfa an der fteilen Höhe herab ift ein Meiſterwerk modernen 
Straßenbaues. Der überrafhende Anblid des Meeres foll, befonders 
bei Beiterem Sonnenaufgang, für folche, welche von Sewaſtopol kom⸗ 

menb, das Een paffiren, ein ganz unvergfeichlich herrlicher fein. 

Das Schft ährt nun im öftlicher Richtung Länge der Küfte 
dahin. Beftändig fteigt die Gebirgötette an, deren Höhenkamm auch 
‚hier in felten umterbrochenen, fentrechten Wänden gegen das Meer 

u abfällt. Aber auch mehr und mehr Raum gewährt fie an ihrem 

But den am Abhange Hebenden Tataren-Dörfern: Kiteneis, Limen, 

Iupfa, Mischer, Gaspra; fowie den immer zahlreicher werdenden 

Schilöſſern und Villen der Großen und Größten bes Reiches, und 
ben mit feinen weitberühmten Produkten ganz Rußland verforgenden 
- Weinbergen. 

\ Bei dem Kap von Yi-Todor, das ein bie Sc fer weithin 
"warnender Leuchtthurm krönt, nimmt die Küfte eine nordöjtliche Ric 
tung, und fehon erbliden wir in der Ferne das Zul unferer Reife, 

‘dem wir, vorüber an den Schlöffern Orianda und Livadia, zuftenern. 


IV. 
Ialta 


Wo die Jallakette ie volle Höhe — gegen 5000 Zub — 
erreicht, und am weiteiten flaches oder nur fanft fich erhebendes Land 
am Meeresufer läßt; wo fie von einer gegen Norden fih hinein⸗ 
windenden Thalſchlucht unterbrochen, ihre Berge wieder öftlid) und 
mit dem Vorberg Ai-Danil bis ins Meer hinausfchiebt; da, im Nor- 
den und Weften vom Gebirge umrahmt, Tiegt das Heine Städtcher 
an der nad) ihm benannten, weiten und wenig ins Land einfchne 

denben Bucht zwiſchen Air-Tobor und Ai-Danil, 

Die geſchuͤtzte und füdliche Lage (44%/, Gr. nördl. Br.) gebe 
Salta und feiner Umgebung ungefähr die Temperatur Oberitalien 
und aus dem ganzen ungeheuern Zarenreiche ſtrömen Kranke uı. 

Geſunde Hierher, um unter diefem warmen, heitern Himmel Genejung 
Erholung, Kräftigung oder aud nur Vergnügen zu fuchen. Beſon 


Reifebilder aus dem Sũdoſten Europas. 517 


ders in den zum Gebrauche der Traubenfur und des Seebabes ſich 
am beften eignenden Monaten September und Oktober ift Jalta und 
feine Umgebung der Sammelpunft der vornehmen und reichen Welt. 
Und fein Wunder ift ed, wenn Stranfe hier genejen, ek und 
Sterbende zu neuer Hoffnung fich aufraffen und die kraftvolle Jugend 
ſich kopfüber in den vollen Genuß des Lebens ftürzt: hab’ ich es 
doch felbft erfahren, wie dieſes reizende Fleckchen Erde, das allen 
Bauber des Meeres und des Gebirges, eines föftlichen Klimas und 
ippiger Vegetation vereinigt, bie Bulte des Lebens fräftiger und 
ES er fchlagen läßt und jeden Nerv zu intenfiverem Genuß bes 
afeins anregt. 

Noch auf dem vor Anker liegenden Schiffe überrafcht und das 
maleriſche Bild des im Halbkreis an der Bai erbauten Stäbtchens. 
Im Nordoften jteigen die zerftreut liegenden Häufer ben Hügel 
hinan, auf deffen Gipfel die biendend weißen Mauern und Thürme 
des hübſchen, ruſſiſchen Kirchleins hinter ſchwarzgrünen Ehpeeffen 
und Cedern hervorjhimmern. Dicht am Meere erftredt fich der 
fchattige Boulevard; an denfelben gegen Weiten fich anfchließend, 
gerade vor und, der Duni, wo Hötel an Hötel fich reiht; weiter 
qurüd die reichen Weinberge, aus denen unzählige, gejchmadvolle 
Willen herausfugen; dahinter die mit dichten Wäldern bebedten 
Höhen, deren gewaltige Stirnen nadt und fahl in die Wolfen vagen, 
und über alledem die klare, Burchfichtige Seeluft, das golden=rofii 
helle Licht des Südens, welches alle Konturen ſcharf und vente 
hervortreten, die jetten Zarben von Wald und Meer, von Berg und 
Himmel fi herrlich von einander abheben läßt. Wie oft ſchwelgte 
ih in dem Anblick dieſes prächtigen Bildes, wenn das wogende 

eer mich in feine Arme aufgenommen hatte und auf feinen ſalzigen, 
— kräftigenden Fluten, fern vom Ufer, ſanft auf und nieder 
nukelte. . 

Wohl ragen une imifchen Alpen höher und ftolzer zum 
Himmel, tragen die Gletſcher auf ihren gewaltigen Schultern, Vene 
den aus ihrem Schoße die bdonnernden, Vernichtung und Gegen 
bringenden Ströme ind Thal. Ihre oft grauenerregende Majeftät, 
fuche fie hier nicht; aber alle Pracht, allen unbejchreiblichen Reiz, 
welchen die Bermälung der See mit dem Gebirge, überwölbt von 
dem milden, faft ewig heitern Himmel bes Südens, träumen läßt, 
hat die Natur mit freigebiger Hand hier auögegoffen. 

Die See! ewig wechſelnd und ewig gleich ſchön, ii jeder Stunde 
des Tages und der Nacht in andern doc; ſtets wunderbaren Tinten 
Spielen: vom dunfelften Ufttamarin, bis zum zarteften Bläulich- 

rün; finfter und ſchwarz unter den barüber lagernden Wolken, 
ſtrahlend und lächelnd im hellen Sonnenfhein, allen Farbenglanz 
von Gold und Silber, Smaragd und Saphir, Onyr und Opal be- 
ſchämend; heute ein zur Erde herabgefunfener Himmel, morgen Tod 
umd Verderben donnernde Wuth der Hölle — wer vermag ihren 
Zauber zu erklären? — Täglich ging ich ftundenlang am Strande 


518 Heifebilder aus dem Sũdoſten Europas, 


auf und ab, oder faß auf den Bänken hart am Waffer, ſodaß die 
Wellen mir dicht um die Füße fpülten, und ward nicht müde, ihnen 
gugufeßen. Eine nad) der andern ſchiebt fi heran, Höher und höher, 
13 fie fich in die zurüctaufchende Brandung überftürzt und ſich in 
unzählige, Heine, Fraufe, mit weißem Schaum bededte Welchen zer⸗ 
theilt, die mit riefelndem, Enifterndem Geräufch den ſanft anfteigenden 
Uferkies, gleich zahlloſen, behenden, weißwollhaarigen Mäuschen und 
Kaninchen, murmelnd hinauflaufen. Nun rinnen fie wieder zurüd; 
aber ſchon begegnet ihnen die nächfte unermeßlich lange Woge und 
überftürzt fich abermal3 mit dumpfem Dröhnen, und jo fort, Die dritte, 
die vierte, und jede jtäubt mir ihren feinen, falzigen Sprühregen zu, 
den ich mit demfelben trogigen Wohlgefühl einathme, wie die jcharje 
Luft unferer Hocalpen. Sieh! da naht eine, höher, gewaltiger als 
die vorigen; näher zum Ufer heran rüdt fie; jetzt ftürzt auch fie 
in die fhäumende Brandung — ſchnell Füße und Kleid in die Höhe, 
denn flugs! läuft fie über den Kies weg bis unter meine Bank. 
Dort! dort fomınt eine andere, noch gewaltiger; aber fich! Die gegen- 
ftrömenden Waffer brachten fie früher zum Falle, und fie kam lange 
nicht fo weit al3 die vorige — wie jo oft im Leben das Streben 
des Einen fein giel erreicht, das eines Andern dem Gegenjtrom eines 
mitrigen Geſchickes unterliegt. 

o treiben die Wogen unermüdlich ihr harmlojes Spiel in 
frieblichen Tagen. Aber wie fchauervol rafen und toben fie, wenn 
fie ein Sturm dem Lande zutreibt! Haushohe Ungethüme, wälzen 
fie ſich Hetan, die Stirn überhangen von weißen, drohenden Loden. 
Nichts jcheint ihrer titanif Gewalt widerftehen zu Zönnen; — 
doch ſchon Beugt ſich das Niefenhaupt und in furchtbarem Bogen 
ftürzt es mit donnerndem Toſen in die Tiefe, aus deren wildem 
Aufruhr fehäumender Giſcht empor — — Soll ich es befennen? 
Mein Herz jauchzt, troß heimlichen Bebens, bei diefem ſchauerlichen 
Raſen. Ya, 3 mehr! mit unbezwinglicher Gewalt treibt's mich, 
hineinzuſtürzen und den Kampf zu wagen auf Tob und Leben. -— 

reilich, wohl fänd’ ich den erftern. Denn als ich einmal, bei etwas 

mmegter See, die jedermann, aufer mich, vom Baden zurüdchtedte, 
ind Meer hinaus zu ſchwimmen wagte, wurde ich beim Zurüdfehren, 
ermübet von ber Anftrengung des Durchdringens der Brandung, 
kraftlos und aufs äußerfte erfgöpft, außerhalb der Badehütte ans 
Ufer gefchleudert, und Tann von Glück fagen, nicht an einem der 
Pfoſten derjelben zerfchmettert, fondern nur mit einigen Kontuſionen 
und blutenden Schrammen davon gekommen zu fein. 

Jalta, im 12. und 13. Sahrgunbert unter den Byzantiner 
Galita, fpäter ein tatarifches Dort Jalita, zählt auch Heute, obwoh 
ſchon 1838 zur ruſſiſchen Kreisftadt erhoben, faum 2000 Einwohne 
und nur wenige Straßen, bon denen der Quai die bedeutendftı 
Doch welch ein bunt beivegtes Leben Brängt fi) hier zur Trauber 
eit! Hier ftellen die Eugen Kaufleute, Armenter und Perfer, ihn 
Foftbaren Waaren aus: glänzende Seiden- und ſchmiegſame Wollftof 





Reifebilder aus dem Südoflen Europas. 519 


aus dem Kaufafus, indifche und perfiiche Tücher und Teppiche, Gold- 
und Silbergejchmeibe, Gürtel aus maſſivem oder Filigranfilber mit 
feinem Dolce daran, wie fie von Tataren und Tſcherkeſſen getragen 
werden, und viel andern feltenen Schmud; während die einheimiſchen 
Tataren die Früchte des Landes in ihren hölzernen Buden verkaufen: 
aller Art köſtliches Objt und vor allen die gejegnete Traube, den 
Schatz der Krim. 

Hier harrt die lange Reihe der bequemen Miethwagen; hier 
reiten bie ſtolzen Kavalfaden durch, auf die nervigen, feurigen Tataren- 
Rößlein, gefolgt von den tatarijchen Begleitern in ihrer Eleidjamen, 
ſchmucken — Hier ſchlendert die Geld- und Blutsariſtokratie 
Rußland: Fürjten und Grafen, Minifter und Generäle, Bankiers 
und Gutsbejiger, die Creme der Gejellichaft und unter derſelben 
mand Hodjitapler, mand) elegante Abenteuerin, er im Spiel, fie in 
der Liebe ihr Glück verjuchend. 

Aber auch die jehnigten, bronzefarbigen, halbwilden Geitalten 
der türkiſchen Küftenjchiffer und der Tataren aus den Bergen, mit 
nadtem Hals, Brujt und Armen, den vothen Fez oder ein ſchmutziges 
Tuch turbanartig verjchlungen auf dem Kopf, ſtreifen dicht an dem 
Monocle tragenden Dandy, an der vom Affenhündchen begleiteten 
Dame vorüber. 

Lentit Du zufällig einmal Deine Schritte durch den Schwibbogen. 
de3 jogenannten Central-Gafthofes, gegenüber der Dampfidiffagentur 
am Boulevard, fo verſchwindet wie mit einem Zauberſchlage die 
vornehme Welt Hinter Dir. Ein durchdringender Geruch von brenz- 
lichem Fe von Schweiß der Pferde und Menſchen, verwor- 
renes ſchrei der Käufer und Verkäufer, der Fuhrleute, welche ihre 
mit elenden $tleppern oder Ejeln bejpannten Karren durch die Dienge 
drängen, empfängt Dich. Du befindet Dich auf dem Bazar. Tataren, 
Türken, Griechen, Armenier, Ruffen, auch einige Karaim und Juden 
— das treibt und ftößt fich durcheinander auf der natürlich unge- 
pflafterten Straße, an deren Rande die Verkäufer mit untergejchla- 
genen Beinen fauern. 

Haft du bisher die Berechtigung anerkannt, Jalta ein Paradies 
u nennen, ſo brichſt du hier doch griß in den Ausruf aus: „Welch 
Nhmugiges Paradies!“ Selbſt der Quai, obgleich er in diefer Saijon 
(aber auch nur bis Ende Dftober), täglich gefehrt und befprigt wurde, 
erfreut fich durchaus feiner, dem —e Begriff des Wortes 
entſprechenden Reinlichleit. 

Trotz der ſieben Hötels (drei davon wurden im Laufe des legten 
"ahrzehnts erbaut und zu einem achten in diejem Herbite der Grund 

:fegt) findet man während ber High season oft fein, ober doch fein 
affendes Obdach, und felbjtverftändlih nur zu Preifen, wie die 
life Großen fie zu zahlen gewohnt find. 
ir hatten daſſelbe im Grand Hötel de Russie genommen, 
elches fich durch feine Lage und feinen Komfort auszeichnet. Im 
üden von einem fonnigen, dicht hinter demſelben ſich erhebenden 


520 Meifebilder aus dem Südoften Europas. 


Hügel beſchirmt, genießt die Hauptfront dieſes palaftartigen Gebäudes 
die volle unbehinderte Ausſicht auf das offene, nur durch den ſchma— 
len Garten und den Quai vom Hötel getrennte Meer. In einem 
Pavillon diefer Gartenanlagen, welche ſich janft zum Quai hinab- 
guten, fpielte täglich nachmittags bis um elf Uhr nachts ein aus 

erlin berufenes Orchefter. Wer wollte da nicht gerne ein oder das 
andere Stündchen auf der geräumigen, zu beiden Seiten von breit 
äftigen Platanen bejchatteten —— verbringen! 

Die weite Bucht liegt vor und. Von ber Oſtſpitze Jaltas zur 
Zinfen an, wo die Wogen fi) an vorjpringenden Feljen mit dumpfem 
Braufen brechen, und wo nachts der warnende anal mit dunkel 
purpurnem Auge glüht, bis ferne nach Süden an den grengenlofen 
Horizont der hohen See reicht unfer Blid. Wenn dann die wenigen, eben 
hier vor Anker Tiegenden Segelſchiffe jedes feine Laterne aufhißt und 
fie ſich, ſchwimmenden Glühwürmchen gleich, auf den Wellen fachte 
ſchaukeln; wenn des Mondes zauberifches Licht die umabjehbaren, 
deife bewegten Fluten verfilbert; die breiten Blätter der Platanen 
über uns fanft erzittern im weichen Hauche des Südens, der den 
Duft von Roje und Heliotrop zu und Beraufträgt; wenn die bald 
fröhlich jubelnden, bald fehnfüchtig flötenden Weilen der Mufif ung 
auf ihren Schwingen wiegen: wortlos bleibt die träumeriſche Süßig- 
keit ſolcher Augenblide! 

Die Lebensweiſe der Badegäſte in Jalta iſt ſo ziemlich dieſelbe 
wie in andern Kurorten: der —— des Stadtgartens, in welchem 
morgens und abends eine Muſikkapelle ſpielt; eine Rromenade längs 
des Strandes, dazwifchen eine kleine Raft auf den Bänken am Ufer- 
fies, ber Vertilgung einiger fchwerer Gutedeltrauben gewibmet; ein 
erquidendes Seebad*); die wöchentlichen Tanzjoireen und — das 
Theater. (Denn zu unferer nicht geringen Ueberrafchung fanden wir 
diesmal fogar ein. hölzernes Theaterchen erbaut, in welchem Operetten- 
Vorftellungen gegeben werden). Außerdem in erjter Linie Ausflüge 
in die herrliche Umgebung Jaltas. 

Eine eingehende Schilderung all der jchönen oder intereſſanten 
Punkte der Umgegenb würde ung zu weit führen, weßhalb ich mic) 
darauf beſchränken muß, nur einzelne Blüten aus dem Tieblichen 
Kranze reizender Bilder herauszugreifen und ben Leſern unſeres 
Heftes darzubieten. 

Bevor ich jedoch vom Lande erzähle, noch einige Worte über 
deffen Leute, nämlich die zum Islam fich befennenben: 


V. 
Tataren der Krim. 

Ein eigenartig, interefjantes Völfchen! Nachdem die Tataren 
durch viele Jahrhunderte die Herren fowohl eines großen Theils des 
TE) Dügleidh die Badepläge gegen den ſtart belebten Quai durchaus nicht woll- 
tommen gebedt find, ftehen in dieſem „Paradiefe" aud ziemlich „Pparabiefifche” 
Babeloftiime ſehr allgemein im Gebrauch 





Reifebilder aus dem Südoften Europas. 521 


heutigen europäifchen Rußlands als auch diefer crft im Jahre 1783 
unter Katharina II. eroberten und mit Rußland vereinigten Halb- 
infel gemwejen, joll gegenwärtig, infolge der beträchtlichen Auswan- 
derungen nach der Türkei, ihre Zahl in der Krim auf wenig mehr 
als 100,000 ‚ulammengefchmolgen fein. 

Gewöhnlich von kleiner und ſchlanker Geftalt, aber mit breiten 
Schultern und gewölbter Bruſt, befigen ſie eine unglaubliche Behen- 
digkeit und Körperkraft. Man fieht fie in halb zerlumptem Hemde 
und weiten Hojen, eine grellfarbige, meift rothe Schärpe um den 
Leib, welche ihnen erforberlichen Falls auch als Trag- oder Schlepp- 
jeil dient, die Füße in mit Riemen ummundenen Lappen und pan- 
toffelartigen Schuhen ftedend, Arbeiter- und Laftträgerdienfte ver- 
richten, wobei fie, geblidt bis zu einem rechten Winkel, lange Streden 
weit unglaublich Aetvere Laften tragen. Ich ſelbſt ſah einmal auf 
der Straße vier ſolche Tataren ein großes Piano in der Weife 
transportiven, daß immer einer allein auf jeinem Rüden den von 
einem Kiſſen unterftügten Flügel einige hundert Schritte weit trug, 
worauf einer der andern ihn ablöfte. 

Aber fo ftaunenswerth dieſe ihre Muskelſtärke auch ift, bin ich 
doch überzeugt, daß es diefe armen, halbwilden Laftträger, oder 
Kohlen⸗ und Holzführer aus ben Bergen nicht waren, deren Anblid 
dem Kaiſer Alerander I. den Ausruf entlodte: „Welch herrliche Ge- 
ftalten bes Orients! Welche edle Menſchenraſſe! Die Krim verlöre 
ihre ſchönſte Eigenthümlichteit, wenn man die Tataren nicht ſchonte“ 
Aber in der nt von „geliten Fa Men ae guien 
talifcher Schönheit, in welcher der tſcherkeſſiſche und griechiiche Typus 
—28 ſind die Geſtalten der begüterten Klaſſe, welche hier durch 
Gewerke, und Handeltreibende, hauptſächlich aber durch die Wagen- 
und ferbebefiger und »Verleiher vertreten ift. 

ibenſchwarzes Lockenhaar, fein gezeichnete, dichte Brauen, aus- 
drucksvolle, dunkle Augen, edles ” il, runde Gefichtsbildung, 
prächtige Zähne unter dem kurzen, wohlgepflegten Schnurrbart, Eräftiger: 
gejhmeidiger Körperbau mit jchön geformten Füßen und Händen; 
und alle diefe natürlichen Vorzüge gehoben durch das Fleidfamfte 
Gewand: die fehwarze, runde wollige Müpe aus feinem Schaffell, 
deren Fläche oben ebenjo reich mit Gold- und Silberborten gejtict 
ift, wie das fnappanliegende Wams an Bruft und Hals; dieſes 
und die weiten Beinkleider find aus ſchwarzem Tuch und von einem 
foftbaren Silbergürtel um die fchlanfen Lenden umſchloſſen. Nach 
orientalifeher Sitte vollenden niedere Schuhe dieſes Koftüm, unſere 
jungen Tataren Haben fich jedoch meift zu den entiprechenderen un- 
gariſchen Stiefeln emanzipirt. Wohl ein Dugend folcher prächtiger 
Geftalten fehlendern tagsüber auf dem Quai umher, der Beitellungen 
auf ihre Wagen und Reitpferde harrend. Auf Ausflügen zu Pferde 
dienen fie als Vegleiter und Führer; obwohl die Vornehmen unter 
ihnen meift ihre Diener ſenden und man es fich zur Ehre rechnen 
fann, von ihnen ſelbſt begleitet zu werben. 


522 Reifcbilder ans dem Sũdoſten Europas. 


Mau begegnet ihnen in Höteld, in Öffentlichen Gärten, im Klub 
und Theater, wo fie überall mit würdevoller Zurüdhaltung auftreten; 
Es fann nicht wohl Wunder nehmen, wenn — wie von glaubwür- 
diger Seite behauptet wird — diefe jungen, ſchönen Tataren fich 
Holder Frauengunjt aus Hohen und nieder Kreifen erfreuen, und 
man unter ihnen den glüdfichen Helden jo manchen Romanes 
finden kann. 

Es wird von den drei oder vier vermögenditen Pferdeverleihern, 
welche zufammen eine Art geſchäftliche Afjociation bilden, behauptet, 
ihr Erwerb fei ein jo bedeutender, daß fie im verfloffenen Jahre an 
40,000 Rubel erfparten Geldes in der 8 ...... er Bodenfredit- 
Bank anlegten. 

Laßt uns indeß auch, ein Streiflicht auf die Reversſeite jolcher 
Tataren-Eriftenz werfen! 

Ein General miethet ein Reitpferd für feinen Sohn, einen halb- 
wüchfigen, eigenwilligen und graufamen Jungen, der ‘das Thier, trog 
der Gegenvorjtellungen feines Begleiters, des unglüdlichen Bejigers 
deſſelben, fo lange mit Sporn, Bügel und Reitpeitſche martert, bis 
& ſich bäumt und feinen Peiniger abwirft. Der Sturz zog dem 
ungeberdigen Jungen nichts weiter als ein paar Beulen zu; der 
entrüftete Vater indeß — ließ. den Verfeiher des Pferdes ergreifen 
und ihm eine Anzagl Peitſchenhiebe verabreichen; zur Lehre, wie ber 
Herr General ji) ausdrücte, künftig feine Pferde beffer abzurichten. 

So gejchehen zu Jalta, in der Herbitfaifon des Jahres 1885. 


- * 
* 


In den Dörfern Derefve und Gurfuff fanden wir wiederholt 
Gelegenheit, das Innere von Tatarenhäufern zu betreten Wir 
wurden mit Sreundlichfeit empfangen und, unferes Gejchlechtes Halber, 
ohne Zögern in die Gemächer der Frauen geführt und von biejen 
je neg jermögen bewirthet. 

o unrein und verwahrloſt die Höfe und Strafen, ba man 
allen Unrath auf diejelben wirft und die Wegräumung deſſelben den 
bertenlofen Qunden überläßt; jo rein und nett fand ich ohne Aus- 
nahme das Innere ber gäufer, das Revier der Frau. 

In den Hütten der Armen, deren Befig oft nur in einem Tabat- 
feld, einigen Nuß- oder Kaftanienbäumen und höchſtens noch einem 
Ejel oder ein paar Schafen bejteht (Kühe find fehr felten, wegen 
Mangel an Weideplägen), giebt es feine Möbel. Auf gefimsartig 
on der Wand herumlaufenden Brettern fieht man. blankes Gefchirr, 
beſonders Kaffeegeräthe, und funftvoll gejtidte Leinen, Handtücher 
und Schärpen (Stſchabra). Das Schlafgemach bejteht meift aus ziei 
Theilen, von denen der eine etwas en mit groben Teppicher 
belegte und mit in den Eden aufgehäuften Kiffen Die eigentlich 
Sclafftelle. Dean trug von den Kiſſen herbei, ud uns zum Sige 
ein und brachte verſchiedenes Obſt. Während wir und daran gütli« 





Reifebilder aus dem Südoften Europas. 523 


thaten, ſaß der Hausherr mit untergefchlagenen Beinen neben uns 
und rauchte; Frau und Tochter fanden dienftjertig befcheiden zur 
Seite. Meiner Spradjunfenntniß halber mußte ich leider darauf 
verzichten, fie um ihr Leben und Geſchick zu befragen. 

n_dem aus zwei Stodwerfen bejtehenden Haufe eines vermö— 
genden Tataren im Gurſuff fanden wir zwei bequeme Betten und 
einen Tiſch aus geſchmackvoll geſchnitztem Giejenho, ferner Stühle 
und ein gepolftertes Kanapee, auf welchem wir Blag nehmen und 
und an in_Zuder eingekochten Quitten und duftendem Moffa laden 
mußten. Trotz ber hier halb und halb eingedrungenen Civilifation, 
fonnten wir unjere Wirthin weder durch Pantomime noch durch 
Worte, welche ihr ziemlich gut ruſſiſch jprechender Gatte verdol- 
metſchte, dazır bewegen, fi zu uns zu fegen und an unferm Dale 
teilzunehmen. 

Demüthig ftand fie hinter dem Stuhl ihres Herrn, ihre großen, 
dunflen, von langen Wimpern beſchatteten Augen auf uns gerichtet, 
um jeden unferer Wünfche zu errathen; jegt ihm Tabak reichend, 
jegt uns Waſſer ſchenkend aus langhalfigem, einem römijchen Eimer 
gleichernden Krug. Sie war jung, faum über 20 Jahre; ihr Geficht 
von regelmäßiger Schönheit; ihr Gebieter erzählte uns, daß fie ihm 
eine reiche Mitgift ag . 

Mir aber fchnürte fchmerzliches Mitleid das Herz zufammen, 
denn ich gedachte meines Gejprä mit einem Mullah (Priefter), 
der, von uns über Schule und Unterricht befragt, und verficherte, 
daß Knaben und Mädchen fleißig diefelbe bejuchen, Mädchen aber 
nur im Lejen, bejonders des Korans, jedoch nicht im Schreiben unter 
richtet würden. — „Warum?* — Weil fie dadurch in Stand gefegt 
würden, im Falle nicht glüdlicher Ehe ſich in Briefen an Vater oder 
Brüder über ihre Gatten zu beklagen, was ben letztern Unannehm- 
lichteiten und fogar Zwift zwifchen den Familien herbeiführen möchte. 

Unjere mwejteuropäijchen ner der Zulafjung der rauen zu 
den höheren und höchften Lehranſtalten an Aufrichtigkeit übertreffend, 
machte diefer Mufelmann wenigſtens fein Hehl aus dem Motive, 
welches der Zurüdjegung des weiblichen Geſchlechtes in der Theil» 
haftwerdung der Wohlthat des Unterrichts zugrunde liegt. 

"Die Tracht der Frau ift, der türkifchen ähnlich, ebenfo kleidſam 
als bequem. Niedere Schuhe, zu Haufe auch fpige Pantoffeln aus 
weichen, farbigem Leber meift gelb oder roth; weite, am zarten 
Knöchel feitgeichloffene Beinkleider; darüber eine bis übers Knie 
bherabfallende Art Tunika, die manchmal durch ein anliegendes Leib- 
hen und einen fpärlich gefalteten Rod erjegt wird; Schürze mit 
Bruftlag und darüber um die ſchlanke Taille Gürtel oder Schärpe; 
“uf den in vielen Flechten herabhängenden Haaren ein auf die Stirn 
aebrüdter, breiter, runder Reif, von dem zu beiden Seiten der lange, 

ft koſtbar geſtickte Schleier aus dichtem dunflem Flor herabhängt, 
at welchem die Tatarin außer dem Haufe Antlig und Geftalt 
erhültt. 


524 Heifebilder aus dem Sũdoſten Europas: * 


Bei Feſtlichteiten läßt die Tatarin ihr Haar offen herabwallen 
und trägt reichlihen Schmud: Perlenſchnüre auf Hals und Bruſt, 
Armbänder, angereihte goldene Münzen und Halbmonde als Kollier 
oder als Verzierung des Reifes am Kopfe, und Gürtel aus filber- 
oder goldgeftictem Sammet: 

inder gehen ohme Schleier; ich fah deren viele überraschend 
Kain, wenngleich der herrichende Gebrauch, den Mädchen vom 
rüheften Alter an Haar und Fingernägel röthlichbraun zu färben, 
europäiſchem Geſchmack höchſt widerlich erjcheint. 

An Greifen und Greifinnen aber konnte ich feine Spuren ver— 
gangener Schönheit entbeden. Verwittert und verwildert, ſehen fie 
den vom Sturm verfrüppelten, moosbehangenen, knorrigen Eichen 
des Hochgebirge ähnlich, weit eher geeignet durch ihr Aeußeres Schreden, 
als Gefallen zu erregen. Und in der That geſtand mir a als 
eine Dame ihr grufeliges Gänfehäutchen beim Begegnen eines ſolchen 
alten Tataren auf einfamem Steige. 

Dan rühmt das Volk als nüchtern und ehrlich; Verbrechen 
ſollen felten unter ihnen vorkommen. Anderſeits hörte ich indeß 
auch, daß die Häufig vorkommende Erſcheinung folojfaler, viele 
taufend Morgen herrlichen Urwaldes verzehrender -Waldbrände das 
Werk der Tataren fei, welche fie, ſei es aus Haß gegen die Befiger, 
ſei es aud) nur, um bei den gegen das Umfichgreifen des Feuers 
angeftelten Arbeiten wohlbezahlten Verdienft zu finden, anlegen. Bei 
Nikita brannte in einer Nacht vor wenig Jahren das Landhaus der 
Familie Sabinin ginali nieder, wobei die Veligerinnen, fünf Frauen, 
mit all ihren vielen, koſtbaren feligfeiten zugrunde gingen. Der 
öffentliche Leumund bezichtigte Diene Salt und Tataren der Nach⸗ 
barfchaft ala Räuber, Branbleger und Mörder. Der fich jahrelang 
hingiepende Gerichtsprozeß brachte jedoch, troß ſtarker Berbachtögründe 
eine Beweiſe gegen die Angeklagten and Zageliht. Tiefes Dunkel 
ſchwebt über dem Gefchehenen, wie über vielen von dichten Urwäl— 
dern bebedten, von finftern Höhlen durchzogenen, gänzlich unzugäng- 
lichen Bergen der Krim. GSqhluß folgt.) : 





Eine Frauenhand. 
Aus ven Papieren eines ruſſiſchen Diplomaten. Bon A. Baronin Gildern. 


ch war im Jahre 1878 bei unjerer Botſchaft in Paris 

ala Attache. Eines Tages kehrte ich von einem 

kurzen Ausflug nach Fontainebleau, den ich ganz 

allein unternommen hatte, um den Strapazen ber 

Ausstellungszeit, wo wir jungen Herten von allen 

‚önen Zandsmänninnen als Fremdenführer benutzt 

zu entgehen, mit dem aus Süden kommenden Er⸗ 

0, nad) ber Stadt zurüd, Auf dem Lyoner Bahnhof 

entwidelte ſich ein ungemein lebhaftes Durcheinander, ein Haften, 

Laufen und Schreien, das für den dabei Unbetheiligten wie ein er- 
heiterndes Schaufpiel wirkte. 

Langjam fchlenberte ich den Zug entlang, die Ausfteigenden 

‚mufternd, als ich plöglich dürch den Anblid einer auffallend ſchönen 
rauenhand gefeffeft Itehen blieb. Der Schaffner hatte, wahrfchein- 
ich von dem Tumult überwältigt, ein Coupe erfter Klaſſe zu öffnen 

vergeffen und bie weiße un mühte ſich vergeblich, den ſchweren 
Drüder in Bewegung zu jeßen. 

Ich hatte von jeher Paſſion für ſchöne charakteriftiiche Hände 
und hätte ſchwören mögen, ba die Herrin der von mir bewunderten 
im Befig einer edlen, ſchönen Seele jein müffe Die Hand war 
nicht Klein, fondern lang und ſchmal, mit fchlanfen Fingern, rofigen, 
zugeſpitzten Nägeln und feinem blauen Geäder — eine — — 
geiftvolle Hand, die zugleich auf Energie und Temperament ſchließen 
Tieß. Alle Phajen von anfänglicher Ruhe, leichtem DBemüben, Unge⸗ 
duld und Heftigfeit zeigten ſich in den feinen Formen, die kräftig den 
Thürgriff umfpannten, um dann wieder läffig auf ber Fenfteröffnung 

u ruhen. Mit wenigen Schritten eilte ich dem Coupe zu, riß bie 
Kir deſſelben auf und bot, indem ic) meinen Hut lüftete, der Dame 
meine Hilfe beim Ausfteigen an. Mit vornegmer Ruhe wurde mein 
Dienst angenommen, einen flüchtigen. Moment ruhten die ſchlanken 


526 Eine Srauenhand. 


inger auf meiner Hand, denn die Fremde ftand an meiner Seite. 

it Spannung erwartete ich den Anblid der Dame, deren Hand 
mid, zu ben höchſten Erwartungen zu berechtigen ſchien, doch ver- 
jeblich — ein weiter Reiſemantei von ſchwarzet Seide umhüllte Die 
Dohe ſtalt vollftändig, ſowie ein Bichter langer Eröpejchleier Geficht 
und Haar, ſodaß bei dem fladernden Laternenſchein nicht der Heinfte 
Zug zu erkennen war. 5 

die rechte Hand, mit einem Marſeiller Handſchuh bekleidet, hielt 
eine elegante Le ve melde ich mich zu tragen anbot, was 
mir als etwas ganz ſelbſtverſtändliches mit einem anmuthigen Neigen 
des Kopfes gewährt wurde, ſodann bot EN der fremden meinen 
Arm, um fie durch das Gedränge an den Wagen zu führen. Die 
ſchlanke Linke Hand ruhte mit leuhtem Drud auf dem dunfeln Stoff 
meines Medingotes, wie ein zarte Blumenblatt, und da es uns mur 
langfam möglich war, vorwärts zu fommen, während wir einige 
banale Phrajen wechjelten, hatte ich Zeit und Muße, mich an der: 
felben zu entzücken, faft zu beraufchen. Endlich jedoch, viel zu früh 
für mid, gelangten wir an einen giafer, in welden id; die Dame 
bob. Sie dankte mir mit einigen ruhig Böfticgen Worten in unendlich 
melodifhem Ton, nannte das Grand Hötel, wohin fie zu fahren 
wünſchte, von wo fie auch ihr Gepäd, deffen Beſorgung ih zu über⸗ 
nehmen verlangte, abholen laffen wollte. Ein Winken der weißen 
im und das Gefährt vollte Durch Die belebte Straße davon. Das 

te war natürlicherweife,. daß ich mich im Hötel nach der ſchönen 
Unbelannten, denn ſchön mußte fie fein, — erfundigte, jedoch ohne 
Srfolg. Die Dame, verjicherte der Portier, jei zwar vo ” 
doch die beſtellten Zimmer nicht mehr vorhanden geweſen, hatte 
der Chef diefelbe in einem andern Hötel angemeldet, in welches, 
wife er jedoch jelbft nicht. 

In den meiften derjelben forjchte ich nach, jedoch umſonſt — 
ich wanderte täglich mufternd in den Ansftellungsräumen umher — 
umfonft, die Unbefannte war nicht zu entdeden. Nach und nach 
traten andere Intereffen, an denen das Parijer Leben jo reich iſt. 
in den Vordergrund und nach einer glänzenden Saifon hatte ih das 
Heine Abenteuer auf dem Lyoner Bahnhof fait vergeffen. 

Acht Monate jpäter wurde ich nach Petersburg berufen, um 
einige Zeit. im Minifterium zu arbeiten; ehe ich einen höheren Poſten 
im Auslande einnehmen follte. Lange Zeit ans der dortigen 
ſchaft entfernt, ftürgte ich mich mit Lebhaftigfeit in das Leben und 
Treiben meiner herrlichen Zaterftabt, und genoß in ‚vollen Zügen 
alle die Bergnügungen, die nad) meiner Anjicht nur allein bort 
finden find. Nirgends find die Frauen beitridender und Tieben 
würbiger und die Reize meiner ſchönen Landsmänninnen entzüdt 
mich je mehr, je länger ich fie nicht im Waterlande, in der ihm 
nothwendigen Umgebung gejehen hatte. Auch meine vielen Freum 
nahmen mich mit gleicher Herzlichfeit auf wie früher und bereichert 
meine Kenntniffe mit allen den großen und Heinen Standalgefchichte 


N 


Eine Srauenhand. 527 


am benen die Gefellfchaft überall, Petersburg jedoch noch ganz be- 
fonders reich if. Dennoch ift man toleranter bei uns im hoben 
Norden und der Klatſch nimmt jelten die gehäffige Form an, wie ich 
es in andern Hanptftäbten bemerfte. 

Einer meiner beften freunde beffeidete eine hohe Stellung im 
Yuftigminifterium und da ich meiner fpäteren Carriere wegen, mich 
eingehender mit den Rechtöwiffenfchaften befreunden mußte, fuchte ich 
meinen früheren Schuffameraden oft auf und Tieß mich von ihm 

ehren. 

‚Herr von Karzoff war ein hochbedeutender Menſch, jedoch infolge 
feiner Stellung, die ihn viel mit Polizeiangelegenheiten in Verbin⸗ 
dung brachte, äußerft vorfichtig und mißtrauiſch. Won ihm erfuhr 
ich aud) die näheren Umſtände, eine alle Kreife aufregende Entdeckung 
einer Nihiliſtenverſchwörung, deren Haupt eine Dame der Ariftofratie, 
eine Fürftin Mefticheff war. Im ihrem Haufe auf der Beſitzung 
unweit Moskaus hatte man in einem geheimen Gemach gravivenbe 
Bapiere eines hochſt gefährlichen Anſchlags auf das Leben Baren 
gefunden und jest harrte die Miffethäterin im feiten Gewahrjam bes 
Petersburger Feitungsgefängnifjes ihres Urtheilsſpruches. 

Mich intereffirte Die Gefchichte anfangs wenig, da ich ftets eine 
Antipathie für die politifirende Fran eieffen und mich immer mehr 
durch die geiftoollen Liebeintriguen meiner jchönen Freundinnen ge⸗ 
feffelt fühlte, außerdem kannte ich die Fürftin nicht, die während 
meiner Abwejenheit im Auslande geheiratet hatte und in ber Peters- 
burger Geſeliſchaft nur wenig gejehen war. Eines Abends jedoch, 
als ich nach, dem Diner im —E meinen Freund Karzoff nach 
Haufe begleitend, deſſen Aufforderung, noch eine Cigarre bei ihm zu 
rauchen, nachgekommen und behaglich mit ihm plaudernd am fladern- 
den Kamin jaß, fam zufällig die Rede auf den in Frage ftehenden 
defjen Enduriheil in den nächften Tagen geſprochen wer- 

ollte. 

„Deportation nad Sibirien wird der ſchönen Frau blühen“, 
ſagte Karzoff, ſich in Seelenruhe eine friſche Cigarrette anftedend, 
„nur ſchade, daß es unmöglich ift, der energiſchen — einen Namen 
ihrer Komilitonen zu entlocken. Ein Stückchen inittelalterlicher Juſtiz⸗ 
pflege, etwas peinliche Frage wäre hier ganz angebracht, deun was 
nügt uns der Fang einer Frau, wenn die gefährlichen Vögel dem 
Käfig entflohen find!" — 

„Wie kam es eigentlich, daß man die Fürftin verdächtigte“, be- 
gann ich, da Runen dem Prozeß viel Gewicht beizulegen ſchien, 
„und woher ftammt diefe intriguante Frau, die Euch fo energijchen 
Widerſtand entgegenfegt?“ 

„Woher fie jtammt? Aus Polen gebürtig und Tochter eines ver- 
armten Edelmannes, heiratete fie vor wenigen Jahren den alten reichen 
Fürften Mefticheff, der feiner ſchwachen Gejundheit wegen fich meift auf 
feinem Landgute aufhielt und jeine ſchöne junge Frau nicht in bie 
Geſellſchaft einführte. Vor mehr denn einem Jahre reifte der Fürſt 


528 Eine Srauenhand. 


mit feiner Gemalin nad) Nizza, von wo er nicht mehr zurüdfehrte 
und die junge Wittwe wurde Erbin des glänzenden Vermögens. 
Mit dem Tage ihrer Rückkehr auf den ererbten Beſitz fing die 
joöne Zürftin an der Gegenftand des größten Intereſſes zu werden, 
a fie alle Eigenfchaften verband, um bald einen Nachfolger ihres 
verfchiedenen Gatten zu beglüden. Bald jedoch verbreitete ſich das 
Gerücht, daß die Fürftin ſchon ihre Wahl getroffen und wahrfchein- 
lich nach Jahresfriſt einen Neffen des verftorbenen Fürjten, Graf 
Waſſil Nelidow ihre Hand zu reichen gebächte. Der junge Graf, 
der ſchon zu Lebzeiten des alten Onkel jeiner jchönen Tante auf⸗ 
fallend gehuldigt haben foll, war. derjelben auch nad) Nizza gefolgt, 
jomit der Medifance Gelegenheit zu den’ vagften Vermuthungen 
jebend. Auf einmal, wenige Wochen find ſeitdem vergangen, erhält 
r Minifter einen Brief, freilich anonym — wer Täßt fich jeboch 
gern in einen folden Prozeß verwideln, — in welchem mitgetheilt 
wurde, daß auf dem Landgute der Fürftin Mefticheff bei Moskau 
der Herb einer weitreichenden Nihiliſtenverſchwörung fe. Man be 
eichnete genau den Drt, wo die Zujammenfünfte ftattfänden, ſowie 
bie Papiere aufbewahrt würden. Cine fofortige Unterjuchung ergab 
+ die volle Wahrheit. Aus dem Boudoir der Fürſtin führte eine Klapp⸗ 
thür, welche cin ſchwerer Schrank verdedte, in ein Kellergelaß, welches 
feinen andern Stuägang aufguieifen hatte, und daß die vorgefundenen 
riftſtücde auf eine Verſchwörung neuelten Datums jchliegen laffen 
mußten, bewies die genaue Kenniniß des jüngiten politiichen und 
foaiatifäfgen Standpunftes Rußlands. Sogar eine eigenhänbige 
nterfchrift der Fürſtin, worin fie fic verpflichtet, ihr Haus für Die 
Verſchwörer zu Öffnen und die Korreſpondenzen au befördern, fand 
fi vor — und trogdem leugnet die rau mit einer Kühnheit, die 
jelbft alle erfahrene Leute düpiren fünnte. Du fennft mich und 
weißt, daß jelbit die bfendendfte Schönheit meine Anfichten nicht 
ändern, mich nicht beftechen kann, aber den mabonnenhaften Augen 
der Fürftin, mit fammt der melodiichen Stimme derſelben wäre ir 
beinah zum Opfer gefallen, wenn ich nicht die Beweiſe der Schu 
in meinen Händen gehabt hätte. Seitdem befümmere ich mich nicht 
mehr perjönlich um den Prozeß, der ſchon längft beendet wäre und 
deſſen Heldin ſchon ſeit geraumer Zeit auf ber Reife gen Sibirien 
ich befände, wenn man nicht immer noch auf eine Erklärung von- 
jeiten der Fürſtin hoffte.“ 

„Und der vermeintliche Bräutigam?“ 

„Dit Scheinbar volltommen —e und unglücklich über die 
entjegliche Sanblungäweife feiner Verwandten. Da er m 
Wochen im Auslande weilte und erft nad Feſtnahme der Fürfti 
zurüdfehrte, fiegt fein Grund vor, den bis dahin un! ſcholtenen. den 
Zaren treu ergebenen Mann zu verdächtigen. Jedoch wird er unaus 
geſetzt ſcharf beobachtet und falls irgend cin Zeichen des Einverſtänd 
niffes mit der ‚Sauptfihutbigen vorliegt, fofort verhaftet.“ 

„Weißt Du, Karzoff“, i 





egann ich nach längerem Nachdenken, si 


Eine Srauenhand. 529 


möchte dieſes fchöne intriguante Weib einmal fehen. Kanuſt Du 
mir den Eintritt bei ihm verfcaffen?“ 

Nichts leichter ala das: — Du Berhärft die Angeklagte in 
meinem Namen und bringft vielleicht durch diplpmatifche Kniffe und 
galante Rebewendungen mehr heraus, wie wir gerade auf das Biel 
zufteuernde Menſchen Doch, die Dich, Freund, und hüte Dein er- 
regbares Herz — das Weib it das gefährlichite feines Geſchlechts.“ 

. Wenige Tage fpäter eifte ich mit einem Schreiben Karzoffs 
dem Feitungegefängnik zu umd wurde, nachdem ber Commarbdant 
meine 2egitimation geprüft hatte, zu der Fürftin geführt, Jedenfalls 
— man bei Unterbringung der Gefangenen alle nur möglichen. 
üdfichten einer Dame von Stande gegenüber genommen; die Bims 
mer, welche ich betrat, agugten fogar von einem gewiffen Komfort 
und nur die jchweren Thürriegel und die vergitterten Feuſter ers 
innerten daran, daß bie Freiheit der Bewohnerin eine bejchränfte war. 

Die Fürftin ſchien mein Eintreten nicht bemerkt zu haben. Sie 
lehnte, den Rüden der Thür zuwendend in einem Sefjel am Fenſter. 
Die helle Winterjonne, beleuchtete mit goldigem Schein eine Fülle. 
prächtigen goldblonden Haares, das in natürlichen Locken auf ben 
Naden fiel. Ein ſchwarzes Trauerfleid, deſſen vange Schleppe auf 
dem Teppich lag, umfeleh eine wahrhaft königliche Geſtali und von 
dem dunfeln Stoff hob ſich eine ariftofratifch feine Hand ab, die 
läſſig zwifchen den Falten ruhte. War es ein Spiel meiner Phantaſie, 
oder hatte ic) diefe Hand auf dem Lyoner Bahnhof in Paris bes, 
wundert, jo fuhr e3 mit Blihesſchnelle durch mein Hirn — jedoch 
bald wor jeber Zweifel überwunden, ich erfannte die fchlanfen Formen, 
die roſigen Nägel und die charakteriftifche Bewegung ber feinen 
Finger. Es war zweifellos mein entjchwundenes Ideal, die Hand, 
die auf eine jchöne, edle Seele ihrer Befigerin jchließen ließ, wenns 
gleich diefelbe noch zarter und durchſichtiger, das blaue Geäder noch 
verſchärfter zu fein Seien. 

Diefe Frau follte eine Hochverrätherin, eine Verächterin der 
Sitte und edlen Weiblichkeit fein? — Ich machte eine unwillfürliche 
Bewegung vorwärts, durch welche die Fürſtin meine Anweſenheit 
bemerkte — fie wandte das Haupt und ich erblidte das ſchönſte 
Weib, das meine Augen je gejehen. Nicht die regelmäßigen, an die 
Reinheit ber Antike erinnernden Geſichtszüge, nicht der zarte, durch» 
fichtige Teint, die feingeſchwungenen tofigen Lippen, bie tiefblauen 
inelancholiſchen Augen mit den dunfeln Wimpern und den ſcharf⸗ 

zeichneten Augenbrauen, nicht die Elaffifchen Formen ber Gejtalt 
ein war ed, was den mächtigen Eindrud verurfachte, fondern der- 
ber echter Weiblichfeit und Unſchuld, der über der ganzen Er- 
einung ſchwebte. Nach einem forjchenden Blick auf meine Perſon 
erflog plöglich ein Lächeln wie Sonnenſchein die ſchönen Züge und 
r mit anmuthiger Bewegung die Hand entgegenftredend ſprach fie 
t fanfter, melodifcher Stimme: „It e8 möglich, mein Ritter vom 
hnhof in Paris?" 


Der Ealon 1889. Heft V. Bond. 86 





530 Eine Frauenhand. 


Mit Vegeifterung zog ic) die entzüdenden Finger an meine 
Lippen und der Zauber der wunderbaren Frau drohte mir faft Die 
Befinnung zu rauben. Ic ftammelte einige kaum verftändliche 
Worte und blidte unverwandt in das fühe Antlig. Bald jedoch 
überwand ich mit eiferner Energie meine een und plauderte 
mit der nicht nur ſchönen, fondern auch geiftvollen Frau, wie eim 
alter Belannter, bis ich mich plöglich des Zweckes meines Hierfein, 
owie der Warnung meines Freundes erinnerte. Die Fürftin merkte 
iofort mein jähes Erſchrecken und alle meine diplomatifchen Künfte 
hielten nicht Stand vor dem ſcharfen und doch zarten Verſtändniß 
0° Pc Ühe Halten mi) für eine Chnlbige" vi fie mit fo Hey 

" ie halten mich für eine Schuldige?“ rief fie mit fo 
zerreißender Trauer, indem fie die weißen Hände zufanmenpreßte. 
Wie follten Sie auch anders denfen — haben mich doch jelbit 
meine Freunde verlaffen“, fügte fie mit fchmerzlichem Buden der 
Lippen hinzu. — 

Hingeriffen von dem Liebreiz und den tiefen Seelenleiden ber 
entzüdenden Frau, ſank ich auf das Knie und beſchwor diefelbe, meine 
Dienfte anzunehmen, mir zu erlauben ihre Unſchuld ans Tageslicht 
zu bringen. 

Mit wehmüthigen Lächeln hieß fie mich aufftehen und fchüttelte 
traurig ba pt. 

„Nur ein Wunder kann meine Unfchuld beweilen — aber id 
glaube an die Aufrichtigfeit Ihrer Gefühle, an Ihren Edelmuth, 

rum bitte ich Sie um einen Dienft, der legte Verſuch zu meiner 
Rettung, dem ich bisher nicht gewagt habe, ba ich niemand Hand, dem 
ich mein Vertrauen fchenfen durfte. Es wird mir fehwer — jehr 
ſchwer — aber ic) glaube, der Himmel hat mir in Ihnen einen 
eund geſandt.“ 

Bei diefen Worten ftreifte fie von ber rechten Hand einen Ring, 
den ein prächtiger Solitär — 

„Wäre es Ihnen möglich dieſen Ring perſönlich in die Hände 
des Baren zu legen? ollen Sie ihm jagen, Marin Wolnikows 
Tochter bitte um feine Gnade, damit fie ihre Unfchuld zu beweijen 
verfuchen könne?" — 

fälligerweife Hatte ich in einer biplomatifchen Angelegenheit 
am nãchſten Tage eine Audienz beim Baren und verjprad; daher, 
wenn irgend möglich, ben Ring in bie Hände des hohen Herren zu 
Iegen, boch bevor ic} ging, beſchwor ic) fie nochmals, mir ihr volles 
Vertrauen zu jchenten, was fie jedoch auf ein anderes Mal verjchok 
und mic) bat, fie zu verlaffen aus Schonung für ihre, von den Auf 
regungen angegriffene Geſundheit. 

ie reichte mir den Ring, und noch einmal zog w die ſchön 
Hand an meine Lippen, dann ſchloß ſich die ſchwere Thür hinte 
der bezaubernden Frau und wie aus einem Traum erwachend kehrte 
ich in das Leben und Treiben der Welt zurüd. 

Die Audienz fand ftatt und es gelang mir den Ring dem Zaren 


— — 


Eine Frauenhand. 531° 


einzuhändigen, der ihn mit unverfennbarer Rührung betrachtete und 
in feiner Brufttafche verbarg. “ 

Ich war bald darauf genöthigt, in einer außerordentlichen Mif- 
fion nach London zu reifen, ohne vorher noch einmal die Erlaubniß 
zu erhalten, die Fürftin aufzufuchen. In der Hoffnung, das Schidfal 
der angebeteten rau in den beiten Händen zu wiffen, trat ich meine 

ihrt an und als ich nach Wochen heimfehrte, hatte die fangene 
ängft Peteröburg verlaffen, durch einen Gnadenakt des Kaiſers frei— 
geiprochen, jedoch für Jahre des Landes verwiejen. 

Mein Freund Karzoff war im höchſten Zorn und überjchüttete 
auch mid mit Vorwürfen, daß ich mich zum Werkzeug dieſer gefähr- 
lichen Intriguantin gemacht hatte. Durch ihn erfuhr ich, daß fich 
die Fürſtin nad) Nizza begeben und befchloffen Habe, dort vorläufig 
fi ee 

Graf Waſil Nelidow war in Befig der Güter der Landeöver- 
wiejenen getreten und nur verpflichtet, derjelben eine jährliche Revenue 

u zahlen. Trogdem alle Anzeichen für die Schuld der. Fürftin 
— konnte ich doch nicht an dieſelbe glauben, das Bild der 
ſchönen Frau mit unſchuldigen Augen verfolgte mich Tag und 
Nacht und heiße Sehnfucht nad) einem Miederfehen raubte mir Ruhe 
und Lebensgenuß. 

Sobald ich mich frei machen konnte, nahm ich Urlaub und be— 
fand mich kurze Zeit darauf auf dem Wege nach Südfrankreich. In 
Nizza ſah ich die Fürftin, doch wurde es mir fchwer, ihr zu. nahen, 
da fie in völliger Abgeichiebenheit eine veizende Billa bewohnte und 
feine Befuche empfing: Endlich, bei Gelegenheit eines Morgenfpazier- 
ganges begegnete id) der Erjehnten, die in Vegleitung eines anmuthi- 

jen jungen Mädchens ebenfalls die köſtliche Morgenfrifche aufzufuchen 

Pen. Sie erfannte mich fofort, als -ich mit ehrfurchtsvollem Gruß 
nabte, dankte mir mit freundfchaftlichem Händedrud für meinen ihr 
geleifteten Dienft und lud mic) ein, fie zu bejuchen. 

Natürlicherweife lieg ich nicht lange warten und war feitden 
tünlicher Gaft bei Maria Petrowna, die mit ihrer jungen Verwandten 
Alera Wernewska in einfachfter behaglichter Weife lebte. So freund- 
lich nun auch die Fürftin zu mir war, fo lag dennoch ein Schleier 
über ihrem ganzen Wejen ausgebreitet eine gewiffe fühle Zurück⸗ 
haltung, bie jede Frage, jede Ausiprache zurüddrängte und mir die 
Möglichkeit zu vauben ſchien, endlich näheres über den Stand ihrer 
Angelegenheiten zu erfahren. Nur einmal, als id), ungeachtet ihrer 
Abweifung, nochmald meine Dienfte anbot und um ihr Vertrauen 
bat, verwies fie mich auf eine fpätere Zeit, nach Ankunft de3 Grafen 
Waſil, den fie in den nächſten Wochen erwartete. So fuchte ich 
mir benn die Stunden, die ich fern von der ſchönen Frau ubringen 
mußte, zu vertreiben, indem ich mich in das Leben und Treiben 
Gesten ftürzte und manches Golbftüd dem Dämon Spielbank in 

onte Carlo opferte. 

Nach Ablauf einer für mich unendlich lang dünfenden Friſt 

36* 


532 Eine Srauenhand. 


erſchien Graf Nelidow in Nizza, zwar fehnlichit erwartet von mir 
und dennoch die Quelle neuer Qualen. Trogdem ich ben jungen 
Mann ‚mit den Augen der Eiferfucht betrachtete, mußte ich geftehen, 
daß ich felten einer jchöneren und fympathifcheren Erfcheinung be= 
jegnet war, dem echten Typus des vornehmen Mannee. Wenige 
Kühe nad) feiner Ankunft Hatte ich eine Einladung von Maria 
Betrowna erhalten und fand diefelbe in ihrem Boudoir in lebhafter 
Unterhaltung mit dem Grafen. Al ich eintrat, fam mir Ießterer 
mit verbindlicher Freundlichkeit entgegen und indem er mir Die Hand 
reichte begann er: 

„Soeben teilt mir die Fürftin mit, welchen großen Dienjt Sie 
derfelben geleitet, Laffen Sie auch mic) Ihnen danken. — Alles 
nähere wird Ihnen Maria Petrowna ſelbſt erzählen, da wir auf 
Ihre fermere Unterftügung zu technen wagen.“ — 

Mein Erftaunen — wahrſcheinlich deutlich auf meinem Ge⸗ 
ſicht zu leſen fein, denn heftig erröthend wandte ſich der junge Graf 
an feine Tante: 

„Vertheidigen Cie mich, Maria, daß ic) wagte, an Ihrer Schuld- 
Iofigfeit zu zweifeln — Sie wijjen, daß id mir mein Mißtrauen 
— nicht verzeihen kann, — bin jedoch ſchwer beſtraft worden.“ 
Mit dieſen Worten ergriff er feinen Hut und ſich kurz verbeugend, 
verließ er das Gemad). . 

Die Fürftin ſchien verlegen zu fein und nach einem Anfang 
igrer Rebe zu fuchen. 

Indem ich mich auf einem niederen Tabouret neben ihr niebers 
ließ, ergriff ich die herabhängende weiße Hand, mein Ideal, welches 
mid) der jchönen Frau zuerjt zu eigen gemacht hatte und indem ich 
meine Lippen ehrfurchtsvoll über diefelbe neigte, blickte ich erwar« 
tungsvoll in die füßen Augen, die träumerifc ins weite fchauten. 

Endlich begann die Fürftin, indem fie ſich tief in die Polſter 
ihres Zauteuils lehnte und mit leichtem Erröthen ihre Finger aus 
den meinen löfte: 5 

„Waſil hat mich beauftragt, Ihnen Mittheilung von der ganzen, 
mic) betreffenden traurigen Sachlage zu machen. Ic Hätte Ihnen 
mit Freuden ſchon früher mein Vertrauen gejchenkt, do, wie Sie 
aus dem Folgenden erjehen werden, konnte ich e8 nicht, ohne Per- 
fonen, die mir nahe ftanden, zu fompromittiren. Meine Ausſprache 
mit dem Grafen, den ich feit der unbegreiflichen Kataftropge nicht 
gejprochen hatte, heifte mic, jedoch von einem böjen Zweifel und 
fomit fann ich Ihnen als Freund mein volles Vertrauen zuwenden. 
Ich muß, um Ihnen alles far zu machen, weit ausgreifen und Ho} 
auf Ihre Vachſicht. — J 

Der Ring, den id) Ihnen zur Weiterbeförderung an dei Zar 
gab, ftammte von meiner Mutter, bie ihn mir auf dem Sterbebet 
zugleich mit der traurigen Geſchichte ihrer Jugend vermachte. Dei, 
Mutter, die noch immer eine hinveißende Erſcheinung war, foll i 
ihrer Jugend biendend ſchön gewejen fein und erhielt durd) die hoh 


Eine Srauenhand. 538 


Verbindungen meines Großvaters die Stelle eines Hoffräuleind bei 
einer der faiferlichen Prinzeffinnen. Dort fah fie der Zar, ein da- 
mals junger Mann, ein großer Verehrer weiblicher Schönheit und 
fühlte fofort ein lebhaftes Intereffe für diefelbe, daS mit einer 
ſchwärmeriſchen Liebe erwibert wurde. Der Kıflfer umgab das Tieb- 
liche Mädchen mit zarten Aufmerkjamteiten, die von der Umgebung 
bald gemerkt, meinem Großvater hinterbracht wurden. Diejer, ein 
echter, ftolzer Ruſſe, entbrannte in Teidenjchaftlicher Wuth gegen 
jeinen Herren und fein unfchuldiges Kind und zwang dafjelbe, um 
feinen guten Ruf herzuftellen Die Hand einem ent ernten Verwandten, 
der in Polen Iebte, zu reichen. Wann und wo es meiner Mutter, 
die ftreng bewacht worden war, gelungen ift, Abfchied von ihrem 
faiferlichen Freund zu nehmen, ift unbekannt, doch erhielt fie dieſen 
Ring von ihm mit der Aelimmung, wenn fie, oder ein Glied ihrer 
Selen je jeiner Hilfe bebürfte, denfelben dem hohen Geber zu= 
zuſtellen. 

Meine Mutter lebte wie eine Heilige, janft, ſtill und ergeben. 
Ih glaube, fie litt unfäglich, doch nie fam eine Klage über ihre 
Lippen — felbft nicht als ic), das einzige Kind meiner Eltern, er- 
wachen war. Als ich achtzehn. Jahre zählte, ftarh meine arme 
Mutter und auf ihrem SKranfenbette erzählte fie mir von ihrer 
ſchwärmeriſchen Liebe für den Zaren, von deſſen freundfchaftlicher 
Buneigung, bie ihr Vater, fo faljch beurtheilt und jo jäh zerftört 
hatte. Sie gab mir den Ring, den fie ftet3 heimlich bei ſich getragen 
und ic) mußte ihr verjprechen, das Gleiche zu thun — mit einem 
Segendwort für mid) und den Kaifer verjchied fie in meinen Armen. 
— Bar e3 daher möglich, daß ich, die Tochter diefer Frau, nach 
hem Xeben des von ber Mutter bis in den Tod Geliebten ftreben 
onnte. — 

Wie weit mein Vater die Gefühle feiner Frau gefannt hat, 
ahne ic} nicht, doch glaube ich, daß er von ihrer Neigung wußte und 
dem Urheber derjelben feinen Groll zumandte. Iedenfalls gehörte 
mein Vater zu den heftigften Gegnern des ruſſiſchen Kaifers und 
ich vermuthe, nicht nur aus politischen Gründen. Bald nach dem 
Tode meiner Mutter heiratete ich auf Wunſch des Vaters den 
Fürften Meftifcheff, der, obgleich Ruffe, ſeit Kinderzeit mit demjelben 
eng befreundet war — ob auch ihre politifchen Anfichten diejelben 
waren, erfuhr ich nie, da man in meiner Gegenwart ernite Gefpräche 
zu vermeiden ſchien. 

Ich, hatte für meinen Gemal eine freundfchaftliche Empfindun 
und da ic) jung war und die Liebe nicht kannte, jo fträubte ich mic 
nicht gegen den Willen meines Waters. Leider feffelte eine zuneh- 
mende Keäntlihfeit meinen Mann viel an das Zimmer, ſodaß ar 
Verkehr und Gefelligfeit nicht zu denken war; ich empfand dies jedoch 
weniger, da id) an die Stille de3 Landlebens gewöhnt, mich aus- 
teichend zu beichäftigen wußte.‘ Zur Gefellichaft hatte ich außerdem 
ein junges Mädchen, die Tochter eines verarmten Nachbarn meines 


534 Eine Sranenhand. 


Mannes, die mehrere Jahre älter als ich durch die glänzenden oder 
vielmehr ſchwindelhaften Verhältniffe, in denen ihre Eltern gelebt hatten, 
viel in der Welt herumgefommen war und von allem nur Möglichen 
u erzählen verftand. Außerdem kam Wafil oft in unjer Haus — 
Klgte uns fogar jpäter nad Nizza, wohin wir der Gejundheit des 
Fürſten wegen reifen mußten und wo er während der langen Krank- 
heit meines Gemals meine Stüge und Trojt war. Auch Vera, fo 
hieß meine junge Freundin, hatte mich hierher begleitet und wir Ieb- 
ten, wenn das Leiden bes Kranken es geftattete, in dieſer herrlichen 
Umgebung oft fogar ganz heiter. — Doch was foll id Sie mit 
Kleinigkeiten ermüden. — Der Fürft ftarb — und Wafil bewarb 
fi) bald darauf um meine Hand. Ich Hatte ihn gern, fehr gern, 
hätte ihm vielleicht fogar fpäter mein Jawort gegeben, doch empört 
von der Eile, mit der er mich, faum Wochen nad) meined Mannes 
Tode beftürmte, wies ich ihm mit Verachtung zurüd. — Sie werden 
begreifen, wie ſchwer es für mich ift, Ihnen, einem Fremden gegen- 
über, ein folches Geftändnik zu machen, doch Wafil, mit dem ich 
mich wieder verfühnt und treue Freundfchaft gefchloffen habe, war 
der Anficht, daß nur volljtändiges Vertrauen uns ermöglichen könne, 
in Ihnen einen Freund zu gewinnen. 

Ich war damals erregt, in meinen Gefühlen verlegt und bachte 
nicht daran, daß Wafil weniger unedel gehandelt hatte, wie ich ver- 
muthete. Er kannte die Welt beffer wie ich und wußte, daß ſchon 
längſt unſere freundfchaftlichen Beziehungen zu Lebzeiten meines 
— ber öffentlichen Kritik ausgeſetzt, meinen Ruf zu ſchädigen 

rohten. 

Ich reiſte ab, begleitet von Vera, die mir treu ergeben und 
meine einzige Vertraule war, nachdem ich Waſil jede Annäherung 
auf das "Ernfthaftefte verboten Hatte. Auf der Reife durch Ober 
italien, die wir vor unferer Rüdkehr nach Rußland unternahmen, 
wurde Vera durch eine ftarfe Erkältung in Genua gefeffelt und da 
ich nothwendiger Gefchäfte wegen nach Baris eilen mußte, wo mein 
Vater weilte, ließ o die Kranke unter dem Flug meiner Kammer⸗ 
jungfer und reifte allein dorthin — wo mich das Schidfal mit Ihnen 
gufarımen führte. Wera folgte mir bald und wir lebten monate 
lang in altgewohnter Weife auf ben mir als Eigenthum zugefallenen 
Beſitzungen 

Waſil hatte einige Male verfucht, fich mir zu nähern, war jo- 
gar, während ich in Fetersdurg zum Beſuch weilte, mehrere Tage in 
meinem Schlofje verblieben, aber ich verharrte bei meiner Anficht 
und heftig grollend, z0g er von bannen. Da Pest, ohne nur eine 
Ahnung zu haben, um was es ſich handelte, durchjuchten Beamte 
die ungemeldet meine Räume betraten, mein ganzes Haus, finden in 
meinem Salon eine Fallthür, die ich mie geiehen hatte, da ein 
ſchwerer Schrank fie verbarg, fowie in dem darunter befindliche 
Kellergeſchoß den Herb einer Verſchwörung ber Nihiliſten. Ich war 
feines Wortes fähig und al? man mir fogar eine Unterſchrift von 


Eine Srauenhand. 535 


mir zeigte, worauß flar meine Theilhaberjchaft bewiefen wurde, ſank 
ich wie vernichtet zufammen. Ich war unfchuldig, aber unfähig es 
zu beweifen, denn meinen Namenszug konnte ich nicht verleugnen, 
wenngleich ich benfelben nicht unter die Schrift gejegt hatte. 

Er entjann mich _jegt mit überraſchender Klarheit, daß ich einft- 
mals in Nizza beim Schreiben von Wafil überrafcht, mit ihm plau- 
dernd auf einem Bogen Papier meinen Namen ſchrieb — fpäter 
fand Wafil das Blatt am Boden Tiegend und mir lachend zurufend, 
daß es gefährlich fei, jo anoorfihtig mit feiner Unterförht umzu⸗ 
gehen, ſieckte er es zu ſich. — Im Augenblick thürmten ſich die 
Gedanken in meinem Kopf — Waſil allein konnte der Schuldige ſein 
und von meiner Zurückweiſung in Zorn gerathen, hatte er mich mit 
in ben Abgrund gezogen. Es war ein wahnfinniger Gedanke, aber 
ich fonnte nicht davon los kommen, doch ebenjo wenig ihn anklagen. 
So nahm ich denn dies Unglüd ruhig auf mich, immer Hoffend, daß. 
es mir gelingen würde, durch den Ring von dem Baren Rettung zu 
erhalten. Sie fennen die Unzuverläffigkeit unjerer Beamten und- 
können begreifen, daß ich dieſes foftbare Stüd nur wenigen anver— 
trauen fonnte. 

Da fchidte der Himmel mir Sie — und ich ward frei. J 

Endlich nach langem Kampf ſuchte ich mit Waſil in Verbindung 
zu treten — er fam und mit tiefer Betrübniß erkannte ich, wie uns 
recht ich dem edlen Mann gethfan — wie wir und gegenfeitig ver— 
fannten, denn auch er hatte, überwältigt von den Beweiſen meiner 
Anklage nicht länger an meine Schuld geglaubt. Wir haben beide 
geirrt und wo fein Vertrauen — da ift auch feine Neigung. 

Das Papier mit meinem Namenszug befindet ji nod in 

Wafils Beftg, er zeigte mir daffelbe foeben, ſodaß alfo nicht, wie ich 
dachte, eine Entwendung und Benutzung meiner Unterſchrift ftatte 
efunden haben Tann. Ob mein Gemal mit jener Verſchwörung in 
Berbindung ftand, ob ein Racheakt vorliegt, ik uns unklar und wir 
ftehen wie vor einem unlösbaren Räthſel.“ — Die Fürftin ſchwieg 
und ehe ich mich jo weit faffen konnte, eine Frage zu thun, trat 
Graf Nelidow in das Zimmer. Wir drüdten ung — die Hand, 
zum Zeichen unferes gegenfeitigen Vertrauens und hingen barauf 
alle unfern Gedanten nad). 

„Und Vera, wo ift fie?“ unterbrach ich nach geraumer Weile 
die Stille. 

Die Fürftin fehüttelte das Haupt. „Nein, nein, feinen Verdacht“, 
tief fie, „Bera war mir ftets eine aufrichtige Freundin, fie hat mein 
Schloß erft verlaffen, als die Ausſicht auf eine Rückkehr aus dem 
Gefängniß zweifelhaft wurde und das arme Mädchen genöthigt war, 
kin Bro) zu verdienen, da der Vater nicht imjtande war feine 

ochter zu unterhalten.“ 

„Haben Sie jpäter noch etwas von der Dame gehört, Maria 
Petrownaꝰ“ fragte ich, bei meiner Idee verharrend. 

* „Anfangs jchrieb mir Vera, doch fpäter fand ich es begreiflich, 


536 Eine Srauenhand. 


daß es für fie Peintich war, mit einer Staatögefangenen in Verbin- 
dung zu ftehen. — Warum follte Vera mich auch betrogen haben!“ 

Faden wir noch einiges hin und her geredet hatten, forderte 
Graf Nelidow mid) auf, mit ihm noch etwas zu promeniren, ehe wir 
mit den Damen den Thee nehmen fullten. 

Da ich die Abficht des Grafen, eine geheime Unterrebung mit 
mir zu haben, merkte, willfahrte id, fofort feinen Wünfchen und bald 
hlugen wir einen der wenig betretenen Pfade in der Nähe der 

illa ein, um ungeftört zu plaudern. 

„Lieber Freund“, begann Nelidow, „Sie ſprachen vorhin einen 
Verdacht aus, ber mic feit der Unterredung mit der Fürftin Tebhaft 
bejchäftigt, wenngleich id) mir über Die Gründe deffelben ſelbſt feine 
Rechenſchaft abzulegen vermag. Jedoch um Sie genau zu informiren, 
muß ic Ihnen auch die Eeinften Beobachtungen mittheilen, zumal 
wir, wie Ihnen Maria Petrowna ſchon fagte, auf Ihre Hilfe unfern 
ganzen Entdedungsplan bauen. Ich ſelbſt bin durch meine Ver— 
wandtſchaft mit den Meſtiſcheffs gebunden, jelbft handelnd einzu= 
greifen, wenigjtens öffentlich, wenngleich ich im geheimen nicht un= 
thätig fein werde, und ic) fürchte, daß man mich fogar feldft im 
Verdacht der Mitthäterfchaft und fomit unter permanenter Con— 
trolle hat.“ 

„Maria Petrowna“, fuhr Nelidow fort, „Sprach vorhin von der 
treu bewährten Freundſchaft eines jungen Mädchens Vera Kurwieff, 
welche als Gefellichafterin in ihrem Haufe lebte. Die Verhältnifje 
der Familie Kurwieff waren früher glänzende, wenigftens Iebte diefell 
mit wahrhaft fürftlichem Komfort und Luxus, verkehrte auch viel 
im Haufe meines Onfels, des Fürften Mefticheff, der damals noch 
unverheiratet und ein vollendeter Lchemann war. So viel ich mich 
entfinne, ſprach man von einer Heirat defielben mit der fchönen und 
intereffanten Vera, der er in auffallender Weife gehulbi —5— ſoll. 
Mein Onkel kehrte jedoch von einer Reife nach Polen als Bräutigam 
meiner jegigen jungen Tante zurüd und führte diefelbe bald als Gemulin 
heim. Da ich von den Gerüchten über Veras Verhältniß zu meinem 
Ontel gehört hatte, war ich nicht wenig erftaunt, Diefelbe als Gefell- 
ſchafterin der Fürſtin wiederzujehen und erlaubte mir ſogar darauf- 
hin, dem Fürften meine Anlicht auszufprechen. Diefer lachte über 
meine wunderbare Idee und verficherte, daß, wenn er je die defiht 
gehabt Hätte, Vera zu heiraten, er dies hätte thun können, da dieſell 
fiderfi nicht verweigert haben würde, Fürſtin Weihe ‚u werden, 
a jedoch feine Gemalin große Vorliebe für das junge äbajen bege, 
ihm auch die plöglich eingetretene traurige Lage defjelben dauerte, 
wäre es ihm recht, wenn Die Vereinſamte eine Stellung in feinem 
Haufe fände. ein Onfel fing bald nach feiner DVerheiratung an 
zu kränkeln und nahın einige Monate vor feinem Tode aus Geb: 
heitsrückſichten hier in Nizza Aufenthalt. Wera begleitete mein 
Verwandten hierher und ich folgte ihnen bald nad. Unter diejer 
Unnftänden war ich der permanente Kavalier der beiden Damen, Di 


Eine Srauenhand. 537 


durch ihre Schönheit überall auffielen, denn felbft neben der blen— 
enden Erfcheinung der Fürftin behauptete ſich die pifante Brünette, 
mit den bligenden ſchwarzen Augen. 

Trogdem mein Interefje ganz allein meiner reizenden Tante 
gewidmet war, konnte ich nicht umbin, auch Vera, die mich imgrunde 
antipatijch berührte, Aufmerkſamkeiten zu erweijen, die von ihr leb— 
hafter aufgefaßt wurben, als mir lieb fein konnte. Ich fühlte, daß 
Vera mich zu feffeln verfuchte, befonders nach dem Tode meines 
Onkels und fpäter nach dem Zerwürfniß mit meiner Tante. Maria 
hatte Die Freundin in ihr Vertrauen gezogen, die wiederum mir ihre 
Hilfe zur Verföhnung anbot. Ich trat infolge deſſen in eine leb— 
yafte Korrefpondenz mit Vera, bie bei dem Geift und ber Welt- 

fenntniß derfelben ihres Reizes nicht emtbehrte. Auf der Reife nad) 
Paris, wohin die Fürjtin vorausgeeilt war, traf ich Vera allein und 
erfannte mit wirtlichem Schreden, daß ich der Gegenſtand einer hef- 
tigen Leidenjchaft von ihrer Seite fei, was um fo mehr befrembete, 
da diejelbe meine Verehrung für Maria Betroong genau kannte. 
Von da an wurden ihre Briefe immer Teidenfchaftlicher; fie ftellte 
mir vor, daß meine Ausſichten bei meiner Tante volltommen ver- 
nichtet feien und diejelbe niemals die Meine werden würde. Sch 
wollte mich ſelbſt überzeugen, traf jedoch auf dem Schloſſe während 
Marias Abwefenheit ein, nur von Vera empfangen. Sie hatte ihr 
Betragen volltommen geändert, begrüßte mic) mit einer fanften 
Melancolic, die bei meiner niebergeichfagenen Stimmung ihren Ein- 
drud nicht verfehlte. Mein Abfchied von der Fürftin war ein FH er 
gewejen und fehnitt jede Hoffnung auf eine Xenderung ihrer Gefühle 
ab. Vera fchrieb mir noch einige Male, aber ic) antwortete nicht, 
hörte nur, daß fie nad) dem üben gereift fei, wohin ich aud) zu 
reifen gedacht hatte. Inwiefern Veras Vetragen zu dem an Marta 
Begangenen Verbrechen im Verhältniß fteht und ob überhaupt eine 
Verbindung zwiſchen beiden möglich, ift mir felbft unfaßlich, jeden- 
falls jedoch) ift dies Mädchen nicht die treue ee, wie die Fürftin 
meint. Trogdem habe ich außer einer anfänglichen Warnung, die 
zurädgewiefen wurde, niemals mit Maria über dieſen zarten Punkt 
u sprechen gewagt. — Doch jegt laſſen Sie uns heimfehren, die 
Damen werben uns jchon erwarten.“ 
Bald darauf faen wir im hellerleuchteten blumengeſchmückten 
Salon ınm den Theetifch, plauderten von diefem und jenen, was Die 
ſchöne Wirthin fanımt der Tieblihen Alexa intereffiren konnte, und 
au meiner innigjten Freude bemerkte ich, daß der Graf fi) mehr 
m juugen Mädchen, als der Fürftin zuwandte Auch Marias 
id ruhte mit feinem Lächeln mandmal auf dem jungen Paare 
d ie tiefblauen Augen erhielten einen fveudigen Glanz. 
ie ſchon erwähnt, hatte ich in den Stunden, die cin Beifam- 
nfein mit der Zürftin ausfchloffen, in dem heiteren Gefellfchafts- 
iben Nizzas Zerſtreuung und Erheiterung gefucht, ohne jedoch das 
abſichtigie gefunden zu haben. Das Spiel freilich und die Be— 


538 Eine Srauenhand. 1 


! 
obachtungen der verjchiedenen dort in Monte Carlo zufammentref- 
fenden Elemente verfehlten ihre Wirkung nicht und oftmald Hatte 
mich der Nachmittag auf dem Wege nad) Monaco getroffen, wo ich 
dann den Abend zuzubringen pflegte. 

Auch Nelidow war ein großer Verehrer des Spiels, wenngleich 
er fi) niemals mit Leidenjchaft demfelben ergeben hatte und jo 
unternahmen wir gemeinſchaftlich an einem der nächiten Abende einen 
Ausflug nad) dem paradiejiich gelegenen Kafino, wo das Geld, zum 
Gott erhoben, mit furchtbarer Gewalt die Menfchen an fich zieht. 
Wir erreichten den Eingang in die Säle erit, als ſchon das Wond- 
licht zauberhaft Terraffe und Gärten beleuchtete und drinnen ftrah- 
lender Glanz und blendende Pracht herrſchte. Unſchlüſſig, wohin 
und wenden, ob am Roulette ober am Trente-et-Quarante dem Dämon 
zu opfern, fchlenderten wir durch die feenhaft ausgeftatteten Räume, 
die von einer eleganten Menge durcjflutet wurden. Nur. leije 

füftertöne drangen hier und da an unfer Ohr, während die in be» 
timmten Intervallen wiederfehrenden Rufe der Croupiers wie der 
Pendelſchlag einer Uhr die Stille unterbrachen und das Klappern der 
Goldſtücke, das Raſcheln der Banknoten einen beinah unheimlichen 
Eindrud eg Plötzlich, in einem der legten Säle einge- 
treten, faßte mic Nelidvow am Arm und zog mich in eine, von 
ſchweren feidenen Vorhängen verbedte Fenſterniſche. 

„Sehen Sie dort Diele Dame im dunkelrothen Koſtüm mit dem 
ſchwarzen Haar und ben leuchtenden Augen?“ flüftert er mir leife 
& auf Die betreffende, uns gegenüber in einem Sefjel lehnende 

;pielerin deutend. 

„Gewiß,“ antwortete ih, „le diable rouge, wie man fie 
ihrer Vorliebe für die rothe Farbe nennt, Ri mir_fogar perfönlich 
befannt und id habe manden Abend in ihrem Kreiſe zugebradit. 
Sie ift der amitfantefte Dämon, den ich je geſehen — übrigens eine 
Landsmännin von und.“ 

„Es it Vera Kurwieff“, fagte der Graf mit Nachdrud, „was 
denfen Sie nun von meinem Verdacht?" — 

„Vera Kurwieff? — mir nannte man fie Gräfin Dolzinska, der 
rothe Teufel. — it fie es jedoch wirklich, fo ift die Perſon wohl 
imftande ein Verbrechen zu begehen, doc) eben fo klug, um ſich leicht 
zu verrathen.“ . 

„Sie ift e8_beftimmt, dod) möchte ich vermeiden von ihr gefehen 
zu werden. — Lafjen Sie uns den Saal verlaffen und reiflich über 

[egen, was zu thun ift.“ 

Wir fehrten mit dem nächſten Zuge nad) Nizza zurüd und ver- 
brachten ben größten Theil der Nacht mit dem Austauſch unfer 
Anfichten und dem Schmieden aller möglichen Pläne, die jedoch ſämm 
lich auf äußert unficheren Fundamenten ftanden. 

Da Nelidow genöthigt war, in furzer Zeit nad) Rufland zurür 
äzufehren, famen wir überein, Maria Petrowna vorläufig nichts vr 
unjern Verdächtigungen, fowie von der Anweſenheit Veras in Monc 


Eine Srauenhand. 539 


mitzutheilen und id) übernahm den Auftrag, mid) mit ber jogenannten 
Gräfin Dolzinsfa in Verbindung zu jegen und nad) Möglichkeit ihr 
RN und Treiben, ihre Belanntichaften und Beziehungen zu er— 
orſchen. 

Der Graf verließ bald darauf Nizza, nachdem wir einen Brief- 
wechjel über die uns lebhaft bejchäftigende Angelegenheit verabredet 
Hatten und aud die Fürftin Mejticheff trat mit der jungen Alera 
eine Reife nad) Rom an, wohin ich natürlicherweife die Damen gern 
begleitet hätte, wenn mich nicht die Beobachtungen Veras an Monaco 
gefeffelt haben würden. 

Jedoch ehe Maria Petrowna jchied, empfing ich das bejeligende 
Geſtändniß aus ihrem Munde, daß fie meine Neigung erwidere, daß 
fie meinen Bitten willfahren und mir die fo leidenſchaftlich begehrte 
Hand zum ewigen Bunde reichen wolle — wenn ihre Unfchuld be 
wiefen, wenn fie rein vor aller Welt baftehen, wieder unangefochten 
in das Vaterland zurüdfehren könne. So ſchwer ich unter dieſem 
Bmang, der mein heißerfehntes Glüd in unabjehbare Fernen rüdte, 
litt, Maria war unerbittlich und ich fonnte die Gründe ihrer Weis 
gerung nur achten. Ich hatte fomit für mein Glüd zu kämpfen und 
der reis war ber jchweriten Arbeit, des unabläffigiten Bemühens 
werth. — — 

Zu meiner Freude war e3 mir möglich, einen längeren Urlaub 
u erhalten, hauptfächlich durch Nelidows Vermittlung, der viele 
Berbindungen mit den höchiten Beamten befaß, und jo Hatte id) 
Muße, den Spuren ber verdächtigen Vera zu folgen. Leider war die 
erſte Zeit, is nad) der Verhartung Marias vergangen, ohne daß 
von einer Seite Schritte zur Entdeckung bed wahren Thäters gethan 
worden waren, ba die Fürftin, fowie Graf Wafil, van der a 
gegenfeitig überzeugt, ſich in tiefftes Schweigen hüllten — fomit war 
jeder Anhalt verloven und nur dem Zufall oder einer höheren Fügung 

ie Entwirrung dieſes Räthſels überlaffen. Trogdem ich bald zu 
verzweifeln anfing, verfolgte ich dennoch meinen Plan mit Beharrlich- 
feit und verwandte jeden Moment auf deffen Durchführung. Auch 
Nelidow fuste, auf dem Schloß der Fürftin wohnend, mit äußerfter 
Vorſicht der umbegreiflichen Gejchichte auf den Grund zu fommen 
und wir Her ka wöchentlich Briefe und Anfichten über den ung 
Iebhaft befchäftigenden Fall. — 

Die Gräfin Dolzinska war wirklich mit Vera Kurwieff identiſch 
und Ieugnete, als ich gelegentlich der Fürftin erwähnte, ee 
nicht ihre früheren intimen Veziehungen, die fie jedoch, da diejelbe 
unter einer Hochverrathsanklage geftanden Hatte, nicht weiterhin als 
gute Patriotin aufrecht halten könne. Als ich die Namen Nelidows 
nannte, bemerfte ich og, der großen Beherrſchung diefer Dame einen 
zornigen Bli in ihren Augen aufleuchten, doch nur einen Augenblid, 
dann plauberte fie Iuftig von andern Dingen und der „diable rouge“, 
war an dem Abend ausgelafjener und Injtiger denn je. 

Erſt fpät trennten wir und von einem opulenten Souper, bei 


540 Eine Srauenhand. 


welchem der Champagner in Strömen geflofjen war und Wera 
Dolzinska mit dunfelrothen Rofen im tiefjchwarzen Haar und feurig 
bligenden Augen die Wirthin gefpielt hatte. 

Graf Dolzinsta, eine echte Spielerphyfiognomie, nahm ebenfalls 

an unferm Aulammenfein theil und ich hatte zum erjten Male Ges 
Tegenheit, die Gatten zu beobachten. Beide jtanden ſich wie Fremde 
jegenüber, wenngleich der Graf voll Galanterie für feine jchöne 
Semalin war, welche dieſelbe jedoch mit einem verächtlichen Lächeln 
erwiberte und ihre Aufmerkjamfeit hauptjächlich einem jungen, als 
immens reich befannten Ameritaner zunvandte, der vollftändig in den 
Banden der Intriguantin lag. 

Nachdem ich die Geſellſchaft verlafjen, irrte ich noch ſtundenlang 
auf der einfamen Terrafje under, zergrübelte mein Gehirn ohne zu 
einem Nefultat zu gelangen und zog mich endlich in mein Zimmer 
zurüd, welches eine Treppe hod) in demjelben Hötel gelegen war, in 
welchem die Dolzinsfis die Parterreräume inne hatten. 

Während ich bei offenem enter noch ruhelos auf meinem 
Lager vergeblich meine Gedanken zu jammeln fuchte, hörte ich plötz⸗ 
lich duch die Stille der Nacht ganz deutlich leiſes Flüjtern dicht 
unter mir im Garten. Anfangs legte ich fein Gewicht auf dieſe 
Beobachtung, doc, nachdem das leiſe Gejpräch fich länger hinzog, 
eilte ic), von einem Inſtinkt getrieben an das Fenſter und beugte 
mid) vorfichtig hinaus. Unten in einem der Dolzinzkifchen Zimmer 
joien ein weibliches Weſen auf der goldenen Brüftung zu lehnen, 

enn eine kleine Hand erjchien ab und zu lebhaft nelitufiren, 
en eine außergewöhnlich fräftige Männergeftalt im Garten, 
verjtedt von Rojengebüfchen, jtand. 

Den Inhalt des Geſprächs konnte ich nicht erlaufchen, da beide 
ſehr leife miteinander jprachen, doc) ſchien es mir nad) dem Tonfall 
der Stimmen — die Ruhejtörer bebienten fich übrigens der euffiien 
Sprahe — als ob der Mann heftige Vorwürfe erhöbe. Plötzlich 
jeboch klirrte leije ein Fenfterriegel und die Geftalt des en 
Wanderer verfchwand lautlos zwiichen den Bäumen, jo daß dieſe 
Unterbrechung nicht geeignet war, meine Ruhe zu vermehren, im Gegen- 
theil mi) in ein Meer von Gedanken und Phantafien warf, ift 
begreiflich und als ich endlich nad) einem kurzen, enerquiichen 
Schlummer die Morgenfonne emporfteigen fah, Yien mir dag Er⸗ 
lebniß der legten Nacht wie ein wüſter Traum, Die Folge unjeres 
opulenten Gelages. 

Ich hielt mich jeitdem der Geſellſchaft der Dolzinskis ferner, 
beobadjtete jedoch die Gräfin umauögeieht, hauptfächlich in der 
Spieljälen, wo jie mit Leidenschaft dem Dämon Huldigte, und n 
ihr ganzes Naturell, jedes Zwanges ledig, erft recht zur Geltu 
Tamı. Nie ſah ich jie hier in Vegleitung ihres Mannes, ebenfower 
in der de3 jungen Amerifaners, wenngleich es zweifellos fein & 
war, welches in großen Summen durch die Finger der jungen Fr 
glitt; hatte fie doch felbft geäußert, daß Glüd im Spiele nur vı 


n 


Eine Frauenhand. 541 


handen wäre, wenn fie allein unter Fremden die Chancen beobachten 
und benugen fünne; abergläubijch wie alle Spieler, liebte fie daher 
Teine befannten Gelichter um fi. 

Hatte mic) vor länger denn Yahresfrift die Hand Maria 
Petrownas beim erjten Sehen fofort gejeffelt, hatte ich aus ihren 
ebfen Linien und Bewegungen richtig auf die fchöne Seele, den 
reinen, hochherzigen Charakter und das zarte Gemüt der gänzlich 
Unbefannten gefchloffen, die rofige, wohgepflegte Veras mit den 
Grübchen und den kurzen runden Fingern mit ben kleinen fpigen 
Nägeln, erregte, wenngleich fie eigentlich hübſch zu nennen war, in 
mir ſtets einen gewiffen unbehaglicden Eindrud, und nie war es mir 
möglich gewefen, wenn: ic) dicke weiche, vom Handſchuh entblößte 
Rechte der jungen Dame zum Gruß in der meinen fühlte, meine 
Lippen darauf zu drüden. 

Unedel, feidenschaftlich, fer war dieſe Hand, felbft einen Zug 
von Graufamfeit und Rachſucht meinte ich darin zu erfennen und 
die Art, mit welcher die juwelengejhmücdten Finger in den Gelb» 
maffen wühlten, deutete zugleich auf Habgier und Verſchwendungsſucht. 

Tage waren auf diefe Weife hingegangen, ohne daß es mir ger 
Lungen wäre, eine Spur von dem nächtlichen Wanderer, ber mit der 
Gräfin Dolzinsfh, denit zweifelsohne war es dieſelbe geweſen, vom 
Garten aus ſich unterhalten hatte, aufzufinden. Die große, fräftige 
Geftalt war unverkennbar, aber diefelbe fchien von Monte Carl 
verſchwunden zu fein und ich ergab mich jchon in das Schidjal, 
wieder einmal an einem falfchen Hoffnungsfchimmer gehangen zu 
haben, al3 plöglich der Gefuchte im Kaſind erſchien, und ohne zu 
pointiren, die Geſellſchaft mujterte. 

Ich näherte mich ohne Auffehen der Stelle, wo er ſich befand 
und erfannte, daß ich es mit einem Menjchen von jedenfalls niederer 
Abkunft und Erziehung zu thun hatte. Seine Geftalt und Gefichts- 
ge waren nicht unfchön, jedoch von einer gewilfen gewöhnlichen 

ildung, feine Bewegung unfrei und haftig und feine Kleidung von 
einer gejuchten Eleganz, Die gerade das Gegentheil des beabjichtigten 
Eindruds hervorzubringen pflegt. Er umtreifte langſam den Tiſch, 
an welchem die Gräfin faß und vom Glück Begünfligt, Gold uni 
Banfnoten in Haufen vor ſich liegen hatte. 

Sie ſchien ihn nicht zu bemerken, denn achtlos glitt ihr Blick 
über die Fräftige Männergeftalt, die ab und zu durch eine unruhige 
Bewegung mit der Hand ihre Anweſenheit oder Erwartung eines 
Zeichens andeutete. ' 

Nach einer Weile ergriff die Dame einen an ihrer Bruſt be= 
‘eftigten Nofenftrauß und jog den Duft deffelben ein. Gleich darauf 
‚var der unbefannte Dann in der Menge verſchwunden. Die Gräfin 
ſpielte weiter, wie mir ſchien, zerftreut, fie verlor einige Goldrollen, 
padte dann nervös zitternd die übrige, recht anfehnliche Summe 
zufammen und erhob fic). 

Ich folgte ihr ungeſehen durch die Säle, wo an einem Trente 





} 542 Eing Sranenhand. 


et Quarante der Graf Icbhaft engagirt war, ebenfo der junge Ameri- 
faner. Geräufchlos ſchritt die zierliche Geftalt mit den fagenartig 
gejchmeidigen Bewegungen durch die gefüllten Räume, die Schleppe 
ihrer blutrothen Atlasrobe graziös emporhebend, dem Ausgang zu. 
\ Es war inzwifchen Abend geworden, dunkle Wolfen verdedten 

das Licht des Mondes und ein Fühler Wind raufchte in den Wipfeln 
der Lorbeer- und Drangenbäume in den, das Kaſino umgebenden 
Gartenanlagen, die troß der reihen Erleuchtung heute in Dunkel 
gehüllt waren. Draußen im Veſtibül hüllte ji Vera Dolzinska 
in ein grohes ſchwarzes Spitzengewebe, welches Kopf und Oberkörper 
bedeckend, die Geſtalt völlig uͤnkenntlich machte. Fröftelnd zufammen- 
ſchauernd, trat ſie ins Freie, ſah ſich gitm nad) allen Seiten um, - 
während welcher Zeit ich, Hinter einer Säule verborgen, fie beobachtete 
und verſchwand dann eilig Hinter einer Gruppe Hodämmiger Cacteen 
und Blattgewächſe. 

Unſchlüſſig, was zu thun, verfolgte ich den nüchſten in die Park— 
anlagen führenden Weg. Der Boden war vom Regen burchweicht 
und einzelne ſchwere Tropfen fielen von den Bäumen und Sträuchern 
bernieder. Tiefe Stille herrfchte in dem ſonſt von einer eleganten 
Menge belebten Garten und nur vereinzelte Laute Drangen aus den 
‚Hötel3 herüber. 

Nicht lange dauerte es und ich ſah zwei dunfele Geftalten fich 
auf einem Nebenpfade langſam Bewegen, Sofort verbarg ich mid, 
da Diefelben auf mich. zufchritten. An der einen Stimme erkannte 
ih Vera Dolzinska, während die andere unzweifelhaft dem vorhin 
beobachteten Manne angehörte. 

Die Unterhaltung war lebhaft, äußerft heftig fogar vonfeiten 
des Unbefannten, der die Gräfin befchuldigte, ihr Hort gebrochen zu 
haben und mit feiner Rache drohte. In fanftefter Weife mit den 
füßeften Schmeicheltönen juchte diefe den Aufgeregten zu befänftigen 
md betheuerte ihm, daß nur jein Wohl, fein One fie Betoogen habe, 
den ſchweren Schritt zu thun, daß ihr Herz ihm allein gehöre, daß 
fie fchwer an dem Opfer zu tragen hätte. — Was weiter gejprochen 
wurde, entzog fich meinem Ohr, da die beiden Streitenden Wege ein- 
ſchlugen, wo id, aus Sorge entbedt zu werden, nicht zu folgen ver- 
mochte. Ich eilte infolge deſſen auf die Terraffe zurüd, wo wenige 
Minuten fpäter Vera Dolzinsfa aus einem Seitenpfad trat und dem 
Kaſino ſich zumandte. Als fie in die Nähe defjelben anlangte, näherte 
“ mic ihr mit der erftaunten Frage, woher fie allein bei dem 

etter füme. Sie behauptete in unbegreiflicher Kühnheit und Geiftes- 
gegenwart, daß ein nervöfer Kopfichmerz fie genöthigt hätte, für 
einige Minuten den heißen Spieljälen zu entfliehen und auf der 
Terraſſe Luft zu ſchöpfen. 

Ich bot ihr bienftbereit meine Begleitung an, fie legte ihren 
Arm in den meinen und wir fchritten einige Zeit plaudernd die er- 
leuchtete Straße auf und ab. 


Eine Srauenhand. . 543 


Bald darauf begegnete uns der Fremde. Ein wüthender Blid 
Ttreifte mich und Veras Hand zudte, unmerflich faft, auf meinem Arm. 

„Kernen Sie den Herren?“ fragte ich fie in anfcheinend harm— 
Lofer Weile. 

„Nein“, antwortete diejelbe, „ich hab ihn nie gefehen! — Doc 
wie kommen Sie darauf?“ 

Ich durfte mich nicht verrathen und fuchte daher durch einen 
Sir das Geſpräch auf andere Bahnen Er Ienten. 

m Abend jchrieb ich einen ausführlichen Bericht an Nelidom, 
Doch je mehr ich mic) in die Sachlage vertiefte, um fo weniger ſuchte 
ich einen Grund Veras Handlungsweije mit dem an Maria verübten 
Verbrechen in Zufammenhang zu bringen. Der Fremde war jeben- 
falls ein früher begünftigter Berehrer des leichtfinnigen Mädchens, 
welcher durch ihre Heirat in Zorn gerathen, von der jchlauen und 
Äntriguanten Frau von einem fie fompromittirenden Schritt zurück⸗ 
jehalten werden follte.- Jedoch befchrieb ich dem Grafen genau die 
Ferföntigteit des Unbekannten, der jedenfalls ein Ruffe, fchon früher 
in Verbindung mit Vera Kurwieff gejtanden haben mußte. 

Wiederum gingen Tage hin und alles blieb beim alten. Das 
Wetter hatte fi inzwiſchen aufgeklärt und Nächte ftellten fich ein, 
wie nur der Frühling jolche in den paradiefiichen Gefilden der 
Riviera hervorbringen kann. 

Die Bank in Monaco bereitete eines jener Zauberfefte vor, bei 
welchem die Kunft in Venugung der herrlichen Natur das Groß- 
artigfte leiftet, was nur denkbar ift. Tanz, Muſik, Beleuchtung der 
Anlagen und Feuerwerk bieten dem Ohr und dem Auge, was nur 
die Phantafie eines Menfchen erträumen fann und von nah und 
fern eilt der Strom ber Fremden dem Monte Carlo zu, um fich des 
wunderbaren Schaufpield zu erfreuen. Trotzdem mir derartige Feſte 
von meinem früheren Aufenthalt an der Riviera befannt waren; 
blieb dennoch, bie zauberhafte Wirkung nicht ohne Einfluß auf meine 
erregten Nerven. — Einſam unter der bunten Menge lehnte ic, an 
einem Lorbeerbaum, während unter den Klängen einer raufchenden 
Mufik Feuergarben zum dunfelblauen Himmel emporjtiegen, während 
Meer und Park in allen Farben des Regenbogens erglänzte, an ein 

ubermärchen gemahnend. — Mit heißer Sehnfucht gedachte ich der 
fernen Geliebten, deren Hand zu erringen mein eifriges Bemühen 
und das dennoch fo weit in die Zukunft gerüdt war. Freilich müßte 
ich meiner Pofition und der mir in Ausſicht geftellten glänzenden 
Laufbahn entfagen, wenn ich Maria unter dem jegigen Verdacht zu 
meiner Gattin machen wollte und meine Vermögensverhältniffe waren 
durchaus nicht derart, um einen fürftlichen Hausjtand, wie ihn Die 
Geliebte gewohnt gewefen, zu führen — dennoch hätte ich mit Freu- 
den Ehrgeiz und Luxus geopfert, um die angebetete rau zu gewin- 
nen — aber vergebens, Maria beharrte auf ihrem: Willen. 

Das herrliche Schaufpiel hatte Ingmifchen feinen Fortgang ge- 
nommen; die Beleuchtung wechſelte, Raketen und Leuchtkugeln ftiegen 


544 Eine Srauenhand. 


auf, Lampions ſchimmerten zwifchen den Büſchen und aus den mweit- 
geöffneten, im Glanz von taufenden von Kerzen ftrahlenden Sälen, 
erflangen die cleftrijivenden Weifen einer Iodenden Ballmuſik. Eine 
vollfommen melancholiſche Stimmung überfiel mich inmitten des 
Jubels und der freudigen Unterhaltung, die in allen Sprachen der 
civiliſirten Welt mich umfchwirrte und ich fehnte den Augenblick 
herbei, wo die Maffen fich verzogen, wo ich im Anſchauen der Herr» 
lichen Natur das ‚ruhige Steiägewicht meiner Seele wieberzugeivin= 
nen hoffte. — Endlich trat auch dies ein; die Menge vertheilte fich 
im Kajino und den verfchiedenen Hötel® und nur ab und zu eilte- 
einer der beim Feuerwerk betheiligt gewefenen Arbeiter buch den 
ftillen Park. Ein Lampion nad) dem andern erlofh und nur- der 
— — Rndenſchein erhellte mit magiſchem Licht die wunderbare 
La 


Tief in Gedanken verſunken, wanderte ich den. einſameren Stellen 
der Anlagen zu, als plöglich ein lauter Hilfefchrei, dem gleich daran 
ein Schub folgte, mich in die Gegenwart zurüdverfegte. So rafd 
ich vermochte, eilte ich der Richtung bes Gehdrten nad) und gelangte 
bald an. eine freie Stelle, wo ich im hellen Mondenjchein eine weib- 
liche Geſtalt am Boden liegen jah, während ein Schatten unter ben 
Bäumen verſchwand. Im Hugenblid war id) an der Seite der Un⸗ 
glätten, die ich emporzurichten fuchte und in welcher ich. zu meinem 

chreden Vera Dolzinsfa erfannte, die ohnmächtig in meinem Arm 
lehnte. Meinen Anjtrengungen gelang es glüdlicherweife bald, bie 
Bewußtlofe zu erweden, denn trog Schreien und Schießen Hatte ſich 
fein Menſch an dem einfamen Ort eingefunden — kam doch der— 
gleichen in Monaco zu oft vor, um noch auf bejondere Theilnahme 
Anfpruch zu erheben. Ic} geleitete Die Gräfin, welche heftige Schmer- 
gen in der Schulter verfpürte in das Hötel, wo jedoch nicht bie 
eifejte Verwundung zu entdeden war und das fehmerzhafte Gefühl 
nur dem Fall zugel rieben werden Tonnte. Nachdem ich durch Veras 
Kammerfrau dieſe Mittheilung erhalten, zugleich mit der Witte vor- 
läufig nicht von dem zu zu fprechen, begab ich mich perſönlich zu 
der Gräfin, ihr meine Theilnahme, zugleich) auch meine Verwunderung 
auszufprechen, fie mit dem von ihr Kot verleugneten Menfchen in 
Verbindung zu finden, die einen jo gefährlichen Ausgang hätte, 
nehmen fönnen — mit einem Manne, defjen ganzes Benehmen auf 
einen weit unter ihr ftehenden jchließen ließ. 

Einen Augenblid ſah mid) Vera Dolzinska mit durchdringenden 
Bliden an, dann brach fie in ein filberhelles Lachen aus, welches 
ihren ganzen Körper erſchütterte, und mit ſpöttiſch bligenden Augen 
rief fie mir zu: , 

„Sie halten mich fiherlic, für eine Nipiliftin ſchlimmſter Sorte, 
bas ift föftlich — Herrlich! — feider jedoch für Sie nicht richtig 
und fomit erwächſt Ihnen nicht der Ruhm, eine furchtbare Ver— 
ſchwörung entdedt zu haben! — Jedoch, Sie jollen für Ihre Dienfte 
belohnt werden — ich will Ihnen beichten!” 


Deine, Google 


Eine Frauenhand. 545 


Graziös Ichnte ſich die ſchlanke Geftalt in ihrem Seſſel zurüd, 
während die Hände nervös mit den Duaften des rothen Plüſch— 
ewandes fpielten und die Augen unruhig hin- und hereilten. Das 
veben überftandene Abenteuer hatte die Gräfin, wie leicht zu be— 
greifen war, bebeutend erregt und jchon wollte ich mich mit einigen 
böflichen Worten zurüczichen und um Aufſchieben ihres Berichts auf 
Den morgenden Tag bitten, als fie mit einem leichten Seufzer und 
melandolifchen Bliden die Erzählung begann: 

„Swan Sabanoff war Inſpektor auf meines Vaters Befigung 
und der Sohn eines früheren Leibeigenen. Wir hatten ala Kinder 
miteinander gefpielt und er fahte feit biefer Zeit eine heftige Liebe 
zu mir. Nach dem unglüdlichen Verluft unferes Vermögens fah ich 
mic) genöthigt, eine Stelle als Geſellſchafterin der Fürftin Mefticheff 
anzunehmen, bei welcher ich verblieb, bis man Die verbächtigte Frau 
nad) Peteröburg transportirte. Iwan hatte inzwiſchen Anzeichen 
einer Geiſteskrankheit merfen laſſen und beläftigte mich, wo ich ihn 
traf, mit feiner Anbetung. Aus Furcht vor jeinen Wuthausbrüchen 
fcheute ich mich, ihn ernitlich abzuweien und vermied nur nach, Mög- 
Tichkeit eine Begegnung. Bald nachdem ich das Schloß der Fürftin 
mit: dem Wohnjig einer befreundeten Familie vertaujcht hatte, bot 
mir Graf Dolzinzki die Hand und ich wurde feine Gattin. Kurze 
& nad) unterer Hochzeit verließen wir Rußland, nadjdem ich 

jritte gethan hatte, den unglüdlichen Iwan einer Heilanftalt zu 
übergeben, doch leider vergeblih. Plötzlich tauchte er hier auf und 
verfolgte mich mit feiner wahnfinnigen Liebe und Eiferfucht. Ich 
fürchtete einen Eflat, fuchte ihn zu beruhigen und feine Abreiſe 
u befchleunigen. Bis heute gelang es mir, ihn von einem für mic, 
ompromittirenden Schritt zurüdzuhalten. Jetzt, nachdem er foeben 
im vollen Wahnfinn den Schuß auf mich abgefeuert, bleibt mir nichts 
übrig, als den Unglüdlichen der Polizei zu übergeben und Sie wür- 
den mich fehr verbinden, wenn Sie fi der Angelegenheit annehmen 
wollten. — Morgen früh wollen wir das Weitere verabreden, jegt 
bedarf ich dringend der Ruhe.“ 

Mit freundihaftlihem Händedrud entlie mich die ſchöne Frau 
und ia, jtand wenige Minuten fpäter in dem Veſtibül als ein fehr 
trauriger Diplomat, der durchaus nicht wußte, was zu beginnen. 

Jedoch gänzlich theilnahmlos konnte ich all! dem abenteuerlichen 
Getriebe nicht zujchauen und fo beeilte ich mich, den Polizeidirektor 
aufzufuchen und denſelben von dem Attentat auf die Gräfin Dolzinska, 
fowie von der Perjönlichfeit Iwan Sabanoffs in Kenntniß zu jegen. 
Der Herr verſprach mir das Möglichite zu thun und einigermaßen 
beruhigt, fehrte ich in das Hötel zurüd. 

Trog der Aufregungen der fegten Stunden fiel ich bald in einen 
feften Schlaf und erwachte erjt jpät am nächſten Morgen, als die 
Sonne ſchon hoch am Himmel ftand, durch ein Klopfen an meiner 
Zimmerthür. Es war mein Diener mit den Poftfachen. 

Ein Brief von Nelidow fiel zuerft in meine Hände. . Er fchrieb, 

» Der Ealon 1889. Heft V. Band I. 37 


546 Eine Sranenhand. 


daß wichtige Entdedungen, die er nicht näher befchreiben könne, ihm 
feffelten und meine baldige Rückkehr nach Rußland dringend nöthig 
machten. Ein zweiter Brief ohne Poftftempel von unbekannter Hand 
verfegte mich in eine gewilfe Unruhe. Vera Dolzinsfa theilte mir 
mit, daß fie beichloffen habe, mit ihrem Mann jofort Monaco zu 
verlaffen, u.a dem unglüdlichen Sabanoff aus dem Wege zu gehen. 
Zugleich überreichte ber Diener ein foeben von Polizeidiveftor ein- 
gelaufenes Schreiben, worin berjelbe um meinen Beſuch bat. 

In fliegender Eile beendete ich meine Toilette und während ich 
im Speifefaal frühftückte, ließ ich mir vom Chef des Hötels_ über 
die plöglicde Abreife der Dolzinsfis Bericht erftatten. Diefelben 
hatten in Begleitung von Mr. Bader, dem jungen Amerikaner, am 
frühen Morgen in einem Miethwagen Monaco verlajjen, ohne an- 
gegeben zu haben, wohin fie zu zeilen gedächten. 

Als ih in das Bureau des Polizeidirektors trat, kam dieſer 
mir fon in untuhiger Erwartung entgegen. 

„Roc geftern Nat habe ich einen Beamten auf die Fährte 
des don Ihnen genannten Menjchen gefandt“, begann er mit der 
ganzen Aufgeregtheit des Sübländers „und fchon am frühen Morgen 
befand er fich in unferm Gewahrfam, jedoch in einem jammervsllen 
Zuftand — als der Detektiv, den ich mit dieſer Angelegenheit be= 
traute, den Verdächtigen aufgefunden hatte und ihn verhaften wollte, 
riß derfelbe mit Bligesfcnelle einen Revolver hervor und ſchoß fich 
duch die Bruft. — Haben Sie etwas von ihm zu erfragen, jo ver- 
ſuchen fie bald Antwort zu erhalten, denn der Arzt giebt ihm nur 
wenige Stunden.” 

Mit unheimlihen Schaubern betrat ich den Raum, in welchem 

der Sterbende gebettet lag. Nerztliche Hilfe war vergeblich, Das 
eigte mir der erfte Blick auf Dice wachsgelben Züge, in welchen 
denn Tropfen Blut mehr zu pulſiren fehien. Ich fegte mich an das 
Lager, auf welchem der Anal üche junge Mann mit gejchlofjenen 
Augen im Schlummer ängft ich ftöhnte. Tiefes Mitleid ergriff mich 
mit dem Armen, der ein Opfer feiner Leidenjchaft geworden war und 
unter Fremden. auf verbrecherijche Weije feinem Leben ſelbſt ein 
Ende gemacht hatte. 

Ich nahm eine der fieberhaft zudenden Hände in die meinen 
und nannte feinen Namen. 

Er fuhr aus dem Schlaf empor. „Wer ruft mich“, begann er 
in ruſſiſcher Sprache und indem er mich ſcharf fizirte, fuhr er ebenfo 
fort: „Vera endet Sie — was will fie noch von mir?" 

Ich ging fofort auf feine Ideen ein und antwortete: 

„Die Gräfin Dolzinsta ſchickt mich — Sie jollen mir ver 

en.“ 

„Gräfin Dolzinska“, fchrie mit leidenſchaftlicher Erregung de 
Kranke und in fi) zufammen finfend, fuhr er im Zlüfterton for 
„fie ift_ der Fluch meines Lebens." 

„Wo ift fie?“ fragte er nach einer Paufe. 


Eine Srauenhand. 547 


„Sie verließ Monaco Heute Nacht“, antwortete ich, indem ich mit 
Herzklopfen jedes Wort des Sterbenden erwartete. 

„Haben Sie mir nichts zu ſagen — was Vera Kurwieff — 
und die Fürſtin Mefticheff betrifft?“ 

Wie vom Blitz getroffen fehnellte Sabanoff empor. 

„Sie kommen nicht von Vera“, rief er mit gebrotyener Stimme, 
„fie hat mich verlaffen — Vera hat mich geopfert!” 

Thränen erfticten feine Worte und feinen Körper überflog ein 
Trampfhaftes Zittern. 

IH fuchte den Unglüdlichen zu beruhigen, ngte ihm, daß i 
ein Freund der armen, ſchwer geprüften Fürftin Meſticheff fei, ba| 
ich auf Vera Dolzinsfa von Anfang an Verdacht geworfen, jedoch 
von der fchlauen Imtriguantin nichts habe erfahren fünnen, als big 
geftern Abend. 

an bat Sie Ihnen ihre Schuld geftanden?“ flüfterte der Un— 
glückliche. 

Ich wagte dem Elend gegerüber feine Lüge. \ 

fin Dolzinska hat mich beauftragt, Sie der Polizei zu 
melden.” 

„Der Polizei? Sie — Vera hat das gethan? Vera hat mich 
des Mordes angeklagt? Mit einer Lüge hat fie mich verderben 
wollen? Und ich habe dieſes Weib geliebt — mehr wie mein Leben! 
— Sie follen alles erfahren. Ich weiß, daß mein Ende nahe ift. 
Hören Sie! Ich bin der Sohn eines früheren Leibeigenen, der Hof- 
meifter und Wirthichafter auf dem Gute des Herrn von Kurwieff 
war. Ich kam oft in das Schloß zur Herrſchaft und fpielte mit der 
Heinen Vera, die in einem Alter mit mir war. Als ich größer 
wurde, trafen wir und ferner, aber meine Anbetung für das jchöne 
Mädchen fteigerte fi von Tag zu Tag. Ich Hätte willig mein 
Leben für Daffelbe gelaffen und war beglüdt, wenn Vera einen Dienſt 
von mir verlangte. Mit Eiferfucht betrachtete ich jeden Mann, der 
auf das Schloß fam und fürchtete eine Verheiratung der Jugend» 
gefpielin wie das größte Unglüd, was mir zujtoßen fünnte, 

Der alte Fürjt Meftiheff war ein häufiger Gaft im Kurmwieff- 

Haufe, er ritt ftundenlang allein mit Vera durch die Wälder 
und id) fah mit heißem Weh oft von verborgenen Stellen, mit wel- 
chem fühen Lächeln fie dem alten Verehrer fchmeichelte. 

Eines Tages traf ich Vera allein im einjamen Forſt, aufgelöft 
in Thränen, ſchmerzdurchwühlt im Moofe liegen. Ich eilte zu ihr, 
fiel zu ihren Füßen nieder, küßte ben Saum ihres Kleides und be- 
fchwor fie, mir ihren Kummer anzuvertrauen, damit 9 ihr helfen, 
oder fie rächen könne. Sie ſchüttelte den Kopf und hieß mich gehen, 
während von neuem ein frampfhafter Thränenjtrom ihren Augen 
entquoll. Da vergaß ich mich und geftand ihr, der hochgeborenen 
Dame, meine Anbetung und Liebe. Sie wies mich nicht zurüd, fon« 
bern reichte mir Die Sand, die ich mit Küffen bededen durfte und 
fagte, indem fie mich mit ihren feurigen Augen anblickte: „Ich habe 

37% 





548 Eine Srauenhand. 


Dein Wort, Iman — Du allein follft mich rächen“ Bald darauf 
erfuhr ich, daß Fürſt Mefticheff eine andere ala Gemalin heimzu— 
führen gevälte und daß der Kurwieffihe Reichtum nur Schein ge- 
weſen fei. Das glänzende Leben im Schloß erreichte plötzlich fein 
Ende, Pferde und Gquipagen wurden abgeſchafft, feine Feſte gegeben 
und fein Befuc empfangen. Nach furzer Zeit verlieh Vera das 
traurige spuus ihres Baterd und wurde Gejellfchafterin der jungen 
Fürftin Mefticheff. 

Mic) führten die Geichäfte, da ich inzwiichen an Stelle meines 
alten Vaters Inſpektor geworden war, öfter nach der Mefticheffichen 
Befigung, wo ich außerdem mehrere Freunde hatte. 

Vera ſchien glücklich und Heiter zu fein und ihre Rache vergejfen 
u haben, beſonders ſeit der junge Graf Nelidow, ein Neffe des 

ürften, ein häufiger Gaft im Schloffe war. Nach Jahresfrijt etwa 
reifte die Herrfchaft nach Nigza, wo der alte Fürſt nach langer 
Krankpeit ſtarb. Die Fürftin fehrte darauf in — Veras 
zurück und bald verbreitete ſich das Gerücht, daß Graf Nelidow ſich 
um die Hand jeiner ſchönen jungen Tante bewürbe und die Hochzeit 
nach Verlauf des Trauerjahres Mattfinden ſollte. 

Trotz eifrigen Bemühens war es mir nicht gelungen, Vera feit 
der Rückkehr aus dem Süden zu fehen, doch war ich überzeugt, daß 
die Enttäufchung eine große und bittere fein mußte. 

In diefer Zeit iraf ich eines Tages-den Grafen Dolzinski, einen 
unferer nächften Nachbarn, der mich in einer gejchäftlichen Angelegen- 
heit zu fprechen wünſchte. Nach langen Umſchweifen fam er endlich 
zum Zwecke ſeines mir zugedachten Beſuchs, der mich mit unheilvoller 
Ahnung erfüllte. 

Um Ihnen furz mitzutheilen — der Graf hatte ſich mit ver- 
ſchiedenen feiner Standesgenojjen, bie der altruffiichen Richtung an- 
gehörten, beſonders empört durch die neueren Einrichtungen der Re- 

ierung, die ihnen viele ihrer alten Rechte genommen hatten, in ein 
Bünbnib zur Befämpfung diefer Neuerungen eingelaffen. Dieje, einen 
etwas gefährfichen Charakter habenden Zufammenfünfte hatten jeit 
Jahren vollfommen aufgehört, doc waren in dem verborgenen 
Schlupfiwinfel Papiere zurüdgeblieben, die für ihn, ben Grafen Dol- 
zinsfi, ſehr konipromittirend werden konnten und die er zurüdzuhaben 
wünfchte. Ich weigerte mich anfangs und Hatte nicht übel Luft, den 
Grafen höheren Orts anzuzeigen, doch höhnifch lachend wies er mein 
Bebenfen zurüd, indem er mir erflärte, daß mein alter Water der 
Helfershelfer, mithin cin Schuldiger gewejen und jofort dem Ge» 
fängniß verfallen, ficherlich fogar nach Sibirien gejchiet würde, wenn 
der Ort, wo die Schriftjtüde lägen, entdeckt würde. Ich eilte in 
peinvollfter Aufregung zu dem greifen Vater und hörte zu meinem 
Schreden, daß alles Wahrheit, daß ein von dem alten Mann unters 
ſchriebenes Schriftftüc feine Theilhaberſchaft an der Vereinigung bes 
ftätigte, um die andern dadurch vor Verrath zu ſchützen. Cr bezeichnete 
mir genau den Ort, gab mir einen Schlüfjel, erklärte mir die Wege 


Eine £rauenhand. " 549 


und geheimen Schfupfwinfel und beſchwor mich. ihn von der Angft 
und Unruhe zu befreien. Dem Flehen des alten Mannes konnte ich 
nicht widerjtehen und jo entjchloß ich mich, den Gang zu wagen. 
Ich erreichte am Abend das bezeichnete Schloß, wo die Zufammen- 
fünfte ftattgefunden hatten’ und da ich dort befannt war, wurde es 
mir nicht ſchwer, den genau bejchriebenen Holzſtall aufzufinden und 
mich daſelbſt zu verfteden, bis alles ſich zur Ruhe begeben hatte. 
Dann padte ih mit Vorfiht an der bezeichneten Stelle die Holz— 
loben beiſeite, wodurd) eine faſt unfichtbare Thür, die ich mit meinem 
Schlüſſel öffnete, den Eingang in einen zweiten Raum frei machte. 
Erſt nad) fangem Suchen ward es mir hier mit Hilfe einer Laterne 
möglich), nach der genau gegebenen Anweiſung eine ſich auf einen 
Drud leicht bewegende flappenartige Einrichtung zu finden, die genau 
dem Gemäuer angepaßt, ſich in den Fugen der Seine bewegte und 
von Uneingeweihten unmöglich ji erfennen war. Kaum jedoch 
drängte ich mich durch die fchmale Deffnung, als ich in einem er 
Teuchteten Kellerraum — Vera Kurwieff gegenüber jtand. — Ich 
vergaß Ihnen zu jagen, daß ich mid im Schloffe der Fürftin 
Mejticheff befand — daß der Fürft das Haupt der Verſchwörung 
geweſen, von feinem Tode im Süden überrajcht, die Spuren zu ver- 
tilgen vergeffen hatte. — Vera war nicht weniger erjchredt als ich, 
verjuchte jedoch bald in herrijcher Weiſe, Erklärung über mein Ein— 
dringen wie ein Räuber in der Nacht zu fordern. Lange Zeit ftrit- 
ten wir hin und her und ſchon war ich verjucht, mit Gewalt die 
Papiere an mich zu bringen und zu entflichen, wenn nicht einerjeit® 
die Sorge, von dem heftigen Mädchen verraten zu werden, ander- 
jeit3 meine Leidenſchaft und bie Hoffnung, durch Lijt hinter das 
Geheimniß, welches Vera in den unheimlichen Raum geführt hatte, 
zu kommen und mich dadurch meinem Ziel die Angebetete zu gewin- 
nen, zu nähern gehofft hätte. Ich hatte meinen Auftrag, Papiere 
zu holen, gejtanden, wenngleich ohne vorläufig einen Namen zu 
nennen und fuchte diejelben aus der bezeichneten, in den Boden ein- 
gelaffenen eijernen Kafjette hervor, während mir Vera Kurwieff er— 
zählte, daß fie beim Suden eine® ımter einen Schrank gerollten 
Schmudftüds, diefen mit Mühe fortgerücdt und unter dem Teppich 
die Fallthür entdedend, der Neugier nicht habe wibderftehen können. 
Die treuherzige Miene, mit der fie dieſes vortrug, verleitete mich 
anfangs, Dielem Märchen Glauben zu fchenfen, bis ic) in den Papieren 
auch den Namen Kurwieff las und das Mädchen dadurch zwang, 
mir die Wahrheit zu geitehen. Ebenſo wie Graf Dolzinsti, war 
auch der alte Kurwieff Mitglied des Bundes, auch ihn hatte die 
Sorge, bei den jegt der — Umtriebe wegen ſtrengen Unter⸗ 
ſuchungen und fäiveren Strafen, die ihnen bei der Entdedung biefer 
imgrunde ungeführlichen Vereinigung erwachjen Eönnten, getrieben, feine , 
Tochter um Herbeifchaffen der Papiere zu bitten. Dieſe verſprach 
das auch in Abweſenheit der Fürftin, die auf kurze Zeit in Peters- 
burg weilte, zu thun, da eine geheime Fallthüre von dem Salon der— 


550 Eine £rauenhand. 


jelben, welches Gemach der Fürft früher bewohnt hatte, in den Keller 
führte. Nachdem wir die Papiere geordnet, entfuhr mir ganz unbe— 
wußt und unbedadht eine Aeuberund: „Wenn dieje Briefichaften hier 
entdedt würden, Fünnte ſich die Fürstin, fo unſchuldig fie ift, auf 
eine Reife nach Sibirien vorbereiten.” Die Wirkung dieſer Worte 
war eine furchtbare, Veras ‘ganzes Geſicht glühte in einem unheim⸗ 
lichen Feuer, ihre Augen bligten und ihre Hände ballten ſich frampf- 
haft ineinander. 

„OD, wenn das möglid) wäre, wenn id) mich an der Frau, die 
zweimal das Glüc meines Sebens zerſtört hat, rächen könnte! Iwan“, 
tief ſie darauf mit zärtlichem Ton, „hilf mir, räche mich — und ich 
werde Dein Weib!” 

Diefe Verheißung, der liebevolle Ton und die feurigen Augen 
madjten mich wahnfinnig — ich lag zu ihren Füßen, küßte ihre 
Hände und ſchwor, alles zu thun, was he verlangte — dagegen ver⸗ 
langte ich einen heiligen Eid von ihr, das Verjprechen, die Meine 
zu werden, zu halten. . 

Sie Gelobte und ic ward ihr Werkzeug. Neue Zeitungen aufs 
zührerifgen Inhalts ſchaffte ich am nächſten Abend heimlich herbei 
und Vera frönte das Ganze duch eine zufällig im Schreibtiſch der 

ürftin gefundene Unterfchrift, die dieſelbe in eigenthümlicher Gewohn- 
eit oft auf leere Blätter frigeln pflegte und aus Zerſtreutheit 
manchmal zu vernichten vergeh. Die Thüre nad) außen war unfenntlich 
von innen und nachdem ich den Knopf des Niegels abgedreht hatte, 
unmöglich zu öffnen. Auch von dem Eingang löfte ich den Drüder, 
warf den Schlüffel zur Thür des Holzjtalles ins Wajfer, nachdem 
ich jebe Spur eines Eintritt verwilcht hatte. Wochen gingen in 
Erwartung des Kommenden Bu — ſchon _padte mid) die Het und 
ih hoffte, daß Wera ihren furchtbaren Entſchluß aufgegeben hätte, 
als die Verhaftung der Fürstin jtattfand. Laſſen Sie mich Jam 
en von den Qualen, bie id) erdufdet. — Meine wahnfinnige Leiden- 
Kart Sehe mich zum Verbrecher gemacht und die Strafe folgte auf 
dem Fuße. 

13 ich Vera an ihren Eid gemahnen und fie zu meinem Weide 
zwingen wollte, war fie verichwunden und die Nachricht ihrer Ver— 
mälung mit dem Grafen Dolzinsfi war die Singige Kunde, Die zu 
mir getange Ich eilte auf die Befigung des Örafen, wo ich die 
Treulofe nicht mehr antraf, ich jedoch feitgehalten und als geiftesfranf 
einer Irrenanftalt überwiefen wurde. Monatelang blieb ich dort 
gefeffelt, bis es mir gelang, zu entfliehen. Nachdem ich mich mit Geld 
und Papieren verjehen hatte, reiſte ich hierher, wo ich endlich Ge- 
legenheit fand, Vera zu ſprechen. Sie kennen die Gräfin — Sie 
wiffen, wie fanft und unſchuldig fie zu fein vermag und obgleich ich 
von der Faljchheit der fo heil Geliebten überzeugt war, lich ich 
mich dennod) anfangs täufchen, glaubte an das Opfer, welches fie 
ebracht, um ihren Vater und auch mich vor Entdeckung, mit welcher 
Botzineti gedroht, zu ſchützen. Bald jedoch erkannte ich den Leicht- 


Eine Srauenhand. 551 


finn und die Habgier Veras. Nur das Geld des reichen Grafen 
hatte fie gelodt und id) ward das Opfer, welches zur Ausführung 
ihrer Race dienen mußte. Jetzt ſehe ic) alles Elar vor mir, was 
meinen von Leidenjchaft geblendeten Augen bisher verborgen gewefen war. 
Der alte Fürjt Meſticheff ſowie Graf Nelidow, hatten eine andere 
Vera vorgezogen. Ste haßte die junge Fürfin und wollte ſich 
rächen, hoffte wohl auch, durch Entfernung derfelben den Grafen für 
fich zu gewinnen." Als ihr dies nicht gelang, wählte fie Dolzinski 
mit Kine Reichthum und fperrte mich in das Irrenhaus.“ 

Erjchöpft hielt der junge Mann inne und lehnte fich mit ge- 

ſchloſſenen Augen in die — zurück. 

Ich ſelbſt war tief ergriffen, feines Wortes mächtig. Ich reichte 
dem Kranken, deſſen brennende Lippen zu trinfen verlangten, und mit 
leifer Stimme fuhr er fort: 

„Ich jah Vera täglich mit heißem Wehgefühl und jprad fie 
heimlich einige Minuten. Der Graf follte mid) nicht fehen — meiner 
Sicherheit wegen, wie fie behauptete. Geftern nad dem Feſte im 
Park fam fie an einen vorher verabrebeten Plag. Ich beſchwor fie, 
mit mir zu fliehen, — drohte mit meiner Rache, drohte mich und 

* fie zu tödten — da rief fie nad) Hilfe und ic) richtete die Kugel 
-auf mich ſelbſt, ohne jedoch zu treffen. Erſt als man mid als 
Mörder verhaften wollte, war ic) glüdlicher — nun hat die Qual 
bald ein Ende.“ 

Ein Ohnmachtsanfall endete feine Rede. Eilig rief ich den Arzt, 
ſowie den Poligeidireftor herbei, entwarf felbjt in gebrängter Kürze 
eine Erklärung des an Maria Petrowna verübten Verbrechens, und 
als der Krante ſich von feiner Schwäche etwas erholt hatte, las ich 
ihm in Gegenwart der Zeugen fein Geſtändniß vor, unter weldes 
er ohne Zaubern feinen Namen jegte und verließ, nachdem ich alles 
nur mögliche zur Pflege des Sterbenden angeordnet, zwar tief er— 
griffen, doch von glüdjeligen Gefühlen durchdrungen das Haus, wel- 
ches ich fo wenig hoffnungsvoll betreten hatte. 

Der Telegraph benachrichtige Maria Petrowna mit wenigen 
Worten von ber glüdlihen Wendung und kaum geil Tage jpäter 
begleitete ich meine geliebte Braut und Alexa na) Rußland, um dort 
im Verein .mit Nelidow das Nähere zu beiprechen. Die Erklärung 
Sabanoffs erwies ſich als zutreffend und es war Graf Wafil ge- 
fungen, ſchon vorher die Spur einer geheimen Thür eines zweiten 
Ausgangs aus dem Kellergewölbe zu vermuthen, auf welche Ent- 
dedung er in feinem Briefe hingewieſen hatte, ohne jedoch der Sache 
völlig auf den Grund zu fommen, was bei der Gejchidlichfeit und 
Kift, mit welcher die beiden Verbündeten zuſammengewirki Hatten, 
wohl ohne die Ausſprache des Sterbenden niemals zu erwarten ge- 
weſen wäre. 

Die Ehre des alten Fürjten Mefticheff veranlaßte uns von 
einem öffentlichen Prozeb Abitand zu nehmen. Maria Petrowna 
wandte fich perjönlich an den Zaren, der ihr in gnädigfter Weife- 


552 Eine Sraneı 


Gercchtigfeit widerfahren lieh. Wie 
eines bedeutenden Vermögens, wenn 
viele traurige Erinnerungen für fie 
fürftlichen Herrſchaft auf unjeren be 
an Waſil Nelidow abgetreten wurde. 

Kurze Zeit jpäter vereinte und ber Segen der Kirche, zugleich 
Waſil mit der lieblichen Alexa. 

Mich zog es unwiderſtehlich dem Orte zu, wo ich die Geliebte 
uerſt geſehen, wo die ſchöne Hand, die jetzt als ſchwer erkämpfter 

reis in der meinen ruhie, mich begeiſtert und gefeſſelt hatte. Im 

Paris feierten wir in ftillfter Zurücgezogenheit die erjten Wochen 
unferes Eheſtandes und oftmals fuhren wir hinaus nad) dem herr= 
lichen Fontainebleau, um bei der Ruͤckkehr auf dem Lyoner Bahnhof 
des eriten Zufammentreffens mit glücklichem und danfbarem Herzen 
zu gebenfen. 

Bon Vera hörten wir nicht weiter, als daß jie Europa ver- 
laſſen hatte, um in Amerifa ihr Glück zu juchen. Der unglückliche 
Sabanofj jtarb wenige Stunden, nachdem ich ihn verlajfen und auch 
Graf Dolzinsfi machte feinem Leben ein Ende, nachdem er dem 
Dämon des Spiels jein beträchtliches Vermögen geopfert hatte. 

Mein Freund Karzoff ift der eifrigite Verehrer meiner fchönen 
Frau und redet fich felbjt ein, daß er nie an ihrer Unſchuld ge 
‚zweifelt habe. ö 

Maria lächelt und Iegt verftohlen ihre geliebte Hand in bie 
meine — ich bin glüdjelig im Beſitz ber jchönften Frau mit dem 
beiten Herzen — ber edeliten Scele. Meine Ahnung hat mich nicht 

getäufcht — die Piychologie der ſchönen Frauen hat mich nicht 
betrogen. 


Seffing in Berlin. 
Eine Studie von C. Trog. \ 


giebt in Verlin wenig Häufer, die mit Iufchriftens 
tafeln geſchmückt find, welche das Andenken an gei- 
ftige Celebritäten auffriichen, wie wir dies fo zahl 
reich in anderen Städten, 5. B. in Paris, finden, wo 
jelbjt Humboldts Wohnung, Quai Malaquais Nr. 3, 
nicht gergeflen iſt. 
Während jedes Kind in der Reſidenz die Stätten kennt, auf 
denen man den Helden, die int Schlachtenwetter Ruhm und Ehre 
gewannen, Denfmäler errichtet hat, wiſſen wohl nur wenige Berliner, 
daß in dem jchmalen und hohen Hauje der Spandauerjtraße Nr. 68, 
welches auf ſchwarzer Marmortafel in goldenen Buchſtaben die Ju— 
ſchrift trägt: 


In dieſem Haufe lebte und wirkte Unfterbliches 
M. Mendelsjohn, 
geboren zu Deſſau 1729, geftorben in Berlin 1786, 


vor mehr denn hundert‘ Jahren nacheinander eine Zahl der damals 
bebeutendften literariſchen Celebritäten wohnten. Seine ehr befchei- 
denen Räume jahen den Dichter Rammler, den Naturforicher My— 
lius — beide Jugendgenojjen Leſſings — dann Nicolai, Lefjing und 
endlich Mojes Mendelsjohn, welder diejes Haus erwarb, dem dann 
die pietätsvollen Nachkonimen Mendelsſohns fpäter die oben ange 
führte Inſchrift verlichen. 

Es gewährt gewiß einen bejonderen Reiz, den Spuren großer 
Männer nachzugehen und ihre Wohnftätten aufzufuchen, wodurd 
deren entferntes Wirken uns näher tritt. 

Unter den geiftigen Bannerträgern, den Schöpfern unferer na— 
tionafen Literatur und Kultur, ift es einer, der, wenn auch nicht nach, 
feiner Geburt, doch vorzugsweife Berlin angehört, und das.ift Lejfing. 


554 Seffing in Serlin. 


Und doch melden feine Nachihlagebücher genau, welche Zeit er in 
Berlin verlebte, darum aud) die Kenntniß, in welchen beiden Häufern 
er wohnte, gewiß mehr zufällig it. 

Eines diefer Häufer wurde oben bereits genannt, das fpäter 
Mendelsſohnſche Haus, das der damalige geniale Berliner Männer- 
Treig nicht anders Er nennen pflegte, als „unjer Haus“. Das zweite 
Gebäude*), in welchem Leſſing den größten Theil jeines Berliner 
Aufenthaltes verbrachte, ift das Haus Nr. 10 am Nicolaikirchhofe, 
von dem ein alter Bericht jagt: 

„Es ift ein ganz jchmales, altes, jpißgiebeliges, zweiftödiges 
Haus in Holz um! 3 nanert gebaut, bie Front nur zwei Fenſter 
breit; im untern Geſchoß tft jegt eine Böttcherwerkſtatt, das Stod- 
werf über demfelben fpringt nach alter Bauweiſe auf Holzbalfen 
weit vor. Im diefem Haufe, das ſchon damals als ein jehr unan- 
feontices galt, bewohnte Leſſing jahrelang die „jehr kleine“ Stube 

zweiten Gejtods, zu der eine hühnerfteigartige Treppe hinauf- 
führt. Die Ausficht aus den beiden Fenſtern des engen Raumes 
geht auf den jchwarzbraunen Bau der Nicolaificche. Das ift auch 
eine Merfwürdigfeit. Denn diefe ältefte Pfarrkirche Berlins hat vor 
fiebenhundert Jahren an der Wiege der künftigen preußifchen Haupt- 
ſtadt gejtanden, als diefe nur eben noch aus den Hütten der erften 
Anfiedler Albrechts des Bären bejtand, und in ihr Liegen zwei be— 
rühmte Landsleute Leſſings begraben: der erfte große Staatsmann 
Preußens, der Leipziger Schneiberjohn Lamprecht Diftelmeier, der 
als Staatsanzler des erſten proteitantiihen Kurfürften die Grund- 
Tage zu Preußens Größe legte, und ein zweiter berühmter Lands— 
mann Leſſings, der große Staat3- und Naturrechtslehrer Freiherr 
Samuel von Puffendorf, wie Leffing ein armer Pfarrersfohn aus 
dem Sachfenlande. Preußen hat e3 verfäumt, als den dritten fich 
Leſſing zuzueignen, der jo viele Jahre lang umfonft jtrebte, in Ber- 
lin einen Pla zu finden.“ 

geffing fa im Jahre 1748, neunzehn Jahre alt, nad) Berlin 
und blieb dafeldft, ein halbes Jahr (1752) abgerechnet, das er, um 
zu promoviren, in Wittenberg verlebte, bis 1755, aljo ſechs Jahre 
lang, dann ging er nad) Leipzig und trat bald darauf feine bekannte, 
aber mißglüdte europäiſche Reiſe mit dem jungen und reichen Wink 
ler an. -Im Jahre 1758 zog er wieder in Berlin ein und blieb 
daſelbſt bis 1760. Die Zeit von 1760 bis anfangs 1765 verbrachte 
er in Breslau als Sefretär des Generals Tauenzien. Er jehnte fich 
aber fort und fort nad) Berlin zurüd und fo finden wir ihn denn 
Car im Mai 1765 wieder in der Spreeftadt, wo er fich zu längerer 

erbleiben einrichtete. Als er aber zu feinem Schmerze jehen mußt: 
wie alle feine Hoffnungen fehl fhlugen, zog er im Herbfte 1767 na 
Hamburg und fehrte Geitden nicht wieder zu längerem Aufenthalt« 
nad Berlin zurüd. 





®) Nr. 68 der Spanbanerftvaße it abgebrochen, Mr. 10 Nicolaitirchhof Reht noc 


1 


£effing in Serlin. 555 


Das Leben nahm den jungen Leſſing in eine harte Schule, Als 
blutarmer Student fam er nad) Berlin, und er mußte jede ſich dar— 
bietende Gelegenheit wahrnehmen, um des Lebens Bedarf zu eriwer- 
ben. Und doc} Hatte diejer neunzehnjährige Student, den feine Geg- 
ner nod) lange fpottend ben „Studiosus medieinae“ nannten, bereits 
die Aufmerkjamfeit vorzüglicher Kreiſe auf fich gefenft; denn feine 
Gedichte in den Zeitungen, und ein Drama, das in geipgig aufge 
führt und mit großem Beifall aufgenommen worden war, legitimirte 
ihn glänzend als einen echten Sohn des Parnaſſes. Dan darf 
wohl annehmen, daß Lefjing dies ſelbſt fühlte und wußte, und wenn 
er, als er von Schulden gedrüdt Leipzig verlaffen hatte und nad) 
Berlin zurüdgelehrt war, fich daſelbſt nicht dem Theater zumenbete, 
0 fag der Grund dafür nur in feiner bittern Armuth, die ihn auf 
einem einfamen Dachſtübchen faſt zur Verzweiflung brachte. Es 
fehlte ihm alles, felbft die nothmuenbige Aieidung, um ſich vor eins 
flußreichen Leuten zeigen zu können. Da griff Mylius ein und half 
dem Freunde aus der fchlimmften Noth, Nun ordnete selling Bi 
bliothefen, er gab Unterricht und jchriftftellerte; da aber die Verſe 
und Dramen fein Geld brachten, dag er doc) verdienen mußte, um 
leben zu fünnen, fo ſchrieb er Profa; er wurde literarifcher Redae—⸗ 
Pe der Voſſiſchen Zeitung und der größte Feuilletoniſt Deutfch- 
lands. 


Wie man aber damals felbft in gebildeten Kreiſen über einen 
„gewiſſen Leſſing“ dachte, mag eine Anekdote darthun, welche Roch— 
tig in Leipzig zu erzählen pflegte. Rochlitz war in jeiner Jugend 
Bögling der Leipziger Thomasſchule, welche damals unter Leitung 
des Neftors Fiſcher, des befannten Herausgebers des Anakreon, jtand. 
Die poetifche Ader des jungen Rochlitz that ſich frühzeitig fund, aber 
freilich in einer verpönten Richtung. Statt ſich in griechiſchen oder 
lateiniſchen Hegametern oder Pentametern zu ergießen, überftrömte 
fie von beutichen Reimverjen. Man wollte jogar von ae alden 
Verſuchen feiner Ingenbligjen Feder wiſſen. Der Reltor Fiſcher, 
welchem dieſes zu Ohren fam, ließ Rochliß, den er als fleißigen und 
tolentvollen Schüler werth hielt, auf feine Stube fommen umd redete 
ihn folgendermaßen an: „Mein lieber Rochlig, Er ift auf dem beiten 
Wege, die ſchönen Gaben, welche Ihm unſer Hertgott verliehen, un— 
verzeihlih zu mißbrauchen. Er ahnt vielleicht nod) gar nicht, wohin 
jolches Treiben zufegt führen fanı: — Da will id Ihm ein ab- 
ſchrechendes Beijpiel aus meiner eigenen Jugend erzählen. Ich machte 
anf der Univerfität die Bekanntſchaft eines jungen Menſchen von 

jönen Anlagen und Kenntniffen. Latein und Griechiſch hatte er 
is dem Grunde ftudirt, er las den Thucydiden, ja den Ariftophas 
m, daß es eine Luft war, und wir lajen fie zujammen. Nun ſeh' 

einmal: der junge Mann geriet in die Sceilichaft von Komö- 
ianten und Zeitungsfchreibern und verwarf ſich total. Seine Klafr 
"er blieben liegen, er lief ins Theater und am Ende wurde er fel- 
r nichts bejjeres, als ein Komödienfchreiber. Wenn Er feinen 





556 £effing in Serlin. 


Namen wiffen will“, — Hier drehte ſich der alte Fifcher auf feinen 
Abfägen herum — „es war ein gewiljer — Leifing!“ 

Ueber ‚die Lebenszeit Leffings in Berlin vom Jahre 1750 an, 
über fein Kämpfen und Ringen und feine Begegnung mit Voltaire 
jagt der bereits erwähnte alte Aufſatz eines Lejfingfenners und Lej- 
fingverehrers: „Im diefen erjten fritiichen Auffägen erfcheint Leſſing 
bereit8 auf einer folchen freien und fejten Höhe über den fiterarijchen 
und äfthetifchen Parteien jener Zeit, daß man nach diefer Seite hin 
über Die Arbeiten des faum zweiundzwanzigjährigen Studenten faft 
mehr erjtaunen muß, als über feine jpäteren veifiten Werke. Da— 
neben legte er hier den Grund zu feiner genauen Kenntniß der fran- 
zöfifchen Literatur durch die vertraute Bekanntſchaft mit dem fran- 
‚öfifchen Sprachlehrer Richier de Louvain, der um diefe Zeit Privat- 
— Voltaires zu Berlin war. Dieſe Bekanntſchaft vermittelte 
vᷣgert die erſte und letzte perſönliche Annäherung Leſſings an den 

ichter der Henriade. Voltaire war ein Jahr ſpäter als Leſſing 
zum zweitenmal nad) Berlin gekommen. Kaum giebt es in der Li—⸗ 
teraturgefchichte einen größeren Kontraft, ala den zwifchen ihrem bei- 
derjeitigen damaligen Auftreten. Während der Jüngling Leſſing, der 
vom Geſchick auserſehen war, Deutſchlands Literatur aus der fran- 
zöfifchen Knechtſchaft zu befreien und vor allem gegen den Götzen 
der damaligen Zeit, gegen Voltaire, die töbtlichiten Streiche zu füh- 
ven, in einer Berliner Dachſtube haufte und, um feinen Unterhalt zu 
gewinnen, für fümmerlihe Bezahlung Voltaireſche Prozeßakten aus 

m Franzöfifchen ins Deutfche überjegte, refidirte Voltaire, der 
Günftling des größten Herrſchers jeinerzeit, im Pavillon des Königs- 
ſchlofſes zu Berlin, mit Ehren, Gold und Auszeichnungen überfchüt- 
tet! Hier war es, wo ber heitere Verfaffer der Dramaturgie den 
„göttlichen“ Voltaire fennen und nach Gebühr ſchätzen lernte. Der 
„erste Mann des Jahrhunderts“, wie ihm die bewundernde Liebe des 
großen Friedrich genannt hatte, war befanntlich neben feinem Reich 
thum an Geift und Wig eine ſehr gemeine Menſchenſeele. Er ſtahl 
nicht nur Wachslichte zum Vergnügen, fondern cr verwidelte ſich da- 
mals aud in einen ſehr ſchmutzigen Prozeßhandel wegen einer in 
Gemeinſchaft mit dem Juden Abraham Hirſch betriebenen Finanze 
ſpekulation mit ſächſiſchem gapiergeib, bei welchem der berühmte 
„Vorkämpfer für Wahrheit, Hecht und Licht“ nicht weniger als zwei 
Falſchungen von Handſchriften und einen fchriftlichen Meineid be» 
ging. Der ebenjo leidenjchaftliche als pfiffige Voltaire ließ es ſich 
nicht nehmen, bei dieſem Prozeßhandel, über welchen man in Seins 
Annalen der Gejepgebung V. 248 das Nähere findet, feine Strei 

chriften felbft zu verfaffen. Zum Weberfegen derjelben ward ihm bo 

jeinem Sefretär der junge Leſſing empfohlen. Infolgedefjen wurt 
Leſſing eine furze Zeit lang im Jahre 1750 täglid) von Roltair 
zu Tiſch geladen. Hier lernte er die gemeine Natur des gefeierte 
Schöngeiftes fennen und die Verachtung welche feine noble und rei: 
Dentart gegen die gauneriſche Habjucht des Franzofen, deren ganı- 


kn 


Keffing in Kerlin, B 557 


Umfang er zu durchichauen Gelegenheit hatte, empfand, gab jeiner 
ſpäteren äfthetijchen Polemik gegen ihn jene vernichtende Schärfe, die 
ihm font überall, wo er nicht Gemeinheit der Gefinnung vor fich 
hatte, fremd war. Sein Urtheil über den Prozeß Voltaire gegen 
den Juden, das er fpäter mit den Worten des alten Fabeldichters 
Phädrus ausſprach“) (fiehe Werke XI, ©. 108, Lachmann), fegte er 
damals in einem vertraulichen Sinngedichte nieder, das jedoch erit 
nad Doltairgs ſchimpflicher Entfernung aus Berlin gedrudt werden 
durfte. Es lautet in den Anfangs- und Endzeilen: 


Dem ſqhlaueſten Hebräer in Berlin, 
Dem kein Betrug zu ſchwer, fein Kniff zu ſchimpflich ſchien, 


Dem Helden in ber Kunſt, zu prellen, 

Lam's ein — was giebt der Geiz nicht feinen SHaven ein! — 
Bon Kranfreihe Witigen ben Wibigften zu fchnellen. 

Ber kann es fonft, als Voltaire fein? 


Und kurz und gut, ben Grund zu faflen, 

Barum die Lift 

Dem Juden nicht gelungen iſt, 

So fällt bie Antwort ungefähr: 

Herr Boltaire war ein — größerer Schelm als er. 


Voltaires Rache juchte ſich ſpäter zu entjchädigen in einer Verdrehung 
des Namens Fe aus dem er Le Singe achte! eine Rache, die 
janz der Veranlaffung jenes Epigramms würdig war. Die Bekannt- 
halt mit Voltaire nahm auch font ein fchlechtes Ende. Eine Heine 
literarijche Indiskretion, die fich Leffing mit den ihm mitgetheilten 
Aushängebogen von Boltaires Sieele de Louis XIV. erlaubt hatte, 
indem er diefelben einem Freunde zu leſen gab, führte einen voll- 
ftändigen Bruch durd) einen Briefwechſel herbei, von dem leider Lef- 
ſings Antwort nicht erhalten ift.” 

Nach den Zeiten der Noth und Entbehrungen erblühten Leſſing 
in Berlin auch ſonnige Tage; das war bejonders von 1758—1760 
der Fall. Gab ihm das Bewußtfein der Reife friſchen Jugendmuth, 
fo erhöhte andererfeits der innige Verkehr mit den genialen Freun— 
den, die gegenfeitigen Anregungen und Mittheilungen derjelben, des 
Lebens Werth, Trog alledem wollte es Leifing nicht gelingen, in 
Berlin eine Anftellung zu finden, fo ſehr fich feine Freunde auch 
darum bemühten. Friedrich der Große, dem er zweimal als Biblio- 
thefar vorgejchlagen war, lehnte ihn beide Mal ab, weil er ihn nur 
aus dem Federkrieg mit Voltaire kannte und den Heros in ihm nicht 
ahnte, der feines Geiſtes Schwingen mächtig entfalten follte. Dieje 
beharrlichen Abweifungen fränften Leffing ſehr und er gedachte Ber— 
lin ganz und gar zu verlafjen und nach Moskau an die borten neu 
errichtete Univerfität zu gehen. Er würde diefen Plan auch) ausge 


*) Zum Zuben: „Du ſorderſt, was Du, ſcheint es, nie verloren haft.“ 
Zu Voltaire: „Du Rahleft, glaub’ ich, mas Du fifig Teugneteft.“ 





558 £effing in Serlin. 


führt Haben, wenn das fehöngeiftige Leben mit feinen Buſhfreuuden 
ihn nicht mit maguetifcher malt an Berlin gefefielt Ytte. „Die 
ftrebfamften und tüchtigjten Männer Berlins, ein Mendelsfohn und 
Nicolai, Ramler, Sulzer und viele andere, waren ihm herzlich be 
freundet, und mit Sehnfucht gedenkt er in einem Briefe an Ram⸗ 
ler (1760) der heiteren Berliner Gejellfchaft und der geiftfeben- 
den Abende des Freitagsflubs und der Aronegeeele nie in denen 
Vorlefungen, Gejpräche und Disputationen über Wiſſenſchaft, Poefie 
und Kunjt mit heiteren Mahlen abiwechjelten, während die gro| 
Erfolge der preußifchen Waffen dem Leben höheren Schwung ver- 
Tiehen. Ein bejonders fröhlicher Kumpan Leffings in ben legten 
Jahren feines Berliner Lebens war Ramler. Auch er wohnte im 
der unmittelbaren Nähe Leffings, der damals ſchon das Menbels- 
ſohnſche Haus in der Spandauerftraße bezogen hatte. „Ich fann 
mich bier“, ſchreibt Ramler einmal an Gleim (1759) „mit Leffing ab- 
rufen, oder wenigſtens abjehen“. Beide waren Freunde eines guten 
Glaſes, und wenn fie Quft verfpürten, ihre ‚Baumannshöhle“ wie 
fie den Weinkeller nad) dem Namen des Küfers nannten, aufzufuchen, 
jo hing der Eine oder der Andere ein rothes Band zum Fenſter 
hinaus und das Signal ward fofort elpeftirt. 

Kennt man in Berlin dieſe erfte literarijche Weinfneipe noch? 
Müfte fie nicht aud) durch eine Gedenktafel ausgezeichnet werden? 
Giebt es in Berlin ein ‚Café Leffing“ oder eine „Weinftube Leffing“, 
welche an den Heros erinnert, der die ſchönſten Trinklieder gedichtet 
Hat? Wer giebt Antwort? 

Es wäre gewiß ein würdiger Schmud ber Refidenz, wenn es 
den Selfing-Derehrern gelingen wollte, die Stätten, an denen der 
große Todte weilte, durch Gebenktafeln mit pafjenden Infchriften 
aussugeichnen, damit das Andenken an Leffing nicht nur in der ges 
bildeten elt, fondern auch in den verjchiedenen Volkskreiſen Ieben- 

ig. bliebe. 


Der Schreiber. 


Novellette von Kermance Potier. 





ie wollten fid) aud einmal einen guten Tag anthun, der 
Schreiber Ambros und fein Freund, der Hannes, des Hand» 
ichuhmachers eriter Gehülfe. 

Geld Hatten fie ja genug, beinahe fünf Gulden, denen 
man freilich nicht anjah, wie viel Noth, Elend und Entbehrung an 
ihnen Elebte. 

Ambros und Hannes führten gemeinfame — Erſterer 
beſorgte die Inſtandhaltung des Logis, letzterer die Kuͤche. Hannes 
bewunderte immer den feinen Geſchmack feines Kamersden, der jo- 
wohl die Anfprüche kannte, Die der Schönheitsfinn an feine Umgebung 
ftellt, denn der Schreiber ſcheute feine Kojten, wenn es die Aus- 
ſchmüchung des Quartiers galt. Sogar eine alte Tifchdede hatte er 
beim Trödler für fchweres Geld erftanden, und dieſe Tiſchdecke war 
fein Kleinod, feine Liebe; wehe dem Hannes, der in freuler Ge— 
dankenloſigkeit feine Zinger darein wijchte! Auch um Gemälde hatte 
Ambros ſich umgethan. Won einem alten Zungferchen, Barbara mit 
Namen, waren fie ihm zugefommen, vier Silhouetten ihrer Groß- 
eltern und ein Stillfeben, einen Tiſch mit Melonen darjtellend. Und 
wie das gehütet wurbe! 

Während Hannes den Kaffee ohne Kaffeebohnen jehr ſchmack⸗ 
voll bereitete, fegte der Schreiber die Stube, fäuberte jedes Fledchen 
mit peinvoller auigfeit und verlieh das Haus nicht eher, ala bis 
er ſich von deſſen vollendetfter Ordnung überzeugt hatte. Dann 

rottete er in bie Kanzlei, in die er niemals noch zu jpät gefommen 
und wo er für einen Gulden den Tag feine acht Stunden fehrieb. 

Eigentlich hatte ſich der Ambros zu etwas höherem geboren ge— 

ahlt. Bejonders auf jene oberflächliche Bildung, die er na duch 
Afriges Leſen von Büchern jeder Qualität errungen, that er ſich viel 
zugute. Was ihn jedoch von Hannes am meiſien unterjchied, das 
war feine große Liebe zur Menjchheit, die ihm als der Urquell alles 


860 . Ber Schreiber. 


Edelmuths und aller Erhabenheit erſchien. Sein einige Jahre älterer 
Freund wollte iym immer von der Schlechtigfeit der Welt erzählen, 
er aber fagte: „Hör mir auf; Du mußt vom Einzeltvejen nicht auf 
die Allgemeinheit ſchließen. Ich für meinen Theil fege bei den 
Reuten Mets das Beſte voraus.“ 

„Und ich das Schlechtefte”, erwiderte Hannes, „und ich habe 
mich noch felten getäufcht.“ 

Am Sonntag blieb der Schreiber gern daheim bei einem 
guten Buche, indes der Handſchuhmacher fein Stammbeifel auffuchte, 
um ſich dort, wie Ambros behauptete, feine Menfchenkenntnig und 
ſonſt noch allerlei zu holen. 

Einmal aber, der fünf Gulden wegen, die ‚Hannes in ber „ges 
meinfamen“ Sparkaffe ahnte, um die herumzuſchleichen fein Antheil 
an der Sache war, bewog er doch den Ambros mit ihm ins Wirthe- 
haus zu fommen. „Wir müffen uns einen guten Tag anthun“, 
hatte er gemeint, „wozu jparen „wir“ denn, wenn wir nichts davon 
genießen?“ 

Und fo fchleppte er den Gejponfen eine gute Stunde Weges in 
die Vorſtadt hinaus, wo die „güldene Schnepfe* ihr gaftfreundliches 
Neft aufgefchlagen Hatte. 

Er —* wie zu Hauſe. 

Er machte den Ambros, der ſich zaghaft in den Winkel drückte, 
mit den „Damen“, Töchter bieberer — bekannt und ver⸗ 
ſetzte ihm einen aufmunternden Puff in die Seite, worauf er ſeine 
Schüchiernheit überwindend, einen Sechsſchritt wagte, bei dem er fich, 
fang, hager und edig wie er war, nicht ganz vortheilhaft ausnahm. 
Er glich vielmehr einem Hampelmann, der mit ruhiger Gleichmäßig- 
feit am Schnürchen gezogen wird, in ftumpfer Apathie Arme und 
Beine bewegt. Sein Geficht bfieb immer fo nett aufgeräumt wie 
feine Wohnung, fein Sturm lebhafter Gefühle brachte es aus feiner 
gewöhnlichen Ordnung. 

Er lächelte auch fehr reinfich, nicht fo breit und mit jo auf- 

- gejperrtem Maule wie der Handſchuhmacher, der in etwas auffälliger 
Weiſe einer häflichen, dafür aber fühn herausgepußten Brauerd- 
tochter huldigte. 

„Was er nur will von dem Mädchen?” dachte Ambros, „die 
Tann ihm doch unmöglich gefallen!“ 

Biemlich gelangweilt beſchloß er im geheimen davon zu ſchleichen, 
damit ihm der Hannes nicht aufhalte. Als er jeboch zur Thüre 
hinaus wollte, jtand auf der Schwelle ein junges Mädchen, das er 
vorher nicht gefehen. Er ftarrte fie groß an, er wußte jelber kaum 
warum. Sie war halb Kind noch und halb ſchon Weib; zart und 
feingliederig war ihre Geftalt, ihr von heller Lebensluſt ſtrahlendes 
Geficht zeigte einen Föftlich ftaunenden Ausdrud und ihr keckes, 
braunes Auge ſchien mit großer Frage in die Welt zu Ieuchten. 

Das unverhohlene Entzüden, mit dem Ambros ſich an ihren 
Anblid weidete, ergögte fie ungemein und fo rief fie ihn an: 


Der Schreiber. 561 


„Na, was gudt er denn fo dumm? Wil er vielleicht mit mir 
tanzen?“ 

„Ich möchte ſchon“, ftammelte das Schreiberlein, „indeß — id) 
bin ein bißchen ungeübt.“ 

„Ei was, nur dreiſt!“ meinte fie fröhlich und legte den Arm 
auf feine Schulter. 

Er umſchlang fie mit einer Hajt, deren er fich fpäterhin 
ſchämte und er preßte ihren feinen Körper feft an fi und cine 
ungewöhnliche Erregung verlieh ihm Muth und cine Gewandtheit, 
die ihm felber ganz umbegreiflich vorfam. Er flog nur fo dahin, 
das feberleichte Ding im Arme, das ihm lachend und ohne Scheu 
in die trunfenen Augen ſchaute. Ambros dachte einen Augenblid, 
er träume zur. Auf ihren Wangen aber [ag das rothe Leben und 
ihre vollen Lippen rebeten eine glückverheißende Wirklichkeit. 

r „Ich kann nimmer“, fagte fie plöglich und blieb tief aufathmend 
jtehen. 

Der Schreiber trat etwas zurück aus den Reihen der Tanzenden, 
ohne jedoch das Mädchen Loszulafjen. 

& fragte fie nach ihrem Namen und ihren Eltern. 

“ Hab’ Kine, entgegnete fie kurz, „sind todt. Der Schuepfen- 
wirth, der Trinfer, iſt mein Oheim. Dem helf' ich in der Wirth- 
ſchaft und am Sonntag, da fchiebt er mich herein in die Stube. 
Die Burfchen tanzen und trinfen dann mehr, denn wenn ich fomme, 
wird’3 immer gleich lebendig. Vroni heiß’ id); aber nun gebt 
mich freil® 

Damit entwand fie ſich Ambros und eilte auf den nächſten 
Tiſch zu, an dem ein Dugend lärmender, junger Männer faßen, die 
fie alle laut und fröhlich begrüßten. 

Sie that fehr vertraut mit ihnen und hell und jauchzend, wie 
das eines Kindes erflang ihr Lachen; dem Schreiber aber ging es 
jedesmal gleich einem Feuerſtrome durch die Glieder. 

Sie tanzte mit ausgelaffener Fröhlichkeit; Ambros drängte ſich 
Fa doch gelang’s ihm nicht mehr in ihre Nähe zu kommen, fie 

og von einen Arm in den anderen umd achtete feiner gar nicht. 
So drüdte er ſich endlich an den Pfeiler eines Fenfters und beob- 
achtete fie mit gierigen Blicken. 

Er ſchrak fichtlih zufammen, al® der Hannes auf ihn zutrat 
und ihm jagte: „Komm’, Ambros, es ijt Zeit, dag wir heimfchren, 
morgen heißt’ wieder am die Arbeit.“ 

Schweigend gehorchte er dem Freunde. 

Der ſchwüle Dunft, der Weinduft, das Schreien und Lärmen 
beflemmten feine Brujt und machten ihm das Haupt bleifchwer, aber 
er ſprach aud) dann noch nichts, als er wieder die freie Gottesluft 
athmete und der Nachtwind feine Stirne fühlte. 

Auch Hannes blieb gegen feine Gewohnheit lange ftumm. Er 
ſchien etwas auf dem Herzen zu haben und nicht recht zu willen, 
wie fi) davon befreien. Plöglich begann er und feine Stimme 

Der Ealon 1889. Heft V. Band. 38 


562 Der Schreiber. 


lang weich und eindringlich, als rede er zu einem Kranken: „Ambros, 
da3 thu’ mir nicht an — die jchlag' Dir aus dem Sinn!“ 

Ambros erwiderte nichts und Hannes fuhr fort: „Mußt nicht 
glauben, daß ich ein Verleumder bin, aber die Vroni — ich Tüge 
nicht — die Vroni iſt nicht brav.“ J 

Da brauſte der Schreiber auf: „Schlechter Menſch, der Du biſt! 
Jeden verſchimpfiren, wenn Du einem nur weh thun kannſt. Was 
weißt Du denn über das Mädel?“ 

„Gutes gewiß nicht — frag', wen Du willſt. Es kennt ſie ja 
jeder, wie das ſchlechte Geld.“ 

Aber der Ambros erzürnte ſich grimmig und wollte nichts hören 
und ſchalt den Freund einen albernen Tropf und häßlichen Ehr— 
abſchneider. Und anderen Tages kam er nicht heim aus der Kanzlei 
und kam auch nicht zum Abendeſſen. So machte ſich der Hannes 
auf den Weg nach dem Schnepfenwirthshaus. Und da ſaß richtig 
der Schreiber mit rothem Kopf und glänzenden Augen und vor ihm 
Kate die Vroni und drehte fi) in den Hüften und fchäferte und 
lachte. 

Und eines Abends jagte Ambros: „Hannes, mit und Bweien 
it's zu Ende, Du mußt Did) nach einem anderen Logis umſchauen, 
die Vroni wird mein Weib.“ 

Der Handſchuhmacher ſchlug entjegt die Hände zufammen. 
„Menſch“, rief er aus, „biit Du wahnfinnig?“ 

„Ich möcht es nicht behaupten“, entgegnete Ambros gemüthlich, 
„ich verdiene mir mein Brod, das Mädel liebt mich, wer hat etwas 
Dawider?" 

Hannes zudte die Adjeln; er ſchnürte fein Ränzel und ging. 

Ambros aber ſchwelgte in Glüd und Seligfeit. Nach einem 
Monat war er verheiratet. Und er war mit allem zufrieden und 
trug die Heine Frau auf Händen und ärgerte ſich niemals, daß er 
noch ebenfo wie als Junggejelle die Wohnung in Stand Halten und 
die Magd im Haufe erfegen mußte, denn die Vroni durfte fich nicht 
plagen, die war ja viel zu zart und zu fein. 

Hannes, der den Freund in der neuen Wirthfchaft nur jelten 
bejuchte, jagte einſtmals, nachdem er ſich vorerft tüchtig geräufpert 
hatte: „Mich hält's nicht lange bei Dir. Haft es ja ganz nett und 
hübſch umd alles, was ich da jehe, ift mir jo wohlvertraut. Da 
hängt unfer Melonenbild, da die Ahnfrau der Jungfer Barbara und 
da prangt auch die liche, liebe alte Dede, die mid) jo oft geärgert. 
Aber eins vermiß ich) — Deine Frau!“ 

Ambros ſuchte eine gewijje Verlegenheit zu verbergen, von de 
er nicht recht wußte, wiejo jie eigentlich in ihm aufitieg. 

Er fragte fich hinter dem Ohr und meinte zögernd: „Wird aud 
der Vroni leid thun, Did) immer zu verfehlen. Aber ſiehſt Du, de 
Oheim thut viel für uns, alle Augenblide ſchickt er Wein oder Eie 
oder Butter ins Haus und da geht dann die Vroni immer zu ihı 
und Hilft ein bißchen — —“ 


Der Schreiber. 563 


„Auf dem Tanzboden?" fragte Hannes mit unſchuldsvollem 
Schafsgejicht. 

„Ach, was fällt Dir ein! Im der Küche verjteht fich.“ 

„Ambros“, begann da Hannes ernit, „wenn einer einen Sad 
Thaler hat, fo geht er und verjenft ihn wohl und fperrt Kijten und 
Kaften zu, daß ihm feine unbefugte Hand über den Schatz geräth, 
Du aber — —“ 

„Sei ruhig“, unterbrach ihn der Schreiber, „ich weiß, was Du 
jagen willit. Soll ich den Sterfermeifter meines Weibes fpielen? 
Ihr etwa an der Kittelfalte Hängen? Wird fie mir deßhalb tugend- 
hafter jein? Höre mic, es giebt nur zwei Fälle, entweder Die 
Vroni liebt mich oder fie liebt mich nicht. Im erjteren Falle iſt 
Treulofigkeit jeelifh undenkbar, im legteren — —*, er ftodte. 

„Nun, im leizteren —“ drängte Hannes. 

Ambros lächelte glüclih in fi) hinein. „Der kommt nicht 
vor, fie liebt mic) ficher.” 

Und er glaubte und vertraute. Sie brauchte ſich nur an feinen 
Hals zu hängen, ihn mit ihren Küffen zu fättigen, ihr Haupt an 
das feine zu Ichnen und mit ihren großen, angitvollen Kinderaugen 
zu ihm aufjchauend, ihn zu fragen: „Du bift doc) nicht etwa böf’ 
auf mich?“ da umjchlang er fie zärtlich. 

„Nein, nein“, rief er aus, „wie könnt' ich denn?“ Und alle 
Bwveifel, die fid) doc) leije in ihm regen wollten, ſchwanden. 

Nur einmal hatte die junge Frau eine tiefere Verjtimmtheit in 
ihm wachgerufen. Eines kleinen Zmiftes bafber hatte fie ihm trogig 
-ertlärt: „Wenn ich einmal einen Neichen finde, bei dem mir's wohl 
geht, jo fomm’ id) Dir gar nimmer heim. Baſta!“ Da war ihm 
ein heißer Schmerz gegangen durch die ganze Seele und rauher als 
& ſonſt feine Art, hatte er erwidert: „Schweige, Weib, Du denkſt 
nicht, was Du ſprichſt.“ 

O, fie hatte wohl gedacht! 

Es war an einem Palmjonntag; das holde Ahnen des Früh— 
lings zog ſchon leuchtend durch die Welt. Ambros hatte einige 
Weidenzmweige mit einer bunten Schleife gefauft und die Vroni hätte 
den geweihten Strauß hinter das Madonnenbild über ihrem Bette 
fteden jollen, aber es fam nicht dazu. 

Sie hatte das Haus am Morgen in ihrem beiten Staat ver- 
laſſen, um zur Kirche zu gehen, wie fie gejagt, doch es wurde Mittag 
und Abend und Nacht und das junge Weib fehrte nicht heim. 

Am Montag, es dunfelte bereits, da pochte der Hannes beim 
Schreiber an. Er fuhr erjchrect Ei jammen, als diejer ihm öffnete, 

Schweigend betraten beide Männer die einfache Stube In 
einem Winkel beim Dfen lagen die Weidenfägchen. 

„Ambros, was haft Du?“ fragte der Handjchuhmacher, nachdem 
er ſcheu um ſich geblidt; er hatte das beklemmende Vorgefühl nahen 
Unglüds, es fchwebte ein fühler Schauer durchs Gemach und er 
ürchtete ſich förmlich vor dem Ton feiner eigenen Stimme, 

38“ 


564 Ber Schreiber. 


Ambros hatte ſich indeß wit ermüdet in einen Stuhl geworfen. 
Er verſchlang die Hände ineinander und ftarrte, der Gegenwart des 
Freundes nicht achtend, finfter zu Boden. j 

Noch einmal fragte Hannes was geſchehen. Da hob der 
Schreiber das Haupt und nur cin Wort trat über feine Lippen, 
aber dieſes eine Wort war der furchtbare Schrei einer zermarterten 
Seele, eine ganze traurige Geſchichte. „Fort!“ rich er aus. 

Hannes erblaßte. Er griff fi mit der Hand nach dem Herzen, 
als verfpüre er ein jähes Wehgefühl; er hatte verjtanden, was 
Ambros meine und erſt nad) langer Paufe ſprach er zögernd: „Wiel- 
leicht ift ihr ein Unglüd zugeſtoßen?“ 

Ambros lachte häßlich auf. 

„Das glaubt Du?“ ſchrie er Heifer. „Du? Nun denn, ich 
nicht. Ich, fuchte fie beim Oheim, der grinfte mich höhniſch an und 
fagte achjelzudend: ‚hab’ fie nicht gejeh'n‘ Der ift ſchier nicht ohne 
Schweigegeld ausgegangen.“ 

„Sie kann wiederfommen“, tröftete Hannes, „wir melden den 
Fall der Polizei — —“ 

„Wir melden gar nichts“, entgegnete Anıbros ruhig, „fie hat 
gefunden, was fie fuchte, das tft alles. Die paar Werthſachen, die 
ihr angehörten, hat fie mitgenommen; umfo bejjer, brauch id) nichts 
zu behüten. Die wenigen, mühſelig erjparten Grofchen find auch 
mit ihr gewandert und ich freü' mich dei. So lange fie dieſes 
Geld noch hat, jo lange wird fie meiner denken. ‚Das hat der arme 
Narı, der Ambros, fich erfchrieben‘, wird fie ſich jagen und ich kenn' 
ihr ſchwaches, erbärmliches Herz und ich weiß, fie wird feufzen, fie 
wird mit ihrer Heinen Hand haftig über die feucht gewordenen Lider 
ftreichen und danu — dann freilich ift alles wieder vergeffen.“ 

„Und Du, was wirjt Du thun?“ 

„Weiter leben, Hannes, weiter arbeiten, weiter ſparen. Nicht, 
daß ic) an diefem verachteten Dajein hänge, ich werde mich nicht 
heute plagen, wie cin Hund, um mid, morgen wieder plagen zu 
dürfen wie ein Hund, aber fichjt Du, mir ſagt's eine befimnte 
Ahnung, es fommt nod) einmal eine Stunde, wo ‚fie‘ mich braucht!” 

„Nun, ich denfe, dann jagft Tu fie von der Schwelle? Das 
ſag' id) Dir, wenn die mein Weib wär, ich fänd' mir feinen Strid 
zu derb, den ich nicht tanzen ließ auf ihrem Rüden.“ 

Ambros lächelte und dieſes Lächeln verflärte fein abgehärmtes, 
unfchönes Antlig wie ein Strahl weichen Lichtes. „Das verftehft 
Du nicht, Hannes. Was weißt Du von Liebe?“ 

„Will auch gar nichts wilfen — brauch’ nichts zu wiſſen. Mir 
ift ein ehrlicher reund lieber als Hundert fchlechte Weiber — ja. 
Und Du fei vernünftig — Kopf in die Höh' und das Frauenzimmer 
hol der Teufel. Denk ihrer nicht mehr. Wir ziehen wieder zu 
einander in das alte Haus vorm Thor. Gelt? Und was ich thun 
fann Dir das Leben ertragen zu helfen, das will ich thun, ich, fo 
wahr ich der Hannes bin!“ 


Ber Schreiber. j 565 


Und er reichte dem Freunde feine beiden großen Hände Hin. 
Ambros fchlug ein und fah ihm lange in das derbe, gute Geficht. 
Dann wendete er fi) ab und weinte, weinte wie ein gezüchtigtes 
Era An es wurde ihm viel, viel leichter und er fam wieder zu 
ich ſelbſt. 

Aber die Frau vergaß er nicht. i 

Es gab jo mande Nacht, wo die Lagerftatt an des Hannes 
Seite leer blieb, denn der Schreiber ftrich durch die öden Gajlen 
der Stadt, fein verlorene® Glüd zu fuchen. 

„Einmal, Hannes, wird fie mir begegnen“, ſprach er geheimniß- 
voll, „ih weiß es. Und wenn fie mir noch fo ferne ftehen wird 
und ich auch ihr Antlig nicht werde ausnehmen können, ſo werd’ ich 
fie erfennen an dem Dufte, der ihr eigen, an dem Kniſtern ihrer 
Gewänber.” 

Das verftand der Handſchuhmacher nicht. Cr wiegte mur be— 
trübt das Haupt; galt's ihm doch längſt für abgemachte Sache, da 
der Ambros übergeichnappt jei. Und er beflagte ihn tief und ehr- 
lich, aber feine Verjuche, ihm zu heilen, blieben wirkungslos. 

Noc eines hatte der Schreiber ſich angeeignet, einen Zug, der 
Hannes aus verjchiedenen Gründen mißfiel — geizig war er ge 
worden! 

Er gönnte fich nicht einmal das, was er zum Leben brauchte. . 
Er Hungerte, er verfagte jich jede Freude. 

"Das ijt. für ‚fie‘“, ſprach er, „fie wird es brauchen.“ 

Und er legte Kreuzer zu Kreuzer mit äÄngftlicher Genauigkeit 
und er zählte voll füßlicher Gier allabends den Eleinen, klimpern— 
den Schag. 

„Werde doch endlich geſcheit“, bat Hannes flchentlich, „wozu 
flannirſt Du bei Nacht und Nebel in der Welt herum, was juchit Du?“ 

„Sie“ 

„Wofür jparjt Du?” 

Für fie.“ 

Und eines Nachts fam er heim, zitternd vor Froft, bebend an 
allen Gliedern. Er machte Licht und rüttelte Hannes aus dem Schlaf. 

„He, was giebt's?“ rief diejer und jtarrte Schlummertrunfen in 
das Geficht des Freundes, auf deſſen Wangen unheimlich vothe 
Flecke brannten. 

„ICh Hab’ fie gejehen.“ 

Hannes fuhr auf. 

„Du haft?“ fragte er. 

Ich fchlenderte durch die Viertel der Reichen im Kern der 
Stadt. An einem Haufe fah ich ein Dugend erleuchteter Fenſter 
and die wogenden Schatten, die ich ausnahm, zeigten mir, dag man 
tanzte dort oben. Ich will weiterwandern, da fnarrt das Thor und 
entläßt eine Schaar lautlärmender Gejellen. Aus dem Gewirre ihrer, 
wohl von Wein und Rauch heiferen Stimmen, klingt das helle Lachen 
einer Frau und ic) drüde mic, an die Dauer, um nicht umzuſinken 


566 Ber Schreiber. 


und preffe die Lippen aufeinander), daß mir fein Schrei entfährt, 
denn es war fie — fie, mein Weib — meine Vroni!“ 

Laut aufſchluchzend ſank der Schreiber vor dem Bette des 
Freundes in die Kniee, das Haupt in die Kiffen vergrabend. 

„Was geſchah weiter?“ ragt Hannes nad) einer Weile. 

„Sie gingen fort, plaudernd, fehreiend, lachend; ich hörte alles 
wie dumpfes Gebraufe, fo unklar und wirt. Es faufte mir im 
Ohr und ein Schwindel padte mich. Ich fiel aufs Straßenpflafter 
wie ein Betrunfener. Ob ic) lange gelegen, weiß ich nicht, nun 
aber thut mir jedes Glied fo furchtbar weh und ein Fieber ſchüttelt 
mich, daß mir die Zähne Elappern.“ 

Der Schreiber erkrankte ſchwer, Hannes fürchtete ſchon, es gehe 
mit ihm zu Ende. Aber er raffte fich nochmals auf. hatte die 
HZähigkeit aller hinfälligen Naturen, die zu elend zum Ichen und doch 
zu ftarf zum fterben find. 

Um Weihnachten fühlte er fich wieder vollfommen wohl. Am 
heiligen Abend jedoch pochte jemand an die Thüre und Ambros 
ftürzte hinaus, zu fehen, wer es fei. 

Es mochte ein ausgelafjener Junge gewejen fein, denn man 
vernahm fleine, eilige Schritte. Oder war’ ein anderer? — 

Der Schreiber indeß dachte nur: „Das ift fie — fie.“ 

Und er lief über den Korridor und die Treppe und jah auf die 
Strafe und blieb im zugigen Flur. Als er wieder in die Stube 
trat, ergriff ihm das Fieber aufs neue und er legte fich, um nimmer 
aufzuftehen. 

Eines Nachmittags, die Sonne ſchien fo lieb und hell ins Ge 
mad) des franfen Mannes und ftrahlte wie eine Aureole um dejjen 
armes, müdes Haupt. 

Der Handſchuhmacher ſaß am Bettrand; da fügte Ambros: 
„Hannes, mein Freund, heb’ nur das Geld gut auf. Und eins ver- 
pri mir. Wenn Du einmal die Vroni ſiehſt und wenn’s ihr elend 
gi — und e3 wird ihr elend gehen — dann — dann erbarm’ 

ich ihrer, laß fie nicht im Spittel fterben, um meinetwillen nicht — 
Bi hy Di Er Hatte fic) Halb aufgerichtet und faltete flehend 
jeine Hände. 

„Sei ruhig“, bat Hannes, „ich werd’ fie nicht verlaffen.“ 

Ambros ſank in die Kijjen zurüd. Ein Lächeln voll Glück und 
Dankbarteit fräufelte feine Lippen. Plötzlich deutete er auf bad 
Ahnenbild der Jungfer Barbara. „Hannes, geh’, das Bild hängt 
ſchief.“ Aber es hing ganz gerade. Dennoch ftand der Handſchuh⸗ 
macher auf und verſchob es ein wenig. 

Als er fich wieder umwendete, da neigte fich der Schreiber etw 

ur Eeite, e& ging fo wie ein Schleier über feine Züge und er ſeufz 
Keine müde Seele aus. Auf feinem Angefichte aber lagerte eine u 
endliche Ruhe und eine heilige Befriedigung. 


9 


Wien — 1888. 


Bon 3, 





inem alten Wiener Achtundvierziger wäre vielleicht der Wunfch 

nabegelegen, jtatt ewig als guter Deutfcher den Franzojen 

alles nachzumachen, einmal weni rgfteng es ihnen zuvor zu 

F thun und ben Bewohnern von Seine-Babel zu zeigen, wie 

man auch ohne einen, ins modernfte Eiffel-Eijerne über— 

festen, babylonifchen Thurm die Erinnerung an eine revolutionäre 

Erhebung in würbevoller Weife begehen fünne. Sei es nun, daß 

wir Deutjchen, die wir ja doch einmal zum Revoltiren nicht das 

Zeug befigen, auch nicht gerne derartiger Verjuche gedenfen, oder jei 

es aus irgend einem andern, wie immer bejchaffenen Grunde, wir 

° feierten nun ftatt der Erinnerung an die böfen Tage von 1848 die 

Erinnerung an den NRegierungsantritt unjeres Kaiſers, wir feierten 

die glüdliche Vollendung des vierzigiten Jahres feines jchweren 
Serrigeramtes, 

Bei den Feften, die wir heuer begingen, drängte ſich uns un 
willkürlich der Vergleich der Stadt Wien von 1888 mit der Stadt 
Wien von 1848 auf. Und kaum konnte es uns gelingen, in jenem 
dieſes wiederzuerkennen. Eng und klein, von dem breiten Bande der 
Baſteien und Glaecis umfchlofjen, mit einer ausgeſprochenen Phyſio⸗ 
gromie ausgeftattet, taucht das vormätzliche Wien aus dem Nebel der 

ergangenheit, — groß und weit umd mit dem internationalen An— 
fteiche einer Weltftadt liegt das Wien von heute vor und. Und jo 
aufrichtig und innig unfere Wünjche für den Aufihwung und die 
Vergrößerung unferer Stadt auch jind, wir fönnen nicht ohne ein 
gewiſſes Gefühl der Wehmuth des Wiens unſerer Väter ‚gedenken. 
Die Bafteien find längft gefallen; ihren Plag hat nun eine Kette 
von Paläften ausgefüllt; — bald, ein Jubiläumsgejchent, das der 
Kaijer jeiner. geliebten Haupt- und Reſidenzſtadt giebt, werden aud) 
die Kinienmäle fallen, und ohne Hemmung werden, wie einjt die 
innere Stadt mit den Vorftädten, in nächiter Zukunft dieje mit den 


200 win — 1000. 


Vororten zu einem einzigen uferlojen Häufermeer zum neuen Wien 
zufammenjchlagen. Schon die Reihe der großartigen Yauten, mit 
welcher das werdende Wien ſich in den erften Decennien der Regie— 
rung Kaiſer Franz Joſephs fehmücte, das Gewerbemufeum, das Mu— 
fitvereinsgebäude, das Künftlerhaus, die Afademie ber bildenden 
Künfte, die Hofoper, die Börfe und wie fie alle heißen mögen, wür 
den diefelbe zu einer für Wien bedeutungsvollen machen, — Die 
Prachtbauten neuerer und neuejter Zeit, deren einige noch ihrer Vol⸗ 
lendung harten, die beiden Hofmufeen, der Juftizpalaft, das Parla- 
mentögebäube, das Rathhaus, da8 Burgtheater, die Univerjität, die 
Botivficche und endlich die neue Hofburg fichern ihm den Dank der 
Wiener noch in ihren fpäteren Generationen. Speziell von den 
Wienern ift e3 daher jehr wohl zu begreifen, wenn fie heute ber 
blutigen Revolution vergeſſen und die vierzigjährige friedliche Revo— 
Iution, deren Srrungenkaft die Weltftadt Wien ift, zum Haupt» 
gegenftand ihrer Feier machen. 

Ganz Wien hatte eine Jubiläums-Phyfiognomie. Hätte nichts 
anderes dem Freniden, der heuer umjere Stadt bejuchte, angedeutet, 
daß wir ein Jubiläum feierten, — ein Bli in die Schaufeniter un- 
jerer Geſchäftsleute hätte ihn darüber zur Genüge belehrt. Denn 
vom Zuderbäder bis zum Schufter herab hatte wohl fein Gewerbe: 
mann vergeffen, fein Glück mit einem Jubiläums-Artifel zu verfuchen. 
Wir bededten ung mit Jubiläums-Hüten und ftanden auf Zubiläums- 
Sohlen, wir aßen Jubiläums» Torten und tranfen dazu aus Jubi— 
läums-Strügen, von den taufend Jubiläums-Dingen, welche die Ga- 
Ianteriewaaren=Indujtrie erzeugte, nicht zu fprechen. Als beſonders 
geeignet, diefe Jubiläums-Stimmung zum Ausdrud zu bringen, mußte 
natürlich die Veranftaltung von Ausstellungen erfcheinen. 

An folchen Hatten wir heuer wahrlic, feinen Mangel. Sobald 
die erften Tauen Lüfte das Nahen des Frühlings in Ausficht ftellten, 
wurde ihre Reihe eröffnet, um mit dem Falle des letzten gelben 
Blattes erjt wieder gejchloffen zu werden. Den Anfang machte die 
Zubiläums-Kunft-Ausftellung im Künftlerhaufe, welche man — kühn 
genug — trogdem Frankreich unter den ausjtellenden Staaten fehlte, 
eine internationale zu nennen wagte. Der modernen Kunft war es 
aljo zuerft gegönnt, ihre Huldigungen dem Jubilar zu Füßen zu 
legen. Ihr folgte ſogleich in der Kaijerin-Maria-Therefia-Ausftellung 
jene des vorigen Säkulums. Dieſe Ausftellung, deren Zweck e3 war, 
in pietätvoller Erinnerung an bie große Monarchin ein anfchauliches 
Bild ihrer Perſon und Zeit zu geben, fand ihre Veranlajjung in 
der feierlichen Enthüllung des Katferin-Dlaria-Therefien-Monuments, 
welche Feier, nachdem die Aufftellung des Kolofjal-Denktmals Jahre 
in Anſpruch genommen hatte, begünjtigt durch die Verhältnife des 
Platzes (es ſteht dajfelbe zwijchen den beiden Hofmufeen), fowie 
durch das herrlichite Maiwetter, zu einem Feſte erften Ranges wurde. 
Der Vortag der Enthüllung war zugleich der Eröffnungstag der 
Zubiläums- Gewerbe-Ausjtellung in der Rotunde. Dieje, ihren Di: 





‚Wien — 1888. 569 


menjionen nach die größte unſerer beurigen Ausstellungen, dürfte für 
weitere Kreije wohl auch die anziehendfte gewefen jein; Urtheils— 
fähige erklärten fie überbies für weit gediegener al3 die, wenngleich 
größere Weltausftellung von 1873. Schon ihre Räumlichkeiten, die 
weite, riefige Rotunde mit dem PBapierthurm der Schlöglmühler Pa- 
pierfabrif in ihrer Mitte, als Wahrzeichen unferes papierenen Zeit- 
alters, mehr aber ber prächtig angelegte Park vor dem Weftportale 
mit feinen zahlreichen Ausftellungs-Gebäuden, mit feinem Nejtaurant, 
Cafe, feinen Kofthallen und feinem Mufikpavillon, machten die Aus- 
jtellung zu einem ungemein beliebten Verfammlungsort nicht nur der 
Fremden, fondern auch ber Wiener jelbit. Was Wunder, daß Diefe, 
die während ber ſechs Monate ihrer Dauer völlig heimiſch in ihren 
Räumen geworden waren, am 1. November nur mit ſchwerem Her- 
‚en daraus jcheiden konnten. Noch aber war die Gewerbe-Augitel- 
ung nicht gejchloffen, als in ber Stadt ſelbſt durch faſt vierzehn 
Tage eine andere Ausstellung das Interejje de3 Publitums in An— 
ſpruch nahm. Es war dies die Reichs-Obſt-Ausſtellung, die als eine 
der großartigften in ihrer Art bezeichnet wurde und in einem reichen 
und bunten Herbftbilde zeigte, was Natur und Menſchengeiſt im 
Bunde zu leiſten imſtande wären. 

Die ganze Ausjtellungs - Periode hindurd) fehlte es aber auch 
nicht an Feſten und Quftbarfeiten anderer Art. Solche brachte uns 
der Auguſt in Hülle und Fülle, in welchem Monate nämlich der 
deutſche Radfahrerbund in Wien tagte. Einen Hauptanziejungspunft 
bildeten daſelbſt die Wettfahrten im Prater und der Feſtzug über 
die Ringftraße. Saum aber hatten wir den letzten ſcheidenden Rad- , 
fahrer auf den Bahnhof geleitet, fo mußten wir uns ſchon wieder 
zum Empfange der Schügen, welche zum Schüßenfejte nah Wien 
lamen, vorbereiten. Abermals gab’s einen Feſtzug über die Ring- 
ftraße, der dann aber in die Schu einbog, wo er vom Kronprin- 
en empfangen wurde. Die folgenden Tage fand das große Feſt— 
Kochen im Prater ftatt. Kein Gaft jedoch von den vielen, die wir 
heuer bei uns empfingen, fand fo begeilterte Aufnahme, als Kaijer 
Wilhelm IL Die wenigen Tage, die der junge Monard) ung Wie- 
nern ſchenkte, war alles in freudiger Erregung; jedermann wollte den 
Kaiſer gefehen haben, — nicht etwa aus leerer Neugierde, denn wir 
Wiener find gewohnt, Könige unfere Gäfte zu nennen, jondern aus 
echter, wärmjter Sympathie. Alle Straßen und Pläge, wo man 
feinen Wagen zu erblicen hoffte, waren dicht mit Menſchen beſetzt, 
welche, ſobald man des Kaiſers anfichtig wurde, durch ſchallende Hoch- 
rufe ihm dieje Sympathien befundeten. Nicht lange, nachdem Wil- 
helm II. Wien verlaffen hatte, ging man daran, ein bejonders für 
das Kunſtleben unjerer Stadt bedeutungsvolles Feſt zu feiern: Die 
Gröffnung des neuen YBurgtheaters. Jahre hindurch beobachtete man 
das Wachen des Prunkbaues von Hafenauer, von Jahr zu Jahr 
mußte man leider jeine Eröffnung verjchieben. Nach einem thränen- 
reihen Abjchiede vom alten Haufe, von deffen Brettern herab dur 


570 . Wien — 1888, 


ein volles Jahrhundert fo viele berühmte Schaufpieler den Wiener 
die Meifterwerfe der Poeſie interpretirt, erfolgte endlich am 4. No— 
vember als dem Namenzfefte Franz Joſephs die feierliche Eröffnungs- 
vorftellung. Und da wir num ſchon beim Theater find, wer könnte 
da unferes lieben kleinen Joſephſtädter Theaters vergeffen, dem es 
heuer vergönnt war, auf ein Jahrhundert feines Beilandes zurüd- 
zubliden?! 

So kam der 2. Dezember, der eigentliche Iubiläumstag, heran. 
Für diefen Hatte jeder fich die großartigiten Feſte erhofft; für ein 
mehrtägiges, großes Volföfeft mit Tanzböden, Rieſenkuchen, Seil 
tänzern und einem Stuwerſchen Feuerwerfe, für ein Felt, das ben 
Prater in ein Schlaraffenland verwandeln follte, wie wir es ſchon 
erlebt, wäre im Dezember wohl nicht mehr die rechte Zeit; aber eine 
Illumination mit Fahnenſchmuck, Lampions und Triumphbögen aus 
helllodernden Gaßleitungsrohren, wie wir es ebenfalls ſchon erlebt, 
oder vielmehr noch viel großartiger, fei das Mindefte, was man er- 
warten dürfe. Und wer weiß, was man noch alles bejchlofjen und 
geträumt hätte, wäre nicht höchſten Ortes der Wunfc lautbar ge- 
worden, man möge alle Eoftipieligen und geräufchvollen Feftlichkeiten 
vermeiden und den Gedenktag vielmehr. durch Spenden und Stiftun- 

en zum Wohle der Armen begehen, — ein wahrhaft fürjtlicyer 
Bunig! So war denn die Herjtellung eines riefigen Granit-Obe- 
fisfen, der die Spige des Drtler ſchmuͤcken follte, defien Transport 
nach feinem Beſtimmungsorte im letzten Yugenblide aber noch bes 
hördlich unterfagt wurde, das Einzige, was man thun fonnte Um 
jo eifriger begann man zu ftiften. Blinde, Lahme, Taube, Krüppel 
“ aller Arten wurden bedacht, der Waifen, der verwahrlojten und kran— 
fen Kinder nicht vergefjen, bürftigen Künjtlern Unterftügungen aus- 
gejegt, — 8 wäre wahrhaft vergebliche Mühe, all’ die Etiftungen 
und Schenkungen aufzählen zu wollen, von den 12 Millionen Franıs 
des Baron Hirſch bis zu den Släfeziegeln herab, mit welchen ein be- 
kannter Käfehändler die Armen Wiens erfreute. Man follte wahr- 
lic) meinen, die Pferdebahngefellichaft werde im nächſten Jahre den 
Verkehr einftellen, da jedermann in den Stand gefegt fei, ſich nö- 
thigenfall3 einen Einfpänner zu mieten... Nicht minder mächtig 
flog der Duell der Jubiläumsfchriften. Um von allen nur die 
größte und gediegenjte hervorzuheben, fei hier die Feſtſchrift der 
Stadt Wien: „Wien 1848—1888**) genannt. Der ganze Entwide- 
lungsgang unferer Stabt in den legten vierzig Jahren wird hierin 
eingehend von berufenen Federn: befprochen: ihre Gefchichte von Zeiß⸗ 
berg, die bauliche Neugejtaltung von Weiß, die Entwidelung des 
Gemeinwejeng von Gloſſch, die Pflege von Wiſſenſchaft, Kunft u“ 
Literatur von Hannaf, Zimmermann und Lützow, der immenje Au 
ſchwung unjeres Kumftgewerbes von Falfe, die wichtigften Ereignij 





*) Wien 1848-1888. Denfichrift zum 2. Dezember 1888. Herausgege 
tom Gemeinberathe der Stadt Wien. 2 Bände in fer. = 8°, 


Wien — 1888. 571 


im Mufif- und Theaterleben endlich von Hanslik und Scheibel, — 
durchwegs Namen von Klang und Bedeutung. Ein ſchwungvolles 
Beltgebicht von Robert Hamerfing leitet die Reihe biefer Abhand- 
ungen würdig ein. Auch mehrere Medaillen verdanfen dem Feſte 
ihr Entjtehen und aud unter diefen fteht wieder obenan die Medaille 
der Stadt Wien von Tautenhayn und Scharff, auf welcher auch im 
Bilde der Dank der Stadt ihrem Eunjtfinnigen Gönner gegenüber 
zum Ausdrud gebracht ift. 
Und —A dieſer Dank, mit dem wir auf vierzig ſegensreiche 

Jahre zurückblicken, kann zu groß nicht ſein. Noch hat die Stadt 
ihre Wandlung nicht vollendet. Zwar verfügen wir ſchon, oder wer- 
den wir doch ..in Bälde verfügen über all! das, was an das Wort: 
Großftadt fich fmüpft. Bereits tönen in unferer Stadt die Mund» 
arten der Welt, die Trachten der Welt drängen ſich in unferen 
Straßen, alle Nationen der Welt find uns als Gäfte willfommen, — 
wir gehen auf die Weltjtadt zu: Möchte es uns aber dennoch ver= 
önnt fein, daß auch ſpäteſte Gefchlechter von Wien, der Weltjtadt, 
Aigen dürfen, was Hamerling von dem Wien von heute jagen durfte: 

Und e6 verblieb ihr höchſtet Stolz und Wertb 

Im Frieden, wie im Anſturm wilder Horden: 

Ein treues beutfches Herz an deutſchem Herdl 





trübfelig bin? Emmas Kinder haben fi) geitern an 
den Majern gelegt und Agathe Gronert hat wegen 
unerwarteten Bejuch foeben abjagen lajjen; jo fige 
jeit vier Uhr allein mit Fräulein Lchmann, die, wie 
Hirpifles nicht gut allein zu genichen if. Nun, nur 
: Zie gefommen jind, liebes Srängcen.“ 

„ uu es nur meinem Mann zu danken, wenn ich Sie dem 
unliebfanen tete à töte entreißc“, entgegnete die jo lebhaft Begrüßte 
mit einem trüben Lächeln, das dem jugendlichen, blühenden Geficht 
wunderlich anftand, „und wer weiß, ob Cie es ihm danfen werden, 
fiebe Anna. Denn ic) bin heute eine gar zu jchlechte Gejellichafterin, 
trog meines guten Willens. Aber Cie werden Geduld mit mir Haben, 
wenn ic) Ihnen jage, daß gejtern — jujt an meinem Geburtstag — 
zwei unferer Hausgenofjen geftorben find — der Bibliothekar Bar— 
lels und die junge Frau Baumeifter Werner.“ 

Frau Dr. Berend war blaß geworden. 

„Mein Gott“, jagte fie erjchüttert, „Martha Werner todt! Iſt 
es möglich? Cs find noch nicht drei Wochen her, als ich fie auf 
dem Ball des Präfidenten ſah, ftrahlend von Glück und Heiterfeit 
und aller Augen durch ihre reizende Erfcheinung auf fich lenkend. 
Der arme Mann! Die armen, verlajfenen Kinder!“ 

Franzisfa war im Vorzimmer auf einen Stuhl gejunfen und 
weinte bitterli. „Sie fehen, id) fann mich nicht beherrichen“, fagte 
fie endlich jeufzend, „meine Gedanken fünnen nicht los von dem 
Eindrud, den ich heute Morgen bei Werners empfangen habe. Meir 
Mann md ich gingen natürlich gleic) zu ihm hinauf. Der Bau 
meijter nahın uns an. Ach, er war fajt unfenntlih! Was ift de 
Schmerz für ein Maler! Er reichte uns die Hand und forderte um 





Alt und Yung. 573 


auf, Plag zu nehmen. Nichts fonnte jehredlicher fein, als dieſer 
ftumme Schmerz, der gewiſſermaßen die Höflichkeit eines Weltmanng 
zu einer Waffe gegen ſich jelbjt machte. Während Marthas Mutter 
uns von den legten Stunden ihrer Tochter erzählte, jaß er ganz ſtill 
da, die Augen auf den Teppich geheftet, dejien bunte Farben mir 
heute grell und jchreiend erjchienen. Indem kam das jüngjte Kind 
herein, es machte jeine erjten Gehverfuche, Tief mühfam auf ihn zu 
und flammerte ſich mit feinen Händchen feit an ihn an. Er hob es 
auf feinen Schoß und nun ftemmte es feine Beinchen feft auf die 
Kniee des Vaters, fah ihn mit den ſchönen, braunen Augen, es hat 
ſie von feiner Mutter, lachend an, zauſte in feinem Bart und jauchzte 
und kreiſchte vor Luft. Ach, diefer Ton! Ich meinte, die Thür 
vom Sterbezimmer müfje aufgehen — ſelbſt eine todte Mutter müjje 
bei dieſen Tönen erwachen! Mic, fahte dabei eine ordentlich wilde 
Sehnſucht nad) meinem Gretchen und faum waren wir wieder in unjerer 
Wohnung, als ich das Kind fehlafend aus feinem Betten nahm, 
nur um es in meinen Armen zu halten. Und doch ward mir dabei 
nicht ruhiger zu Muthe, fondern immer ſchwerer und jchwerer ums 
Herz. „Wer weiß“, jagte id) mir, „wie lange Du es noch haben 
darfit und wie bald das Schickſal Dich von ihm und Deinem Wanne 
Hinwegreißt.“ 

Sie jah einen Augenblid vor ſich hin und ſetzte mit einem tiefen 
Seufzer Hinzu: „Denn es ijt ein fo leidiger Trojt, zu denfen, daß 
Hunderte oles Unglüd zu tragen haben. Es ift fein Ausnahmefall, 
daß Menfchen, die fa Neben und die den Werth ihres Lebens in 
ihrem Beifammenfein empfinden, jäh von einander getrennt werden 
und der Eine allein vorwärts muß mit dem Bewußtjein einer ent— 
jeglichen Leere und Verfaffenheit in fi und um fi. Taufende 
gehen mit einem halben — umher. Und wie furchtbar, dabei 
einen fo langen, langen Weg vor ſich zu haben! Der Baumeiſter 
ift faum breikig Jahre alt.“ 

„Das wird ihn tröften“, fagte Fräulein Lehmann, die, des lan- 
gen Wartens überdrüßig, die Thür geöffnet hatte und mit ihren 
lugen, falten Augen die Sprecherin betrachtete, „glauben Sie mir, 
das iſt jein beſter Troſt.“ 

Die junge Frau war bei der unerwarteten Anrede heftig auf» 
eiprungen und maß die ihr unliebe Rednerin mit einem Blick, der 
fa nit einmal die Mühe gab, eine offenbare Geringichägung zu 
verbergen. „Sie find eine allzu eifrige Tröfterin, Fräulein Leh— 
wann“, fagte fie mit zitternder Stimme, „aber ich fünnte Ihnen in 
einer Aenderung ein bekanntes Dichterwort entgegenjegen: Wer ſich 
über gewiffe Dinge tröften kann, hat des Troftes nicht beburft. Und 
dann noch eins — der Troft ift heutzutage etwas in Mißkredit ge- 
tommen, man braucht ihn zu oft zum Deckmantel einer geiftigen 
Bequemlichkeit oder Gleichgiltigkeit — fo follte ein jeder wenigſtens 
varten, bis der feine in Anſpruch genommen wird — er fünnte fich 
‚onft leicht Mifdeutungen ausfegen.“ 


574 Alt und Jung. 


„Die fürchte ich nicht“, verfegte Fräulein Lehmann gleihmüthig, 
„ich bin nicht mehr zwanzig Jahre alt, und die Furcht vor Dem 
„Mifverftandenmwerden“ habe ich als läftige Zwangsjade längſt über 
Bord geworfen; ich wollte die Arme frei haben. Und nun fommen 
Sie in Ihre Sophaede, mein Kind“, jegte fie mit einer Gutmüthig- 
teit hinzu, „Sie jehen ganz blaß aus ımd ein wenig Ruhe wird 
Ihnen gut fein. Sie follen fi auch meinetwegen feinen Zwang 
anthun, ich nehme die perjönliche Freiheit nicht nur für mich in 
Anſpruch.“ 

Die Angeredete blieb zögernd ſtehen, aber Unna legte ihr bit— 
tend den Arm um die Schulter und ſagte: „Kommen Sie, Fränz- 
Gen." 

So ſaßen fie in dem behaglichen Boudoir ihrer liebenswürdigen 
Wirthin. Durch die feinen Fenftervorhänge brachen die Strahlen 
der untergehenden Märzfonne und beleuchteten die taufenderlei Heinen 
Dinge, mit denen aufmerffame Liebe und ein guter Geſchmack über 
das Zimmer einer Frau den Reiz anmuthigen Behagens zu breiten 
wiffen. Ueber dem zierlichen Schreibtifch, auf dem die erften Veilchen 
dufteten, hing ein ſchöner Stich der Murillofchen Madonna aus dem 
Louvre. Wie diefe herrliche Geſtalt da auf der ſchmalen Mondfichel 
ſich erhob, mit den verflärten Augen und den faft krankhaft feinen, 
in verzüdter Andacht über der Bruft zufammengelegten Händen, er- 
ſchien fie den betrübten Frauen wie das Bild einer entichwebenden 
Pſyche. Die Fenfter und Blumentiſche jtanden voll blühender Bflan- 
zen, die-Infeparables, Annas Lieblinge, die in einem goldglänzenden 
Käfig ihre Wohnung mitten im Grünen hatten, duckten ſich ſchläfrig 
aneinander, die Kaffeemaſchine jummte einförmig und zugleich fingen 
Fräulein Lehmanns Stridnadeln wieder zu klappern an — furz, 
alles war zu einem gemütlichen Plauderſtündchen bereit — aber 
es blieb ftill in dem Raum. Franziska Hatte fich in die Sophafiffer 
zurücgelehnt und ſah mit einer Miſchung von Groll und Kummer 
auf ihre Nachbarin. Endlich, jagte fie ohne weitere Einleitung: „Sie 
glauben aljo nicht an den Schmerz des Baumeiſters Werner?“ 

„Wer hat das gejagt?“ fragte das alte Mädchen aufblidend. 

„Nun, Sie — Sie ſehen ihn ja bereits getröſtet.“ 

„Weibliches Referat“, ſagte Fräulein Lehmann achjelzudend. 
Dabei führte fie ihr Stridzeug dicht vor die Augen — fie war jehr 
furzfichtig — nahm forgfältig eine Maſche ab, ließ es dann in den 
Schoß finfen und begann: „Nein liebe Frau Doktor, Ihr erregtes 
Empfinden läßt Sie mir Unrecht thun. Ich glaube an den Schmerz, 
ja, an bie Verzweiflung Ihres Hausgenoſſen. Ich glaube am bie 
bittern Thränen, die er vergießen wird, an die einſamen Nächte, ı 
denen ihm fein Verluſt unerjeglih, an die grauenhaften Stunde. 
in denen er ihm unfaßbar erſcheinen wird. Sa, das Laden feine 
Kinder wird ihm ein Hohn, dev Händedrud jeiner Freunde eine Lo“ 
und das immer gleichmäßig dahingehende Treiben der Außenw 
eine Beleidigung feines ſchmerzlich erjchütterten Innenlebens fein, 


Alt und Sung. 575 


wird Die ganze Reihe der herben Empfindungen koſten, deren Die 
Seele eines jogenannten Gefühlsmenjchen fähig iſt. Ueber den größten 
Kummer hinweg wechjelt aber ohme Unterlak Tag und Nacht, Som- 
mer und Winter. Der Baumeifter ijt jung, er hat Pflichten, er hat 
Kräfte, er hat Ehrgeiz.” 

„Aber kann die Befriedigung des Ehrgeizes für die Liebe ent- 
ſchädigen?“ fragte Anna. 

„Nicht eigentlich — aber unfere Seele jchließt wohl oder übel 
Kompromifje mit dem Schickſal ab. Bankerott macht nur der, ber 
zu alt ift, um von neuem zu beginnen oder ber eigenfinnig alles auf 
einen Wurf ſetzte. Die meiften Menfchen tragen einen ganzen 
Speicher unbrauchbar oder werthlo8 gewordener Dinge in ihrem 
Herzen — man tilgt fie aber allmähli unter Thränen hinweg 
und fängt jchlieglic ein neues Gejchäft an. Doch, wie gejagt, man 
muß jung dazu jein.“ 

„Sie glauben alfo nicht an die Dauer eines großen Gefühls?“ 
fragte Franzista bitter. 

„Gewiß, ich glaube daran“, fagte Fräulein Lehmann jegt ſehr 
ernft, „aber jedes Gefühl will genährt, will gepflegt jein. a fort- 
währenden Schatten fommt eben feine Blume und feine Empfindung 
fort, fie müffen dann verpflanzt, Gottlob, fie fönnen verpflanzt wer- 
den. Wäre dem Menfchen nicht diefe Fähigkeit zutheil geworden, fo 
würde Die ganze Welt ein großes Tollyaus fein und id) für meine 
Perſon finde, daß es fchon mehr als genug Verrückte ohnedem giebt.“ 

Niemand antwortete. Draußen flug es fünf Uhr und bie 
Glocken begannen den Sonntag einzuläuten. Frulen Lehmann zog 
ihre Taſchenuhr aus dem Gürtel und regelte fie. Nach einer Pauſe 
fragte fie: „Und der Bibliothekar Bartels ijt auch geftorben? Cben- 
falls am Typhus?" 

„Mein, er war vorgeftern noch ganz gejund. Cin plöglicher 
Schlaganfall — ein Herzihlag — ich weiß nicht recht ...“ 

„Sie haben Fräulein Bartels ſchon gejehen?“ 

„Nein, noch nicht“, entgegnete Franziska, welche, fie wußte nicht, 
warum, dieſe einfache Frage verlegen machte, „wir kannten uns jo 
wenig, die Gejchwilter Iebten ganz für fi und ihre alten Be— 
ziehungen.“ 

„3a, ja“, jagte Fräulein Lchmann. 

„Wir werden natürlich der alten Dame behilflich fein, wo und 
wie wir können“, fuhr die junge Frau lebhaft fort, „aber fie haben 
imige gute Freunde aus ihrer Jugendzeit in der Stadt, die ſich das 
Recht der Hilfe nicht nehmen lafjen werden, und dann, jo herzlich 
leid uns diejer Zall auch thut, jo ijt dies Mitgefühl durch die Theil- 
nahme an Werners Geſchick doch etwas in den Hintergrund gedrängt 
worden. Der Bibliothefar war ſchon fiebenzig Jahre alt, die 
Schweſter mußte auf eine jolche Trennung gefaßt jein, es ift ja nicht 
ein gleich herbes Schidjal, wie die Baumeijters, wo eine junge, 
blühende, geliebte Frau von Mann und Kindern Hinweggerijjen wird, 





576 Alt und Sung. 


drei ſüße, kleine Mädchen als Waiſen zurückbleiben, denen die Lie 
einer Mutter fehlt, welche denn am Ende doch nicht ſo leicht 
einem andern Geſchäft zu Faufen iſt.“ f 

Fräulein Lehmann ‚erwiderte nichts auf diefe Unfpielung, fon- 
dern fagte ruhig: 

„Sie werden mein Intevejfe vielleicht begreiflicher finden, wenn 
ih Ihnen fage, daß die Gejchwifter Bartels in demfelben Dorf mit 
meiner Mutter aufgewachſen find und daß infolgedeffen auch ich zu— 
weilen das Glüd hatte, in die Häuslichkeit ber beiden zu blicken. 
Ic juge, das Glüd, denn obwohl mich das Leben genugſam herum— 
geworfen hat, um mir einen Einblid in vielerlei Verhältniffe zu ges 
währen, jo habe ich doch nirgends ſonſt die außerordentliche Fähig- 
feit gefunden, wirre Fäden eines launiſchen Gefchids in ein jo har— 
moniſches und dauerhaftes Gewebe zu verwandeln, daß es felbjt nach 
fünf Jahrzehnten noch feinen Ri und fein Verblaſſen zeigte, ſon⸗ 
dern jeden, der es anfah, durch feine Frijche und warme Färbung 
anmuthen und erheitern mußte. Die Bartels waren die Kinder eines 
Gutsbefigers, in defjen Familie ſich das prächtige Gut in Schlefien 
von Geſchlecht zu Gefchlecht vererbt hatte. Meine Mutter erzählte 

ern, wie es die ſchönſien Stunden ihrer Kinderzeit gewejen, wenn 

de das Pfarrersfind auf das Schloß beftellt wurde und unter den 
mächtigen Eichen im Park mit den vornehmen Puppen von Trudchen 
Bartels jpielen durfte oder Thomas Bartels fie in feinem Pony- 
wagen fpazieren fuhr. Es gab immer etwas neues, ſchönes oder in- 
terejjantes auf dem Schloß: bald ein noch nie gejchenes Spielzeug, 
bald eine jeltene Frucht oder eine märchenhafte Blume in den Ger 
wächshäufern, oder eine hochmüthige, aber blendend hübſche Coufine, 
die zum Beſuch aus Berlin gekommen war und Wunderdinge aus 
der Hauptftabt erzählte, dazu auch, zum größten Erjtaunen meiner 
Mutter, eine wirkliche Franzöfin, mit welcher Trudchen auf das 
Herrlicfte_radebrechte. 7 

Ber Thomas zeigten ſich früh gute, geiftige Anlagen, und ob- 
wohl e3 dem Vater widerftvebte, den einzigen Sohn ftubiren zu 
laſſen, gab er doch dejjen brennendem Wunfche nah. Mit vierzehn 
Jahren wurde er auf das Gymnaſium gebracht; Trudchens Thränen 
flojjen reichlich bei dem Abichied. Denn bis dahin waren die Ge— 
ſchwiſter ohne Unterbrechung beieinander gewejen und hatte man 
früher den fräftigen Knaben zuweilen an der Puppenwiege bejchäf- 
tigt gejehen, jo fonnte es jpäter dem Spaziergänger im Park begeg- 
nen, plöglich aus der Höhe einen Gejang aus der Ilias oder dem 
Nibelungenlicd zu vernehmen und bei näherer Umfchau Bruder und 
Schweiter in den Baumzweigen zu erbliden, wo fie Kirſchen aßen 
und die ſchönen Wiljenichaften pflegen. Trudchen fuhr und ritt 
mit ihrem Bruder, ja, fie lief jogar mit ihm auf dem Dorfteich 
Schlittſchuh, was damals eigentlich ganz unerhört für ein Mädchen 
war und die größte Entrüftung meiner Großmutter hervorrief. So 
war für Trudchen denn der Weggang ihres Bruders ein ſehr jchmerz- 


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Alt und Jung. 577 


Tiches Greignib, über welches fie nur die Ferien tröften fonnten, in 
denen die beiden ſich denn auch der ausgelafjeniten Fröhlichkeit hin- 
jaben. Die übrige Zeit Ichte Trudchen ganz ftill, meiſt mit ihrer 
änfelnden Mutter zufammen umd über ihre Arbeit gebeugt, benn 
auch Trudchen hatte ihre Talente; fie ftidte wie eine der Noch 
jetzt wird zu den Feſttagen in dem Heimatdorf meiner Mutter eine 
Altar und eine Kanzeldecke aufgelegt, bie ihre geſchickten Finger mit 
zierlichen Muftern in Goldfäden benäht haben. Gern zeigte jie mei- 
ner Mutter die Entwürfe und Anfänge zu ihren Arbeiten, bie zuerft 
das eigene Haus ſchmückten oder den reichen Verwandten ala Ge— 
ſchenk überfandt wurden, fpäter aber in die Läden wanderten, um 
tägliches Brod im eigentlichen Sinn des Wortes zu erwerben. Denn 
ganz plöglic, kam das Unglüd über bie Familie. Der Vater war 
eine eble und gutherzige Natur, aber mit einem unbegrenzten Ver 
trayer auf die Zukunft erfüllt, die feiner Meinung nad) morgen das 


bköſen mußte, was heute unentwirrbar erfchien. So hatte er ſich mit 


bedeutenden Summen für feinen äußerſt leichtfertigen Bruder ver- 
bürgt, die Gaautbforberungen famen, fie drängten, fie häuften fi, 
und ba es befanntlich in den gebildeten Kreiſen für ehrenvoller gilt, 
feine Wittwe von Verwandten und Stiftungen erhalten zu lajjen, 
als die Folgen einer folchen Unbefonnenheit ſelbſt zu tragen, fo ſchoß 
fich Herr Bartels eines ſchönen Junimorgens, e3 war jujt zur Ro- 
jenzeit, eine Kugel durch den Kopf. 

Nun hatten aber rau Bartels und ihre Tochter eine Eigen- 
heit, wunderlich genug für arm gewordene Leute, fie wollten um 
jeden Preis fell linden bleiben; es war ihnen nicht möglich, Wohl- 
thaten anzunehmen. Bis auf weniges verkauften fie daher den Reit - 
ihrer Habe und zogen in die Stadt. Hier beforgte die Mutter das 
Heine Hauswefen, während die Tochter ftricdte und ftidte. Und da 
das Schickſal ſich an irgend einer Stelle doc, liebenswürdig zeigen 


"muß, fo glüdte es ihr auch, viele gute Kunden zu grinnen, fo 


daß fie ein bejcheidenes Ausfommen hatten und fogar Thomas fein 
Studium zu einem bejtimmten Abſchluß bringen fonnte. Freilich, 
die erträumten Studienteifen fielen ins Waffer, und Sie wiljen, wie 
weit er es gebracht hat, zum Archivar dieſes Städtchens denn leider 
ift ein wiffenfchaftliches Intereffe noch keine Garantie für die Bega- 
bung und felbit eine leidenfchaftliche Liebe zum Studium nicht im- 
mer bie Verfünderin eines Titerarifchen Talents. Der junge Bartels 
war eben aud nur Mittelgut. Er arbeitete aber fleißig und jo er- 
warben ſich die beiden alles, was fie brauchten. Ließ es ſich ein 
wohlhabender Vetter vom Lande einmal einfallen, einen Sad Kar- 
toffeln, einen Korb Obft oder etwas vom „Hausfchlachten” in die 
Heine Wirthſchaft zu ſchicken, jo wurde ihm gewiß bald mit irgend 
einer niedlichen Arbeit von Trudchens Händen gedankt. Denn, wie 
gejagt, die Selbititänbigfeit war ihre fire Idee, der Wunſch, niemand 
auch nur das Seringfte ſchuldig zu fein, ber fie bis in die Heinften 
Verhältniſſe hinein beherrfchende Gedante. 
Der Salon 1889. Heft V. Band I. 39 


Bu Bull CB ( 





580 Alt und Zung. 


Die Fenfter des Haufes ftanden weit offen, denn es war ein heißer 
Tag geweſen. Von dem Balkon der eriten Etage lugten ein paar 
Kinder neugierig herunter; Franziska erfannte mit Rührung in den 
friſchen Geſichtern die braunen Augen und die anmuthigen Züge 
ihrer verftorbenen Freundin Martha. Der obere Balkon war leer. 

„Fräulein Bartels benugt ihn nicht mehr viel feit dem Tode 
des Bibliothekars“, erklärte Franzisfas Vater, der den Blicken feiner 
Tochter gefolgt war, „Du wirft fie überhaupt verändert finden; fie 
ift ſehr alt geworben.“ 

„Und wie geht es bei Baumeiſters?“ 

„Werner hat ein trauriges Jahr hinter N Er Hatte zu viel 
an ber reizenden Frau verloren. Seit einem Monat aber munfelt 
man allerlei von einer neuen Verlobung mit Emilie von Holten, 
Du befinnft Did, wohl auf fie? Ein vortreffliches Mädchen! Er 
tönnte feine bejfere Wahl treffen. Die Kinder würden eine vorzüg- 
liche Mutter an ig haben.“ 

Ein bitteres Lächeln flog über das Antlig der Frau Profefjorin. 
Sie erwiberte nichts. 

Noch an demfelben Abend ftieg fie zu Fräulein Bartels hinauf. 

Das. Heine Dienftmäbchen, welches jchon mehrere Jahre bei ben 
Barteld war, öffnete ihr. 

„Das Fräulein ſei nach dem Kirchhof gegangen“, entgegnete fie 
auf Franzisfas Trage. Heute ſei der Geburtstag des Herm Thor 
mas, aber fie mäffe bald zurüdfommen, die Frau Profelfor möchte 
nur eine Meine Weile Gcduld haben.“ 

Franziska trat in das Wohnzimmer, in das fie, fie wußte ſelbſt 
nicht met Gefühl, mächtig hineinzog. 

. Die Thür zum Balkon ftand offen und die helle Dämmerung 
des Sommerabends beleuchtete die Blumen draußen auf der Balu— 
ftrade und das ftille Gemäch. Hier war fein eiliger Kinderfuß über 
den großblumigen Teppich gejchritten, feine muthwillige Hand hatte 
die Töpfe der Epheupflanzen, welche die breite Wand des Zimmers 
fort ganz umfpannten, aud) nur um einen Zoll verrüdt, feine unge 

ulbigen Fingerchen die taufenderlei Kleinigkeiten am Nähtiſch Durch 
einander geworfen, jedes Ding ftand genau an feinem Pla und 
diefe peinliche Ordnung verlieh auch dem Geringften und Unbebeu- 
tendften Werth. Der Epheumand gegenüber jtand ein großer Schreib- 
tiſch; er hatte dem Bibliothekar gehört, und die ſcharfen Mugen der 
Beſchauerin erfannten deutlich auf ein paar Briefen die Aufſchrift 
an den todten Beſitzer. Wozu lagen fie dort? Die junge Frau 
wandte ſich Haftig um und erſchrak faſt — denn aus dem grünen 
Rahmen heraus blidten ihr gerade die Vorträts von Trudchens El- 
tern, faft wie lebend, entgegen. Die Delbilder jtellten fie als Braut- 
paar dar, die Mutter in dem weißen Gewand mit furzer Taille, wie 
e3 im Anfang dieſes Jahrhunderts Mode war, der Vater im blauen 
Frack mit ftattlichen Knöpfen. Auf beiden Gefichtern lag der be 
friedigte Ausdrud eines wohlüberlegten, wohl begründeten Glücks. 


Alt und Fung. 581 


Unter diejen beiden Bildern fah Franziska das ihr fehon befannte 
von Thomas und Trudchen. Früher hatte es ihr ein muthwilliges 
Lachen entlodt, dies fo fteif und jo bunt gemalte Geſchwiſterpaar. 
Der Knabe ſtützte fich auf einen großen Folianten und in feinem 
Antlitz Tag jener feierliche Ausdrud, welchen das ausgehende neun- 
zehnte Jahrhundert mit, feinen: Photographieapparaten kaum noch 
jennt, der Ausbrud des ftolzen Gefühle, der Gegenftand eines Kunft- 
werks zu fein. Auch dem Trudchen war dies erhebende Bewußtſein 
nicht ganz fern geblieben, es ſah, wie es mit feinen blonden Locken 
und mit dem großen Lilienftrauß in der Hand vor einem mit un« 
aehigen Blüten bededten Roſenbuſch ſaß, wie eine eine Dame aus. 

ie Geſchwiſter hielten fich einander an der Hand, und als Fran— 
zisla an die einfame Veivohnerin des Zimmers te, fand fie zum 
erſten Male diejen konventionellen Ausdruck der Gejchwifterzärtlich- 
feit rührend, wie die Erinnerung an ein verlorenes Glüd. 

Aber e3 war auch gar zu an, zu einfam hier. Franziskas Ges 
danken flogen hin nach ihrem eigenen, finderbelebten Haufe, fie dachte 
an ihr unruhiges Leben in Breslau, an die Nüdfichten und einen 
Opfer, welche bie Stellung ihres Mannes von ihr forderte und 
welche fie als die erften und fcheinbar werthlofen fo ſchwer empfand, 
an die Enttäufchungen, die auch ihrem glüdlichen Leben nicht eripart 

eblieben waren, aber jegt, wo bie ungewohnte Stille fie faft beaͤng⸗ 
tigte und die Abendichatten tiefer fielen, ftand ihr Leben wie ein 
vogeldurchzwitſcherter, blütenreicher Sommertag vor ihr. „Warum 
bleibe ich hier?“ fragte fie fi. Ja, warum blieb fie? Unterbefien 
begann das Mäbchen draußen in der Küche ein Lied Fig fingen. Das 
war doch ein Zeichen menfchlicher —— Franzisla, die ſich der 
Thür genähert hatte, blieb nun wieder ſtehen. Sie Hätte Fräulein 
Bartels fo gern geſehen I 

Wieder fiel ihr Blick auf den alten —— Ein beſchrie⸗ 
bener Briefbogen, vom Löſchblatt faſt verbedt, zog ihre Aufmerkſam⸗ 
keit an. Sie ging einen Schritt näher — das Bapıer deigte Trud- 
chens Säriftsüge, Wie indisfret!* ſchalt fie ſich ſelbſt und trat 
zurüd. Aber nicht Tanı je, denn das Papier Iodte fie zauberiich an. 

„Nun könnte ich fie vielleicht Tennen lernen“, dachte fie, und 
kaum daß fie es recht wußte, hielt fie den Brief in der Hand. „Wie 
indiskret“ jagte fie noch einmal halblaut und dann las fie: 

„Rein, mein lieber Freund, ich habe Sie nicht vergeffen, trotz 
meines Schweigens feit Jahr und Tag. Sie ftehen noch vor mir 
mit dem gütigen, theilnehmenden Bid, den Sie auf den Sarg Ihres 
Jugendfreundes und auf mich hefteten. Ich weiß auch, daß ich Sen 

u ſchreiben verfpradh, da Sie zu fchnell wieder nad) Ihrem Pfarr 
bot mußten, um durch mic) von Thomas’ Iegten Tagen zu hören; 
ich weiß auch, daß ich zur Feder griff, um mein Verjprechen zu er- 
füllen, aber ich fühlte, daß ich es mat konnte. Erſt heute bringe 
ich s über Heute iſt meines Bruders Geburtstag und ich 
weiß, daß ſich da unſere Gedanken begegnen. Ich danke Ihnen für 


582 Alt und ung. 


das Gedenken an ihn. Für mich ift diefer Tag wie jeder andere. 
Ein großer Verluft hebt jeden Unterjchied der Tage auf. Dennoch 
gehe ich heute an Thomas’ Grab. Selten genug thue ih es. Es 
ift das Einzige, was wir nicht gemeinfam haben; ich liebe es nicht, 
denn es ift und bfeibt mir fremd. 

Wie die Tage fehleichen und wie wenig uns die Erinnerung an 
eine fchönere Vergangenheit über die langen Stunden hinweghilft! 
Da fige ich an meinem Senfterplag und arbeite und leje, und meine 
Blide gehen hinüber nach dem Gebirge, das in unbeweglicher Schön- 
heit vor mir liegt. So vergingen auch früher die Jahre, aber jegt 
bin ich allein. Als mein Bruder jtarb, fanden ſich viele wohlmet- 
nende Tröfter. ‚Sie haben ihn jo lange gehabt‘, jagten fie, ‚Sie 
mußten auf diefe Trennung gefaßt fein, jo fehwer fie Ihnen auch 
ankommt. Und welch’ fchönen Tod hat er gehabt! Denfen Sie, 
wenn er lange gelitten hätte! Unjer Leben währet 70 Jahre, jagt 
das Bibelwort, und Sie haben die ganze, lange Zeit fid) einander 
zum Glück gefebt‘ Die Leute meinten es gut, jie hatten von ihrem 
Standpunkt aus recht und doch hatten ſie tauſendfach unrecht. 
Kettet nicht in einem gemeinſamen Leben jedes Jahr feſter anein- 
ander? Bindet nicht jede gemeinfame Erinnerung mehr und mehr? 
Wird das Herz nicht immer unfähiger, fih Erfag zu ſuchen? Man 
redet jo viel von der Leidenfchaftlichteit der Jugend, aber, licher 
rg es giebt eine Leidenjchaftlichkeit des Alters, die erft mit ung 
tirbt, die ung jterben läßt, denn fie ift ohne Zutunft 

Am letzten Abend, den mein Bruder und ich zuſammen ver— 
lebten, hatten wir uns über irgend eine Stelle in Goethes Gedichten 
eftritten und Thomas hatte den Band ervorgeholt, um nachzu⸗ 
Aa en. Ich jehe ihm noch neben mir figen, das Haupt in die 
Hand geftügt und das ihm fo befreundete Buch durchblättern. Er 
jah blaß aus, er hatte ſchon ein paar Tage über Mattigkeit geklagt, 
joweit Klagen in feiner Urt lag, mit einem halben Wort. 

Plögfih Hob er den Kopf. ‚Weiht Du noch? fragte er mit 
einem müden Lächeln und reichte mir das Buch hin. Gr Hatte dag 
Lied ‚An den Mond‘ aufgefchlagen, welches meine Mutter fehr ge— 
liebt hatte, und begann es mir vorzulefen bis zu den Worten ds 
befaß es doch einmal, was fo köſtlich ift, daß man cs zu feiner 
Dual, nimmer Dh vergißt‘. Da unterbrach er fi. ‚Wie troſtlos 
das if, ſagte er, ‚Die Vergangenheit iſt das Einzige auf der Welt, 
mas und unverändert zu eigen ift, und fie folle uns zur Dual 
werben? Ich kann es nicht glauben, es wäre zu unbarmherzig. 
Iſt die Erinnerung migt die einzige Zlamme, an der ſich une 
alten Herzen erwärmen fünnen?‘ ‚Oder verbrennen‘, fagte ih. De. 
Wort ſchlüpfte mir, ohne daß ich's wußte, über die Lippen. Ic 
hätte es gern zurüdgenommen, denn nichts hatte meinen Bruder i 
feiner Jugend unruhiger gemacht als der Gedanke, die Erinnerun 
an unfere reiche Kindheit fünne irgend einen Stachel für mid) habeı 
und dieje Unruhe kam trotz meiner gegentheiligen Verficherung noı 


Alt und Sung. 583 


manchmal über ihn. So fegte ich haftig hinzu: ‚Nein, nein, Du haft 
recht, unfere gemeinfamen Erinnerungen find ſchön umb.ih Tiebe fie‘ 
Dabei fah ich in fein blaſſes Geſicht. Eine unerklärliche Angft über- 
fiel mich. Ich befige ihn ja mc jagte ic) mir, aber wie magne— 
tiſch angezogen, blieben meine Gedanken an dem Worte noch haften. 
Noch! Be lange? Thomas las das Lied nicht weiter. In ber 
Nacht darauf ftarb er. Nun beſaß ich ihn nicht mehr. J 

Aber die Dual blieb mir, mein Freund. Nun biſt du fertig‘, 
fagte ich mir, ‚arbeite oder gehe müßig, Fotafe ober wache, das iſt 
eins für dich und für ihn. Er braucht dich nicht mehr, niemand 
braucht dich mehr‘ Sie werden mir freilich erwidern: ‚Es giebt 
gu Arme und Kranke in der Welt, Du fannft ihnen dienen mit 

einen Händen, mit Deiner Theilnahme — aber was ift das? 
Niemand braucht mich mehr wie ich bin, mit meinem Herzen, mit 
meiner Eigenart. Das ift das Einjamfte, das Troftlofeite im Leben, 
und mit ebenzig Jahren geht man nicht mehr Menjchen fuchen. 
Der ſchöne Tod, von dem die Leute redeten, machte mich Halb ver- 
rüdt. Ich wollte meinen Bruder zurüd, blind, jtumm, blöbfinnig, 
aber lebend. Nichts als ihn haben, mich für ihn nöthig fühlen, nur 
fein ftilles Lächeln fehen, das mir immer vor Augen ftand, das 
wäre mir genug gewejen; aber niemand mehr etwas fein können, 
das fernt fi nie — nie. 

Doc ic) follte Ihnen von Thomas erzählen und rede immer 
nur von mir. Dean jagt, daß das Alleinfein egoiftifch macht. Ver— 
zeihen Sie mir. 

Sie fehen, mein Freund, ich bin ganz alt geworben, nicht nur 
an Jahren, ſondern auch an feeliicher Lebensfähigkeit. Dennoch juche 
ich meine Pflicht zu thun. Die Schweftern im Krankenhaus ver- 
fihern mir, daß ihnen meine laienhafte Hilfe eine wirkliche Stütze 
fei, und id) fühle, daß bie Kranken mir fogar etwas gut find. Viel⸗ 
leicht empfinden fie, daß fie meinem Leben etwas geben und das thut 
ihnen wohl. — Aber am liebften fige ich an meinem Fenſter, ehe 
hinaus in die Weite und träume wie mit 16 Jahren. Denn eins 
bat die Jugend mit dem Alter gemeinfam, das Träumen und das 
Safe in Das große, ungewiſſe Etwas hinaus, fernab von ben Vor⸗ 
tellungen, die ſich nad unferen Sinnen bilden. Die Jugend träumt 
fich jene unbelannte Welt, weil fie die irdiiche Glücsform, wenn ich 
mid) fo ausdrücken darf, noch nicht kennt, das Alter, weil fie eben 
biefe Glücksform erkannt Hat. Sp gehen wir am Anfang und am 
Ende unfere® Lebens mit unferem Sehnen in_jene Unendlichkeit hin- 

1% und lieben fie, glauben ihr troß ihrer Schattenhaftigfeit, nach⸗ 
.m fo vieles, was uns feſt, unerjchütterlic, rein, treu und frei da= 
zuſtehen fehien, wie Schemen an uns vorbei in jenes große Schatten 
eich) verfhwand .. .“ 

‚Hier das Schreiben ab. Franziska legte es jtill an jeinen 
Bla zurüd. Es dunfelte jegt ftark, der Mond war glänzend hinter 

en Bäumen heraufgeftiegen und der „Nebelglanz“- feines Lichts lag 


x 


584 Alt und Iung. 


geifterhaft über den Wipfeln. Das Mädchen draußen hatte aufge 
hört zu fingen. Wieder war ed tief ftill in dem Raume. „Das 
Schattenreidh“, jagte die junge Frau halblaut vor ie] hin. Dann 
feufzte fie tief auf und ging hinaus. Sie fühlte, daß fie Fräulein 
Bartels jegt nicht unbefangen gegenüber ftehen konnte. 

Die Dienerin kam bei dem Geräuſch ihrer Schritte aus ber 

Küche und nahm die Grüße für ihre Herrin an. Das Fräulein fei 

jewiß noch zu dem Tungenfüchtigen Nähmäbchen in die Wilhelm- 
— gegangen, da fie jo fange ausbleibe, klagie fie, und es ſei ihr 
doch gewiß nicht gut, fo lange Zeit bei den Kranken zu figen, fie fähe 
ohnedem ſchon bla und elend genug aus, aber an fich denke fie 
überhaupt nur ſtets zulegt oder am liebſten gar nicht. 

Am anderen Morgen ftanden die Fenfter von Fräulein Bartels 
Schlafzimmer weit offen und die weißen Vorhänge flatterten zumei- 
Ien vom Winde getrieben hoch in die Luft. Das Trudchen war in 
der Nacht geftorben. 

Niemand wußte die Stunde ihres Todes. Das Heine Dienft- 
mädchen ſaß in der Küche und erzählte unter Schluchzen, wie das 

räulein geftern fpät nad) Haufe gekommen, da fie die kranke 

äherin nicht in ihrer legten Noth habe allein laſſen wollen, wie 
fie jo müde und krank ausgeiehen und nur nach Ruhe verlangt, wie 
jie Ian Morgen tobt im Bett gefunden und wie fie fo friedlich und 
glüctich dagelegen, juft, wie der Herr Thomas. „a, fie kann wohl 
zufrieden fein“, jchloß das Mädchen unter Thränen, „aber was wird 
nun aus meiner Franken Mutter und den Heinen Gejchwiftern? Ad, 
du grundgütiger Himmel! So lange das Fräulein lebte, hatten wir 
einen leibhaftigen Schugengel.“ 

Franziska war wie erftarrt. Sie fauerte in einer Sophaede 
und ſah fehr bleich aus. 

„Aber Franziska“, hatte ihr Vater gejagt, „Du bift thörict. 
Gonne doch Trudchen die Ruhe, das iſt das Beſte für fie, ſeit⸗ 
dem fie den Bruder verloren.“ . 

„Du haft ja recht“, entgegnete fie, „aber bitte, laß mich allein, 
ach, laß mich allein!“ 

Gegen Abend dachte fie, daß die Tobte, die ihr ganzes Leben 
lang bie Blumen geliebt hatte, vielleicht keine auf ihrem legten Lager 
habe. So ftieg die junge Frau die Treppe hinab, um im Garten 
einige Roſen zu pflüden. Vor der Hausthür ftand ein eleganter, 
offener Wagen. Eine Dame, in welcher Franzisfa Emilie von Saten 
erfannte, jaß darin. Der Baumeiſter ftand am Wagenjchlag und 
hob eben fein zweites Töchterchen hinauf. 

„Darf ich bei der neuen Mama fiken“, fragte das fein 
Stimmen. B 

„Gewiß, mein Kind", entgegnete der Vater. 

Dann beugte er ſich zu den anderen, neben ihm wartenden Kin 
bern nieber und feßte fie — auf die Kiffen. 

Die drei Heinen Mädchen trugen prächtige Todtenkränze a 


Alt und Jung. Br 


Arm, der Baumeifter ſelbſt hielt einen Hefrothen Rojenftrauß. in der 


Hand, den er Fräulein von Holten gab, nachdem er fich neben fie ° 


gefebt Hatte, 
„Rad; dem Friedhof“, rief er dem Kutſcher zu. 

Er ſah ernfthaft aus, als er auf jeine Kinder blidte, die ihm 
jegenüber ſaßen und die neue Mama mit den fchönen, braunen 
ugen ihrer Mutter anfahen. Es war nicht? von dem ftrahlenden, 

teiumphirenden, faſt troßigen Glüdsausdrud in feinen Mienen, wel- 
her jeden frappirt Hatte, ber ihn als Bräutigam der liebreizenden 
Martha gejehen, aber wie feine Blicke von den Kindern hinweg zu 
dem Mädchen an feiner Seite wanderten und feine Hand die ihre 
feit umfchloß, las die Beobachterin an der Hausthür in beider Antlig 
‚ eine erufte Hoffnungsfreudigfeit, die an eine Bufunft glaubt. 

Der Wagen rollte davon. Franziska ging in den Garten und 
ſchnitt Roſen und Reſeda für das Trudchen ab, das dort oben der 
erjehnten Unendlichkeit entgegenfchlief. 


— 












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Am Kamin. 587 


‚  „ Während der Pfarrer große Augen machte, richtete der Herzog 
an feinen herbeigewintten Küchenmeifter die Frage: „Auf wie hoch 
kommt mir dieſes Eiergericht zu ſtehen?“ 

Der Gefragte entgegnet: „Ich habe den Herrn Herzog davon 
bereits unterrichtet, er wird fich erinnern, daß bei diejem Gerichte, 
u deſſen Erfindung er mitzuiwirfen die Gnade gehabt hat, die Her 
Hetung jedes einzelnen Eies einen Aufwand von fechs Franken ver- 
u t. 
Als der gute Pfarrer dies vernahm, war er wie niedergedon- 
nert vor Schred und erſchöpfte fich in Entſchuldigungen. Es fchien 
ihm, daß er weder vor Gott noch Menjchen die Erinnerung an eine 
fo foftbare, wenn ſchon unfchufdige Lederei werde verwijchen können. 

„Dein lieber Pfarrer“, mahm nochmals der Herzog das Wort, 
„wenn Sie jämmtliche vier Eier genoſſen hätten, würden Sie ſich 
eine ſchwete Verdauungsftörung zugezogen haben. Um jo, übelen 
Folgen vorzubeugen, ‚habe ih yech Einhalt gethan. Trinfen Sie 
jest zuvörderſt ein Glas von diefem edeln Wein; dann wollen wir 
herzhaft den Fiſchen zufpredien.“ J 

Ein unverbürgtes Gerücht beſagt, daß derſelbe Herzog von 
Escar in Gemeinihaft mit feinem genialen Koch ein abenteuerlich 
zaffinietes Nezept für Zubereitung eines erquifiten Entenbratens er⸗ 

t habe. 


Nach deifen Wortlaut hatte man ſich zumächit jechsunddreißig 
Enten zu verichaffen, die verſchwenderiſch gefüttert werden mußten. 
Vorzugsweife jollten fie mit’ Kaftanien geftopft werden, welche, wie 
man weiß, ein fejtes, weißes und faftiges Fleifch geben. Nach Ein- 
tritt einer gewiſſen Periode der Mäjtung, wurde jedes einzelne 
Stück unterfuht. Dann fonderte man vierunbgmangig als die beit- 
befundenen ab, während die zwölf minderfeiften geichlachtet, gekocht, 
Hleingefchnitten und an die überlebenden vierundzwanzig Enten ver 
füttert wurden. Ebenſo wurde nach einer gewiſſen Friſt mit zwölf 
weiteren Enten, und endlich mit noch neun foldyen von dem letzt⸗ 
verbliebenen Dugend verfahren, ſodaß zuletzt drei Stüd übrig waren. 
Bezüglich Tegterer wurde es als eine ſchwierige Aufgabe angejehen, 
welche von ihnen der Ehre theilhaftig werben Tone, gebraten auf der 
Tafel des Herrn Gouverneurs zu erfheinen. Die beiden Gefährten 
diejes bevorzugten Eremplars erhielten die Bejtimmung, den zur 
Verſpeiſung durch den Herzog gewählten Lederbiffen wie eine Art 
Panzer zu umſchließen. 

Dann ftedte man die jo vorgerichtete und volljtändig gejpidte 
Ente an den Spieß und zünbete helles euer darunter an. Die 
beiden Kameraden der Entenkönigin wurden bei diefem Verfahren 
natürlich ausgedörrt, verfalkt, zu Ajche verbrannt, aber ihre glühen- 
den Säfte hatten das Fleiſch des Hauptbratens durchtränkt. Die 
lüdliche Elitenente, geſchützt gegen ein allzu wirkſames ‘euer, 
jatte mit Hilfe einer mäßigen, aber durchdringenden Hige die Kraft, 
den Saft und den Duft ihrer um fie befejtigten Mitichweftern aufs 


1 


588 Am Kamin. ! 


gefaugt. Sobald diefer Peogeh beendet, jhien, wurde das Gericht 
heiß auf die herzogliche Tafel gebracht. . 
Ob die Geſchichte von diefem abfonderlichen Rezept zu_ einem 
uten Entenbraten wahr ift oder nicht, läßt fich jegt nicht mehr ent- 
Beten. ki den übereinftimmenben Erzählungen von Zeitgenoſſen 
in Rede jtehenden Herzogs von Escars koͤnnte man wohl an 
die Wahrheit derjelben glauben. Da man aber ſchon am alten 
franzöfiihen Hofe pifante Neuigkeiten ohne Rüdficht auf deren 
Wahrheit gern hörte und raſch perbreitete, fann fie auch ebenfo gut 
auf Erdihtung beruhen, obwohl in jener Zeit die bei uns fo all- 
tägliche Jeitungsente noch nicht befannt war. 
In der That fol es in humoriſtiſcher Rüderinnerung an bie 
Helbenthaten des vormaligen Herzogs von Escars auf dem Gebiete 
der Kochkunst geichehen fein, daß König Ludwig XVIIL dem Sohne 
deifelben, der getreu ie langjährige Verbannung mit ihm getheilt 
Her 1815 den Titel eines erſten Oberfthofmeifters verlieh. Als 
jolcher hatte er bei Feſtmahlen, bie ber franzöfiiche Hof den Groß⸗ 
würdenträgern ber Krone oder hochgeftellten Perſönlichkeiten des 
Auslandes gab, den König zu vertreten, da ber letztere wegen feiner 
— nur Mitglieder ſeiner Familie zum Mittagseſſen bei 
ich empfing. 


Glocken. 
in Grinnerungeblatt. 


Sie hatten nur ſich auf der genen weiten: Welt, Mutter und 
Sohn, und fpielten zufammen in Sonnenfchein, in Sturmetagen, — 
und als fejweres Seien über ihn gelommen, da war fie die Pflegerin 
bei Tage, bei Nacht. Die rauhere Heimat mußte er verlaffen und 
Mütterlein 3 mit in bie fremde, das Lächeln auf der Lippe, im 

erzen das bitterfte Weh. Jahr um Jahr rang ihre Sorge-mit den 

tten des Todes, die ihr einziges Erdenglück bedrohten, und bie 

Liebe theilte fie, und aus dem Gnadenquell der Genefung fproß aufs 
neue ftilles Glüd. 

Einst ſaß die Mutter beim Sohne, und ſprach: „Wenn ich einft 
ſcheide, jo mad’ e3 ganz till ab; nichts überflüffiges, richt einmal 
beftelltes Geläute; es vergrößert Deine Laft und die bezahlte Mah— 
nung erhöht nur das Weh; dent’, wenn fie mich forttragen, der liebe 
Gott läßt für mich läuten, und dann ift mein Sonntag.“ 

Und es fam die Stunde, wo die Mutter vom Eopn ſcheide 
mußte. Als eben die Sonne aufftieg, brach) das treue Herz umi 
empor ſchwang ſich die Seele zum ewigen Licht. . 

Sie trugen Mütterlein fort, unter Blumen, die fie jo fehr ge 
liebt. An einem Sonnabend war's, am fpäten Nachmittag, de 
Sonne ging leuchtend zu Rüſte. Sie trugen den Sarg aus dem 
Haufe_und Hinterdrein an Freundesarm, fchritt der Sohn zu Tot 





- Am Kamin. 589 


jetroffen; die Menge drängte, ftill ward's, die Häupter entblößten 
rn in heiligem Schweigen. 

Man job den Sarg in den Wagen; bie jchwarz behangenen 
Pferde zogen an; da — zitterte ein metallener Klang durch die un- 
bewegte Luft, ein Wieberflang folgte, und nur von anderer Ric; 
tung, von Thurm zu Thurm mit ehernem Hall: — es läutete mit 
vollen Gloden, — fie läuteten den Sonntag ein! 

Und unter unbeftellten Glodentlang, da ſenkten fie Mütterlein 
in ihr ewiges ftilles Bette; — am Nande ftand der Sohn und 
weinte ihr nach: „ſchlaf füh“! und bficdte empor zum Himmel in 
abendlicher Purpurpracht: — Mütterleins Sonntag! 


Hermann Hirfihfeld. 






Aippſaqen. 

Englijche Geishälfe. Es iſt ſchwer zu ſagen, ob England reicher iſt an 
Geigpälfen ale andere Länder, und ob imatiide Berhättniffe ober bie Exziehunge- 
weiſe in gewiſſen Leuten die auri sacra fames auf Koſten anderer Eigenfchaften über» 
mäßig entwideln. Sicher if jedoch, bag bie Habſucht und ber Geiz in feiner nadteften, 
abferedendfien Form im der guten Gefellihaft wenigftens zu: Geltenheit gehört; 
ſolche Eigenthpümlichkeiten finb nicht gentlemanly, und e® muß ſchon ein Herzog oder 
minbeftens ein Carl fein, der fi) Schäbigleit oder gar Geiz erlauben barf. : So find 
auch alle Geizhäffe, beren Abflerben im ber Ieten Zeit gemeldet wurde, au® ben 
niedrigen Ständen; am beflen fituirt war vielleicht der ehemalige Banktommis in 
Croydon, ber vor Furzem in vorgerüdtem Alter tobt in feinem Bett gefunden wurde. 
Er war in feinem Wohnort als Sonderling befannt: jedes Kind fannte die feltfame 
Geftalt, bie feit einem Menfepenalter anfcheinend im felben fhäbigen Rod zur felben 
Stund um die Ede huſchte, um Nahrungsmittel einzufaufen. 

Der alte Herr pflegte fie eigenhändig zuzubereiten, und baß er fi nie überaß, 
das Tonnten die Krämer ihm bezeugen. Niemand burfte feine ürmlich möblierte 
Wohnung betreten, er beforgte alles ſelbſt, flidte alles jelbft. Da überrafhte auch 
ihn der Tod, ber feinen ſchont, und ein Schweſterlind bes Verftorbenen machte bie 
erfreuliche Entdedung, daß ihm ein Vermögen von über ER. 100,000 zugefallen ſei: 
der alte Herr hatte vor etwa 40 Jahren, zur Zeit ber Eifenbahnfpefnlationen, ben 
Srundftein zu einem Vermögen gelegt, da® jegt Verwandten gehört, um bie er ſich 
zeitlebens nie gelümmert. 

Männer und Frauen find gleih ſchlimm, nur mit dem Unterſchiede, daß die 
erſteren ihr zufammengefdharrtes Gelb gemeiniglich profitabel anlegen, bie letzieren 
«8 einfach beifeite legen. Wenigſtens hat Mrs. Deinnett in Newark, bie biefer 
Tage flarb, nach biefem Grundſatz gehandelt. Sie wohnte allein in einem Häuschen 
außerhalb der Stadt und Iebte jo —— die Rachbarn ihr häufig Speien 
fidten, die fie mit, Zeichen der größten Dankbarkeit entgegennahm. Nach ihrem 
Tode fand man, daß die Schnüre ihres Bettes mit Banknoten ummwidelt waren; 
eine 5 Pfb.-Note flat, in einen Staublappen gerwidelt, in einem Loch in der Mauer. 
Gelbftüde im Betrage von Lit. 35 waren umter ben Kohlen verfiedt und in einem 
Schrant ſtat ein Bündel Noten, fo did, daß man es mit beiben Händen faum 
faffen tonnte. Cine Kifte voll Golb- und Silbermünzen wurbe aus dem Haufe: 
heſchafft, und das ganze Vermögen, bas einem Neffen zufällt, wir auf Ef. 11,000. 
geihägt, fo weit bis jet ermittelt ıf. Ein Teftament, das dem Stabtpoliziften Lſt. 
500 verzmacpte, war nicht rehtögiltig unterzeichnet. 

Die Wohlthätigen in Feamington werben fi hüten, wieber einem bebürftigen. 
alten Mann zu helfen. Seit 16 Jahren ſah man regelmäßig jeben Tag ben 
Soward Gibſon zur Eifenbahnfation gehen und bort Kohfenftüdchen und Späne 
auflefen, bie er in eine Schuhmacerwerlflätte trug, wo man ihm aus Witleiden [hlafen 





3590 Am Kamin. 


ließ. Mitleibige Nachbarn unterflügten ihn, und nie gab er mehr als 2"/, Schilingr 
ver Wode aus. Much feinem Tode fand man Werthiepriften im Betrage von ER. 
10,000, auf weiche zwei in London refibierende Neffen als Inteftaterben Auſpruch 
euboben haben Im: Wergleich mit biefen geigigen Meichen ift freifish ber alte 
John I. Saul, der vor ein paar Tagen in Camdenton ftark, ein bloßer Bettler. 
Er verdiente feinen Lebensunterhalt, indem er gebrudte Gefänge in ben Etrafen 
von Somers Town feil hielt, wo er feit 34 Jahren bekannt war. Im feiner 
Tafpe fand fi ein Bankjchein für ER. 60, die mum der Krone zufallen, da feine 
Anvermwandten belannt find. 

Aus Daviſaus Leben. Daviſons Bil« in Dresden befand fih in unmittelbarer 
Nähe eines der Babnıhöfe, zum Theile auf ber Bahndirektion gehörigem Terrain, m 
ihr Garten war mit Bewilligung eben biefer Direktion in Terraffen angelegt. 
fi hier einmal ein Unglüdefal ereignete, mußte bie Polieibehörbe eine take 
fihtigung vornehmen, und in Echaaren famen die Vahnarbeiter die Terraffe hinauf, 
Hammerten fih an bie Stäbe des Gartengitters und glogten hindurch. Davifon 
bemerkte dies und vief mit dem ihm auch im täglichen Leben eigenen Pathos: „Wiel 
fol mein Beſitzthum den Blicken ber neugierigen Menge preißgegeben werben? 
Leute, Ihr zertretet mir ja bie Terraffe!" Da antwortete eine Die Terraſſe ih 
der Direltion, Sie fein bloß be Kerſchbeeme.“ — Ein andermal ber Wagen 
meifter von einem Trupp Arbeiter ber, ber in ber Nähe von Davilons Behanfung 
Rand, einen fürdterfihen darm Cr eilte hinzu unb fuhr die Feute an: „üßt 
Ihr Kerle Euch denn immer zanken?“ „Wir fein es ja gar nich, Herr Wagenmeifter. 
Das is der Dapijon, der fpielt Kummebje!” 

Eine Reufge-Aneldote. In einer Poſſe von Wilten hatte Reuſche, ber treffe 
Tide Komiter, feinem Partner gelegentlich zugurufen: „Apagel Apage!“ („Forl 
a) Unbelannt mit ber Bedeutung dieſes Wortes begleitete Ticobor 3 Reuſche zum 

schredden des Dichters, der ben Dee beiwohnte, jebe® „Apage!“ mit ber wider 
finnigen Bewegung des Heranmwintens, wahrſcheinlich Dachte’ er fich dabei: „Ah, Pagel” 
Eine Zeit lang fah fi der Berfafler dieſe Verwirrung mit verlegenen Diienen an 
umd mußte nicht vedht, wie er ohne zu große Beihämung bes Darſiellers ibm feinen 
Sertpum Marlegen jolle. Eudlich fügte er zu ihm im beſcheidenſten Fluſterteu. 
„Sie verzeihen, Herr Reufce. Sie haben {H; da bei dem „apage“ eine eigenthlm- 
The Nitance zurecht gelegt." — „Allerdings! — „Sie nehmen dabei einen jchel⸗ 
mifchen Gefichtsausbrud an und lächeln madden Sie mit eingelkiimmtern Zeigefinger 
eine Bewegung, als wenn Sie jemanden zu fih winken wollen!" — „Rum ja; was 
iſt dagegen einzuwenden? — „Nichts, rein gar nichts! Aber ich meine, Daß 
vielleicht noch wirtſamer märe, wenn Sie mit der Ihuen Agentglmligen Berve in 
etwas unwirtſchem Tone „apage!“ riefen und tabei eine fräftige abweiſende Geſte 
machten. Wie wäre es, wenn fie es einmal fo verjuchten?“ Und nach einer Pauſe 
erwiderte Reufche in barfhem, beleibigtem Tone: „Wenn Sie glauben, daß das Ihr 
Stüd retten Tann, meinetwegen!" 

Eine Hübicpe Erinnerung an Dingelftedt. Als Hadländer anfangs ber 
fünfziger Sahte an feinen „NRamenlofen. Gefcichten“, bie zuerft in ber „Rölnifcen 
Zeitung“ erfchienen, arbeitete, betam er eines Tages ben Beſuch von Berthold Auer · 
Bay und Franz Dingelftedt (geft. am 15. Mai Tan, welde auf einer gemeinfamen 
Neife in der jchönen Schwabenfabt rafteten. Man verabredeie für ben folgenden 
Tag eine Wanderung durch Stuttgart, bei welcher Hadländer Führer zu fein verfprad, 
aber zur beſtimmten Stunde burhans umvorbereitet angetrofien wurbe. adfänber, 
der infolge einer Berlegung an ber Hand mit einem Schreiber arbeitete, faß im 
„Node des Schlafs“ in emfiger Dichterthäi t feinen Gehilfen dittirend unb wehrte 
alle zümenden Standreden feiner Freunde ab mit Hinweis auf einen Brief 
„Kötnifgen Zeitung", in weichem diefelbe ein nene® Kapitel ber „Namenfo, 
ichten“ verlangte. Als alles Zureden vergeblich war, kam Dingelftent auf ei: 
originellen Gebanten: „Dace Dir’, jagte er zu Gadländer, „Deine Toilette, m 
lerweile made id Dein Kapitel!" Ladend ging der Autor auf ben Borfhlag ı 
Die „Namenlojen Geſchichten' jind leicht am einander gereihte Erzählungen. Dir 
ſtedt hatte die Feuilletons ber „Kölniſchen Zeitung” verfolgt, alfo ließ er fih von .. 
Sekretär nur den Anfang vorleſen und diltitte dann weiter. Er foll faum m 


















Am Kamin. 591 


Zeit zur Vollendung feiner improvifirten Arbeit gebraucht haben, als Hadländer zur 
gänzlichen Herftellung feines äußern Menfchen in Anfprud nahm, Man lachte feelen- 
vergnügt über den gelungenen Genieftreih, und mit einigen Heinen Abänderungen 
wurde bie Arbeit Dingeliebts dem Roman Hadläuder's einverleibt — diesmal eine 
wirkfih „namenfofe”, ben wahren Namen bes Berfafler® verichweigenbe Gedichte! 
Nah Sibirien Verbaunte. Aljäpelid werben aus Rußland 1600 Perjonen 
auf dem Sanbwege nah Sibirien verichidt und durdfgnittfih 1100 Berfonen nad 
Sadalin transportirt. Diefe 2700 Perfonen find ausſchließlich zur Zwangsarbeit 
verurtheilte Verbrecher. Die Zahl der zur Anfiebelung Berurtheilten dagegen 
Befäuft fid) jährlich auf 2644. Dazu fommen noch etwa 3599 Perjonen, bie zum 
Rechtöverluft verurtheilt waren und von ihren reſp. Gemeinden nicht wieder aufge 
nommen find. Zählt man dann nod bie Familien ber Verſchickten hinzu, melde 
dieſen in bie Verbannung folgen, fo erhält man annähernd 20,000. Im Gebiet 
von JIafutel Loflet ber Unterhalt jebe® einzelnen Gträffinge ber Krone jährlich, 
130 Rubel ımb ber Unterhalt während bes Transports nach bem Beflimmungsort 
etwa 200 Rubel. J 


Die Hübigen Meinen Schülerjeprbücer (Knaben-⸗, Madchenjahrbuch) von 
Dr. Mar Bogler (Verlag von Theodor Hofmann in Gera) erweiſen ſich auch biejes 
Jahr wieder als befle Begleiter der Jugend durch das Schuljahr. Beide Bücher 
enthalten eine Menge Lehrfloff in Tabellenform, Stunvenpfäne, Kalender, Notizenraum 
z.; das Kuabenjahrbuch bringt dazu eine gutgefchriebene Biographie Gabelöbergers 
(mit Bild), das Mäbchenjahrbnc eine folche ber Iugendfchriftftellerin Frida Schanz. 
— Die ganze Ausftattung ber Bücher ift hübſch und höchſt praftiich. 


Murilies „Unbeflette Gmpfängnig“. Murillo (mit feinem vollen Namen 
Bartolomeo Efteban Murillo) ift ber größte Maler, ben Spanien hervorgebracht hat. 
Zu Sevilla 1618 geboren, ging er, nachdem fid fein Genie früh gezeigt hatte, juni 
nach Madrid, mo #6 fein Ruhm zur Höhe erhob. Cin romantifces Piebesverhältui 
mit der ſchönen Donna Beatrir de Cabrera y Sotomayor feflelte ſchon früher das 
Herz des jungen Künffers und regte ihn zu hohem Kunfifireben an. Beairit ber 
fhloß, daß fle Murillo nach Madrid folgen werde, wo beide im Herbft des Jahres 
1643 'eintrafen. Murilo ward von Velatguez, welcher ihm eine Zeit Tang fogar eine 
Bohnung einräumte, freunblid aufgenommen, während Beatrir auf bem Korjo bi 
Puerto orientale einen Palaft bewohnte. Belasquez verſchaffte feinem Landsmann 
die Erlaubniß, die Werte Tizians, Rubens’ und Ban Dyke im ber Kenigfigen Galerie 
zu topiven; aber Murillo kehrte Bald zum Studium ber Werke des Balesquez und 
des Ribera zurlick, welche er übertreffen lernen wollte. Nach zwei Jahren war fein 
Ruhm fo Hoc) gefiegen, baß_ berfelke benjenigen bes Belasguez und Nibera ver- 
dunelte: Er Tehrte nach Sevilla zurüd und machte mit Beatrig be Cabrera Hochzeit. 
Als diefe den größten Theil ihrer Sanbbefigungen einbüßte, war Murillos Ruf be» 
reits fo weit verbreitet, baß feine Veftellungen ihn im ben Stand fegten, feiner Gattin 
—X go Entbehrungen auferlegen zu müffen. Er verzierte bier im Kofler 
me! äume, unter benen ber fogenannte Meine Gang beſonders erwähnt werden 
maß, mit einer Folge von Gemälden heiligen Inhalts, Grofartig find Murillos 
acht Werte ber Barmberzigteit im Klofter San Jorge de Ia Caridab, ferner feine 
Arbeiten in ber Kirche be 108 Venerables und bem Kloſter ber Kapuziner. 

Murillo, welcher 1682 flach, darf als der erſte ber Naturaliften betrachtet werben. 
Er beſaß ein prachtbolles, glühentes Kolorit, ein bewundernswerthes Hellduntel und 
einen großen Stil ber Behandlung. Gr war ber Grlinber ber Malerafademie in 
Madrid. Bon feinen Schülern hat ihn feiner erreicht. J 

Das berühmte Bild Murillos, das unſere Illuſtration wiedergiebt, iſt das Bild 
ber „Unbefleckten Empfängniß“, auf welchem bie beilige Jungfrau mit gefalteten 
Händen, auf einem Halbmond in ber Luft ſtehend und von Eugeln umſchwebt, in 
weihevoller Verklärung inbrünftige Blicke nah dem Himmel richtet, von welchem 
gibenen Sonnenftrahl auf fie hermieberfirömt. Die Konzeption zu biefem entzdenben 

ifde läßt einer unferer phantafievoliften Dichter Murillo aus dem Anblid ber Ger 
fiebten, eben jener oben erwähnten Beatrizg, ſchöpfen. 


'592 Am Kamin. 


Bor der Goiree, 
So bin ih fhön! Warum foll ich's nichts fagen, 
Wenn alles mir zu Füßen liegt, 
Und ſtolze Männer mir ihr Sehnen Hagen, 
Das Höcfte kühn um meine Liebe wagen, 
Bon meiner Schönheit Reiz beflegt. 


So bin ih ſchön! Die Rofe foll mic ſchmüden, 

Am Bufen dufte fie, im Haar! 

Veradjtungsvoll troß' ich des Neides Tüden, 

Ich will mich felbft und — Einen nur beglüden 
Aus ber Verehrer Sklavenfchaar. 


Benn in des Tanyes wildbewegte Wogen 
Sich wonnig taucht mein glühenb Herz, 
Da kommt auch Amor ſchnell Daßergeflogen, 
&r zielt, er trifft mit bem erprobten Bogen 
Und bringt den wonnevollen Schmerz. 


Für Einen ſchmüch ih mih! Fur Einen will id glänzen, 
Mit ihm nur ſpricht mein Aug’ intim. 
Ich taufchte den Triumph von. allen ZTänzen, 
Den ſchönſten von ben Schönheitsfiegestränzen, 
Gern um ben Myrthenkranz — von ihm. 
Franz Sirſch. 


Eo zielte ig! Diefe jelbfibermußten Worte umb bie entſprechende Geberbe dazu 
bilden das Sujet unferes_Bilbes, das wir einen illuftrativen Beitrag Nager 
latein nennen möchten. Eine ländliche Sagbgefellihaft verhandelt im Birayakanı 
beim Bier ihre Jagderlebniſſe und ta giebt es auch, mie gewöhnlich, einen Jagd» 
miündhaufen, ber ein wenig ftarfe Gedächtnißphantafie hat und Wunderdinge von 
feiner Schiegtunft zum beften giebt, bie nicht nur ben gemintigen Kumpanen, 
fonbern auch ber hübfchen Kellnerin ein Lächeln abloden. Bieleicht erzählt der 
waltige Nimrod, wie er des Nachts auf Rebhühner ausging, feinem Hunde & 
Laterne an ben Schtwanz band und wenn er ftanb, bei Laternenfchein bie Hühner zu 
Dutzenden ſchoß. Unb fo weiter in infinitum. 

Die Verblüfften auf unferm legten hubſchen Bildchen veranſchaulichen un bie 
Thatfache, daß die Frechen immer beſſer wegfommen, als bie Treuherzigen unb Ber 
ſcheidenen. Die jungen Sprößlinge der getmikhigen Hundefamilie find ganz ver» 
blüfft über ben lecken Miteffer aus dem Spatzengeſchlecht, ber fi) bei ihnen einge» 
finten hat. Ey ge aber mit ber Berwunderung zu Ende fein und dem 

inbringling die Zähne zeigen werben, wirb das Späßfein „Proft Mahlzeit!” fogen 
und. hinweg fliegen. Des der Lauf der Weit! x 





18. In dem Auffag „Mailänder Geinnerungen. (Heft IV., 1889, 





® 


MNenefte Moden. 


Ar. 1. Anzug „Directoire“ für Mädhen. 
Auf dem vordern Rodtheil aus braunrothem PIitfch befindet fih am uutern 
Rand eine cichorienfarbige, feibene doppelte Rofenfalbel. Die an ber Schulter fal- 


Nr. 1. Anzug „Divectoire” für Madchen. 
Der Salon 1899. Heft V. Band I. 40 





504 Aeuche Moden. 


tigen Vordertheile find am Hals über einem Sammetlatz mit gleichem Stehtragen offen. 
In der Taille gehen die faltigen Tpeile übereinander unb werben dort von einem 
gleichfalls faltigen Stoffgürtel gededt. Die Enden beffelken find an ber Seite ge- 
ſchlungen und — auf dem Rod aus braunrothem Wollenſtoff, wovon auch bie 
Taille und bie oberen Nermel angefertigt find, herab. Die Enden der Schärpe fint 
unten mit einem Stofftnoten verſehen. Unter ben an ber Schulter unb über dem 
Ellbogen eingereihten Ueberärmeln aus Wollenftoff befinden ſich enge, bis ans Hand · 
gelent reichende Aerımef aus Plüfch. Der kraunrothe Plüfhbut Hat ein rofa Kalten- 
futter. Um ben Kopf deſſelben find braunrothe Federchen gelegt. 


Mr. 2. Haartrat. (Rüdanfiht.) 


Ar. 2m. 3. Baartracht. (Rüci- und Vorderanſicht.) 

Die Herftellung dieſes einfachen Kopfputzes iſt ſehr leicht. Dan theilt das 
Haar bie hintere Mitte herab, kämmt bafielbe etwas gegen ben Sirich, bamit es 
etwas loſe und voller wird, twinbet die beiden Strähne, nachdem das Außenhaar 
auriidgefämmt ift, nad) oben. Bei vollent, langem Haar läßt man die Enden, zu 
Heinen Yoden georbnet, bohflehend mac) dem Geficht zu, über die Gtirnfödden fallen 
Bei wenig Haar erfegt man die Windung und dachen mit fünftlichem Haar. 


Ar. 4. Leichter Mantel für Mädden. 

Derfelbe iR aus grauem und beigefarbigem Tarrirtem Seidenſtoff angefertigt 
und mit roſa Atfasfutter verfehen. Die Borbertbeile des Mantels find im Ganzen 
geſchnitten und gefatten bem Arm an ben Eeiten einen mit einem reiten Afrafan- 
freifen befegten Ausrweg. Der Rüden ift anliegend und hat Rodfalten, Ein breie 


FERaAS 


Wenefle Moden. 595 


ter Umleglkragen von Aftvafan umgiebt ben Hals. Vorn wird ber Mantel mit einer, 
mit langherabbängenben Enden verfebenen grauen Sammetjchleife befeſtigt. Bon da 
an ift ber Pelzbefag am Rand des Mantels ſchmal und wird erft am untern Rand 
deſſeiben wieder breiter. Der runde graue Filzhut hat einen hinten umgefchlagenen, 
mit greißferkigem Sammet belegten Rand. Große graue Sammetfchleifen bebeden 
ben Kopf befielben und halten eine ſchöne mattroja Feder. 


Ar. 5. Heberroh aus ſchwarzem Plüfd. 
Der .anliegende Mantel hat übereinandergehende Vorbertheile. Ein großer 


Nr. 3. Haartracht. (Borberanfict.) 


Pelztragen reicht bis in die Taille. Auf dem vordern Rochtheil des Mantels ber 
findet fih ein fchräg aufgefeptes, in ber Taille ſpihes, nad) unten ſich verbreiterndes 
und wieber fpi; ausgehenbes Selztheil. Der amfiegeude Rüden enbigt in Rod- 
falten. Die engen Nermel haben am Yanbgelent gleichfalls einen breiten Pelzbejat. 
Der runde, otterfarbige Prilfchhnt if gleicfarbig Kefet und mit gofbburchmirkten 


Bändern gamnirt. 
Ar. 6, Bifite- Mantelet, 

Die nad) innen zuriidgefhlagenen Bindenärmel der Bifite find im Rüden ſehr 
anfiegenb und mit Piluſch gefüttert. Diefe nach oben genommenen Theile ber 
Aermel treffen über der Bruft_zufammen und find mit einer Ugraffe über einem 
befticten Lagtheil- gefchfoffen. Der ändere Nermel aus ſchwarzem ober farbigen ge- 
muftertem Cammet tritt vorn auseinander Eis zur Schulter, von da an if ber 
Rand beffelgen mit Pelz befegt, glei den vorn langheradreichenden yunteil .abger 

40* 


Deine, Google 


boresb Gobgle 


598 Uenefte Moden. 


fgrägten Vorbertbeifen. Der Nücden ift auliegend umd enbigt ohne Schoß. Die 
tabalfarbige Sanmetcapote ift mit Beigefarkigen Atfasrüigen und Schlupfen Bejekt. 


Nr. 7. Anzug für eine Rinerwärterin Nr. 8. Anzug für ein 
drer Hanne, Meines Nätgen. 


Ar. 7. Anzug für eine Kinderwärlerin oder Amme. 
Der weite Zaltenmantel iſ aus fenerfarkenem Wolleuſtoff, ſowie an ben Vor · 





Neneſte Moden. 599 


bertheilen herab und am untern Rand mit einem kreiten, ſchwarzen Sammetbeſatz 
verfehen. Der große Kragen if ebenfalls aus ſchwarzem Sammer. Der Mantel ift 


Nr. 9. Biſite. 


600 Aencfte Moden. 


nur am Hals mit einer Metallſpange geſchloſſen. Die Haute hat eine feuerfarbene 
Bandkrone mit hinten langherabfallenden Bändern. 
Ar. 8. Anzug für ein Kleines Aädchen. 

Der Mantel aus Sammet, —E ober auch uut indiſchem Caſchmit hat an- 
liegende Vordertheile und am glatten Rücken angeſetzte Rockfalten. Der über bie 
Säpuftern reichende Pelerinenkragen ift mit einem Streifen Schwanpelz befegt, eben fo 
aud vorn herab, am Hals, an ben Aermeln und am untern Rand des Mantele. 
Der runde Hut’ aus weißem Fily ift mit einer weißen Feder und ebenfolden Bän- 
dern ausgeputzt. Der Heine Muff aus Schmanpel; ift mit einer weißen GSeiden- 
ſchnur am Hals befeftigt. Gamaſchen vom Stoff des Mautels. 

Ar, 9. Biſite. 
Phantafiejade aus nußfarbenem Tuch. Diefelbe if vorn über einem ſchwarzen 





Nr. 10. Morgenhaube „Charles VII." 


Sammetlag ſeht meit offen. Alle Ränder ber Vorbertheile, der Aermel und des 
Kragens find mit Stiderei aus Seidenſoutaſch (ſſchmalen Bördchen) verziert. Der 
anliegende Rüden hat Schögcen. Die Aermek find oben anliegend und unten weit 
offen. Der große, runde, mußfarbige Tuchhut ift mit ſchwarzem Sarımet gefüttert 
und am ande mit dedern befegt. Oben am Kopftheil befinden ſich hochflehende 
und zurüdgebogene Federn. 

Ar. 10. Morgenhaube „Charles VII“ 

Diefes graziöfe Häubchen ift aus zivei Theifen geibem Surah hergeſtellt, welche 
vorn in ber Mitte mit einigen alten zufammengehalten und mit einer breiten, gele 
ben, mit Grin und Gold keftidten, nad ben Ceiten Hin fid) vernindernden Gpike 
befegt find. Den hintern Raub der Mütze umgiebt gleichfalls eine ſolche Faibel 
Diefelbe ift in ber Hintern Mitte breiter unb mit einem Kopf aufgefeßt, wird nad 
vorn zu ſchmäler und dient, eingereiht auf einen Stoffftreifen befeftigt, zugleich als 
Befeftigung unter bem Kinn, von wo fie leicht ineinander gefchlungen im zwei Theilen 
herakhängt. Cine Meine Rofette ans grünen Nometenkändchen ift obenauf angebracht. 

Rebaction, Verlag und Trud von . 9. Panne in Neubmig Bel Telpaig- 

















Deine, Google 


Bor der Sdeidung. 
Novelle von Eduard Müller. 


a ijt ja auch das liebe Kind! Guten Tag, mein 
fleiner Erwin! Was bift Du für ein herziger Junge! 
Und wie groß für Dein Alter! Zwei Jahre ift er, 
nit wahr? Sei willtommen, ſeid willtommen! 
Soll ih Dich hineintragen, Erwin?“ 
„Nein — Mama!“ 
Wie, Du willft nicht von mir getragen fein?“ 
von Mama!“ 
Die Mama ergriff die Hand, welche die Freundin bem Kinbe 
um Willtomm geboten hatte, und hielt fie feft unter ben jchelmi- 
— Worten: 

„Iſt er nicht ein verzogener Junge? Zeig' ihm nur erſt all 
Deine Herrlichleiten in Haus und Hof, und er wird Dir nicht von 
Fi See gehn. — Erwin, jet giebjt Du dem Herrn Pfarrer die 

indie 

Erwin ftredte feine linke Hand dem bei den beiden Damen 
ftehenben, jungen Mann entgegen. 

„Ein artiger Knabe“, jagte der Pfarrer lächelnd und ftrich dann 
der jungen rau an feiner Seite die Wange. 

„Bon Dir will er offenbar noch nichts wiffen, Marthchen“, jegte 
er hinzu. „Das find Tantenfchmerzen, nicht?“ 

Die genedte Pfarrfrau ww dem Gemal dur) einen Seufzer zu 
verftehen, daß fie angejichts ſchönen Knaben auf dem Arme der 
Freundin troftbedürftig fei. 

ünf Jahre war fie bereit3 verheiratet und Hatte fein Kind im 
Haufe. Das Mutterglüdt der Freundin wollte fie wenigftens mit- 
jenießen, den kleinen Erwin mit Liebe überjchütten. Das war ihre 
dnfucht, feit das Kind auf der Welt war. Wiederholt Hatte fie 
Mutter und Kind eingeladen, zwei Jahre hatte fie ſich gedulden 
müffen, nun endlich waren fie gefommen. 
Der Galon 1889. Heft VI. Band I. 4 


602 Bor der Scheidung. 


An der Gartenthür hatte fie mit dem Ueberſchütten begonnen, 
war ober fogleich mit aller kindlichen Entfchiedenheit zurüdgemwiefen 
worben. 

‚. ‚Sie war ja nicht die Mama, das Recht auf Lieblofung wurde 
ihr von dem Heinen Mann nicht ohne weiteres zugeftanden. 

Sie hätte deßhalb mit dem herzigen Kleinen ſchmollen fünnen. 
Nun, vierzehn Tage Tonnte jie ihn pflegen umd umwerben. In der 
Zeit Hoffte fie feine Zuneigung zu erobern. 

Wenn nur der jpöttiiche Satte fie und die Fesumbin in den 
erſten Stunden des Wiederſehens allein Laffen wollte! Sie hatten 
ſich ganz gewiß fehr viel anzuvertrauen; bejonders die junge Pfarr- 
frau war darauf gefaßt, im Herzen der Freundin allerlei Wunder- 
james zu ergründen. Erſte Bedingung aber war, daß fie felbft un- 
beobadjtet und Kara ungenedt Dabei blieb. 

Er that ihr den Gefallen. Bald, nachdem fie ins Haus einge 
treten waren, entjchuldigte er fich bei Frau Findeiſen, feinem Gaft, | 
mit Amtsgefchäften und verſchwand. | 

Als er ganz unhörbar geworden war, rüdte Frau Marta | 
dichter heran an Wanda, von Wunſche befeelt, recht ausführlich 
und genau die Beichte der Freundin zu vernehmen. 

Erwin durfte indeß einen Beutezug nach dem Nähtiih unter 
nehmen und alle Fächer mit Knöpfen in Unordnung und alle Fäden ! 
in Verwirrung bringen. Das Mäulchen war auf diefe Weife wenig- | 
ſtens zum GStillftehen gebracht, und die Mama hatte einmal bie 
Hände frei. 

Die Mama fah recht abgejpannt aus. Sie war erniter gewor⸗ 
den, fie ſchien fogar Anlage zu haben, bitter zu werben, und auf 
ihrer Stirn lagerte eine Wolfe des Unmuths, die auch angefichts der 
gewinnenden ‚Derztichteit der Freundin nicht ſchwinden wollte, 

Frau Martha beobachtete das alles. 

„Die Ruhe hier wird Dir wohl thun“, fagte fie zärtlich. „Das 
Zandleben bietet gerade in der jeigen frühen Jahreszeit Föftliches. 
Wir werden uns viel im Garten aufhalten können, Erwin wird an 
unferen Hühnern und Tauben feine Freude haben, Beſuche brauchen 
wir nicht zu machen und werden durch folche nicht beläftigt, am 
Bach, der unten am Garten vorüberraufcht, können wir ftundenweit 
über Wiefen hingehen und mein Mann wird uns oft begleiten 
fönnen. Ich Habe mich auf Deinen Beſuch unfäglich gefreut, Liebe 
Wanda. ir wollen die vierzehn Tage auch recht glücklich fein, 
ganz wie vor Zeiten, nicht wahr?“ 

„Wie ich froh bin, allem Widerftand zum Trog die Reife z 
Dir gemacht zu Haben, kann id) Dir nicht ausdrüden“, erwidert. 
Wanda, nur war äußerlich von einer „rohen“ Wirkung nichts wahr: 
gunehmen, viel eher von „Troß“, der den „Widerftand“ zu über: 

mern fchien. 

Die Frage Marthas nah dem Ausgangspunft des „Wider \ 

Standes“ Teitete die Beichte ein. 


Bor der Scheidung. 603 


au Wanda entwarf ein Bild chelichen Lebens, wie es von 
dem Idyll ländlichen Pfarrlebens mit feiner Sorgenfreiheit und dem 
Gleichmaß feiner Tage nicht greller fi) abheben konnte. Sie ent- 
hüllte der Freundin die Leiden an der Seite eines Gatten, der al 
Eingewanderter und Inhaber eines jungen Gefchäfts, von Haus aus 
mit ſehr bejcheidenen Mitteln verfehen, in der Großftadt den Kon— 
kurrenzkampf mit jo vielen älteren Firmen aufgenommen hat. Da 
jörte Frau Martha von einem Manne erzählen, der vom frühen 
orgen bis zum jpäten Abend Gerwinnes halber unterwegs ift, und 
der auch in ben duch Effen, Trinfen und Schlafen ausgefüllten 
an diefer fieberhaften Thätigkeit der Sorgen und Gedanfen an 
jeine gejchäftlichen Unternehmungen ſich nicht zu entlebigen vermag. 
Da Haute fie hinein in ein Stüd großftädtifchen Elends: die junge, 
jebildete Frau“ eine Fremde unter den vielen hunberttaufend ‚Men- 
hen, ohne Belanntichaften, ohne jeden anregenden Umgang, den 
janzen Tag über allein mit dem Kinde und dem Hausmäbchen; der 
Gate am — erſchöpft heimkehrend, bald verſtimmt durch allerlei 
widrige Begegniſſe, bald beſeſſen von einer neuen geſchäftlichen Idee, 
die anderen Tages verwirklicht werden foll, ftets abgezogen vom 
frohen, ruhigen Genießen des umfriedeten, häuslichen Glücks, wort⸗ 
Targ gegen die rau, oft von nervöſer Reizbarkeit und Ungeduld, 
nur gegen das Kind von einer Nachjicht, die an Schwäche grenzt 
und mit allen Erziehungsprinzipien der Mutter in Widerjpruch fteht; 
die Sonntage, die Tage der gejchäftlichen Ruhe, ohne Frieden, ohne 
BBeibeı die neue Woche folder Art oft mit einem Mißklang an- 
be 


„Martha, ich halte diefe Leben nicht mehr aus, ich gehe zu— 
grunde, wenn ich ‚nich nicht von ihm trenne.“ 
So endete die Veichte, die jo ganz anders verlief, als Die 
Freundin erwartet hatte. Erſchüttert, verlegen ſaß die Pfarrfrau da. 
Wie viel Unglüd war doch in den Gottesfrieden bes Bin 
hauſes eingefehrt! Und wie andächtig dankbar empfand Frau Martha 
wieder einmal das Gottesgeſchent ihres Lebens; den guten, eblen 
Gatten voll Nachficht, Duldung und ſtets ‚gleihfeibenber Liebe; die 
wenn auch bejcheidene, doch auskömmliche Lebenslage; bie erquidende 
Nuhe des Landlebens! Doch nur einen Augenblid beherrichte fie 
dies Danfgefühl; dann wurde ihr de von dem Iebhaften —8 
erfüllt, zu helfen, zu lindern. Sie gab dieſem Wunſche ſogleich den 
berzlichften Ausdruck. 
„Du kannſt mir helfen“, verſetzte Wanda in den Armen der 
eundin und blickte mit ihren dunklen, ernſten Augen feſt in die 
janften, hellen Marthens. „Ich bin ohne Vermögen, wie Dir be— 
Sur Hz bin eine Waife und habe niemand, bei dem ich eine 
uflucht finde.“ 
„Du vergißt, Wanda, daß Du eine Freundin haft“, warf Martha 
faſt verlegt ein. 
„Deren Herzendgüte ich fenne und auf bie ich in der That 
ar 


Lane 


604 Bor der Scheidung. 


zähle. Ic bin entichloffen, allein in das Leben zu 

mir als Lehrerin mein Brod zu verdienen, aber Dich wollte ih 
bitten, meinen Erwin in Pflege zu nehmen. Dir allein auf der 
Welt vertraue ich mein Liebites an, Du wirft ihm eine zweite 
Mutter fein, das weiß id); unter Deinen Augen und in der Zucht 
Deines Mannes wird das Kind an Leib und Seele gedeihen, wäh— 
rend ich unter den jegigen Verhältniſſen für nichts einftehen Tann.” 

Erwin hatte gerade einen jchillernden Perlmutterfnopf entbedt, 
mit dem er vom Fenſter her nach dem Sopha gelaufen fam. Da 
er aber zuvor verjchiedene Zmwirntollen und Bänder zu Boden ge— 
worfen hatte, jo blieb er mit ben Füßen in einem Gewirre von 
Fäden hängen und fah fich zu feiner nicht geringen Bekümmerniß 
im Laufen beengt und | — gefeſſelt. Eben wollte er deßwegen 
u weinen beginnen, ala Martha feine Noth erblickte, zu Hilfe ſprang, 
m neben ihn auf den Boden fegte und ihn befreite. 

Der Heine Schelm aber, das ſchöne, glatte Frauenhaupt dicht 
vor Augen, betrachtete daſſelbe erjt mit ftilem Wohlgefallen, dann 
ſchlang er plöglich feine Heinen Arme um ihren Hals und legte 
jene linfe Wange zärtlich an die ihrige, ganz wie er bei Gebelaune 
mit feiner Mutter zu koſen pflegte. 

Fe drüdte Frau Martha den Heinen Schmeichler 
ans Herz. 

Es traf das jo merkwürdig mit den legten Worten Wanda 
und mit den eigenften, innigſten enswünfchen Martens zuſam⸗ 
men, daß man verjucht war, zu glauben, aud der Kleine habe fein 
Einverftändniß erfläven wollen. 

Frau Martha war fo beraufcht von diefem Vorgang, daß fie 
jeden Verſuch unterließ, der Freundin vorzuftellen, ob Ausparren 
und Geduld nicht doch räthlicher ala die Trennun, fe 

Sie hob den Knaben empor, behielt ihn aut em Arme und 
fagte zu Wanda: 

„Wir befprechen alles ausführlich und in Ruhe. Jetzt laß mir 
Deinen Liebling nur auf ein paar Angenblide. Ich will ifm meine 
Hühner zeigen. Mein Mann wird Augen machen, wenn er fieht, 
dag Erwin nun doch zur Tante gegangen ift. Nicht wahr, mein 
Erwin, wir vertragen und? Die Tante hat auch ſchöne Hühner.“ 

An der Treppe angelommen, wandte fie fi) nad der Mutter 
des Kindes um: 

f „Komm, liebe Wanda, fieh Dir auch einmal meinen Hühner 
hof an.“ 

Glück in den Augen und Röthe von der ungewohnten Anftren- 
ung auf den Wangen, ſchritt die Pfarrfrau, das Kind auf dem 
rme, zum Hof hinab. 

Sinnend, den Blick zu Boden gefenkt, folgte Wanda, Zwiefpalt 

im Herzen, Bekümmerniß auf dem jchmalen, zarten Geficht. 

Der Pfarrer ftand am Fenſter feiner Arbeitsftube Als er 

jeine Frau im Hof erblidte, das Kind auf dem Schoße, Täubchen 


»or der Scheidung. 605 


auf den Schultern und Hühner zu Füßen, wünſchte er, das Bild 
feſthalten zu können. 
So ausnehmend gut gefiel e3 ihm. 


1 * * 
* 


Frau Martha entdedte an Erwin immer neue Schönheiten, 
neue Borzüge. Ihr gen trug Verlangen, das Sind zu behalten, 
ihr Verftand hieß fie, die Freundin beruhigen und derjelben die ver- 
iaflene Häuslichfeit und den Gatten in milderem Lichte fehen zu 
lafſen. 

du diejer Verſtandesübung wurde fie namentlich von Ihrem 
Gemal angehalten. 

Er war durch die Eröffnungen feiner Frau über die Abſichten 
der Freundin ſehr überrafcht worden. Er nahm den Fall ſehr ernft. 

Ernſt genug behauptete zwar auch feine Frau die Sade zu 
nehmen, indem fie fich zum berebten Anwalt des gepreßten Herzens 
der Freundin aufwarf, und deren leidenfchaftliche Anklagen gegen 
den oft rauhen und wenig liebenswürdigen Gatten fo Teidenfeiaht ich 
wiederholte, daß der Pfarrer ihr die Wange klopfte und fie ſcherz⸗ 
weije bat, feinen Haß gegen die ganze Männerwelt in ſich auffeimen 
u laffen, eine Nederei, die Frau Martha nicht ganz am Platze fand. 
Sndeffen, wenn er fie gleich darauf gemefjen und nachdrüdlich bat, 
recht verſöhnlich auf Wanda einzuwirfen und fie zu wiederholter 
Selbitprüfung zu ermahnen, fo wurde fie jedes Mal wieder zweifel- 
haft, wer von ihnen es am ernfteften und beiten mit Wanda meine. 
Jedenfalls that fie, wie er fie geheißen, und verfuchte Wanda um- 
zuftimmen, mußte es freilich ftets wieder als ausfichtslos einftellen. 

Der Pfarrer war ein junger, tüchtiger Mann, der volles Ber: 
ftändniß für den Ernft der Lage bejaß, in welche feine Frau ſich 
und ihn durch die Einladung der wenig glüdlichen Freundin ge- 
bracht. hatte. 

Nach außen Hin ruhig, regte ihn das Ungewohnte und Unge- 
wöhnliche feiner Stellung zu einer Frau von jo trüben Erfahrungen, 
und die zu einem jo folgenjchweren Entſchluß, wie die Trennung 
für Leben verbundener Gatten ijt, ſchon gelangt war, nicht wenig 
auf. Er ſah den Beitpunft herannahen, da er beftimmte Stellung 
u nehmen genöthigt fein, da Frau Findeiſen fich direft an ihn um 

ath wenden werde. 

Er fühlte felbft das Bedürfniß, ‘e8 zur Ausſprache kommen zu 
laſſen, aber nicht minder das, zuvor fich felbft über den Fall Kar 
zu werben. 

Von einem einfamen Spaziergang zurüdgefehrt, der ihn meit, 
bis in den fernen Wald, geführt hatte, begab er ſich eines Abends 
in den Garten, wo er rau Findeifen vermuthete. 

Frau Martha war in der Küche mit der Zurichtung des Abend- 
brods beſchäftigt, Erwin bereit zur Ruhe gebracht. 





Bor der Scheidung. 


Der Tag hatte viel Hige gebracht, die Luft fich erft jegt etwas 
‚„ abgefühlt. Die Sonne war ſchon länger unter, doch der Himmel 
noch von Licht umfloffen. 

Im mittleren breiten Weg de3 Gartens ſchritt Frau Findeijen 
Yangfam auf und nieder. 

Nach den eriten Worten der Begrüßung begann der Pfarrer: 

„der Eleine Erwin ift ſchon fchlafen gegangen, wie mir oben 
gelost wurde. Hat ſich gewiß recht müde gelaufen, daß er fein 

ager fo zeitig jucht.“ 

„Sch bin glücklich darüber“, erwiderte Frau Findeifen. „In der 
Stadt war das Kind abends gewöhnlich fo aufgeregt, daß es vor 
9 Uhe nicht eingefchlafen ift. Mitunter habe ich eine Stumde lang 
an feinem Bett gejeffen und es in Schlaf zu fingen verfucht. Wenn 
Erwin meinen Mann heimtommen hörte, war in der Regel alles 
vergeblich. Er verlangte wieder Heraus und es find oft Bittere 
Thränen gefloffen, wenn ich ihm nicht den Willen that. Gewöhnlich 
ging mein Mann ungeachtet meiner Bitten ins Schlafzimmer zu 
Erwin und brachte ihn in die Wohnftube zurüd. Dadurch wurde 
das Kind natürlich vollftändig munter, verlangte mitzueffen und war 
fchließlich jo erregt, daß e&, in die dunkle Kammer getragen, heftig 
zu weinen anfing. Meine Aufgabe war dann, das Einfeläferungee 
werf noch einmal von vorn zu beginnen.“ 

„Ihr Mann hat den Knaben gewiß fehr lieb“, fagte der Pfarrer 
nad) einer fleinen Paufe. 

Frau Findeifen ſchwieg betroffen. Nach ihrer Meinung hatte 
fie_dem Pfarrer einen Beweis ber Unverjtändigfeit und Rügſichts- 
Tofigfeit ihres Mannes gegeben, und der Pfarrer hatte den Beweis 
von Liebe zum Kinde darin gefunden. 

Darin Iag ein Widerfpruch, der fie reizt. Cie wollte nicht 
gern mißverftanden werden und begann deßh tb: 

„Ich weiß nicht, was ich in dieſem Bunfte denken fol. Acht 
Tage bin ich nun mit dem Kinde von Haus weg, und mein Mann 
hat fi) nod mit feiner Silbe brieflich nad, Erwind und meinem 
Befinden erkundigt. Ich habe ihm meine Ankunft im Pfarchaufe 
umgeben gemeldet, bin aber bis heute ohne jede Nachricht von ihm 
geblieben.” 

Nun ſchwieg der Pfarrer betroffen. Seine Frau war einmal 
vierzehn Tage bei einer Freundin in K. gewefen, und er hatte ihr 
jeden zweiten Tag einen Brief, mindeftens eine Karte gefchrieben. 

ier ſchien wirklich) ein Beweis von Herzensfälte auf Seiten 
des Mannes erbracht. 

Sie fchritten aufs neue den langen Mittelweg hinauf, als der 
Pfarrer begann: 

„Könnten Sie fich denn ganz von Ihrem Kinde trennen?“ 

„Wenn es fein müßte, ja“, antwortete fie gedrüdt mit einem 
erftidten Seufzer, und feßte hinzu: „Wenn ich nämlich die Gewiß- 
heit hätte, daß Erwin im geordnete, harmonifche Verhältniffe, in 





Bor der Scheidung. 607 


liebevolle Hände käme. Wie nur eine Mutter ihr Kind, liebe au 

ih Erwin über alles, aber“ — hier Eonnte fie den Thränen nid)! 
mehr gebieten — „mein Kind ſoll nicht Zeuge ehelichen Zerwürf- 
nifje werden. Dieſe trübfte aller Lebenserfahrungen möchte ich ihm 
fparen, deßhalb fann ich mich von ihm trennen, und — wenn mir 
auch das Herz darüber brechen follte.“ 

Der Pfarrer befämpfte feine Erregung nad) Kräften. 

„Ih kann mich in Ihre Lage wohl hineindenfen“, jagte er mild. 
„Sie machen ſchweres durch. Wie ich bereits weiß, wollen Cie ſich 
von Ihrem Gatten trennen. Sie können natürlich allein urtheilen, 
ob ein Aufammenleben mit ihm unter den jegigen Verhältniſſen noch 
möglich ift Aber jagen Sie mir, bitte, das eine: Können Sie ſich 
ein Zufammenfeben unter veränderten Verhältuilfen denken? Alfo 
. B., wenn Ihr Gatte einen anderen Beruf oder aud) nur eine ge- 
Figerte, ruhigere Thätigfeit in feinem jegigen Berufe hätte?“ 

Frau Findeifen preßte ein weißes Tuch heftig gegen die Augen 
und rang nad) Fafjung, bis fie ganz ruhig fagen fonnte: 

„Mein Gatte ift ein braver, vortrefflicher Menſch, der ein bef- 
ſeres, glüdlicheres Los verdient hätte. Wie er jegt zu ringen und 
zu fämpfen genöthigt ift, reibt er fih auf. Es überfteigt feine 
Kräfte, er überfchägt diefelben, ich habe es ihm oft gerug gejagt, 
aber er ift ftetS taub gegen meine Vorftellungen geweien. Wie glüd- 
lich könnten wir leben, wenn er einen bejcheidenen Poften einneh- 
men wollte, wie ihm ſolche wiederholt angeboten worden find. Aber 
nein, die unfelige Sucht nad) Gewinn, die alles verjchlingende Gier 
nad) Reichthum geftattet ihm dergleichen nicht. Wir paſſen nicht 
zufammen, e3 iſt mir flar geworden. Wir würden beide zugrunde 
gehen. Mag es fein, nur in ſoll nicht mit ins Verderben ge— 
zogen werden. Er ſei um jeden Preis gerettet.“ 

Der Pfarrer wandte IK tief erjchüttert ab. Was vermochte er 
dem entjchiedenen Willen diefer fein organifirten und doch fo feclen- 
ftarfen Frau entgegenzufegen? . 

Das Bild des Knaben ftand plötzlich vor feinem geiftigen Auge, 
diefes lebhaften, gewedten Kindes mit den dunklen Augen der Mutter 
und deren fräftigen Willensfundgebungen. Er vergegenwärtigte fich 
das Entzüden feiner Frau, wenn fie ihn durch den Garten führte, 
die ſchönſten Blüten brach, fobald er nur ein Händchen verlangend 
danach ausftredte, und wenn fie ihn auf den Armen tragen und 
herzen fonnte. Er hatte das Wunder mit eigenen Augen erlebt, wie 
das Kind, das anfangs Martha wie eine Zudringliche abgewiejen, 
fi) allmählich innig an fie angefchloffen hatte. 

Ganz von dieſen freundlichen Vorſtellungen beherrfcht, richtete 
er an Frau Findeifen die grage: 

„Slauben Sie denn, daß das Kind feine Eltern nicht vermiſſen 
werde?“ 

„Die erften Tage vielleicht“, erwiderte fie, „dann nicht mehr. 
In feinem Alter verdrängen nene Eindrüde die früheren gänzlich. 


"608 Bor der Scheidung. 


Geben ihm feine Pflegeeltern nur die Liebe der rechten Eltern, fo 
hat das Kind vollauf, was es verlangt und braucht und wird ſeinen 
Erzichern mit gleicher Anhänglichkeit lohnen.“ 

In der Hausthür erfchten die Frau Pfarrer, die brennende 
Lampe in der Hand. Das Mädchen mit dem Abendefien auf einem 
Brett folgte. 

Unter der Linde am Haufe ließ man ſich zum gemeinjamen 
Mahle nieber. 

Den Gefprächsftoff lieferten Erwins heutige Aeußerungen und 
Taten. Da gab es viel zu lachen. 

Die drei Menfchen bekamen das Thema gar nicht überbrüffig. 
Die Pfarrfrau glaubte fogar im Stillen zu bemerken, daß ihr Gemal 
noch an feinem Abend das Geſpräch jo eifrig gepflogen. 

Diefe Wahrnehmung machte fie ſehr froh. 


* * 
* 


„Bat Frau Findeifen noch feinen Brief von ihrem Mann er 
halten?“ redete der Pfarrer zwei Tage ſpäter im Garten feine Frau 
an, in deren Nähe Erwin mit Kieſelſteinen fpielte. 

„Nein! Mic; wundert nur, daß fie täglich verftimmter über das 
Ausbleiben wird. Es follte fie vielmehr in ihrem Entſchluß be— 
ftärfen, fi) von ihm zu trennen, e3 follte fie ermuthigen. Iſt es 
doch eine neue Thatſache, welche ihre Gefühle der Abneigung recht- 
fertigt.“ 

Ich meine, folange fie noch feine Frau ift, muß fein Benehmen 
fie fränfen und verlegen“, entgegnete er. „Martha, wir unfererjeits 
müffen zu einem fe N gelangen, hör’ mir, bitte, aufmerffam zu. 
Das Kind würde ſich ohne —75 an uns gewöhnen, es fragt fe 
nur, ob wir uns nicht ebenfalls derart an daſſelbe gewöhnen würden, 
daß uns fin Verluft eines Tages tief beugen würde. Behält näm- 
lich auch die geſchiedene Frau in den erften Jahren ben Knaben, jo 
wilfen wir doch Bi ob der Nichter ihn ihr auch dauernd zuerfennt, 
oder ob der Vater fein Recht geltend macht. Das Leptere ift fogar 
— In diefem Falle müßten wir alſo Erwin wieder 

‚geben.“ 

„Lieber Mann, ganz dajjelbe Habe ich mir auch ſchon gejagt. 
Aber darf denn die Liebe nad) folhen „Wenn“ und „Aber“ fragen? 
Können wir an dem Kinde der armen Freundin gutes thun, fo laß 
es uns thun, ohne erft unfer eigenes Intereffe dagegen abzuwägen. 
Sieh’, wir find ja ſchon längft darin einig, daß wir einmal jo ein 
kleines Wefen an SKindesftatt annehmen wollen. Wie leicht macht 
e3 uns der Himmel, diejen Vorfag auszuführen! Das Kind der 
Freundin, den gefunden, ſchönen Knaben mit den offenen Sinnen und 
dem Tiebebebürftigen und liebeempfänglichen Herzen — wahrlich, es 
foftet wenig Ueberwindung, dieſes Kind wie fein eigenes zu lieben. 
Gütiger konnte das Geſchick es wirklich nicht mit uns meinen.“ 


Vor der Scheidung. 609 


Der Pfarrer ergriff die Hand, die auf feiner Schulter lag und 

drüdte fie herzlich. 
Wein Marthchen ift bereit® entſchieden“, fagte er Tächelnd, 
„nun, Du haft die Laft, bei Dir liege auch die Entſcheidung. Wenn 
Du glaubft, da wir Deine Freundin durch die Mittheilung unſeres 
Entſchluſſes aufheitern, jo rufe fie herab.“ 

Die Pfarrfrau warf ihrem Gatten einen zärtlichen Blick zu und 
Tief zum Haus. 

gu Findeifen Teiftete dem Rufe unverzüglich Folge. 

Sie glaubte anfänglich, der Briefbote habe etwas für fie ge- 
bracht, und vermochte ihre Enttäufhung nicht zu verbergen. Sie er- 
klärte, feit heute Morgen habe fie mit einem ungefannten Gefühl 
von Angft zu fümpfen, das fi) von Stunde zu Stunde fteigere. 

Der Pfarrer bat fie, in die Laube einzutreten, wo fie einmal 
ganz offen über das Schidjal des Kindes jprechen wollten. 

Wanda empfing die tröftliche Gewißheit, daß fie ſich in ihrem 
Vertrauen auf die Hilfe der Pfarrleute nicht getäufcht habe, aber 
merfwürbigerweife wurde der Drud der Unruhe, unter dem fie ftand, 
nicht von ihr genommen. 

Etwa zehn Minuten mochte fie in der Laube gejeffen haben, 
als fie durch laute, männliche Stimmen, die aus einiger Entfernung 
in den Garten herüberflangen, erjchredt wurde, und mit dem jähen 
Angitruf: „Wo ift Erwin?“ emporfuhr. 

Fran Martha erſchrak heftig. Sie hatte noch vor etwa einer 
halben Stunde das Kind im Garten um fich gehabt. Im Geſpräch 
mit ihrem Manne und in dem weiteren mit Wanda hatte fie des 
Kindes wirklich nicht mehr geachtet. 

Wanda fprang aus der Laube nad) dem mittleren Gang und 
Wpähte denfelben hinauf und hinab. 

Der Pfarrer und Martha eilten ihr nad). 

Marthg nahm zuerit wahr, daß die Gartenthür am Ende des 
— halb geöffnet war. Dort hinaus mußte das Kind gegan- 
gen fein. 

Dort floß auch der Bach vorbei. Zwiſchen Gartenzaun und 
Bach zog fich ein ſchmaler Wiefenftreifen hin. Das Ufer des Baches 
war von da bis zur Schleufe abwärts gemauert und ziemlich Hoch. 
Ein Geländer war nicht vorhanden. 

Das Waſſer war zwar nur einen Fuß tief, aber ein Sind, das 
hineinfiel, fonnte darum wohl ertrinten. 

Alles das ftand Wanda, als Martha auf die Halb geöffnete 
sartenthür zeigte, blitzſchnell vor der Seele. 

„Erwin! Mein in!“ Mit diefen Worten ftürzte fie durch 

ın Baumgang fort. 

Die Pfarrleute, fchredensbleich, folgten. ' 

Wanda hatte die Gartenthür noch nicht erreicht, ala ein Herr 

irch diefelbe in den Garten eintrat, ein Kind vor ſich auf den 
rmen tragend. 





610 Bor der Scheidung. 


„Feodor!! — Erwin!“ ſtieß Wanda Heraus und blieb wie ge— 
lähmt ftehen. i 

Ihr Mann näherte fe ihr und Iegte den Stnaben, der an der 
Stirn blutete und deſſen Kleider vollitändig durchnäßt waren, in 
die Arme der Mutter, die ſich mechaniſch ausbreiteten, das verun- 
glüdte Kind. zu empfangen. 

„Seine Augen find noch geſchloſſen“, fagte er mit zitternder 
Stimme, aber fo weich und mild, ala bewache er den Schlummer des 
Kindes, — „doch Herz und Lungen find in Thätigfeit. Sieh’, wie 
leicht er athmet. Auch die Wunde läßt zu bluten nah. Der 
Seeden hat ihn nur überwältigt. Entkleide ihn umd lege ihm 
ins Bett.“ 

Wanda wollte gehorchen, aber ehe fie ji zum Gehen wandte, 
muhte fie noch einen Blick ihres Mannes aufzufangen fuchen, der 
ihr galt. 

Er mußte gleichfalls den Wunſch, ihr in die Augen zu bliden, 
begen, denn ihre Blicke begegneten einander: in ihren Augen zitterte 
der Schreden nah und eine gewiſſe Scheu und Demuth; aus den 
feinigen brad) ein Strahl froher Zuverjicht fiegreich hervor. | 

Ob er weiß, daß er Din zurüdgewonnen hat? dachte Wanda ' 
in demſelben Augenblid. — Und ic) wollte mich von diefem Mann 
trennen? Und von dem Kinde dieſes Mannes? — ” 

Als diefe Herzensfragen ihr die Röthe ins Geficht trieben, und 
fie ihm verzagt in die Augen ſchaute, nickte er ihr treuherzig zu. 

„Ich erzähle Dir den Hergang, Wanda, indeß wir zum Haufe 
fchreiten“, fagte er freundlich. 

Wanda ging mit Erwin voran und vernahm, wie Feodor hinter 
ihr den Pfarrleuten erzählte: 

„Ich kam den Wieſenweg am Bach herauf, als ich hier in der 
Nähe Abe Schritte vor mir mehrere Schnitter don der Arbeit 
weglaufen und zum Bad eilen fah. Einer von ihnen rief mir, 
näher fommend, zu: Ein Kind ift ins Waffer gefallen! Aufgepaßt! 
Ich denke nicht ander3 ala ein Kind der Schnitter, das am Bach 
gejpielt hat, ift in Gefahr, und fpringe fofort durch die Erlen Hin- 
unter ins Waffer, um daſſelbe feinem Lauf nach überjehen zu fünnen. 
Anfangs war es ziemlich tief. Es ift dort die Schleufe, wo das 
Waffer gejtaut wird und zum ae auf das nahe Mühlrad geleitet 
iſt. Ich ſtand bis an die Bruft darin und ſchritt der Strömung 
entgegen. Kam das Kind angeſchwommen, konnte e& mir nicht ent 
gehen. Der Bach wurde immer flacher. Die Schnitter fonnten d-- 
dichten Weiden und Erlen wegen nicht? ſehen. Auch ich jah un 
hörte fange nichts. Plöglih, um eine Schleife biegend, erblide ü 
Erwin, im Wafter liegend! Er muß beim Herabfallen mit der Stirr 
auf den großen Stein gejchlagen fein, der aus dem Waffer ragt un 
ihm das Leben gerettet hat. Denn mit dem Kopfe blieb er bewuß 
108 auf dem Steine liegen, während der Heine Körper ganz it 
Waffer ſank. Wie glüdlich war ich, als ih ihn am Leben fand, wı 


Bor der Scheidung. 611 


unbefchreibfich glücklich! Ich dankte Gott, nicht anders, als ob mir 
das Kind zum zweiten Male gejchenkt jei.” 

„Und was führte Sie des Weges daher, Herr Findeiſen?“ fragte 
der Pfarrer fast jHüchtern und Scheiben. 

„Die Sehnfucht nah Frau und Kind, Herr Pfarrer“, erwiderte 
er mit Serageiinnender Offenheit. „Nie, tie laffe ich fie wieder 
von meiner Seite. Ich ahnte ja immer, da eine aud nur furze 
Trennung mir die größten Qualen bereiten würde.” 

Da jubelte Wanda: 

„Feodor, Feodor, fich' doch nur, er fchlägt die Augen auf, — 
er lächelt, da er uns beifammen erblidt. Nicht wahr Erwin, Papa 
und Mama follen bei Dir bleiben?“ 

Und ein feines Stimmchen hauchte ſchwach: 

„Bapa — Mama!“ 

Im Rüden des glücklichen Elternpaares aber ſank Frau Martha 
ihrem Gatten an die Bruft und verbarg ihr glühendes Antlig. 

„Danke dem Herrn, daß er verhütete, daß unfer gutes Wollen 
fich in Schuld verwandelte“, flüfterte er ihr ins Ohr. 

Sie dankte — mit ſchwerem Herzen. 

* * 
* 

Als Erwin den Genejungsfchlaf jchlief, nachdem er etwas Fräf- 
tige Nahrung zu fich genommen, fanden Feodor und Wanda fi im 
Garten zufammen und jchritten unter dem Fenſter des Schlafzimmers 
Arm in Arm auf und nieder. 

Er war ganz Freude, ganz Liebe. Endlich war's ihm gelungen, 
für fein Geſchäft einen Kapitaliften zu finden, der ftiller Theilhaber 
wurde, aber verlangte, daß Zindeifen für einige Wochen cin Bad 
auffuche, um neu gefräftigt das vergrößerte und nunmehr völlig ges 
ficherte Geſchäft zu übernehmen. 

Der Erfolg nad) Jahren vergeblihen Mühens und harten 
Schaffens hatte in Feodors. ganzem Wejen Wunder gewirkt. Das 
Leben der legten zwei Jahre erfchien ihm wie ein böfer Traum, und 
fein Herz quoll über von Dankbarkeit und Verehrung der Gattin, 
welche die Zeiten der Entbehrung und der Entjagung fo treu mit ihm 
geibeit hatte. Nun waren fie am Ziel, nun hatten fie überwunden. 

un follte auch ihr Leben in Behaglichkeit und Gleichmaß hinflieken. 
Eine bequemere Wohnung, von einem Garten umgeben, war ge 
miethet, eine andere Zeiteintheilung getroffen, um ein ſchönes Fami— 
lienleben pflegen zu Fönnen. 
oo. 

Der Wagen ftand vor ber Thür des Pfarrhaufes, der die Gäfte 
nach dem Badeorte entführen follte. 

Nie ift vielleicht wieder ein rührenderer Abſchied im Pfarrhauſe 
vorgefommen, al3 an jenem Morgen. 


612 Bor dr 


Erwin winkte | 
Mutter, und die P 
Kindes nachzublicken. 
Die Eltern ha 
Pfand ihres zufünftigen Glückes. 
Bald lagen Pfarrhaus und Garten wieder in altgemohnter Ruhe. 
Manchmal meinten die Pfarrleute, wenn fie den Mittelgang auf= 
und abfehritten und von Erwin fprachen, jein jubelndes Stimmchen 
über die bunten Blumen her erklingen zu hören. 
Oder waren es Engelftimmen, die aus den guten Herzen der 
Pfarrleute herauftönten? 


Die drei Verbrechen. 


Ferflucht ift in Frankreich, wer fchreibt und ſpricht 
Und feinem Volke ſchmeichelt nicht. 


Drei Sünden jedoch darf mit ftrafendem Ton 
Verwerfen ein jeder der „Großen Nation.“ 


Er darf ihr fagen, wie tief es ihn kränkt, 
Daß fie zu gering von ſich ſelber denkt. 


Er darf ihr fagen, wie's ihn entſetzt, 
Daß fie ſiets dis fremde EV überſchätzt. 


Mit Zorn darf er rügen, daß ſie nicht 
Verächtlich genug von Deutſchland ſpricht. 


Benno Rüttenauer. 


me 


Reiſebilder aus dem Südoſten Guropas. 
Bon Irma v. Groll-Borofyäni. ’ 
Schluß.) 
VI. 
Hrianda, 


I nennt man Alupfa die Perle der herrlichen Schlöffer 

nd Villen, von denen die Sübküfte der Krim überfäet, 

ohl mag die breite Bucht Gurfuffs durch ihre weiten 

ud Meer hinaus gefchleuderten Felſen, durd) die von 
den Wellen ausgewählten Höhlen und durch die Ruinen ihrer uralten 
Veſte das Intereſſe des Beſuchers aufs höchfte erregen; aber auch 
Du, Drianda, darfit Dich vor Deinen Schweitern nicht ſchämen und 
ich ziehe Dir feinen ber von Balaklawa bis Aluſchka aneinander ge- 
reihten Paläfte und Landfige vor. 

Das in italieniſchem Geſchmack aufgeführte Schloß wurde vor 
drei Jahren das Opfer einer Feuerabruntt Man munfelte verjchie- 
en deren Entſtehungsurſache. Viele Hagen die Nihiliften als 

Irheber an. 

Wider Erwarten der Anhänger des Großfürften Konftantin 
(Oheim bes gegenwärtigen Zaren) brachte die —— ſeines 
Schloſſes — deren Urſache wohl nur in einem überheigten fen zu 
ſuchen ift — die Aufhebung feiner Verbannung naı ianda nicht 
mit fih. Wie verlautet, foll die Wiederherftellung deffelben binnen 
kurzem in Angriff genommen werden. 

Der Tuftige Chulen jang, welcher ben mit einer Fontäne und 
tropifchen Gewächſen geſchmückten innern Hof umgiebt, fowie die 
Kolonnaden an der gegen das Meer gerichteten Front, geben auch 

aut noch Zeugniß von dem jtolzen, prächtigen Stile des Baues, 
! Ten Koften auf eine halbe Million Rubel veranfchlagt wird. 
Unweit des Schloſſes fteht eine uralte Eſche, aus deren wohl 
r Fuß didem Stamme ber jtarfe Strahl eines frifchen Brunnens 
« ill. Eine auch etwas bizarre Laune verkörpert ſich in den brei 
! einen Teichen, welche Die genauen geographifchen Karten des ſchwar— 
i ı und kaſpiſchen Meeres und des Araljees in natura darftellen. 


614 Reifebilder aus dem Südoften Europas. 


In dem mehr einem Urwalde als einem kaiſerlichen Garten 
ähnlichen Parke ijt forgfältig jedes zutagetreten ber Kunſt ver- 
mieden. An den mädjtigen Stämmen der alten Bäume Elettern 
üppige Schlingpflanzen hinan, welche gleich ſüdamerikaniſchen Lianen 
von einem Baum zum andern hin- und zurüdlangend dichte, undurch- 
dringlicde Laubdächer bilden. In ſolchem fchattigften Dickicht ver- 
“birgt fi) das Kleine, aber reizende Häuschen, welches der Großfürſt 
bewohnt, während jeine Familie und Dienerfchaft in geräumigeren, 
durch ein geſchmackvoll angelegtes Blumenparterre vom Schloſſe ge 
trennten Gebäuden untergebracht find. 

Ein ſchmaler, wohlgeebneter Pfad führt an dem überjchatteten 
Teiche, auf welchem zahme Schwäne ihr ſtattliches Gefieder entfalten, 
vorüber zu einem durch Fels und Baum geborgenen ftillen Plägchen 
an taufchender Kasfade und von da fachte anfteigend zu dem hoch 
über dem Schlofje auf einem Eleinen Feljenplateau erbauten Rondell 
griechifcher Säulen. 

Ueberraſchend ſchöner Anblic bietet ſich hier über die mächtigen 
Wipfel des des: vor ung, düſter und öde, die dachlofen, zum 
Theil mit Schutt erfüllten Gemächer des zerftörten ftolzen Baues, 
und dicht daneben, im lieblichen Farbenfchmud der Blumen und 
Gräfer, die Gartenanlagen und das improvijirte Wohnhaus, vor 
deſſen Veranda zwei fürftliche Kinder fröhlih und forglos jpielen. 
Im Hintergrund des Parkes und Schloffes ragen zwei gewaltige 
Felſen ins Meer: verjtoßene Söhne des Gebirges, trogige Wächter 
bes Ufers. Der rechte, breit und maffiv; der linke, fchlant umd hoch, 
und auf feiner Spige ein enormer Maft, defien wehende Flagge Die 
Anwejenheit des Großfürften verfündet. Weiter zur Rechten erhebt 
fich der durch ein Kreuz bezeichnete Gipfel des Kreuzberges, im Hin- 
tergrunde von dem noch höheren Ai-Nifolo überragt, und im Rücken 
fteigt ſteil und fchroff, theils bewaldet, theils in nadten Wänden 
und Zaden der Hauptzug des Jaila-Gebirges an. 

in jtummes Staunen verſunken ftand ich gelehnt an eine Der 
ſchlanken Säulen diejes Tempels, errichtet der ewig herrichenden, 
hier ra in höchftem Glanze offenbarenden Göttin: Natur. — Ach! nicht 
einen flüchtigen Augenblick möcht' ich hier weilen und wieder weiter 
wandern müjjen. Ihm rief mein Herz zu: ‚Verweile doch, Du bit 
fo fdhön!“ 

Stunden und Stunden jüb ich dort, und immer wieder kehrt 
ih dorthin zurüd, um zu laufchen dem dumpfen, ewig erneuten 
Brauſen de3 brandenden Meeres tief unter meinen Füßen, dem 
Waldesraufchen über mir; um Berg und Meer zu jchauen im wunder 
baren Lichte des füdlichen Himmels, das jedem Gegenftande fo zauber⸗ 
vollen Glanz und Relief verleiht; oder zu ſchauen im wilden Ges 
witterfturm, dem bie alten Fichten ächzend fich beugen, wenn der 
brechenden Wogen weißer Schaum Hoch am Felſen emporfprigt. 


Neifebilder aus dem Südoften Europas. 615 


VIL 
At Petri. 

Ein heiterer, klarer Dftobermorgen, frifh und milde, umfing 
uns, al3 wir kurz nad fieben Uhr in den mit drei feurigen, kräfti— 
gen Roßlein beſpannten Korbiwagen ſtiegen. Saure Arbeit harrte 
ihrer! 

Dieſe hier allgemein gebräuchlichen Wagen bieten Raum für 
fünf Perſonen, ſind ungemein leicht und mit einem auf vier eiſernen 
Stangen aufzuſpannenden Zeltdache verſehen. Der rückwärts, gleich 
einem Bedientenfige, angebrachte Platz iſt in Hinſicht auf die freiere 
Rundſicht ber günftigfte. 

Oberhalb Livadıa zweigt unfere Straße von der nad Drianda 
und Alupfa führenden recht? ab, in die Berge hinauf; zuerft Durch 
Weingärten, dann durch mächtige Laub- und Fichtenwälder, deren 
Fräftigender, würziger Harzesduft, je höher wir fteigen, umfo mächtiger 
auf uns einjtrömt. 

Sechs bis fieben Werft von Jalta entfernt, in ber Nähe des 
höchſt pittoreslen Wafferfalles Utſchan-Sſu, fommen wir an einem 
Heinen Holzhäuschen vorüber, in welchem während der Saifon Thee 
und einige Erfriſchungen geboten werben. Dieſer, wenngleich im 
Sommer und Kerbit ziemlich wafferarme Fall ift um feiner Um- 
gebung willen einer der herrlichſten Punkte der an Naturſchönheit fo 
reichen Gegend und häufiger Zielpunft einer Morgen- oder Nad;- 
mittagfpazierfahrt. Auch uns z0g es oft hierher, bald zu Wagen, 
bald zu Bere: doch davon fpäter! Denn ‚diesmal — wie ja jtetd 
wir armen Menjchenkinder nimmer zufrieden mit dem Erreichten, 
Genofjenen — drängt’ es ung ‚weiter, höher hinauf. 

unaufhörlichen langenwindungen (ih zählte deren von 
dem bereit8 hochgelegenen Orte des Utjhan-Sfu bis zur erreichten 
Höhe 44) leitete Die breite und ſichere Straße bis zu dem Hodj- 
platenu das Iaila-Gebirges, 4000 Fuß, über dem Meeresſpiegel. 
Diefer in feiner Art umübertroffene Bau, im Jahre 1872 unter weit 
größern Schwierigkeiten und funftvoller ausgeführt, ala die Straße 
vom .Vardar-Thor nach Alupfa, ift das Werk des Genie-Oberften 
Schiſchko, dem zu Ehren aud ein unmittelbar am Ende der Straße 
fich erhebender und eine bedeutende Rundſicht gewährender Hügel Wi- 
Schiſchko benannt ift. 

Dunkler, dichter Nadelwald umgiebt ung, hauptſächlich aus einer 
der Krim eigenen Art Föhre (Pinus Taurica) gebildet. Nur an den 
füblichen Abhängen der Schluchten miſchen ſich Birken und Eichen 
darunter; und dort und da auch eine einfame Admmarggrüne Ceder. 
Ueberall aber an den hohen, ſchlanken Stämmen hinan, durch die weit 
auögebreiteten Aeſte wur die hier fo reichlich gedeihenden Schling- 

jewächfe: die verjchiebeniten Arten von Epheu und Klematis, wilder 
Sopfen u. a; oft in armdiden Stämmen, Rieſenſchlagen gleich, ſich 


616 Reifebilder aus dem Sũdoſten Europas. 


an den Bäumen emporwinbend, und zwifchen und über denfelben 
ihre malerischen Laubwände und Kuppeln ausbreitend. 

Immer jteiler fteigen die Abhänge an; enger und Höher treten 
die gigantiſchen Felſen zufammen; unfere Straße, mehr und mehr 
dem Geſtein abgejprengt und mit Duaderjteinen flafterhoch unter 
mauert, führt hier an ſchwindelnden Abgründen, dort durch wilde 
Schluchten oder wüftes Geröll und Getrümmer über und unter uns. 
Immer wieder öffnet jich dem Blick die ſchönſte Fernficht über Wald 
und Gebirg, über Dorf und Stadt, umd weiter hinaus über das 
unabjehbare, vom Helliten Sonnenlicht beftrahlte und, von jolcher 
‚Höhe gefehen, ſich dunkel und regungslos ausdehnende Meer, das am 
fernen Horizonte dem Himmel ſich einet. 

Enger und fteiler wird die Straße, häufiger und fchärfer wer- 
den bie Wendungen; aber weithin tönt das Silberglödlern, welches 
unfer vorſichtiger Kutfcher an die Deichſel hängte, und weithin hört 
man das reihen und Quitſchen der Räder, wenn und ein Tatar 
mit feiner ‚von Ochſen ober fleinen Saumpferden gezogenen Arba 
(tatarifcher, hölzerner Karen) entgegen kommt, und en benach⸗ 
tichtigt, wartet man an den breiten Stellen der Straße, wo ein Aus— 
weichen möglig. „Darum alfo, ſagt' ich bei mir felber, ſchmieren die 
Tataren die Räder ihrer Arben nicht!" Ueber deren ohrenzerreißen- 
des Quitſchen zur Rede geftellt, antworten fie: „Ich bin ein ehrlicher 
a fein Dieb ober Näuber; man mag hören, welchen Weges 
ich fahre.“ " 

Nach kaum drei Stunden, in melden unfere Thiere 28 Werft 
größtentheils ſtark anfteigend zurüdgelegt Hatten, jahen wir uns 
plöglich, nach einer Iegten Wendung, auf einer wohl bei einer geo⸗ 

raphiichen Meile breiten Hochebene. Bon hieraus ru fih die 
Kun ſtſtraße nur mehr als Saummeg, über den jenfeitigen Abhang ins 
Innere der Halbinfel führend, fort. Nach einer weiteren Fahrt von 
etwa drei Werft über bürre, beinahe ebene Steppe beftiegen wir an 
der Nordweitjeite derfelben eine der höchſten darüber fich erhebenden 
Kuppe, den Wachtelberg, von welchem der Bli den ganzen füblichen 
Theil der Krim beherricht. 

Nordweitlich erjhaut man Sewaftopol, weitlich den Kirchthurm 
vom Kloſter St. Georg und nach drei Weltgegenden fieht man ſich 
dom Meer umfchlungen; nur gegen Nordoft reiht ſich Berg an Berg, 
Kuppe an Kuppe. Beittiger als die übrigen, von dieſen getrennt, 
erhebt ſich in grauer Ferne ber Höchfte, nach Form und Lage von 
mir für Tiehatyr-Dagh*) gehalten. . . 

Zu dem kleinen, nur im Sommer von einem einfamen Tataren 
bewohnten Holzhäuschen am Ende der Straße, dicht unter dem $ 
Schiſchko, zurüdgefehrt, nahmen wir unſer frugales Mittagsmal 

Dieſe tatariſche Beneum bebeutet „Zeitberg“ nach feiner zeltähnli 
Kom.) Er —— iſt — erheben Keim, über 5000 Fuß h 
Er fieht außerhalb ber Hauptgebirgelette, unweit bem 40 Werft nördlich von Ja 
an ber Küfte fiegenben Alufchta. 


Reifebilder aus dem Südoften Europas. 617 


Thee und etwas mitgebrachten Proviant, ben angebotenen Schiſchlik 
oder Schaſchlik (im eigenen Fett am Spieß gebratenes Hammelfleiſch, 
das Lieblingsgericht des tatarifchen Gaumens) verſchmähend, und 
machten uns bald wieder auf den Weg, um die 4052 Fuß hohe 
Spite Ai-Petri am füdlichen Abfall der von Felsblöden überjäeten 
umd von unzähligen mauerartigen Steinwänden durchzogenen Hoch 
ebene zu erreichen. 

Etwas abjeit3 von dem zur Spige führenden Fußpfad giebt es 
mehrere über 100 Fuß- tiefe vertifale Höhlen, deren im Winter ſich 
anjammelnder Eisvorrath Jalta im Sommer verforgt. Tataren laſſen 
fih) an Seilen hinab und fürdern das Eis mittels Haden umd 
Striden zutage, welches fie dann bei nächtlicher Kühle auf ihren 
kleinen mageren, aber der Bergpfade wohlgeübten Kleppern zur Stadt 
Hinabbringen. ö . 

Der nicht fteile Anstieg zum Horn felbft führt durch ein Gehölz 
knorriger, verfrüppelter Eichen, uralt fait wie die Fetzecae zwiſchen 
und auf welchen ſie emporwuchſen. Stämme und Aeſte ſind dicht 
mit ſchwärzlichem Mooſe bedeckt, welches wie zerrüttete Fetzen von 
Trauerflor an ihnen herabhängt, herbſtliche Windſtöße fahren ſauſend 
durch ihre Zweige und fie laſſen knarrend und ächzend ihren legten 
Blätterichmud herabfinfen. 

geäbrend meine Gefährten noch eine furze Raſt hielten, eilte 
ich, aus dem Gchölze heraustretend, die letzten paar hundert Schritte 
zum Gipfel hinan. Heftiger noch — mich der Sturm, und 
plötzlich ſcheint der Boden mir unter den Füßen zu ſchwinden — 
ich ſehe nichts, als den Himmel über, das Meer unter mir in der 
unermeßlichen Tiefe. Der Sturm umbrauſte, die Geier umkreiſten. 
die Schauer der Einſamkeit durchbebten mid, in Mitte der große 
artigen Natur-Gewalten. 

Platt an den fteinigen Boden gefchmiegt, den Kopf über dem 

raufigen Abgrund, blick ich um mic, Vorne und zur Linken der 
Ari Inde Abjturz, fenkrechte, wohl gegen 2000 Fuß hohe Wände; 
zur Linfen ragen aus tiefer Schlucht noch ein paar thurmhohe, wilde 
zadige, gänzlich unzugänglice Zinken empor; vor mir aber, tief un- 
ten am Su e der Bond, lagern fich dunkle Wälder und weiße Ort- 
ſchaften — von diefer Höhe aus gefehen, alles verfchwindend klein 
— und dann — das unendliche Meer. 

Es wird behauptet, daß man von hier aus bei jehr reinem 
Wetter mittels fehr guten Fernrohrs die im Süden gegenüber liegende 
Küfte Kleinaſiens zu unterjcheiden vermag. 

Lange lagerten wir dort oben, wie auf einem im unendlichen 
Raume frei ſchwebenden Punkte, deſſen Ausblid, wenn man ihm auch 
einförmig nennen fann, doc) am überwältigender Grofartigfeit von 
wenigen übertroffen werden mag. . 

Zur gute zurücgefehrt beftiegen wir fogleich den bereit ge- 
haltenen Wagen, um nicht auf dem Berge noch von der Dunfelheit 
überrafcht zu werden. Mit ſicherer Hand Ienkte unſer Kutſcher feine 

Der Salon 1889. Heft VI. Band 1J. 42 


618 Reifebilder aus dem Südoften Europas. 


drei fehnichten Rößlein meijt in fcharfem Trabe die ganze Höhe Ginab, 
nur bei den rafchen Wendungen etwas innehaltend, wobei fid) die 
Thiere fo auf die Hinterbeine ftemmten, daß fie faſt zu ſitzen famen. 
Solche Kunft: und Wageftüde führen die Tataren mit ihren wohl- 
geübten Pferden täglich aus und doc) hört man faft niemald von 
vorkommenden Unfällen. 

Nebenbei tifchte und unfer verwegener Wagenlenker wohlgemuth 
einen Heinen Abriß feiner Lebensgefchichte auf: Berjcpmähter, erfter 
Jugendwerbung, von Militärdienft und nachheriger Wiedervergeltung 
jener ihm angethanen Verſchmähung durch raſche, glüdliche Heirat 
mit einem andern Mäbdchen, während das erſte noch der Freier harte. 
€r fprady mit Stolz und Liebe von Bube und Mägbdelein, mit wel- 
hen feine Ehe gejeguet. Dabei bligten feine feurigen, dunflen Augen 
unter den fchön gejchwungenen Brauen, der Wind fchüttelte feine 
pechſchwarze Lodenfülle und lachend wies er uns zwei Reihen blen- 
dend weißer Zähne. 


VIII. 
Alupka 


Alhambra der Krim! Du Verkörperung des ſchönſten Märchens 

aus Taufend und Einer Nacht! Verwirklichung des Traumbildes 
lühendſter morgenländifcher Phantafie! Wer, der Dich gefehen, 
Önnte Deiner je vergeffen? 

Gegen Norden vor jedem rauhen über die fahle Steppe daher 
braufenden Sturm beſchützt durch den gewaltig ſich ausbreitenden und 
zum Himmel tagenden Bergkoloß, dem — der fo hoch, daß " 
er die Schauer feiner Abftürze dem Beſchauer unten nur ahnen läßt 
— ſchmiegt fi) an den Abhang zu feinen Füßen bis hinab zum 
Deeresiunde, einer der ausgedehnteiten, funftooll angelegten und ge- 
hegten Parke der Welt. Und in Mitte diefes alle Pracht ſüdlicher 
und nördlicher Vegetation in ſich vereinigenden Parkes, in weldem 
düſtere Grotten und bemoofte Felſen, lieblich murmelnde Quellen 
und fühle, ſchattige Haine, wie durch Zauberberührungen der Wun- 
derlampe Alladins überrajchen — fteht das aus dem graugrünen 
Granit ber Gegend, in edler Vermiſchung des gothijchen mit dem 
maurifchen Stil aufgeführte Schloß. 

Schon beim Einfahren durch das gewölbte Thor des Hofes 
fühlt man fih in eine dem Alltagsleben fremde, romantifche Welt 
verfegt. Links umschließt den geräumigen Schloßhof eine hohe 
Mauer mit Zinnen und unzähligen Thürmchen. Aus einer Ni; 
inmitten diefer Mauer fprudelt eine reichliche Quelle in ein zierlid 
Beden. Am Ein- und Ausgang des Hofes führen ſchmale, jteine: 
Wendeltreppen in den Park oberhalb des Schloſſes. Zur Ned. 
aber ſteht hoch und ftill“ das herrliche Gebäude, deſſen flaches D 
auch mit Thürinchen gefehmüct und deffen Hohe Fenſter, ebenjo ! 
die Mauer gegenüber, von Epheu jo dicht umranft und überwuch 


Reifebilder aus dem Südoften Europas. 619 


find, daß der Wind in diefer grünen Hülle, wie in den Wellen der 
See, fpielt, und daß nur an den Binnen die zu dem romantischen 
Bauftil und zum Rahmen der ganzen Umgebung fo harmonifch ftim- 
mende Farbe des Geſteins durchbricht. 

Der Beſuch der inneren Räume ift, wenn die Befiger*) ab- 
wejend, dem ‘Fremden gejtattet. Einer der tatarifchen Diener erbietet 
fich bereitwillig als Führer und öffnet Dir, gegenüber der fühl 
tiefelnden Fontäne, das Hauptthor, auf deſſen Schwelle Dich das 
in Mofaif ausgeführte Wort: „Salve“ freundlich empfängt. Du 
wandelt durch Hohe, Iuftige Säle und traute che Gemächer; 
überall hat auserlefener Geſchmack und edler Kunitfinn die Pracht 
des Drient® mit europäijchem modernen Komfort zu einem allen 
Sinnen ſchmeichelnden Ganzen zu vereinigen gewußt. Immer neue 

immer thun ji Dir auf und auch Hier glaubft Du von einem 

uber befangen zu fein, indem das von außen wenig umfangreich 
icheinende Schloß fo viele Räume biete. Das Terrain erlaubt 
nämlich) von feiner Seite einen voll beherrfchenden Ueberblick über 
den ganzen Bau, welcher mit allen bamit zufammenhängenden 
Gängen und Flügeln an hundert Gemächern enthält. Fürſt Woron- 
zow hatte benjelben in verfchiedenen Zeiträumen der erften Hälfte 
unferes Jahrhundert? nach, verfchiedenen Plänen englifcher und deut⸗ 
scher Architelkten ausführen laſſen und ſoll dafür das hübſche Sümmchen 
von nahezu drei Millionen Rubel verausgabt haben. 

Die dem Meere zugewandte Vorberjeite trägt reinen maurifchen 
Charakter. Der weite, runde Bogen über dem Portal, durch welches 
man in den von einem plätjchernden Springbrunnen ſtets erfrifchten 
Speifefaal_ gelangt, iſt mit einer arabifchen Injchrift in goldenen 
Lettern gejchmüct, und reiches, fein gemeißeltes Gitterwerf ziert ſo— 
wohl den Eingangsbogen, als die hohen Balkone zu beiden Seiten 
deſſelben, hinter denen die angeregte Einbildungsfraft dunfeläugige 
Jren in ſchwarzer Mantille erſcheinen zu ſehen und den zarten 

lang der Mandoline zu hören erwartet. R 

Siehliche, augerlefene Blumenbeete prangen in allen Farben auf 
den zum Meere ſich Hinabjenfenden Terrajjen, von welchen die drei 
oberjten durch eine breite fteinerne Treppe miteinander verbunden 
find. Auf den Abjägen diejer wahrhaft fürjtlichen Treppe mit brei- 
ten niedern Stufen ruhen drei Löwenpaare in natürlicher Größe, 
von Künftlerhand aus weißem Marmor gemeißelt. 

Eine von Schlingrofen bededte, niedere Mauer trennt die oberen 
ZTerraffen von den unteren Anlagen, in welchen ein ftolzer Säulen- 
Pavillon den Booten zum Schuge dient und eine ziwilchen Felſen 
verborgene Babehütte Dich zu köſtlicher Erquidung ladet. 


*) Das 16 Werft von Yalta entfernt liegende Alupka war ehemals im Veft 
ber Fürften Woronzom, if} jeroch vor einigen dahren durch Ausfterben biefer Familie 
dem Grafen Schuwalow zugefallen. 





4* 


620 Reifebilder ans dem Südoften Europas. 


Hier erffetterte ich mit vieler Mühe und nicht ganz gefahrlos 
einen mächtigen Felſen, am welchem die weißichäumenden Wogen 
empor ledten, und gab mich ungeftörter Bewunderung der mich um= 
gebenden Herrlichkeit hin. Um mich breitete das tiefblaue Meer ſich 
aus, leife nur brandend an den jchroffen Felſen unter und neben 
mit, und vor mir lag, oberhalb der weißen Stufen und der bunten 
Blumenteppiche der jchönfte Feenpalaſt, umduftet von Roſen und 
Morten, Magnolien und Orangen, umraufcht von Dfiven- und Lor- 
beerbäumen, von Pinien und Platanen. Schwarz faſt Heben die 
ſchlanken Pyramiden der Eypreffen Fi ab von Meer und Himmel 
und umrahmen wundervoll die zarte Farbe der Thürmchen und Spig- 
Tuppeln des Schloffes, an deffen beider Seiten ber prächtige, bis 
dicht unter das Steingeröll des Gebirges anfteigende Park ſich aus- 
dehnt, durchſchlungen von labyrinthiſch fich Ereuzenden Wegen, die 
bier zu einem überrafchenden Ausblid in die Ferne, dort zu einem 
rings von grünen, überhangenden Zweigen umjchloffenen, glatten 
Wafferfpiegel führen. Und hoch über der traumhaft fchönen Lands 
Ichaft thront in erhabener Hoheit der alte Bergesrieje Ai-Petri. 
Seine weißen Wände erglänzen in dem blendenden Strahlen der 
üblichen Sonne und wundervoll zeichnen ſich die Umrifie, ſcharf 
und zadig, gegen den azurblauen Hintergrund des Himmels, 


R. 
Said 


Das kaiſerliche Livadia, einft der Lieblingsaufenthalt der Ge— 
malin Alexanders II.; Maharadſch; das liebliche Nieder-Maſſandra 
mit feinem Namensgefährten, dem ernſt-ſchönen Ober-Maffandra*), 
ein Feines, in feinem Bau nie vollendetes Schlößchen, das inmitten 
eines bie älteften Bäume ber Krim bergenden, ausgedehnten Urwaldes 
liegt; Nikita mit feinem in gs Rußland berühmten Faijerlichen 
Inſtitut zur Erlernung ber Botanif und Kunftgärtnerei, in einem 
als botanifcher Garten höchft intereffanten Parke gelegen; der an 
prächtigen Ausfichtspunften (deren einen ber größte ber ruſſiſchen 
gesen, Puſchkin, mit einem Liede verherrlichte) reiche Park von 

urfuff und das gleichnamige, 42 Werft von Jalta entfernt am 
Bergeshang maleriſch hingelehnte Tatarendorf, vor welchem fich ein 
ing Meer vorfpringender Felfen ſchroff erhebt, der die Reſte der von 
Yuftinian erbauten Feitung Gurfovitov**) frönen: — welche Fülle 
reizvoller Naturfhönheiten bieten dieſe Bilder dem entzückten Äuge 
dar! Nicht zu vergeffen des aus tiefer Bergesfchlucht srilchen mädhti 
gejpaltenen Klippen hervorbrechenden Baflerfa es Utſchan-⸗Sſu (mel 


*) Maharadſch, Ober und Nieder - Maſſandra gehören, wie Aupfa, zu den 
ehemaligen Befigungen bes verftorbenen Fürſten Woronzom. 

**) Den Angaben bes aus ber Feder eines byzantiniſchen Schriftſtellers aus dem 
VI. Jahrhundert flammenben Werke: „De aedificiis Justiniani“ zufolge. 


Reifebilder aus dem Südoflen Europas, 621 


her Name im Tatarijchen „Fliegendes Bajer“ bedeutet), der ſich in 
mehreren Abjägen, über 300 Fuß hoch, oben in filbernem Schleier 
über die Felſen ſich ausbreitend, unten ſchäumend und tofend in die 
unergründlich fcheinende Tiefe jtürzt. Ein jchmaler Fußweg leitet 
zu einem am höchften Abjag des Falles vorfpringenden kleinen eljen- 
Plateau, von wo ſich ein unvergleichlich ſchöner Ausblid öffnet auf 
Wald und Stadt und Meer. 

Unvergeßlich bleibt mir bie Erinnerung des herrlichen Augen- 
blids, da ich hier zum Tepten Mal gejtanden. Es war ein leicht 
bewöltter, ftiller Herbftabend. Die Tämmerung brach über die enge 
Waldesſchlucht herein. Wir rüjteten und zur Heimfehr. Da brach 
im Oſten durch die grauen Wolfen eine dunkelrothe Gut, und langjam 
erhob fich, Hinter halb durchſichtigen Schleiern, des Mondes volle, 
ftrahlenlofe Scheibe über Meer und Nebel jcheinend. Wunderbar 
erglänzten die ftäubenden Waſſer in jeinem jilbernen Lichte, aber 
finfter, ſchwarz und ſchweigend umragten uns die hohen, alten Baum- 
riefen. Höher jteigend ftrahlte der Dond Helfer, die Wolfengehänge 
unter ſich lafjend; goldflutend erglänzte die See zur Rechten; düjtere 
Nebelgeftalten wallten und wogten am Gebirge zur Linken durch- 
und übereinander; vor uns lag Jalta, terrafjenförmig an der nord- 
öftlichen Anhöhe hingelehnt, illuminirt mit hunderten von Lichterchen, 
einem angesünbeten Weihnachtsbaume gleich, den leuchtenden Arm 
um die Meeresbucht ſchlingend — — 

Bevor ic) zum Schluſſe eile, ſei es mir noch geitattet, einige 
Worte über die —— unſeres gewöhnlichen tatariſchen Füh— 
rers Said beizufügen, jenes nicht unintereffante Produkt helero— 
gener Faktoren: einer reg- und ftrebjamen Naturanlage, orientaliſcher 
Erziehung und bejtändigen, doch oberflächlichen Verkehrs mit der 
überfeinerten Kulturwelt de3 Dccidents, deren Träger je nach Laune 
fich feiner bald als eines vergnüglichen Spielzeuges bedienten, bald 
wieder, im Bewußtjein ihrer auf Rang und Rajje begründeten höheren 
Menschenwürde, ihn verächtlich von ih ftießen. 

uf unjerem Ausfluge nad) Gurſuff war es, da ich zum erſten 
Mal Gelegenheit hatte, in den eigenthümlichen Charakter Saids einen 
Blick zu werfen. 

Die heißen erften Wochen hatten wir verftreichen laffen, ohne 
auszureiten. Eines etwas friſcheren, ſchönen Morgens nun beichlofjen 
wir mit einigen Freunden den Ausflug nad) dem ob feiner land— 
ſchaftlichen Reize und gerühmten Gurfuff, und da uns die doppelte 
Strede von 16 Werft, als erſter Ritt nad) langer Paufe, zu ftarf 
dünfte, fam ich mit Raiffa Pawlowna überein, nur ein Pferd zu 
miethen und es abwechjelnd zu reiten. Schon ein paar Tage vorher 
endeten wir uns wegen Reitpferde an Said, welcher bei unjerm 
erſten Aufenthalt in Jalta, obwohl faum dem Knabenalter entwachjen, 
uns ftet3 als zuverläßlicher und intelligenter Begleiter gedient und 
und nach unferer Wiederfunft mit unverhehlter Freude erfannt und 
begrüßt hatte. Die bereitwilligft gebotenen waren uns als die ſchönſten 





622 Heifebilder aus dem Südoften Europas. 


Bei nt aller en Saltas Betannt, ” uns jedod die 

reife zu Hoch gegriffen fchienen, lehnten wir fie ab. 

Heute mn eitte id) auf die Straße und beſtellte bei dem erſten 
beiten Pferdeverleiher um einen mir billig dünfenden Preis Wagen 
und Reitpferd nebſt Begleiter. Wie war id) erftaunt, als ich, im 
Neitkoftüm die breiten Steinftufen der Terraſſe des Höteld hinab- 
fteigend, Said mit feiner „Örille“, einem zwar nicht jehr Fräftigen, 
aber fchlant und zierlich gebauten und vorzüglich zugerittenen Brau⸗ 
nen, unfer harren fand. Er mußte e3 bei feinen Kameraden durch- 
geſetzt haben, daß fie weld immer von uns ausgehende Beftellung 
um jeden Preis annahmen und ihm überließen. 

Schweigend begrüßte er uns und hob mich in den Sattel, 
ſchweigend ritt er um eine halbe Pferdelänge Hinter mir zum Stäbt- 
hen hinaus, bis id, felbft die Frage an ihn richtete, ob Selimet, bei 
welchem ich die Beſiellung gemacht, mit ihm in Compagnie ftehe? 
Mit halb fcheuem, halb verlegenem Lächeln antwortete Said zögernd: 
„Er ift — mein Freund; — ich wollte die Ehre, das Glüd, meine 
einftigen Gönner zu führen, feinem andern zugeftehen.“ Und mit 
ſchlecht verhehlter Unruhe fügte er Hinzu: „Sind Sie mit meiner Grille 
nicht zufrieden?" — „O, gewiß!“ it dieſer DVerficherung klopfte 
ich dem edlen Thiere liebloſend auf den ftol; gebogenen Naden. Dies 
{dien Sad Muth zur erfehnten Annäherung u geben. Nicht mehr 
in dem bisher ftramm ehrerbietigen Tone des Untergebenen, fondern 
in dem fchmeihelnd Vergebung bittenden bes Kindes lang feine 
Trage: „Sie zürnten mir, nbarpnja (bebeutet im ruffifchen, in, 
meine Gnädige). Ich verneinte Dies zwar, erklärte ihm aber, daf er 
feine Dienfte zu hoch gejchägt habe, worauf fich feine ſchönen Brauen 
finfter zufammenzogen und er in fein früheres Schweigen verfiel. 

In jenem Augenblide achtete ich jeboch weder feiner noch meiner 
Worte; denn erft fpäter wurde mir unfer Unrecht gegen ihn und 
fein daraus entfpringender Unmuth klar. 

As Falle Pawlowna nad äurüdgelegter Hälfte bes Weges 
die Grille beitiegen, hatte fie diefelbe, deren euer ich, dem lang 
—e— Vergnügen des Reitens mich hingebend, nicht eben ſehr 

jemäßigt, von Schweiß triefend und ermübet gefunden. Stets große 
iebhaberin der Pferde, war ihr hierüber eine bedauernde Bemerkung 
entfchlüpft, welche aber von Sard als ein Tadel feines zu leicht er= 
ſchöpften Thieres verftanden wurde und feine Kränkung noch ver- 
mehrte. Zwar erlaubte er fich fein Wort der Erwiderung, aber als 
Raiffa, wie fonft, den Faden eines Geſpräches anzufnüpfen verfuchte 
blieben feine Antworten wohl ehrerbietig, aber einfilbig. 

Der ſchöne und fröhlich verbrachte Tag neigte ſich feinem Ende 
zu und ic) beftieg mit unfern Freunden den Wagen, um Gurſuff — 
von wo wir zum Strande abgejtiegen waren und uns zu den etwe 
drei Werft vom Ufer entfernten, in ek loe" Binfen und Zader 
auftagenden und an mächtigen Tropfiteinhöhlen reichen Felfeninjeh 
hatten rubern laffen — wieder zu verlajfen. Raiffa wollte nun das 


Reifebilder ans dem Südoften Europas. 623 


geftärkte, blank geriebene und geftriegelte Pferd zuerjt reiten. Said 
half ihr in den Sattel und legte ihr Steigbügel und Kleid zurecht, 
ala fein eigenes Pferd, defjen Zügel {oje an feinem Arm hing, durch 
eine harmloje Bewegung feiner Hinterbeine in höchſt ominöße Nähe 
eines mit Aepfeln gefüllten Korbes fam und, feinen Schweif zur 
Seite hebend, diefelben mit der unwillkommenen Vermehrung durch 
Früchte ganz anderer Qualität bedrohte. Wir machten den unglüd- 
lichen Bejiger der Aepfel durch Zeichen und Zurufe auf diefe nur 
von ung im Wagen Sigenden bemerkte Gefahr aufmerkfam, vermochten 
aber nicht, dem Reiz auf unjere leicht in Bewegung gejegten Lach— 
musfeln zu widerjtehen und braden in ein homeriſches Gelächter 
aus. Mit affenartiger Geſchwindigkeit hatte der tatariſche Obitver- 
fäufer feinen Yepfellorb vor dem über demjelben jchwebenden Unheil 
gerettet; jedoch, ohne Zweifel bereits vorher darüber aufgebracht, daB . 
wir feinen Felsen feine filberflingende Aufmerkſamkeit bewiefen, 
überfiel er den unfchuldigen Sard, dem von der Urſache unjerer 
Heiterkeit, fowie des Zorns des Aepfelbefigers nicht die geringfte 
Ahnung dämmerte, mit den heftigften von wilden Tone und leiden— 
ſchaftlichem Geberdenfpiel begleiteten Vorwürfen in den harten Gurgels 
tönen feiner Mutterjprache. 

Erft fpäter wußte ich, daß Said von vielen feiner Landsleute 
wegen der Gunſt, mit welcher ruſſiſche Badegäſte ihn auszeichneten, 
wie auch wegen jeiner Mißachtung manchen foranfchen Geſetzes ges 
ſcheut und angeleinbet, der Abtrünnigfeit und Untreue und des 
Gemeine Sad: 'achens mit den chriftfichen Unterdrüdern angeffagt 
wurbe. 

Die wilden Worte des Obitverfäufers enthielten derartige Vor— 
würfe. Andererjeitd argwöhnte Said vielleicht, jelbit der Gegenftand 
unferer SHeiterfeit zu fein; jedenfalls erregte dieſe fein bereits tief 
verlegtes Gemüt noch mehr und all’ die wirkliche und vermeintliche 
Ungerechtigleit übermannten feine Selbſtbeherrſchung. Heftige Wechfel- 
reben folgten und jchon jah ich die mit dem maffiven, filbernen Grij 
der Reitpeitjche bewaffnete Fauft Saids fich erheben — aber au 
die zarte, behandſchuhte Hand Raiſſa Pawlownas fich jachte auf jeine 
linfe Schulter legen. (Er hielt mit derfelden Hand noch den Bügel 
der Grille). ot 

Wie durd) einen Zauberbann ftand er einen Augenblick regungs⸗ 
los, während fie in fanftem, doch willenafeftem Tone ſprach: „Said, 
reiten wir" — Ein väthjelhafter Big ſchoß unter dem dunklen 
Gewölf feiner Brauen hervor auf meine junge Freundin, und laut 
103 ſchwang fi Said mit langgewohnter Leichtigkeit und Anmuth 
auf jein Werd. 

Schon jenften fich die Schatten der Dämmerung über die Berge 
herab, al3 id) an dem aus fteinernem Löwenkopfe jprudelnden Brun- 
nen auf halbem Zunge zwiſchen Gurfuff und Jalta, wo unfere Pferde 
geträntt und die Reiter erwartet wurden, mit Raiffa Pawlowna 
abermals den Play tauchte. 


624 Meifebilder aus dem Südoften Europas. 


Den hoben jteilen Berg herab, welchen die Straße überjchreitet, 
mußten wir im Schritte reiten, und der Wagen gewann einen Les 
deutenden Vorfprung. Es fuhren mir jo mauche hämiſche Bemer- 
kungen durch den Kopf, die man fich über einzelne, von jungen Tataren 
begleitete Reiterinnen ins Ohr zilcdelte, und um Salta mit meiner 
Geſellſchaft zugleid zu erreichen, trieb id) meine Grille an. „Im 
Schritt, Sudarynja! Der Weg ift fteil und dunfel, die Grille müde 
geritten; fie könnte ftürzen“, — rief mir Said zu und begann, mix 
zu erfliren, wie er nicht gewußt, daß zivei Amazonen fein Pferd 
zeiten würden, in welchem Falle er jein räftigftes gewählt hätte, 
ftatt dieſem, welches er uns: vorgeführt, weil es fein beſtgeſchultes 
und ficherfteg. Aergerlich aufgeregt über den erfahrenen Widerftand 
und meine unangenehme Situation und unterrichtet von der Schlau— 
heit und Gewinnfucht der Einwohner im allgemeinen, muthete ich 
diefen Aeußerungen eine jchiefe Abficht zu und unterbrach Said un- 
geduldig: „But, gut! wir vergaßen dies zu erwähnen. Ihr wünjcht, 
dab wir dem übereingefommenen Preife einige Rubel zulegen, und 


ohne viele Worte zu machen, fagt nur gleich, wie viel?" — Kaum 
war dieſe unüberlegte Rede über meine Lippen, fo bereute 
ich fie. 


Im Nu ritt Said fo dicht an mich heran, daß fein Knie den 
Hals meiner Grille ftreifte- Seine mich durchbohrenden Augen 
ſprühten Entrüftung und Stolz; die gewöhnlich von findlich heiterm 
Uebermuthe unfpielten Lippen zudten, und fein fräftiger, gegen mic) 
zurüdgebeugter Körper jchien zu beben. Einige Minuten lang ſtarrte 
er mich lautlos an. Endlich He er mit tonlofer Stimme, langjam 
und mehrmals abjegend, hervor: „Sie irren ſich, Sudarynja! Ich 
handle nicht aus fchnöder Gewinnfucht, wie vielleicht mancher meiner 
Gefährten. — Ehrgefühl und Selbftbewußtfein lebt in meiner Bruſt. 
— Ich habe alles aufgeboten, die, welche ich als meine alten Freunde 
betrachtete, zufrieden zu ftellen. — Es ift mir nicht gelungen. Raijja 
Yamlorna hat mein Pferd getadelt! Was liegt mir an allem 
übrigen!“ 

Ich muß geftehen, daß mich geheimes Grauen erfüllte, mich mit 
dem erzürnten Sohne eines halbwilden Volkes mitten in Nacht und 
Wald allein zu fehen. Indeß mehr noch als Furcht trieben mich 
Scham über meine niedrige Vorausjegung und Bedauern, wehegethan 
zu haben, ihn mit allen Mitteln meiner Beredſamkeit zu beſchwich- 
tigen. Vielleicht Hatte auch er in meinen Zügen das Staunen ge- 
leſen, welches "%r mir einflößte und mochte jontit feinen Zweifel in 
meine Worte fegten, da ich unſer gegenfeitiges Mißverſtaͤnduiß ber 
dauerte und ihn verficherte, daß wir feine Pferde als die vorzüglich— 
ften ſchätzten und daß meine Freundin nur ihr Mitleid mit dem von 
mir zu ſcharf gerittenen Thiere äußern wollte. 

In der Folge, als wir über die in den Ichten Jahren bedeutend 
geitiegenen Tagespreife unterrichtet wurden, ftellte ſich heraus, daß 
aids erfte, ums zu hoch gedünften Forderungen ſehr mäßig geweſen 


Reifebilder aus dem Südoften Europas. 625 


Wir wagten e3 nicht, ihm eine Entſchädigung anzubieten, aber da e3 
an uns war, begangenes Unrecht gut zu machen, jo betrauten wir 
ferner nur ihn mit unjern Aufträgen und gab es feine Diskuſſion 
mehr des Preijes wegen. b B 

Auf allen unferen Ausflügen wußte unfer waderer Führer die 
Dienftfertigkeit eines geſchulten Dieners mit der zarten Aufmerffam- 
feit eines Galantuomo zu verbinden, welde treue, feine Mühe 
ſcheuende Ergebenheit wir mit freundlichen Danfesworten und einer 
vertraulichen Unterhaltung zu belohnen fuchten, die ihn zu beglüden 
ſchien und uns den Reiz der Plaudereien eines begabten, aber nur 
bruchſtückweiſe unterrichteten Kindes bot. Ueberrafchte er uns oft 
mals mit feinen treffenden Bemerkungen, jo mußten wir doc) ebenſo 
oft über die Naivetät feiner Fragen lächeln. 

Er wußte uns viel interefjantes über Sitte und Lebensweije 
feines Volkes, über die Eigenthümlichkeiten der Umgebung, deren 
Schönheiten und Vorzüge er fannte und fchägte, mitzutheilen. Er 
ſchwärmte über die Theater in Moskau und Petersburg und nod) 
mehr über den Circus. Suhr ımd Salamousky. Und als Raiſſä 
Euplowng im Laufe des Gefpräches den Wunſch äußerte, bei Frau 

alamonsty — welche befanntlic) eine Reitſchule Hält — Unterricht 
zu nehmen, jauchzte Card freudig auf: „O, dann werden Sie -Ihre 
Kunft im Circus zeigen! Nicht wahr?“ 

Aus der Art und Weije, wie er ung jo manche Epifode jeines 
Lebens erzählte, Teuchtete die in allen Bekennern des Islams wur— 
zelnde Verehrung des Mächtigen, des Herrichenden, welche das unter- 
worfene Wolf der Tataren in jedem Ruſſen ſehen muß. 

Von uns gelegentlich befragt, wiejo einer der Wagenverleiher 
— aus früherer Zeit uns als trefflicher Reiter befannt — hinfend 
geworben, erzählte er, wie berfelbe nach einer Auktion in Alupka 
von Rofien, Wagen und Pferdegejchirr_des Fürften Woronzov, auf 
dem Heinnvege die eben erftandene, von Tataren nie gebrauchte, lange 
Geißel ſchwingend, ausrief: „Seht bin ich felbft der Fürft" — 
„Diefe frevelhafte Rede“, fügte Said mit Beiliger Scheu Hinzu, „hörte 
Gott: die Pferde wurden fcheu, warfen den Wagen um und er zer— 
ſchmetterte feinen Fuß.“ 

Aber gerade dieſe Hochachtung für den Höhergeftellten, welche 
in feinen Augen auch dejfen Lafter verflärte, verbunden mit jugend- 
lichem Leihtfinn, führte Said dahin, den Vorfchriften jeiner Religion, 
feines Volkes zuwider, gi von ruffiichen Adeligen und Reichen zu 
deren Zechgelagen und Startenfpielen verleiten zu lafjen. 

Eines Tages erwähnte ic, nicht ohne Abficht, mit ehrfurchtes 
voller Anerkennung der Geſetze des Korans. — „Ach was, Geſetz“, 
war feine lachende Antwort -— „beobachten doc) nicht einmal Chriften 
ihre eigenen!" — Ich konnte ihm nicht widerfprechen. 

Welch ſchwerem Konflikte fein Gemüt preisgegeben war durch 
den Antagonismus feiner ihm durch Stand und Nation zugewieſenen 
Stellung in fteter Verührung mit einer fozialen Sphäre, der er 





1 


626 Reifebilder aus dem Südoften Europas. 


nicht zugehört, und feines reizbaren Ehrgefühls und feidenfchaftlichen 
Temperamentes, hiervon giebt folgendes Beijpiel Zeugniß: 

Eines Tages fuhren und ritten wir in größerer Gefellfchaft, 
unter welcher Ni eine Baronin B... und ihr Coufin, Dragoner- 
Lieutenant Dmitri Betrowitih T... befanden, dem Ai-Nifolo zu. 
Durd Herrliche Waldungen führt der Weg hoch über Drianda auf 
diefe Vergfuppe, welche weiten Ausblid bis an die ferne, im Nebel 
verſchwimmende Küfte von Sudaf im Norden der Halbinjel gewährt. 

Die volle, nicht mehr ganz jugendliche Geftalt in das füra- 
ähnliche, die fehwellenden Formen zur Schau ftellende Leibchen ihres 
eleganten Spigenfleides gezwängt, lehnte Baronin B. neben mir im 
Wagen, bald, bei ſcharfen Veudungen der Straße, einen gefünjtelten 
Schreckensſchrei ansftoßend, bald dem Kutſcher fein zu langfames 

ahren verweifend und ihm befehlend, die ſchweißtriefenden, den ſteilen 
erg hinauffeuchenden Pferde noch mehr anzutreiben. Dazwifchen 
unterhielt fie ſich nedifcd, mit Dmitrii Petrowitſch, welcher reitend 
unfern Wagen, wie eine Bremfe die Pferde, umſchwärmte und feiner 
Schönen Couſine galante Schmeicheleien und feurige Blide zumarf. 
Einige hundert Schritte unter dem Gipfel müffen die Wagen 
urüdbleiben, da derfelbe nur zu Fuß ober a Bferde erreicht wer⸗ 
n kann. Einer plöplichen Laune nachgebend, lehnte die Baronin 
den dargebotenen Arın des vom Pferde gefprungenen Lieutenants 
ab und erffärte, mit den übrigen Fußgängern allein gehen zu wollen; 
worauf Dmitrii trogig fein Mer wieder beftieg und mit den andern 
Neitern und Reiterinnen vorausritt. Kaum aber hatte die Baronin 
einen Eleinen Theil de3 unbefchwerlichen Saummeges zurüdgelegt, als 
fie erflärte, erjhöpft zu fein und Said befahl, fein mit Plaids und 
einigen Erfriſchungen beladenes Thier dem zweiten Führer zu über- 
laſſen und ihr Hilfe zu leiften. Gehorfam unterzog fih Said auch 
dieſem Theil feiner Führerpflicht und die Baronin legte, ſich Enapp 
an feine Schulter herandrängend, ihren weichen, vollen Arm tief in 
ben feinen, fo ihm zwingend, einen nicht unbedeutenden Gewichtstheil 
ihres üppigen Körpers die noch übrige Strede hinaufzufchleppen. Auf 
dem furzen Wege blieb fie, wie um Kräfte zu fammeln, wiederholt 
ftehen und verfuchte durch verjchiedentliche Fragejtellungen mit Said 
ein Geſpräch anzufnüpfen. 

Ihr —— ührer ließ fie mit paſſiver Gleichgiltigkeit ger 

währen. Sein Seitenblid fiel auf fie aus feinen fonft jo er en, 


“ jegt wie fchläfrig halb geichloffenen Augen; fein Wort, das fein 


gehrerbienft nicht dringend erheifchte, drang aus feinen regungslofen 
ippen. 

Seiner ihr fo wenig Verſtändniß entgegenbringenben Blödigk 
müde, ſtellte fie nachgerabe die erfolgloſen Angriffe ihrer Zunge € 
aber feinen Arm hielt fie feft, bis ſie, auf dem fleinen Plateau i 
Ai-Nikolo angefommen, fi an den Wuth und Verachtung paareni 
Bliden weiden fonnte, mit welcher ihr Couſin Sad maß. Da 
ließ fie ſich nachläſſig auf einem über weichen Nafen gebreite 


Reifebilder aus dem Südoften Europas. 627 


Plaid nieder und rief Pmitrii Petrowitſch mit fehmeichlerifch ver— 
jöhnender Miene an ihte Seite. Ich achtete jedoch ihrer Unterhal 
tung mit dem Lieutenant nicht weiter, da ich mid) mit Raijja und 
den andern Geſchmacksgenoſſen damit vergnügte, die von diefem Punkte 
prachtvolle Ausficht zu bewundern. 

Schon bereiteten wir uns wieder zur Heimkehr, ala Said, mit dem 
‚weiten Führer damit beichäftigt, die Ehgeräthe und fonjtigen Gepädss 
Ye zu jammeln und ihren erden aufzuladen, in die Nähe dieſes 
Paares fam und Dmitrii Petrowitich, über bie Achſel nach ihm ſchie— 
lend, feine bisher Teije geführte Konverfation mit erhobener Stimme 
fortfegte: „Diefem Hund von einem Tataren, der ſich unterfangen 

tte, Die Frau meines Freundes unanftändig anzuſtarren, gab legterer 
jeine Reitpeitfche in fein freches Geficht zu tollen. — He, Sad!“ 
wandte er fi nun piötzlich an diejen, „was würdeſt Du wohl thun, 
wenn man Dich fo traftirte?“ 

In diefem Augenblide fprang Raijfa, welde wenige Schritte 
von Said entfernt am Abhange jaß, ha ng empor und riß den Shawl, 
auf welchem fie geruht, in die Höhe. Bleich bis in die zufammen- 
geüiffenen Lippen trat unjer‘ junger Führer, dem Lieutenant den 

üden wendend, auf fie zu, neigte ſich gegen fie, um KH den Shawl 
abzunehmen und, ihrem voll Entrüftung und Mitgefühl auf ihm 
ruhenden Blick begegnend, zeigte er ihr als Antwort auf jeme 
empörende Frage mit raſchem Griffe — einen in feinem Gürtel vers 
borgenen Dolch. Wer den dieſe Bewegung begleitenden, wilden 
Bornesblig feines Auges fah, konnte, aller mujelmanjchen Schidjale- 
ergebung zum Trog, an ber allfälligen Ausführung feines blutigen 
Gedankens nicht zweifeln. . 


x. 
Abfdied. 

In den eriten Tagen des November trat jelbft in unjerer 
ſchönen Krim kühles, wechſelwendiſches Wetter ein. Windſtöße fuhren 
aus ber Schlucht von Derekoje hervor und trieben häufige Regen- 
ſchauer von den Bergen bis an die Küjte herunter. Die Abkühlung 
der Luft ließ es uns räthlich erjcheinen, die Seebüder aufzugeben, 
wenngleich jo mande fie bis Mitte des Monats fortfegten, da das 
Waſſer noch immer 14°—15° R. behielt. 

Jaltas Straßen lagen bereits ftill und einfam. Die vornehme, 
⸗legante Welt Hat einigen wenigen, meiſt den mittleren Klaſſen an— 

ehörigen und ernfter leidenden Patienten, welche fommen, die jo 
auhen Wintermonate des übrigen Rußlands unter milden Himmel 
u verbringen, Play gemad)t. 

Die Armenier padten ihre koſtſpieligen Waaren zufammen, 
chloſſen einer nad) dem andern ihre Kaufläden und zogen dei andern 
>rgpögeln, bejonders den beliebten Goldfinken nad, in die Zentren 

3 Reiches. Hier und da nur paffirte noch ein Reiter die Straße; 


. an 
628 Reifebilder as dem Südoften Europas. 


die abgehegten Rößlein fonnten num von den großen Strapazen der 
legten Donate in den Ställen ausruhen, ımd die wenigen Pferde- 
inhaber, welche ſich blicken ließen, ſaßen ober jchlenderten am Quai 
umber. 
Auch unferes Bleibens war nicht länger in diejem freundfichen 
Seeſtädtchen. Für den legten Tag unferer Anwejenheit hatten wir 
unfere Pferde für einen Tagesritt nad) dem höchſten Kumm des 
Saila bejtellt. Aber der Morgen brachte Regen bi? gegen Mittag, 
und als es fich aufhellte, hatte dev Rüden des Gebirges ein blendend 
weißes Silbergewand angelegt, funfelnd und gligernd im Sonnen: 
ſtrahl wie Millionen Diamanten. 

Da erſchien Sard und ſchlug uns ftatt des unthunlich gemwor- 
denen Ausfluges zu Pferde eine Spazierfahrt vor. Sp fuhren wir 
über Livadia und Drianda an den Bergen hin, nod) einmal den 
herrlichen Eindrud der von der durch Wolfen brechenden Sonne be- 
leuchteien veizenden Bilder in uns aufnehmend, um uns im üden 
Winter des frojtigen Nordens ihrer Erinnerung zu freuen. 

Bei der Rückkehr fanden wir Said unfer harrend, um Abjchied 
zu nehmen. Für die legte ge jede Bezahlung ablehnend, bat er 
dies gleich einer bei feinem Wolfe Denen gegenüber übliche Chren- 
bewirtjung anzunehmen. Wir äußerten ihm dankend unfere Zufrie- 
denheit mit feinen geleifteten Dienſten. Da legte er die Hand auf 
die Bruft und neigte den Kopf indem er betheuerte: „Diejes Wort 
gilt mir mehr al3 alle Schäge der Welt!“ 

In ähnlich feuriger Redeweiſe drückte er feine Freude über den 

lücklichen Verlauf all unferer Erkurfionen aus und die Hoffnung, 
Kaffe Pawlowna, da fie einmal erwähnt hatte, Petersburg beſuchen 
gu wollen, im Winter dort zu treffen. Endlich that er die Bitte, 
is zu unferm MWiederfommen feiner nicht zu vergeffen, was wir, 
ihm freundlich die Hand ſchüttelnd, gern verjpradhen. 

Dies alles hatte er im feiner findlich treuherzigen, harmlojen 
Weiſe, der jedes Sich-Mebernepmen, jedes Zunahetreten jene lag, 
Bosgebracht, Kaum jedoch ſchloß fich die Thür Hinter unjerm armen 
Sard, dem das Herz ſchwer genug fein mochte, ald Ratija, fich lachend 
in ihren Armftuhl zurücklehnend, mit bitterer Ironie mir das Bild 
ausmalte, wie fie, allenfalls im Foyer des Opernhaujes, in ausgewähl⸗ 
tefter veicher Toilette am Arm ihres Bruders, des Oberlandesgerichts- 
präfidenten von 8 ..., begleitet von deſſen Freund, Sr. Excellen; 
dem Staatsrathe W. . ., plögli von diejem tatarifchen Rofjever- 
miether als alte gute Bekannte vertraulich begrüßt werde. Doch mie 
Mc Zechen auch ihre Schilderung begleitete — es Hang nicht h | 
und froh. 

Ic aber lehnte mic, über die Zenfterbrüftung, in die ti : 
Abenddämmerung hinausblidend, durch welche das regelmäßige Bre 
jen der Brandung vom Meere herauftönte, und das Lied vom A: . 
und der wunderichönen Königstochter" wollte mir nicht aus dr 

inn .. .. 


Reifebilder aus: dem Südoften Europas. 629 


Des andern Tages mit dem Frühlicht gewedt, hatten wir, wie 
es jede Abreije mit jich bringt, noch mandjerlei zu bejorgen und ein- 
gupaden und vollauf zu thun, um. den und nad) der Dampfichiffs 

gentur führenden Wagen um fieben Uhr zu befteigen. Satds, den 
wir nicht mehr zu jehen dachten, ward mit feinem Worte erwähnt. 

Der November-Dlorgen war bewölft und düfter angebrochen, 
aber, zum Glück für unjere bevorftehende Seefahrt, ruhig und ſtill. 
Als wir den zum Landungs- Pavillon führenden Steg betraten, da 
ſtand ftill und iraurig, Said auf demjelben. Nach artigem Gruße 
.bahnte er uns einen Weg durch das Gedränge der Padträger und 
Matrofen und harrte ehrerbietig unferer Anrede. 

Nach ein paar flüchtigen legten Abjchiedsworten beftiegen wir 
das Kleine, ſchwanke Boot, das uns über die fanft jchaufelnden Wel- 
Ien den Dampfichiffe zu trug. 

Mit gekreuzten Armen auf der Bruftwehr des Pavillons Iehnend, 
die runde Müge, deren ſchwarze Wolle ſich mit feinem ſchwarzen 
Lockenhaar vermengte, tief über die düjter bligenden Augen gedrüdt, 
Stand Said ſtumm und unverwandt uns nachblidend. 

Und jo jah id) ihn, umrahmt von dem unvergleichlich ſchönen 
Panorama, gleich einer Statue noch vegungslos ftehen, bis ich feine 
Ichlanfe Gejtalt — den dunkeln Punkt im hellen Bilde — der zu» 
nehmenden Entfernung wegen felbjt durch mein Fernglas nicht mehr 
zu unterfcheiden vermochte. 


u | 


Gin Genofe und Maler der Genies. 


Bon Dr. Adolph Kohut. 


einfamer, unbefaunter, verfaffener Mann war es, den fie 

or 20 Jahren zur legten Ruheſtätte in Altona begleiteten. 

ir ftarb wie ein armer Poet aus der „alten, guten Zeit“, 

.hne daß fich ein größerer Kreis der Leidtragenden um fein 

Begräbniß befümmert hätte, nur einige gefühlvolle Leute aus ber 

ärmften Volksklaſſe weihten ihm eine ftille Bähre des Mitleids und 

-beteten für die arme Seele des unglüdlichen, tauben Malers und 
Dichter? I. P. Lyfer! 

Und doch gab es eine Zeit in den dreißiger und vierziger Jahren 
unfere® Jahrhunderts, ala der Name I. P. Lyfer oft und ehrenvoll 
genannt wurde! Gehörte er ja eint zu den Davidsbündlern, die 
mit Robert Schumann, Carl Band, Louis Schunfe und andere ein 
Tuftiges Leben in Pleige-Athen führten und die Aufmerkfamfeit aller 
Gebildeten auf ſich Ienkten! War er ja einft einer der intimften 
Sreunde Heinrich Heines, Ludwig Börnes, Egg Zaubes und ©“ 

ugfows! Genoß er ja einſt als Porträtiit und Karikaturenzeic 
einen über die Grenzen Deutichlands hinausgehenden Ruf! H 
doch einft feine, von ihm mit köſtlichen Illuſtrationen verfehe 
Märchen hunderttaufende von Kinderherzen höher fchlagen lajjen 
ihn beliebt gemacht im Palaft wie in der Hütte! 

Vergeſſen und verſchollen — ruht er in holfteinijcher Erde, 
ner Heimath. Niemand kennt fein Grab! Seine Freundesh— 
haben einen, wenn aud) nur befeheidenen, Kranz auf feine Gruft 
legt, obſchon fein ganzes Leben feinen Freunden gewidmet war unt 
war er in Wort, Schrift und Stift den iegften Apoftel eines j 
Senius abgab. Für den Ruhm des Sohnes Mozarts, Heinrich Hei 
Robert Schumanns, Nicolo Paganinis, Emil Devrients, Franz Li 
Jenny Linds und anderer Ritter vom Genieland war er unent! 


2. 


Ein Genoffe und Kaler der Genies. 631 


thätig, — aber ach! er gehörte zu den beffagenswerthen Menſchen, 
die, gleich dem Schillerfchen Poeten, bei. der Theilung der Welt zu 
kurz famen. Er hatte neben jeinen vielfeitigen und glänzenden 
Gaben nur die eine nicht — den Sinn für das Praktiſche und Ge- 
ſchäftliche; hierzu gefellten ſich noch ſchwere Schickſalsſchläge, häus- 
liche Miferen — eine unglüdliche Ehe mit einer befannten Dichterin 
und einft gefeierten Improvifatorin — und Jahrzehnte lange völlige 
Taubheit. — Alles verließ ihn, nur ein guter Freund blieb ihm big 
zu feinem letzten Athemzuge treu: der Humor, jener goldene Humor, 
der unter Thränen Tächelt. 

3. P. Lyſer Hat es aber wohl ‘verdient, daß er der Vergeffen- 
Heit entriffen werde. Er war eine fo interejiante Perfönlichleit und 
hat fo zahlreiche leuchtende Spuren jeiner Thätigfeit hienieden hinter» 
laſſen, daß ein Porträt des Mannes gewiß die weiteften Kreiſe in- 
tereffiren dürfte. Wenn auch die Heine- und Schumann-Biographen 
auf ihn Hingewiefen und erjt neuerdings Frimmel in feinen „Bee— 
thoveniana“ mit Recht betont hat, daß die Zeichnung des größten 
Tonheros aller Zeiten, Ludwig van Beethovens, ſeitens Lyſers bie 
befte und treuefte ift, melde wir befigen, fo genügt eine Derartige 
flüchtige Andeutung nicht. Ich bin nun in ber glücklichen Lage, über 
daS Leben und Wirken, namentlich aber über die Beziehungen Lyſers 
zu unferen Geifteöheroen, ein guueztäffiges Bild entwerfen zu fünnen. 

3. P. Lyſer wurde am 3. Oftober 1803 zu Flensburg geboren. 
Er Hatte urfprünglich Muſik und alte Sprachen |tudirt und ift ala 
blutjunger Menſch in vielen Konzerten als Pianiſt erfolgreich auf- 
jetreten, boch wurde feine geiftige. Entwidelung vielfach dadurch ge- 
Femme, daß er in feinem 16. Jahre ſchwerhörig wurde. Als Zeichner, 
namentlich al Karikaturenzeichner, und muſikaliſcher Schriftfteller er⸗ 
regte er bald jo großes Aufjehen, daß der Buchhändler Julius 
Campe, der bekannte Verleger Heinrich Heines und Ludwig Börnes, 
ihn nach Hamburg 3% wo er für jenen literarifch thätig war. 

Wir willen aus den Mittheilungen Strodtmanns, daß zwiſchen 
Heinrich Heine und Lyſer fi bald eine intime Freundichaft ent» 
widelte. ‘Dem ungezogenen Liebling der Grazien gefielen die farfa- 
ftijchen Bemerkungen und ber fchlagende Wig, namentlich aber die 
draftifchen und drolligen Karifaturenzeichnungen des ſchönen, jungen 
Mannes, deſſen Zeichenftift mit unglaublicher Schnelligkeit und Ge- 
ihieflichfeit über das Papier fuhr. Lyſer war eigentlich der Water der 

chnellmalerei, ein Vorläufer Wilhelm Buſchs und all der Humoriften 
des GStifts, die fpäter diefen Zweig der Zeichenkunft zu jo hoher 
Blüte gebracht haben. Weberdies verfügte Tyſer über ein fehr chnei- 
diges Urtheil und erkannte den Genius Heines bereits zu einer Zeit, 
ils dieſer noch ſchwer um Unerfennung ringen mußte, 

In den Fahren von 1828 bis 1830 war der Verkehr zwiſchen 
ben beiden wahlverwandten Geiftern ein beſonders reger und herz= 
licher. Faft jeden Tag befuchte Heine in der engen Mattentwiete 
feinen Freund und verbrachte überdies bei ihm h mande Nacht. 


632 Ein Genoffe und Maler 


Diefer mußte ihm dann ftarfen Thee 
Milch noch Rum, wohl aber viel Zude 
ausgeftredit, über deſſen Härte Harry He 
er zahlreiche Lieder, die er Lyſer leſen 
felben gab der Dichter fehr viel und faf 
Verdift und acceptirte die Einwendun 
ſchonungsloſen Kritikers. 

Die meiften diejer im kleinen 
Lieder hat Heine in feinen Reifebriefen, 
veröffentlicht, doch hat er auch gar man 
nur diefem verdanfen wir das Betanntr 
der Fülle derartiger Gedichte nur das 
Poem Heine hier einen Plag finden. 


Im Mondenglanze ruht das 
Die Wogen murmeln leife; 
Mir ward das Herz fo bang 
Ic den® ber alten Zeife, 


Der alten Weife, bie uns fin 
Bon den verfornen Ctübten, 
Wo aus dem Meeresgrunbe E 
Gtodengelänt' und Beten — 


Das Fäuten und das Beten, 
Wird nit den Städten from 
Denn was einmal begraben i 
Das lann nicht wieberfommer 


Der begeifterte Lyſer verfündete in 
deren Zeitfehriften das Lob Heinrich Hei 
dieſer erjt von einer nur kleinen Gemein 
Poet war für diefe wohlwollenden Beſp 
feine Anregung verfertigte — zu mehre 
groteske Jlluſttationen, in denen Thier: 
nell mit einander verbunden find. Eben 
manns „Tulifäntchen“. Cine reizende £ 
Harzreije muß fich im Beſitze der Gatt 
welche dieje von dem Poeten bei feiner 
Geſchenk erhielt. Der Dichter figt, wi 
die Zeichnung gefehen, auf dem Bilde in 
läſſig in der Hütte des alten Bergmanı 
den Weibe halb abgewendet am Fenjter 
Mond ſcheint herein. Vor dem Wande: 
auf dem Fußſchemel fnieend, und fpri 
unter die Zeichnung geſchrieben: 


Daf Du gar zu oft gebete 
Das zu glauben wirb mir 
Jenes Zuden Deiner Lippı 
Kommt wohl nit vom B 


w3l193 998 uog ↄqjyuiabjvuibi 








N & 
X 


Ein Genoſſe und Maler der Genies. 633 


1830 zeichnete Lyſer in gelungenjter Weife feinen Freund Heine. 
Wie frappant Lyſer die aratterififhen Züge der von ihm gezeich- 
neten Perjonen zu treffen verftand, Beiveiten unter anderem bie 
Porträtjkizzen, welche er auch von Beethoven, Carl Maria von Weber, 
Paganini, E. T. A. Hoffmann, Emil Devrient, Franz Lifzt u. |. w. 
entworfen hat. Eine flüchtige Begegnung genügte ihm Ye, um 
mit bewundernöwerther Treue und Wahrheit das Bild eines Menſchen 
wiederzujpiegeln. 

us zahlreichen Aeußerungen Heines wiſſen wir, wie jeht der 
Dichter gerade dieſe außerordentliche Begabung des Porträtiften 
fejäbte, So behauptet er in den „Florentinischen Nächten“, dab von 
allen bekannten Porträts Paganinis feines den wirklichen Charakter 
des Geigerfönigs wiedergebe. „Ich glaube, es ift nur einem ein- 
igen Menfchen gelungen, die wahre Phyfiognomie Paganinis aufs 
Wler zu bringen; es iſt ein tauber Maler, namens Lyſer, der in 
feiner geiftreihen Tollheit mit wenigen Sreideftrichen den Kopf 
Paganinis jo gut getroffen hat, daß man ob der Wahrheit der Zeich- 
nung zugleich lacht und erſchridt. Es ift mir leid, daß ich dieſe 
kleine Zirung nicht mehr beſitze. Nur in grell ſchwarzen, flüch- 
tigen Strichen fonnten jene fabelhaften Züge erfaßt werben, die mehr 
dem ſchweflichen Schattenreich als der jonnigen Lebenswelt zu ge- 
hören ſcheinen. ‚Wahrhaftig, der Teufel hat mir die Hand geführt‘, 
fagte mir ber taube Maler, geheimnikvoll kichernd und gutmüthig 
ironisch mit dem Kopfe nidend, wie er bei feinen genialen Eulen- 
piegeleien zu tun pflegte. Dieſer Maler war immer ein mwunders 
licher Kauz; troß feiner Taubheit liebte er enthuſiaſtiſch die Muſik, 
und er ſoll es verſtanden haben, wenn er fid) nahe genug am 
Orcheſter befand, den Mufifern die Mufif auf dem Gefichte zu lefen 
und an ihren Fingerbewegungen die mehr oder weniger gelungene 
Exekution zu beobachten. uch fchrieb er die Opernfritifen in einem 
ſchätzbaren Journale zu Hamburg. Was tft eigentlich da zu ver- 
wundern? In der fichtbaren Signatur des Spieles fonnte der taube 
Dealer die Töne: je . 

Heine war bis an fein Lebensende mit Lyfer in Freundjchaft 
verbunden; es ſchmerzte ihn jehr, daß der „taube Maler“ fo wenig 
Proteftion genoß und oft hart genug um das tägliche Brod ringen 
mußte. „Daß für ſolche Menfchen in Deutichland nichts gefchieht, 
ift empörend“, fchreibt er einmal an Campe. 

Mit rührendem Eifer vertheidigte der „taube Maler“ ſtets ſei⸗ 
nen Freund gegen alle Angriffe. Auch in Gedichten befang er ihn; 
von dem Charakter derfelben mag hier das nachftehende Sonett aus 
dem Jahre 1833 ein Zeugniß ablegen: 


Heinrich Heine. 
Ein zweiter Knabe mit bem Wunberhorn 
IR er durchs beutfche Vaterland gezogen, 
Unb mädtig rauſchten des Gefange® Wogen 
Aus feines Herzens tiefftem, heil’gen Born. 
Der Salon 1889. Heft VI. Band L 43 


634 Ein Genoffe und Maler der Genies. 


Doch unfre Eſel vedten ihre Ohr'n 

Und bie Singoö sglein kamen angeflogen, 

Und maren ber Manier gar fehr gewogen, 
Weil fie gemütgfid — da erfat ihn Zomt 
Das Horn zerbrach er, winkte dem Le Grand: 
Oeran. Geipenfter-Tambour, komm heran! 
Das blöde Bolt, es bat uns nie verftanden.” 


Der Tambonr mächtig feine Trommel rührt! 
Gemüthlih Hell) in Deutſchland mufizirt, 
Und Deutſchiands Sänger Hagt in fernen Landen. 

Die Verehrung für alles Große und Schöne, namentlich aber für 
das Genie, und das Beitreben, zu allen Beiten defjen Ruhm zu ver- 
künden, zog ſich durch das ganze Leben Lyſers als beſtimmendes 
Moment, glei) einem rothen Faden. So war es jeine heißeſte 
Sehnſucht, den Olympier, für ben damals auch Heine noch fämwärmts, 
Goethe, kennen zu lernen. Er reifte zu diefem Behufe 1831 direkt 
nad) Weimar, mit einem warmen Empfeblungsbriefe ines an 
Riemer, den Sekretär des Dichterfürften, ausgeftattet. Mit Hopfen- 
dem Herzen trat Lyfer in das Heiligthum Goethes. Der Dichter 
war abwefend, und nur deſſen vierjähriger Enkel, Wolfgang, im 
Zimmer. Das Kind fah den Fremden mit feinen großen Augen 
fragend an; der taube Maler verftand dieje ftumme Sprache und er 
erzählte ihm ein gar wunderfames Märchen vom „Siebelhänschen‘. 
D, wie das Bübchen Yaufchte! Wie es fi) an den Hals des Mär- 
chendichters, der fo herrliche Gefchichten zu berichten wußte, an- 
ſchmiegte! Beide bemerften nicht, wie Goethe leife die Thür aufmachte. 
Diejer blieb ftehen und rührte fich nicht, bis dag Märchen zu Ende 
war. Mit Rührung blidte diefer auf bie idyllifche Gruppe. Dann 
klopfte er Lyſer auf die Schulter, reichte ihm die Hand und fah ihn 
freundlich an. Da der „taube Maler“ ſich nur jchwer unterhalten 
tonnte, ging die Konverfation mühſam vonjtatten. Goethe erlaubte 
ihm, ihn zu zeichnen; die Porträtffizze fand den lebhaften Beifall des 
Dichtergreifed; man erfieht dies aus den Worten, die er an ben 
Maler richtete. Sie lauten: 


An ben tauben Maler I. P. Lyfer: 


Bas Du kanuſt, das ſollſt Du treiben, 
Was Du nicht kannſt, laffe bleiben. 


Weimar, 11. Aug. 1831. Goethe. 


Dieſe Zeilen müſſen ſich im Nachlaß des 1870 in Leipzig ver- 
torbenen Dichters und Ueberfegerd Adolf Böttger vorfinden, be 
iefelben von Lyſer zum Gefchent erhielt. 

Da fi im „Fiedelhänschen“ bereits die Eigenart des fpäterer 
vortrefflichen Märchendichters Lyſers fundgiebt, mag der Anfang de 


*) Der befannte Dichter Th. Winkfer, der unter bem Mamen Theodor He 
ſchrieb und bie „Abendzeitung“ in Dresben herausgab. 


Ein Genoffe und Maler der Genies. 635 


allerliebſten Märchens*) hier abgedrudt werden, wobei ich bemerfe, 
daß dafjelbe auf Anregung Heines entftanden iſt. Diejer erwähnte 
dem Derfafjer gegenüber einſt des Grimmſchen Märchens: „Klein 
Friedel mit der Geige“ und die Idee gefiel Lyſer fo jehr, daß er 
ſofort das Nachftehende dichtete: 

„Es ift ſchon viele Jahre her, da Iob einfam am Wege ein Fleiner 
zerlumpter Junge und dachte daran, daß er ſchon jeit geftern früh 
nichts gegefjen habe, und wo er wohl heute etwas herbefomme, um 
feinen Hunger zu ftillen. b 

Der arme Junge hatte feine Mutter mehr und fein Vater war 
ſchlimmer als feiner, denn er war vom frühen Morgen bis zum 
Ipäten ‚Abend betrunken und wenn er betrunfen war, dann tobte, 
ſchalt und fluchte er gottesläfterlich und prügelte das arme Häns- 
Gen, wie er früher die Mutter geprügelt hatte. 

Die Mutter hatte jo viel geweint und fich gegrämt, daß fie 
.benn auch bald ſtärb. Hänschen weinte auch, aber nur fo lange, 
als der er auf ihn losſchlug; hielt der Vater mit Schlagen ein, 
fo hörte Hänschen gleich mit Weinen auf und war zufrieden ımd 

ter Dinge, wenn er auch manchmal tüchtig faften mußte, denn der 

jater hatte kein Geld für Brod, jondern nur für Bier und Brannt- 
wein. Warum Händchen bei all’ dieſem Jammer fo zufrieden war, 
das lag erjtens darin, daß er ein herzensguter Junge war, mit einem 
ehrlichen Sinn und einem reinen Gewifjen — dann hat es aber auch 
eine andere Bewandtniß und davon will ich jegt erzählen. 

Hänschens Vater war Dorfmufitant und fpielte die Geige in 
ben Schänfen und auf dem Tanzplatz unter der Linde. Früher hatte 
er recht gut gefpielt, ſodaß —— der alte verſtorbene Pfarrer ihm 
mit Vergnügen zugehört hatte; aber ſeitdem er ſich das abſcheuli— 
Trinken angewöhnt hat, fidelte und fragte er jo heillos, daß die 
Ratten und Mäufe davon liefen und Hunde und Kapen fich darüber 
Ärgerten. Dem Hänschen ging es durch die Ceele, denn er hatte 
die Violine immer fo lieb und er wußte, wie fchön fie fingen konnte, 
wenn der Vater nur gewollt hätte. 

Er nahm ich einmal die Freiheit, zum Vater zu jagen: „Ach, 
Vater, Du behandeljt die liebe Violine jet noch fchlechter, wie Die 
jelige Mutter und mic, gieb acht! fie wird auch bald ſterben!“ 

Der Vater ftand erſt gan verwundert da und wußte nicht, was 
er antworten follte — endlich aber Tief ihm die Galle über; er jagte 
gar nichts, fondern prügelte Hänschen graufamer denn je und ging 

avon. 

O Wunder! als Hänschen weinte und ug ſtimmte die 
Violine an der Wand leiſe mit ein. Als Hänschen bies hörte, wurde 
es ihm immer wehmüthiger ums Herz, und er und die Violine 
weinien wohl eine ganze Stunde zuſammen, ſodaß Hänschen ſchon 





*) Bei dem großen Umfang be Märchens verbietet ſich leider eine Wiedergabe 
deſſelben in feinem vollen Umfange, 


8% 


wuynung. 


Genoſſe und Maler der 4 


ihr lebelang nicht mehr 
ie Liebe für die Violine 
fagen: Er rüdte ſich eine 
rab und begann fie von 
uuch die vierte Saite, we 
‚ und die der Vater in | 
ngen war, wieder in Ord 
is fie den rechten Ton 
ollte fie wieder an ihren 
d traulid: „Hänschen, 5 
ft mich behalten, will & 
achen und weinen in Fr 
verfegte Hänschen. „° 
üg er mich tobt und wi 
useinander gingft.“ 
nicht hören“, ſprach Bio! 
8 Sonnenuntergang im 
nid) und den Bogen und 
o die Erlen flüftern unt 
hren, was Du thun u 


nen denn!“ rief Hänscher 

verlangft.“ 

du willft, ſprach Violine 

nöchen, langte nach dem Bogen hinunter und 
den Bach. 

illkommen!“ murmelte der Bad. „Willkommen, 
a die Erlen und flüfterten die Blumen. „Kudud!“ 
neuer Mufifant! — willfommen! Kudud! Kudud! 
tieglige und Zeifige und Grasmücden, die Finken 
ten und fangen: „Willfommen! willfommen!“ 
ift es hier“, rief Hänschen, fegte fi an ben 
hm die Violine in den Ärm und bat fie: „Nun, 
ie mach ich's, daß Du einftimmft in die ſchönen 
her?" 

Biofine alles, was er zu thun Habe, und rief 
aß fie dem Händchen fehren möchten und die 
ten ſich rund umher und gaben jeder erſt die 
183.3, 6, 6) d 6, 1 — 1, 0, dy 0, hy a, g“ 
uf der Violine nachzumachen, und das gelang 
Vögel: „Bravo, Hänschen, Bravo!” riefen. 
tachtigall herbei und fagte: „Ich will finge 
vireftor fein und mich begleiten; der Bach ſe 
ihr anderen aber bildet den Chor.“ 

L*, jagte Hänschen, „die Blumenglödchen müff 
fie müffen aber etwas lauter läuten, wie ı 


jenoffe und Aaler der Genies. 637 


ſprach die Nachtigall, „und Blumenglöckchen 
derr Mufikdireftor befiehlt.“ 

: den Taft an, und der ganze ögelehor be= 
zert. Nun fang die Nachtigall. O, wie die 
inschen- begleitete fie auf der Violine und 
n dazu klingeln. Alle anderen Stimmen aber 
h fummte nur ganz leiſe. 

he und Hirſche aus dem Waldesdunfel herbei⸗ 
ichen Eichfägchen fprangen Baum auf, Baum 
jaßen ganz manierlich auf den Hinterläuften 
. Die Tannen aber liefen Harz fallen, da- 
sgen immer frifch ftreichen fonute; fo. jpielte 
ne ſank, da mußte er nach Haufe. 

lieben Sänger!“ rief er. 

direftor!” jchrieen alle. „Komm bald wieder!“ 
ll flötete: 


3ald — o bald 

am grünen Wald 

hr zurüd, Du holder Knabel 
1es, alles, was ich habe, . 
eb’ ih Dir im grünen Wald; 
br zurit@! bald, 0 bald, 

ad, o bald — 

u holder Knabel“ 


jrte richtig alle Tage wieder und lernte immer 
stimmen des Waldes verjtchen und fie nach— 
n Violine... .* 


* * 
* 


o schloß ſich Lyſer auch am Ludwig Börne, 
dugfow und Guftav Kühne an. Bei all feiner 
für Heinrich Heine, billigte er nicht die maß- 
n auf Vörne in feinem befannten Buche; im 
Wolfgang Menzel jekundirte er jenem wader 
und Zeitichriften jener Beit verjegte er dem 
) heftigen Gegner des „jungen Deutjchland“ 
._Den Feinden Börnes widmete er einjt das 
Sonett: 


: ‚Ans Kreuz! und kreuzigt ihn fogar; 
fagte, könnt Ihr nicht vergefien! 

je doch und theuer Euch vermeffen: 
ſchulbigte, fei nicht mahr! 


ud feiner, denn nur allzuklar 
m Krebs an Euren Seelen freffen! 
de! madht Euh nur Garefien, 
wird um fo früher offenbar. 








638 Ein Genoffe und Maler der Genies. 


Er tundet Wahrheit, kundet Freiheit, Recht, 
Und jeder Jude umd jeber Chriſtenknecht 
vemuht fih d’rob, ihm in den Staub zu zerr'n. 


Umfonft, ihr Thoren, ſtark ſchwingt er ſich auf, 
Bollendet feinen fühnen Siegeslauf! 
Kriecht, faule Knechte, Ihr, vor Eurem Heren! 


Seine Ausfälle auf Wolfgang Menzel find für unferen heutigen 
Befomad fo ftark, daß ic) auf eine Wiedergabe derjelben verzich- 
ten muß. 

Auch mit den übrigen Führern des „jungen Deutſchland“, mit 
Seincig Laube, Karl Gutzkow, Ludolf Wienbarg und anderen, ver- 

and ihn innige Freundichaft und Sceefenverwandtichaft. Nach feiner 
Gewohnheit feierte er diejelben durch Stift und Wort. Es würbe 
mich zu weit führen, wollte ich alle jeine Auslaffungen über Die Ge- 
nannten hier anführen. Nur zwei Fresko-⸗Sonette an Laube und 
Gutzkow fei mir gejtattet abzubruden. Bezüglich des Erfteren fingt er: 


Recht kühn, ja ted bift Du empor geftiegen, 

Und flimmerft jegt am literar’fhen Himmel 

Und fepauft Herab und fadhft ob dem Gewimmel 
Tief unter Dir, denn leiht wird Dir's zu fliegen. 


Allein, mein freund! wir woll'n uns felbft nicht trügen! 
Denn auch Sternihnuppen flimmern oft am Himmel, 
And) bie Ratete hebt ſich mit Getümmel, 

Doch auf wie lang? — Das Wahre nur kann fegen. 


rum, flimm're nicht! Laß leuchtend Dich une ſchau'n. 
onn’, Mond und Sterne lernten uns Vertrau'n, 
Sie leuchten uns in einfach, großer Pracht. 


Wenn einft Europa wirklich ſich verjüngt, 
D, daß Dein Lieb vollendet bann erllingt, 
Das Deine befte Stunde uns gebracht! 


Und an Gugfow richtete ev bie nachſtehenden Verfe, als jener 
feine Schrift „Briefe eines Narren an eine Närrin“ veröffentlicht Hatte: 
Im Aug’ die Träne, lächelt Du uns an, " 
Und fingeft feuigend uns ein fröhlich Lieb, 
Bon Luft und Liebe, bie Dein Herz durchglüht, 
Dod ach, fein andres jo empfinden Tann! 


Du wanbelft einfam auf ber lichten Bahn! 
Im Sphärentanz das Weltall Di umfprüht, 
Dod wie fi aud Dein treues Herze müht, 
Kein gleihgefinnte® es erringen fann. 


Muß denn der wahre Dichter einfam fein? 
Entfirömt das Lieb nur aller Luft und Bein? 
Bleibt nur ber Unerfannte rein und wahr? 


Faſt glaub’ ich es! Mir geht es oftmals fo: 
Benn alles um mich her recht wüf und roh, 
Bird Mufe meine Rärrin, id — ihr Narr! 


Ein Genoffe und Maler der Genies. 639 


Lyſer war durch und durch eine humoriftifche Natur und er- 
heiterte ſtets die Gefellfchaft durch feine föftlichen Zeichnungen und 
wigigen Impromptus. Hatte diejer wunderliche Kauz feinen tollen 
Tag, ſchonte er mit feinen Nedereien und Anfpielungen auch feine 
beiten Freunde nicht. Als Gutzkow einjt in einem intimen Zirkel, 
dem auch Lyſer beimohnte, auf Seinrie) Heine räfonnirte, ärgerte 
das ben „tauben Maler“ fehr. Ohne fich in eine Debatte einzu- 
Iaffen, verfiel er auf folgenden Einfall. Er ließ fi von der Herrin 
des Haujes einen — Rettig geben, ſchälte ihn ab, zeichnete Gußtows 
Kopf flüchtig darauf und überreichte ihn jedem Einzelnen in ber Ge— 
felichaft. Unter allgemeinem Gelächter wurde Gutztow erkannt, und 
eis diefer mußte ſich jagen, daß er meifterhaft — getroffen jei. 

ie Anfpielung auf die Bilfigleit des Rettigs und — Gutzkows ver- 
fiand jeder. Gutzkow aber hütete fi), in Lyſers Gegenwart auf 
Heine weiter zu ſchmähen. 

In den Jahren von 1832—1835 lebte I. P. Lyſer in Leipzig 
ala einer ber „Davib3bündler". Mit Robert Schumann, begründete 
er die „Neue Zeitſchrift für Muſik“ und war einer der eifrigiten 
Mitarbeiter derjelben. Aus den Briefen Robert Schumanns wiſſen 
wir, wie hoch ihn dieſer ſchätzte. Er nennt ihn ftets „jeinen Freund“. 
Im „Humorift* brach Lyſer wiederholt eine Lanze für den genialen 
Komponiften. 

Wie mit Schumann, fo wurde er auch mit Mendelsfohn-Bar- 
tholdy und Giacomo Meyerbeer intim befreundet. Schon frühzeitig 
wies er auf die außerordentliche Bedeutung diejer großen Meifter 
Hin. Als „Die Hugenotten“ von Meyerbeer in Dresden zum erſten 
Male gegeben wurden, jchrieb er über dieſelben eine Broihüre und 
der Komponift war ihm ftets für die ihm gezollte Anerkennung 
freundfchaftlich ergeben. 

Bereits vor 5 Jahrzehnten hat er das große muſikaliſche und 
dichterijche Genie Richard Wagners bewundert und preift in feinen 
Schriften Franz Lifzt, daß diefer Mann für den Genius des Dichter 
Komponiften ſchon zu einer Zeit in die Schranfen getreten, als faſt 
alle Welt noch gegen ihn Partei genommen hatte. 

Mit Eifer widmete er fi, wie in Leipzig, jo aud) fpäter in 
Dresden, wo er ein Jahrzehnt lebte und fich zu feinem Unglück ver- 
heiratete, der kritiſchen und a erg Thätigfeit. Er war 
an den nambhafteften Blättern jeinerzeit ein viel gefuchter und ge— 
ſchätzter Mitarbeiter. Mit der Schröder-Devrient, Johanna Wagner, 
Joſeph Tichatfchek, Jenny Lind und anderen berühmten Sängern und 
Sängerinnen jtand er in regem Verkehr. Mit einem wohlwollenden 
UrtHeil verband er immer die größte Unparteilichkeit. 

Von feinen jehlreichen Schriften find am bemerfenswertheften 
die „Künftlernovellen“, welche urfprünglih in der Schumannichen 
Zeitſchrift srhienen find und „Abendländifche taufend und eine Nacht“ 
— eine Fülle der jinnigften und poetiichjten Märchen enthaltend. 
In allen jeinen Werfen vereinigt fi glüdliche Erfindungsgabe mit 





640 Ein Genoffe und Maler der Genies. 


tiefer Empfindung und innigent Gefühl. AL die reichen Erfebniffe 
und Beziehungen feines Lebens ſchilderte er in einem Anfang der 
dreißiger Jahre erſchienenen, längſt vergriffenen Buche: „Aus der 
Mappe eines wandernden Malers“. Faft alle feine Bücher ſchmückte 
er mit gehtreihen Zeichnungen und Bignetten. 

Als blutjunger Dann lernte er in Wien Ludwig van Beethoven, 
der glei) ihm taub war, und Wolfgang Amadeus Mozart, den Sohn 
des unjterblichen Mozart, kennen. Ich habe ſchon erwähnt, daß er 
erfteren in meijterhafter Weije zeichnete. Mit letzterem hatte er ein- 
mal eine intereffante Unterredung, worin ſich der Sohn des unfterb- 
ach Meifter8 darüber beklagte, daß der Ruhm feines Vater ſchwer 
auf ihm lafte. „Die, die mir wohlwollen“, jagte Mozart junior, „er: 
warten das Ungeheuerfte von mir — das macht mir Angſt, wie id: 
ihren hochgefpannten Erwartungen entjprechen jollte; die Gleichgilti— 
gu zudten die Achfeln und fagten: er heißt zivar Dear aber ein 

ozart wie fein Vater kommt nicht zum zweiten Male auf die 
Erde... Wenn ich meinen Vater nicht jo innig liebte und ver- 
ehrte, wenn ich ihm nicht vergötterte — ich hätte ihn Baffen können, 
weil er mir ein Leben gegeben, das ein, verfehltes werden mußte 
umfomehr, als es mir nicht an Talent, vieleicht jogar nicht an ber 
deutendem Talent fehlte .. .“ 

Es war Lyfer ein Bedürfniß, junge Talente zu fördern. Sein 
ſcharfes Auge erkannte fofort die bedeutende Begabung; jo wies er 
3. B. zuerit auf das malerifche Genie des fpäter jo berühmten Hiſto— 
rienmalers Profefjor Groffe in Dresden hin, als dieſer noch blut- 
jung war. 

Von den Kindern Lyſers fei hier nur Guſtav Lyiers Erwähnung 
gethan. Derſelbe Iebt in den Vereinigten Staaten — in Milwanfee 
— als geachteter Journaliſt und Redner. Er hat ſich auch durch 
treffliche Weberfegungen aus dem Englifchen befannt gemacht. Treu 
fteht er jenſeits des Ozeans zu Kaifer und Reich. 

Seit 1852 lebte Ahfer in Altona, bis zu feinem legten Athem- 
zuge ſchriftſtelleriſch beſchäftigt. Wie ſchon erwähnt, ftarb er vor 
zwei Jahrzehnten einfam und verlaffen. 


— Or — 


Haft ein Zeichen mir gewährt, 
ie's mein Brief von Dir begehrt; 

Rothe Schleif' am Mieder. 

— auch jo Dich gleich erkannt, 
enn wer hat fo zarte Hand, 

Solche ſchlanke Glieder? 

Deines Augenpaares Pracht 

Durch die Maske fröhlich lacht, 

Möcht' fie von Dir reißen! 

Birgt jie Doch die Wangen Dein, 

gi t fie doch das Grübchen ein 
uf dem. Kinn, dem weißen. 

Leife raunft Du: „Lofer Wicht, 

Mütterlein, fie ſieht es nicht, 

Darfit die Hand mir drücken!“ 

Einmal haft es nur gejagt, 

Einmal hab’ ich's auch gewagt, 

Sprachlos vor Entzüden! 

Ber hat mir dies Glück gebracht? 

Mummenfchanz, der Dich erdacht, 

Ihm hab’ ich's zu danken. 

Meiner Maste Kekmicher Schein, 

Hat getäufcht das Mütterlein, 

’3 fann nicht mit mir zanfen. 


Darum ich dem Mummenfchanz 
Mitten in des Feites Glanz 
Diejes Gläslein ſpende; 

Seh' im Geiſt mein Mägbelein, 
Seh’ der Locken gold’'nen Schein, 
Zühl den Drud der Hände! 





ı 

t 

i 

Klavierwerten aller Art nennen. Diefe fpielte ih mir jelbft zu 
meinem Vergnügen unzählige Mal vor, befonders auch, wenn ich 
mi) von Sorgen gedrüdt und muthlos fühlte und immer bin ich 
da erheitert und in guter Stimmung vom Klavier aufgeftanden. 

Diefe Zonfhöpfungen alfo, deren wohlthuenden Eindrud Haydn, 
und mit ihm viele feiner Zeitgenoſſen — Laien wie Künftler — jo 
lebhaft empfand, waren die Vorbilder gewejen, denen er nachjtrebte, 
und in der That zeigt ſich in feinen Klavierwerken ein dem Philipp 
Emanuel jehr nahe verwandter Geift Tiebenswürdiger Heiterkeit, 
ſchalkhafter Laune und _graziöfen Humors, wie denn auch in der 
dom, namentlich) der Sonaten, ein erheblicher Unterfchied zwiſchen 

iden Meiftern nicht erkennbar ift. Mit Recht durfte daher Philipp 
Emanuel a Haydn aus deſſen Werfen als feinen Schüler erfen- 
nen, und er ijt es, der jene wichtige mufifafifche Epoche, welche wi 
die Haydnfche nennen, verbreitet und eingeleitet hat. 

Auch Mozart hat mit feiner Anerkennung der hohen Verdienft 
Zage nicht qurüdgehaften, wenn er zu Doles in Leipzig in feine 
treuherzigen Weife von ihm fagte: „Er ift der Vater, wir find d’ 
Bub’n. Wer von uns was Recht's ann, der hat's von ihm gelern. 
und wer das nicht eingejteht, der ift ein Hundsfott.“ 


" Vater des modernen Alavierfpiels. 643 


ı Zeugen gegenüber darf die Bedeutung eines 
‚ezweifelt werden, defjen Name zwar in der Ge- 
r Kunft, mit fortläuft, um den und feine Werfe 
lange Zeit hindurch jehr wenig befünmert hat, 
jiten Periode die Forſchungen Bitters, Reifmanns 
ı das ihm gebührende Licht geftellt Haben. 
en, wenig wechjelvollen Lchen Philipp Emanuels 
rioden jehr genau unterjcheiden: die der Jugend, 
»ie Hamburger Periode, von welcher die mittlere, 
und der Wirkſamkeit nad) die bedeutendfte, ihm 
ner Bach“ gegeben hat. 
ers Jugendſchickſale find bald erzählt. In der 
Cranachs, in Weimar, wo fein Vater damals 
sireftor an der Schlofiche war, am 14. März 
er neun Jahre jpäter nad) Leipzig, als Johann 
fitdireftor an den beiden Hauptlicchen und zugleich 
t Thomasſchule erwählt wurde. 
vurde die Pflanzftätte feiner allgemeinen Bildung, 
Bige, aber zur Nederei geneigte Zögling brachte 
Ugen Streiche nicht felten den ftrengen Direktor, 
ıefti, ebenjo in Harnijch, wie den unter demjelben 
3ater in Verlegenheit. 
ve die mufifal — Ausbildung um ſo weniger ver⸗ 
Knabe von früh auf eine ungewöhnliche Bega— 
ır Zonkunft befundete. Schon mit zehn Jahren 
ierigen Klavierftüde des Vaters vom Blatt, der 
dem Klavier und auf der Orgel, jondern auch in 
tufit gründlich unterrichtete und ihn an den Ge- 
‘homaner theil nehmen lieh. 
nlagen, diefer Ausbildung, diefer vorherrſchenden 
t, follte Philipp Emanuel nicht Tonkünftler, fon- 
tden. So bejtimmte es wenigftens der väterliche 
orfamen Sohn nad) wohlabjolvirter Thomasschule 
) verführerifchen Leipzig in das funftarme Fränk— 
verbannte, um an dejjen Univerfität der Rechts— 
allem Fleiß obzuliegen. Ob und mit welchem 
jen, wiſſen wir nicht, wohl aber, daß der junge 
funftdürren Boden der alten Meßſtadt bald einen 
m hervorzuzaubern wußte. Unter ben Studiofen 
: guten Stimmen, andere mit jonftigen mufifali- 
tenntniffen und Fertigkeiten. Alle dieſe zerſtreu— 
te Bach zu einer „mufifalifchen Akademie‘, deren 
tänden nad) nicht unerheblich gewefen fein müffen. 
yer Meifter im feiner, in jpäteren Jahren mit 
uedergeſchriebenen eigenen Lebensbeſchreibung da= 
le damals vorfallenden öffentlichen Mufifen bei 
irt und: fomponirt habe.“ So wurde der Beſuch 





644 Der Bater des modernen Klavierfpiels. 


König Friedrich Wilyelm I. in Frankfurt zur Mar 
durch Aufführung einer Santate gefeiert, welche mi 
begann: „Entbedt durch tauſend frohe Töne 

Bas, Mufen, euch vor Luft entzüdt, 

Da ihr ben größten Held erklidt, 

Den Held fo vieler Giegesfabnen, 


Im Jahre 1738 war der afademijche Kurſus been 
follte num die juriftifche Laufbahn praftijch weiter ı 
ihm als ein feineswegs ſüßes Los erſchien. Wie ein Rı 
drang daher die Aufforderung des damaligen Kror 
maligen Königs Friedrich des Großen, zu ihm, als C 
Kapelle zu treten, welche er in feiner Hefiden, Rhein: 
pin hielt und deren eigenes thätiges Mitglied er als ; 
war. Als jolden hatte ihn Bach, der den ehrenvoll 
taufend Freuden angenommen, auf dem Klavier bei je 
zu begleiten, wozu nicht geringe Geſchicklichkeit und & 
hörte, da Friedrich, ſich jchr feiner Empfindung über 
dem Takt nicht eben genau nahm und namentlich die 
jagen zu überhaften pflegte. Gewiß ift, daß der Begle 
leichte Aufgabe zu voller Zufriedenheit des hohen 
Kunftfreundes tölle 

Nachdem daher Friedrich 1740 den, Thron beitie 
junge Meifter als „erjter Cembalift* in der Königlich 
gefteltt, ein ſehr wichtiger Pojten, auch infofern, als 
das Klavier das ganze Orchefter zujammengehalten w 

Mit welchem Eifer und mit welchem Erfolge de 
das bis dahin in feiner Hauptftadt faft gänzlich de 
mufifalifche Leben erwedte und auf alle Weife beförde: 
In feiner neu geſchaffenen Oper, wie in feiner Stapı 
eine große Anzahl ausgezeichneter Künftler ihrer Zei 
des Königs Lehrer und mufifalifcher Beirath, Graı 
Benda, Agricola und andere, während als Theoretifer 
Kirnberger eines hohen Rufes genofjen. Wieviel C 
einen ftrebfamen jungen Künftler, fid) in jeder Wei! 
Dies iſt auch von Bad) anerkannt worden, der in je 
ſchen Skizze darüber jagt: 

„Meine preußijchen Dienſte haben mir nie fo ı 
gelafjen, in fremde Länder zu reifen. Diefer Mangel ı 
Reifen würde mir bei meinem Metier mehr fchädlid 
wenn ich nicht das bejondere Glück gehabt hätte, in 
Vortrefflichite von aller Art von Muſik zu hören ı 
nicht, daß ein Artikel in der Muſik übrig fei, wovon 
der größten Meifter gehört habe.“ 

Mit welchem Erfolg dieſe vielfache Gelegenheit 


Klavierfpiels. 


avon giebt fein 

ben feine zahlreich 
eugenden Beweis. 
eutendite Klavierſ 
— feiner geit, ı 
> größte Theil jei 
nt gewidmet war, 
von unjeren heut 
ter erheblich unter 
ords, und für di 
d auch feine Klar 
igen Injtrumenten 
Ht zur Geltung f 
sel für den fird 
e Philipp Eman 
ı er mit fühnem 
af dem bis zu fei 
ten Wege nicht n 
wovon in Brudı 
veis liefern follte. 
t, vermehrt, erne 
ven Inhalt. Da: 
ven ont 
dem Reiz ſich nic 
palt mit ſich fel 
kaliſchen Welt offer 
fein ureigenes, f 
m zu ergießen, eı 
eſes Wortes — ; 
Gediegenheit des 
geringe That —, 


nde, denn die W 
erden. Sie athme 
fahren war, als 
e fühlte fich durc 
tert und des 
tanten — natürl 
fen bezaubernden ( 
ſchöpfliche Phanta 
n Verlangen nad) 
ch nie — zu entj} 
Havierfompofition 
Fugen zc. mit un 
tverjtändlid; habe 
> e8 bedarf einer .u.....0-.- 
Buten, um das mvergänglid) 





646 Der Vater des modernen Klavie 


Schöne vom Vergänglihen zu fondern. Viele 

Lich folhe, welche auf Beftellung von Verleg 

find, tragen zu jehr das Gepräge ihrer Zeit, ı 

u erjcheinen, in anderen aus innerem fünjtler 

nen Schöpfungen aber zeigt fich der Meift — 

Einbildungskraft, geiftvoller, den Spieler zum Denken und Empfin- 
den nöthigenden Sehanbhung, von genialer Kühnheit in der Harmonie. 
Zu diefen ewig ſchönen rfen gehören namentlid) die „Sonaten 
und Phantafien für Kenner und Liebhaber“ die großen Rondos und 
einiges andere. Sein Beftreben war, immer gejangreich zu fchreiben 
und zu vermeiden, daß die Melodie durch allzugehäufte Tontombi- 
nationen in der Begleitung verdunkelt und erſtickt würbe. In der Vorrede 
zu feinem ‚groben Lehrwerk: „Verfuch über die wahre Art das Klavier 
zu ſpielen“ jagt Bad) bezeichnend für feine Auffaffung: „Ein Muſikus 
ann nicht anders rühren, er fei denn ſelbſt gerührt, und dahin 
bringt es ein Slavierjpieler nie durch bloßes Bolten, Trommeln 
und Harpeggiren; wenigſtens bei mir nicht.“ 

Es ift feine übertriebene Behauptung, wenn man Philipp 
Emanuel Bad) den Begründer des modernen Klavierjpield nennt. 
Alle feine Nachfolger Haben fi) auf ihm gejtügt und Dies aud oft 
willig anerkannt. 

Doc) aud) auf anderen Gebieten der Tonkunſt, namentlich auf 
dem der Kirchenmufif iſt Dad in Berlin ſchöpferiſch thätig gewefen. 
Hervorzuheben unter dieſen Arbeiten ift ein herrliches „Magnifitat“, 
welches fich der gleichnamigen Schöpfung feines Waters würdig ans 
veiht, ſich aber dadurch von berjelben unterfcheidet, daß den Solo- 
gefängen mehr Bedeutung als den Chören eingeräumt worden ift, 
wie denn überhaupt Bad) ſich mit Vorliebe dem Einzelgefang und 
daher auch dem deutjchen Liede zumendete. 

Das Lied war bisher von den großen deutſchen Tonfegern ges 
ring geachtet und faſt gänzlich vernadhläffigt worden. Bach war 
es, der dem Liede zuerft Farbe und Leben gab, der die ante, 
welche die gewohnte ftrophenmäßige Kompofition dem Tondichter 
auferlegte, nicht felten kühn durchbrach und dadurch, ſowie durch eine 
ausbrudsvoll ſich dem Terte anfchmiegende Begleitung recht eigentlich 
der Schöpfer des durchlomponitten Liedes wirde. Zu nennen find 
hier Bachs „Deutjche Lieder“ nach Texten von Gleim, Kleift und 
anderen, vornehmlich aber die geiftlichen Lieder Gellerts, die in ihrer 
tiefen Innerlichfeit dem Empfinden des Meifters ganz befonders zu. 
fagten und ihn wahrhaft begeijterten. 

Inzwiſchen war in den Berliner Muſikverhältniſſen allmählich 
eine. Veränderung eingetreten, das frifche Streben durch eine gewi 
Einfeitigfeit, die man den „Berliner Geſchmack“ nannte und die zu. 
Stillftand, der zugleich ein Rückſchritt ift, führen mußte, erfegt wor 
den. Der alternde, von Sorgen abgezogene König ſchenkte der Muf 
nicht mehr die frühere Theilnahme, und wies, mit großer Treue a 
den Idealen feiner Jugend fejthaltend, alles neue von ſich. Mar 


r des modernen Slavierfpiels. 647 


n_genöthigt, das Flötenfpiel aufzugeben — 
Freund begraben“ jagte er, nachdem er die 
ın Kaften eingefchlofjen — und in den Kam— 
zerjtreuter Zuhörer. 

Bach nicht recht behagen; er fand fich über- 
daher nicht unlieb, als er 1768 einen Auf 
n fimf Hauptfichen Hamburgs und zugleich 
neum an Stelle des berühmten Telemann 


> gewährte der König die erbetene Entlafjung, 
a8 Scheiden aus deſſen Dienjten und über- 
: genug werden, der eigentlichen Wiege jeines 
enjchenalter gewirkt, geheiratet und eine 
: und wo vielfache freundjchaftliche Verbin— 
Runftgenojfen, ihm theuer jein mußten. 
8 neuen Wirkens fand Bach vielleicht auch 
3 erwartet hatte. Hamburg war nicht mehr, 
uvor und nod, fpäter, eine hervorragende 
ie deutfche Tonkunft, wo Reinke, Keifer und 
an Bach gelernt und Matthefon das Fritifche 
t hatte. Dir dem wachfenden Reichthum der 
ır der Sinn und die Theilnahme für die 
und die Mufit im befonderen gefunfen und 
mehr materiellen und äußerlichen Genüffen 
yer konnte auch Bad) zu Burncy, als biejer 
e, in Bezug auf das muſikaliſche Leben da- 
„Sie hätten fünfzig Jahre früher hierher 


der joviale Meijter mit den gegebenen Ver- 
ner ebenfalls Burney gegenüber gethanenen 
ud die Hamburger nicht gerade große Ken- 
Mufit, fo find fie dagegen meijtens fehr gut- 
: Berjonen, mit denen man ein angenehmes 
ühren kann.“ 

‚iemlich vereinfamt, gewann Bach doch ver- 
Bidung, feines geiftig vegfamen und frifchen 
t bedeutender Männer, wie Büfch, Reimarus, 
: der unmufifalifche und ungejellige Klopſtock 


ift Bach, ſchöpferiſch ſehr sHätig gewefen, und 
riode die reichere war und den Höhepunkt 
midelung bezeichnete, jo ift doch während der 
rfchöpfung der Phantafie noch ein Nachlaffen 
zunehmen. 

ach hier wieber viele Klavierwerke, allein es 
ex Meifter in feiner legten Periode mit Vor— 
jit und dem Oratorium zugewendet hat. 


648 Ber Bäter des modernen Klavierfpiels 


Obgleich Bach) auf diefem Gebiet manches Sd 
gänglihem Werth gefchaffen, wie ben herrlichen gr 
„Heilig“ und das Oratorium: „Israel in ber Wüjte‘ 

im allgemeinen diefe Arbeiten an die tiefinnerliche 
Schöpfungen Johann Sebajtians nicht hinan. Hervo 
die weihevolle Kompoſition der _Cramerjchen Pſalme 

Wie das Leben Bachs äußerlich überhaupt we 
liches bietet, fo verflojjen au) die Hamburger Jah 
Zamilienleben, in gejundem Wechſel von ernjter A 
Erholung ſehr ruhig. Nicht felten fuchten auswärti 
den berühmten Mann auf. So kamen Burney, Rei 
zart — der Ießtere wenige Jahre vor feinem und 
vor Bachs Ableben — feinetwegen nad) Hamburg, 
nicht genug Worte finden, um die Lichenswürdigfeit 
und den überwältigenden Eindrud zu fehildern, di 
spiel auf fie gemacht. Beſonders bemerkenswerth ift Di 
hierüber zu Doles in Leipzig: „Mit dem, was er 
wir heute nicht mehr aus; aber wie er's macht, da 
feiner von uns gleich.“ 

Wir aber können diefe Rückſchau nicht beffer ft 
den Worten, welche ein Verehrer unſeres Meiſters 
Tode in ein ihm damals zugehöriges, jegt in der K 
Berlin befindliches Exemplar der „Wahren Art di 
geichrieben hat: 

„Am 14. Dezember 1788, abends um acht Uhr 
berühmte und vortreffliche Kapellmeifter und Mu 
Karl Philipp Emanuel Bach in Hamburg, im für 
Jahre feines Alters. Deutſchland hat an ihm ein 
Muſiker und Klavierjpieler verloren, und ich fage nic 
id) behaupte, daß er wohl in feiner Art der größ 
und der größte Komponijt für dies Inftrument in 
Er war der wahre Vater aller guten Klavierfpiel 
durch feinen Verſuch über die wahre Art das Klavie 
durd) feine vortrefflichen Kompofitionen, welche wagre weeiterjmae 
find und gewiß fo lange die Welt ftcht, bei Kennern fchön bleiben 
und zu Muftern dienen fünnen, ganz unfterblich gemacht. O, welch’ 
ein großer Mann war Bad! An feinen Klavierfachen kann man 
ſich nicht fatt fpielen und ohne ihn würden alle SHavierfpieler noch 
im Zinftern tappen, denn nur er hat gezeigt, wie dies Inftrument 
mit Geſchmack behandelt werden muß.“ 

So urtheilten Philipp Emanuels Zeitgenofjen über ihn, und 
wenn wir, von unferem heutigen Standpunft aus, nicht ganz fo üb 
ihn urtheilen können, fo bleibt es doch fraglich, ob ohne ihn dief 
Standpunkt erreicht worden wäre, und in diefem Sinne dürfen n 
ihn den Vater de3 modernen Klavierjpiels nennen. 


» —e — 


650 Marianela. 


Die Bauern ſchwatzen oft, ohne zu denken, entwel 
zum beiten gehabt, oder fie wifjen ebenfalls durch 
Gruben liegen. Ein fo großes Etablifjement wie 
müßte man doch in weiter Entfernung jehen oder 
hierher gelangt nicht ein einziger Laut, ebenfo ı 
einen Menfchen auf dem Wege. Dabei dauert ec 
janze halbe Stunde, bevor der Mond aufgeht. Wi 
tens ſehen fünnte, wo ich mich befinde! Was t 
-der die ganze Welt durchreiſt hat? Ich glaube 
ängſtlich zu werden. O nein, die Bauern haben 
alſo den Ang jeradeaus, vorwärts!“ 

Er folgte Stege aufs geradewohl, ſowei⸗ 
ſcheiden vermochte, aber ſchließlich mußte er ftehen 
Terrain wurde jo abſchüſſig, daß er fürchtete, i 
hinabzuſtürzen. 

„Das iſt eine angenehme Lage!“ rief er. „Wi 
Siehjt Du etwas in der Tiefe? Nein, nichts, abfı 
die Öragmatten gehen hier zu Ende, ich fühle r 
meinen Füßen, jede Spur von Vegetation ift gefı 
ſcheinlich bin ich in die Gruben felbit hineingelan 
Tiches Weſen ift zu erſchauen, fein Laut zu verne 
ich thun? Hier ıft ein ur der emporzuführen | 

Kaum hatte er einige Schritte auf diefem We 
in der weichen Erde einzufinten begann und dahe 
langte, daß er nicht weiter gehen konnte. Er jei 
Stein, der mitten in dem Iojen, der Vulkanaſche 
Tag. Ganz gelafjen ſteckte er fich eine Cigarre a 
Gedanken. Plöglih hörte er den Gefang einer W 
in melancholiſchem Tonfall langjam in der Ferne 

„Es giebt aljo wirklich menfchliche Weſen Hi 
ſprach der Reiſende vor ſich hin, „das fcheint ır 
ftimme zu fein. Nun beginnt der Geſang wieder 
Stimmen. Welch’ ergreifende Melodie! Man jr 
die Töne aus der Tiefe der Erde kommen, — a 
fie ng wieder. Hallo, Mädchen, Mädchen! War 

chließlich ſchwieg der geheimnigvolle Gefang 
Ruf verflang ohne Wirkung. 

„Das iſt wirklich ſchade“, fagte er, „aber fe 
Hundert Jahre! Wer fann cs abändern? Ich n 
die Zeit abwarten. Es war übrigens eine zienlid 
mir, daß ich meine Bagage vorausſchickte und alle 
Bruder in Socartes aufjuchen wollte.“ 

Er fühlte einen ſchwachen Wind aus der Tie 
unter feinen Füßen glaubte der Verirrte Schritte ; 
erhob er ſich und rief: 

„Mädchen, Mann, oder wer Du aud) bift, ke 
nad) den Gruben von Socartes gelangen?“ 


Marianela. 651 


Frage geſtellt, als ein Hund zu belfen be- 
agte: 


te der Neifende, „ih will Dir nichts böfes 
en —5 ver & 

und gehorchte timme feines Herrn 
ven, dem er bereit3 ziemlich nahe gekom— 


faegangen, und Golfin fah in einem Abs 
ftande von ungefähr dreißig Fuß vor fich oder richtiger gejagt unter 
ſich eine männliche Geftalt gerade an der Stelle ftehen, wo die ab- 
ſchüſſigen Seiten de3 Berges von dem Wege durchfchnitten wurden. 

„Gott jei Dank“, rief er, „ich konnte nicht glauben, daß ich dem 
Wege fo nahe war. Guter Freund, können Sie mir jagen, ob ich 
mid) in den Gruben von Socartes befihbe?“ 

„3a, aber die Häufer in Socartes liegen ein gutes Stüd Weges 
von bier ab.“ 

Die Stimme des Sprechenden flang friſch und angenehm, man 
fühlte, daß fie einer Dienitbereiten Perfon angehörte. Der Reifende 
hörte fie ebenfo gern, wie er den Mondfchein fah, der mit feinem 
milden Schein die öde Gegend erhellte, 

„Es wird Licht”, fagte er, „es kommt mir vor, als ob ich ge— 
raden Wegs aus einem Chaos emporgeitiegen ſei. — Ich danfe fir 
Ihre gütige Nachricht. Beim Sonnenuntergang verließ ich Villa— 
mojada, und die Leute fagten, daß ich nur nöthig hätte, geradeaus 
zu gehen... .“ 

b Gedenken Sie nad) Socartes zu gehen?“ fragte der junge Mann, 
ohne ſich von der Stelle zu rühren und den Neifenden zu betrach⸗ 
ten, obgleich derfelbe I ganz nahe gefommen war. 

„3a, aber ich muß mich verirrt haben.“ 

„Dies ift nicht der Eingang zu den Gruben. Sie haben fi 
wirklich verirrt. Hätten Sie den rechten Weg eingeichlagen, fo 
wären Sie bereit in zehn Minuten in Socartes geweſen, jetzi dauert 
& etwas länger, denn wir müſſen einige Galerien pajfiren und 
mehrere Treppen auf- und abjteigen, die ſich durch die ganze Aus— 
Beömung ber Gruben hindurchziehen.“ 

„Nun, dann bin ich doch nicht gar viel vom Wege abgegangen“, 
ſagte lächelnd Golfin. 

Ich werde Sie mit Vergnügen begleiten, ich kenne die Gruben 
aus: und inwendig.“ 

Halb hinabgleitend näherte fich der Reijende dem jungen Manne. 
Als er dicht bei ihm war, fagte er erjtaunt: 

„Sie find — — —“ 

„Blind, ja! Aber dennoch kenne ich die Gruben pollfommen, 

Stod ſchützt mich vor dem Fallen, und Choto folgt mir. Sie 

innen ſich mit voller Beruhigung von mir führen laſſen.“ 


4* 





652 . Marianela. 


u 
Bie Führung. 

„Blind von der Geburt an?“ fragte der Reiſende mit einem 
Imterefje, das nicht allein dem Mitleid zu entfpringen fchien. 

„Sa, von der Geburt an. ch fenne die Welt nur durch die 
Gedanken, durch das Gefühl und das — Soviel habe ich ein⸗ 
ſehen gelernt, daß der bewunderungswertheſte Theil der Welt mir ver- 
ſchloſſen ift; ich weiß, daß die Augen aller anderen Menjchen anders 
find als die meinigen. Die Anderen ſchauen die Dinge felbft, ich 
vernehme fie nur auf Umiwvegen. Diefer Vorzug der anderen Men- 
ſchen erfcheint mir fo wunderbar, daf ich nicht einmal die Möglich- 
Teit zu faffen vermag, ihn felbft zu befigen.“ 

„Wer weiß, ob — — +- ber fagen Sie mir, was ift das 
für ein merkwürdige Schaufpiel?“ 

Sie befanden ſich in einem Keffel, der ausfah wie der Krater 
eines Bulfans mit umebenem Boden und nod, unregelmäßigeren 
Wegen. Ueberall erhoben fich phantaftifche Geftalten, die man nur 
mit. den Figuren, welche von ben am ginmel dahinziehenden Wollen 
gebildet werden, vergleichen konnte. Durch den Mondſchein wurde 
der Raum in ber Einbilbung bes Beſchauers mächtig vergrößert. 
Die Farbe diefer in verfchiedenen Stellungen auögefkredten, obgleich 
in Todesruhe verbleibenden Rieſen verlieh ihnen das Ausſehen von 
Mumien. warz gefärbt und in Roth ſchimmernd, fahen fie aus, 
als ob der Tob fie in fieberhafter Unruhe überrafcht und zu ewigem 
Schlafe at hätte. Das tiefe Schweigen, das hier herrichte, 
war unheimlich. ö 

„Wo befinden wir uns, mein Freund?“ fragte Golfin, „ich ge- 
ftehe, es ift mir zu Muthe, als ob ein Alp mich brüdte.“ 

Dieſer U der Gruben wird la terrible genannt“, erwiderte 
ber Blinde, auf den bie Gemäsftimmung des zufälligen Reiſelame⸗ 
raden ohne Einfluß war. „Er wurde bis vor zwei Jahren bear» 
beitet, als die Galmeigänge aufhörten. Jetzt arbeitet man in anderen 
Gruben. Das, was Ihr Erftaunen erwedt, find Blöcke von eifen- 
haltigem Thon, ber übrig geblieben ift, nachdem das Metall, um deſſen 
willen man ‚die Gruben bearbeitete, gewonnen worden war. 
Anbli fol befonders im Mondfchein unbefchreiblich großartig fein, 
ich Tann natürlich nicht darüber urtheilen.“ 

„Ein großartiger Anblid“, beftätigte Golfin, „obgleich er bei 
mir mehr Furcht als Vergnügen ermwedt, weil er mic an meine 
Neuralgie erinnert. Es fommt mir vor, als ob ich mid) im Inneren 
— — befände, das von entſetzlichen Kopfſchmerzen heim— 
geſucht ift.“ 

Choto, Choto, ici!“ rief ber Blinde. „Nehmen Sie ſich in 
acht, mein Hert, wir gelangen jegt in einen Gang hinein.“ 

Golfin fah, wie der Blinde nach einer Kleinen Deffnung ging, 


AMarianela. 653 


Stode voranfühlte. Der Hund fprang voraus, 

ange umherſchnüffelnd. Der Blinde folgte ihm 

t, die einen Menfchen, der in ewigem Dunkel 

flegt. Golfin jchritt Hinter ihm her, ohne ein 

Unbehagens unterdrüden zu können. 

ich“, bemerkte er, „daß Sie fich, ohne irgendivo 

värts bewegen fünnen.“ 

ufgewachien und fenne die Gruben von Schritt 

ivd es falt, hüllen Sie fi gut ein, wenn Sie 
Wir fommen bald ins Freie hinaus.“ 

t der rechten Hand die Wand, die mit fenfrecht 

zimmert war. Dann fagte er: 

ı gut vor, daß Sie nicht Über die Weichen, welche 

gelegt find, ftolpern! Das oben gewonnene 

ab und durch diefen Gang ins Freie gefchafft. 


t, mein Freund, find Sie ficher, daß uns nicht 
Es lommt mir vor, als befände ich mich im 
werd. Pflegen Sie oft in diefer ſchönen Gegend 


jeiten des Tages. Ich befinde mich hier außer- 
un fommen wir aufs XTrodene, hier iſt reiner 
gehen wir wieder auf Stein, — bier träufelt: 
jer durch das Geftein, — jet gehen wir über 
chem man zahlreich verfteinerte Mufcheln findet, 
Nejem Moment befinden, ift Schiefer. — Hören 
ı quaft? Jetzt find wir nahe beim Ausgange. 
ie ihre Beligerin figt hier jeden Abend.“ 
roſchꝰ 


wollen. — Jetzt find wir gleich draußen im 
aß ich auß der Ferne ein paar Augen uns be 


Als ſie tns Freie gelangt waren, hörte der Reiſende denjelben 
wehmüthigen Geſang wie vorhin. Der Blinde blieb ftehen und 
fragte mit einem Lächeln, das ſowohl Freude als auch Stolz aus- 
zubrüden ſchien: „Hören Sie?“ 

„Sa, ich habe diefe Stimme ſchon einmal früher gehört, und fie 
gefiel mir jehr. Wer ift denn dort, der da fingt?“ 

Anftatt zu antworten, rief der Blinde mit der ganzen Kraft 
feiner Lungen: „Nela! „Nela!“ 

Das Echo wiederholte diefen Auf in der Nähe und in der Ferne. 

„Komme nicht hierher, ich komme zu Dir, erwarte mich beim 
Eifenhammer!* 

rauf wandte er fi) an den Reijenden und fagte: „Nela ift 
meine Führerin. Wenn «3 finfter und fühl zu werden beginnt, 
fehren wir zujammen von der großen Wiefe zurüd. Mein Water 


654 Marianela. 


will nicht, daß HF mich unvorjichtig der Aben 
deßhalb wartete ich in einer Hütte am Wege, o 
tief, um meinen Mantel zu holen. Aber da erin 
daß ein Freund mich ze Haufe erwartete, ich wi 
ging mit meinem Hunde die Gruben hinab, wo 
Eifenhammer werden wir ung trennen, denn m 
zufrieden fein, wenn ich länger ausbleibe. N 
weiter führen.“ 

„Hier muß ſich irgendwo Waffer befin 
Neifende. 

„Das Geräuſch, das Sie Hören, und das | 
tönt, verliert fih in einem Abgrund links von 
wie tief er ift, und ebenfo wenig weiß man, wo 
Viele glauben, daß es bei Ficöbriza ins Meer : 
es fei ein Fluß, der ins Innere der Erde wie ı 
jemals wieder ans Tageslicht zu kommen.“ 

„Und niemand ift in diefen Abgrund hinab 

„Man kann nur auf eine einzige Weife do: 

„Wie meinen Sie das?“ 

„Zudem man fich Hinabjtürzt. Aber nic 
wieder_zurüdgefehrt.“ 

„Das ift fchabe, denn fonjt würde man « 
fich im Asgrunde befindet.“ 

„Die Deffnung zu demſelben ift ziemlich w 
aber vor zwei Jahren fanden die Grubenarbeite 
Schieferwand, an welchem man denfelben kochen: 
wie an ber Oeffnung hörte. Diefe neu entdeckt 
her mit den Gängen im Inneren zufammenhäng 
Luft von oben hineinftrömt. Am Tage können 
lich fehen, man kann fich auch bequem dicht 1 
aber vielen wird bange vor dem Getöfe, dad m 
Nela und ich figen gerne dort. Man glaubt, 
dem Ohr zu hören. Nela behauptet, daß fie 
könne, aber ic) habe nie folche gehört. Das 
ftet3 gleich einem Gemurmel oder eher, als ob j 
le, Manchmal erklingt es wie betriib 

öulic) aber viel Öfter jcheint es böfe oder höf 

„Was mic) betrifft“, fagte der Reiſende lär 
mir, als ob jemand gurgle.“ 

„Sa, von hier tönt c& wirklich fo, aber w 
länger aufhalten, wir müjfen noch einen Gang 

„Was? Noch einen Gang?“ 

„3a. In der Mitte theilt er ſich und dann 
von engen Gängen. Das find Stollen, die fri 
fpäter verlaffen worden find. Es ift ein vollfon 
wärts, Choto!“ 

Der Hund drang durch eine jchmale De 


Aarianela. 655 


Wicfel, das ein Kaninchen verfolgt. Der Blinde fühlte mit feinem 
Stode auf dem engen und fchlüpfrigen Wege vor fich hin und fchritt 
dem Neifenden voran. Nie zuvor hatte diefer einen in jo hohem 
Grade entwidelten Taftfinn gefehen. Der Stock ſchien die Eigen- 
Kohn der Hand angenommen und gleichjam Leben erhalten zu 

n. 
„Wiſſen Sie, wie es mir hier vorkommt?“ ſagte der Reiſende, 
der bemerkt zu haben ſchien, daß der Blinde Vergleiche liebte. — 
„Diefer Wirrwarr von Gängen erfcheint mir wie die Gedanken 
eines ſchlechten Menjchen; ich jelbit glaube hier der böje Gedanke 
u fein, der in das Gewiljen des Menjchen eindringt und fich jelbjt 
in aller feiner Widerwärtigfeit erfennt.“ 

Golfin glaubte einen Moment, daß fein Begleiter ihn vielleicht 
nicht veritanden hätte, aber diejer antwortete: „Für denjenigen, der 
das mir unbefannte Reich des Lichtes fennt, ten wohl dieſe 
Gänge traurig erfcheinen, aber ich, der in der Finiterniß lebt, finde 
hier etwas, das mit meinem eigenen Wejen übereinjtimmt. Ich gehe 
bier ebenjo bequem einher wie auf der breiteften Strafe. =enn 
nit mandjmal die Luft fo — und die Feuchtigkeit ſo groß 
wäre, würde ich dieſen unterirbiſchen Ort allen anderen, die ich 
kenne, vorziehen. In meinem Gehirn fühlte ich etwas ähnliches wie 
Sie vorhin beim Durchſchreiten des Ganges bemerften, und in dieſem 
Gange, wo wir uns jet befinden, jchiveben meine Gedanken frei 
umber“ 





„Ach, wie entjeglih muß es doch jein, nie das Blau des Hims 
melögewölbes jehen zu fönnen! Hören Sie, mein Freund, nimmt 
denn diefer Gang gar fein Ende?“ 

„3a, wir find bald draußen... Sie fprachen von dem Him- 
melögewölbe. Sch ftelle es mir wie eine große, runde Kuppel vor, 
die man ftets mit den Händen zu ergreifen glaubt, ohne fie doch 
jemals zu erreichen.“ 

Sie waren aus dem Gange hinausgetreten. Golfin athmete die 
frifche Luft in vollen Zügen ein. Wie jemand, der von einer großen 
Bürde befreit worben iſt, blidte er zum Simmel empor und vief: 
„Gott. jei Dant, daß ic) euch, Sterne des Himmels, wiederjehe! Nic 
mals feid ihr mir jo ſchön vorgefonmen wie in diefem Augenblide.“ 

„Sm vorbeigehen“, fagte der Blinde, indem er einen Stein, den 
er in der Hand trug, zeigte, „habe ich diefen Kriftall mitgenommen. 
Können Ste behaupten, daß Ddiefer Stein, deſſen feine Form mir 

ein Gefühl anzeigt, nicht ſchön ift?“ 

„Lieber Freund“, fagte Bolfin gerührt und voll Mitleid, „es 

traurig, daß Sie nicht begreifen fünnen, daß diefer Stein nichts 
deutet im Vergleich mit dem Firmament, das mit feinem wunder— 
ren Licht über und ausgejpannt ift.“ 

Der Blinde erhob betrübt den Kopf und fagte in dem Tone 

siefften Niedergeſchlagenheit: „Iit e8 wahr, daß fid) dort Sterne 

nden 


656° Marianela. 


„Gott iſt groß und barmherzig“, ſagte Golfin, die Hände auf 
die Schulter feines Begleiters legend, „wer weiß... wer weiß... .? 
Man muß täglich die wunderbariten Dinge erleben.“ 

Dit diefen Worten firirte er fcharf den Blinden, indem er das 
ſparſame Licht benußte, um die Pupille deffelben zu betrachten. 

Mit einem traurigen Lächeln jagte der Blinde, da er verftand, 

was ber Fremde meinte: „Ach, ich habe feine Hoffnung!“ 

Sie waren indefjen auf einen offenen Platz gelangt. Im Mond- 
ſchein ſah man weit ausgedehnte Wiefen und eine Gruppe von 
weißen Häufern. 

„Dort links wohne ich; hier oben ftehen drei Häufer, das ift 
alles, was man von der Stadt Aldeacorba noch vorfindet. Alles 
andere ijt verfchwunden, weil die Hausbefiger ein vu nad dem 
anderen verkauft haben, als fie erfuhren, daß fie auf einem reichen 
Lager von Galmei wohnten. Unſere Vorfahren faßen auf Miltionen, 
ohne daß fie es wußten.“ rs 

Ein Mädchen, ſchnellfüßig und mager, kam ihnen jchnell ent— 
gegengefprungen. 

5 „ale, ſagte der Blinde, „haft Du mir meinen Mantel mit 
gebracht?“ 

a3 Mädchen hing den Mantel um feine Schulter. 

„Haft Du vorhin gejungen?“ fragte der Reiſende. „Weißt Du, 
daß Du eine ſchöne Stimme Haft?“ 

„3a“, fagte der Blinde, „fie fingt ſehr ſchön. Nela, führe diejen 
Herrn jegt weiter. Ich bleibe Hier, ich höre bereit? meinen Vater 
— Er wird mich ſicherlich ſchelten, — — ich komme, 
ich komme!“ 

„Eilen Sie nun nach Hauſe, die Luft iſt kalt und könnte Ihnen 
ſchaden. Ich danke Ihnen für Ihre Führung und ich Hoffe, daß 

wir gesunde werden. ch werde einige Zeit hier verweilen, ich bin 
ein Bruder des Ingenieurs Karlos Golfin.“ 

„D, Don Karlos ift mein und meines Vaters Freund, er ers 

wartete Sie bereits gejtern.“ 

„Ich kam erjt gegen Abend nach Villamojada, man jagte mir, 
daß Socartes nicht En K und daß ich zu Fuß dahin gehen könnte. 
Da mir die Gegend gefiel und ich mir aud) Bewegung machen 
wollte, ging ich, wie die Leute mir fagten, gerabeaus und fchidte 
meine Bagage mit dem Bogen auf dem Landwege nad) Socartes. 
Leben Sie wohl, die Kleine Nela wird mich führen.“ 


UL 
Bas Bwiegefpräd. 
„Halt, Mädchen“, fagte Golfin, „geh' nicht fo ſchnell! Lak mid 
erft eine Cigarre anzlinden.“ 
Es war fo ftill und zubig in ber Luft, daß Golfin jeine Cigart 
anzünden konnte, ohne jene Vorſichtsmaßregeln zu treffen, die dü 


—ñi 
AMarianela. 657 


Luft anzuwenden pflegen. Als er das Streich 
befeuchtete er damit Nelas Figur und ſagte in 
tomm hierher und laß mic, Dein Geficht Sehen!” 
vetrachtete ihn mit Erftaunen. Während des 
n dem das Streichholz noch brannte, Teuchteten 
wie glühende Kohlen. Sie jah wie ein Kind _ 
ıd mager war, aber aug zugleich wie ein er⸗ 
eil ihre Urtheilskraft und ihr Selbſtbewußtſein 
ſen war. Ungeachtet dieſes Kontraſtes war ſie 
n und trug ihren kleinen Kopf mit einem ge— 
fe meinten, daß fie einer großen Dame gliche, 
Vergrößerungaglas gefehen. Andere meinten, 
ausjähe mit vollen, ausgewachjenen Frauen- 
e zum erjtenmal jah, wußte man nicht, ob man 
ndern oder vielmehr das Stillftehen ihrer Ent» 
te. 

u?“ fragte Golfin, der das Streichholz, da es 
ennen begann, jallen lieh. 

ich, fechzehn Jahre alt bin“, antwortete das 
inerjeit3 ihn aufmerfjam betrachtete. 

! Aber dann bift Du ja im Wachen zurüc- 
aus, als ob Du Höchttens zwölf Jahre alt 


Gottes!“ rief das Mädchen mit einem Tone 
iß aus, „fie jagen auch, daß ich eine Miß⸗ 


?“ wiederholte Golfin, indem er feine Hände 
„So, jagen fie das? Komm, laß uns weiter 


fich jedoch befonbers zu beeilen; fie hielt ſich 
wer Seite des Fremden, als ob fie feine Gefell- 
: Ehre hielte. Sie war barfuß, ihre Heinen, 
die genauefte Bekanntſchaft mit allen Uneben- 
hre Kleidung war furz, und von geringwerthi- 
Kleidung jowohl, wie das kurze, loſe herab- 
gefräufelte Haar — alles zeugte von einer 
ıer gewiſſen Unabhängigkeit, die vielmehr an 
ne Bettlerin erinnerte. Im Gegenfage zu der 
> ftand Die verfchämte und zurüdhaltende Art, 
d die auf einen bejtimmten Charakter fchließen 
me lag ein angenehmer Ton, eine natürliche, 
r Burc) künſtliche Mittel angelernte Artigkeit, 
ir auf den Boden als auf den Himmel gerichtet, 
varf fie diefelben verftohlen auf den Fremden. 
gte Goffin, „lebft Du in den Gruben? Iſt 
yäftigt?" 
ich weder Vater noch Mutter habe.” 





658 ‚Marianela. 


„Armes Kind! Dann arbeitejt Du wohl felbft im Bergwerk?" 

„Rein, Herr! Ich tauge zu nichts“, wieberholte das Mädchen, 
indem es die Augen niederjchlug. 

„Aber Du bift wirklich viel zu verfchämter Natur, mein Kind!“ 

Golfin beugte fih herab, um ihr ins Gelicht zu jehen. Es 
war mit Podennarben bededt. Die Form des Kopfes war oval, die 
Stirn niedrig, die Nafe dünn und fpig, aber nicht häßlich, die Augen 
kimaz und lebhaft, jedoch meift mit dem Ausdrud des Kummer. 

‚hr urjprünglich Dunfelrothes Haar hatte, ohne Pflege wie es war, 
feine urjprünglich dunkle Farbe durch die Sonne, die Luft und den 
Staub verloren, ihre Lippen waren fo dünn, daß man fie faum 
jehen fonnte; ihr Mund lächelte fait immer, aber man fah an ihm 
nicht den Ausdrud der Begehrlichfeit und der Leidenjchaft, die den 
Mund des Bettlers gewöhnlich entftellen. 

Golfin ftreigelte ihre Wangen mit feiner feinen Hand und 
Tagte: „Armes Kind, der liebe Gott ift nicht freigebig gegen Dich 
geweſen. Bei wen wohnſt Du?“ 

„Bei Herrn Genteno, der mit den Maulefeln hier unten die 
Aufficht Fr: 

„Du ſcheinſt nicht im Ueberfluß emporgewachfen zu fein. Wer 
war Deine Mutter?“ 

„Die Leute fagen, daß meine Mutter Heine Saden auf bem 
Markte in Villamojada verkaufte. Ich wurde am Allerheiligentage . 
geboren, und dann ging meine Mutter als Amme nad Madrid.“ 

„Eine bübfche Mutter!“ ſprach Golfin vor ſich hin. „Dann 
weißt Du wohl nicht, wer Dein Vater war?“ . 

„Ja“, erwiberte Nela mit einem gewiffen Stolz, „mein Bater 
war erfter Laternenanfteder in Billamojada.“ 

„Nun, das war doch etwas!“ 

Als die Behörde bejchloß, daß Bilfamojabe Straßenbeleuchtum: 

ben follte*, fuhr das Mädchen mit einer Wichtigkeit fort, als o) 
ſie ein großartiges, hiftorifches Creigniß erzählte, „befam mein Vater 
ie Anftellung, die Laternen zu pugen und anzuzünden. Mein Vater 
wohnte mit meiner Tante, die mich erzog, zuſammen. Wenn mein 
Vater abends ausging, um die Laternen anzuzünden, nahm er mid) 
in einem Korbe mit, in welchem er Die Lampengläfer, das Del und 
die Dochte bewahrte. Einmal, als er die Laternen auf der Brüde 
anzünden follte, fiel ic) aus dem Korbe in den Fluß. Heilige 
Mutter Gottes, die Leute fagen, daß ich, bevor ich dort hinabfiel, 
recht hübſch gewefen fein fol.“ 

„Gewiß warjt Du das, und Du bift es noch”, fagte der Frem 
mit mitleidiger Freundlichkeit. „Aber fage mir, wie lange hajt ” 
hier in den Gruben gelebt?“ 

„Die Leute fagen, dab ich hier dreizehn Jahre gewejen L 
Meine. Mutter nahm mich zu fi, nachdem ich in den Fluß gefalı 
war. Dann wurde mein Vater frank, aber meine Mutter wollte 
nicht pflegen, da er nichts beſaß, um für fich zu bezahlen. Infe 





Marianela. 659 


:al, wo er ftarb. Die Leute jagen aud), daß 
bichiedete, weil fie zu viel Branntwein trank.“ 
Was machte Deine Mutter dann?“ 

m großen Loch dort oben und ftürzte fich 


nicht wieder herauf?“ 
noch dort unten“, antwortete das Mädchen 
. 1e der Welt. 

„Und feitdem haft Du hier arbeiten müffen? Die Arbeit ift 
ſchwer. Du haft Diejelbe Farbe wie das Metall befommen,, das 
man hier bricht. Du ſiehſt mager und abgezehrt aus, Du befommft 
grib ſchlechtes Eſſen. Diefes Leben fann auch den Fräftigften 

örper zerſtoͤren.“ 

„Nein, Herr, ich arbeite nicht, Die Leute ſagen, daß ich durch- 
aus zu nichts tauge. ’ 

„Ad, Du Thörin, Du bift ein Juwel.“ 

„Nein, nein, ic fann nicht arbeiten. Wenn id) einmal etwas 
tragen fol, dann fühle ich mich fo ſchwach, daß ich umfalle.“ 

„Das kann wieder gut werben, wenn Du zu Leuten kommit, die 
Dich zu behandeln verftehen, dann wirjt Du auch arbeiten können.“ 

ein, Herr, mich zur Arbeit benugen wollen, hieße nur andere 
behindern und befchweren. 

„Biſt Du denn eine umtreiberin?” 

„Nein, ich führe Pablo.“ 

„Wer ift Pablo?“ 

„der blinde, junge Dann, den Sie in der Grube trafen. Seit 
anderthalb Jahren bin ich feine Führerin, ich begleite ihn überall, 
wir fpazieren viel im Freien.“ 

„Pablo fcheint ein angenehmer, junger Mann zu fein?“ 

Bei diefen Worten blieb Nela ftehen, fah dem ‘Fremden mit 
vollem Ernfte ins Auge und ſagte mit einem Blicke, der vor Ent» 
üden ftrahlte: „Heilige Mutter Gottes, er ijt der beite Menfch auf 

den! Mein armer Herr hat, obgleich er blind it, mehr Verſtand 
als alle, die ſehen können.” 

„Mir gefällt Dein Herr. Sit er nicht hier aus dem Orte?“ 

Ja, Herr, er ift ber einzige Sohn des Don Franzesco Pens- 
guilas, eines jehr guten und reichen Herrn, der in Aldeacorba wohnt.” 

„Nun, mag Dein Herr Did) leiden?“ 

„sa, er iſt fehe gut zu mir. Er fagt, er fehe mit meinen 
gen, weil id) ihn überall hin führe und ihm alles beſchreibe. Er 

jt mich, wie ein Stern ausficht, und ich ſage es ihm fo genau, 
er ihm fat ſelbſt zu fehen glaubt. Auf dieſelbe Weiſe mache 
es mit den Gewächien, den Wolfen, dem Himmel, dem Wajfer, 

Bligen, mit einem Worte mit allem, was man ſich benfen kann. 

age ihm, was häflich und was ſchön ift, und auf diefe Weife 

» ihm alles klar.“ 
Sch ſehe wohl, daß Du nicht geringe Mühe mit ihm haben 





660 Marianela. 


mußt. Was häßlich und was ſchön iſt — — alſo Du beſchäftigſt 
Dich mit ſolchen Sachen. Kannſt Du leſen?“ 

„Nein, En ich jagte Ihnen ja bereits, daß ich zu nichts tauge.“ 

Diefe Worte ſprach das Mädchen in einem Tone der Hefften 
Ueberzeugung und mit einer Geberde, al3 ob es fagen wollte: „Wie 
können Sie jo dumm fein fi) einzubilden, daß ich etwas fönnte?“ 

„Würde es Dich nicht freuen, wenn Dein Herr von feiner Ylind- 
heit geheilt würde?“ 

Das Mädchen antwortete anfangs nichts, dann jchlieklich rief 
es: „Heilige Mutter Gottes, das iſt unmöglich!“ 

„Unmöglich ift e3 nicht, obgleich es jehr ſchwer ift“. 

„Der Ingenieur, der dem Bergwerk vorftcht, hat dem Water 
meined Herrn Hoffnung gemacht.“ 

„Don Carlos Golfin?“ 

„a, Herr! Don Carlos Hat einen Bruder, der Augenarzt ift. 
Er behauptet, daß derjelbe Blinden das Geficht wiedergeben und Die 
Augen der Schielenden gerade richten könne.“ 

„Das muß ein tüchtiger Mann fein!“ 

„3a, Hert, und da der Arzt an feinen Bruder fchrieb, daß er 
ihn hier zu bejuchen beabfichtige, fo bat ihn Don Carlos, daß er 
feine Inftrumente mitbringe, um Pablo jehend zu machen.“ 

„Nun, ift der gute Mann gefommen?“ 

„Rein, Herr, er hat zu viel in Amerika und England zu thun, 
ſodaß er nicht hierher fommen konnte. Aber Pablo lacht nur dar- 
über und iagt, da der Mann ihm jchwerlich etwas geben könne, 
was die gi ige Jungfrau ihm bei der Geburt verfagt habe.“ 

„Vielleicht hat er recht, aber fage mir, find wir bald am Biel? 
Ich ſehe Schornfteine, aus welchen ein Rauch ſchwärzer als der Ab- 
grund emporfteigt.“ 

„3a, Herr, der Rauch fommt aus Defen, die Tag und Nacht 
brennen.” 

Alles ſchien gleihjom unter einer Dede von Rauch und Ruß 
zu liegen. Schwarze Mafjen dick, fi) in phantaftifchen For- 


x 


men in dem unficheren Mondjchein ab. 5 

„Diefe Gegend einmal zu fehen, muß angenchmer fein, als hier 
für immer zu wohnen“, jagte Golfin, der ſchneller zu gehen begann. 

„Die Rauchwolken hüllen alles in Finſterniß ein, fogar die 
Lichter verdunfeln fie.“ 

Sie gingen an den Defen vorüber, deren Hige fie ſchneller zu 
jehen zwang. Kurz darauf befanden fich die Wanderer mitten vor 
dem von Rauch beimugten WVohnhaufe, aus dem die Töne eine? 
Pianos erklangen. 

„Ah, meine Frau Schwägerin fpielt”, fagte er. 

Das Licht in dem Zimmer Teuchtete Far und freundlich dur 
das Fenſter, die Balfonthüren ftanden offen. Man jah einen Klein 
Lichtpunkt auf dem Balkon glimmen. Bevor der Fremde an d 
Hausthür gelangt war, fiel ein Eigarrenftummel von oben herab. 


Marianela, 661 


„Da habe ich meinen bejtändigen Raucher“, rief der Neijende 
mit einer Stimme, die vor der Freude des Wiederſehens und der 
Geſchwiſterliebe vibrirte: „Carlos, Carlos!” 

Teodoro!“ ertönte die Antwort vom Balkon. 

Das Sortepiano ſchwieg. Man hörte fchnelle Schritte im 


Haufe, der Reifende gab feiner Führerin eine Silbermünze und eilte 
in® Haus. 
W. 
Familienleben. 


Nela eifte fort nad) einem Haufe, das zwiſchen den Hochöfen 
und den Ställen gelegen war, in welchen bie zum Grubenbetriebe 
ehörigen Maulefel ihr Quartier hatten. Das Haus, in welchem die: 
Famile Centeno wohnte, war neu, aber dennoch weder hübſch noch 
quem. Es war niedrig und. hatte nur drei Zimmer, ſodaß es rechi 
knapp mit dem Plate für die Familie ausfah, die außer den Eltern 
aus vier Kindern, der Katze und Nela beftand. Das Innere dieſes 
Haufes fonnte die Wahrheit ber Behauptung Nelas beweifen, daß 
fie nicht bloß felbft zu nicht? taugte, fondern auch anderen hinder⸗ 
lih war. Für alles fand man einen Platz, für die Samilie Centeno, 
für Die Werkzeuge, die im Haufe gebraudt wurden, für die Guitarre 
des einen Sohnes, für die Materialien, aus welchen derjelbe Körbe 
verfertigte, für ein halb Dugend alter Sattelzäume für die Maul— 
thiere, mit einem Worte für alles, außer für die Tochter des Lam« 
penanzünderd. Stets hörte man fagen: „Man kann wirklich nicht 
einen Schritt thun, ohne auf diefe verdammte Nela zu jtoßen“, oder 
& hieß au: „Geh’ in Deine Ede, pfui, ein jo unangenehmes Ge— 
Thöpf! Sie taugt zu nichts und hindert andere, etwas zu thun!“ 

Das äuferfte Binnmer wurde zur Schlaffammer für die Eltern 
benugt und bildete gleichzeitig das Eßzimmer. In dem anderen. 
{chliefen die beiden erwachjenen Töchter Mariuca und Pepita. Der 
ältefte Sohn, Tomafio, ſchlief auf dem Boden, der jüngſte, Celipe, 
der erft zwölf Jahre alt war, in der Küche, dem duntelſten und 
eingeräuchertiten Theile des ganzen Haufes. 

Während ber Jahre, welche Nela bei der Familie zugebradht, 
— ſie ihren Platz in dem entfernteſten Winkel, aus welchem ſie 
ortwährend berjagt wurde, je nachdem die Familie den Platz zu 
etwas anderem gebrauchte. Tomaſio, deſſen Beine ebenjo gekrümmt. 
waren, wie fein Verftand befchränkt, hatte als Befchäftigung das 

erfertigen großer Körbe ergriffen, von denen niemand wußte, wozu 
verwandt werben follten. Schließlich ftand ein ganzes Dugend 
jer Riefenförbe in ber Küche aufgeftapelt. Gerade zu berfelben 
it war Nela von dem legten bisher ledigen Winfel verjagt worden. 
we Blicke fehweiften fehnell umher, ohne daß e3 ihr gelang, einen 
tz zu entdeden, wo fie während der Nacht fchlafen konnte. Da. 
ım fie einen glüdlichen Einfall, fie frocd) in einen der Körbe und 


662 Marianela. 


brachte die Nacht dort in tiefem Schlafe zu. Das war zweifelsohne 
ein bequemer Platz, und wenn es ſie fror, deckte ſie einen anderen 
Korb über ſich 

Während des Abenbefjens führte man gewöhnlich ein febhaftes 
Gejpräh über Die im Laufe des Tages audgeführten Arbeiten. 
Mitten in diefem allgemeinen Geplauder konnte mar hin und wieder 
eine Aufforderung hören: „Komm her“, und Nela erhielt dann von 
irgend einem aus der Familie einen Teller mit etwas Eſſen. Ein 
ander Mal hörte man Vater Centeno mit feiner Beiferen Stimme 
feine Frau daran erinnern, daß fie der armen Nela noch nichts ge- 
geben habe, oder es fonnte auch gefchehen, da Senana (jo nannte 
man Gentenos Frau — Senora Ana) unter ihren Kindern eine 
magere Geftalt fuchte und fchließlich jagte: „Nun, da bift Du ja, ich 
glaubte, daß Du heute auch in Aldeacorba bleiben würdeft.“ 

Nach der Mahlzeit beteten fie den Roſenkranz. Gleich Bacchi 
Priefterinnen wankten Mariuca und Pepita, die Augen mit den 
groben Händen reibend, zu Bett, dann hörte man ein regelmäßi 
und energijches Schnarchen bi8 zum Morgen. Tanafio jtredte ſich 
auf dem Boden und Celipe legte fich auf den zerriffenen Filzteppich 
nicht fern von ben Körben, in welchen Nela verſchwand. 

Wenn die Kinder dann zur Ruhe gegangen waren, blieben die 
Eltern noch eine Weile auf. Centeno nahm eine Zeitung und machte 
alle möglichen Grimaffen, welche feine emergifche Abſicht, leſen zu 
wollen, anbeuteten. Senana nahm aus einem Koffer einen Strumpf 
hervor und zählte die darin befindlichen Silbermünzen, um biefelben 
dann wieder forgfältig in den Strumpf zur verbergen. Dann nahm 
fie mehrere in Papier eingewidelte Goldmünzen hervor. Während 
deffen hörte man hin und wieder einige abgebrochene Aeußerungen, 
wie: „Ich habe 22 Real für Mariuca ausgegeben — — nod) fehlen 
uns 11 an 500 — —“ ober auch: "die Detmen De—pu—tir—ten, 
welche für den Vorſchlag ftimmten, — geftern fand eine Sig—fig— 

ung—jtatt.“ Senanas Finger zählten. Centeno folgte mit Mühe 

n Buchitaben, durch deren Labyrinth fein Verjtand einen Weg 
ſuchte. ch und nach wurden aus ben Silben Worte und Sätze 
dann hörte man nur noch lautes Gähnen, und ſchließlich wurde alles 
ftil. Während der Nacht, von der wir hier fprechen, hörte man ein 
Geräufeh in den Körben. Celipe, der noch nicht eingeichlafen war, 
gewahrte, daß die Körbe ſich von einander trennten und Nela in 
der Deffnung zum Vorjchein fam. 

: „Celipe*, fagte fie, „Ichläfft Du?“ 

„Nein, Nela. Du fiehft ja aus wie eine Maus, was 
willſt Du?“ 

„Sieh, hier ift ein Franc, den mir der Herr heute gejchent. 
nimm ihn! Wieviel haft Du fchon gejammelt? Bisher habe 
Dir nur Kupfermünzen ſchenken können, aber heut kann ich Dir - 
lich Silber geben.“ 


„Gieb her, ich danfe Dir! Wenn ich alle Kupfermünzen 


| 


Marianela. 663 


Du mir gegeben haft, zuſammenrechne, dann habe ich ſchon mehr ala 
acht Frans befommen.“ 

Ich brauche Fein Geld. Aber Hüte Dich, daß Senana etwas 
merkt, fie glaubt fonft, daß Du das Geld zu unnügen Dingen ver- 
wenden willit, und dann bekommſt Du Schläge.“ 

„Nein, Nela, Du weißt, daß ich das Geld gebraude, um ein 
ordentlis Kerl zu werben. Am nächſten Sonntag werde ich ein 
A⸗B⸗C-Buch in Billamojada faufen, um leſen zu lernen. Hier laffen 
fie mic) ja nichts lernen. Selbſt Don Carlo war der Sohn eines 
Mannes, ber in Madrid die Strafen fegte, und wieviel hat er nicht 
gelernt! Keiner hat ihm geholfen.“ 

„Nun, und Du Beabfichtigft es auf dieſelbe Weife zu machen?“ 

„3a, gewiß, da meine Eltern mich nicht aus dem verdammten 
Bergwerk herausnehmen wollen, jo miß ich mir ſelbſt einen Weg 
bahnen, id) bin zu gut, um bier ewig zu bleiben. Sobald ich ge- 
zig Geld gejammelt habe, gehe ich jofort nad) Madrid, um mein 


ick zu verfuchen.“ 

„Beige — Gottes! Was iſt das für ein Geheimniß, wo⸗ 
mit Du Dich trägſtꝰ⸗ 

„Hältſt Du mich für einen Narren, Nela? Ich ſage Dir, daß 
ich hier nicht länger zu bleiben vermag. Ich weine die ganzen 
Nächte und... Glaube nicht, daß ich fehlecht bin, aber ich muß 
& Dir fagen, doch Dir allein .. .“ 

„Was denn?“ 

„Ich habe meinen Water und meine Mutter nicht fo lieb, wie 
ich eigentlich ee j 

„Sagft Du das, dann befommit Du fein Geld mehr von mir. 
Bedenke, was Du ſagſt.“ 

vermag nicht, gegen diejes Gefühl zu kämpfen. Du fiehft 

es ja felbft, wie jchlecht wir per haben. Wir leben nicht wie 
Menfchen, jondern wie Thiere. Manchmal komme ich mir ſelbſt viel 
geringer ald ein Maulefel vor. Einen Korb mit Erz Fr nehmen, ed 
ur den Wagen zu werfen und den Augen nad) dem Ofen zu fchie- 
ben ... der, welcher viele Jahre mit Diefer Wrbeit zugebracht hat, 
der muß fchließlich elend werden.“ (Hier begann der unglückliche 
Knabe bitterlich zu weinen.) „Wenn ic) meinen Eltern jagen würde, 
daß fie mich von hier wegſchicken und mich ftudiren laſſen möchten, 
jo mrben fie jagen, daß ic) ein Narr bin. Nun, was fagft Du 
Dazu?" 

„Was ſoll ich dazu fagen? Ich tauge ja zu nichts. Nur das 
mn ih Dir fagen, dab Du KR übles von Deinen Eltern 

nken darfft.“ 

„Das jagft Du nur, um mich zu tröften, aber Du weißt ſehr 
r, daß ich recht habe, und ich glaube auch, daß Du jet weinſt“ 

„OD ja, jeder hat Veranlaffung zur Betrübniß. Aber es tft fpät, 
r müffen Hafen“ . 


* 
” 





664 Mar 


Man hat fich vielfältig übe 

° Städten herricht, beflagt, aber m. 
hat der Landbewohner. Für eii 
tirt fein göttliche oder menjchli 
irgendein moraliſcher Begriff. J 
gaube, gepaart mit dem Verlang 
jauer, von der Leidenſchaft behe 
ſcharren, um fie fpäter gegen € 
Gold umzumwechfeln, ift das niedri 

Senana und ihr Mann fam 
Kinder eine tägliche Einnahme, di 
in dem Bergwerk bei Socartes ni 
lich vorgefommen fein würde. Di 
Manne und ihren Kindern weni 
gewiffenhaft an fie abliefern uf 
ten, jondern gebuldig das Efend 
Senana ganz ruhig die Sache ihr 
es nicht, ehe fie Betten für fie aı 
veranlagt fand, fie mit einigerm 
jehen! Wie gering auch bie lei 
Ihrigen verabreichte, jo war es no 
rung beſtellt. Die Eltern buchſtal 
hielten ich infolge defjen für unge 
ten fie auch, daß Schulbildung ga 

Die Mutter beherrfchte die J 
zeigte mitunter Neigung zur Opp 
nicht, weil fie glaubte, ihre Kinde 
um glücklich zu fein. Sie hielten 
giebt viele Arten zu Lieben! 

Da die eigenen Kinder auf 
ann man ſich fchon denken, wie $ 
und außerdem ein volltommen u 
fein Recht hatte, das Dafein zu f 
weniger Nahrung und Herberge 
feft davon überzeugt, daß ihr Edel 
ie Nelas Teller füllte, fagte fie 
ch meinen Pla im Himmel verd 

Sie begriff nicht, baf ein | 
liche Behandlung manchmal viel t 
Nie hörte Nela irgend etwas vo 
ihr Elend und ihre Niedrigkeit zu 
beffer. Denn fie wurde menigfken 

Freilich, ftrafte man das Mä 
lich ein, daß diefer Vorzug nur i 
verächtliches Mitleiden mit ihrer 
als hätte man zu einem der arm 
{chöpf, es wäre beifer, Du wareſt 


Deine, Google 


j . u 
20 
I 


Martanela. 665 


V. 
Penäguitas. 

Der in Ringen emporfteigende Rauch der Hochöfen, welde die 
ganze Nacht hindurch gearbeitet hatten, begann nad) und nad) eine 
hellere Farbe anzunehmen. Die Sonne erhob fich über die Berge, 
und nad) und nad) wurde ganz Socartes mit feinen röthlichen Sand- 
fteinhügeln und feinen vom Rauch geihwärzten Gebäuden fichtbar. 
Die Glode rief zur Arbeit, und hunderte von Menfchen famen, noch 
mit dem Schlaf in den Augen, aus ihren Wohnungen heraus. Lang- 
ſam verfießen die Maulefel ihren Stall und begaben ich allein nad) 
der Tränfe. Dann wurden fie vor die langen Wagenreihen gefpannt, 
um das Erz in bie Hochöfen zu bringen. Alles hatte eine rothe 
Farbe, jogar der Bach, der Socartes durchfloß, hatte Rofenwafler. 

Nela trat aus dem Haufe der Familie Centeno. In der Hand 
trug fie ein Stüd Brod, das Senana ihr zum Frühftüd gegeben 

te. Eſſend ging fie ſchnell durch Socartes nach dem Haufe in 
ldeacorba. 

Aus einem neu angeſtrichenen freundlichen Haufe kam ein hoch⸗ 
gewachſener, junger Mann heraus. Er hatte eine gerade Haltung 
und ſchritt, ohne ben Kopf zu bewegen, vorwärts. Auch feine Augen 
blidten unbeweglich, fein Geficht war wie von Elfenbein, feine Züge 
jo ebel, als ob fie von Phidias gemeißelt wären. 

Er ſchien ungefähr zwanzig Jahre alt zu fein. Sein ganzes 
Ausfehen war ein folches, daß die Blindheit, bie ihn daran verhin- 
derte, jeine eigene Schönheit zu begreifen, ein unerhörter Irrthum 
des Schöpfers zu fein fchien. . 

Sein Vater, Don Franzesco Penäguilas, war der geachtetfte 
aller reichen Grundbefiger der Gegend. Er war redlich, gutmüthig, 
freigebig und nicht ohne Bildung. Er hatte feine Feinde, und mehr 
aß ein Streit war durch feine Wermittelung beigelegt worden. 

Seine Frau war früh geftorben und hatte ihm nur einen blind- 
geborenen Sohn hinterlafjen. Dieſe Blindheit war der größte Kum- 
mer des Vaters. Wozu nügte ihm all’ fein Reichthum? Was Hatte 
er für Freude daran, daf alle feine Unternehmungen gelangen? Er 
würde gern feinem Sohne feine eigenen Augen gegeben haben und 
während feiner übrigen Lebenszeit felbft blind geweſen fein, wenn 
Fr Opfer möglich gewejen wäre. Alles erdenkliche wurde 
indeffen. gethan, um dem — Manne das Leben ſo angenehm wie 


möglich zu machen. Keiner ſeiner Wünſche wurde ihm abgefchlagen, 


feine Mittel gefpart, um ihm eine gute Erziehung zu geben und feine 
natürlichen Anlagen zu vervollfommnen. 
VI. 
Thorheiten. 


Pablo und Marianela gingen ins Freie hinaus. Choto ſprang 
röhlich vor ihnen her. 


Der Salon 1899. Heft VI. Band 1. 4 


666 Ma 


„Nela*, fagte Pablo, „heut 
Luft ift mild umd friid, die, | 
Wohin wollen wir gehen?” " 

„Auf die Wiefe Hier vor un 
mitgenommen ?“ 

„Sieh nad! Vielleicht find 
Oberrodes!* 

„Heilige Mutter Gottes, Ei 
Kuchen in einem Papier! Ad, n 
uns giebt es fein Gebäd.“ 

„Aber follen wir wirklich he 

„Wohin Du willft, mein L 
Augen vor Vergnügen ftrahlten. 
\ „Nun, dann werden wir nad 
aber nur, wenn Du es felbft wil 

„Gewiß will ich das, und ı 
uns bei der Mühle nieber, die, 
fener fpricht und nur halbe Wor 

„Scheint die Sonne heute kl 
daß fie e3 thut, fo kann ich es 
weiß, was Licht ift.“ 

Ja, EA ſcheint fie jehr El 
Denn weißt Du, die Sonne ift 
einmal ins Geficht fehen.“ 

Weßhalb nicht?“ 

n Weil e8 wehthut.” 

Wo denn?“ 

„Im Auge. Was fühlit Di 

‚au meinft, wenn wir beide 

Ja.“ 

Dann kommt es mir vor, 
angenehme Weichheit ſich in mein 

„Siehſt Du, das war es g 
liebe Mutter Gottes, dann weißt 

„Mit Friſche?“ 

Rei 

„Womit denn?“ 

„Mit dem andern.“ 

"Ich merke, da es Sachen 
Früher fuchte id) mir eine Vorftell 
und dachte: Wenn die Leute |pre 
in Schweigen verharrt und nur I 
Dagegen fage ich: Wenn wir beibı 
und wenn Wir von einander getri 

„Ganz dafjelbe meine ich, ob 

Ich werde meinen Vater bit! 
jo daß wir ftets beifammen fein 





Mariancla, ' 667 


Mariancla Hatfchte in die Hände, hob die Nöde etwas empor und 
begann zu tanzen. x 

„Was thuft Du, Nela?“ 

Ich tanze. Ich bin fo fröhlich, daß ich nicht ftillftehen kann.“ 

Sie waren in den Wald gelangt und liegen ſich unter einem 
Baume nieder. Das Mädchen pflüdte ein paar Blumen und gab 
fie dem Blinden. . 

"sch Kann fie nicht fehen und dennoch halte ich fie gern in der 
Hand. Mir jcheint, als ob etwas in mir ift, was den Blumen gleicht, 
ala ob ich in mein Inneres ſehen künnte.“ 

„Ja, ich verftehe. Die Sonne, die Sterne, die Blumen und 
den blauen Himmel haben wir auch in uns; mir ift es, als ob fie 
auch fehen Fönnte, wenn ich die Augen jchliehe.“ 

„Rela, Du mußt etwas Iernen, was ich felbft nicht kann: Du 
mußt Iefen lernen.“ 

„Und wer joll mich das lehren?“ 

„Mein Vater. Du weißt, daß er mir nichts abichlägt, Du 
darfft nicht länger fo wie bisher leben. Während ber achtgehn Mo— 
nate, die Du meine Führerin geweſen biſt, habe ich Dich kennen ge- 
lernt; ich weiß alles, was Du benkit, wie gut Du bift, und welche: 
Iebhafte Borftellung Du Dir von allem machſt.“ 

"Sch glaube, daß ich nur geboren bin, um Deine Führerin zu 
fein, und daß ich meine Augen nur deßhalb befommen habe, damit. 
Du alles Schöne, was bie Erde trägt, jehen mögeft.“ 

„Sage mir, Nela, wie fiehft Du aus?“ 

Das Mädchen antwortete nicht. Es fam ihm vor, ala habe es 
einen Schlag ins Geficht befommen. (Schluß folgt.) 


Henriette Herz. 669 


licher Arzt, der auch als Schriftfteller einen be— 
»ß, um fie; er war fiebzehn Jahre älter ale 
gaben ihm die Eltern das Jawort, da er ein 
‚ter und im Beſitz einer geficherten Lebens- 


rauf heiratete Henriette den Heinen, häßlichen 
weil die Eltern es wünjchten, und weil fie fic) 
Schrittes nicht bewußt war; und doch beging 
ie Konvenienzehe fchlieht, eine Sünde wider den 
Nenfchheit und der Natur, eine Sünde, in der 
nd untergehen, während Edle zur Strafe für fie 
jemzuge ein unbefriedigtes Sehnen nad) einem 
tragen. 
ift die Liebe; fie iſt ein unumjtößliches, ewiges 
ı Ewigfeit zu Ewigfeit bejtchen wird. Wie der 
ıjenden um die Sonne freijt, wie von Urbeginn 
chen Tag und Nacht ftattfindet, jo uralt und 
wiſchen Dann und Weib, die in der Ehe ihre 
findet, die dem Weibe als liebende Gattin, als 
‚en Pla anweijt. Diefen Play hat Henriette nie 
‚a fie eben eine Konvenienzehe gefchlojjen, in der 
zegenjeitige Hochachtung nicht hinausfamen, der 
hlte. Henriette Herz fagt ſelbſt darüber: „Dteine 
idliches Verhältnig nennen, wenn vielleicht nicht 
liche Ehe. Die Ehe bildete für meinen Mann 
met jeine® Seins, und nächſtdem war’ die unjere 
eſegnet. Wäre mir dies Glück vergönnt geweſen, 
eine gute Mutter geworden, wie ic eine gute 
das Zeugniß darf ih mir geben: Mein Mann 
o gluͤcklich, als er überhaupt durch eine Frau 
In dieſen Worten fpricht ſich ihre Sehnſucht 
: 68 iſt Refignation in das unerbittliche Schickſal. 
ht genug benugt, als ich noch fähig war, zu 
n anderer Stelle in ihren Erinnerungen. Einſt 
ogin Dorothea von Kurland zum Diner; Prinz 
de fie bei der Hand und führte fie vor die edle 
Worten: „Betrachten Sie diefe Frau! Und dieje 
worden, wie fie es verdiente!" — ein Ausſpruch, 
bejtätigt, indem fie jagt: „Recht hat er freilich. 
ein Mann gegen mich war, jo liebend er fich die 
:ijtes angelegen fein ließ, jo vertrauensvoll er 
ewäbhrte, die mir das Leben verfchönen konnte, 
fie im Herzen trug, fannte er nicht, ja, wenn ich 
fie gleich einer Kinderei zurüd.” 
aſſus klingt wie der Angſtſchrei einer gequälten 
bh Liebe ftöhnt, nad) der erquidenden Labjal, die 
als köſtlichſtes Kleinod in das Herz des Men- 


670 . Henriette Her. 


chen legte. „Und ob iht redet mit Engelszungen und hättet der 
Liebe nicht, es wäre nur tönend Erz und eine Elingende Schelle“, 
fagt die Schrift, und auch riette Herz empfand bie befeligende 
und doch für fie jo bittere Wahrheit der Worte des Apoftels in voll- 
fteın Umfange, und wenn fie ihr Leben aud) ein reiches und ſchönes 
nennt, jo fehlte demjelben doch die höchite Seligfeit. 

Nichts ift natürlicher, als daß fie Erſatz für diefelbe ſuchte und 
denjelben in ihrer gejellfchaftlichen Rolle fand, foweit e8 eben für 
Ehe und Mutterglüd ein Surrogat giebt, fo daß ihre Konvenienz- 
ehe gewiffermaßen die piychologiiche Urfache ift, daß fie Jahrzehnte 
hindurch der Brenupunft des Berliner geieligaftfihen Lebens war. 
Zu biefer Rolle befähigte fie in erfter Linie ihre jtrahlende, unver- 

leichlihe Schönheit: ihr Wuchs war hoch und edel; eine gefällige 
Bit der Formen verhinderte nicht, daß fie den Eindrud des ſchlan⸗ 
fen madite; fie war eine reine, milde, echt weibliche Schönheit mit 
einem klaſſiſchen Profil. Ihre Nafe fegte ſich in faft, Lothrechter 
Linie an die Stirn; ihr Heiner Mund zeigte eine Reihe perlenartiger 
güne; ihre dunfeln, leuchtenden Augen wurden von fehwarzen 

rauen beichattet, welche wunderbar mit der Fülle bes reichen dunkeln 
Haares harmonirten. 

Zu_diefen berüdenden Eigenfchaften der äußeren Erfcheinung 
eſellie fich, nachdem fie einige Sabre verheiratet war, ein gediegenes 
iffen, um fie zum Anziehungspunfte zu machen und die Notabili- 

täten des Geiftes um fie zu onen. Mit recht durfte fie fpäter 
von ſich jagen: „Es giebt kaum eine Wiffenfchaft, in welcher ih mich 
nicht einigermaßen wenigſtens umgejehen hätte und einige trieb i 
ernit, jo PHyfit und fpäterhin mehrere Sprachen.“ Ihre Ke i 
der Letzteren namentlich war bedeutend und erhob ſich weit über das 
gewöhnliche Niveau; ſie verſtand erau riechiſch, lateiniſch, fran- 
zöſiſch, — italieniſch, ſpaniſch um! ——— und überſetzte 
unter Beihilfe Schleiermachers zwei engliſche Reiſewerke: Mungo 
Parks Reiſe in das Innere von Afrika (Berlin 1799) und Wald 
des Jüngeren Reife in die Vereinigten Staaten von Amerifa (Berlin 
1800). Dieſer mühevollen Aufgabe unterzog fie fih, um zur Aus— 
fteuer einer armen Verwandtin beizutragen — ein Werk, das jo 
echt bezeichnend für ihre aufopfernde Herzensgüte ift. 

Diefe und ihr tiefes Gemüt, ihr ftarl ausgeprägtes Freund- 
ſchaftsgefühl müffen wir als drittes‘ Moment zur Erklärung ber 
Stellung anführen, die Henriette Herz damals in der —— 
einnahm. Ganz erklärlich und verſtändlich wird uns dieſelbe jedoch 
erjt, wenn wir einen Bli auf die damaligen gejellfchaftlichen Ber- 
hältniſſe Berlins werfen. Henriette verheiratete fich ſieben Jahre 
vor dem Tode Friedrich® des Großen. Zur damaligen Zeit lag ber 

—R Schwerpunkt, ſoweit es ſich um höhere, geiſtige Ge— 
— leit Handelt, entſchieden in den Händen der Juden. Die Gebil- 
deten bderfelben trieben, angeregt durch Moſes Mendelsfohn, Philo- 
jophie und waren den geiftigen Intereffen überhaupt zugethan. Die 








Henriette Herz. 671 


jüdifchen Damen warfen ſich auf die Literatur, nicht allein auf die 
neu erwachende deutſche, fondern auch auf die franzöfiiche, die in 
Voltaire ſoeben den legten Vertreter ihrer Glanzperiode hatte hin- 
ſcheiden fehen (1778). Es gehörte damals zum guten Ton, dab in 
den reichen jüdiſchen Säufern jedermann fließend franzöfiich ſprechen 
fonnte; einzelne beſonders Eiftige lajen jogar Shateipeare im Dri⸗ 
ginaf und die großen itafienifchen Klaſſiker in der Urjprache. 

Hierzu ftand der chriftliche Mittelftand in einem ftarf ausge 
prägten ee feine Verireter waren beſchränkt; die Frauen 
kannten feine geiltigen Interefjen, die Männer waren pedantijch und 
fanden ihr Pmirbigftes Beiſpiel in dem gelehrten Buchhändler 
Nicolai. Boten fo die hrütlichen Häufer wenig Anziehendes für bie 
Geiftes-Arijtofratie, fo war auch der Hof nicht der Sig höheren ‘ 
geiftigen Lebens; Friedrich der Große war ganz in franzöfijcher Bil- 
dung befangen und lieferte in jeiner Schrift über bie deutſche Litera⸗ 
tur den eflatantejten Beweis, daß er auf diefem Gebiete um Jahrs 
zehnte zurüdgeblieben fei; fein Nachfolger, Friedrich Wilhelm IL, 
wurde zu ſeht von ben Reizen jeiner Maitrefien, von jeiner Neigung 
zu möjtischer Frömmelei in Anſpruch genommen, als daß er jeinen 
gef zu einem Site höheren geiftigen Lebens hätte machen können. 

Do gähnte übera Kangemeile und Geiftfofigfeit, und der ik 
Kreis, der ſich in den Icpten Jahren der Fridericianiſchen Epo 
gebildet, nahm alles geijtig bedeutende, ohne Nüdficht auf Religion 
und Rang, in fi auf. In Siefen Kreis trat Henriette Herz durch 
ihre Verheiratung, und da ihr Mann mit allen damaligen Trägern 
ber Intelligenz bejreundet war, jo muß es bei ihrer Schönheit, 
ihrem Geift, ihrem Gemüt ganz natürlich erjcheinen, daß fie zu der 
großartigen Stellung im gejelliaftlichen Leben gelangte, die fie Jahr⸗ 
zehnte Ginbure) einnahm, daß ihr Haus der Mittelpuntt deſſelben 
wurde, daß fich bei ihr Diplomaten, Künftler, Dichter und Schrift 
fteller_einfanden. 

Der Ton, welcher in dem Haufe von Marcus Herz herrichte, 
war ein von edelſter Vegeifterung für Kunſt, Literatur und Wiſſen⸗ 
{haft durchglühter. Marcus Herz, der Schüler Kants, hielt bei fich 

chiloſophiſche Worlefungen und folche über Erperimentalphyfil; zu 
jeinen Zuhörern gehörten u. a. Delbrüd, der Erzicher bes — 

riedrich Wilhelm IV. und die Gebrüder Humboldt. Der gelehrte 

usherr war ein großer Lejfing-Verehrer, während feine fühle Ver- 
ftandesrichtung von Goethe und Schiller nicht begeiftert werden 
fonnte. Dieje Heroen unjerer Literatur fanden dagegen in jeiner 
feinfinnigen Gattin die glühendfte Verehrerin, wie % auch hag 
eine der Romantik ward. 

Charakteriftiih für den Kreis, zu deſſen Mittelpunkt ſich Hen- 
riette Herz nad) ihrer Serheiratung alsbald erhob, ift ber allgemeine 
Trieb, nach gegenfeitiger Belehrung und Veredelung. Dieſes jo an- 
erfennenswerthe Streben fand feinen Ausdrud in den Leſegeſell- 
ſchaften, welche fi zu Ende des vorigen Jahrhunderts bildeten; jo 


672 Henriette Herz. 


am eine folche allwöchentlich zufammen bei Dorothea Veit, der Toch- 
ter Mofes Mendelsjohns, auf welche wir jpäter noch zu ſprechen 
tommen. Später vereinigte man fich beim Hofrat) Bauer, dem 
Kaftellan des fünigl. Schloffes, bis fi) in noch jpäterer Zeit die 
Mittwochsgeſellſchaft Eonftituirte, die zu dauerndem Vejtchen und zu 
hohem Ruhme gelangen follte. Eine Geſellſchaft, welcher Serriette 
Herz jo recht das Gepräge ihres Geiftes aufdrüdte, war der Tugend» 
bund; er hatte Statuten und verfolgte den Zweck gegenfeitiger geiitiger, 
wiffenjchaftlicher Heranbildung, aber auch den werkthätiger Liebe. 
Diefem QTugendbunde gehörten u. a. an: W. v. Humboldt, der ſich 
im fiebzehnten Jahre an Henriette Herz anſchloß; Karl von Laroche, 
Dorothea Veit und Henriette Mendelsjohn. Brieflich jtand dieſer 
Bund mit Karoline von Botzegen und Karoline von Dachroeden 
in Zeſpindung Durch dieſen brieflichen Verkehr lernte W. v. Hum- 
boldt in der Letzteren feine ſpätere Gattin kennen. 

Unter den Männern, welche den Salons ber Henriette Herz im 
eriten Jahrzehnt nad) ihrer Verheiratung zur Zierde gereichten, find 
hervorzuheben: Karl Wilhelm Ramler, einer der vorzüglichiten Ueber- 
jeßer, hochberühmt wegen feines poetijch-technifchen Feingefühls; Job. 
Jakob Engel, der legte bedeutende Vertreter der moralifirenden, 
Tationalifth en Richtung; Karl Philipp Morig, ein trefflicher Schrift- 
fteller der Sturm- und Drangperiode, ein „guter Kopf“, doch ein 
„erzentrifches Driginal“, wie ihn die Beitgenöffen mit Recht charaf- 
terifirten; der befannte Theologe und Probft der St. Nicolaikirche 
Johann Joachim Spalding; der politiſche und hiſtoriſche Schriftſteller 
von Dohm; Johann Friedrich Reichardt, Kgl. Kapellmeiſter, bekannt 
als Komponiſt von Opern und Liedern, namentlich zu Snethefehen 
Gedichten; der große Bildhauer Johann Gottfried? Schadow, der 
Schöpfer der Duabriga auf dem Brandenburger Thor zu Berlin; 
der Buchhändler und erde Fr. Nicolai, der in der Gefchichte 
unferer Literatur eine jo eigenartige Stellung einnimmt. Auch 
Friedrich von Geng verkehrte bis zu feinem Uebertritt in den öfter 
reichiſchen Staatsdienft in dem Herzichen Ktreife; in ihren Erinnerungen 
fällt fie das denkbar ungünftigfte Urtheil über ihn; fie leitet das 
Schwinden jeines Freijinns von einer öſterreichiſchen Penſion her, 
die ihn mundtodt gemacht habe und nennt ihn frivol und leichtjinnig 
— Bezeichnungen, die der große Publizift auch wohl verdient. Die 
Diplomatie wurde in dem Salon der Henriette Herz nicht allein 
durch diefen Ränkeſchmied vertreten. War doc der Graf Merander 
von Dohna-Schlobitten, der ſich zur Beit der tiefiten Erniedrigung 
Preußens jo große Verdienfte erwarb, einer ihrer aufrichtigften Gen 
ehrer, welcher ihr nad) dem Tode ihres Mannes feine Hand an 
amd auch auf fie einen tieferen Eindrud gemacht zu haben ſche 
wenngleich fie ihm auch einen Korb ertheilte. Bon jonjtigen Dip 
maten verdient noch der fchwediiche Geſandte Karl Guſtav von Bri. 
mann, ber fi) auch als Dichter einen ehrenvollen Namen erwork 
Hervorhebung. 


Henriette Her. 673 


Vorzugsweife waren es jedoch Männer der Dichtkunſt, die ich 
um die fehöne Frau jcharten. Zu ihren intimeren Freunden gehörte 
auch Friedrich von Schlegel. Er Ternte durch fie während feines 
Berliner Aufenthaltes die Gattin de3 Kaufmanns Veit, die Tochter 
Mofes Mendelsfohns, die Mutter der Maler Morik und Philipp 
Veit, kennen, zu der er bald in ein jchr vertrautes Verhältnik trat, 
was deren Scheidung von ihrem Gatten zur Folge hatte. Im diefer 
Angelegenheit fpielte Henriette Herz die Vermittlerin neben Schleier- 
macher, der auch der Scheidung der unglücklichen Che das Wort 
redete. Als dann 1799 Schlegels Roman „Lueinde erfchien, in welchem 
der DVerfaffer eine Apotheoje der finnlichen Liebe verjucht, erregte 
das Verhalten Henriettes und Schleiermachers in diefer Sache viel- 
jaı Anstoß, und vergeblich war des Iehteren Bemühen, diefen Ans 
ſtoß durch jeine „Vertrauten Briefe über Lucinde“ zu bejeitigen. 

Den großen Schleiermacher, den Bahnbrecher der neuen prote- 
ſtantiſchen Theologie, hatte Henriette Herz jchon 1794 flüchtig fen- 
nen gelernt. Dieſe Bekanntſchaft wurde 1796 erneuert und vertieft, 
als er Prediger am Charitékrankenhaus zu Berlin wurde. Schleier 
macher war damals noch ganz unbelannt, und Henriette Herz gebührt 
das Verdienſt, ihn zu literariichem Schaffen ermuntert zu haben; er 
fügfte fi) ungemein Hingezogen zu dev wunderbaren Frau, mit ber 
er eins jener idealen Freu hafesbinbniffe ſchloß, an denen die da- 
malige Zeit reich ift. Es war ein Verhältniß, das ftets ungetrübt 
und fledenlos blieb, und in das fich nichts mifchte, was irgendwie 
nach Leidenschaft und ‚Liebe ausſah. Schon am 6. September 1798 
ſchrieb Schleiermacher aus Landsberg an Henriette: „OD Sie Frucht⸗ 
bare, Sie viel Wirkende, eine wahre Geres find Sie für die innere 
Natur!“ Am 25. Februar 1799 richtet er die Worte edler Selbjt- 
Charafteriftit an die Freundin: „Ich ftrede alle meine Wurzeln und 
Blätter aus nach Liebe, ich muß fie unmittelbar berühren, und wenn 
ich fie nicht in vollen Zügen in mid, fchlürfen kann, bin ich gleich 
teoden und welt.“ Als er dann 1802 Berlin verlieh und als Hof- 
prebiger nach Stolpe ging, hatten fie das fteife „Sie“ mit dem ver- 
traulihen „Du“ vertaufcht und am 16. September des genannten 
Jahres charakterifirt Schleiermacher die Freundin mit den Worten: 
„Qereinigt fi in Dir nicht vieles, was Du ſonſt nur getrennt oder 
wenigften® ganz anders modifizirt ſiehſt? Soll ih Dir etwa alles 
vorrechnen? Deine Berufstreuc, Deine Liebe, Deine pajfive Wiſſen— 
ichaftlichkeit, Deinen Weltfinn u. ſ. w.? Deine unendliche Mimik, aus 
der ſowohl Deine Philologie als Deine Menjchenfenntniß entjpringt, 

ein praftifches Talent, das bis zur Umerfättlichfeit geht.“ u 
and Henriette Herz mit Schleiermacher in einem ideal-fchönen, rein 
atonijchen Verhältniß, mochte bafjelbe auch das Kopfſchütteln be- 
‚Higer Sittenrichter erregen und den Berliner Voltswig zu einer 
wilatur herausfordern: Dan ftellte Henriette Herz dar, wie fie 
t dem Heinen, unanjehnlichen Schleiermacher fpazieren ging, indem 
ihn als Knider (Sonnenſchirm) in der Hand trug, während 


614 Hedriette Ser. 


ihm ſelbſt ein folder Knicker Eleinjten Formates aus feiner 
Laſche fah, 

Neben ihren Beziehungen zu Schleiermacher zogen namentlich 
die zu dem jugenblichen Ludwig Börne bie allgemeine Aufmerkfam- 
feit auf fi. Diejer, damals noch Lion Baruch genannt, weilte als 
16—17jähriger junger Mann im Haufe von Marcus Herz, ber feine 
Studien überwachen jollte. Obwohl Henriette bereit 38 Jahr alt 
war und folglich die Mutter bes jungen Menfchen hätte jein können, 
verliebte fich der Letztere in bie noch immer ſehr ſchöne Frau und 
gerieth im eine fo leidenſchaftliche Ertafe, daß er fich zweimal ihret- 
wegen das Leben nehmen wollte. Unter diejen Umftänden war fein 
Bleiben in dem Herzſchen Haufe nicht länger möglich, man ſchicte 
den feurigen Jüngling nad) Halle, wohin Schleiermadher inzwiſchen 
ebenfall3 verfeßt worden war, dem Henriette den jungen Heißſporn 
aufs wärmfte empfahl. Nachdem Börne bereits ber berühmte Publi- 
ift geworben, ſah fie ihn 1819 in Frankfurt a. DM. wieder; „von 
inet tollen Leidenſchaft· war er geheilt, wie fie fi in ihren Er⸗ 
innerungen ausdrüdt. Später ſah fie an noch einmal in Berlin (1827). 

Mit diefen Hangvollen Namen ift unjere Blütenleſe von großen 
Geiftern aus dem Herzſchen Salon noch fange nicht erichöpft. 
ihren beiten ‘Freunden zählte der namhafte Kiebertompanit Karl 

riedrich Zelter, ber Direltor der Singafademie war. Während 
feines Berliner Aufenthaltes (1736—1806) verfehrte auch der als 
Geistlicher und Freimaurer befannte Ignaz Aurelius Fehler in ihrem 
Haufe; ferner der um die Einrichtung des Berliner Mufeums hoch 
verdiente Archäolog und Runfthiftorier Alois Hirt. Des Erzieherd 
von Friedrich Wilhelm IV., Johann Friedrich Delbrüd, gedachten 
wir fchon weiter oben, ber Dichter der „Lieder zweier Liebenden“, 
2. 3. ©. v. Gödingk, den Henriette auf einer Reife nad) Sein 
kennen gelernt, verfehlte ebenfalls nicht, bei jeiner An 

in Berlin (1798 —1807) in ihrem Salon zu erjdeinen. Bent 
fühl stand U. W. —8 chlegel der jo allgemein verehrten Zrau 
ges jegenüber. Umfo mehr hai te ie, wie wir ſchon anzudeuten Ge- 
[egenheit hatten, ber Geniale 3 effe Friedrich des Großen, Prinz Louis 
Ferdinand von Preußen, ein Fürſt, in welchem Tapferkeit, Exzen- 
trigität, ungezügelte Sinnli at and em um bie Oberhand 
ftritten, und welcher als tollfühner Held bei Saalfeld 1806 feinen 
Tod finden jollte. Der Epoche vor dem Befreiungsfampfe gehört 
unter den Freunden der Henriette Herz auch ber große Hiftorifer 
Johannes von Müller an, der von 1804—1806 in Berlin weilte 
und fi) dann leider von Napoleon dazu beftimmen ließ, in we 
fälifche Dienfte zu treten. Durch Schleiermacher fam Henriei 
Herz mit den geilligen Koryphäen des Vefreiungsfampfes in Berü 
am und lernte Männer wie Ernjt Morig Arndt, den jpäter 

Ehmager Schleiermachers, den Hiftorifer Niebuhr und ben verbien' 
vollen Buchhändler Georg Reimer kennen. Auch mit Alerander vı 
der Marwig, der in der Schlacht von Montmirail den Heldentod jaı 





Henriette Herz. 675" 


war Henriette befannt. Unter ihren hervorragenden Freunden und 
Belannten nad) der Zeit der Freiheitöfriege find Varnhagen von 
Enſe und Adalbert von Chamifjo zu nennen. 

Die hervorragende Stellung, welche Henriette Herz in der Ber- 
liner Gejellfchaft einnahm, brachte es mit ſich daß auch die geiftigen 
Größen, welche Berlin nur befuchsweife berührten, der Erjteren ihre 
Aufwartung magten, So wurde auch Schiller 1804 in ihren Kreis 
Hineingezogen. Im ihren Erinnerungen giebt uns Henriette jehr in 
tereffante Einzelheiten über Schillers damalige Erſcheinung, die wir 
hier im Wortlaute folgen laſſen: 

„Er war von hohem Wuchfe, das Profil des oberen Theiles 
des Geſichtes war ſehr edel; man hat das feine, wenn man das 
feiner Tochter, der Frau von Gleichen, ind männliche überfegt. Aber 
jeine bleide Farbe und das röthliche Haar ftörten einigermaßen den 
Eindrud. Belebten fich jedoch im Laufe der Unterhaltung feine Züge, 
überflog dann ein leichtes Roth feine Wangen, und erhöhete fich der 
lang feines blauen Auges, jo war es unmöglich, irgend etwas 
ftörendes in feiner äußeren Erſcheinung zu finden.“ 

Henriette Herz hatte ſich Schiller nad} feinen Werfen als einen 
Mann mit feuriger Phantafie, lebhafter Ausdrucksweiſe gedacht, der 
in feinen Reden rüdhaltlos feine Ueberzeugung ausſpricht. Sie jah 
fi) jedoch in diefer Erwartung getäufcht, was aus folgendem Citat 
aus ihren Erinnerungen Seruongeit: 

„Sch meinte, er müſſe im Laufe eines Gejpräches etwa wie fein 
Pofa in der berühmten Scene mit König Philipp ſprechen. Zu 
meinem Erftaunen nun ftellte er ſich in feiner Unterhaltung als ein 
ſehr Tebensfluger Mann dar, der namentlich höchſt vorfichtig in feinen 
Aeußerungen über Perſonen war, wenn er durch fie irgend Anjtoß 
zu erregen glaubte. Doch Half ihm in Berlin die Zurüdhaltung 
nicht viel, die ſchlauen Hauptitädter wußten bald, dab feine Frau 
durch ihre fein gefponnenen dragen weniger gewappnet war wie er; 
und fo erfuhr man denn von Zrau, was der Mann zu vers 
fomeigen für gut erachtete.“ 

ier Jahre früher hatte Henriette Herz den größten Humoriften 
Deutfchlands, Jean Paul bei ſich empfangen, wie fie wenigſtens in 
ihren nicht immer ganz zuverläffigen Erinnerungen berichtet, während 
A. W. Schlegel in einem boshaften Briefe an Ludwig Tied, das 
Gegentheil fchreibt: „Die Herz hatte neulich eine ganze Geſellſchaft 
auf diefen großen Mann gebeten; ich wollte ihn doch gern ſprechen 
“ren und war auch von der Partie, aber denke Dir die Kränfung, 
: bie Herz erdulden mußte: er geht mit Bernhard vor ihrem Fenjter 
:über, ohne zu ihr herauf zu kommen und jein Verjprechen zu 
üllen. Die Herz verlor beinah die Fajjung.“ 

Es bleibt und nun noch übrig, über die Beziehungen zu berich- 

‚ welche die Leßtere zu berühmten Gejchlechtsgenoffinnen hatte. 
ehr nahe ftand ihr vor allem Dorothea Veit, wie wir bereits er— 
hnt; freundfchaftliche Beziehungen unterhielt fie aud) mit ber 











676 ' Henriette Herz. 


Herzogin Dorothea von Kurland und deren Schweiter, der Dichterin 
Eliſa von der Rede. Auf einem Diner bei der Erfteren lernte fie 
Zrau von Stael kennen, mit der fie ebenfalls freundſchaftliche Be- 
-ziehungen anfnüpfte Ganz kühl jtand fie jich dagegen mit Rahel 
Zevin, der jpäteren Gattin Varnhagens; jo jchreibt diefe am 29. 
November 1808 an den Lesteren: 

„Schleiermacher heiratet ganz beftimmt die Wittwe des Predigers 
von Willich. Und friert Madame Herz diefen Winter, jo ijt es, 
parce quelle lui fait gräce du Koppelpelz!“ ebenjo am 12. Novem- 
ber 1810: „Madame Herz lebt gepugt, ohme zu willen, daß man 
fi) ausziehen fann, und wie einem dann iſt“; endlich aus Dresden 
am 28. September 1811: „Die Hofräthin Herz iſt feit geftern hier; 
ich habe fie heute Abend in Körners Worzimmer mit Meier ger 
ſprochen. Sterile, affektirt.“ 

Das äußere Leben Henricettens verlief im Vergleich zu ihrem 
reichen Innenleben und den zahlfofen Eindrüden, die fie bei ihrer 
Empfänglichfeit durch den Verkehr mit fo vielen hervorragenden 
Männern und Frauen erhalten mußte, ſehr jchlicht und einfach. Im 
Jahre 1803 ftarb der Hofrat; Herz; fie war ihm eine treue, dank: 
bare Freundin gewejen und adhtete ihn nad, feinem Tode hoch. 
Leider geftalteten jich nach demjelben ihre pefuniären Verhältniſſe 
drücend, da ihr nur eine kleine Wittwenpenjion blieb. 1806 wurde 
ihr der ehrenvolle Antrag geftellt, die Erziehung der Prinzefjin 
Charlotte, der jpäteren Kaiferin von Rußland, zu übernehmen, den 
fie jedoch ablehnte, da fie aus Rüdficht auf ihre noch Ichende Mut- 
ter nicht zum Chriftenthum übertreten wollte. Nach Einbruch der 
Kataftrophe von 1806 gerieth fie in große pefuniäre Noth, da ihr 
feine Penfion und auch feine Binjen gezahlt wurden. Sie wandte 
fich in derjelben an W. von Humboldt in Rom, der ihr Rath und 
Hilfe fehaffte, und fuchte mit Schleiermadher, der, wie ſchon der Brief 
der Rahel anbeutet, in jenem Jahre in den Stand ber heiligen Ehe 
trat, eine Zuflucht auf der Infel Rügen. Bon jonftigen Reifen aus 
jener Zeit find die nad) Dresden (1810), wo fie auch Goethe ken— 
nen lernte, und die nah Wien (1811) hervorzuheben. 

Nac dem Frieden von Tilfit, welcher Henriette Herz wieder in 
den DBeji ihrer Revenuen brachte, fehrte auch im ihren Kreis der 
Ernft der Zeit ein. Die Poeſie und Kunft trat in den Vorder: 
grund, alles drehte fich um das wiedererftehende Vaterland, dem auch 
‚Henriette von ganzem Herzen ergeben war. Als echt deutſche Frau 
betheiligte fie ir 1813 in der rührendften Weiſe an der Füriorne 
für die Verwundeten und ftimmte mit ein in den allgemeinen © 
über die Vefreiung vom Joche Napoleons. 

Der Tod ihrer Mutter (1817) ermöglichte Henriette die 
führung eines Schrittes, den Schleiermacher ſchon Tängft gewür 
fie trat zum Chriftenthum über, dem fie ihrem Geifte, ihrer E 
nung nad) ſchon längft angehörte. Gleich darauf entfernte fie 
Reife nad) Rom zwei Jahre (1817—1819) aus Berlin; fie = 











Henriette Her. -. 677 


im ber dortigen Geſellſchaft bald ebenfalls eine hervorragende Stellung 
cin. Als ſie von Rom abreifte, ſchreibt die‘ wenig, befannte Malerin 
Zuife Scidler: „Die edle fchöne Herz waß ber allgemeine Liebling 
geworben, viele Thränen flojjen ihr nad. 

Auf ihrer Rückreiſe beſuchte fie Arndt in Bonn und wurde 
dort Zeugin der polizeilichen Konfiszirung feiner Schriften und 
Papiere. In Berlin nahm fie ihre alte Serelligfeit wieder auf, las 
Daneben viel und ertheifte Jungen Mädchen unentgeltlichen Sprach⸗ 
unterricht. Die Gabe, der Liebling der Menfchen zu fein, blieb ihr 
bis ins höchſte Greifenalter erhalten, als die Schönheit der Form 
geſchwunden war. Der Schmerz des hohen Alters, der im Verluſt 
der Freunde befteht, blieb ihr nicht erfpart: v. Gödingf, A. v. Dohna, 
Niebuhr, Karoline v. Humboldt, Schleiermacher, Karl v. Laroche, 
®. v. Humboldt ftarben vor ihr; auch wurde ihr Alter-von ſchweren 
Krankheiten heimgefucht. Als der Neft ihres Lebens von pefuniären 
Sorgen bedroht fchien, verwandte ſich Alezander von Humboldt für 
fie bei König Friedrich Wilhelm IV., der ihr eine einmalige Unter- 
ftügung und eine Penfion von 500 Thalern jährlich bewilligte. 
Der letzte Lichtpunft ihres Lebens war der Bejuch, welchen ihr 
großmäthige, Königliche Geber am 6. Juli 1847 abftattete, am 
22. Dftober deſſelben Jahres entjchlummerte bie edle Greifin und 
ging hinüber ins Jenſeits, von welchem ihr irdijches Dafein und 
Wirken ein Abbild geweſen; denn wenn je ein Menfchenleben eine 
Berli des fchönen Goethefchen Ausfpruches: „Edel fei der 
Menſch, Hilfreich) und gut“ dargeftellt hat, jo war es das ber Hen- 
riette vn — fie war die bejte Freundin Schleiermachers, und ſchon 
darin liegt das Urtheil über fie. Der Zauber echter, ebelfter Weib- 
lichfeit, reinſter Herzensgüte, aufrichtigiter Beſcheidenheit ftrömt von 
ihr aus. Sie war mit einem Worte ein ganzes Weib, und mit 
Wehmuth muß es ung erfüllen, daß fie den höchſten Beruf des 
Weibes, den als Gattin und Mutter nicht ausüben fonnte. 


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Aus alter Beit der Fiſcherti. 679 


Wirthſchaftsſtufen doch typiiche Grundformen, welche wohl für alle 
Voͤlter ſoweit unfere fulturhiftoriiche Forſchung reicht, zutreffend fein 
dürften. Als ber Urzuftand, aus welchem fich die menjchlichen 
Wirthfchaftsleiftungen entwidelt haben, ift die Stufe des Jäger: und 
Fiſchervolkes anzıyehen, auf welchem ber Menſch ſchon Hinfichtlich 
ſeiner Vebürfnißbefriebigung noch eine gewiſſe Verwandtichaft mit 
dem Thiere gezeigt haben muß. Ein halber Sklave der Natur richtete 
der Menſch damals fein Augenmerk noch ausjchließlich auf den Erwerb 
von Lebensmitteln, die er in ber äußeren ihn umgebenden Natur zu 
finden gewohnt war. Es waren die menjchlichen Lebensverrichtun- 
en zu dieſer Zeit aljo noch eine reine Occupation der Naturjtoffe. 
Lehe Familie oecupirte für fich die Naturprodukte, welche fie für 
ihre Bedürfniſſe gebrauchen fonnte und felbft in der vorgejchritteneren 

it bes Jägervolkes wird man fich nicht um bie Entjtehung der 
Xebenägüter gefümmert, gejchweige an eine Produktion von Gütern 
durch Tünftlichen Stoffumfag gedacht Haben. ‘Freilich mag es wie 
wir noch jehen werben, eine Art gewerblicher Arbeit gegeben haben; 
aber der Intelleft wird Me viel über ſolche Leiftungen hinaus⸗ 
gefommen fein, welche nicht ausichließlich diefem täglichen Raub aus 
dem Naturreiche dienten refp. erleichtern halfen. Wenn man als ein 
wefentliches Merkmal des Kulturgrades einer jeden Volkswirthſchaft 
das Verhältnik annimmt, in welchem Maße jeder der brei Produltions 
faktoren: Arbeit, Natur und Geld (womit hier das von dem Menschen 
hergeſtellte materielle Produktionsmittel zu verftehen ift) bei der Ge— 
winnung von Gütern oder Lebensmitteln thätig iſt, jo fann man fagen, 
daß die Natur bei dem Jägervolf der Hauptfaftor jeder Produktion 
war. Bei dem Fiſchereivolk, wo eine ſchiebung dieſes Verhältnijfes 
zuerſt zugunſten eines kulturellen oder wirthſchaftlichen Fortſchritts 
eingetreten iſt, iſt die Natur zwar auch noch ein Haupifaltor ge— 
blieben; wir ſehen aber, daß ſich daneben der Faktor Arbeit erhöhte 
Bebeutung erworben hat und wohl läßt ſich deßhalb auch jagen, daß 
unbeſchadet der großen Wahrjcheinlichkeit, daß Jägervölfer und Fiſcher⸗ 
völfer ſchon in einer annehmbar älteften Zeit neben einander eriftirt 
haben, daß die Steime der Kulturentwidelung bei dem Fifchervolfe 
einen ungleich jünftigeren Boden ala bei dem Jägervolfe gefunden 
haben. Der — hatte zum Unterſchiede vom — den Kampf 
nicht bloß gegen ein Einzelweſen, ſondern gegen eine allgemeine 
Naturmacht aufzunehmen und wenn auch Meere und Flüſſe in älteſter 
Zeit ungleich ergiebiger für den Fiſchfang geweſen ſein werden, ſo 
wird der Fiſcher doch immer zur Befriedigung ſeiner Lebensbebürf- 
“je ein beträchtlich größeres Maß von Ueberlegung und Intelligenz 
-thig gehabt haben, ala der Jäger. Die Zorm der Vergefellichaf- 
gung tritt auch zuerſt bei dem Sijchernolfe auf. Die Art des 

roderwerbs möthigte zum gemeinfamen Handeln und eine ſich 

raus geltend madenh Summe von Einzelintelligenzen wird zum 

veck einer beftmöglichen Ueberwindung des Naturwů landes, Wind, 
zaſſer ze. auch die erften Anfänge der Schiffahrt gefördert haben. 


680 Aus alter Zeit der Kiſcherei. 


Iſt es doch befannt, daß die Urform des heutigen Schiffes, eins ge- 
treue Nachbildung des Siphförpers gewefen fein joll. Unjere Kennt⸗ 
niffe von Zifcherei treibenden Urvölfern find dank vieler Alterthümer, 
welche uns die Geologie aus unfaßbar fernliegenden Zeitepochen ber 
Erde erjchloffen Hat, nicht fo mangelhaft geblieben, wie noch häufig 
angenommen wird. 

Die Geologie unterfcheidet bekanntlich eine Reihe von Perioden 
der Erdbildung, deren legte (vom Alluvium, dem heutigen Seitalter 
der Erde, abgefehen) das Diluvium war, jene Formation der Erd» 
oberfläche, in welcher der Menfch zum erften ale auftrat. Der 
europãiſche Kontinent charakterifirte ſich in biefer diluvialen Zeit der 
Erdoberfläche durch große Gletſcheranſammlungen, welche ſich von 
den Gebirgen herab in die Ebenen ausbreiteten und dem Klima und 
Boden Europas einen fait arktiihen Charakter gaben. Die von den 
Eismaffen der Hochgebirge freigebliebenen Ebenen waren von riefigen 
Thiergeftalten belebt, die zum größeren Theile ſchon in vorhiſtoriſcher 
Zeit, wenige erft fpäter ausgeftorben find. Das gigantische Mammuth 
bevölferte noch die Wälder, das zweihornige Ahinoceros die Sümpfe, 
das Zlußpferd die Seen und Stühfe Moſchusochſen, Bifon und Auer 
ochjen tummelten ſich in den Niederungen. Infolge ſäkularer 
bungen hatte fi allmählich der europäik je Kontinent der Diluvial- 
eit und mit ihm Deutſchland, deſſen nördlihes Flachland über den 
Üfeeresfpiegel tauchte, vergrößert; tveben und Finnland ftiegen 
ala Schugwälle zwiſchen ber Dftfee und den arktiſchen Meeren, nebſt 
feinen falten Strömungen und Eisbergen empor, ein wärmeres Kon- 
tinentalflima und wärmere und namentlich, trodenere Winde hatten 
ſich eingeftellt; vor ihnen waren die Gletfcher zurüdgerichen, ihre 
Bchmelslinie war befonders bergaufwärts gerüdt und Far fh mb ich 
bis in das Bongebirge binaufgezogen. Deutfchland Hatte Damals im 
allgemeinen die Konfiguration gewonnen, welche e3 heute befigt. 

Der Menſch haite ſich allmählich ausgebreitet. Er hatte in der 
erften Zeit des Diluviums als ein Höhlenbewohner auf der denkbar 
niedrigiten Stufe der Kultur gelebt. Die Benutzung der Metalle 
waren ihm unbefannt. Werkzeuge und Waffen waren einzig roh 
behauene Feuerſteine und grobbearbeitete Knochen, an Stelle ber 
fpäteren aus Thon gefertigten Kochgeſchirre hatte er fich Schiefer- 
und Sandjteinplatten bedient. Es tit befannt, daß dieje ältere Zeit 
des Diluviums nach diefen fteinernen Kulturattributen deßhalb auch 
die „Steinzeit“ genannt wird. Diefer älteren Steinzeit war dann 
nad) taufenden von Jahren die jüngere Steinzeit gefolgt mit ihren 
Pfahlbauten und Hühnengräbern. Sie in ber älteren, fo war in- 
beffen auch in biejer jüngeren Steinzeit dem Menjchengeichlecht 
Aderbau noch jo gut wie fremd geblieben. Allein Jagd und di 
Fiſcherei waren die einzigen wirthfehaftlichen Leiftungen. Die 
waltigen ungeregelten Wajjerftröme des älteren Diluviums hatten 
ihre Betten ausgegraben und ungeheure Binnenfeen waren übri 
blieben. Ein großer Fifchreihthum, an den uns Beute nı 


Aus alter Beit der Kifcherei, 681 


großen Wafjerläufe am der Grenzſcheide Europas, Wolga und Don 
erinnern, zeichneten die Waffergebiete aus und es fann nicht zweifel- 
der fein, daß ſich Beruf und Lebenäneigung des biluvialen Men- 
hen befonders auf bie Dccupirung der reichen Waſſerſtände ge» 
richtet haben. 


* 


Zu den ehrwürdigſten Zeugen der Lebensverrichtungen des 
unſerem en Saint unzählig viele Jahrtaujende zurüd- 
fiegenden Men! Hensel lechts, können die auf den Infeln Sardinien 
und Sieilien, Elba und Pianofa, einem Heinen zwiſchen ber italieni- 
ſchen Küfte und Korſika liegenden Cilande, vorgefundenen Ueberrefte 
von —— — aus Knochen und Stein (Quarſiten und Ob- 
fidian) gerechnet werben, nicht zum wenigften auch deßhalb, weil 
ſchon in diejer Zeit den Bewohnern diefer Infeln, wie dies aus 
vielen Anzeichen mit großer Deftimmtgeit zu ſchließen ift*), Die 
Schiffahrt nicht unbekannt gewefen fein fann. Die auf diefen Infeln 
gefundenen Filchereigeräthe jtimmen ber Hauptfache nach überein mit 
den im mittleren und nördlichen Europa gemachten und aus ber 
gleichen Zeit ftammenden Funden. Belonbers bei ben Zifchfpeeren 
mit und ohne Widerhafen, eine Art Harpune, und bei dünnen Spießen 
ift die Identität recognoscirt worden. Es feheint übrigens, daß ber 
Europäer zu jener Zeit, da er noch mit dem Hippopotamus, dem 
Nashorn und dem Mammuth die Sümpfe und Flüfje bewohnte, ben 
gi ing in einer Art betrieben hat, wie fie jelbft heute noch in manchen 
ndestheilen gang und gäbe ift. Die aufgefundenen Steinfchafte 
haben zum Theil auf beiden Seiten zum Theil aber nur auf einer 
Seite Heine Widerhäkchen oder Zahnreihen. Man jcheint aljo das 
„Speeren“ ober „Spießen” der Fiſche auf eine Art geübt zu haben, 
wie dies befanntlich heute noch zur Frühlingswende eines jeden 
Jahres in einigen Gegenden Niederöfterreich® Brauch iſt. Mehrfach 
find an den Sno und Steinharpunen bei der Baſis Verftär- 
tungen oder Einferbungen bemerkt worden, was darauf fchließen läßt, 
daß an dieſer Stelle der Schaft mit einem Strid umfchlofjen geweſen, 
ber zur Heranziehung der Beute gedient hat. Joly erzählt in feinem 
Bude „ enſch vor der Zeit der Metalle”: Die Inöchernen Har- 
zunen der heutigen Kurilen-Infulaner ähneln ungemein den Geräthen 
Dordogner-Troglodyten, das find Stämme der Höhlenbewohner, 
aljo ebenfalls der älteften Menſchen, welche die Landſchaften der heu- 
tigen Garonne und Gironde (unterhalb Bourg) bewohnt Haben. 
Bald mit beweglicher, bald mit feſter Spige verjehen, figen dieſe 
Harpunen an einem Holzſchaft. Derſelbe hat ein Loch gum Hindurch- 
ziehen eines Strides, ber iheils am Schaft, theils an der beim Har- 


) Das zu jenen Geräthſchaften verwendete Steinmaterial kann nämlih in 
jenem geologiſchen Zeitalter nicht auf bem genannten Infeln exiſtirt haben, es ift 
dehhalb nur anzunehinen, daß es von ben Bewohnern dieſer Infeln von den benach- 
barten vuffanifhen Küften importirt worden ift, 

Der Ealon 1889. Heft VL Bam. 46 


682 Aus alter Beit der Fifcherei. 


puniren fi von felbjt loslöſenden Spitze befeitigt ift. An das freie 
Ende des Strides ift außerdem nod eine Blaſe gebunden, die, auf 
der Wafferfläche ſchwimmend, den Weg des flüchtigen Thieres 
(ildes 2.) anzeigt. Die dem Ufer der Bezere entlang liegenden 
‚Höhlen bargen eine enorme Dienge Lachsgräten. Dies beweiſt ſchlagend, 
meint Joly, „daß die Höhlenbewohner in dem ihren Wohnungen 
nahe gelegenen Fluſſe und den anderen, dem Ozean zufließenden 
Strömen des Perigord, biefen wohlichmedenden Fiſch (Lach nämlich) 
angelten oder vielmehr harpunirten.“ Daß auch die Angel neben 
der Harpune und dem Speer bem Menjchen der Steinzeit jchon be 
fannt geweſen ift, davon legen zahlreiche Funde ebenfalls Zeugniß 
ab. Es ſcheint aber, daß der älteren Steinzeit nur die geraden und 
als ſolche nur durch große Wiberhafen an der Spitze gefennzeichnete 
Angeln angehört haben, während die Krummangel, aljo der eigent- 
liche Yngelhaten der Jüngeren Steinzeit, dem vorgejchritteneren Stadium 
dieſes Zeitraums, dem der Pfahlbauten näntih, eigen war. Wenig⸗ 
ſtens find die Srummangeln, welche aus Stnochen, Steinen und auch aus 
Holz gefertigt wurden, vorzugsweije bei den Ueberreften der Pfahlbauten 
aufgefunden worden, während an den verjchiedenften Fundſtätten der 
Höbhlenbewohner die Arummangel feltener aufzutreten pflegt. Dens 
noch ſcheint diefe vorgejchrittene Technif auch vereinzelt den Höhlen- 
bewohnern ſchon befaunt geweſen zu fein. Sehr überraſchend wird 
die aus prähiftorifchen Denkmälern hergeleitete Annahme fein, daß 
den älteren Steinzeitmenfchen (alfo ben Böpienbewohnern) auch jchon 
der Fischfang mit Negen und ähnlichen die Kunſt des Stridens und 
fechtens vorausjegenden Geräthen (Reuſen) befannt gewejen fein 
oll. Ueberrefte von Negen hat man bei den Fundſtätten der Woh- 
nungen dieſer Menfchen bisher zwar noch nicht mit zweifellojer 
Gewißheit eruiren können; wohl aber find zahlreiche Funde von 
Nadeln aus Holz und Knochen gemacht worden, aus welchen dieſe 
Annahme Hergeleitet worden ift. In den „Mittheilungen“ Bere 
liner Anthropologifchen Geſellſchaft vom Jahre 1872 geſchieht u. a 
einer im allulivalen (aljo der heutigen Erdoberfläche angehörenden) 
Torf bei Bagow nahe Brandenburg a. d. Havel ausgegrabenen, aus 
irſch⸗ oder Efengeweih gefertigten Negitridnadel Erwähnung, welche 
ert v. Erzleben, Mitglied des deutſchen Fiſcherei-Vereins der ge: 
nannten Geſellſchaft vorgelegt Hat. Achnliche Nepitridnadeln find an 
andern Stellen und ebenfalls ala aus dem Diluvium jtammend re 
cognoscirt, gefunden worden. Am zahlxeichiten find die Funde eben- 
falls in Fraukreich gemacht worden. Won Ueberreſten von Netzen 
ſelbſt ſcheint jedoch aus dieſer geologijchen Epoche bisher, wie gei 
noch nichts befannt geworden zu fein. Friedel erzählt. zwar, 
auf Petit Anſe Island, Vermilion Bay Louſiana in einem ger‘ 
Steinfalzlager nahe den oberen Schichten der Ablagerung ein mat 
artiges —e— gefunden worden iſt, deſſen Erhaltung dem : 
ſtande gigeſcrieren werden dürfte, daß es mit der praͤſerviren 
Zafe des Salzes in Berührung gefommen ift und für deſſen Urfor: 








Aus ‚alter Beit der Sifherei. 683 


das Diluvium anzunehmen ijt; dennoch fcheint es mit diefem Funde 
jeine befondere Bewandtnig gehabt zu haben, denn der genannte 
orfcher fummt bei der Beſtimmung defjelben nicht ‚über eine ge— 
wiffe Wahricheinfichteit hinaus. Die Kenntniß der Negfischerei für 
den älteren Steinzeitmenfchen vorweg in Zweifel zu ziehen, dazu 
liegt indeſſen umfo weniger Veranlaffung vor, als und andere Zeug: 
niſſe der Kunſtfertigkeit diefer älteften Zeit überliefert worden find, 
nad welchem ein gewilfer Grad manueller Geſchicklichkeit unjeren 
älteften Vorfahren wohl ſchon thatfächlich geläufig _gemweien zu fein 
ſcheint. Es ift hierbei befonders an die in den Höhlen vorgefun- 
denen Zeichnungen und Kunftichnigereien zu denfen und an die viel- 
fachen Skulpturen von Thiergejtalten, mit welchen die erhaltenen 
Wurffpeere und Angeln ausgertattet find. 

In der Zeit der Pfahlbauten, und befanntlich reichen diejelben 
bis in die Bronzezeit hinein, wurden die wirthichaftlichen Bedürfniſſe 
ſchon mit wejentlih anderen Mitteln befriedigt. Die fogenannten 
„Einbäume* (da3 waren Nahen aus einem Stamme gefertigt), die mit 
dem Feuer ausgehöhlt wurden umd äußerlich eine rohe Vearbeitung 
mit Aerten zeigen, Harpunen und Fiſchſpeere, Netze, alle Arten Angeln, 
Fiſchkörbe, Reuſen und anderes Nezwerk aus Baft und Binſen gefertigt, 
alle diefe Utenfilien find in mehr oder weniger gut erhaltenen Ueber⸗ 
reſten ein jaft regelmäßiges Beiwerf der aufgebedten Pfahlbauten. 
In der Bronzezeit, d. i. diejenige Periode, in welcher für einen 
großen Theil der befannten Erde die wahrjcheinlih vom Norden 
eingeführte Bronze, d. h. eine Legirung oder Mijchung von etwa 
90 Theilen Kupfer mit 10. Theilen Zinn an Stelle des Steins das 
leitende "Arbeitmaterial wurde, find dieje Geräthſchaften der Pfahl- 
bauten zum Unterfchiede von denen der Steinzeit fänmtlid aus 
diefem Metall gejertigt, ſodaß diejelben infolge deſſen nicht bloß 
ierlicher und geididter in der Konjtruftion, jondern auch praftijcher 
fir den Gebrauch gearbeitet find. Wie die Geräthichaften der Be— 
—X ſo zeigt ſich auch im Bau ihrer Boßnungen jelbjt der Ein- 
fluß der brauchbareren Metallwerkzeuge u. a. 3. B. in ciner gefäl- 
ligeren Bearbeitung aller Konjtruftionstheile der Wohnungen. Der 
Zwed der meijten Pfahlbauten war wohl der Betrieb der Fiſcherei 
umd-wenn er auch nicht immer allein gewerbsmäßig betrieben wor- 
den ift — zeigen fich doch bei den meiſten jpäteren dieſer Wafjer- 
burgen ſchon deutliche Spuren von Aderbau — fo wird er doch ala 
wichtiges Nebengewerbe oder wenigſtens als Nothbehelf gehandhabt 
worden fein, wenn der Verfehr mit dem Lande bei eintretenden Hoch- 
fluten in den Flüffen und Seen, an welchen dieſe Pfahlbauten be- 
ſonders zahlreich gefunden worden find, abgebrochen war und fo 
dazu genöthigt hatte. 





468 





Es war ein Traum! 
Bon A. Engel. 





Ih in ſchneller Blick des Erkennens flog von einem zum 
andern. Der j mge Dann, welcher eben noch nach⸗ 
Am Tälfig die Promenade auf und nieder gefchlendert war, 
A als mm tere ihn bie ganze Welt nicht, zog ehrerbietig 
EL den Hut und behielt ihn in der Hand, als bie efe- 
gante Dame, bei deren plöglichen Anblic eine jähe 
’ Nöthe über feine Stirn gezogen war, vor ihm ftehen blieb 
und ihm freundlich die Hand reichte. Obgleich beide in ber 
Haltung bie vollendeten Zormen der Gejellfchaft zeigten, jo hie 
fie doch die gewandtere. Seine Lippen bewegten ſich ein paar Mal 
vergeblich, als wollten fie etwas jagen, was feine Vernunft, oder 
vielleicht auch fein Herz im Augenblid wieder verwarf. 

Endlich jagte er: „Das ift ein unerwartetes Begegnen, gnädige 
Frau” Das war ehrlich und einfach). 

„Und ebenfo erfreulich wie unerwartet, Herr v. Meerheim, mir 
wenigſtens“, fügte fie lächelnd Hinzu. „Nun, wie geht es Ihnen, wie 
leben Sie, und was führt Sie hierher?“ j 

Jetzt lächelte er, b. h. feine Lippen. Seine Augen blieben ver» 
fchleiert, als hätten fie irgend ein Leid zu verbergen. 

„Dit ber Beantwortung biefer ragen würde ich gleich den 
N meined ganzen Lebens vor Ihnen ausſchütten —2 gnã⸗ 
dige Frau.” 

„Sie haben recht. So beantworten Sie mir bie letzte. Was 
führt Sie in die Hauptitadt? Dies Menfchengewoge ftimmt doch 
nicht mit Ihrem Hang zur Einfamfeit.* 

„D, gnädige Frau, ber Hang zur Einfamfeit nimmt mit ben 
Jahren einen verjchiedenen Charakter an. In der erſten Jugend 
will man allein fein, um zu ſchwärmen. Es ift die Zwiſchenſtation 
der Schule, in welcher man das mensa und mensae lernt ımb be 









&s war ein Traum. 685 


Schule des Lebens. Diefe kurze Ferienzeit benugen twir, um und mit 
EHimären herum RN treiben.“ 

„Sie 2% aterialiſt geworden, der Ideale Chimären nennt. 
D, über dieſe Proſa des Lebens!“ 

„Gewiß nicht, Sie mißverftanden mich, gnädige Frau“, rief er 
lebhaft. „Die Ideale des Knaben und Mannes müffen ein verſchie— 
denes Antlig tragen. Die Erfahrung muß fie regeln. Jener will 
in ber Welt ein Paradies ſehen, und erfennt er, daß nicht alle 
Menſchen Engel find, jo nennt er fie gleich Teufel. Ich wollte nur 
jagen, daß ich ein williger Schüler des Lebens geworden bin. Es 
hat meine Heftigfeit forrigirt und mir zum Lohn dafür eine werth- 
volle Gabe verliehen, die Toleranz.“ 

Frau von Vliffingen blidte zu im auf. Sein Blick zeigte 
trotz des tiefen Ernſies eine feltene Milde und Freundlichkeit. 

„Um wieder auf mein Einfamfeitsbedürfniß zu kommen, jo ver- 
trägt fich das recht gut mit dem Getreibe, das mich hier iebt. 
Man fühlt fich nie weltfremder, als in der jogenannten großen Welt, 
und nie einfamer, als wenn man ſich von recht vielen Menfchen umgeben 
fieht, von denen man ſich fagen muß, daß nicht ein einziger zu einem 
gehört, nicht ein einziger Antheil an einem nimmt.“ 

„Werden Sie nicht bitter, lieber Freund.“ ö 

Ich bin nicht bitter, grädige Frau. Nur die Wahrheit ift es 
zuweilen. Sehe y) aus wie ein Peljimift?“ 

„Nein“ fagte fie, ihn prüfend anblidend. „Sie fehen ſogar zu— 
frieben aus“, und ein bifchen melancholiſch fügte fie bei ſich felbit 
Hinzu, fagte es aber nicht laut. 

„Nun wohl, das verdanke ich dem großen Korrektionshaufe, Welt 
enannt. Es lehrte mic, die Exbitterung hinunterzufchluden, wenn 
ich, meine kühnen Wünſche nicht erfüllten, und meine eigene Kühn- 
beit tabeln, ftatt ein fogenanntes Schidjal, das aller Unzufriedenheit 
um Vorwurf dienen muß, kurz, es lehrte mich die Beſcheidenheit 

3 großen Mannes.“ 

Während dieſes Gefpräches hatte er die Vorübergehenden kaum 
beachtet. Jetzt wurde er plötzlich aufmerkſam auf ein junges Mäd- 
hen, das mit zwei auffallend hübſchen Kindern an der Hand 
näher kam. 

„Da find auch meine Kinder“, gt: Frau v. Vliffingen. Kaum 
Iatte die Kleinfte ihn einen Augenblik mit ihren großen dunfeln 

ugen prüfend angejehen, als fie fid) eilig von der Hand ihrer Be— 
gleiterin losriß & ſchnell ihre mingigen üße fie fragen wollten, 
Tief fie zu ihm Hin, und mit ihren Eleinen Armen feine Kniee um- 
faffend, drüdte fie ihr Geficht zärtlich an ihn. Er büdte fi) zu ihr 
Hay „Du kennſt mich wieder, Loni?“ Er zog fie an ji) und 
üßte fie. 

Als er fich wieder aufrichtete, ſchien ſich der Schleier in feinem 
Auge verdichtet zu Haben zu einer Perle. 

Frau v. Vliffingen fpielte mit ihrem Sonnenſchirm und blickte 


686 &s war ein Traum. 
in die Ferne, als fähe fie dort etwas ihrer Aufmerkſamkeit ſehr 
würdiges 


„Sehen Sie, gnädige Frau, die Kinder bringen mich wieder auf 
Ihre Frage zurüd“, wandte er fich mit einer gewilfen Hajt wieder 
zu ihr. „Warum ich in der Refidenz bin? Das Leben hat eine der 
pädagogifchen Hauptregeln mir gegenüber außer acht gelaffen. Es 
gab mir zu viel Gelegenheit Saat zu werben. > babe für nie 
mand als mein eigenes Id, zu forgen, und ſelbſt für das brauche 
ich mich nicht abzumühen. Die einzige Arbeit, welcher ich mich dafür 
zu unterziehen Habe, ift mit den leichten gBertgeugen eſſer, Gabel 
und Löffel gethan. Das Wenigfte, was id, thun fann, ift doch, Daß 
ich hin und wieder den Schauplag biefer Tätigkeit verändere.“ 

„Sie benugen den Umftand, dat Sie niemand verpflichtet find 
aur, um allen zu helfen.“ 

„igomtbige rau, die Zeit der Majchinen iſt nicht geeignet Heroen 
zu bilden.“ 

Er bemerkte, wie Frau v. Vliſſingen plöglich die Farbe wechfelte. 
In jähem Schreden ftredte fie die Arme aus. Sie wollte etwas 
rufen, aber die Stimme verfagte ihr. Er wandte fih um. Sein 

13 Stand einen Augenblid ſtill. Loni lag auf dem Geleife der 

ferdebahn und ein Pferd hob ſchon den Huf, um über fie hinweg- 
zugehen. Das Kind hatte fich von ihnen entfernt und neugierig und 
arglos umbergefehen, bis ein ſchnell heranrollender Wagen fie aus 
ihren kindlichen Betrachtungen geriffen. Indem fie diefem ausweichen 
wollte, ftolperte fie über eine Schiene der Pferbebahnlinie und ftürzte 
unmittelbar vor ben von ber anderen Seite kommenden Wagen, Den 
fie gar nicht bemerkt hatte. 

Vergebens tönte das Warnungsfignal, vergebens fuchte ber Con- 
ducteur mit aller Gewalt zu bremjen. Die Worübergehenden blieben 
mit ftodenden Pulſen ftehen. Nur einer ftürzte wie ein Wahnſin⸗ 
niger herbei. Mit der rechten Hand den Pferden in die Zügel 
fallend, daß fie hoc aufbäumten, riß er mit der Linken das Kind 
vom Geleife. Aber indem er ſich bückte, riffen die fcheuen Thiere ihn 
nieder. Der Wagen machte noch eine rudende Bewegung, ehe er 
zum ftehen gebracht wurde und ging über Meerheims Körper hinweg. 

Keiner der Anweſenden wagte fi zu rühren. Ein utzmann 
eilte herbei den Verunglückten aufzurichten. Frau von Vliſſingen 
wankte;. Es wurde ihr dunkel vor den Augen. Aber ein gewaltiger 
Wille ſchien fie aufrecht zu erhalten. 

„Eine Drofchfe* forderte fie mit fefter Stimme. Der Schutz⸗ 
mann winfte fchiveigend eine folche heran, und vorfichtig wurde 1 
Ohnmächtige hineingehoben. Frau v. Bliffingen wollte felbft Helfe 
Aber fehaudernd wandte fie ſich ab, als fie die blutgefärbten Ste 
ſah. Sie nannte ihre Wohnung. 

„Er ift nicht todt; es ift vielleicht nur der Arm“, meinte — 
Schutzmann, als müffe er etwas tröftliches fagen, indem er die Heine Lo 
in den- Wagen hob. Frau v. Vliſſingen preßte fie ſchweigend an fi 


&s war ein Traum. 687 


Es war nur der Arm. Aber der war aud) verloren. 

Es war eine lange, bange Nacht, welche Frau v. Vliffingen am 
Lager des Retters ihres Kindes zubrachte. Sie hatte I} nicht um 
ihre Kinder befümmert, hatte ſelbſt nichts genofjen. Regungslos 
überwachte fie das tobesblafje edle Geficht des nod immer Obhn- 
mãchtigen. Ob fie betete, daß er noch einmal die Augen auffchlagen 
möge, ob fie bangte nad) dem Augenblik, ba er ein Beichen geben 
würde, daß er Iche? Sem Gedanke und fein Gefühl jtand auf dem 
ftarren Geſicht geſchrieben. Die Aerzte hatten ihr Hoffnung gemacht. 
Aber der Arm war fort. Der Slate Schimmer der Nachtlampe fiel 

taufam gerade auf die Stele, wo die treue, Hilfreihe Hand hätte 
iegen mühjen. Frau v. Bliſſingen ftrich manchmal leiſe die dunfeln 
welligen Haare aus ber Stine, öfter und öfter, mit nervöſer Haft. 
Dabei zitterte ihr die Hand, und es begann um die krampfhaft zus 
ſammengepreßten Lippen zu zuden. 

Ihre Berührung fehien eine magnetische Gewalt auf ihn zu üben. 
Ein leiſes Stöhnen entrang ſich feiner Bruſt. 

„Heiß“, flüfterte er, ei 

Sie erhob ſich unhörbar, Töfchte die Lampe, und öffnete die 
Gardinen. Der Tag graute. Sie fröftelte- Als fie dem Kranken 
die fühle Hand auf die Stirn legte, athmete er ruhig weiter. 5 

Ein roter Streifen umjäumte den Horizont. Die Vögel be- 

jannen ein leifes Gezwitſcher unter dem Fenſter. Der Morgenwind 
Phielte mit den thauglängenden Blättern. Ueber Frau v. Bliſſingens 
Augenlider legte ſich eine ſchwere Müdigkeit, und ihre Hand ſank 
ſchlaff auf das sp tiffen des Kranfen nieder. 

lötzlich ſchrak fie auf. Sie wußte nicht, ob fie ſchon gefchlafen 
hatte. Aber fie hatte deutlich einen tiefen Seufzer gehört. 

Mit angjtvollen Augen jah fie Meerheims Blick auf jo ge 
richtet, einen Blick, der aus einer andern fernen Welt zu kommen 

ſien. 
c „Eleonore“, ſagte er leiſe. Wie viel Glück und Zärtlichkeit lag 
in diefem einen Wort. „Eleonore, ic) Hatte einen föredtichen Traum. 
Mir träumte, es lägen Jahre dazwiſchen, feit wir uns zulegt gefehen 
— und geliebt“, er lächelte matt. „Verzeihe dem Tügenhaften Traum- 
ott, Eleonore, mir träumte, Du wärft treulos — cs war.entjeßlich. 
u treulos — wiederholte er mit einem gläubigen Kinderlächeln — 
Du großes, warmes Herz —“ 

Er ſchwieg einen Augenblid. Sie ftarrte ihn an, als trete eine 
plögfiche Geiftererfcheinung vor fie hin. 

„Es war fo einfam um mich — in mir. Die Welt war fo 
öde — wie man fchredlich träumen kann — Du treulos —. Ich 
bin bei Dir, Eleonore! Küffe mich auf die Stirn!“ 

Sie beugte fich über ihn, ihre Hand feit auf die Bruft preffend, 
als wolle fie den Auffchrei unterdrüden, der fi) daraus emporrang. 
Die falten zitternden Lippen fenften fi) auf feine bleiche Stirn. 
„So iſt es gut“, flüfterte cr. Seine Augen hatten fich wieder ger 


688 Es war ein Traum. 


kötoifen, und über feinem Geficht Tag ein friebliches, glückliches 
ächeln. Eleonore -rang die gefalteten Günde feft ineinander. Als 
die alte Wärterin eintrat, welche fie für die Nacht fortgeſchickt hatte, 
fah diefelbe fie kopfſchüttelnd beforgt an: 

„Önädige Frau haben das Fieber! Sie jollten fich hinlegen!“ 
Sich zu dem Kranken niederbeugend fügte fie hinzu: „Das iſt feine 
Ohnmacht mehr, das ift Schlaf.“ 

Eleonore blidte erfchroden auf. _ 

„Erquickender, geſunder Schlaf, gnädige Frau“, beruhigte die 
Alte. „Der gute junge Herr wird Ihre Pflege entbehren müſſen, 
wenn Sie Tetbft fih krank machen“, meinte fie diplomatiſch. Sie 
kannte die Wirkung ſolcher Worte aus Erfahrung. Eleonore legte 
fi) auf das Sopha im jelben Zimmer, und wurde erſt aus ihrem 
feſten laf geweckt, als die Aerzte kamen. J 

Still umſianden ſie alle das Bett. Selbſt dieſe Männer, welche 
Stenen des Schmerzes und Leidens genugſam gewohnt waren, konn⸗ 
ten einen Anflug von Rührung nicht verbergen, indem fie auf das 
bleiche Geficht des Kranken blidten, der ohne Ahnung von ber furcht- 
baren Entdedung, welche feiner beim Erwachen harrte, jo friedlich 
ſchlummerte. Ein Zug ftillen Leidens lag um feinen Mund, der 

leonore geftern entgangen war. 

Die Fenſter wurden geöffnet. Eine frifche, reine Herbftluft 
drang herein. Ihr Hauch fi belebend über Meerheims Stirn. 
Er flug die Augen auf und. blickte wirt und fragend von einem 
zum andern. Indem er den Verſuch machen wollte, ſich emporzu- 
richten, zudte ein qualvoller merz über fein Geſicht. Das er- 
wachte —— — hatte ihm grell ſeine Lage beleuchtet. 

Die alte Wärterin ſchlich Teife hinaus. Die Werzte biffen fich 
auf die Lippen. Nur Eleonorens Bli hing ftarr wie gebannt an 
dem elenden Schaufpiel des Seelenfampfes in den zudenden Zügen 
ihres Freundes. Langſam und voll ſchlug diefer die Augen wieder 
auf, und ein Blick unendlichen Mitleids traf die gequälte Frau. 

„gaben Sie noch heftige Schmerzen?“ fragte einer der Aerzte. 

'eerheim verfuchte zu lächeln. 

„Mir ift ganz wohl. Ich gehöre zu den Menfchen, meine Herren, 
die immer denken, es hätte noch jchlimmer kommen Eönnen. Den 
Gedanken empfehle ich Ihnen ala Rezept für Ihre ungeduldigen 
Patienten." 

Der Doktor Hatte bei den erjten Worten ein leichtes Stirn⸗ 
runzeln bemerkt, da® auf Schmerz deuten ließ. Er glaubte die Ur- 
ſache von Meerheims mehr als gewöhnlicher Selbſtbeherrſchung er- 
rathen zu haben, und wandte fich deßhalb an Eleonore: 

„Gnädige Frau, wollen Sie gütigit unferem Kranken eigenhändig 
einen fühlenden Trank bereiten?“ 

di Eleonore ſah ihn mißtrauiſch an, ging aber doch ſchweigend 
hinaus. 

„Sie haben doc Schmerzen?“ begann der Arzt fein Verhör. 


ET Ey ueee 
verftümmelten Arm anfehend. 

„Nur dort?“ fragte jener feinem Bli folgend. 

„Ih glaube, hier habe ich auch ein Andenken mitbefommen“, 
ſagte er mit der Linken auf feine Bruft deutend. 

Die Aerzte fahen fich, nachdem fie ihn an der bezeichneten Stelle 
unterfucht hatten, bedeutungsvoll an. „Ein verdammter Pferdehuf“, 
murmelte der eine. 

„Was kann das arme Thier dafür" fagte Meerheim, ſich er⸗ 
Ieapfı in jeine Kiffen zurüdlehnend. Er legte fein Gewicht auf die 

einung der Aerzte, und ihre Gegenwart beläftigte ihn fichtlich. 
Sie empfahlen ſich denn auch stein, ale Frau v. Üıffingen wieder 
Fr unter deren forjchenden Blicken fie fich entjchieden befangen 
ühlten. 

Nachdem Meerheim begierig das Glas geleert hatte, das Eleo- 
nore ihm reichte, ſehte dieje I wieder ſchweigend an fein Bett. Er 
ſchloß zeitweife die Augen, bald richtete er He finnend zur Dede 
empor, bald blidte er Eleonore freundlich an, ohne zu jprechen. Sie 
beobachtete ihn gejpannt. Die Schmerzenzlinie um jeinen Mund 
ſchien ausgeprägter. Aber der Schleier, welcher über feinen Augen 
Tan mar —— Sie ftrahlten eine Klarheit, ja Freudigkeit 

ihr, fie wußte ſelbſt nicht warum das Herz zuſammenkrampfte. 
ıddo, möchten Sie das Kind ſehen?“ fragte fie. Er nidte. 
itt hinaus, und fehrte mit der Eleinen Loni an der Hand 
Sie wollte dem Kinde jagen: „Sieh da, Dein Lebensretter“, 
brachte fein Wort heraus. Haddo blickte das Kind ftill an. 
‚löfte fich eine Thräne aus feinem Auge und floß die Wange 
Aufſchluchzend barg Eleonore ihr Geficht in ihre Hände und 
aus. Endlich war der Bann gebrochen. 
; fie zurückkehrte, waren ihre Augen ftarf geröthet, aber fie 
ig, tal heiter. Sie fand Loni am Bettrand figen, neben fich 
Be schwarze Katze, die fich ſchnurrend und ſchmeichelnd an 
liebfojende Hand jchmiegte. 

erften Augenblid hatte das ſeltſame Benehmen ber beiden 
‚nen dad Kind beängftigt. Haddo aber hatte ſich ſchnell ge- 
d auf feine Frage, ob denn ihr Grethchen noch lebe, war fie 
ausgelaufen ihren Pflegling zu holen und befand fih nun 

Ich egepodener Stimmung über die Anerkennung, welche 
gefunden. 
ni, verjchone doch Onkel Haddo mit dem Thiere*, ſagte 


ü ſah ganz betreten aus. „Soll ich fie fortnehmen? fragte 
t. 


uſcht. 
ikel Haddo ſagt, die Thiere wären treu und gut, meinte ſie, 
jätte fie lieb.“ 
ß fie nur, Loni*, fagte er, das Thier ftreichelnd, „ſiehſt Du, 
:n bei mir.” 


6“ Es war ein raum. 


Sie behielten das Kind den ganzen Tag bei fi. Seine Gegen- 
wart verhalf ihnen am beften zu dem Gleichgewicht der Gemüter, 
Als Eleonore zur Ruhe mahnte, verſprach fie Loni, fie bürfe am 
nächsten Tage wieder fommen. „Und bringjt Grethchen wieder mit, 
ſagie Ontel Haddo freundlich, dem Kinde lächelnd nachfehend, wie 
fie ftolz mit ihrer fleinen ſchwarzen Freundin verſchwand. Des 
Abends, als die Mama ihr fon, nachdem fie für Onkel ‚gabbo ges 
betet hatte, der liebe Gott möge ihn bald wieder gejund werden 
Iaffen, gute Nacht gejagt hatte, erzählte fie noch einmal, Onkel Habdo 
habe gelagt, fie müffe Grethchen gut gepflegt haben. Diejetbe ei jo 
groß und a! geworden. Mit einem glücklichen Lächeln auf dem 
tofigen Geſichtchen fchlief fie ein. 

Mehrere Tage waren vergangen. Haddo hatte fich bei der un- 
ermüdlichen Pflege Eleonorens ſchnell erholt, d. h. er fonnte das 
Bett verlajfen. Ens Wundfieber war gewichen. Aber Eine Wangen 
waren eingefallen. Tiefe Ränder Hatten ſich unter feinen Augen 
gebildet. „Das kommt noch nad“, hatten die Aerzte auf Eleonorens 
angftvolle Fragen geantwortet. Ste hatte dies Drakel säfg ges 
deutet und meinte, es fei von den Folgen ber Operation Die Rede. 
Von den Schmerzen in der Bruſt des Kraufen wußte fie nichts. 
Sie erjchraf, als Haddo davon ſprach nad) Haufe zurüdzufehren. 

„Eleonore, Ste wiſſen, wie gern ich bei Ihren bliebe“, hatte er 
gejagt. „Aber die Stadtluft ift fein Element für mid. Ih muß 
aufs Land, und darf dort auch nicht fo lange fehlen.“ 

„Sie können weibliche Pflege noch nicht entbehren, mein Freund“, 
wandte fie ein. 

„Ich darf mich nicht zu ſehr verwöhnen lafjen, gnädige Frau. 
Dan entbehrt doppelt, je länger man genoffen hat.” 

„Wer jagt Ihnen, dag Sie entbehren jollen?“ - 

Er ſah ie fragend an. Cie fpielte nervös mit den Quaſten 
der Tifchdede. Im ihrem Antlig wechſelten Röthe und Bläſſe. 

„Ich kann doch nicht bei Ihnen bleiben.“ 

„Aber ih — ich fann mit Ihnen gehen.“ Nun war. eg heraus, 
was fi) jo gefträubt Hatte über die ftolzen Lippen zu gehen, und 
was als ſchwerer Entſchluß ſchon längit in ihrem Herzen ent- 
ſchieden war. 

Ueber fein Geficht flog es wie heller Sonnenfchein. 

„Das Wort von Ihnen, Eleonore, das ift eine fürftliche Be 
lohnung für das Selbftverftändliche, was ich gethan. Aber —“ er 
ftodte, indem ein Schatten über fein Antlig flog. 

„Aber —?“ fragte fie dunfelerröthend. 

„Aber ein Haddo von Meerheim nimmt nicht als Opfer 
Dankbarkeit und Mitleid, was einjt das Herz ihm als freie € 
gemähet Eleonore“, fagte er, als fie fchwieg, „darf ich Ihnen 

eeſchichte erzählen? Sie ift einfach, aber auch kurz. 

Sie nidte ftumm. 

„Es war einmal — fo fangen ja die Märchen aus alten 


em Duft, das Bl, Blume zu Blume. Benn Er LIEDIC Das Schone, 
den Duft, das Blühende. Aber er liebte es mit reinem, arglojem 
Herzen. Deßhalb umgaufelte er wohl die Blumen. Dabei träumte 
er aber von einer, die herrlicher, duftender, feuchtender fein müſſe, 
als alle anderen. Er fannte jie nicht, aber er jehnte fich nad) ihr, 
und fam endlich, je mehr er einfah, daß er ein Schwärmer fei, auf 
den traurigen Gedanken, die Blume, von der er träume, bfühe wohl 
gar nicht auf Erden, vielleicht im Himmel. 

Da fah er einmal ein paar dunkle Augenjterne. Eine wunder 
bare Seligkeit überfiel ihn, denn aus denjelben ſchien ihm feines 
Traumes Erfüllung entgegenzubliden. — Es waren ein paar Sterne, 
und fo betrachtete er fie. Unerreichbar hoc) ftanden fie für ihn wie 
ihre Geſchwiſter am hurne Aber das iſt ja das herrliche an den 
Sternen: man darf fie anfchauen, ſich beraufchen an ihrer Pracht, 
uud darf fi) andächtig durch fie ftimmen faffen, ala wäre man in 

icche. 

Bald war dies Augenpaar für den Knaben die Leitjterne feines 
Lebens. Sie bfidten ihn nicht mehr fo kalt, jo aus unerreichbarer 
Sk an, fondern fie jenkten fich freundlich in die feinen, und fie 
mußten doch wohl burchgebrungen fein, bis zum Allerheiligiten feiner 
unberührten Seele, denn fie verriethen ein ſympathiſches Leuchten. 
— Maa foll ich fagen, gnädige Frau? Eine rau, welche ſchon 

n3 Luft und Leid erfahren, der zwei blühende Kinder die 
infamfeit belebten, war dem Knaben gewogen. Sie hätfchelte 
fiebtofte ihn wie ein Kind, und er dachte nicht darüber nach, 
hr war. Er fühlte fi) nur ala Heros, als Engel des Lichts, 
Uem Guten und Edlen fähig ift, wenn er zu ihren Füßen 
ine Lippen auf ihre Hand preſſen durfte, und ihre jchlanfen, 
inger gebanfenvoll durch feine wirren Loden gleiten fühlte. 
henglüd, Eleonore, läßt fich nicht ſchildern, wie Menjchen- 
nicht, wenn es am echtejten ift. Die Dichter haben es 
Bei ihren tönenden Worten klingen wohl die Saiten unferes 
nad), aber in die Tiefe dringt fein Schall von außen. Da- 
'igt nur das eigene Gemüt, und feiert und duldet Stunden, 
n Menſchenmund und Menfcenohr nichts wiſſen. — Der 
ar thöricht und heftig. — Ob er die Gunft jener Frau 
‚ ob fie anderes zu thun hatte — die Sterne jtanden für 
terreichbarer Höhe. Ich fagte, es war ein thörichter Knabe. 
ihle feines Herzens tobten gegen den Himmel an. Nachdem 
n zweiter Prometheus, Himmelslicht der Seligfeit von oben 
ußte er nun auch die Strafe des Prometheus erdulden: ein 
Adler, der Menfchenhaß nagte an feinem Leben. Jedes edle 
cſchien ihm nur als Rauſch, auf den ein elender Katzen⸗ 
olgte. — Das Leben nahm ihn in die Schule. Er wurde 
ſchlechteſte Schüler. Er lernte die einfachite Weisheit, fich 
iben zu bewahren durch ſich felbft. Ein Engel verflärte 





692 Es war ein Traum. \ 


feine Erinnerung. Diefem Licht konnte die Bitterkeit feines Herzens 
nicht widerftehen. Der Knabe trägt als Mann noch diefelbe Wurde, 
aber nur ala Ehrenzeichen, erworben im Dienfte der Treue. 

Die Kühnheit Feiner Wünſche hatte fich gelegt. Nur ein einziger 
war ihm geblieben, und der fchien unerreihbar. Jahr auf Fahr 
fegte das Leben welte Blätter auf dad Grad, das er in jeinem Herzen 

egte. In immer nebelhaftere Ferne fank fein Glüd, und eine immer 
inkhaftere Sehnſucht ergriff ihn, es noch einmal faſſen zu bürfen 
— nicht? neues, nichts anderes, nur dajjelbe ganz jo wie es war. 
Nur einmal noch wollte er zeigen wie er lieben fonnte, wie er noch 
- Yiebte, mit einer That fühnen, was er im Wahnfinn feines Echmerzes 
an jenem Engel gefündigt. Sie. jehen, das war ein Wunſch wie ihn 
die Helden aus Taufend und eine Nacht nicht fühner haben Eonnten. 
Und es wurde ihm erfüllt, Eleonore. — Fieberträume überwältigten 
das Bewußtſein des Mannes, der einst der thörichte Knabe war. 
Sie warfen ihren dunfeln Schatten über die legten Jahre feines 
Lebens... ALS er erwachte, da ſah er über jich die Sterne Ienchten, 
welche die Leitfterne feines Lebens waren. Die Vögel fangen jubi- 
lirend Lieber, welche alles Entzücen in den jchlummernden ‚Herzen 
wieder weckten. Die Morgenröthe überftrömte den Himmel mit ihren 
Strahlenfluten, und ms rothgofdenen Schein über mein Haupt, 
feuerflammende Propheten einer euchtenden ufunft. In den Bäumen 
rauſchten und flüfterten alle füßen Geheimnifje und ungelöften Räthſel 
eines mit glühenden Hoffnungen umfaßten Dafeind. Weiche Hände 
ruhten liebkoſend auf meiner Stim, und von ihnen aus ftrömten 
Schauer der Wonne eines Mmiebergefchentten Lebens durch meinen 
Körper, und als die Lippen, nad) denen ich gelechzt, wie ein in der 
Bihe verfchmachtender mic) berührten, da — da Hatte ſich mein 
fitiomer Wunfd erfüllt, wie fein Zauberer aus Taufend und einer 
acht ihn befjer erfüllen konnte.“ 

Er athmete tief auf. In der ſich fteigernden Lebhaftigfeit, mit 
der er gejprochen, war er aus der Rolle des objeftiven ja ler 
gefallen. Indem er fi mit dem Taſchentuch über die Stirn fuhr, 
verfuchte er die Spuren der Erregung aus feinen Mienen fortzu- 
wifchen. Frau v. Vliffingen faß mit tief gefenktem Haupte vor ihm. 

„3a, Eleonore“, ſagte Haddo aufftehend. „Das Leben hat mich 
das große Los ziehen laſſen. Ich habe Gelegenheit gefunden, zu 
zeigen wie ich lieben fann, und die treue Freundeshand, welche Sie 
PR zurüdgeitoßen, ich habe fie Ihnen doch reichen dürfen — für 
immer.“ Er zeigte auf feinen verjtümmelten Arm. Sie barg ihr 
Geſicht in ihre Sünde. Indem er ihr feine Linke auf die Schu 
legte, beugte er fich zu ihr nieber und wiederholte leiſe: „Eleon 
— für immer.“ Lange preßte er feine Lippen auf ihr volles brau: 
Haar. Dann fehritt er ſchnell hinaus. 

Am nãchſten Morgen reifte er ab. 

Eleonore hörte nichts wieder von ihm, machte auch feinen V 
ſuch Nachricht von ihm zu erhalten. 


Es war rin Traum. — An Adalbert Matkowsky. 693 


Im nächſten Frühling,. als das erjte Grün aus den Knoſpen 
brach, fam die Kunde, Haddo von Meerheim fei an einem Brujt- 
leiden. geftorben. — Ueber die Urfache feines Leidens fei nichts be— 
Tannt. Er jelbft habe r nicht anders. Darüber geäußert, als er 
habe ſich einmal unbedeutend verlegt. - 


An Adalbert Matkowsky. 


Motto: O hochſtes Götterziell Aus nieberm Erdenduuſt 
Hinaufzuretten ſich ins freie Reich ber Kunſt. 


ex bis zum Sitz der Seele dringt, 
Wie Du der Schönheit ‚eine ing 

So wundervoll heroifch Fühn, 

Wer heil'ger Wahrheit Goldrubin 

Wie Du aus Dichterwerken gräbt, 

Daß ihr geheimftes Leben lebt, 

Wer fo der Liebe Götterglut 

Und aller Schmerzen Tobesflut 

Bor die entzüdte Seele ftellt, 

Das Echo einer ſchöner'n Welt: 

(D wonnefeliger Götterfchein!) 

Der nennt des Genius Krone fein! 

Begeiftrung trägt ihn himmelan 

Mu feiner Künftlerdornenbahn; 

Statt feilen Lorbeers Ruhmezblatt 

Im ſich er höchſte Wonne hat 

Und fegreich ührt durch Tod und Nacht 

Ihn echter Dichtung Weihemacht! 

Wilhelm Arent. 


Bie Soffioni. . 695 


daß ihre Verwerthung ſich lohnt, nimmt der Boden, emporgedrängt 
durch den ſtarken unterirdiichen Drud der Dämpfe, die Geftalt cines 
einen Kraters an. Das Gejtein wird durch die chemiſche und mecha⸗ 
niſche Einwirkung ber Gaſe zerfrejfen und zerftört, bis es auseinander 
brödelt und in Staub zerfällt. Doch nicht nur Borſäure findet mar 
in diefen Kratern, fondern aud) Alaun und Schwefelfriftalle, doch 
werden dieje beiden letzteren Mineralien heute nicht mehr ausgebeutet, 
indem man bie ganze Aufmerfjamfeit auf die Herftellung des Borax 
fonzentrirt, bie einen weit beträchtlicheren Nugen abwirft, als die 
Ausbeutung jener anderen Schäge des Mineralreiches. Unter den 
Gajen, die fe den auffteigenden Dämpfen beimifchen, fpielt der 
Schwefelwafferftoff Die hervorragendfte Rolle. Ringsumher verbreitet 

m abjcheulichen Gerud) faulender Eier über die Landſchaft, ohne 
jedoch einen nachtheiligen Einfluß auf den Geſundheitszuſtand der 
in den Soffioni bejchäftigten Arbeiter auszuüben, ja er hat gar noch 
die ſchätzenswerthe Eigenichat, die benachbarten Weinberge der gan- 
zen Uhngegend vor ber Traubenfäule zu bewahren, die im weiteren 
Umkreiſe jo häufig auftritt, fich hier aber nie zeigt! 

Erft im legten Viertel des vorigen Jahrhunderts wurde in den 
Soffioni von Monte-Rotonde in den tosfanijchen Maremmen, jenen 
ungejunden, fieberjhtwangeren Sumpfgegenden, die fid) an der Meeres- 
Tüte vom Ausfluffe des Cecina bis nach Orbitello in einer Länge 
von 20 und einer Breite von 1’/, bis 4 Meilen ausdehnen, die 
Boraxſäure entdedt. Bis dahin waren die allerdings befannten 
Gasquellen nur als intereffante Naturerfcheinungen betrachtet und 
befucht worden, aber an_eine induftrielle Benutzung derjelben Hatte 
noch niemand gedacht. Schon vor Chrifti Geburt erwähnte der alt- 
römiſche Dichter Qucretius der Soffioni; doch mag er wohl nicht ge- 
ahnt haben, welche Bedeutung diefelben einft gewinnen würden. 
Erft der neueren Chemie blieb es vorbehalten, den werthuollen Stoff 
aufzufinden, der. den wejentlichen Beſtandtheil der auffteigenden 
Dämpfe bildet. Ein Deutſcher, namens Höffer, der Hofapothefer des 
Großherzogs Leopold von Toskana, des nachmaligen deutſchen Kaifers, 
war, wies im Jahre 1777 zuerſt den reichen Schatz der Borarfäure 
in der Soffioni von Monte-Rotonde nad), indem cr die Eigenjchaft 
derjelben, Altoholflammen grün zu färben, kannte. 

Nicht jobald war der Pachreis geleten, daß die Soffioni Bor- 
füure enthielten, al3 man aud) den Verſuch anjtellte, die Säure aus 
en Gasquellen zu gewinnen, indem man die Dämpfe durch Waffer 
ftreichen ließ, bei welchem Verfahren diefelben fid) in_reichlichen 
Mengen abfegten. Zu diefem Zwecke wurden künſtliche Wafferbehäl- 
ter, jogenannte Zagoni, d. h. Kleine Seen angelegt, die aus mehreren 
Etagen beftanden, durch welche die Dämpfe nadeinander hindurch⸗ 
geleitet wurden, um fich jo zu Boraxſäure zu fondenfiren. Der Urs 
—F dieſes Verfahrens war der berühmte italieniſche Naturforſcher 

ascagni, doch hatte dajjelbe nicht den gewünfchten Erfolg, und jo 
wurde das Unternehmen bald wieder eingeftellt, bis im Jahre 1816 


696 Bie Soffioni. 


ein in Livorno angejeffener franzdfifcher Kaufmann, Larderel, die 
Verfuche wieder aufnahm und zum ausgiebigerem Betriebe derjelben 
eine Geſellſchaft zuſammenbrachte. Dieſe Gejellichaft gründete jofort 
drei verjchiedene Etabliffements, die elf Jahre ang im Gange waren, 
dann aber auch wieder aufgegeben wurden, da der erzielte Gewinn 
faum die Herftellungsfoften deckte. 

Wenn Ka) der Erfolg den gehegten Gamaztungen nicht entſprach 
und die Gejellichaft fich infolge en auflöfte, ließ doch Larderel 
fi) nicht entmuthigen. Aus eigenen Mitteln entjchädigte er bie 
Aktionäre der Compagnie, und ſetzte das Gejchäft nun für eigene 
Rehnung, fort, bis feinen muthigen, energifchen Anftrengungen ber 
gehoffte ohn endlich zutheil wurde. Es gelang ihm nämlich fchlich- 
ich doch die Dämpfe der Soffioni aufzufangen und ben Konden- 
firungsteffeln zuzuführen. Da diefe Dämpfe im Momente, wo fie der 
Erde entjteigen, faft die Temperatur des fiedenden len haben, 
fo konnte begreiflicherweife die Verdunſtung ber Flüſſigkeit und 
die Krijtallifation der Boraxſäure gemwijfermaßen ohne Unfojten be— 
ſchafft werden. Bald flieg bemn aud) die Produktion der Werke, die 
nad) wenigen Ye in den Maremmen zu zwölf angewachſen und 
ſämmtlich im Beſitze des erwähnten Srangofen waren. Es wurden 
jest jährlich über anderthalb Millionen Kilogramm Borax in ben 
Handel gebracht und ein Reingewinn von 700,000 Franken erzielt. 

ine englijche Geſellſchaft nahm kontraltlich Larderel das fümmtliche 
Erzeugniß feiner Borarwerfe ab, biß nach jeinem Tode ber Vertrag 
gelöft worben iſt. 

In gewiſſer Beziehung noch intereffanter, als bie Borazquellen 
von Monte-Rotonde, find die Oprazgerntnnungs-Stabtiffements eines 
anderen franzöfifchen Industriellen, namens Durval, die fi in Der 
am Zuße des Monte-Rotonde ausbreitenden Ebene befin ier 
zeigen ſich die Gewäſſer eines Sees, eines ſogenannten Schwefelſees, 
die, einen wahrhaft höllifchen Charakter tragend, an die bunfeln 
Fluten des Styr gemahnen, der in neunfacher Windung die Unter- 
welt der altgriechiichen Mythe durchfloß. Die Farbe dieſes unheim- 
lichen Sees ift ein dunkles Feuergeld, und aus den Wirbeln und 
Strudeln, die vielfach an dem Bali zutage treten, laſſen ſich 
die Soffioni, welche der Tiefe entitrömen, erfennen. Bis auf weite 
Entfernung ift das Braufen und Bilchen berjelben vernehmbar. 
Durval hatte den glüdlichen Gedanken, den unterirdifchen Herden 
diefer Gasftrömungen nad); gehen, und fand, daß wie man an andern 
Stellen in ber Tiefe a fleradern ftößt, jo der Grund bes 
Schwefeljee und feine Umgebung von Gasabern durchzogen ift. 

Wie nun die angeftellten Arbeiter auf die Gasabern der Sof- 
fioni trafen, ftiegen die Dämpfe mit fo wilbem Ungeftüm durch ben 
geöffneten Ausgang hervor, daß jie Steine, Wafler und Erdniaſſen 
zu beträchtlichen Höhen, zum nicht geringen Schreden der arbeiten- 
den Bergleute, in bie dut ſchleuderte, die fig vor dem Steinregen 
kaum zu fehügen vermochten. Man hatte hier das Bild einer Meinen 


AUG qua0556 10a 20) pulabjvurbiag mama PporG 
aax mag 200 ipui⸗ 29q jun uaſuaq 











Bie Soffioni. 697 


vulfanifchen Eruption vor Augen, nur daß die Flammen, wie auf 
dem Aetna oder Vefup, fehlten. Eine vor wenigen Jahren noch er= 
fchloffene Soffioni hatte eine ſolche Mächtigfeit, da man das Ziſchen 
des Dampfes mehrere Stunden weit hören konnte. Es war ein ſolch 
fchredliches Getöſe, als wenn eine große Anzahl Lokomotiven auf 
einmal den Dampf ausftrömen läßt. Der Strahl aber war fo ftarf, 
daß man darauf verzichten mußte, ihn unter die Verdunftungsfeffel 
u leiten, vielmehr ſich veranlaßt ſah, Die Deffnung, welcher er ent- 
Vrubelte, wieber zu verftopfen, was endlich nach vielen vergeblichen 
Bemühungen gelang. b 

Obgleich die Temperatur der Gafe eine fo bedeutende ift, jo iſt 
doch die Tiefe, aus welcher fie der Erbe entitrömen, keineswegs er- 
heblich genug, um fich diefe Erſcheinung erklären zu können. Be— 
kanntlich wächſt die Wärme auf je 36 Meter, die man in die Erde 
hinabſteigt, um ein Grad Celſius. Mithin. gelangt man erjt in einer 
Tiefe von ungefähr 3000 Metern zur Temperatur de ſiedenden 
Waſſers. Nun aber erreichen die Gasquellen von Monte-Rotonde 
nirgends eine Tiefe von hundert Metern, woraus mit aller Wahr⸗ 
Ichemlichfeit hervorgeht, daß fie entweder einem noch viel tieferen 
Herde entjpringen, ober ihre Temperatur mit chemiſchen und elektri⸗ 
ſchen Erfcheinungen zufammenhängt, die wir nicht zu erfennen ver> 
mögen. 


Das Central-Etabliffement der Larderelſchen Boraxwerke Sefinbet 
fih zu Monte-Cerboli. Aber auf der ganzen Strede von Monte 
Notonde bis dahin fommt man überall an Gasquellen vorüber, die 
Veranlaffung zu einer ganzen Reihe von Borazbereitungsanftalten 
gemarben find. Die Etabfiffements gewähren einen sigentgämtichen 
nblid. Die aus Mauerwerk beftehenden Kuppeln, welche die Sof- 
fioni überwölben, die zuweilen hoch über den Boden Hinführenden 
Kanäle, welde die Dämpfe zu den Verdunſtungsbaſſins leiten, Die 
etagenweife ſich erhebenben Vehälter ober Lagons, die Anftalten 
unter freiem Himmel, wo das Wafjer verbunftet und die Kriftalli- 
fation vor fich geht, die Gefäße, in denen die Boraxſäure trocknet, 
der efelhafte Geruch des Schwefelwafjerftoffes und endlich die diden 
Dampfwolten, die fortwährend über diefem allem lagern — dies 
alles macht auf den Neuling einen überaus frembartigen Eindrud. 
Nah und nach find die Fabriken Larderels zu einer Heinen 
Arbeiterftabt angemadien, welcher auch der jegige Beſitzer, Larderels 
Sohn und Erbe, die Humanfte Theilnahme angedeihen läßt. Der Ort hat 
eine eigene Apothefe, die auf Koſten des FZabrikheren die Kranken gratis 
mit den nöthigen Medifamenten verficht. Auch den Arzt bejoldet er 
aus feiner eigenen Taſche, und derfelbe muß nicht nur den Fabrifarbei- 
tern, ſondern aud) allen armen Leuten der Umgegend feine Behandlung 
unentgeltlich angebeihen laſſen. Für die Kinder jeiner Arbeiter hat er 
Schulen gegründet; ja er — ſogar eine Art Muſikakademie ins 
Leben gerufen, die von großem Werth ift und ſchon nennenswerthe 
Refultate in Anbetracht der mufifalifhen Anlage der Bevölferung 
Des Salon 1889. Heft VI. Band L 40 





698° Bie Soffloni. 


aufzuweifen hat. Auch die Spar- und Darlehnskaſſen, 
fond für Arbeiterwittwen, eine Waifen- und Altersver! 
fehlen nicht. Ueberhaupt ift die ganze Einrichtung des g 
biiffements eine mufterhafte zu nennen. So iſt Lardere 
Name de3 Drts, mit allem verjehen, was nicht bloß zur $ 
dern auch zur Annehmlichfeit des Lebens beiträgt. Ce 
Theater ift eingerichtet, wo von Zeit zu Zeit die | 
Frauen und Kindern ihre dramatiichen und muſikal 
bewundern laffen. Vom Großherzoge von Toskana wı 
der dieſes merkwürdigen Induftrieunternehmens zun 
Monte-Gerboli erhoben, und ihm als Wappen ein di 
ſprudelnder Gasquell, eine jener Soffioni verlichen, der 
ihre nach Millionen gi ten Reichthümer verdankt. 

Die toskaniſche Borarfäure erſcheint in gelblichwe 
und wird bejonders von den Fayence- und Porzell 

erftellung der Glafur verwendet: Dann verdient ! 

melzmittel zur Bereitung des fogenannten Lothes, 

Schmiede und Metallarbeiter zum Flüſſigmachen von 
Kupfer, Zinn ıc. gebrauden, jeachtung. 

Vor der Entdeckung der tosfanischen Soffioni wi 
zu enormen Preiſen aus Oberägypten und Oft 
Gegenwärtig foftet berfelbe nur die Hälfte deffen, wa 
“ bezahlt werden mußte. Dazu kommt noch, daß eine 
5 bewohnte Landſchaft in eine volfreiche, belebte Gege 
worben ift, und Toskana eine jährliche Einnahme von 
Zranten fichert. Im neuefter Zeit find auch in Kal 

offioni entdedt worden, die, wie es fcheint, ſchon j 
Einfluß auf den Gewinn der italienifchen Boraxwerke 
— So viel bleibt aber gewiß, daß wenn aud) der Boı 
im Werthe finft, und viel wird es wohl nicht werder 
werthung deſſelben von Jahr zu Jahr zunimmt, das 
doch ein Segen für bie Gegend bleiben wird und es 
riften wie für den Forſcher reichlich die Mühen lohnt 
& befuchen, wenn ihnen ihre Pilgerfahrt durch Itali 


de führt. 





Danzecv, Google 
8 


700 Am Kamin. 


und geftattet mir nur im Domino zu erfcheinen. Durch einen Zur 
fall erfuhr ich gejtern von Emma von ®...... 9, dab zwei gleiche, 
janz neue hellblaue Atlasdomino, geſchmückt mit weißem ſpaniſchen 
lieder, in einer Masfenverleihanftalt der Mariahilfer Vorftadt, zu 
haben find. Diefe Dominos wollen wir uns ausleihen, und fönnen, 
ohne erfannt zu werben, ganz nett intriguiren!” 

Wie Frau Melanie Augen Ieuchteten im Vorgenuß bed neuen 
Vergnügens — wie der Heine Mund füh zu lächeln verjtand — 
behezte fie doch mich, die gefcheite Evatochter — wie follte fich da 
nicht ein Mann beftriden lafjen? 

„Und nun, beſte Freundin, ſagen Sie „ja!" Schlüpfen Sie aus 
dem Schlafrod in das Straßenkoſtüm; wir nehmen einen Bogen — 
ih muß um zwei Uhr zurück und zu Haufe fein, wenn mein Männ- 
hen aus dem Bureau fonımt.“ 

. Ah! Melanie zählt achtzehn Jahre, und in dem Alter ift einem 
noch der Lebensweg mit Rojen und Schmetterlingsflügeln gepflaftert. 

Zehn Minuten fpäter faßen wir im Wagen und fuhren der 
Mariahilfer Linie zu. 

Unfer Comfortable fchien feine Eile zu haben, und ihm, fowie 
jeinem verfchlafenen Lenker fa man die „Nachtfuhren” gewaltig 
ſchon an. Doc, alles nimmt ein Ende, und aud) wir langten vor 
einem alten Haufe der &..... ſtraße an, über deſſen Wesgantnfenfter 
in prunfenden, roth und grünen Lettern, das Wort „Masfenleih- 
anftalt“ thronte. Es hätte dieſes Avifos nicht bedurft, um die farne- 
valfüchtige Menſchheit aufmerkſam zu machen, daß man fich hier in 
einen Narren verwandeln Eonnte. 

Am erften Fenfter hing ein „geiwefener“ Türke, dem man es 
anſah, daß er bei Schwender oft nach Odalisken gefucht. Er würde 
fich jetzt beffer für einen „Lumpenball“ geeignet haben. Neben ihm 
machte fid) eine Pompadour-Robe, in großgeblumtem Rotofomufter 
breit, deren ſchmutzig tofa-gelbliche Farbe den Eindrud hervorrief, 
als jeien Dezennien mit Sturm und Regen über fie dahingezogen. 
Sie erinnerte mic) an manche verwajchene und vergilbte Schönheit. 

Am nächften Fenfter hing ein ungarifcher „Ezikos“, und neben 
ihm zu weiteren Betrachtungen blieb mir nicht Zeit, denn Melanie 
D.... war aus bem Wagen und, wie ein Eichfagel in drei Tempos 
die Stiege hinauf, wo fie fofort Sturm läutete und im Eingang 
verſchwand. Während ich noch den Lenker unjeres Vehifels bezahlte, 
am die Eleine Frau mir fchon wieder entgegen. 

„Wir müffen uns ein halb Stündchen gedulden; die hellblauen 
Atlasdominos mit weißem lieder find zwei Damen zur Anficht ge- 
jendet worden, die aber ausdrücklich ſchwarze verlangen. So bfei 
uns die Hoffnung, daß fie fie nicht nehmen, was mic) ungeme 
ärgern würde. Kommen Sie nur mit hinauf, wir werben ob 
warten!” 

Wer „A“ jagt, muß aud) „B“ fagen. Aljo, was Hilft’? Waı 
ten wir. 


Am Kamin. 701 


Eine freundliche kugelrunde Frau empfängt uns, fährt mit der 
Schürze über ein wurmftichiges und einſt pfirfichfarbenes Plüſchſopha 
und ladet uns zum Sitzen ein. 

„Wollen fih die Fräul'n nur ein bißerl gedulden. Ich habe 
den Schanerl ſchon hinter dem Probirfräul'n hergefchidt. Sie wird 
gleich fommen.“ 

„Wir figen faum, und Frau Neltenhuber, die Befigerin der 
Mastenverleihanftalt, hat uns in erfichtlichem Stolze verrathen, daß 
fie einft Hilfagarderobiere im Burgtheater geweſen, da fäutet es 
wieder. Dan öffnet. Es tritt eine dide böhmifche Köchin ins „Atelier“, 
wie Frau Neltenhuber ihren haldfinftern Salon nennt, in dem die 
Koftüme an Wänden und Stellagen wie Kraut und Rüben durch— 
einander hängen. 

Als die Babuſchka uns beide figen fieht, will fie, verſchämt, 
nicht mit der Sprache heraus; aber die frühere Hilfsgarderobisre 
sieht fie in die eine Ede und nun faht die dide Küchenfee Courage. 

„Ale, bitt' ich Ihne, Frau Neltenhuberifche, möcht ich eine 
„Schneekönigin“ machen, was hab'ns geliehen Stubenmabel unfriges.“ 

Die Masfenverleiherin weiß recht gut, in welchem Zuftande fie 
das weiße durchſichtige leid zurücbefommen würde; fie redet der 
Babuſchka aljo mit aller Energie ab, und zieht aus einer Kijte ein 
undefinirbares Etwas. 

„Seg'ns, da i8 a Tauben! Das is a Koftim für Ihnen! Sie 
jan ſchön mollet, und a Jedes muß a Freude hab’n, wann er Ihnen 
anfchaut.“ 

Das fettglänzende Antlig Babufchlas ftrahlt vor Vergnügen. 

„Alfo meinen’s, daß ich mach ein Gefliegel, Frau Velten 

berische?“ 

KEN Ich garantir Ihnen, Sie fan die ſchönſte Maske 
im Saale!“ 

Noch immer zögert Babuſchka und zupft verlegen am Schür- 
zenbandel. j . — 

„Aber wird Wenzel meiniges, was iſe bei Deitſchmeiſter, mi 
gleich erfennen — —“ 

Die Oarderobiere padt die Maske ſchon in ein mitgebrachtes 
Tuch von der Babufchka. 

nd, freili! Wo denfen’3 denn Hin? Die Flügel verftellen Ihnen 
ja vollſtändig. Wo wird Ihnen denn ber Wenzel in an Tauben 
ſuchen? — ja, wann's an Hähnd'l wär oder a Ganſel, aber a Tau- 
ben — wann’s heim kommen, jo thun’3 die Flügel noch a bißerl 
ber a kochtes Waffer halten, damit fie ſich noch ſchöner Eräufeln.“ 

Statt der „Schneefüönigin“ nimmt Babufchfa richtig die Taube. 
Beim Anprobiren fommt e3 zutage, daß die holde Küchenfee ein 
grobes Hemd trägt, dem bie Farbe der Unſchuld gewichen, daf aber 
auch die riefigen Konturen der Böhmin ſich faum mit äußerfter Ge— 
walt in den Faubenfrad preffen laſſen. 


702 Am Kamin. 


„Gehte ſchun“ — nidt Babuſchka eifrig — „wann geb’ ich 
Wenzel meiniges den Nachtmahl allanig.“ 

Während die Köchin die verlangte Leihgebühr bezahlt und mit 
den Taubenflügeln zur Probe ſich vor dem halbblinden Spiegel 
ſchmückt, läutet es wieder. 

Ein junger Mann tritt herein; einige Padete mit Pottenborfer 
Wolle unter Arme verrathen uns den Praftifanten; wir beide 
thun, als hätten wir feine Ankunft gar nicht bemerkt, weßhalb er 
muthig auf Frau Nelfenhuber zugeht. 

Ich habe neulich im Burgtheater einen Ritter gejehen, der mit'n 

war kommen is, und eine Menge Federn aufm Kopf gehabt hat, 
FR effas, wie heißt er denn glei? — 's war was von „grün“ 
ei." . 

Frau Nelkenhuber fieht verachtungsvoll auf den Jünger Mer 
kurs herab, dann meint fie: 

„Sie werben Ihnen wohl irren! Nicht im Burgtheater, herent⸗ 
SE im Opernhaus hab'ns das gefehen, und der Ritter heißt 

ohengrün!“ 

Des Praktikanten Züge erhellen ſich freudig. 

„Richtig! Lohengrün — ich hab's Halt vergeſſen!“ 

ge verliert ſich die Fugelförmige Geftalt der Garderobiere faſt 
volftändig in die Tiefe einer bunten Trugel, aus ber fie einen 
blanken Helm mit wallendem Federbuſch, Stulpftiefel, ein raffelndes 
Schwert und einen weißen Mantel Hervorbringt. Endlich nimmt fie 
von der Wand einen grünen Jägerrod, wie ihn wohl der Mar um 
Freiſchütz“ trägt und „Lohengrün“ ift fertig. 

Kaum ift der junge Großinduftrielle verſchwunden, fo ftürmt 
ein zweiter Jüngling herein. Er will aud ein ſolches Koſtüm 
re Aid alle grünen Röde find fort — nur ein gelber ift 
n . 
„Na, ich will a an grünen — das is nig — —“ 

„Aber, Sie Tſchapperl“ — lächelt die Garberobiere überlegen 
— „Lohengelb i8 ja viel feiner.“ 

Der Commis ftugt. Endlich feheint ihm das Einguleuiten. 

„Wirklich? Lohengelb — hm! mir fcheint der Reichmann Hat 
aan gelben Rod angehabt — ? — 

„Ra, da ſag'n S'ös! Ich fage Ihnen, Sie machen Effekt!“ 

Und Lohengelb zieht befriedigt feiner Wege — wenn auch 
ohne Schwan. 

Ein neues Bild. 

Im Rahmen der Thüre erjcheint ein nicht mehr ganz jung. 
Sräulein, den goldenen Zwicker auf der Naſe und auf den furz ver 
ſchnittenen Zoden den in gegenwärtiger Winterfaifon ftarf vermaift 
großen Rembrandthut. Das Fräulein iſt ſichtlich eine fleißige 
manleſerin; unter ihrem Arme fteden brei in rothen Maroquin- ge 
bundene Bücher, auch verräth es Die gewählte und gegierte Sprach- 
weife. Den Augenauffchlag des Fräulein Wefjely fopirend, flötet fü 


Am Amin. \ 203 


„Hätten Sie nicht das Koftüm der Maria Stuart? Ich mache 
nur die Maria Stuart! Etwas anderes nehme ich nicht!“ 

Die Masfenverleiherin fommt nicht in Verlegenheit. 

„Da haben Sie ganz recht, Liebes Fräulein — wenn der Menſch 
mal an Gufto Hat, ſoll er ſich's was Toften laſſen.“ 

Die Romanleferin ift befriedigt, daß man ihre Anficht betreffs 
der Stuart theilt. 

„Sa, fehen Sie, ic) war gewiß ſchon in zwanzig Maskengar⸗ 
deroben, aber ich lann das Koftüm nirgends befommen.“ 

Frau Neltenhuber zudt verächtlich die Achjeln. 

Ich bitt' Sie, was find denn das meiſt aud) für Leute, die 
Masken verleihen wollen: Schneider, Modiſtinnen 2c., die feine 
Ahnung von klaſſiſcher Büldung haben. Das ift bei mir was 
anderes. Ich war jehnehn, Jahre im Burgtheater Garderobiere” — 
nd wuchs die Fugelrunde Gejtalt mindeſtens um zwei Zoll — „man 

jat was gelernt — Studium gemacht — Sehen’3, da haben wir hier 
eine Maria Stuart, wie's zum Tode aufn Schafott geht.“ 

Und die Garberobiere zeigt ein hochrothes Sammetfchleppkleid, 
das eine große moderne Tournüre rückwärts und an den Geiten 
Paniers hat. 

ber — roth —?" wagt bie Verehrerin von Schottlands un 
stnafelger br in zu fragen. 

ben Sie denn bie Tage nicht bie Zeitungen 

rar vg Be bo ſchwarz auf weiß geftanden, daß die Maria 
tuart ſich, juft um die Elifabeth zu ärgern, nudelſauber heraus- 
gepugt hat, mit Sen Sammetlleid und rothe Senbihuben 

Die beredte Geſchäftsfrau bringt nun für die Kundin ein Koſtüm 
zufammen, in dem man alle Jahrhunderte vereinigt findet. Ohne zu 
handeln legte die „Stuart für eine Ballnacht“ eine neue Zehnernote 
auf den Lil r und fchreitet im Kothurnitolz davon, während bie 
giant Ar noch nachruft: 

Vergeſſen's nicht den Schleier übers ganze Gewand zu breiten 
— 's ift nur, daß man den großen Fettfleden auf'm cul de Paris 
nicht fo ſieht“ — fügt fie erläuternd, zu uns gewenbet, Hinzu. 

Endlich kommt aud) das Schanerl und mit ihm das Probir⸗ 
fräulein. Die blauen Dominos folgen zurüd, weil die beiden Damen 
ſich — haben, als fette Fliegen zu erſcheinen. 

Die heilblauen Atlasſchleppen mit weißem ſpaniſchem Flieder 
ſind ee neu, und ganz teizend, und Frau Melanie ſchlüpft 
gleich zur Probe in einen derfelben, in dem fie fi ausnimmt, wie 
das Tüpferl über'm „i“. 

Die Dominos hätten wir nun zur legten Opernredoute — aber 
wird uns das Intriguiren und das Vergnügen dort nicht fehlen? 





704° Am Kamin. 


Hippfadgen. 

Die Entdedung der Kohlenfänre durch Friedtich Hoffmann (geb. 1660 in 
Halle, fubirte 1678—1681 in Zena, gef. 1743 in Halle) und beffen Nachweis ber 
ſhadlichen Wirkung derſelben auf das thierifhe Leben, erregte bei vielen deutſchen 
Univerfitäten Anftoß, als der Religion zuwidet unb an Gottlofigteit grenzend. Zu 
jener Zeit verfuchten etliche Jenenſer Stubenten in einem geichloffenen Gartenhaufe 
nahe der Stadt Geiſterbeſchwörungen, um mit überirdiſcher Hilfe einen Schatz zu 
heben und erflidten bis auf einen an ben Dämpfen von Holzlohlen, bie fie in der 
Talten Befctwörungenächt angezündet hatten, alfo nicht gerade an Kohfenfäure, fon« 
bern an Kohlenorybgas, bad man bamale’ noch nicht fannte. Der eine Gerettete 
berichtete von erſchreclichen Geränfhen, von Spufgebilben dor Ohren und Augen, 
als er bie Befinnung verlor und man nahm allgemein an, daß ber böſe Geiſt bie 
BVerwegenen getöbtet habe. Hoffmann gab zu, daß allerbings ein fehr böfer Geift 
die jungen Lente in Berfuhung geführt babe, näntlich ber Geift ber Habſucht und 
Thorheit, und baß ein jehr höfer Geift, nämlich das Kohlengas (Spiritus mineralis), 
bie Urfahe ihres Todes geweſen fei. Er behauptete, daß Taten Geift fie auch ger 
töbtet haben wurde, wenn fie latt ber Geifterbeihwörungen Pfaimen gefungen hätten 
und fprah ben Teufel von aller Schuld an biefem Borfalle frei. Die theologiſche 
Fakultät, feibft Kent, waren entfeßt über ſoich haarfträubenb verwegene Behauptung. 
Tas deutſche Nofendl hat in bem letzien Zabren ziemlich viel von ſich reden 
gemacht und wird, je nad dem Stanbpunfte ber Verihterflatter, eutweder für eine 
bloße Kuriofität ohne jeden Hanbeiswerth, ober für ein Prodult von —E 

Bedeutung erklärt, daß enblich das orientalifche Roſendi verbrängen wird. Ee 
dedhalb einige Notizen über biefen neueften heimifen Iubufriegtweig von Senrefe 
fein. Der Plan, in Deutſchland auf wiſſenſchaftlicher Grundlage Roſendl zu beftil- 
firen, rührt von ber Peipziger Firma Schimmel und Comp. her, bie im Jahre 1884 
3'/, Kilogramm barftellte. Gegenwärtig ſoll biefelbe Firma damit umgehen, biefen 
Berjuch zu wieberholen. ferner haben bie Gebrüder Schultheiß in Steinfurth in 
Heflen ein Rofenöl von folder Dualität befilist, daß es bem orientalifen ganz 
nahe kommt, doch ift noch unentſchieden, ob bie Herftellungstoften bes beutichen 
Rofenöls eine Konkurrenz mit bem ausländiſchen gefatten. Die letgenannte Firma 
hat 60 Ader Land mit Centifolien nur zur DeiHation bebaut und es ift ihr auch 
gelungen, aus bem berühmten Rofen- und Rofenöl-Bezirl von Kafanfil eine Partie 
der bort benußten Damascener-Rofe zu erhalten. Ihre Blätter, bie Fl nad dem 
Einfammeln deſtillirt werben, follen von 50'/, Kilogramm gegen 30 Da 
ergeben. Berſuche, Rofenöl aus ben Blumenblättern ber Thee-, Bontbon- und 
Remontant-Rofe zu gewinnen, hatten teinen befriebigenden Erfolg, da von ihnen erft 
129%, Kilogramm etwa 30 Gramm Del lieferten. Das deutſche Rofendl bildet 
glänzende Kriftalle, bie bei 28 bis 32°C. ſchmelzen, während der Schmelzpuntt der 
Kriftalle des türkiichen Roſenöls, wie Bauer angiebt, zwiſchen 11 und 16°C. Tiegt. 


Salon · Auchertiſch. 
Martin Greifs: 
Aouradin, der Schte Sohenllauſe. 
Trauerſpiel in fünf Aten. Stuttgart, I. ©. Cotta, 1889. 

Wie in ben Liebern, fo offenbart fich and in ben Dramen Martin Greifs eine 
Dichternatur von vornehmer Gigenart. Die Mufe Greifs vertieft fih mit Vorliebe 
im bie tragifhen Abgründe des Lebens. In Anlage und Ausführung feiner Drar 
Hufbigt ber Dichter des „Gorfig Uffelbt", des „ero", bes „Barino Falieri“, 
„Being Eugen“ ben Grunbfägen eines gefunden" Realiomus. "Nie finkt er zum 
piften gemeiner Wirklichkeit herab, ja er macht nicht felten von dem echte 
Dister® Gebraud), Natt des ermübenben reafiftifgen Bereit, fymbotifche Ahbre 
turen in kunſtlerijch wirtſamer Weiſe anzuwenden. Die Dramen der ledten Ip; 
„Heinrich der Löwe“ und „Die Pfalz im Rhein“ bezeichnen einen Wortfchritt, 
Dichters, der fih nun mit Stoffen befchäftigte, bie ihn ſchon lange gelodt hatten 
zu beren Berwältigung fein Talent bejonder® gejhaffen ſcheint. Dielen beiden Ho 


Am Kamin. 705 


ſtanfendramen, die mit großem Beifall aufgeführt wurben, hat er jetzt fein neueftes 
Stüd: „Keuradin, der letzte Hohenſtaufe“ folgen laſſen Der letzte Hobenftaufe, der 
im Kampfe um fein gutes Recht unterliegt und auf bem Bfutgerüfte zu Neapel 
firbt, if eine der rührendften Geftalten ber Gefcichte, und fie wächft vor den Yugen 
unjere® Dichters zu tragiſcher Größe empor. In Konradin, wie ihm uns ber tief 
blidende Dichter jchildert, haben die ebelften Eigenſchaften des Geiſies und Herzens 
einen verhängnißvolen Bund gefhloffen. Cs ift bie Tragil des jugendlichen Idea- 
Hismus, bie uns hier vorgeführt wird. Meifterli) und mit einbringenber Deutlich. 
keit hat ber Dichter das Hiftorifche feines Vorwurfs, bie typiſchen Repräfentanten 
der Zeit Konradins bargeftellt; die Porträts Karls don Anjou, bes abenteuerlichen 
Konrad von Antiodien und anderer, find von ſprechender Lebenswahrheit. Wir be 
greifen, warum das Unternehmen Konrabins mißlingen mußte, das nilchterne Urtheil 
feit fi) auf bie Geite feiner Mutter, bie ihm von dem Zuge nach Stalien zurid- 
zubalten fucht. Aber wir begleiten ben muthigen Züngling, ber inhn bie von feinen 
Vorfahren überfommene ſchwere Aufgabe auf feine Schuitern nimmt, und feinen 
edlen Leibensgefärten Friedrich von Defterreich, mit tiefem Anteil auf’ ihrem {hid« 
falsvollen Wege nad Stalien. Das neue Stüd hat einen Iebhaften Puls; Schritt 
für Schritt werben wir durd neue Wendungen überrafcht, bie unfer Iutereffe auf 
dae Kommende fpannen. Im dritten Alte wird 3.8. Biolante, die Tochter des 
Verräthers Frangipani, eine Geflalt von Glut und Peibenfhaft, in bie Handlung 
eingeführt und der Dichter verknüpft mit einem glüdlichen Griff das Los dieſes 
Mädchens mit dem Geſchick des unglüdlihen Konradin. Der vierte Alt fett bie 
Schlacht von Tagliacoygo und beren unmittelbare Folgen meifterhaft in Scene. Die 
‚Höhe feiner Kunft erreicht ber Dichier im fünften At. Wie [hön if} das Iekte Ge- 
ſprach reifen Kontabin und Friebrich Bon erfchlitternder Gewalt iſt das Auftreten 
ber Mutter, bie vor einem Madonnenbilde ihr Leid ausfirömt und die fpäter, von 
Schmerz überwältigt, am ber Leiche ihres Sohnes zuſammenbricht. Diefe Scenen 
gehören zum Mächtigſten und Schönften, was Greif gebidhtet hat. — Möge bem 
bedeutenden Werte der feinen Borzügen entſprechende Mnenerfeig zuhet derden. 
J . Engenfeiner. 

Das Buch ven der Schwiegermutter. Cine kulturhiftoriih- binmorifiifche 
Unterjuhung. Bon Dr. Abolph Kohut. Züri, Berfagemagazin (Schabelit). 
Genanntes Schriften hebt nit eiwa einen neuen Stein auf, um ihn auf bie diel« 
derleumbete Schwiegermutter zu werfen, fonbern es bezwedt vielmehr eine eflatante 
Gprenrettung ber wurbigen alten Dame, daher es allen Schmiegerföhnen und folden, 
bie es werden wollen, zur aufmerffamen Leftüre empfohlen fein mag. Im ſechs 
Abſchnitien · „Der Kampf gegen die Schwiegermutter‘, „Die Schwiegermutter in 
Fiteratim ımb Dietung", „Die Schwiegermutter in ber Witgpreffe und Anekbote”, 
„Barode Anfichten über Schwiegermutter", „Eine Schwiegermutter, wie fie nit 
fein fol, „Die Rehabilitirung ber Schwiegermutter”, beleuchtet ber belichte Ber- 
fafler fein intereffantes Thema von allen Geiten unb fämpft energifch gegen bie feit 
uralten Zeiten beftehende uud im neuerer Zeit zum modernen Spott und Chic ger 
wordene Berjpottung ber Schwiegermutter, ohne inbeflen dem cingewurzelten Bor- 
urtgeil in allen Fällen alle und jede Berechtigung abfpredien zu fönnen. „Vielleicht“, 
heißt es gegen ben Schluß bes ritterlihen Plaiboyers, „finden fih noch anbere, 
melde gleich mir gegen ben unmwürbigen Epott eine Lanze einlegen und ben Zeit 
genoffen die Wahrheit bes Satzes vor bie Seele führen, daß über rauenehre und 
Srauenmülrbe nicht gefpottet werben durfe unb daß der Wig ſich gewiffe Schranten 
auferlegen müfle.“ 





Bildertifg. 
Einen Grup an Deinen Herrn. 
Hier auf biefer Bank im Garten, 
So verſchwiegen laufchig, ftill 
Will ih des Geliebten warten, 
Fals er heute Tommen will. 
Sieh, da fommt fein treues Thier, 

Earo, hier! 


706 Am Kamin. 


Schmiegſt dich eng an meine Glieder, 
Während meine Hanb bi ſtreicht, 
Fäufft dann ſuchend auf und nieber, 
If bein Herr ganz nah vielleiht? 
Trug er einen Gruß auf bir? 

Sag’ es mir! 
D, id weiß, du kannſt verſtehen, 
Kluge Thier, was man Dir fagt. 
Möcptet du nicht zu ihm geben 
Und ihm jagen, wenn er fragt: 
Eben flug die Glode vier, 

Ich wär” hier. 
Bern des Glüdes Sonn’ uns fceinet, 
Haft bu’s gut, mein Hunger Hund, 
Werben wir bereinft vereinet 
Im begtildtem Epebund. 
Ah, da kommt mein Offizier! 

Wache hier! 


Die Eiferfüctige. 
Ein Drama in Schnabahüpferin. 
Verfonen: Gran, der Dub. Refi, feine Herzallerliebſte. Kathi, das Ghäntmabl. 


3% 


1. At. Im ber Scänke. 2. Alt. Bor der Schänfe. 
Franzi gu Kathi): — 
Du ſchwarzau Diandl, (vie ihren ranzl in ber inte befaufät hat) 
Bie Kar —X Due % Seh, fau nur, Du Schlechter, 
Daß der Schelm aus Dein Augen Lumpft, pumpft buch; das Lamb, 
&o nansbligen ta? Fin en mit dem Make, 
und's Diandf hat Bier a, fi, i6 das a han 
Und's Dianbl fat Wei Saat 
Und bem Yuaben, dens gern hat, Bon mei Lumpen, mei vumpen 
Dem ſchanlt fie brav ei. Go Sana, 
San unfer brei Brüder Y 
ab ;,dn Der anf, dom Durn Bu ne. 
t jeder fei er! . u 
Ka die ea. Une Dei dh, wenn a Au A, 
8 1a item Hr jagen Schau, weil gar’ fo viel gern Haft, 
n mire fei 
Und Sei tufigen Brüdern, Sam fi 
De tannf mi berfragn. Zen Sin i, ten Bleib" i 
's muß nit grab b’ Gambs Und treu is mei Sinn, 
Und a Sitſch mit grad f j Treu Bleib i mein Schak, 
Die Diandin zwar Nele ma nit, Weil i a Schönere net fin. 
Doch verfdießt man fi drei. Refi (erföhntigen: 
Und morgen und heunt Und a biffala Lieb 
San nit altoeil guat Freund, Und a Biffala Treu 
DLR © LBuflert bergebe, Und a Biffala Falfheit 
Laß mi's heut no berlebel 38 allweil babei. 
Kathi: Granzl Gärtfig): 
Die Küg mach'n Fleden, A Ringer am finger, 
Mei Muetta hat's giagt, A Krangerl im Haar, 
Drum nehm i mi gemalti Und fo gänge ma zum Pfarra, 
Borm Küffen in ad. Schau, jo wern mer a Paarl 





Am Kamin. 707 


Adam und Evas Erbjünde. Cine große Neuigfeit! Das zierliche Dämchen 
aus ber Rolokozeit trägt fie brühwarm ber Freundin zu! Da giebt's ein Ziſcheln 
und Kihern. Ya, es ift eine Wonne für mandes Gemüt, ſich vet auszuſchwatzen 
aud auf Koften des lieben Nächten. Das war fo zur Zeit unferer Urgroßeltern 
umb da® wirb auch noch fo fein zur Zeit umferer Urentel. 

Bei den Frauen ift das Schwagen, eine Erholung, eine Uebung. Man kommt zu- 
ſammen, es wirb ein halbes Stündgen Kaffee getrennten, dann ein halbes Etinbden 
mufzist, dann ein halbes Gtünbihen geipielt, bann ein halbes Gtündchen geſchwatzt 
unb manqh guter Ruf geht babei zugrunde. Saphir ſchildert dieſe Cpibemie ber 
Weiber beiberlei Geſchiechts fehr lebendig, wenn er fagt: 

Da find wir in einem Kaffeszimmer. Ein paar Frauen aus bem Mittelalter, 
mit altdeutfchen Zungen, mit Tartjgen- Zungen, ein paar Mädchen, brei, vier Töchter 
des Haufeß, bie den Zipfel ihres Lebensfrühlings in bie Männerwelt hineinflattern 
laſſen wie ein Nothfignal von einer Zeftung, bie fih auf Gnad' und Ungnab’ ergeben 
will, ein paar Freundinnen, ein paar ſchöne Freundinnen, bie man zivar wegen ihrer 
Schönheit nicht leiden Tann, bie man aber doch am fich zieht, weil fie biefer Fr jener 
gerne fieht und man biefen und jemen gern bei fi fehen möchte — —; und ein 
Saar Gfacsemäuner, Balmänner, gefhmeiig, dehnbar, yähe und — am Ente fett 
leben. Rum geht's 108, bie rauen reden erft von allen Leuten gutes, nichts als 
gutes! Allein danu Tommt das — mAber!" &o ein „Aber“ ift ein Heino 3 
aber die Frauen kehren darauf um mie ein geſchickter "Rutfcher auf einer Sup) 
fhüffel.  „Mber” {ft ber gefellige Sämappgalgen, — uf jappelt fi bie — 
Reputation zu Tode. „Aber“ iſt der Wendepunkt bes Krebſes, von. biefem „Aber” 
an geht alles gute, was man von einem gefagt hat, zurüd, und mirb zu lauter 
Scheeren, bie den Tieben guten Namen —ãA— und ewiden 

Auf einem „Aber“ fclagen bie längften Weiberzungen einen Kreiſel. Webe 
dem ehrlichen Menfchen, über den ein gewiffe® Weiber-Aber binfähet, er if geräbert 
auf fein Iebelang! — Aber dieſes „Aber“ ift Honig unb Mil gegen bie „Wenns 
der Männer. 

Bei geiviffen Frauen iſt das „Aber“ romantifh, fie reden ſchlechtes von bem 
unfeufbigften Menſchen, aber fie hüllen es ins fabelhafte, fie ſtellen fi, als wenn 
fe nicht daran glaubten, fie umgeben es mit einem: „ich kann's ar nicht glauben“, 

— „jo will bie böfe Zelt jagen”, — „es ift gewiß, übertrieben”, u. f. w. Kur, 
geroifje Frauen verleumben tomantifch, & if ein Nibelungenlie, eine Tradition; 
aber viele Männer betreiben e8 Siforifch, fie verleumden geſchichtlich gründlich, 
Haffiih. Sie haben alles ſelbſt erforicht, ergründet, fie geben bie Onellen an, fie 
haben barüiber nachgedacht, fie verleumben mie die Zacituffe. Kurz, aber PH 

Drängen wir un jegt ein bißchen in ein „Berleumbunge-Bidnid”, das ift ein 
wohlfeiles, unſchuldiges Vergnügen. Es kommt einem nicht gar zu hoch! Jeder bringt 
eine qugerichtete, eine ont ugeridhtete Berleumbung mit; und bann verzehrt man 
alles burheinander. C6 if ein iebenemirbiger Spa! Der eine bringt einen heik- 
abgefogten Ehemann, gefpidt mit erfundenen Echänbligeiten, mit erbichteten Licb- 
föaften; ber anbere bringt eine hübſche, junge rau, vecht im ber Brühe von Ber- 
Teum! „mit allen Fe ber ſchanduͤchſten Anſchuldigungen; wieder ein 
amberer bringt ein junges, zartes Mäbchen, delilat gebraten am pieße ber Ber- 
bädtigung, mitrhe gebraten auf ben gelinden Kohlen, bie man auf ihr ſchönes Haupt 
fommelte; der vierte bringt einen pifanten Stanbal von einem feiner Bufenfreunde, 
mit bampfenden Trüffeln aus feiner eigenen Küche 

Sie werben fragen, meine holben eferinnen, woher jet das Verleumden ber 
jungen Männer jo überhand nimmt? So muß ih Ihnen erwibern, aus beim gänz- 
ficjen Mangel an Bildung! Aus dem Mangel, den der größte Theil unferer männ- 
lichen Jugend an geiftiger und moraliſcher Nahrung befam, aus ihrem Unvermögen, 
fonft eine Konverfation zu führen, aus ber bejammernöwerthen Berlegenheit, in welche 
fie gerathen, wenn fie in einer gebifbeten, geiſtreichen Gejelligaft mit an bem großen 
Triebrad ber allgemeinen jelligteit treten follen, aus ber bemitleibenswerthen 
Aengftlicpkeit, ‚die fie befällt, wenn fie ein fittfames, wohlerzogenes, feingebildetes 

Mädden nur fünf Minuten unterhalten follen, ohne vom legten Ball, vom bor- 
legten Eotillon und von ihrem eigenen Reitpferb zu ſprechen; aus ber totalen Un« 

















: 708 Am Kamin. 


mögligpleit, einem Frauenzimmer gegenüber, welches Sinn hat für ben geifligen 
, Kern ber Konverjation, fur bie eblern Belandtheile des Geſpräche, für einen Heiteren 
unb inhaltsvollen Ideenaustauſch im gefelligen Kreiſe, ſich aud nur eine Biertelftunbe 
lang intereffant erhalten zu Fönnen. Auß biefer innern geiftigen Hohlheit und aus 
dieſer moraliſchen geäflerigteit ihres Ichs entipringt das inftinftmäßige Bebürfniß, 
fich doch auf irgend eine Weife geltend zu machen, auf irgend eine Weife mit beizu- 
tragen zur Gefellichajt, und da fie aus eigenem Geift- und Herz-Gädel gar nichts 
Tiefern lönnen, fo fpießen fie gute Namen auf bie Konverfationsnabel, um fie ent- 
weber zum Spaße ber Gefellihaft zappeln zu laflen, oder um ſich einen Werth 
geben zu wollen. Was foll man bagegen thun? Man fameigt und lachelt, denn: 
Da müßt’ es gar viel Kleiſter geben, wollt man aller Leute Maul verkleben !" 
Gemien auf der Flucht vor Dem Adler. Die Gemfen, welde vom Adler 
erichredt werben, nehmen jo fchnell Reißaus, daß ſelbſt der einft fo berühmte Schnell- 
Täufer Bit Käpernidt ihnen nicht nachfommen könnte. Da ber Sprung einer Gemfe 
22 Fuß betragen fann, jo fann man fi) eine Vorſtellung davon machen, wie ſchneil 
die fühnen Springer bie größten Hinberniffe des flüftereihen Alpenterrains über · 
winben. Ueber bie fteifften Klippen läuft bie Gemfe mit größter Gidperheit und im 
wenigen Sägen erreicht fie bie fteilfte Höhe. Der Mbler iR nähf bem Jäger ber 
ſchlimmſte Feind ber Gemfen. Er erfpät bie ruhig weibenden Thiere und ftürzt 
wie ein Bli aus heiterem Himmel hernieber auf bie erſchrecte Heerde. Der ger 
waltige Raubvogel ergreift, nod; ehe die Mutter e8 abwehren Tann, einige Zicklein 
und fein Berggeift ſchützt mit feiner Götterhand das gequälte Thier. Aber hoffent- 
fiy hat in unferm alle das kluge Leitthier, bie „Borgais“, den furchtbaren Feind 
bemerkt. Wenn das Leitthier Gefahr wittert, fo pfeift e8 heil auf, ſiampft mit einem 
ber Borberläufe auf ben Boben unb beginnt fofort bie Flucht, woranf ihm bie ganze 
Heerde im Galopp nachfolgt. 





hi Drudfehler- Berichtigung. In die Heine Erzählung Gloden“ (Geft V, 
Jahrgang 1889) hat ſich gleih am Anfange ein Drudfehler eingeſchlichen. Es muß 
nicht heißen: „Ipielten zufammen, fondern hielten zuſammen.“ 





Neueſte Moden. 


Ar. 1. Baartrocht. 
Man tHeilt das Haar von ber Stirn Bis in ben Naden in zwei Hälften, um 
biefe Heibfame Srifur perzuflellen. Gebe biefer Hälften wird nad) innen gerollt und 








Mr. 1. Haartracht. 


..nander verbunden. Die nah vorn fallenden Euden werben zır Meinen Lödchen 
infelt und vermittele einer Agraffe bochgeftedt. Unter diefen befinden ſich die 
} : Ealon 1889. Heft VI. Band I. 48 


710 ‘ Aeuefte Moden. 

natürlichen ober auch kunſtlich angebrachten Stirulöckchen. Unter ben nad oben ger 
drehten Haarfträfuen ift auch mod) ein nach unten herabhängenber Strähn’ befiekt, 
welcher bei Haarmrangel durch einen Kinfficen Strähn Teicht erfett werben kann. 


Ar. 2. Binterhut für junge Mäddien. 
Der fehr breite Rand des grauen Filzhutes iſt mit Borde eingefaßt. Den 


Nr. 2. Winterhut für junge Mädchen. 
niebigen Kopf umgeben ſchräggeſtellte, hochſtrebende ſchwarze Flügel und 


fehleifen. 
Ar. 3. Vinlerhut. 


Der helltabalfarbene, runde Filzhut hat eine breite Krempe und flache. 
um welchen ald einziger Ausputz cine Boa aus geträuſelten Straußfebern, geſch 
gen iſt. Das eine Cube derſeiben ift am Hintertopf, einer Fedet gieich hor“ 











Neueſte Moden. zı1 
befeſtigt. Das andere Ende if von dort aus nad) vorn genommen und um ben 
Hals gefplungen. 

Ar. 4. Anzug aus kupferfarbiger broſchitler Beide und ſchwarzem Hpigenfloff. 
Auf einem, in gfeihmäßige Falten gelegten erften Rod aus ſchwarzem Spiten« 





Pr. 3. Winterbut. 


# befinden fih von der Taille aus bis an dem untern Rand des erſten Nockes 

sende, glatt berabfalfende, muten gefpaltene Theile ans broſchirtem Seidenftoff, 

He dert denfelben frei laſſen. Die nach dem Rücktheil reichenden Theile find in 

Falten gefent. Das vorn berabgebende, unten ſchmäler werdende Theil iſt am 

‚rn Ende etwas verkürzt und eudigt mit einer ſchöuen Seidenfrauſe. A den 

iten Gefinten fid Breite Taſchen, welche a der muteru Cuerjeite, mit, Shenille- 
48* 


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714 Neueſte Moden. 


franfen und Bällchen befegt find. Die anliegende Taille ans Seidenftoff if vorn 
jadenartig über einem bi6 zur Taille berabreidenben Zaltenlag aus ſchwarzem 
Spienfoff offen, welcher unten in einer Rofette enbigt. Kurze Ellbogenärmel mit 


Nr. 6. Müpe für Herren. 


Spigenfalten an ber Schulter und Meine Rofette am untern Rand. Helle Haudſchube. 


Ar. 5. Anzug ans Gröpen-und Tüll mit himmelbfauen Blumen beflict. 


Der erfte Rof ans Crepon if völlig glatt Der auf demfelsen beſindliche 
zweite Ro aus beflidtem Tüfl kilbet an den Geiten eine vorn hohgehene Dra- 





njade aus bimmelblauem Surah. 


perie, welche mit einem, im eine ſcharfe Spibe nach unten ausgehenden Theil 
beftidtem Crepon bededt if. Cine fböne Ehenitlegnafte, die big zum Rand 
Nodes reiht, beendigt dieſes Theil. Im Rucken iſt der Tüllrock, in alten ger 





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